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Samstag, 10. Oktober 2026

Die barbarischen Staaten von Amerika.

Mein Vater war US-Amerikaner, ich habe die US-amerikanische Staatsbürgerschaft (und werde sie leider auch nicht los), aber an das Leben in New York erinnere ich mich so gut wie gar nicht mehr, weil ich noch so jung war, als meine Familie nach Deutschland übersiedelte.

Unser Hausarzt machte sich Sorgen, um meine sprachliche Entwicklung. Bilingualität könne Kindergehirne schaden, man solle darauf achten, nur noch deutsch mit mir zu sprechen. Unglaublich, aber das war damals offenkundig der Wissensstand der Medizin. Für meine Eltern war es gar nicht leicht, weil mein Vater damals kein einziges Wort deutsch sprach und sich meine Eltern untereinander bis zu ihrem Tod nur auf Englisch unterhielten. Nach meiner Erinnerung fühlte ich mich nicht wie ein Ausländerkind, obschon ich durchaus einige englische Begriffe verwendete, von denen ich aber teilweise erst mit 10, 15, oder 20 Jahren Verzögerung begriff, daß es dafür andere deutsche Worte gibt, als die von mir Verwendeten. It is „Grown Ups Hour“ war das Signal für uns Kinder ins Bett zu gehen, „Tesa“ hieß bei uns „Scotch Tape“. „Ice Box“ wurde „Iceschrank“ und so weiter.

Am meisten prägte mich aber die immerwährende Sehnsucht meiner Mutter nach Amerika. Sie war einst aus voller Überzeugung aus dem kleinen, engen, spießigen Deutschland in die USA ausgewandert. In die große weite Welt. In unserer Wohnung, am Auto prangten die ikonischen „I Love New York“-Aufkleber bis heute verwende ich das Lawry's Seasoned Salt, das früher jeder, der in die USA flog, in größeren Mengen in seinem Gepäck für uns nach Hamburg bringen musste.

Mein Vater, der gebürtige Amerikaner, fand es aufregend in Europa zu leben. Er flog zwar regelmäßig in die USA, sagte aber immer demonstrativ „schön, wieder zu Hause zu sein“, wenn man ihn am Hamburger Flughafen in Empfang nahm. Meine Mutter hingegen haderte gemäß der alten „Konvertiten sind die Schlimmsten“-Erkenntnis damit in Deutschland; sie war anders als mein Vater oder ich, keine Amerikanerin durch den bloßen Zufall der Geburt, sondern US-Amerikanerin aus Neigung, obwohl sie nie die Staatsbürgerschaft bekam.

Ich wuchs also mit einem verklärten „in Amerika ist alles besser“-Bild auf und meine Mutter erwartete von mir, als Teenager oder spätestens zum Studieren, ebenfalls in die USA zu gehen. Das hatten meine deutschen Cousins auch alle getan und mir war es durch den US-Pass nun wirklich in die Wiege gelegt.

Aber als ich in das Alter kam, war Ronald Reagan, der global Cowboy, US-Präsident. Mit SDI wollte er den Sternenkrieg entfesseln und läutete die konservative Revolution ein. Meine Schule hatte eine US-Partner-Highschool und alle aus meiner Klasse, die dort waren, berichteten von dem unterirdischen Bildungsniveau. Deutschland sollte mit neuen US-Atomraketen Pershing II übersät werden, ich wurde politisch, ging auf die großen Friedensdemonstrationen und war, wie alle jungen Teenager aufmüpfig, stellte alles in Frage, das meine Mutter vorlebte. Da sie Amerika so liebte, fand ich Amerika natürlich erst Recht scheiße. Die übliche rebellische Phase der Kinder; das wußte sie schon. Aber mit meinem pauschalen „USA = Scheiße“ konnte ich meine Mutter höchst erfolgreich triggern. Nicht nur, weil es das Land traf, das sie so liebte, sondern weil sie zu Recht der Meinung war, ich solle mir das erst mal in Ruhe ansehen, bevor ich urteile. Daher würde sie mich auch finanziell unterstützten, wenn ich dort auf ein College gehen wolle.

Men bedenke, es war die Zeit vor Internet und Klugtelefon, sogar vor dem Kabel-Fernsehen. Über die USA wurde man nur durch Lesen und Reportagen im ZDF und ARD informiert. Von den US-Verwandten kamen Fotos, Briefe und Päckchen. Aber wir sprachen nur sehr selten mit ihnen, weil Ferngespräche astronomisch teuer waren. Richtig kennenlernen konnte man NY nur, indem man dort eine Weile lebte.

