Noch nicht einmal drei Jahre bin ich Deutscher Staatsbürger, aber mein Lebens-Schamkontingent scheint bereits aufgebraucht. Dabei kann ich, bedingt durch meine Erststaatsbürgerschaft USA, gewaltige Schammassen bewältigen! Was muss ich mich nicht jeden Tag auf’s Neue für 77 Millionen radikal debile MAGAs schämen, die der Welt die orange Politpest bescherten!
Scham ist ein Gefühl und daher nicht rational zu erklären. Offenbar funktioniert meine Gefühlswelt nicht wie die der meisten Menschen.
Ich empfinde immer wieder starkes Mitleid; leider auch für Typen, die es wirklich nicht verdient haben. Sogar der Fritzekanzler tut mir gelegentlich Leid, wenn ich mir vorstelle, wie er 70 Jahre mit der vollen Überzeugung, der Großartigste überhaupt zu sein, dem einem Lebenstraum nachjagte: Bundeskanzler sein. Aber kaum hat er es endlich, endlich geschafft, passiert das eine, mit dem er nie im Leben rechnete: Es stellt sich raus, daß er ein Depp ist und den Job absolut nicht kann; deutlich gegenüber allen neun Amtsvorgängern abstinkt. Politisch geschieht es dem Sauerländer Simpel zweifellos recht. Aber auf der rein persönlichen menschlichen Ebene ist es wirklich tragisch: Da merkt einer erst im Greisenalter, aber dafür coram publico, wie er sein ganzes Leben einem fatalen Irrtum aufsaß: Er ist gar nicht geiler als die verhasste Frau aus dem Osten, die 16 Jahre in dem Kanzleramt saß, welches doch eigentlich ihm gebührte!
Ich empfinde auch Mitleid, wenn ich Berichte über grausame Tode von Tyrannen wie Gaddafi oder Saddam Hussein oder Ceaușescu lese. Keine Frage, alle drei haben selbst unfassbare Grausamkeiten zu verantworten. Aber ich kann mit der biblischen Auge-um-Auge-Mentalität nichts anfangen und sobald ich mich mit einem Einzelfall beschäftige, fangen meine Spiegelneuronen an, sich auszumalen, welche Schmerzen und Qualen der Gematerte erlebt und derjenige tut mir Leid.
Mein Stolzgefühl hingegen ist völlig verkümmert. Ich bin nie auf irgendeine meiner Leistungen stolz und noch viel weniger, kann ich Stolz für eine zufällige Gruppenzugehörigkeit empfinden. Nationalismus und Patriotismus sind mir völlig fremd; ja so zuwider, daß ich bei Mannschaftssport-Ereignissen mit deutscher oder US-amerikanischer Beteiligung, immer dem Gegner die Daumen drücke. Mit den beiden Flaggen will ich nichts zu tun haben. Ich kaufe mir noch nicht einmal eine Briefmarke, die eine schwarzrotgoldene Markierung aufweist und würde mir eher die Zunge abbeißen, als eine Nationalhymne zu singen.
Ich kann wirklich nichts dafür, zufällig als Mann geboren worden zu sein. Es ist reiner Zufall, daß ich weiß bin. Ich habe mir weder meine Vorfahren, noch den Geburtsort ausgesucht. Meine Pässe entspringen dem puren Zufall. Wieso sollte ich auf irgendetwas, das damit zusammenhängt, stolz sein?
Analog sollte ich auch keine Scham für Merz oder Trump empfinden. Weder ist es meine Schuld, als jeweiliger Staatsbürger unter deren Regierungsgewalt zu fallen, noch hätte ich jemals auch nur im Traum daran gedacht, sie oder ihre Parteien zu wählen. Im Gegenteil; ich habe einige Anstrengungen unternommen, um meine jeweiligen Landleuten zu überzeugen, auf gar keinen Fall für CDU und GOP zu stimmen. Vergeblich. Leider.
Aber hier funktioniert die Ratio nicht. Ich empfinde dennoch täglich Scham für diese Leute. Jedes Mal, wenn sie wieder vor der Presse auftreten, um etwas sagenhaft Dämliches von sich zu geben. Jedes Mal, wenn sie wieder einen Regierungsbeschluss verkünden, der diametral in die falsche Richtung geht. Jedes Mal, wenn sie sich wieder mit ihrer Inkompetenz blamieren. Jedes Mal, wenn sie wieder für Kopfschütteln und Augenrollen bei den internationalen Regierungschef-Kollegen sorgen. Sie sind beide so schrecklich peinlich. Sie sind so erkenntnisresistent und versündigen sich an der Zukunft.
