Immerhin einmal, ein einziges Mal in seiner politischen Laufbahn, lag Joachim-Friedrich Martin Josef Merz, geb. 1955, nicht falsch: Er mag Jens Spahn nicht, vertraut ihm nicht. Also gehörte sein ehemaliger Konkurrent um den Parteivorsitz nicht zu seinem engeren Wahlkampfteam 2025 und spielte zunächst nur eine untergeordnete Rolle in den Koalitionssondierungen mit der SPD.
Vor der Bundestagswahl schien der ehemalige Bundesgesundheitsminister vorläufig in einer politischen Sackgasse zu stecken. Seine Minister-Bilanz war absolut verheerend, ständig poppten neue Skandale, mehr von ihm verplemperte Milliarden, weitere persönliche Bereicherungen auf. In der Führung der Oppositions-CDU spielte er keine Rolle, verfügte über kein mächtiges Amt mehr.
Er brauchte aber politische Macht, um medial vorzukommen,
da er in den gut zwei Jahrzehnten seiner Bundestagskarriere sein größtes
Handicap immer mehr kultivierte:
Niemand mag ihn. Spahn verfügt über einen beeindruckend abstoßenden Charakter,
der ihn gleichermaßen in der äußerem Wahrnehmung zu einem der unbeliebtesten Politiker
der Bundesrepublik macht, als auch im inneren Zirkel der CDUCSU-Fraktion
toxisch wirken lässt. Er hat keine persönlichen Freunde in der Partei. Seine Kollegen,
die täglich mit ihm arbeiten, misstrauen ihm auf ganzer Linie, trauen ihm jede
Niedertracht zu, rechnen immer damit, von ihm hintergangen zu werden.
Aber Spahn ist auch der geborene Strippenzieher, der ausgebuffte Hinterzimmer-Akteur, der bienenfleißig kompromittierende Informationen sammelt und mutmaßlich über den wirkungsvollsten Giftschrank in der gegenwärtigen Politik verfügt. Jeder schuldet ihm irgendetwas, von überall kann er Gefallen einfordern, Loyalität erzwingen und nach Belieben erpressen, weil er irgendwas gegen jeden in der Hand hat.
So natterte er sich während der CDUCSU/SPD-Koalitionsverhandlungen ganz tief ins Geschehen, machte sich für Merz unentbehrlich, indem er all die finanzpolitischen Details parat hatte, von denen der garstige Linnemann und Merz noch nie gehört hatten.
Er wurde schnell so wichtig, daß die Hauptstadtpresse, in deren Hinterzimmer Spahn natürlich auch intensive Kanäle etablierte, seinen Namen bei den Spekulationen um die Ministerämter ventilierte. Zunächst schien nur Merzens größter Fanboy Linnemann gesetzt.
Finanzen, Wirtschaft, Energie – der General hatte freie Auswahl. Aber als beim Feilschen mit der wesentlich intelligenter verhandelnden SPD, Linnemanns Lieblingsposten immer mehr gerupft wurden und er überraschend seinen Verzicht verkündete, war der Weg für Spahn frei.
Eine Horrorvorstellung für Friedrich Merz, der den schwulen Masken-Dealer keineswegs permanent im Kabinett an seiner Seite wissen wollte.
So entstand die Idee, ihn zum Merz-Nachfolger als CDUCSU-Koalitionsvorsitzenden wegzuloben, bzw hochzuloben. Mutmaßlich hatte Spahn es von Anfang an darauf angelegt, geschickt über Bande gespielt und den Tölpel Merz ausmanövriert.
Vielleicht wäre er auch gern Wirtschaftsminister geworden. Wahrscheinlicher ist aber, daß er nach dem totalen Desaster, welches er vier Jahre unter Merkel in der Exekutive angerichtet hatte, seine Neigungen als Vollzeitstrippenzieher lieber in der Legislative ausleben wollte. Merz war so froh, Spah nicht im Kabinett zu wissen, daß er ihn nur zu gern als Fraktionschef empfahl.
Dabei überhörte der legendär beratungsresistente Merz die Warnungen aus der Partei: Spahn könne man nicht vertrauen, Spahn als Fraktionsführer wäre nicht der Kabinettsdisziplin, nicht der Richtlinienkompetenz unterworfen. Könne sich als Allrounder in alles einmischen. Befände sich auf dem klassischen CDU-Sprungbrett ins Kanzleramt. Kohl, Merkel, Merz waren alle Fraktionsvorsitzende, bevor sie Kanzler wurden, weil das Amt im konservativen Universum wichtiger als jeder Ministerposten ist.
Merz hätte es also selbst am besten wissen sollen, aber dennoch ignorierte er alle Einsprüche. Er ist nun einmal nicht die hellste Kerze auf der Torte.
Ein Jahr später sind genau die worst-case-Szenarien eingetreten, vor denen der Sauerländer Simpel gewarnt wurde: Er als Kanzler steht mit dem Rücken zur Wand, rangiert demoskopisch auf einer Stufe mit Fußpilz und Mundfäule, während sich Chaos-Agent Spahn zum eigentlich starken Mann mauserte.
