Montag, 4. Februar 2019

Gerd Schröder geht um


Nichts triggert die Cortisol-Produktion in den Hirnen vermeidlich linker Sozialdemokraten so sehr wie Meinungsäußerungen des letzten SPD-Kanzlers.
Man kann niemand so leidenschaftlich hassen wie denjenigen, den man mal liebte.
Dieser Typ, der in Niedersachsen zweimal die absolute Mehrheit für die SPD holte und im Bund 41% erzielte.
41% Schröder versus 14% Nahles.
Dazwischen liegen politisch gesprochen nicht nur Welten, sondern Galaxien.
Oh, wie sie den Altkanzler für seine sagenhaften Erfolge hassen und pawlowsch sabbernd „Gas-Gerd“ und „Putin-Freund“ ausspeien.
Im Jahr 2019 ist der INF-Vertrag zerstört und wir stehen unmittelbar vor einem neuen atomaren Wettrüsten in Europa. Kaum noch vorstellbar, daß eben dieser Putin als Regierungschef als Freund auf Deutsch vor dem Bundestag sprach, daß Berlin und Moskau gemeinsame Kabinettssitzungen abhielten, ihre pazifistische Außenpolitik (gegen den Irakkrieg) koordinierten, daß sich die Regierungschefs so gut verstanden, daß sie Geburtstage und Weihnachten privat zusammen verbrachten, daß der russisch-deutsche Handel blühte. Eine echte Freundschaft zwischen Russen und Deutschen entstand. Deutsche Schweinezüchter zogen auf russische Steppen, das Hamburger Partyvolk strömte zu den Weißen Nächten der Partnerstadt St. Petersburg, russische Schriftsteller und Musiker ließen es sich in Berlin gutgehen.

20 Jahre später hassen wir uns wieder. Deutsche Soldaten stehen als NATO-Verstärkung in den Baltischen Staaten unmittelbar vor der russischen Grenze, es herrschen strikte Wirtschaftssanktionen und wir installieren wieder Atomraketen gegeneinander.

Wir urteilen nun moralisch und nicht pragmatisch.
Daher lehnen wir die Erinnerungen an das goldene deutsch-russische Zeitalter unter Schröder empört ab. Dieser Gas-Gerd.

Schröder teilt zu allem Übel auch noch gegen Andrea Nahles und Kevin Kühnert aus.
Die Seele der sozialdemokratischen Facebookgruppen kocht über.
Dieser Putin-Freund! Ist der nicht überhaupt schon das fünfte mal verheiratet?

Die gegenwärtige Partei- und Fraktionsvorsitzende der SPD hat dabei allen Grund ihren Vorvorvorvorvorvorvorgänger (Schröder, Müntefering, Platzeck, Beck, Müntefering, Gabriel, Schulz) zu fürchten.

Aus zwei Gründen.

1.) Gerhard Schröders Anmerkungen aus dem aktuellen SPIEGEL sind alle richtig.

Wohl schon ein biss­chen. Ich habe im­mer ver­sucht, in kur­zen Sät­zen zu spre­chen und nicht aus­zu­wei­chen. Die Bun­des­um­welt­mi­nis­te­rin hat neu­lich ge­zeigt, wie man es nicht ma­chen soll­te. Sie wur­de ge­fragt, wie sie zum Tem­po­li­mit steht. Und an­statt zu sa­gen, ich bin da­für oder da­ge­gen, sagt sie, man wer­de ei­nen Plan vor­le­gen in der Re­gie­rung, und man müs­se die Din­ge im Ge­samt­zu­sam­men­hang se­hen. Solch eine Spra­che kommt so ver­klau­su­liert und so ängst­lich da­her, dass sie kei­nen be­wegt. Da muss man sich dann auch nicht wun­dern, wenn ei­nen nie­mand mehr ver­steht.
(Gerd Schröder, 02.02.2019)


[….] SPIEGEL: Wir ha­ben den Ein­druck, der gan­zen SPD ist die Spra­che ver­lo­ren ge­gan­gen. Ist das »Bät­schi« von Par­tei­che­fin An­drea Nah­les ein Er­satz für Ihre »Fla­sche Bier«?

