Montag, 20. November 2023

Deutsche Krieger im Glück

Bei dem Ding geraten sie ins Schwärmen, bekommen funkelnde Augen. Die Panzerhaubitze 2000, (kurz PzH 2000). Das beste und schönste und leistungsfähigste schwere Artillerie-Geschütz der Welt. Mindestens. Die Bundeswehr-Generäle und Obersten bekommen Erektionen, wenn sie die Maße und die Schusskraft der PzH 2000 denken.

Für die weniger Militär-Affinen: Ein Haubitze ist eine Artilleriekanone, die in verschiedenen Winkeln schießen kann; das Rohr ist in der Lage steil nach oben zu zeigen. Die Panzerhaubitze 2000 kann zudem selbstständig mit bis zu 60 Km/h fahren und ist, wie der Name sagt, schwer gepanzert.

A propos Name; traditionell erhalten Panzer in der Bundeswehr martialische Tiernamen (Marder, Leopard, Puma), dabei sollte auch bei dem vor einem Vierteljahrhundert von den deutschen Unternehmen Krauss-Maffei Wegmann und Rheinmetall entwickelte Mega-Geschoss bleiben. Die Bundeswehr diskutierte über Rhinozeros, Stier, Nashorn und Rüssel. Da sich die damals schon chaotisierte Trachtentruppe nicht einigen konnte, blieb es schließlich bei der Werksbezeichnung PzH 2000.

Die Maße sind auch ohne Fauna-Begrifflichkeiten beeindruckend; Länge fast 12m, Breite/Höhe dreieinhalb Meter, beladen 58 Tonnen schwer, über 1.000 PS-Dieselmotor, 420 km Reichweite, Beladung mit 60 Geschossen und 48 Beuteltreibladungen oder 288 Treibladungsmodulen und last but not least: Die 155mm-Kaliberkanone, die in Sekundenschnelle Geschosse auf unterschiedlichen Flugbahnen im sogenannten MRSI-Verfahren (Multiple Rounds Simultaneous Impact) abschließen kann, so daß der böse Feind in 50 km Entfernung nicht ausrechnen kann, woher die Schüsse genau kamen und wie viele Haubitzen tatsächlich im Einsatz sind. 15 Millionen Euro kostet eine PzH 2000; insgesamt verfügt die Bundeswehr über etwa 180 Stück.

Im April 2010 forderte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Googleberg „schwere Waffen für Afghanistan“. Einen Monat später wurden drei Panzerhaubitzen 2000 nach Afghanistan verlegt, die nach nur sechs weiteren Wochen einsatzbereit waren.

Leider war da gerade kein heißes Kampfgeschehen mehr, so daß KTG den Befehl „Show of Force“ gab und wenigstens 20 Geschosse Leucht- und Nebelmunition verschossen werden konnten.

Einen Monat später gaben KTGs drei Superhaubitzen sogar insgesamt fünf Schuss mit scharfer Munition ab. Der Krieg wurde damit bekanntlich nicht gewonnen. Aber die Bundeswehr war sehr froh pro PzH 2000 nur ein oder zwei Schüsse abgegeben zu haben, weil diese weltweit führenden Militär-Wunderwaffe eine klitzekleinen Mangel hat: Sie ist eher eine Theoretikerin. Im realen Einsatz geht sie leider fast sofort kaputt und Ersatzteile haben wir nun mal nicht, weil wir ja sparen müssen. Also besser nur angucken und bewundern. Nicht benutzen.

In der Werbeshow „Unsere Bundeswehr“ auf Kabel1, konnte man sehen, wie vier dieser Wunderpanzerhaubitzen in Litauen vom ländlichen Rukla an die Ostsee nach Klaipéda gebracht werden mussten. Falls „der Russe“ von der See angreift.


Nun könnten weniger Bundeswehr-affine Menschen denken; super, das sind 240 km Entfernung und die Panzerhaubitze 2000 kommt mit einer Tankfüllung 420 km weit. Wäre doch eine gute Gelegenheit den Antrieb zu testen.

Aber der Materialverschleiß wäre dann natürlich zu hoch! Über 200 km selbst fahren? Das schaffen die deutschen Wunderwaffen dann doch nicht. Dafür rückt ein Logistik-Bataillon an, das schon nach wenigen Wochen Vorbereitung und Planung, die vier Panzer auf Schwerlasttransporter heben kann.

In Deutschland geht das ja leider nicht, will auf deutschen Straßen zwischen 15.30 und 19.00 keine Schwerlasttransporte erlaubt sind. Zu viel Berufsverkehr. Und im Dunklen zu fahren ist viel zu gefährlich mit den empfindlichen Haubitzen.

