Das ist mal eine bequeme Ausrede: Wir machen tolle Politik, sind bienenfleißig und effektiv, aber leider hapert es ein wenig an der Kommunikation.
Wir schaffen es nicht ausreichend, unsere grandiosen Erfolge zu vermitteln.
Da müssen wir noch etwas besser werden. (NOCH besser.)
Die Regierung auf dem richtigen Weg.
Klingt irgendwie bekannt.
Die CDU-Homepage verbreitet ungerührt Erfolgsbilanzen, die ihren Kanzler als in der Welt bewunderten Macher lobpreisen.
CDU-General Linnemann wirbt bereits für den Neologismus „MERZEN“, als Verb des Erfolgs.
Die kognitive Dissonanz der CDU ist enorm.
Wenigstens käme niemand in der SPD auf die Idee, die klimakillende, antisoziale, Reichen-bereichernde Politik der Bundesregierung zu loben.
Die SPD ging lobenswerterweise in diese Koalition, um alle anderen, wesentlich schlimmeren Optionen zu verhindern. Um die übelsten neoliberalen Auswüchse zu bremsen. Um eine machtvolle Stimme für ihre Wähler zu bleiben.
Offensichtlich durchaus erfolgreich, denn sonst würde die CDU nicht so sehr darüber jammern.
Aber Spahn, Merz, Söder, Dobrindt, Klöckner und Linnemann werden unter den SPD-Abgeordneten leidenschaftlich verachtet. Kein Sozi erwartete ernsthaft, gestärkt aus dieser Kleiko herauszukommen.
Ganz anders die CDU.
Der Fritzekanzler war und ist viel zu blöd, um eine Ahnung davon zu haben, wie man Politik umsetzt und was für Schwierigkeiten es in einer Regierungskoalition gibt. Er dachte offenbar, er werde lauter schöne Glamour-Auftritte haben, da jeweils seine Lieblings-Sprüche kloppen und dann liefe der Laden wieder von allein.
Aber schon Helmut Kohl wußte: „Die Wirklichkeit ist anders als die Realität“.
Auch wenn sich Merz noch so fabelhaft findet, beim Wahlvolk leidet er unter massiven Generalverschiss.
Inzwischen lauert man bei jedem Merz-Auftritt nur noch auf seine Blamagen und bedauerlicherweise liefert er immer.
Die Nazis sind der CDUCSU in Umfragen enteilt, weil die Christenparteien einfach nicht begreifen wollen, wie das Plagiieren der AfD-Politik nur die AfD fördert.
Obwohl das wissenschaftlicher Konsens ist.
Obwohl das auch die eigene Konrad-Adenauer-Stiftung betont.
Obwohl liberaler regierte Bundesländer, wie Hamburg und Schleswig-Holstein beweisen, wie man sich gegen die Nazi-Partei behauptet.
Wo Intellekt und Erkenntnis fehlen, muss Autosuggestion herhalten. Also bescheinigen sich die Konservativen und Milliardärs-Lobbyisten gegenseitig, wie fabelhaft sie sind, wie gut sie es machen.
Dabei sind sie so erfolgreich, daß große Teile „der Presse“ das Narrativ vom “Wirtschaftsfachmann Merz“, der ein „ausgezeichneter Redner“ sei, übernehmen.
Er müsse nur einmal in einer Ruck-Rede alles erklären.
Ich staune. Ich staune wirklich über diese Verblendung
bei vielen Journalisten, denn gerade diese Punkte beweist uns Merz (nicht erst)
seit seiner Kanzlerschaft jeden Tag auf’s Neue:
Er ist ein katastrophaler Redner, der sich täglich mit seinen Sprüchen weiter
in den Abgrund reitet.
Er begreift selbst einfache ökonomische Zusammenhänge nicht, plappert stattdessen unermüdlich längst widerlegte Lobbythesen nach: Verbrenner-Motoren sind die Zukunft, erneuerbare Energien schaden der Wirtschaft, die Grünen machen ideologische Politik, Trickle Down funktioniert, nur die Milliardäre schaffen Arbeitsplätze und Innovationen, Migranten brauchen wir nicht.
