Montag, 2. November 2026

Bin ich auch der Feind, Herr Dobrindt?

Gehöre ich als US-Amerikaner eigentlich auch zu diesem dubiosen „migrantischen Milieu“, jenen „migrantischen Chaoten“, die C-Minister nun als General-Schwarze Peter ausgemacht haben? Immerhin war ich deutlich über ein halbes Jahrhundert alt, als ich nach langem Kampf endlich die deutsche Staatsbürgerschaft bekam. Die rotgrüne Schröder-Fischer-Bundesregierung wollte mich schon 1998 einladen Deutscher zu werden, aber die CDU tat alles, um mir zu signalisieren, daß ich nicht dazugehöre, hier nicht erwünscht bin. An vorderster Front Angela Merkel und Roland Koch mit ihrer „Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben“-Kampagne im Januar 1999. CDU-Urgestein Schäuble unterstellte Doppelstaatsbürgern Schizophrenie. Merkel, Merz und Co sangen das Lied von „der deutschen Leitkultur“, der ich mich nicht fügen wolle.

Und aus Unions-Sicht, aus Sicht der Vertreter des Dreiklassen-Schulsystems, der Zweiklassen-Gesundheit, der Schützenvereine, Schwulenhasser, Religioten, Misogynen, Transphoben, Xenophoben, Islamophoben, der Nach-Oben-Umverteiler, Klimakiller, Umweltzerstörer, Industrielobbyisten stimmt es sogar: Seit ich 24 Jahre nach Merkels NJET von 1999 doch eingebürgert wurde, durfte ich dreimal wählen: Europawahl 2024, Bundestag 2025, Hamburger Bürgerschaft 2025. Dreimal keine Stimme für CDU, BSW, AfDP.

Auf einen Migranten wie mich, der einen ausländischen Vater hatte und so lange für unwürdig befunden wurde, einen deutschen Pass zu bekommen, kann sich die CDU nicht verlassen.

Bevor ich jemals im Bund für Merz oder in Hamburg für Chris Ploß stimme, hacke ich mir eher die Hand ab.

So sind wir, die „migrantischen Chaoten“. Oder betrifft mich das Schlagwort doch nicht so ganz, weil mein Vater zwar auf dem fernen Kontinent Amerika geboren wurde, mein Blut also nicht „arisch“ ist, aber immerhin aus einer weißen christlichen Gegend stammt, die CDUCSU nicht ganz so sehr verachten, wie beispielsweise die Türkei oder Syrien? Hurra, ich bin weiß und spreche akzentfrei deutsch. Nur mein Blut ist unrein. Und dann auch noch meine gräßlichen Vor- und Nachnamen, die man kaum aussprechen und noch weniger schreiben kann! Gegen den Wind sieht man mir mein migrantisches Chaotentum nicht an. Dadurch erfahre ich natürlich deutlich weniger Diskriminierung im Alltag, als PoCs. Auf dem Papier war ich aber auch lange Zeit minderwertig, durfte nicht studieren, was ich wollte, konnte nicht wählen.

Vor Migranten soll man sich fürchten, vor ihnen muss man warnen, denken auch relevante Teile der Bundesregierung.

Dr. Sonja Kock, Dobrindts Sprecherin und Regierungssprecher Kornelius stellten es heute auf der Regierungspressekonferenz klar:


[….] Kock: Unsere Kollegen von der Bundespolizei haben gerade an diesem Wochenende ähm sehr breit auch unterstützt, bundesweit und solche Lagebilder speisen sich aus Beobachtungen vor Ort. Und vielleicht noch mal zur Klarstellung der Ministersprach von gewaltbereiten Linken ,linken Gruppen und Chaoten aus dem migrantischen Milieu und so wie Herr Kornelius das auch schon gesagt hat, ist das keine Verallgemeinerung. [….]

 Jung: Frau Kock, einerseits das Thema Milieu, sie waren ja hier auch schon im Ende 2023 Sprecherin des BMI, darum passt das ganz gut. Da hat sich das BMI auf eine Anfrage der AfD, die nach migrantischen Milieus gefragt hat in einer Bundesdrucksache, ausdrücklich gegen diese Begriffe also dagegen gewehrt und darauf hingewiesen, dass das nicht zu verwenden ist, dass das BMI nicht von fiktiven Milieus ausgeht, sondern nur von konkreten Personen. Warum hat sich das seitdem geändert? Und der Bundesminister selbst benutzt diese Begriffe, die vorher von ihrem Ministerium gegenüber der AfD äh abgelehnt worden sind.

Kock: Ich glaube, diese Frage können Sie sich selbst beantworten, warum sich das geändert hat.

Jung:  Weil sich der Minister der AfD angenähert hat.