Schrö­der: Das sind Ama­teur­feh­ler. Sie war da­mals zwar noch nicht Vor­sit­zen­de, aber so drückt man sich ein­fach nicht aus. Übri­gens kann Schlam­pig­keit auch im Klei­dungs­stil au­ßer­or­dent­lich kon­tra­pro­duk­tiv sein, ins­be­son­de­re bei SPD-Wäh­lern. Da­mit mei­ne ich nicht Frau Nah­les, aber das muss man wis­sen. Die Vor­stel­lung, dass SPD-Wäh­ler es am liebs­ten hät­ten, wenn man mit ei­nem Ka­pu­zen­pul­li zum Par­tei­tag geht, ist ein Feh­ler. Ge­ra­de un­se­re Leu­te er­war­ten, dass wir ver­nünf­tig auf­tre­ten. [….]
Schrö­der: Mit So­zi­al­po­li­tik al­lei­ne nicht. Wenn uns nicht eine Mehr­heit der Men­schen öko­no­mi­sche Kom­pe­tenz zu­bil­ligt, wer­den wir nicht wie­der den Kanz­ler stel­len. Wer glaubt, dass die SPD er­folg­reich ei­nen Kanz­ler­kan­di­da­ten ohne die­se Kom­pe­tenz auf­stel­len könn­te, der irrt.
SPIEGEL: Hat An­drea Nah­les die­se öko­no­mi­sche Kom­pe­tenz?
Schrö­der: Ich glau­be, das wür­de nicht mal sie selbst von sich be­haup­ten.
SPIEGEL: Wer hat sie dann?
Schrö­der: Je­mand wie Olaf Scholz hat schon be­wie­sen, dass er was von Wirt­schaft ver­steht. Und er hat er­folg­reich Ham­burg re­giert. Gu­tes Re­gie­ren ist Vor­aus­set­zung für ei­nen er­folg­rei­chen Po­li­ti­ker, es reicht aber nicht. Man muss es auch nach au­ßen kom­mu­ni­zie­ren.
SPIEGEL: Was ist mit Sig­mar Ga­bri­el?
Schrö­der: Sig­mar Ga­bri­el ist viel­leicht der be­gab­tes­te Po­li­ti­ker, den wir in der SPD ha­ben. Er ist nur in der Par­tei ein paar Leu­ten zu fest auf die Füße ge­tre­ten. [….]
(DER SPIEGEL, 06/19)

2.)Gerd Schröder wird gehört.

Was er sagt hat nicht nur Hand und Fuß, sondern er verfügt über die Gabe Aufmerksamkeit zu erregen. Positiv wie negativ. Insbesondere die, die ihn nicht mögen reagieren empfindlich wie Seismographen auf jeden seiner Sätze.
Er hat die Fähigkeit sich so auszudrücken, daß seine Botschaft inhaltlich bei den meisten Menschen ankommt.
Nahles hingegen plappert ein derartig von der Realität entferntes Politiker-Sprech, daß sie es selbst mit ihrem fatalen Hang zu Vulgarität, Lautstärke und Infantilismus kaum noch schlimmer machen kann.
Sie ist als Parteivorsitzende so unfähig, daß selbst echte Politjunkies sie sofort vergessen.
Ich muss Minutenlang googeln bis ich wieder vergegenwärtigt hatte, was Nahles nach dem letzten Mega-Koalitionskrach und den katastrophalen Landtagswahlergebnissen von sich gab. Erst hieß es immer „Neustart“, dann aber hatte sich die Parteibürokratin etwas Neues ausgedacht, nämlich einen „konkreten Fahrplan für die Koalition“. Oder war es „Arbeitsplan“?
Und was war noch mal der Unterschied zu allen vorherigen Absichtserklärungen? Was steht im Koalitions-Fahrplan anderes als im Koalitionsvertrag?

Das ist Nahles. Schon nach zwei Monaten ist längst alles vergessen, was sie gesagt hat. Wie viele von hundert Menschen auf der Straße könnten beantworten, was in Nahles‘ „konkreten Koalitionsfahrplan“ steht?
Weiß auch nur eine Woche später noch jemand welche Position die SPD-Umweltministerin zum Tempolimit vertritt?

Schröder hingegen ist so einprägsam, daß man noch 20 Jahre später genau weiß was er meinte.

Ja, Koalitionen müssen Kompromisse machen.
Aber das kann man kommunizieren und muss sich nicht feige wegducken, bzw mit wolkigem Blabla wegreden.
Obwohl es dafür eine Mehrheit im Bundestag gibt, traute sich die SPD nicht.
OK, kann man machen, aber dann muss man laut und deutlich sagen: „Wir sehen es anders, aber der Fortbestand der Groko ist uns wichtiger, weil…“
Doch ausgerechnet während die SPD das erste mal von einer Frau geführt wird, traut sie sich nicht eine feministische Position einzunehmen.
Ist die Partei etwa Opfer der fanatischen Religiotie der Nahles?

