Donnerstag, 5. Februar 2026

Alter weißer Mann-Sorgen

Da ich ein alter weißer Mann bin, fremdele ich immer mehr mit „den Jugendlichen“, ihren Moden, Vorlieben und der modernen Technik. So erging es sicherlich auch allen vorherigen Generationen. Allerdings gehöre ich genau zu der Übergangsgeneration, die noch vollständig analog erwachsen wurde, aber anders, als meine Elterngeneration, noch nicht alt genug ist, um sich der Digitalisierung zu entziehen.

Da ich ein alter weißer Mann bin, ist es in meine DNA eingebrannt, sich täglich durch ausführliche Zeitungs- und Magazin-Lektüre zu informieren. Der Deal dabei ist, sich für erwiesenermaßen seriöse Gatekeeper zu entscheiden, die einem dich relevanten Ereignisse einerseits berichten, andererseits aber auch so analysieren und kommentieren, daß ein echter Mehrwert gegenüber der schlichten Information der 20Uhr-Tagesschau entsteht.

Der SPIEGEL war über Dekaden das investigative Medium schlechthin. Die Hamburger enthüllten die ganz großen Skandale, waren sensationell gut in der Politik vernetzt und verfügten zudem über ihre legendäre riesige Dokumentationsabteilung, so daß man sich auf den Wahrheitsgehalt absolut verlassen konnte. Zudem gab es jede Woche mindestens einen Artikel, über den man laut lachen musste, weil die genialen Sprachakrobaten so wunderbare Worte für absurde Vorgänge fanden; gern flankiert von subtilen Botschaften durch die Foto-Auswahl.

Da ich ein alter weißer Mann bin, hatte ich in meinem  Leben schon viele Abonnements. Montags lag der SPIEGEL im Briefkasten, aber Donnerstag wurde es richtig voll, weil dann auch ZEIT, STERN und von 1993-2000“ meine Lieblingszeitung „DIE WOCHE“ herangeschleppt wurden.

Den STERN gab ich wegen Irrelevanz und Boulevardisierung schon Ende der 1990er auf. Die Woche ging in die Insolvenz. Sehr schmerzhaft war meine Kündigung des ZEIT-Abos im Jahr 2014, aber di Lorenzos Religiotenkurs ließ mir keine Wahl.

Es gab aber einen Wandel von den Wochenmagazinen zur Tagespresse. Investigativ wurden FR und insbesondere die SZ, immer stärker.

Da ich ein alter weißer Mann bin, sind für mich Tageszeitungsabos eine Selbstverständlichkeit. Als Student bezog sich sogar neben der taz auch zwei Jahre die FAZ. Für die regionale Komponente das biedere „Hamburger Abendblatt“ aus dem gräßlichen Springer-Verlag (2014 Verkauf an FUNKE) und die linkere, lustigere, aber boulevardeske „Hamburger Morgenpost“. Schließlich will ich über Baustellen, Geschäftseröffnungen, Konzerte und Todesfälle informiert sein.

Beschämenderweise gibt es ausgerechnet im großen Medienstandort Hamburg keine gute überregionale Zeitung. Daher habe ich seit mindestens 30 Jahren ein SZ-Abo. Zwar ist Bayern das mir habituell, politisch fernste Bundesland, aber „die Süddeutsche“ ist nun einmal die beste überregionale Zeitung in Deutschland; da beißt die Maus keinen Faden ab.

Mit der „Mopo“, die immer wieder verkauft und abgespeckt wurde, ging es qualitativ kontinuierlich bergab; Anfang 2024, als die Umstellung auf eine wöchentliche Ausgabe angekündigt wurde, machte ich den Absprung. Auch die taz erscheint nicht mehr in gedruckter Form. So sind nur noch Abla und SZ als tägliche Lektüre übrig.

