Geschenkt, daß sich Looksmaxxing-Männer mit Hämmern selbst ins Gesicht ballern, empfinde ich als ausgleichende Schmerz-Gerechtigkeit. Schließlich waren es zuvor überwiegend Frauen, die sich plastic-surgery-Prozeduren unterzogen. Von einigen männlichen honorable mentions, wie Michael Jackson, Mickey Rourke, Pete Burns abgesehen.
Nun aber kommt das Looksmaxxing auf breiter Front. Mann quält sich nicht nur im Gym und beim manischen Proteinpulver-Fressen, sondern will nun auch noch ein markant-optimiertes Gesicht dazu.
[….] Man würde zum Beispiel gern über die halb berufsjugendliche, halb kraftmeierische Kunstsprache lachen können, in der Teile der Trump-Regierung inzwischen Grenzpolitik und militärische Gewalt wie eine besonders testosteronlastige Lifestyle-Entscheidung klingen lassen. Der »Guardian« analysierte dazu vor einigen Tagen einen Post des US-Verteidigungsministeriums. Auf X schrieb das Ministerium über den Stand des Irankriegs: »Low cortisol. Locked in. Lethalitymaxxing.«
Übersetzt in normales Deutsch heißt das ungefähr: ruhig bleiben, fokussiert sein, die eigene Tödlichkeit maximal hochfahren. Auch andere offizielle US-Regierungsaccounts »maxxen« inzwischen Dinge – die gute, amerikanische Lebensart zum Beispiel (»lifestylemaxxing«). [….] Die quatschig klingenden Vokabeln haben einen brutalen Hintergrund. Hinter ihnen steckt eine misogyne, hypermännliche Weltsicht, die das Leben als ständigen Kampf begreift – und die ihren Ursprung in der Szene der sogenannten Looksmaxxer hat. Was auf den ersten Blick wie eine Community allzu emsiger Beauty-Influencer klingen mag, ist eine männlich dominierte Onlinekultur, die in den vergangenen Monaten durch immer extremere Selbstzurichtungen, Widerwärtigkeit und eine aggressiv memefizierte Kunstsprache auffällig wurde. [….] Die Kernannahme der Looksmaxxer: Aussehen ist die einzige relevante Währung, wenn es um Status, Erfolg und letztlich den Wert eines Menschen geht. Deshalb muss der eigene Körper, sehr oft speziell das Gesicht, in Richtung Perfektion bearbeitet werden: Kieferlinie, Wangenknochen, Körperfettanteil, Haaransatz, Augenpartie – alles wird vermessen, bewertet, gerankt und zum Gegenstand eines endlosen Optimierungsprojekts erklärt.
»Softmaxxing« beschreibt dabei vermeintlich sanftere Maßnahmen, etwa eine bestimmte Zungenhaltung, um langfristig den Kiefer zu formen, oder exzessives Kaugummikauen, um das Gesicht markanter zu modellieren. »Hardmaxxing« bezeichnet dagegen drastischere Eingriffe: Kieferoperationen, Implantate, Steroide, extreme Appetitkontrolle. Die bizarrste Prozedur dürfte das sogenannte »Bone smashing« sein, bei dem sich Looksmaxxer mit einem Hämmerchen wiederholte Schläge auf Kiefer- oder Wangenknochen zufügen, um die Knochensubstanz leicht anzutrümmern und markanter nachwachsen zu lassen – eine überdrehte Idee von Männlichkeit soll nicht nur gelebt, sondern buchstäblich in den eigenen Schädel hineingehämmert werden. [….]
Looksmaxxing ist deshalb eng mit der Incel-Szene und jenem rechten Online-Männlichkeitsmilieu verbunden, das als Manosphere bekannt ist. Eine Gemeinsamkeit ist etwa die Art, mit der über Frauen gesprochen wird: Sie werden oft als »foids« bezeichnet, eine Form sprachlicher Entmenschlichung. Der Begriff ist die Kurzform von »female humanoids«, der Frauen als »menschenähnliche« Fremdwesen einsortiert. Andere Bezeichnungen wie »slayables« (»Erlegbare«) treiben diese Logik weiter. Frauen werden zur Beutefantasie in Slangform, sie sind keine Menschen mehr, sondern »etwas«, das man sich holen und bezwingen kann. [….]