Es ist alles Unsinn, aber Merz bleibt weiterhin frei von jeder Erkenntnis der Realität.
Eine „große Rede“ wird diesem Kanzler also sicher nicht aus der Patsche helfen.
[….] In den vergangenen Wochen hat sich in der deutschen Kommentarspalte ein eigentümlicher Wunsch herausgebildet, der quer durch politische Lager und mediale Häuser auffächert: Friedrich Merz solle endlich eine Rede halten. Die eine große Ansprache an die Nation, die alle mobilisiert, inspiriert, ja elektrisiert. [….] Und dann war da noch Grünenchef Felix Banaszak, der dem Kanzler Anfang der Woche ebenfalls »angesichts der Situation« die große Fernsehansprache empfahl. Aus mehreren Ecken erklingt also dieselbe Forderung, in der zugleich dieselbe stillschweigende Voraussetzung mitschwingt: dass eine Rede, hinreichend ernst vorgetragen, das Land aus seiner Lethargie wecken könne.
Ist Friedrich Merz zu dieser Rede fähig? Nun, wir sprechen hier immer noch von einem Mann, dessen rhetorisches Talent vor allem darin besteht, in regelmäßigen Abständen eher Feuer zu legen, als Lagerfeuer zu schaffen. Die Vorstellung, er könne mit der einen, lang ersehnten Suada plötzlich vollbringen, was ihm seine sonstigen Wortmeldungen mit beklemmender Verlässlichkeit verweigern, ist von so viel unergründlichem Optimismus und Zuversicht, dass man gar nicht weiß, gegen welche dunklen Wolken Merz da noch anreden sollte. [….] Über die Fettnäpfchen-Frequenz des Kanzlers wurde sich hier schon häufig gewundert , aber nur um seinen Fleiß in der Produktion rhetorischer Ausfälle noch mal in Erinnerung zu rufen: Nur wenige Tage vor den Buhrufen der Gewerkschafter hatte derselbe Rhetoriker bei einem Bürgerdialog in Salzwedel einer Mutter, die für ihr behindertes Kind sprach, die Frage zugemutet, ob es denn »unbedingt notwendig« sei, dass jedes einzelne Kind mit Behinderung eine eigene Schulbegleitung erhalte.
Eine andere, unheilbar an Hautkrebs erkrankte Bürgerin hatte Merz auf derselben Veranstaltung eine Einladung zu ihrer eigenen Beerdigung überreicht, um auf ihre prekäre Lage hinzuweisen – und wurde als Dank von ihm wegen einer angeblichen Falschbehauptung belehrt. Von diesem charismatischen Redner also erhofft man sich den nationalen Pep Talk?
Doch selbst wenn dieser Kanzler Ciceros Wiedergeburt wäre: Auf das Fantasma der erlösenden Rede könnte man dennoch nicht bauen. Es gibt in der politischen Imagination die nachvollziehbare Sehnsucht nach dem vereinenden Wort, dem einen Auftritt, der später in die Geschichtsbücher als der Moment der Verbesserung der Umstände eingehen wird. Ein Kanzler oder eine Kanzlerin tritt vor das Parlament, spricht aus, was zu sagen ist, und die Republik – so die Vorstellung – ändert ihren Kurs. [….] Wer auf die Ruckrede hofft, hofft vergeblich – und sollte lieber auf eine nüchterne Einsicht setzen: Friedrich Merz braucht keine Ansprache, um das Land zu mobilisieren, zu inspirieren, ja, zu elektrisieren. Er bräuchte schlicht: eine bessere Politik. [….]
(Samira El Ouassil, 16.05.2026)
Das Problem ist nur, liebe Frau El Ouassil, „bessere Politik“ kann Merz erst Recht nicht. Dazu fehlen ihm Intellekt und Mindset.