[….] Seine Vertrauten hatten Merz schon vor der Regierungsbildung davor gewarnt, ausgerechnet dem Machtpolitiker Spahn ein so machtvolles Amt anzuvertrauen. Und damit einem Mann, der aus seinen eigenen Kanzlerambitionen nie einen Hehl gemacht hat. Doch Merz denkt hierarchisch. Oben schlägt unten, glaubt er. Für ihn war klar, dass er als Kanzler und Parteichef selbstverständlich oben sein würde.
Dabei misstraut auch er Spahn offenbar schon lange, so wie Spahn schon lange Merz misstraut. In den vergangenen Monaten hat der Kanzler nun erleben müssen, wozu der Fraktionschef in der Lage ist. Während er selbst und seine Regierung im Strudel von Fehlern, Missmanagement, übertriebenen Versprechungen und Missverständnissen unterzugehen drohten, präsentierte sich ausgerechnet Spahn als einer der wenigen Erwachsenen in der Koalition, als Profi der Macht, als Hort der Stabilität.
Im Kanzleramt glauben nicht wenige, dass Spahn das Chaos der vergangenen Wochen nicht nur genutzt habe, sondern dass er es über seine guten Verbindungen zur Springer-Presse womöglich sogar angefeuert haben könnte. Merz, so heißt es aus seiner Umgebung, vermute wenigstens schon lange, dass »Bild« und »Welt« ihn aus dem Amt schreiben wollten.
Wie auch immer – selbst im Umfeld des Kanzlers hält man Spahn nach seiner überzeugenden Wiederwahl für den eigentlichen Krisengewinnler. Die Machtbalance zwischen dem Kanzler und seinem Fraktionschef habe sich damit ein Stück weit verschoben, weg von Merz, hin zu Spahn. Was das bedeute? Wenn man das nur wüsste. Spahn stellt sich gegen Zusammenarbeit mit »dieser AfD«
Und Merz? Der habe, so glaubt man in seinem Umfeld, aufmerksam registriert, wie Spahn die Abgeordneten in den vergangenen Wochen umgarnt habe. Wie er für jeden ein offenes Ohr gehabt habe, wie er sich mit allen immer wieder zusammengesetzt habe, wie er seine langjährige Koalitionserfahrung als früherer Staatssekretär und Minister systematisch ausgespielt habe. Und so die Fraktion hinter sich brachte, obwohl viele dort ihn persönlich nicht mögen würden.
Zugleich gelte die mögliche Alternative, der Merz-Vertraute und Kanzleramtsminister Thorsten Frei, in der Fraktion neben dem Kanzler inzwischen als Hauptschuldiger der Chaoswochen. Am Ende habe Merz gar nicht anders gekonnt, als Spahn wieder vorzuschlagen. […]
Gern hätte Merz Spahn endgültig gefeuert, seine Macht als Parteichef und Kanzler demonstriert, indem er einen loyaleren Fraktionschef (Dobrindt oder Frei) durchgepaukt hätte. Spahn wäre der perfekte Sündenbock für das desaströse erste Regierungsjahr geworden und hätte die dringend notwendige Kabinettsumbildung katalysieren können.
Aber Merz ist dem 25 Jahre jüngeren Rivalen beim Strippenziehen hoffnungslos unterlegen, erlebte eine dramatische Machtdemonstration. Nun ist Spahn der starke Mann.
Es spricht viel für eine AfD-affine Hinterzimmer-Seilschaft aus Daniel Funke, Döpfner, Poschardt, Reichelt und anderen, die daran arbeiten, Merz frühzeitig zum Abdanken zu bringen, um Spahn zum Kanzler zu promovieren. Die Bedingungen sind noch unklar. Würde er bloß in der bestehenden Koalition den Vorgänger subsituieren? Eine Minderheitenregierung anführen? Eine Tolerierung durch die AfD aushandeln? Eine förmliche CDUCSU/AfD-Koalition bilden? Neuwahlen ohne Brandmaueraussage anstreben und sich dadurch quasi vom Wähler in eine schwarzbraune Verbindung zwingen lassen? Jede der Varianten ist mit enormen Risiken beschwert. Aber Spahn hält sich zumindest alle Optionen offen.
[….] Spahn stellt sich gegen Zusammenarbeit mit »dieser AfD«
Immer wieder wird behauptet, Jens Spahn bereite die Annäherung der Union an die AfD vor. Der Unionsfraktionschef hat diesen Vorwurf nun in einem Interview zurückgewiesen. Mit bemerkenswerter Wortwahl. Spahn stellt sich gegen Zusammenarbeit mit »dieser AfD«
Der Satz ist insofern interessant, als Spahn »dieser AfD« sagte statt »der AfD«. Rein semantisch lässt er die Möglichkeit offen, mit einer AfD zusammenzuarbeiten, die sich eben nicht verhält wie »diese AfD«. Ob Spahn seine Worte in diesem Sinne gemeint hat oder es sich lediglich um eine sprachliche Unschärfe handelt, führte er in dem Gespräch nicht weiter aus. [….]