Herr Kornelius und Sie meinten zu den Gewaltausbrüchen und dass die Polizei damit aller Härte reagiert drauf hätte und gleichzeitig, dass sie jegliche Gewalt natürlich verurteilen, egal von wem Gewalt ausgeht. Sie werden wahrscheinlich auch die Bilder und Videos am Wochenende gesehen haben. Ich war live dabei, wie die Polizei gegen Jugendliche Gewalt angewendet hat. Teils sehr hart. Weil sie selbst davon gesprochen haben, dass Bilder von vor Ort gesehen wurden durch Sicherheitskräfte, durch Medien, durch dem Minister vielleicht selbst, durch Sie. Was sagen Sie dann zu der Polizeigewalt, die nachweislich passiert ist gegenüber Kindern, gegenüber Jugendlichen?

Regierungssprecher Kornelius: Mir fehlt die Imperie, die Sie haben, Herr, ich war nicht vor Ort. Also kann ich mir Ihren ihre Prämisse nicht zu eigenen.

Jung: Ja, aber wenn Sie davon sprechen, dass Bilder von vor Ort ausschlaggeben für Ihre Bewertung des Wochenendes sind in Bezug auf die sogenannten migrantischen Milieus und die Bilder von vor Ort auch nachweislich zeigen, dass Polizeigewalt passiert ist.

Kornelius: Also, ich habe schon mal gesagt, dass wir ähm jetzt auf solche äh subjektiven empirischen Betrachtungen kann ich Ihnen jetzt keine Antwort geben. Mir ist von Polizeigewalt, exzessiver Polizeigewalt nichts bekannt. Auch Polizei verhält sich angemessen. Sie muss aggressive Gewalt aus Seiten der Demonstranten, die am Abend dann vor allem in Frankfurt, in Köln und so weiter ausgebrochen ist, muss sie entgegentreten. Es gibt ein Ordnungsinteresse, es gibt ein Sicherheitsinteresse der Bevölkerung und dem wir die Polizei gerecht.  [….]

Min 30:55 Eckstein:  Ja, Herr Kornelius, ich würde gerne noch mal nachfragen. Sie haben unter anderem gesagt, dass es auch von den vom Bildmaterial gedeckt sei, diese Aussagen des Innenministers, die ja auch der Kanzler unterstützt. Ich würde da gerne noch mal nachfragen, was das konkret bedeutet. Das heißt, man kann das erkennen.

Kornelius: Ich habe vom Lagebild gesprochen. Das Lagebild setzt sich aus vielen Bausteinen zusammen. Dazu hat das Innenministerium eben ausführlich gesprochen.

Eckstein: Ich würde dann noch einmal gerne nachfragen an Sie Herrn Kornelius oder auch an Frau Kock. Es ist ja doch auffällig, dass diese migrantischen Chaoten, das migrantische Milieu im Zusammenhang mit den Straftaten, die am Wochenende passiert sind, betont und auch erwähnt wurden. Wenn man sich jetzt aber Schulen in Deutschland anschaut, ein Drittel, 50% je nach Bundesland, bisschen unterschiedlich, wie man es definiert, haben zu Zuwanderungsgeschichte, Migrationshintergrund, teilweise sind die Zahlen noch deutlich höher. Hätte man das da nicht auch in Bezug auf die Demonstrationen, die sie ja alle gelobt haben, auch erwähnen können? Also man sagen können, es waren Demonstration von Schülerinnen und Schülern mit migrantischem Milieu, die da auf die Straße gegangen sind. Also, es ist ja die Frage, warum man das gerade bei diesen Straftaten, die am Wochenende passiert ist, für so erwähnenswert fand.

Kornelius: Das ist eine Deutungsfrage, die ich hier nicht beantworten möchte. [….]

(Jung & Naiv, 02.11.2026)

Dobrindt und sein hessischer CDU-Innenministerkollege Roman Poseck wissen schon, wie bösartig „migrantische Milieus“ agieren werden, bevor es passiert ist.

[…] Die Debatte über die Folgen der teils massiven Ausschreitungen des vergangenen Wochenendes geht weiter. Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) hat ein Verbot weiterer angekündigter Jugendproteste ins Spiel gebracht. »Zunächst muss man sehen, ob diese Veranstaltungen am 20. November überhaupt so stattfinden können«, sagte er in den ARD-»Tagesthemen«.

Das Versammlungsrecht sei ein hohes Gut, jedoch sei die Friedlichkeit ebenso elementar. Gewalttätige Versammlungen dürften deshalb nicht zugelassen werden. Am Samstag war es nach einer Demonstration, zu der die Initiativen »Gen Z regelt« und »Generation Aufbruch« aufgerufen hatten, in Frankfurt am Main zu Tumulten und Plünderungen gekommen.

Obwohl Tausende Menschen über weite Strecken friedlich für mehr Investitionen in Bildung und Gesundheit sowie gegen die Einführung einer Wehrpflicht auf die Straße gingen, sei es auch bei der eigentlichen Demonstration zu Zwischenfällen gekommen, sagte Poseck. So habe es etwa »massive Angriffe« auf die Polizei aus der Versammlung heraus gegeben. »Die Versammlungsleiter haben diese Versammlungen nicht im Griff«, erklärte Poseck.

