Zugegeben; ich kann mich der Faszination von Umfragedaten nicht entziehen. Ich lese politische Umfragen, ich nehme an ihnen teil, ich beurteile die Seriosität der Zahlen (die Landtags- und Bundestagswahlen tatsächlich sehr präzise prognostizieren), ich ärgere mich über die wahlbeeinflussende Wirkung der Daten und halte viele Fragestellungen für skandalös tendenziös.
So wird beim Themenkomplex „Migration“ nach der Wichtigkeit des Themas und der Zufriedenheit mit der Migrationspolitik gefragt. Dabei wird erkennbar jede Kritik am Ist-Zustand, als Wunsch nach weniger Migration und härteren Maßnahmen gewertet. Daß man (wie ich zum Beispiel) sehr unzufrieden mit der Migrationspolitik ist, weil man offene Grenzen, Familiennachzug und mehr Migration möchte, wird bei den vorgegebenen Antwortmöglichkeiten gar nicht eingeplant.
Etwas Ähnliches lässt sich bei den aktuellen Befragungen rund um den Spritpreis erkennen. Jede Unzufriedenheit mit der Preisentwicklung, jede Kritik an den Maßnahmen der Bundesregierung, wird offenkundig als Wunsch nach niedrigeren Benzinpreisen gewertet; insbesondere, wenn man (wie ich zum Beispiel) vorher als Halter und Fahrer eines Autos mit Verbrennungsmotor identifiziert wurde. Ich finde aber, die Spritpreise sind zu niedrig und sollten noch deutlich höher sein, um mehr Anreize zum Benzin-Sparen und Umstieg auf E-Mobilität zu generieren.
Wenn ich aber angebe, „unzufrieden“ mit den Tankstellen-Regelungen der Bundesregierung zu sein, leiten die Demoskopen daraus den Wunsch nach mehr Maßnahmen zur Entlastung der Autofahrer ab.
Also vorsichtig mit Umfragedaten zu Sachfragen.
Ärgerlich erscheint mir, wie sehr linke und rechte Journalisten/Influencer/Politiker Umfragedaten als Todschlagargument nutzen. „Die Bürger wollen das aber!“ „Zwei Drittel der Befragten sind dafür!“ „Das wird von einer großen Mehrheit ablehnt!“
Hier wird einer Diktatur der Inkompetenz die Tür geöffnet, denn der Durchschnittsmensch auf der Straße ist signifikant schlechter informiert, als Berufspolitiker, die sich rund um die Uhr mit den Themen beschäftigen. Der 0815-Bürger denkt egoistischer, kurzsichtiger und gelegentlich auch unmoralischer, als sein gewählter Vertreter. Aus gutem Grunde lässt man keine Volksabstimmungen zu Todesstrafe oder Folter zu.
Eine Mehrheitsentscheidung muss noch lange nicht die richtige Entscheidung sein.
Im Gegenteil, ich erwarte von seriösen Politikern, relevante Zukunftsprojekte auch gegen die mehrheitliche Skepsis der Bevölkerung zu betreiben, indem sie werben und Überzeugungsarbeit leisten.
Gleichwohl befinde ich mich in einigen Sachfragen im Einklang mit großen Mehrheiten, die etwas anderes als die Parlamentarier wollen, weil diese, meines Erachtens, zu großem Lobby-Einfluss unterliegen. Ein Beispiel dafür ist das individuelle Recht auf Sterbehilfe. Die allermeisten Menschen wünschen sich die Möglichkeit, im Extremfall auf eigenen Wunsch friedlich mit einer schmerzfreien Injektion ihr Leiden zu beenden. Politische Mehrheiten dafür sind aber nicht in Sicht.
Das führt zu einer weiteren Problematik der „eine Mehrheit wünscht sich“-Argumentation. In vielen Fällen gibt es im Volk zwar durchaus eine klare Majorität für eine bestimmte Politik, aber dieselben Menschen, die dies in Umfragen ausdrücken, wählen nicht entsprechend, sondern stimmen immer wieder dezidiert gegen ihre eigenen Interessen.