Da ich ein alter weißer Mann bin, prallte die gesamte Wucht der Internet-Informationen erst auf mich, als ich schon ein kritischer Erwachsener war. So ging ich sehr skeptisch an die Sache heran und checke genau die Seriosität der Quelle.

Da ich ein alter weißer Mann bin, verfalle ich natürlich in Depressionen angesichts der Medienkompetenz der jüngeren Generation, der es egal ist, woher Informationen stammen. Da werden Meldungen geteilt, die von Focus Online, Welt oder den Netzfrauen kommen. Alles soll aber kurz, knapp, leicht verständlich und bunt sein.

Da ich ein alter weißer Mann bin, schimpfe ich, verweise auf politische Ausrichtungen und Glaubwürdigkeit der Medienhäuser im Hintergrund, meckere wenn dubiose INSA-Umfragen für NIUS zitiert werden.

Da ich ein alter weißer Mann bin, rufe ich gebetsmühlenartig dazu auf, sich mindestens ein kostenpflichtiges Abo als vernünftige Nachrichtenquelle zu leisten.

Da ich ein alter weißer Mann bin, könnte auch ausflippen, wenn ich die weit verbreitete Gratismentalität erlebe, die sich täglich im Verdammen von Paywalls manifestiert.

Seriöser Journalismus ist aber nicht „bei Wikipedia nachgucken“ und irgendeinen Artikel von facebook abschreiben. Journalismus muss gelernt werden und kostet viel Mühe. Journalisten können nicht umsonst arbeiten.

Umso wichtiger ist es, im sterbenden Zeitungsmarkt, Bezahlabos zu pflegen.

Da ich ein alter weißer Mann bin, kommt mir das ohnehin entgegen, da ich viel lieber auf Papier lese, weil ich so konzentrierter aufnehme, gegebenenfalls anstreichen, kommentieren und aufheben kann.

Da ich ein alter weißer Mann bin, freute ich mich über Dekaden auf die gedruckten Zeitungen, die morgens auf die Fußmatte vor meine Wohnung gelegt wurden.

Seit Juli 2025 scheitert aber die FUNKE-Logistik an der Zustellung. Sie schaffen es nicht mehr, mir die Zeitungen regelmäßig zu liefern. Ich habe alles versucht und kam sogar bis zum Abendblatt-Chefredakteur persönlich durch, der mir mit höchstem Bedauern mitteilte, es sei mittlerweile unmöglich zuverlässige Zeitungsausträger zu finden. Niemand wolle den Job noch machen.

So wurde ich letztlich zu meinem größten Bedauern gezwungen, zum Jahreswechsel meine Abonnement des Druckausgaben zu kündigen.

Es folgen einige Preisinformationen.


Für das VOLL-Abo HH Abendblatt zahlte ich ~840 Euro im Jahr, 70 Euro pro Monat.
Für das SZ-VOLL-Abo rund 1.150 Euro.


(Die gedruckte SZ kostet in Bayern 84 Euro/Monat, für mich in Hamburg 86€/Monat = 1.032 Euro im Jahr.
DAZU kommen noch mal 110 Euro für den EPaper-Zugang. Das sind 9,50 Euro im Monat. Also zahlte ich für mein SZ-Abo insgesamt 1.142 Euro im Jahr.)

Der SZ-Digitalzugang ist aber NUR so billig, wenn man schon die gedruckte SZ hat.
Allein kostet die digitale SZ (nach 12 Monaten) sechs Mal so viel, nämlich 50 Euro pro Monat, also 600 Euro im Jahr (abzüglich 4% Skonto, wenn man Voraus zahlt.)

 Das reine Digital-Jahresabo HAMBURGER ABENDBLATT kostet 480 Euro im Jahr.

(Mit Print-Ausgabe waren 840 Euro)


Das reine Digital-Jahresabo SÜDDEUTCSHEN ZEITUNG kostet  600 Euro im Jahr.

