Sonntag, 19. Juli 2026

In der Satirewelt

Natürlich werden zukünftige Generationen daran gewöhnt sein, die dargestellte Realität entweder gefiltert, manipuliert und gänzlich virtuell zu verstehen.

Als Schöffe im Amtsgericht, habe ich es mit Beweisfotos und Beweis-Videos zu tun. Noch. Das wird sich in nicht allzu ferner Zukunft erledigt haben, weil es keine juristische Aussagekraft mehr haben wird.

Zehn Jahre verschwörungstheoretisierten wir, Putin erpresse Trump womöglich mit Pinkel-Videos aus einem Moskauer Hotel. Heute wären solche „Beweise“ wertlos.

(….) Eine tolle, bei Verschwörungstheoretikern beliebte Story, für die es allerdings nicht die geringsten Belege gibt.

Menschen, die sich professionell mit Trump beschäftigen, winken ab:

Putin hätte so ein Erpressungsvideo gar nicht nötig. Der extrem ungebildete, aber auf Schmeicheleien versessene Trump, ist für einen klugen, geheimdienstlich ausgebildeten Mann, ohnehin leicht zu lenken. Dazu kommt Trumps ehrliche Bewunderung für die Machtfülle des Russen, dessen Reichtum und die goldene Pracht des Kremls, gegen die das Weiße Haus wie eine ärmliche Berghütte wirkt.

Beide teilen zudem gemeinsame Ziele: Sie verachten Klimaschutz und setzen auf Fossil-Energie, sie wollen beide die EU schwächen und aufspalten, sie hassen beide die Ukraine, lehnen beide den internationalen Gerichtshof, sowieso ganz allgemein Menschenrechte ab. Schließlich verfolgt Trump schon seit Jahrzehnten erhebliche finanzielle Interessen in Russland. Immer wieder wurde ihm mit russischen Millionen aus der Klemme geholfen.

Die beiden Männer ziehen ohnehin in so vieler Hinsicht an einem Strang; da braucht Putin gar keine Druckmittel.

Sollte sich so ein „Pee-Tape“ tatsächlich in den Händen russischer Dienste befinden, wäre es spätestens 2026 ohnehin wertlos geworden. Trumps Cronies würden es bei einer Veröffentlichung empört als „KI-Fälschung“ brandmarken und damit Erfolg haben, weil jeder inzwischen um die KI-Möglichkeiten weiß.

Bis vor ganz kurzer Zeit galten Fotos und Videos als Beweise. „Roll the tape“ hieß es triumphierend in News-Sendungen, wenn ein Gast log und man den Zuschauern das belegen wollte. Das wird immer noch gemacht, aber in naher Zukunft aufhören, weil es für jeden ein Kinderspiel sein wird, solche Videos täuschend echt zu fälschen.  (…)

(Was ist echt?, 23.06.2026)

Was wir sehen, ist nicht mehr echt. Es wird zunehmend unmöglich, Realität von virtuellen Darstellungen zu unterscheiden, weil die technische Entwicklung es uns unmöglich macht, Fälschungen zu erkennen.

Es kommt aber ein weiterer Aspekt hinzu: Wir können uns nicht mehr auf unser Urteilsvermögen verlassen, weil das eine gewisse Grund-Rationalität aller Beteiligten verlangt. Aber inzwischen spülen die von Algorithmen und Bots verwirrten Wähler so irre Politiker in die Regierungen, die so sagenhaft schwachsinnig handeln, daß mit dem so viel und falsch beschworenen „gesunden Menschenverstand“ nicht feststellbar ist, ob sie irgendetwas tatsächlich tun, oder ob wir einer Satire-Meldung aufsitzen. Nach den Regierungschefs Boris Johnson und Donald Trump, die wie Schildbürger auf Speed durch den Alltag rockern/rockerten, haben wir nun mit Merz, Spahn und Reiche ähnlich debile Protagonisten am Werk, die sich offenbar an Präsident Camacho aus „Idiocracy“ orientieren.

Falscher als Reiche kann man keine Wirtschaftspolitik betreiben.

 

Dir irrste Satire passiert, wenn Extra3, Postillon oder Titanic akkurat Fakten auflisten:

[…]  Was war Ihr Lieblings-Spahn-Skandal?