Das beste Beispiel sind die AfD-Mehrheiten in Ostdeutschland, die offenkundig einer Lust an der Destruktivität entspringen, obwohl viele Braun-Wähler selbst ahnen, daß die extrem asoziale AfD-Politik zu Gunsten der Superreichen, in die Praxis umgesetzt, die Wirtschaft ruinieren und ihren eigenen Wählern massiv schaden würde.
Ich habe es gründlich satt, immer wieder zu lesen, was sich die deutschen Wähler alles mehrheitlich wünschen, weil sie nun einmal nicht danach wählen!
Seit Jahrzehnten empfinden es die 90% der gesetzlich Versicherten als ungerecht, nur „Zweite-Klasse-Patienten“ zu sein. Privatversicherte sind besser gestellt und dennoch gibt es auch unter ihnen viele, die damit hadern, weil sie nicht wechseln können und von den Kosten aufgefressen werden. Ich zum Beispiel.
Da trifft es sich gut, daß Linke, Grüne und SPD seit langer Zeit mit Konzepten zur einheitlichen Bürgerversicherung antreten. Der Fall ist parteipolitisch eindeutig. Die Bürgerversicherung könnte sofort kommen, wenn es RRG-Mehrheiten in beiden Kammern gäbe. Die Privatversicherten-Lobby hat andererseits FDP, CSU und CDU (und auch die AfD?) fest im Griff. Schwarz und Gelb erheben es zu ihren absoluten Essentials, die Privilegien der Privatversicherten zu schützen.
Solange also der Urnenpöbel Bundestag und Bundesrat so zusammenstellt, daß Mehrheiten ohne FDP/CDU/CSU nicht möglich sind, wird es keine Bürgerversicherung geben und bei der ungerechten Zweiklassenmedizin bleiben.
Entsprechende Befunde gelten für Tempolimit, Vermögenssteuern, den Wunsch nach bezahlbaren Mieten oder Multimilliardäre zur Kasse zu bitten. Steuerschlupflöcher zu schließen, Steuerbetrug zu ahnden, die soziale Schwere wieder zu schließen, Bildung unabhängig vom Portemonnaie der Eltern zu ermöglichen.
[….] 80 Prozent finden die Wohlstandsverteilung ungerecht. Die Politik sollte froh sein, dass die Menschen politische Mittel fordern – und nicht einfach alles anzünden. [….] Das Leben in Deutschland wird immer teurer, doch die Verteuerung trifft nicht alle gleich. Während viele Menschen nicht mehr wissen, wie sie ihre Miete oder ihre Lebensmittel bezahlen sollen, wächst die Zahl der Superreichen in diesem Land. 3.900 Menschen besitzen heute ein Drittel des gesamten Finanzvermögens, das aus Familienunternehmen, Einzelhandel oder Industrie stammt. [….] Dass mit der Verteilung des Wohlstands in diesem Land etwas falsch läuft, ist mittlerweile Mehrheitsmeinung in Deutschland. Laut einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap, die von der ARD beauftragt wurde und für die 2.000 Menschen aus verschiedenen Alters- und Einkommengruppen befragt wurden, finden 81 Prozent der Deutschen es ungerecht, wie der Wohlstand verteilt ist. Nur 15 Prozent empfinden den Status Quo als gerecht.
Komisch ist, dass sich dieses Gefühl der Ungerechtigkeit nicht in den Wahlergebnissen der Bundes- und Landtagswahlen widerspiegelt. Doch es zeigt zumindest, dass die Mehrheit etwas an den Zuständen ändern möchte. 64 Prozent fänden es demnach gut, wenn die Vermögenssteuer zurückkehrt, 61 Prozent, wenn die Steuer auf hohe Erbschaften angehoben würde. [….]
(Carolina Schwarz, 27.04.2026)
Man müsste Deutschland nicht brennen lassen, man müsste es nicht erst einer destruktiven faschistischen Regierung unterwerfen, wenn die Wähler einfach etwas weniger blöd wären. Wenn sie rational und nach Parteiprogrammen wählten, statt sich von ihren rechten Blasen und Bauchgefühlen, ihrem Hang nach Rache und Denkzettel leiten zu lassen.