(Mit Print-Ausgabe waren es 1.142 Euro)

Ich höre jetzt viel Entsetzen über die Preise:

1.150 auf einen Schlag, klingt nach sehr viel.

Schon klar, daß sich viele das nicht leisten können und wollen.

Anderseits erscheint die SZ sechs Mal in der Woche.

Das sind 312 Ausgaben.

Über 300 dicke Zeitungen, in denen kaum Mist steht. Das sind jeden Tag hunderte Artikel. Also Zigtausende im Jahr, auf die ich alle jederzeit kompletten digitalen Zugriff habe.

Dafür muss der Verlag ein Heer von Kolumnisten und Reportern unterhalten, die in der ganzen Welt recherchieren, in allen großen Ländern vor Ort Büros haben und eben nicht, wie die kostenlos-Hobbyschreiberlinge im Netz, irgendwo abschreiben.

Redaktionsbüros müssen unterhalten werden, Reisen und Spesen finanziert werden.

Für seriösen Journalismus finde ich den Preis nicht teuer, wenn man bedenkt, daß bei den allen die Auflagen wegbrechen. Der Süddeutsche Verlag verkauft keine Millionen Zeitungen mehr am Tag. Also MUSS ein Abo immer teurer werden.

Nur wird es bedauerlicherweise so teuer, daß immer mehr Leute sich das gar nicht leisten können. Ein Teufelskreis. Je weniger Abonnenten, desto teurer für den einzelnen, desto mehr springen ab, desto teurer.

Die SZler versuchen natürlich entgegen zu wirken, indem sie lauter Schnupperangebote und reduzierte Abos bieten. Nur für das Wochenende.

Oder digitaler Zugang ohne das EPaper. Es gibt diverse Möglichkeiten, um es etwas billiger zu haben.

Mein Geheimtipp: Öffentliche Bücherhallen! Dort bekommt man mit einem Bücherei-Ausweis Zugriff auf alle Inhalte hinter den Paywalls.

Da ich ein alter weißer Mann bin, frustriert mich der Ausblick auf die Zukunft der Presse und unserer Informationsgesellschaft. Die Hoffnung auf Verbreitung von Medienkompetenz habe ich vollständig aufgegeben. Es dominieren TikTok und Dschungel-Ariel erklärt dem RTL-Publikum, wieso die Erde eine Scheibe ist und daß die Mondlandung ein Fake war. Hat sie auf Tiktok gelernt.

Der SERIÖSE Journalismus wird zu teuer und daher aussterben.

Bis uns irgendwann nur noch KI, Musks Grok und rechte Hetzprotale von Bezos, Mark und Musk und Springer versorgen.

Das Wahlvolk verkommt zur verblödeten manipulierbaren Masse, die das abnickt, was Lobbyisten möchten, um ihre Taschen zu füllen.

Da ich ein alter weißer Mann bin, erscheint es mir essentiell für die Demokratie, Journalismus staatlich zu unterstützen. Steuerfreiheit oder großzügige direkte Zuschüsse vom Steuerzahler an die Redaktionen.

Aber wie könnte man sicherstellen, die Mittel nur an seriöse Redaktionen auszuzahlen?

NIUS und SPRINGER und 100 Pseudo-Hetzer der „alternativen Medien“ sollten nichts kriegen.

Da ist politischer Streit vorprogrammiert.

Am ÖRR sieht man, wie CDU-Strobl Einfluss nimmt auf das Programm.

Würden die großen Zeitungshäuser staatlich gefördert, wäre das Geschrei groß!

Schon jetzt glauben die Ossis der Tagesschau nicht und brüllen Journalisten der Regionalsender wegen der öffentlichen Finanzierung „Staatsfunk“, „Haut ab!“ und „Lügenpresse“ entgegen.

Währenddessen erweisen sich Brüssel und Berlin als zu schwach, um den Fakenews-Attacken aus Moskau und von Trumps Tech-Bros einen Riegel vorzuschieben.

Also sind wir AM ARSCH!