Sonntag, 10. Mai 2026

Altern – Teil I

Wer in seinen Zwanzigern Kinder bekommt, dadurch gezwungen ist, seine Individualität etwas runterzuschrauben, weil man Verantwortung übernimmt, um sich um die Bedürfnisse seiner Ableger zu kümmern; wer entsprechend in seinen Fünfzigern Enkel generiert und damit gleich in mehrere Nachfolgefamilien involviert ist, altert auf natürliche Weise.

Derjenige nabelt sich automatisch mehr von den eigenen Eltern und Großeltern ab, weil sich der Fokus stark auf den eigenen Nachwuchs richtet.

Über Jahrzehnte habe ich das in Alters- und Pflegeheimen beobachten können: Die wirklich vereinsamten Geronten haben Kinder, die wiederum eigene Kinder haben, um die sich vordergründig gekümmert wird. Das ist „natürlich“ und insofern ist es naheliegend; Oma im Heim zu vernachlässigen.

Wer kinderlose Kinder hat, pflegt in der Regel einen viel engeren Kontakt zu ihnen, wird viel häufiger besucht. Es mag auf den ersten Blick überraschend sein, aber am wenigsten leiden in Pflegeheimen kinderlose Alte unter Einsamkeit, weil sie ihr ganzes Leben über gelernt haben, Kontakte außerhalb der Blutsverwandtschaft zu pflegen und generell selbstständiger sind.

Jeder Kinderlose kennt das Phänomen aus seinem Freundeskreis: Wenn die Altersgenossen mit Nestbau beginnen und Babys aus den Geburtskanälen pressen, werden sie schlagartig langweilig, sind für alle möglichen Unternehmungen nicht mehr zu haben und drehen sich thematisch nur noch um den eigenen Nachwuchs. Kaum eine junge Mutter, kaum ein junger Vater versteht, wie uninteressant die physischen und mentalen Mini-Entwicklungsschritte ihrer Brut für andere sind. Baby-Bilder sind wie Dia-Abende der 70er und 80er: Reiner Egoismus, den man nur aus Höflichkeit mitmacht, aber möglichst vermeidet.

Selbstverständlich sind nicht alle jungen Eltern Idioten. Einige ahnen durchaus, wie wenig Enthusiasmus die Themen Windelmarken, Kitasuche, „Schnuller – ja, oder nein“ und „auf Töpfchen gehen“ bei feuchtfröhlichen Runden unter Twens auslösen, die sich bisher gegen Nachwuchs entschieden.

Daher wenden sie sich gezielt anderen jungen Eltern zu, die sie schon in ihren Geburtsvorbereitungskursen massenhaft kennenlernen und bilden ganz neue soziale Strukturen.

Junge Eltern nerven! Und es wird schlimmer, weil Smartphone und soziale Medien so viele Möglichkeiten bieten, sich selbst zu inszenieren. Zudem werden Geschlechtsverkehr und Gebären medial und politisch extrem gehyped. Keine Partei, die sich nicht selbst als besonders familien- und kinderfreundlich feiert.

Nach meiner Beobachtung sind aber gerade die heute über 70-Jährigen, die ihre eigenen Kinder über alles lieben, besonders kritisch, weil sie vor einem halben Jahrhundert zwar häufiger Kinder bekamen, aber das Kinder-Haben entsprechend selbstverständlicher war und nicht 24/7 als Großtat inszeniert werden musste.

Als Kinderloser beobachte ich immer mehr zarte Versuche der Gesellschaft, sich Freiräume zu suchen. Man bekommt Einladungen mit dem Hinweis „Adults only“, geht in entsprechende Restaurants, bucht Urlaube in Hotels, die nicht von Kleinkindgeschrei gestört werden. Das geschieht natürlich in aller Stille, weil der Shitstorm sicher ist. Wehe dem Wirt, der eine säugende Mutter bittet, nicht coram publico ihre Brüste zu zeigen, um das Gör anzulegen. Wehe dem Gastronomen, der ab 20 Uhr nur noch über 14-Jährige einläßt.

Das muss Ärger geben, weil sich jemand diskriminiert fühlt. Weil es unfreundlicherweise auch die Eltern trifft, deren Kinder keine Nervensägen sind.

Als Kinderloser weiß ich; der PR-Streit ist nicht zu gewinnen. Man verlange niemals offensiv, eine kinderfreie Umgebung, sondern meide sie auf subtilere Weise.

Erstaunlich an der Fortpflanzerei, ist die bis heute anhaltende Darstellung der Familie als „Normal-Model“ als „Keimzelle der Gesellschaft“, das Bedauern, welches Singles und Kinderlosen entgegen gebracht wird.

Dabei sind Single-Haushalte ein Zeichen von Wohlstand und persönlicher Entfaltung. Je reicher die Menschen sind, desto mehr von ihnen leben allein. Offenbar strebt man nach Individualität und Unabhängigkeit, die man sich aber oft nicht leisten kann.


[…] Hamburg ist eine echte Single-Hochburg! In mehr als der Hälfte aller Haushalte lebt nur eine Person. Das zeigen neue Zahlen des Statistischen Amts für Hamburg und Schleswig-Holstein für das Jahr 2025.

In 55,4 Prozent aller Hamburger Haushalte lebte im vergangenen Jahr demnach nur eine Person. Außerdem gibt es nur in rund jedem sechsten Haushalt Kinder. Der Vergleich zum Vorjahr zeigt, dass der Anteil der Haushalte mit Kindern ziemlich konstant blieb. Insgesamt gab es in Hamburg rund 1.078.000 Haushalte, davon sind 598.000 Single-Haushalte. Die Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr konstant.  […]

(MoPo, 05.05.2026)

Wohnen ist teuer. Haushalte mit Kindern sind eine extrem Minderheit, auch wenn sich medial und politisch alles um sie dreht.

Über 55% Single-Haushalte. Über 82% kinderlose Haushalte!

[…] In rund jedem sechsten Hamburger Haushalt leben Kinder

In Hamburg gab es im Jahr 2025 rund 1 078 000 Haushalte. In rund jedem sechsten dieser Haushalte (17,5 Prozent) lebten Kinder, so das Statistikamt Nord. Gegenüber dem Vorjahr blieb der Anteil der Haushalte mit Kindern unter 18 Jahren nahezu konstant (minus 0,2 Prozentpunkte). […]

(Statistik informiert … Nr. 74/2026)

Wir sind eine riesige Mehrheit, werden aber als bedauernswerte Ausnahmen betrachtet.

Angesichts der weltpolitischen Lage, kann ich nicht oft genug betonen, wie dankbar ich bin, keine Nachkommen zu haben, um die ich mich sorgen muss.

Klimatod, Atomkrieg, Pandemie, Rechtsextremismus, Autokratie – es wird sehr übel werden. Ich bin glücklich, meine Familiengene als letzter auf diesem Planeten zu vertreten.

Aber als Kinderloser war ich, so lange meine Eltern lebten, selbst zu 100% Kind, habe beide gepflegt.

Anschließend sprang ich direkt in die Gerontenperspektive.

Ich alterte nicht natürlich, wie diejenigen, die nach und nach Eltern, bzw Großeltern werden. Die Phase des „normalen Erwachsenen“ ging an mir vorbei.

Ich fühlte mich viele Jahrzehnte als Angehöriger der jungen Generation und wechselte abrupt; auch bedingt durch physische Verfallserscheinungen; in die greise Generation. Aber gut. Das ist auch besser so, während noch viel Greisere – Putin, Merz, Trump, Bibi – den Planeten abfackeln und es ohnehin keine Zukunft gibt.