Freitag, 24. Juli 2026

Er blamiert sich täglich mehr

Für normale Menschen wäre dieser Clip, der seit gestern in der linken Politblase viral geht, so unfassbar peinlich, daß sie ihre Zusage, unter diesen Umständen ausgerechnet Gesundheitsminister zu werden, zurückzögen.


Aber Schamgefühl sucht man vergebens bei den Merzianern. So wird also Carsten Linnemann tatsächlich Nina Warkens Nachfolger.

Obwohl er vor 14 Monaten selbst seine völlige Ahnungslosigkeit in dieser Materie als Extrembeispiel für einen Job wählte, den er niemals übernehmen dürfe.

„Wenn sie mich jetzt aufgestellt hätten als Gesundheitsminister, wäre ich wahrscheinlich nicht erfolgreich gewesen. Die Leute hätten gesagt: ,Warum wird der Gesundheitsminister? Was hat der damit zu tun?‘ Deshalb: Schuster, bleib bei deinen Leisten.“

(Carsten Linnemann, Mai 2025)

 

Was ist im Juli 2026 anders, als im Mai 2025? Woher der Sinneswandel?

Der Hauptgrund dürfte sich an zwei Daten festmachen lassen; dem 06. September und dem 20. September, wenn unter der Ägide des obersten CDU-Wahlkampfmanagers, nämlich Generalsekretär Linnemann, zunächst die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und dann die Wahlen in MeckPomm und Berlin im absoluten Desaster enden: Einstelligkeit in Schwerin, Nazi-Ministerpräsident in Magdeburg, Linke Berliner Bürgermeisterin. Zwei CDU-MPs weg.

Dafür müsste ein Kopf rollen; ein Sündenbock gefunden werden, um die Generalkatastrophe Merz aus der Schusslinie zu nehmen.

Indem der erfolglose rechte Paderborner den Schleudersitz aber schon vorher räumt, bleibt ihm ein Spitzenamt sicher: Bundesminister. Seine mutmaßliche Nachfolgerin als Generalsekretärin, Franziska Hoppermann, dürfte hingegen die beiden braunschwarzen Tage überleben, weil sie noch nicht lange genug im Amt sein wird, um ihr die ganze Schuld in die Schuhe zu schieben.

Linnemann ist also fachlich inkompetent und sozial grausam, aber immerhin geschickt genug, seine eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Der Fall Merz hingegen ist hoffnungslos. Er kann gar nichts. Was er anfasst, geht schief.

(….) Die schlechte Nachricht für die CDU ist: Blöderweise gehören Personalentscheidungen zu den vielen, vielen Dingen, die der Briloner Brummkreisel nun wirklich gar nicht kann. In der CDUCSU-Fraktion wird gezittert, welche Eselei ihr Chef nun wieder anstellen mag. (…)

(Wenn langsam der Groschen fällt, 21.07.2026)

Es kam, wie es kommen mußte, wenn der Fritzekanzler handelt: Ein Tag zum Mitschämen.

Beim gestrigen lustigen „Minister-versenken“ entschied Merz, den Verkehrsminister zu feuern; rief ihn sogleich an; er könne morgen seine Koffer packen. Das offenkundige Versagen als Minister, die lange Kette der Misserfolge rechtfertigen den Rausschmiss einerseits.

Legt man allerdings „erfolgreiche Amtsführung“ zum Maßstab an, müssten andererseits Prien, Wildberger, Wadephul und Reiche erst Recht gefeuert werden. Zudem verfügt Patrick Schnieder über zwei Rettungsanker, die ihn eigentlich vor dem Zorn des Kanzler schützen sollten: Durch seine umgängliche Art ist er in der CDUCSU-Fraktion sehr beliebt. Außerdem amtiert sein Bruder Gordon als Ministerpräsident in Mainz und bekanntlich braucht ein Kanzler oft das Wohlwollen des Bundesrats.

[…] Die Hängepartie um den Posten des Verkehrsministers ist bei CDU-Politiker Peter Altmaier auf starke Kritik gestoßen. Er kenne und schätze den offenbar vor der Ablösung stehenden Verkehrsminister Patrick Schnieder seit anderthalb Jahrzehnten, schrieb Altmaier auf X.  »Er ist ein erfahrener Fachmann, harter Arbeiter und großartiger Mensch & Freund. Der Umgang mit ihm macht mich betroffen & wütend«, fügte der frühere Kanzleramtschef unter Regierungschefin Angela Merkel hinzu. Das Vorgehen werde weder seiner Person noch seiner Leistung gerecht. Gordon Schnieder, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Patrick Schnieders Bruder, teilte den Beitrag. [….]