[….] Rechts-außen-Portal »Nius« darf erstmals im Kanzlerflieger mitreisen
Das Portal »Nius« ist für seine Rechts-außen-Kampagnen bekannt. [….] Als Bundeskanzler Friedrich Merz am Donnerstag zu einem Gipfeltreffen nach Montenegro reiste, nahm er in der Regierungsmaschine mehr als ein Dutzend Journalistinnen und Journalisten mit. Das ist gängige Praxis auf solchen Reisen. Zum ersten Mal flog aber auch ein Mitarbeiter des Portals »Nius« mit – der ehemalige »Bild«-Journalist Ralf Schuler.
Der Vorgang ist bemerkenswert. »Nius« ist das Medium des früheren »Bild«-Chefs Julian Reichelt. Das Portal verbreitet völkische Positionen, hetzt unter anderem gegen Migranten und trans Menschen (mehr dazu hier). […]
Der Sauerländer AfD-Verstärker ist so peinlich! Zum Mitschämen.
Geschichtsvergessen und amoralisch.
[…] Deutschland verwehrt afghanischen Ortskräften berechtigte Ansprüche[…] Die Bundesregierung hält sich nur zum Schein an Vorgaben des Verfassungsgerichts und weigert sich, einige wenige besonders gefährdete Menschen aus Afghanistan zu schützen. Das ist über die Maßen zynisch. […] Im Sommer erst hat Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) vom Bundesverfassungsgericht einen schweren Verweis kassiert: Die Bundesregierung, so das Gericht, habe willkürlich gehandelt, als sie Ende 2025 die Aufnahmezusagen Deutschlands von Hunderten nachweislich durch die Taliban gefährdeten Afghan:innen pauschal annullierte und das mit nicht mehr vorhandenem „politischen Interesse“ Deutschlands begründete. Karlsruhe zog die Bremse und verlangte vom Innenministerium (BMI), was selbstverständlich sein sollte: Rechtsstaatlichkeit. Vor der Abkehr von einer Aufnahmezusage müsse jeder Einzelfall geprüft werden. […] Jetzt zeigt sich: Die Bundesregierung hält sich nur zum Schein daran. Von den gut 30 in Pakistan festsitzenden Familien, deren Fälle seit dem Richterspruch überprüft wurden, hat erneut keine einzige Visa für Deutschland bekommen. […] (Ursula Rüssmann, 19.10.2026)
Ich möchte mir ein tiefes Loch in den Boden graben, um darin zu verschwinden.
[…] Sie wollen 170 Euro pro Monat. Ist das zu viel?
Polens Opfer des NS-Regimes wünschen sich eine »humanitäre Geste«, doch dafür hat Deutschland bisher kein Geld vorgesehen. Die Entscheidung zu vertagen, wäre schäbig. [….] Die von der Bundesregierung in Aussicht gestellte »humanitäre Geste« aber ist eine freiwillige Zahlung, über die erst der Sozialdemokrat Olaf Scholz, dann der Christdemokrat Friedrich Merz mit dem liberalkonservativen Regierungschef Donald Tusk sprach, als dieser neu ins Amt kam. Der polnischen Seite schweben etwa 10.000 Złoty pro Jahr und Person vor, etwas mehr als 2.000 Euro. Das macht keine 170 Euro pro Monat. Und doch ist nichts passiert und soll auch nichts passieren. Weder zahlte die alte Bundesregierung unter Olaf Scholz, noch sieht Friedrich Merz dafür Geld vor: Im Haushalt der Bundesregierung für das kommende Jahr sind bisher keine Mittel für die »humanitäre Geste« eingeplant.
»Beeilt euch!«, warnte Tusk eindringlich die Deutschen. Er hat recht: Bei seinem Treffen mit Scholz 2024 war noch von 60.000 Überlebenden in Polen die Rede. Heute sollen es schon weniger als 50.000 sein. Jeden Monat werden es weniger. Die Leute sind alt, und sie sterben. Der deutsche Außenminister drängt auf die humanitäre Geste, der deutsch-polnische Koordinator von der CDU will sie, alle deutsch-polnischen Experten wollen sie. Aber der Kanzler, der am Ende entscheiden muss, überlegt noch.
