Samstag, 28. Februar 2026

Hobbystrategen am Golf

Als ich noch klein war, machte man es so. Es war so einfach.

Man erstellte eine kleine Tabelle, in der man die Anzahl der Panzer, Kampfjets, Raketen, Sprengköpfe von zwei Armeen oder zwei Pakten gegenüberstellte und wußte, wer stärker ist.

(….) Das war nicht bloß irgendein Unterrichtsstoff, den wir als junge Teenager im GMK- und Politik-Unterricht lernen mussten. Nein, die Akronyme SALT-I, SALT-II oder START waren so aktuell und politisch relevant, daß wir auch außerhalb der Schule über den Stand der Strategic Arms Limitation Talks der gesamten 1970er Jahre und die folgenden Strategic Arms Reduction Talks diskutierten. START-II wurde erst 1993 ratifiziert und sollte zwei Drittel der atomaren Sprengköpfe beseitigen, so daß Warschauer Parkt (WP) und Nato „nur noch“ jeweils 3.500 Nuklear-Explosionen zustanden.

Wir hatten 1983 alle „Wargames“ und „The Day After“ gesehen, konnten uns lebhaft vorstellen, wie schnell versehentlich ein Atomkrieg ausgelöst wurde und was so ein Atompilz konkret für die Menschen bedeutete.

Wie beim „Autoquartett“ in der Grundschule, kannten wir uns aus mit Mittelstrecken- und Interkontinentalraketen. Es war Unterrichtsstoff; eine SS20, bzw. RSD-10 Pioner, beschreiben zu können. SS steht hier für surface-to-surface „Boden-Boden“. Die Biester waren so furchterregend, weil sie mobil waren, kreuz und quer durch das riesige Warschauer-Pakt-Gebiet fuhren, nach dem entsprechenden Befehl aus dem Kreml quasi sofort in die Luft schossen, bei einer Reichweite von bis zu 7.000 km jeden Winkel Europas erreichten und zudem jeweils drei thermonukleare Gefechtsköpfe trugen. Es gab hunderte SS20, von denen die meisten in Belarus und der Ukraine umherfuhren. (…)

(Hofreiterisierung, 05.03.2026)

Als Kinder liebten wir das Brettspiel „Risiko“. Da war es ebenso einfach, Krieg zu spielen. Wer die größere Keule hatte, gewann.

In der echten Welt haben immer die USA mit ihrer riesigen Armee, den exorbitanten Militärausgaben, den Stützpunkten überall auf der Welt die größte Keule.

Deswegen gewannen die USA schließlich auch die großen Kriege der letzten Jahrzehnte: Vietnam, Nordkorea, Somalia, Irak, Syrien, Afghanistan…

Äh, Moment mal.

Offenkundig hält sie die Realität eines Krieges nicht an die Papierform der Waffenüberlegenheit. Kriege werden immer „hybrider“, asymmetrischer, werden auf mehr Ebenen gleichzeitig geführt. Die Kriegsparteien operieren nach unterschiedlichen Regeln, agieren als Stellvertreter für ganz andere „Player“, gehen ganz verschiedene Risiken ein, haben nicht gleich viel zu verlieren und können Verluste anders verkraften.

Am 24.02.2022 fielen wir zuletzt alle auf die einfachen tabellarischen Übersichten der Truppenstärken herein. Ich auch. Aber in schlechter Gesellschaft mit den Bundeswehr- und TV-Experten, die alle genau wußten, daß Russland in wenigen Wochen die gesamte Ukraine überrannt haben würde und Kiew nur die Kapitulation bliebe. Denn nicht nur war die russische Armee vielfach überlegen, Putin war auch skrupelloser, verfügte über Atomwaffen, die sicherlich die Europäer davon abhielten, die Ukraine mit direkten Waffenlieferungen zu unterstützen.

Vier Jahre später wissen wir, wie unsinnig all unsere Annahmen zu Kriegsbeginn waren.

Aber wir haben auch mindestens vier neue Erkenntnisse gewonnen:

·        Die Ukraine verfügt über die stärkste Armee Europas.

·        Russland kann mühelos beinahe alle EU-Sanktionen umgehen, hatte während der vergangenen Kriegsjahre stets ein deutlich größeres Wirtschaftswachstum als Deutschland.