Looksmaxxer-Jargon ist für autoritäre Politik attraktiv. Er übersetzt politische Grundsätze in eine Frage körperlicher oder biologischer Wertigkeit. Nicht Argumente zählen, sondern Auftreten, Härte, Dominanz. Wer stark aussieht, muss auch stark agieren. Wer zögert, gilt schon als verdächtig weich. Mit ihren Begrifflichkeiten verwandeln die Looksmaxxer soziale Komplexität in Statuskampf. Statt pluraler Realität bietet diese Sprache eine simple Sortierung an: Sieger oder Loser. [….]
Looksmaxxer kommen also üblicherweise mit viel Schwurbel, Fascho und Misogynie daher.
Sie entstammen der gleichen braunen Brühe, wie die INCELS, involuntarily celibates, jene bumsaffine Jungmänner, die in den Kellern ihrer Mütter wohnen, charmant wie Jabba the hutt, auftreten und sich einbilden, aufgrund ihres XY-Chromosomensatz ein Recht auf sexuelle Verfügbarkeit der Frauenwelt hätten.
Nun ist der Wunsch nach Kopulationen bei hormongesteuerten Teen- und Twen-Jungs kein völlig neues Phänomen. Den gab es in meiner Jugend in den 1980ern, genauso wie in der meines Vaters, in den frühen 1950ern und mutmaßlich auch bei seinem Vater. Ich spreche nicht für alle Männer, nicht für alle sozialen Gruppen, nicht für alle sexuellen Vorlieben. Aber bisher reagierte die sich subjektiv untervögelt fühlende Männerwelt mehrheitlich, indem sie versuchte in irgendeiner Form für sich zu werben.
Daraus entstand eine ganze Kulturgattung von Minnesang über Flirt bis zu Date-Einladungen.
Neu im Zeitalter des Internets sind involuntarily untervögelte Männer, die sich nicht Frauen zuwenden, sondern lieber kriminellen Gurus, wie Andrew Tate, die den involuntarily celibates predigen, involuntarily Sex zu haben. Statt um Frauen zu werben, nun also Sex gegen den Willen der Frau, weil der eigene Sexwunsch moralisch dem Selbstbestimmungswunsche der Frauen übergeordnet wird. So einfach ist das.
Ihr vergewaltigendes Idol, das einst predigte, mit 500 Liegestützen erreiche man die mentale Stärke, um Frauen seinen Willen aufzuzwingen, hockt allerdings gegenwärtig im Knast von Miami. Also versammeln sich seine untervögelten und unterbelichteten Jünger nun vor dem Gefängnistor, um ihrem Idol mit männlichen Liegestütz-Wellen beizustehen.
Wer nicht ganz so muskulös ist, geht nun zum pheromone-maxxing über: Nicht mehr duschen, kein Deo, nie mehr die Klamotten in die Wäsche stecken, nie die Bettwäsche wechseln und Urin-Trinken!
Denn je mehr man stinkt, desto mehr kämen die männlichen Pheromone durch und machten die Stinker sexuell unwiderstehlich. Das sei die Alpha-Männlichkeit, nach der sich die Frauenwelt sehne.
Stolz präsentieren sich TikTioker, die sich seit Jahren nicht geduscht haben. Der Trend greift so weit um sich, daß Lehrer an US-Hochschulen vor ihren Vorlesungen bereits an die männlichen Studenten appellieren, doch bitte endlich wieder zu duschen, weil sich ihre Kommilitoninnen über die olfaktorischen Attacken beschweren.
Mir erschließt sich immer noch nicht ganz wieso Männer, die mehr (sexuellen) Kontakt mit Frauen möchten, nicht lieber auf Frauen hören, sich nach deren Wünschen richten, statt auf abstoßende Männer zu hören, die ihnen einreden, Sex gegen den Willen der Frauen, sei „die Lösung“. Aber ich wähle auch nicht Trump oder die AfD.