Hört man sich im Berliner Betrieb um, warum Friedrich Merz zögert, findet man nicht wirklich eine Antwort. Man kann nur rätseln. Ist es das Haushaltsloch, das längst zu einem innenpolitischen Problem geworden ist? Die Sorge, dass es nie reichen wird, was die Deutschen leisten? Dass dann noch mehr Menschen anderswo Entschädigung von den Deutschen fordern werden? Oder ist es die Hoffnung darauf, dass Geschichte irgendwann vergeht? […]
(ZEIT, Alice Bota, 23.10.2026)
Der häßliche Deutsche! Repräsentiert in 198 cm hagerem Sauerland! Ich schäme mich so dafür!
[….] Deutschland verweigert den Nachfahren der ermordeten Ovaherero und Nama das Mindeste. […] Seit 2021 ist der Genozid an Ovaherero und Nama offiziell anerkannt – die Entschuldigung Deutschlands ist also überfällig.
Der Kolonialismus war keine Randerscheinung, er ist mit der Geschichte der modernen Welt untrennbar verwoben. Er hat zum Wohlstand Europas beigetragen, in dem wir bis heute leben. Wohlstand, der auf unvorstellbaren Verbrechen gründet.
Fünf Jahrhunderte lang haben europäische Mächte Teile Amerikas, Asiens, Ozeaniens und fast ganz Afrika unterworfen. Sie nahmen sich Land, Rohstoffe und Arbeitskraft – fast immer mit Gewalt. Wie viele Menschen der Kolonialismus das Leben gekostet hat, lässt sich nicht genau beziffern. Sicher ist: Es waren viele Zigmillionen. Und die viertgrößte Kolonialmacht war das Deutsche Kaiserreich von 1884 bis 1919. Aus dieser Zeit sind etliche Gräueltaten überliefert, aber am brutalsten ging das Kaiserreich im heutigen Namibia vor. Als Ovaherero und Nama 1904 Widerstand gegen die deutschen Besatzer leisteten, befahl Generalleutnant Lothar von Trotha die Vernichtung. Es war der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.
Wie aber geht Deutschland, das seine Erinnerungskultur mit einem gewissen Stolz vor sich herträgt, mit diesen Verbrechen um? Irritierend zögerlich. Mehr als hundert Jahre hat es gedauert, bis die Bundesregierung den Völkermord offiziell anerkannte: 2021, in einer Gemeinsamen Erklärung mit Namibia. […] Doch selbst moralisch ist die Erklärung nicht. Eine offizielle Entschuldigung, ausgesprochen vom Bundespräsidenten vor dem namibischen Parlament, ist an ihre Unterzeichnung gekoppelt, und die steht seit fünf Jahren aus. Die Nachfahren der Opfer saßen bei den Verhandlungen nie mit am Tisch. Deutschland verweigert damit das Mindeste. […] wir erleben einen erinnerungspolitischen Backlash, angetrieben von der AfD. Am Mittwoch blieb für zwei Anträge zu einem Völkermord eine halbe Stunde. Ein AfD-Abgeordneter nutzte sie, um die Verbrechen infrage zu stellen, vor den Nachfahren der Opfer.
Ein zweiter Grund dürfte nüchterner sein: Geld. Wer einen Völkermord auch rechtlich anerkennt, haftet dafür und schuldet Wiedergutmachung. Darauf könnten sich auch Nachfahren in anderen früheren Kolonien berufen. Berlin sagt es zwar nicht, aber die Vermutung liegt nah: Sie fürchten einen Präzedenzfall. Eine bittere koloniale Kontinuität: Wieder entscheidet Deutschland, was den Kolonisierten zusteht.
Es ist an der Zeit, mit dieser Kontinuität zu brechen – auch wenn darin ein Dilemma steckt. Würde Berlin der namibischen Regierung vorschreiben, wer für die Ovaherero und Nama verhandelt, wäre das selbst kolonial. Die Nachfahren außen vor zu lassen, ebenso. […]



Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Feedback an Tammox