Er kündigte eine konsequente Strafverfolgung an. »Diese Tätergruppe war überwiegend migrantisch geprägt«, sagte Poseck. »Es darf hier keine falschen Tabus geben.« Die Behörden würden gewaltbereite junge Menschen mit Migrationshintergrund künftig noch stärker in den Blick nehmen. »Damit schützen wir auch die vielen Menschen mit Migrationshintergrund in unserem Land, die sich an Recht und Gesetz halten.« [….]

(SPON, 02.11.2026)

Nicht alle Bundesminister, noch nicht einmal alle CDU-Größen, stellen sich hinter den AfD-Kurs, das AfD-Wording, die Xenophobie, die Hetze des Kanzlers, Dobrindts und Priens.

[…]  Norbert Röttgen widerspricht Alexander Dobrindt bei »Chaoten aus migrantischem Milieu«[…] Norbert Röttgen, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union, hat in der Diskussion über die Ausschreitungen am vergangenen Wochenende für einen differenzierteren Blick auf die Randalierer plädiert. In der ntv-Sendung »Pinar Atalay« sagte er: »Es sind Einzeltäter, immer Einzeltäter.«  Zwar seien unter den Gewalttätern viele gewesen, »die entweder Ausländer sind oder Deutsche ausländischer Abstammung«. Daraus lasse sich aber kein gemeinsames Milieu ableiten: »Es gibt in Deutschland nicht das eine Milieu von Migranten.« […]  Röttgen ist der erste prominente Unionspolitiker, der Dobrindt für seine Aussage kritisiert. Zuvor ging bereits Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) auf Distanz. Die Zuschreibung führe »in die falsche Richtung«. Linkenchef Luigi Pantisano sagte, es sei »ein billiger Versuch, einer Gruppe etwas zuzuschreiben, um wieder gegen Migranten in diesem Land zu hetzen«. Der Grünenvorsitzende Felix Banaszak kritisierte, es gehe Dobrindt darum, einen Teil der Bevölkerung als »nicht richtig zugehörig« zu markieren. […]

(SPON, 02.11.2026)

Danke Pistorius, Danke Röttgen.

Aber die Botschaft des Kanzlers und des Innenministers ist angekommen: Wir „Passdeutschen“ gehören nicht dazu, sind minderwertig. Wir sollen uns in Acht nehmen. Wir sind unerwünscht, Integration ist nicht gewollt.

[…] Ausschreitungen nach Gen-Z-Protesten: Und wieder als fremd markiert

Unionspolitiker machen das „migrantische Millieu“ für Ausschreitungen in Frankfurt verantwortlich. Kein Wunder, dass sich die ständige Ausgrenzung in Wut verwandelt.

Wie lange bleibt man ein Migrant? Diese Frage müssen sich migrantisch gelesene Personen seit Jahrzehnten stellen. Laut den Aussagen von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und dem hessischen Innenminister Roman Poseck (CDU) ändert offenbar auch ein deutscher Pass nichts daran, dass man für immer Migrant bleibt.

Denn Dobrindt und Poseck machten eine für sie ganz selbstverständliche Unterscheidung: Diejenigen, die an den Ausschreitungen nach den Gen-Z-Protesten am Wochenende beteiligt gewesen seien, hätten zwar überwiegend die deutsche Staatsbürgerschaft, gehörten aber zu den „Chaoten aus dem migrantischen Milieu“.

Das ist letztlich das, was CDU-Politiker seit Jahren mit Begriffen wie „kleine Paschas“ oder einem „Problem im Stadtbild“ kommunizieren und mittlerweile noch offener aussprechen: Egal, in welcher Generation ihr seid und welchen Pass ihr habt, ihr gehört eben nicht dazu.

Frankfurt ist eine migrantische Stadt. 58 Prozent der Bevölkerung haben eine Einwanderungsgeschichte. Hier hat man längst verstanden, dass man in einer Migrationsgesellschaft lebt und migrantische Menschen selbstverständlich zum „Stadtbild“ gehören. Noch absurder ist, dass Poseck diese Aussagen am Sonntag neben dem Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef trifft, der selbst eine Fluchtgeschichte hat.

Also, wer soll dieses „migrantische Milieu“ genau sein? Wer ist damit gemeint? Stellte man dies am Samstagabend bei Polizeikontrollen anhand des deutschen Passes, der Familiengeschichte oder der Hautfarbe fest? Und warum wird ein Großteil der Frankfurter Stadtgesellschaft unter Generalverdacht gestellt? Für die jungen Menschen aus Frankfurt ist es ein weiterer Schlag ins Gesicht, wenn dabei vom „Ziel-Klientel“ gesprochen wird, das Rechtsbrüche begehe und teilweise gewaltbereit sei. […] Es ist keine Überraschung, dass diese Menschen irgendwann das Gefühl verlieren, politisch repräsentiert zu werden. Wer sie ständig kriminalisiert und ihnen das Gefühl gibt, nicht dazuzugehören, sollte sich nicht darüber wundern, wenn sie sich irgendwann tatsächlich nicht mehr als Teil dieser Gesellschaft verstehen. […]

(Yağmur Ekim Çay, 02.11.2026)