1.   Dubiose Nebentätigkeiten in einer Lobbyagentur für Pharmaklienten, während er als Politiker in Gesundheitsausschüssen saß. (2006-2010)

2.   Interessenkonflikt wegen privater Beteiligung an Softwarefirma Pareton, während er Finanzstaatssekretär war. (2016-2017)

3.   Kauf einer Wohnung durch Spahn von Pharmamanager Markus Guilherme Leyck Dieken (2017), der dann später auf Betreiben Spahns als Geschäftsführer der mehrheitlich vom Gesundheitsministerium kontrollierten Gematik GmbH eingesetzt wurde – bei doppeltem Gehalt. (2019)

4.   Spendenveranstaltungen, bei denen Beträge von jeweils 9999 Euro für den Bundeswahlkampf gesammelt wurden, um die Veröffentlichungsgrenze von 10.000 zu unterschreiten. (2020)

5.   Verdächtige Finanzierung seiner Villa für 4,125 Millionen Euro durch die Sparkasse Westmünsterland. Behauptung eines Erbes seines Mannes, das es nie gegeben hat. Schließlich stellt sich heraus, dass der Milliardär Christian Angermeyer mit Verbindungen zu Thiel, Trump Jr., Ivanka Trump und Jared Kushner involviert war. (2020)

6.   Ausspähen von Journalisten, die zu seinen Immobiliengeschäften recherchierten, und Versuch, diese zum Schweigen zu bringen. (2020)

7.   Maskenaffäre: Mehrere Milliarden Euro für die Maskenbeschaffung verschleudert und Unionspolitikern Provisionen in Millionenhöhe vermittelt. (2020)

8.   Weitergabe vertraulicher Informationen während Corona an Ex-Signa-Chef René Benko und Einsatz für die Abschaffung der 800-Quadratmeter-Regelung auf dessen Wunsch. (2020)

9.   Mehrere Teilnahmen an Treffen des "Dialog"-Netzwerks des religiös-faschistischen Tech-Milliardärs Peter Thiel (2018-2024)

10.Dubiose Verbindungen zum Gesundheits-IT-Milliardär Frank Gotthardt (Nius-Financier), der unter Gesundheitsminister Spahn in mehrfacher Hinsicht profitierte und dafür auch reichlich an die CDU spendete. (2018-2025)

11.Versagen als Fraktionschef bei im ersten Anlauf vergeigter Kanzlerwahl (2025)

12.Nutzen einer Leihmutter aus den USA, obwohl sich Spahn jahrelang für ein Verbot von Leihmutterschaften in Deutschland eingesetzt hat. (2026) [….]

(Postillon 19.07.2026)

Der Kanzler geht in dieser Krise, die seine ganze „Richtlinienkompetenz“ erfordert, zum ZDF und ist überrascht. Obwohl er von Spahn schon zehn Tage vor der Öffentlichkeit über seine Leihmutter-Vaterschaft informiert worden war, hatte der Sauerländer Simpel mal wieder nicht das geringste Gespür dafür, wie das in der Partei und in der Öffentlichkeit ankäme. Merz begreift es einfach nicht.

[….] Dann aber kam Jens Spahn und ließ die Welt via Bild-Zeitung wissen, er und sein Mann seien mithilfe einer Leihmutter in den USA Eltern geworden – und bescherte damit nicht nur dem Kanzler, sondern auch dem CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz den Krisensommer Nummer zwei. Schon vor einem Jahr hatte es maßgeblich Spahn zu verantworten, dass die geplante Richterwahl im Bundestag am letzten Sitzungstag scheiterte und anschließend wochenlang über der Koalition hing wie ein sehr hartnäckiges Tiefdruckgebiet. Und jetzt das!

An Merz’ Umgang mit der Causa Spahn sind letztlich zwei Dinge bemerkenswert. Zum einen, wie sehr er sich zunächst verschätzte, was die Reaktion der Partei angeht. Und zum anderen, wie vollständig er sich am Ende von Spahn abgrenzte – und zwar längst nicht nur von dessen Entscheidung, sich den Kinderwunsch auf diese Weise zu erfüllen.

Im Sommerinterview am Sonntag gab Merz offen zu, mit der Empörungswelle in der Partei „zumindest nicht in diesem Umfang“ gerechnet zu haben. Erst am Samstag war ihm seinem eigenen Bekunden zufolge das volle Ausmaß des Schadens klar. Das zeigt, dass Merz vieles sein mag; aber ein einfühlsamer CDU-Versteher, der den Puls der Partei jederzeit richtig zu erspüren und zu erahnen vermag, eher nicht.

Hinzu kommt: Merz wusste bereits einige Tage vor der breiten Öffentlichkeit von Spahns Vaterschaft. Dass er dessen Wunsch entsprach, die Nachricht selbst zu kommunizieren, kann man integer finden. Dass er aber nicht mal Einfluss darauf nahm, in welcher Art und Weise die Kommunikation stattfinden würde, muss man mindestens als gewagt bezeichnen. Und tatsächlich hat Spahn dann ja auch zielsicher den Weg mit dem größten zusätzlichen Empörungspotenzial gewählt – den über die Bild-Zeitung.  [….]