Deswegen, liebe Russen, wenn ihr Krieg anfangt, dann bitte im Sommer. Wenn es gerade nicht regnet. Und auch nicht so spät nachmittags. Dann können wir leider nicht. Außerdem müsst Ihr bitte ein, zwei Monate vorher Bescheid sagen. Logistik will ja geplant sein.

Für die Haubitzenfahrer ist Klaipéda eine echte Herausforderung, weil es so nah am Meer feucht ist. Matschiger Boden ist nicht gut für die Mimosen-Geschütze. Was da alles kaputt gehen kann! Und die Rostgefahr!

Wolodymyr Selenskyj ist daher auch nur so mittelzufrieden mit den 14 PzH 2.000, die ihm Berlin rüberschickte.

Schön sind sie zwar, aber die doofen Ukrainer haben sie doch tatsächlich bei echten Gefechten eingesetzt. Schießen lassen. Mit richtiger Munition! Scharfer!

Was denken die sich eigentlich? Dafür sind sie nicht gemacht. Schon vor einem Jahr waren alle kaputt.

[…] Mittlerweile ist ein Großteil der von Deutschland gelieferten Artilleriesysteme durch den intensiven Einsatz an der Front in der Ostukraine reparaturbedürftig. In Bundeswehrkreisen hieß es, die Ukrainer verschössen derzeit täglich um die 300 Granaten, dies nutze die Waffensysteme sehr stark ab Zwar wurden kürzlich sechs deutsche Haubitzen zur technischen Überholung nach Litauen gebracht. Da jedoch die nötigen Ersatzteile für die Haubitzen weder bei der Industrie noch bei der Bundeswehr verfügbar waren, mussten die Techniker eine der Haubitzen ausschlachten und vorerst in Litauen stehen lassen. [….]

(SPON, 18.11.2022)

Schon im Sommer 2022 sah es nicht gut aus, wie der FDP-Verteidigungsexperte Faber nach einem Ukraine-Besuch berichtete.

[…]  Ich habe aus dem Verteidigungsministerium erfahren, dass dort derzeit noch fünf von fünfzehn Panzerhaubitzen einsatzbereit sind. [….] Die werden ja massiv genutzt. Dementsprechend werden Ersatzteile gebraucht. Es sind zwar Ersatzteilpakete mitgeliefert worden, aber offensichtlich nicht immer das richtige. Es reicht auch nicht immer, das Ersatzteil zu haben. Bei größeren Reparaturen braucht man auch die passende Werkstatt dafür. Das geht an der Front nicht immer so einfach. Die Ukrainer sind zwar optimistisch, dass sie die Einsatzbereitschaft wieder nach oben bringen können. Aber sie sagen auch, dass sie in der Ukraine eine eigene Reparaturmöglichkeit bräuchten. Sonst müssten sie die Haubitzen wieder außer Landes schaffen. Derzeit können sie nur kleinere Reparaturen selbst machen. Durch russischen Beschuss zerstört wurde keine.  [….]

(FDP-MdB Markus Faber, 10.08.2022)

Nimm das, Putin! Die Russen konnten keine einzige deutsche Haubitze zerstören.

Unsere Wunderwaffen eben! Unverwundbar!

[…] Die von Deutschland bereitgestellten Waffen erweisen sich im Ukraine-Krieg als äußerst effektiv. „Unsere Waffensysteme sind wirkungsvoll“, erläuterte Generalmajor Christian Freuding im Interviewformat „Nachgefragt“ der Bundeswehr. Der Chef des Planungs- und Führungsstabes sowie Leiter des Sonderstabes Ukraine im Verteidigungsministerium verdeutlichte dies anhand von zwei Beispielen.

Zunächst kam Freuding auf die Panzerhaubitzen 2000 zu sprechen. Das modernste Artilleriegeschütz der Bundeswehr kann Ziele bis zu 40 Kilometer entfernt treffen. Die Haubitze sei schnell in der Bekämpfung und könne nach dem Feuergefecht auch sehr schnell wieder seine Position wechseln, so der Panzergeneral. „Deshalb ist sie unglaublich schwer von den Russen zu bekämpfen.“ Auch die Panzerung spiele dabei eine Rolle.

Tatsächlich scheint die Ukraine voll und ganz auf dieses Artilleriegeschütz vertrauen zu können. „Es ist den russischen Streitkräften noch nicht gelungen, eine Panzerhaubitze 2000 zu zerstören“, erklärte Freuding. Daher steht fest: Obwohl die Panzerhaubitzen laut Freuding ein bevorzugtes Ziel („Top-Target“) der Russen sind, sind alle 14 von Deutschland gelieferten Exemplare nach wie vor unbeschädigt und im Einsatz. [….]

(Christian, Stör, FR, 19.09.2023)

OK, sie sind auch so kaputt gegangen, aber von außen unbeschädigt! Das wird Putin eine Lehre sein!