Hätte ich das mal getan, denke ich heute. Aber damals war ich viel zu uneinsichtig. Ich konnte nicht zugeben, im Unrecht zu sein und hatte auch wirklich keine Lust dazu.

Spätestens in meinen Twen-Jahren wurde mein Blick differenzierter. Ich begriff, was für eine heterogene Angelegenheit die USA sind, wie ungerechtfertigt es ist, ausgerechnet „die Amis“ über einen Kamm zu scheren. Ich lernte amerikanische Dinge zu schätzen, die sie einfach besser können: Musik, TV. Bis heute ist es undenkbar, daß Deutsche so hochwertige Unterhaltung, wie Sopranos, Breaking Bad, Six Feet Under, House Of Cards, Northern Exposure, Shameless produzieren könnten.

Da meine Mutter und ich längst von den Bäumen heruntergeklettert waren, sprach sie auch mit ehrlicher Empörung über die Gewalttätigkeit in den USA. Die durch Religion und Homeschooling weit verbreitete Verblödung der jungen Amerikaner. Den Waffenwahn, die Amokläufe, die Todesstrafe, die Vorliebe für Cage-Fights, die Akzeptanz von Folter, die geheuchelte Außenpolitik, die militärischen Attacken, auf jede politische Bewegung in der Welt, die einem Reagan oder Bush nicht gefiel.

Wir konnten es einfach nicht fassen, als schließlich, nach einer monatelangen peinlichen internationalen Shitshow, der intellektuelle Al Gore zurückzog und im Januar 2001 der völlig unterbelichtete Depp GWB US-Präsident wurde.

Am 11.September 2001 flogen dann unser aller Herzen der USA zu. Ausgerechnet in unserer Familienheimat, dem von meiner Mutter so heiß geliebten Manhattan. Ausgerechnet in Hamburg hatten einige der Attentäter sich vorbereitet.

Noch erstaunlicher war aber, wie die GWB-Administration es vermochte, in den nächsten anderthalb Jahren die überwältigende internationale Sympathie in ihr Gegenteil zu verkehren. Schließlich geschah das Undenkbare, ausgerechnet die stets so treue Bundesrepublik Deutschland sagte im UN-Sicherheitsrat „Nein“ zu den US-Plänen. Der Kanzler schmiedete Gegenallianzen, der deutsche Außenminister schleuderte den Amis sein berühmtes „Excuse me, I am not convinced“ entgegen. Unheard. Alles wußten es: Washington log. Aber Washington setzte sich  - wieder einmal – über das internationale Recht hinweg, griff den an 9/11 völlig unschuldigen Irak an und schaffte genau das tödliche Chaos, das jeder Experte prognostiziert hatte. Die US-Regierung erfüllte den größten Wunsch der Al Kaida: Es gab weltweit schwere Terrorattacken gegen US-Bürger, das Ansehen Amerikas sank auf den Tiefpunkt.

Der beste Freund meiner Eltern, ein jüdischer schwuler Drehbuchautor in NY, weinte gar in Telefonaten mit meiner Mutter vor Entsetzen über GWB: „What is he doing to our country?“

Das war nun eindeutig eine USA, die noch nicht einmal meine Mutter mehr schönreden konnte.

Meine Eltern starben versöhnt mit den USA, in der Obama-Zeit, mit dem endlich die Barbarei, der Rassismus überwunden zu sein schien.

Was für eine Fehleinschätzung, der auch einer der größten deutschen US-Fans aufsaß: SPIEGEL-Korrespondent Marc Pitzke, der vor über 30 Jahren nach New York auswanderte und sich zu einem so renommierten USA-Experten mauserte, daß er auch in US-Nachrichtensendern als Fachmann auftritt. Es war genau umgekehrt; die Wahl Obamas fachte den tödliche antidemokratische Furor und Rassismus der Christen und Konserevativen erst richtig an!

[…] »Ich glaube, wir haben alle einen großen Fehler gemacht, als Obama gewählt wurde. Alle haben gedacht, jetzt ist es eine neue Ära für Amerika, der Rassismus ist zu Ende.« […]  »Amerika hat einen schwarzen Präsidenten gewählt. Das Land ist jetzt versöhnt und genau das Gegenteil ist eingetroffen.«

»Obama im Weißen Haus, das ist natürlich etwas, was es noch nie gegeben hatte und es war das erste Mal, dass die schwarze Community hier in Harlem, aber nicht nur hier, sondern im ganzen Land, sich anerkannt fühlte, sich gesehen fühlten, dass man endlich tatsächlich mit an die Macht kam und nicht immer nur zusehen musste, wie andere die Macht hatten.«