[…..] Eigentlich ist es irre: Eine letztlich semantische Frage führt im 21. Jahrhundert eine Große Koalition beinahe an den Rand des Zusammenbruchs. Und alles nur, weil Menschen seit zwei Jahren laut dafür kämpfen, dass das, was 1933 für die Nazis "Werbung für Abtreibung" war, heute als "Information über Abtreibung" gelten sollte.
[…..]  die neue Debatte über Abtreibungen" dokumentierte teils den grandios rumeiernden Zustand der SPD, die noch vor einem Jahr den Paragrafen knallhart ganz streichen wollte. Und zeigte zudem, wie überholt das Frauenbild wirkt, das hinter dem Gesetz steckt. Im Zuge von #MeToo eigentlich kaum noch vorstellbar. […..]   Sieht man davon ab, dass Philipp Amthor sich beharrlich um Anne Wills Fragen nach seinem Engagement für jenen populistischen Verein "Durchblick" herumgedrückt hat, als ob ihm diese Leute auch peinlich wären ("Ich bin keine Projektionsfläche für alles, was im Lebensschutz passiert"); und ignoriert man, dass er der Frauenärztin Kristina Hänel vorhielt, sie sei wissentlich Wiederholungstäterin und erst einmal grundsätzlich für Abtreibungen (was sie beides fix als falsch entlarvte), dann muss man sagen: Wenn man Amthor beim Wort nehmen kann, könnten Parlamentsdebatten rund um Frauenrechte in Zukunft weniger reißerisch ablaufen. […..] 

Selbst die konservative WELT, in der die braun-christliche Kristina Schröder als Kolumnistin gegen Frauenrechte wettert, räumt ein, wie schlecht der CDU-Mann aussah. Nur die SPD schaffte es nicht zu profitieren.

[…..] Bei Twitter war Philipp Amthor am Sonntagabend unten durch. Noch während die Sendung lief, machte sich bei dem Kurznachrichtendienst die Häme über den jungen CDU-Politiker aus Mecklenburg-Vorpommern breit. […..] Der Grund für die Häme: Amthor verteidigte in der Talkshow von Anne Will den Kompromiss zwischen CDU und SPD zum viel diskutierten Paragrafen 219a, den das Kabinett am Mittwoch beschließen will. Amthor, der sich selbst als „Lebensschützer“ bezeichnet, ist dafür, dass das sogenannte Werbeverbot für Abtreibungen weiterhin bestehen bleiben soll.
[…..] In der Berliner Regierungskoalition gab es wegen der Initiative gegen das Gesetz bereits Streit. Die SPD spricht sich schon länger für eine Streichung des Paragrafen aus – genauso wie Linke, Grüne und Teile der FDP. Im März 2018 hätte diese Mehrheit im Bundestag den 219a sogar beinahe schon einmal gemeinsam zu Fall gebracht, doch dann schreckten die Sozialdemokraten vor einer offenen Konfrontation mit der CDU zurück.
[…..] Der sozialdemokratischen Familienministerin Franziska Giffey kam in der Talkshow die Rolle zu, die ausgehandelte Einigung zu verteidigen. […..] „Wir sind nun einmal in einer großen Koalition“, sagte die Ministerin nüchtern. [….]

Schröder hätte sich garantiert nicht feige im Willy Brandt Haus versteckt, sondern die öffentliche Diskussion dominiert, den Schwarzen Peter der CDU/CSU zugeschoben.
Nahles hingegen schafft es, die SPD dumm dastehen zu lassen, während die CDU auf der anachronistischen Minderheitenposition beharrt.

Ein bißchen Hoffnung machen die neuen SPD-Positionen bezüglich der Respekt-Rente“ von Hubertus Heil.
Die CDU tobt und hält dagegen. GUT SO! Das kann den Volksparteien nur helfen, wenn sie klare antagonistische Positionen beziehen.

Ebenso positiv sehe ich den aktuellen Streit zwischen den Parteigenerälen Klingbeil und Ziemiak.
Der Sozi wendet sich klar gegen atomare Aufrüstung in Europa, der CDU-Mann aus Polen hält stramm dagegen und bettelt geradezu um neue US-Atomraketen in Deutschland. GUT SO! Fechtet das aus! Ich habe große Hoffnungen, daß die jeweilige SPD-Position die Populärere ist.

Schade nur, daß Andrea Nahles wie immer völlig abgetaucht ist und zu all dem rein gar nichts zu sagen hat.

Vielleicht tue ich ihr auch Unrecht. Möglicherweise äußerte sich die Doppelchefin doch schon zu diesen Themen.
Aber, siehe oben, sie ist eben Nahles, kann sich nicht ausdrücken und nicht kommunizieren.
Und man vergisst es sofort wieder, wenn sie irgendwas plappert.