In der heißen US-wabern Wahlkampfphase wabern viele prodemokratische Memes durch meine linksliberale Social-Media-Base, die ich in der minimalen Hoffnung teile, sie könnten aufgrund meiner Facebook-Reichweite, womöglich doch einen schwankenden Wähler auf die gute Seite ziehen.
Häufig zu sehen ist eine Fotomontage der drei Dem-Hoffnungsträger El Sayed, Ossoff und Talarico.
[….] A Jew, a Christian, and a Muslim walk into the Senate. Imagine the possibilities.
Jon Ossoff is Jewish. James Talarico is Christian. Abdul El-Sayed is Muslim. With Ossoff seeking reelection and Talarico and El-Sayed running for Senate seats, the possibility of all three serving together gives me something to feel hopeful about.
Three different faiths. Three different life stories. One shared responsibility, if voters send them there: uphold the Constitution and serve the people.
They wouldn’t need to agree on theology to work together on affordable healthcare, better schools, or making everyday life easier for families. They wouldn’t need identical backgrounds to recognize that every person deserves dignity.
That is the kind of America I want to see reflected in Washington: a country where belonging never depends on sharing someone else’s religion.
Their records and decisions should always be open to scrutiny. Their faiths should never be a barrier to service.
There is something beautiful about imagining these three working in the same chamber, with equal standing and a duty to represent everyone. More of this, please. […]
Jon Ossoff kennt man schon länger, weil er 2020 im Wahlkampf um den US-Senatoren-Posten von Georgia zwar zunächst knapp dem GOP-Amtsinhaber David Perdue knapp unterlag, aber im (damals) erzkonservativen Georgia ein exotisches Gesetz eine absolute Mehrheit verlangt, die Perdue ganz knapp verpasste. Also musste er am 05.01.2020, lange nachdem die Joe Biden-Regierung faktisch eingetütet war, in eine Stichwahl, die Ossoff mit 50,6% gewann.
Ein Schmach für die rechten christlich-nationalistischen Georgianer, denen Donald Trump besonders rabiat entgegentrat, ultimativ verlangte, man solle „12.000 Stimmen finden“, um ihn doch noch zum Sieger in Atlanta zu erklären.
Und dann passierte auch noch das: Statt zwei weißen alten Männern, schickte Georgia nun den schwarzen Prediger Raphael Warnock und einen 33-Jährigen ruhigen und zurückhaltenden Juden nach Washington. Aber Ossoff stellte sich als politisches Supertalent heraus. Was er anpackt, gelingt. Sehr gut möglich, daß er heute die Wiederwahlhürde locker nimmt und dann zu einem echten Machtfaktor wird. Irgendwann müssen die Demokraten ja ihren extrem unbeliebten Senatschef Chuck Shumer loswerden.
Verena Hälzl jubelte ihm im letzten SPIEGEL schon einmal zum möglichen US-Präsidenten ab Januar 2029 hoch.
Ja, ich bin ein großer Ossoff-Fan und wünsche mir für die Präsidentschaftswahl 2028 ein Ticket Buttigieg/Ossoff. Oder Ossoff/Buttigieg. Wie wir mit Hillary Clinton und Kamala Harris gesehen haben, werden Frauen nun einmal nicht gewählt in den konservativen USA. Und die Liberalen haben gewaltig die Nase voll von der Washingtoner Gerontokratie, in der die wichtigsten Posten nur an >80-Menschen vergeben werden. Jon und Pete sind zwei Generationen jünger, beide hochgradig integer, extrem intelligent und beide begnadete Redner. Sie könnten den JFK-Aufbruch von 1960 auf Speed umsetzen. Es wäre so schön.
Das Ossoff-El Sayed-Talarico-Meme habe ich dennoch bisher nicht öffentlich geteilt, obwohl ich auch den hoffentlich nächsten US-Senator aus Michigan für ein politisches Supertalent halte und selbstverständlich alle Daumen für die GOP-Niederlage um den tiefroten US-Senatorenposten in Texas drücke.
Aber mir als Atheisten, Humanisten und Antinatalisten geht es nun einmal gegen den Strich, wenn die Religion eines Kandidaten als das besondere positive Kriterium hervorgehoben wird.
Der Mediziner Dr. Abdul El-Sayed darf gern Muslim sein und seine Frau, Dr. Sarah Jukaku, ebenfalls Ärztin und Psychiaterin darf gern Kopftuch tragen.
Ich bin tolerant. Aber ich gehe nicht so weit, daß ich gern für Menschen, die demonstrativ ihren Glauben praktizieren, auch noch Werbung mache. Über Jon Ossoff finde ich keine bemerkenswerten religiösen Bekenntnisse. Aber dafür ist James Talarico umso schlimmer christlich:
[….] Er erhielt einen Bachelor of Arts von der University of Texas at Austin
und einen Master of Education von der Harvard University. Später nahm er ein
Master-of-Divinity-Studium am Austin Presbyterian Theological Seminary auf. Er
ist Mitglied der Presbyterian Church.
[…]
Die bekannte und mit Preisen überhäufte Islamwissenschaftlerin und Gründungsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes Lamya Kaddor (*1978 in Ahlen) sitzt heute für Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. Ich finde es lobenswert, wie sie dem erzkonservativen Islam entgegentritt, ich schätze, wie sehr sie für den Ausgleich und die Verständigung zwischen Religionen eintritt.
Aber letztlich begreife ich nicht die Inselverarmung, die so intelligente Menschen, wie El Sayed oder Kaddor oder auch Ilhan Omar an ihrer Religion festhalten lässt.
Ich weiß natürlich, daß Religion auch eine Kultur, eine anerzogene Mode und ein identitätsstiftender Faktor ist, der für Minderheiten in der Diaspora noch wichtiger als für Angehörige einer Mehrheitsgesellschaft ist. Aber als Intellektuelle müssten sie doch von solchen Fesseln lösen können. Oder nicht?
Die Grünen haben jedenfalls Glück, daß sich Kaddor ihnen vor einigen Jahren anschloss. Auch sie ist ein politisches Supertalent und eine begnadete Rednerin.
Bitte mehr davon.
Aber als Atheistin wäre sie mir noch lieber.