»Die Obama-Jahre waren so eine falsche Idylle. Wir haben alle gedacht, dass wir diese ganze Zeit nach 9/11, diese Zeit der Verbissenheit und dieses falschen Patriotismus hinter uns lassen können. Und Obama hat aber genau das Gegenteil bewirkt. Nicht durch seine Taten und seine Aktionen, sondern einfach durch seine Präsenz und seine Existenz. Denn mit Obama hat sich der rassistische Unterbau von Amerika erst recht vereint. Und dahinter versteckte sich nicht nur politisches, sondern auch soziales und gesellschaftliches Denken. Dass sie sagen, es kann nicht sein, dass dieses Land von einem Schwarzen begeht wird. Und so entwickelt sich dann die Tea Party. Aus der Tea Party entwickelt sich Trump und die MAGA-Bewegung und dann kippt das alles in die andere Richtung zurück und den Salat haben wir heute noch.« [….]

(Marc Pitzke, SPIEGEL-Korrespondent)

Sein Abgesang auf sein Amerika gehört für mich zu den ganz großen journalistischen Stücken des Jahres. Kraftvolle Untergangsprosa.

[…] Selbst New York City, mein Zuhause, ist manchmal nur noch eine Kulisse der Reminiszenzen, zusammengehalten von Tesa und Sekundenkleber. Der Süden der USA wird bald ein unbewohnbarer Backofen sein, der Westen abgebrannt, die Küste untergegangen, doch der Klimawandel, glaubt man der Regierung, sei ein Schwindel. Verschwörungserzählungen sind das neue Dogma, Realität ist Fake News, Chaos regiert.  Leute verschwinden spurlos, verschleppt in Massenlager oder repressive Schurkenstaaten, die dafür bezahlt werden, in geheimen Deals mit der Trump-Regierung. Familien, Karrieren, Hoffnungen werden zunichtegemacht. Kinder hungern, Kranke sterben, Alte dämmern in Armut. Kapitalismus im Endstadium.

Die Ursünden der Nation sind wieder salonfähig. Rassismus, Sexismus, Homophobie, Geldgier, Patriarchat, religiöser Fanatismus. Am meisten leiden Minderheiten, denen man Menschenrechte nimmt, die sie so hart erkämpft haben. Die Barbarei der Politik sickert ins tägliche Leben, ein psychologischer »Trickle-down-Effekt«. Die Wärme, die ich lange spürte, selbst in den kalten Straßen von New York, die Gemeinschaft und die Hilfsbereitschaft, die uns auch und gerade in harten Tagen aneinandergebunden haben, weichen zusehends den Charakterzügen unseres digitalen Egotrips: Bosheit, Grausamkeit, Gewalt.

Und über all dem (und dem Gesetz) thront Donald Trump, Imperator von eigenen Gnaden, umringt von Hofschranzen, Mitläufern und Oligarchen. […]

(Marc Pitzke, 08.10.2026)

Er kann dort nicht mehr bleiben. 

Ja, ein hochgefährlicher zerstörerischer, debiler, rassistischer Lügner ist US-Präsident und reißt die Welt in den Abgrund. Aber schlimmer ist das große Versagen aller US-Institutionen und insbesondere der republikanischen Partei, die es nicht fertig bringt, den amerikanischen Sauron aus dem Oval Office zu zerren.

Das hässliche Amerika, die gewalttätige Nation ging mit dem Trumpismus in eine echte Barbarei über. Zivilisatorische Errungenschaften werden geschleift, Humanismus abgeschafft.

Trump verbündet sich offen mit dem Kriegsverbrecher Wladimir Putin.

Trump wettert gegen die von Putin angegriffenen und ermordeten Menschen.

Trumpmerica betrachtet das internationale Recht als Feind.

[….] Weitreichende US-Sanktionen Das Weltstrafgericht steht jetzt auf derselben US-Liste wie das Sinaloa-Kartell

Die USA verschärfen ihre Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof. Betroffen sollen künftig auch Unternehmen sein, die Geschäftsbeziehungen mit dem Gericht in Den Haag haben. Droht der Institution das Aus?  [….]

(SPON, 10.10.2026)

Die USA sind die Nation des Bestialismus.