(SPON, 24.07.2026)

Nun dürfte Merz sich den CDU-Landesverband Rheinland Pfalz für immer zum Feind gemacht haben. Aber schlimmer geht immer.


Als Nachfolger erkor der CDU-Chef den 60-Jährigen Niedersachsen Fritz Güntzler, den er gestern Abend in Kenntnis setzte, woraufhin der Finanzpolitiker Bedenkzeit bis zum Morgen erbat. Der Briloner Brausekopp hörte aber wieder mal nicht richtig hin und dachte, die Sache geregelt zu haben.

In den nächsten Stunden eruierte der Beinahe-Verkehrsminister mutmaßlich die finanziellen Konsequenzen und entschied sich gegen das Kabinett.

Öffentlich verkündete Güntzler hingegen, er habe nicht die geringste Kompetenz in Verkehrspolitik; sich nie damit beschäftigt.

 Falls das wirklich der Grund für die Absage war, wirkt das immerhin honorig. Mit Schaudern erinnert man sich an die Rücktritte von Gerda Hasselfeldt und Michl Glos, die erst im Amt als Bau-, bzw Wirtschaftsminister bemerken, völlig ahnungslos gegenüber der Materie zu sein.

In jedem Fall wird durch Güntzlers Absage ein weiteres Messer in Linnemanns Rücken gestochen, der ebenfalls seine Ahnungslosigkeit einräumte, aber dennoch den Posten annimmt.

 

[….] Dem Vernehmen nach ging der Kanzler am Donnerstagabend auch tatsächlich davon aus, dass Güntzler das Angebot annimmt und die Schnieder-Nachfolge antritt. Doch dann sagte Güntzler ab, offenbar in letzter Minute. Die Pressekonferenz fand trotzdem statt, Schnieders Entlassung wurde noch nicht verkündet, die Verwirrung war groß.

Damit hat Merz den Neustart seiner Regierung verstolpert.

In der Union ist am Freitag von »Chaos« die Rede. CDU-Abgeordnete zeigen sich entsetzt vom Umgang mit Schnieder. So könne man nicht mit Menschen umgehen, heißt es. Schnieder habe zwar glücklos agiert, sei aber fleißig und beliebt in der CDU.

Die Stimmung in der Union schwankt zwischen Entsetzen und Galgenhumor. In der Fraktion kursiert die Fotomontage einer »Bild«-Titelseite, sie liegt dem SPIEGEL vor. Die Schlagzeile des Fake-Aufmachers lautet: »Polit-Beben im Kanzleramt: Jetzt reicht es ihm. Bundeskanzler entlässt Merz!« [….]

(Christian Teevs, 24.07.2026)

Total blamiert war aber in erster Linie der Sauerländer Simpel, der wieder einmal seine generelles Unvermögen unter Beweis stellte. Kabinettsumbildung kann er auch nicht.

[…] Die Linke sparte sich gute Wünsche. „Linnemann ist ein sozialpolitischer Hardliner, und das lässt Schlimmes befürchten“, sagte der Linken-Gesundheitspolitiker Ates Gürpinar der Rheinischen Post. „In Zeiten, in denen die Bundesregierung den Menschen im Land einen Tiefschlag nach dem anderen verpasst, wäre es kein gutes Zeichen, wenn jemand Minister wird, der bisher nur dadurch aufgefallen ist, nach unten zu treten – gerade in so einem wichtigen Bereich wie Gesundheit und Pflege“, sagte Gürpinar.

Nach einem verpatzten Jahr Schwarz-Rot ziehe Merz die Reißleine, teilten die Grünen-Fraktionsvorsitzenden Britta Haßelmann und Katharina Dröge mit. Sie bezeichnen Merz’ Vorgehen als „Salamitaktik“: Das Kabinett etappenweise über den Sommer umzubauen, bringe keine Ruhe in die Regierungsgeschäfte. „Das wirkt weder professionell noch gut durchdacht.“ Sie hofften, der Veränderungswille betreffe auch die politischen Inhalte. „Bei aller Skepsis“ wünschten sie alles Gute.  [….]

(taz, 24.07.2026)