(Henrike Roßbach, 19.07.2026

Ein qualifizierter Kanzler könnte sich nun verständig, reflektiert und durchsetzungsfähig zeigen. Eigene Versäumnisse benennen und Auswege aufzeigen.

Jeder weiß schließlich, wie überfällig eine Kabinettsumbildung angesichts der diversen C-Totalausfälle in seiner Crew ist.

Aber der Fritzekanzler scheint wieder einmal von einem Titanic-Praktikanten ersetzt worden zu sein und nutzt die Gelegenheit, um sich selbst lächerlich zu machen, indem er Grüne und Linke mit der AfD gleichsetzt. 

[….] Merz feuert Spahn – nicht, weil er die Kanzlermehrheit vergeigt, eine Verfassungsrichterwahl ruiniert, nutzlose Wehrpflicht-Debatten zugelassen hat. Und also als Fraktionschef so munter herumdilettierte, dass es schon wieder nach Absicht roch. Sondern, nachdem aus Landesverbänden der Union einhellig gefordert wurde, den Spahnwahn zu beenden. Seine Wiederwahl als Fraktionschef im Mai mit noch respektablen 86,5 % wurde als Höchststrafe für Merz gelesen und als Indiz, dass der nicht mehr genug Macht habe, einen loyaleren Könner einzuwechseln. Nun betont das Merz-Umfeld, er habe Spahn final unter Druck gesetzt, und nun kann Merz jemanden einsetzen, der schwarzblauer Neigungen unverdächtig ist. Muss er aber auch.  [….]

(Friedrich Küppersbusch, 19.07.2026)

Der Sauerländer Sabbelkopp ist kein „Kanzler-Azubi“. Azubis lernen dazu und können fähige Gesellen und Meister werden. Merz hingegen ist vollkommen erkenntnisresistent und nach einem Jahr als Kanzler noch schlechter als zu Beginn.

Larmoyanz und Selbstmitleid sind erheblich gewachsen.


[….] ZDF-Sommerinterview: Friedrich Merz übernimmt Verantwortung, aber schuld sind schon andere [….]

Im Sommerinterview mit dem ZDF schlängelt er sich biegsam zwischen Verantwortungsübernahme und Schuldzuweisungen hindurch.

Ob er nicht »im Wahlkampf und danach immer wieder sehr viel versprochen« habe, fragt ihn Diana Zimmermann, die Journalistin des ZDF, an einer Stelle etwa. Davon, eigene Fehler einzuräumen, ist Merz diesmal allerdings recht weit entfernt. Er sei damals »von anderen Voraussetzungen ausgegangen«, sagt er. Es gebe seit fünf Jahren einen Krieg in der Ukraine. Der US-Präsident stehe »nicht mehr in dem Umfang zur Nato«. Die Energiekrise halte »durch fehlendes russisches Gas« an. Und dann seien da die Herausforderungen durch China.

Alles freilich Voraussetzungen, mit denen schon sein Vorgänger klarkommen musste. Was aber behauptet der Kanzler allen Ernstes mit sehr sorgenvoller Miene? »Das sind alles Dinge, die sich so massiv verändert haben, insbesondere im letzten Jahr, praktisch auch zwischen den Wahlen und dem nächsten Deutschen Bundestag.« Diana Zimmermann hält ihm immerhin entgegen, dass der Krieg in der Ukraine schon drei Jahre vor seinem Amtsantritt begonnen habe. [….] Merz sagt auch mehrfach, dass er mit seiner Koalition die Verantwortung übernehme. [….] Aber, [….] Er verteilt Verantwortung zugleich sehr großzügig weiter. Angesprochen auf seine eigenen schlechten Vertrauenswerte kritisiert er die Tonlage im Parlament und nennt dann in einem Atemzug AfD, Linke und Grüne. Er nimmt auch die Medien in die Verantwortung. [….] Oder als Zimmermann ihn auf seine Stadtbild-Äußerung anspricht, die »sehr viele Menschen mit migrantischem Hintergrund verstört« habe: Da kritisiert er sie zurück, »Sie zeigen selten diejenigen, die mal sagen, es ist genau so, das war mit den kleinen Paschas schon vor vielen Jahren so. Sie zeigen immer diejenigen, die es kritisieren.« [….]

(Klaus Raab, 19.07.2026)

Kann man sich nicht ausdenken.