·        Wir haben ein Interesse daran, daß der Ukraine-Krieg möglichst noch ein paar Jahre weitergeht.

[….] Ich habe gesagt, wir sind in einem Gewissenskonflikt und dass ich jetzt etwas ganz Schreckliches sagen werde.  Das ist leider durch unser Verschulden, weil wir Abschreckung Militär über Jahre nicht ernst genommen haben, brauchen wir Zeit, um abschreckungsfähig zu werden. Und diese Zeit schenkt uns die Ukraine, solange sie kämpft. Ich weiß nicht, ob sie gerne lieber haben wollen, dass dieser Ukrainekrieg ganz schnell runtergeht und kommendes Jahr greift Putin die deutschen Soldaten in Litauen an. Ob sie das für die bevorzugenswerte Variante halten. Es ist ein moralischer und ein Gewissenskonflikt, aber wir müssen ihn offen aussprechen, natürlich in der gebotenen Einordnung, dass das etwas schreckliches ist, das so sagen zu müssen. Aber in diese Lage haben wir uns gebracht [….]

(C.v. Marschall)

·        Putin kann offenbar mühelos hunderttausende tote Russen verkraften, ohne einen Hauch Widerstand gegen seinen Krieg im eigenen Volk zu spüren zu bekommen.

Nachdem heute Israel und die USA einen neuen illegalen – völkerrechtswidrigen - Krieg gegen den Iran lostraten, geht es aber wieder los: Medien listen säuberlich auf, was sie über die Waffen-Bestände des Irans und den angeblichen Mangel an Flugabwehrraketen auf Israelischer Seite wissen.


Diesmal werde ich gar nicht erst anfangen, mich an den Spekulationen über den Kriegsausgang oder die politische Zukunft des Irans zu beteiligen.

 
Daß man nur den Kopf der Schlange abschlagen müsse - Irans oberster Führer Ajatollah Chamenei soll bei den Luftangriffen der USA und Israels getötet worden sein – und anschließend vollzieht der Iran automatisch eine Blitzmetamorphose zu einer US-freundlichen Musterdemokratie nach westlichem Vorbild, scheint mir abwegig. Auf das Szenario des Todes Al Chameneis, ist der Iran natürlich vorbereitet, wie er generell auf Lustschläge vorbereitet ist und so organisiert ist, daß auch Teile des Regimes autark, ohne Befehle von oben, Krieg führen können.

Nur peinlich war heute, wie zu erwarten, Politazubi Merz, der wieder einmal außen vor war, sich anders als die UN, Spanien oder Norwegen nicht traute, Trump zu kritisieren und stattdessen zusammen mit den schwer angeschlagenen Starmer und Macron von der Seitenlinie meckerte.

[….] Nach den israelisch-amerikanischen Angriffen gegen Iran haben Deutschland, Frankreich und Großbritannien Gegenschläge der Regierung in Teheran kritisiert. "Wir verurteilen die iranischen Angriffe auf Staaten in der Region auf das Schärfste. Iran muss seine willkürlichen Militärschläge unterlassen", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Bundeskanzler Friedrich Merz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Großbritanniens Premier Keir Starmer. [….]

Anders als Merz, Macron und Starmer verurteilte UN-Generalsekretär António Guterres auch die Anwendung von Gewalt durch die USA und Israel gegen Iran. Diese und die Vergeltungsmaßnahmen Irans unterminierten den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit, erklärte er. [….] Auch UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk kritisierte die Angriffe. "Ich verurteile die Militärschläge Israels und der Vereinigten Staaten von Amerika heute Morgen im gesamten Iran sowie die anschließenden Vergeltungsangriffe des Iran", erklärte er. Die Angriffe würden lediglich zu "Tod, Zerstörung und menschlichem Elend" führen. [….] Der spanische Ministerpräsident Pedro Sanchez verurteilte die Militäraktion der USA und Israels gegen Iran. Der einseitige Angriff stelle eine Eskalation dar und trage zu einer unsichereren und feindseligeren internationalen Ordnung bei, sagte er.  Norwegen verurteilte die Angriffe auf Iran als völkerrechtswidrig. Israel habe die Angriffe als Präventivschlag bezeichnet, was "jedoch nicht dem Völkerrecht entspricht", erklärte Norwegens Außenminister Espen Barth Eide der Nachrichtenagentur AFP. "Ein Präventivschlag würde das Vorliegen einer unmittelbaren Bedrohung voraussetzen", führte Eide aus. [….]

(Tagesschau, 28.02.2016)

Weiß das Sauerländer Dummerle nicht, wo Mar A Lago und Washington liegen? Nämlich außerhalb der Reichweite der Iranischen Revolutionsgarden? Daß Teheran natürlich stattdessen die US-Basen der Region angreift, die zu erreichen sind?

Glaubt der Fritzekanzler, ein vom eigenen Volk gehasstes, fanatisch religiöses Regime, würde die Luftschläge ohne Gegenwehr geschehen lassen?

Und nein, ich weiß selbstverständlich auch nicht, wie der Krieg ausgehen wird. Aber ich habe eine starke Vermutung: NICHT gut. Egal, welches Szenario letztlich eintritt.

[…..]  Der völkerrechtswidrige Angriff auf den Iran wird das Mullah-Regime kaum zu Fall bringen. Zwei andere Szenarien sind jetzt wahrscheinlicher.

 Militärs brauchen deutlich formulierte Kriegsziele. Was die USA und Israel mit ihrem Angriff auf den Iran bezwecken, ist jedoch alles andere als klar kommuniziert. US-Präsident Donald Trump wollte uns noch letzten Sommer davon überzeugen, dass das iranische Atomprogramm beim letzten US-Angriff auf den Iran praktisch „ausradiert“ worden sei. Sein Nahost-Gesandter Steve Witkoff argumentierte aber vor ein paar Tagen, dass der Iran eine Woche vor dem Bau der Atombombe stehe.

Dann redet Trump davon, dass die iranischen Raketen demnächst die USA erreichen könnten. Und nicht zuletzt spricht er vom Regimewechsel in Teheran und dass die Iraner sich nun selbst befreien könnten. Derartig breit angelegte Kriegsziele tragen das Rezept des Scheiterns schon in sich.

Es ist unwahrscheinlich, dass die heterogene iranische Protestbewegung in den nächsten Tagen in Teheran die Macht übernimmt. Zwei andere Szenarien sind als Ausgang wahrscheinlicher.

Das iranische Regime kommt im Doppelpack daher: mit der Macht der Mullahs, aber auch mit den Revolutionsgarden, die im Grunde eine klassische Militärdiktatur darstellen. Gut möglich, dass die Mullahs beseitigt werden und die Militärdiktatur oder einer ihrer Offiziere versucht, einen Alleingang zu starten. Das Land wäre dadurch stabilisiert – das ist nur nicht das, was die Protestbewegung im Sinn hat.

Das zweite Szenario wäre das von Chaos und Bürgerkrieg. Denn die Protestbewegung ist zwar stark und laut, aber das Regime hat trotzdem noch genug Unterstützer und Profiteure. Diesen Fortgang der Ereignisse fürchten die arabischen Nachbarn und die Golfstaaten, die keine Freunde des iranischen Regimes sind. Sie haben vor diesem Angriff auf den Iran gewarnt, genau mit dem Argument, dass eine ohnehin fragile Region so in noch mehr Instabilität gestürzt würde.  […..]

(Karim El-Gawhary, 28.02.2026)

Es gibt aber auch Gewissheiten bei diesem Kriegsbeginn: Netanjahu und Trump sind beides skrupellose Verbrecher. Beide lügen, wenn sie den Mund aufmachen. Einer von ihnen ist zudem sagenhaft dumm und ungebildet.

Trump ist jede perfide Bösartigkeit zuzutrauen.

[….] Kurzanalyse: Trump und sein Geschwätz von gestern

Donald Trump verhehlt sein Ziel kaum: Sein Militärschlag gegen Iran soll zu einem Regimewechsel in Teheran führen. »An das große, stolze Volk von Iran [...] Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung« , forderte der Präsident in seiner Videoansprache nach den ersten Angriffen. »Dies wird wahrscheinlich eure einzige Chance für Generationen sein.«

Als er noch nicht im Weißen Haus saß, klang Trump ganz anders. 2011 etwa sagte er über Barack Obama: »Unser Präsident wird einen Krieg mit Iran beginnen, weil er absolut keine Fähigkeit hat, zu verhandeln.« Zwei Jahre später wiederholte er diese Prognose. Sie traf nie ein.  [….]

(US-Korrespondent Claus Hecking, 28.02.2026)