[…] Unter Trump begeben die USA sich auf das Niveau des IS[…] Der Präsident und sein Verteidigungsminister wollen die Erschießung eines Mörders per Livestream übertragen. Sie bestehen also darauf, ihr Land weiter zu verrohen. […] Am 19. August 2014 verbreitete der Islamische Staat ein Video, es war nur dreißig Sekunden lang und etwas verwackelt. Zu sehen war der US-Journalist James Foley, kniend. Dahinter zwei maskierte Männer, einer hielt einen Säbel. Der Henker holte aus, schlug zu. Die Welt war entsetzt. Später sperrten große Plattformen die Kanäle des IS, um die Verbreitung solch barbarischer Propaganda-Videos zu unterbinden. […] Nun wollen die USA selber ein derartiges Video produzieren. Und sie gehen sogar noch weiter: Die ganze Welt soll am 3. Dezember per Livestream verfolgen können, wie Nidal Hasan von einem Erschießungskommando getötet wird. […] Öffentliche Hinrichtungen sind aus Ländern wie Iran oder Saudi-Arabien bekannt - aus Ländern mit einem ohnehin archaischen Rechtsverständnis. In den Verfassungen moderner demokratischer Staaten ist die Menschenwürde als unantastbar verankert - eine Idee, die mit einem Hinrichtungsspektakel nicht zu vereinbaren ist. In den USA verspricht der 8. Zusatzartikel der Verfassung  eigentlich Schutz vor „grausamen und ungewöhnlichen Bestrafungen“.  Das hält Verteidigungsminister Pete Hegseth nicht von seinem Vorhaben ab. Ihm gefällt das Außergewöhnliche und Brutale. „Das haben wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gemacht“, sagt er stolz, und Donald Trump spricht von „endgültiger Gerechtigkeit“. Mit Gerechtigkeit aber hat die Inszenierung einer Hinrichtung als Spektakel nichts zu tun. Wer einen Menschen im Augenblick seines Todes zur Schau stellt, will vor allem eines: seine eigene Grausamkeit demonstrieren. Das war beim IS nicht anders. […] Außenminister Marco Rubio sagte vor kurzem, die nationalen Interessen der USA bildeten die Grenze des Völkerrechts, diese gingen immer vor. Trumps Gönner Elon Musk bezeichnet Empathie als „Schwäche der westlichen Zivilisation“. […]

(Charlotte Walser, 10.10.2026)

Samstag, 15. August 2026

Keine vier Jahre

Es stimmt schon einiges daran, wenn die merzfreundlichen Kolumnisten ihren Lieblingskanzler gegen die a posteriori verklärte Merkel in Schutz nehmen.

Diese langen bräsigen Phasen einer Dauerkanzlerschaft, in der Kritiker mühelos ruhiggestellt werden, sind vorbei. 14 Jahre Adenauer, 16 Jahre Kohl, 16 Jahre Merkel. Da gab es selbstverständlich auch enorme Herausforderungen, globale Krisen und innerparteiliches Murren, aber einzelnen Kritikern auf Landes- oder Kommunalebene war es de facto unmöglich, sich öffentlich Gehör zu verschaffen.

[….] CDU-Revolte gegen den Kanzler: Was lehrt uns der Vergleich zwischen Merz und Merkel? [….] Nun ist Merz so kurz erst Kanzler, und schon kursieren in seiner Partei Ideen, ihn abzulösen. Haben sich also die Anhänger von Merz während der Merkel-Jahre verschätzt? [….]  Würden wir es heute noch 16 Jahre lang mit ein und derselben Person an der Spitze aushalten? Wir sind ungeduldiger geworden, so scheint es, aufgeregter. Selbst wenig bekannte Kritiker von Merz können das Internet als Hallraum nutzen, um ihren Frust zu verbreiten. [….]

(Susanne Beyer, 15.08.2026)

Heute kann jeder jeden Merz-Kritiker innerhalb der CDU mit ein paar Klicks auf seinem Telefon wahrnehmen. Wer den Kanzler nicht mag, kann sich 24/7 wohlig von Gleichgesinnten unterfüttern lassen. Da mussten Süßmuth und Geißler im Jahr 1989 ganz andere Anstrengungen unternehmen, um jemanden zu finden, der sie gegen den Kanzler und Parteivorsitzenden Kohl ausspricht.

Zudem kommen die täglichen Umfragen als Brandbeschleuniger hinzu. Fast immer wird über „die Sonntagsfrage“ so gesprochen, als sei es ein feststehendes Wahlergebnis. Selbst in den politisch interessierten Social Media Blasen, wird kaum reflektiert welche Fehlermargen es gibt, mit welcher Methodik das jeweilige Institut vorging, wie es politisch verortet ist, wie die Genauigkeit bei früheren Wahlen aussah und wer, mit welchen Absichten, Auftraggeber der Umfrage war.

Wahrecht.de schlüsselt es immer auf:

T = Telefon – telefonische Befragung von zufällig ausgewählten Personen

O = Online-Panel – internetbasierte Befragung von nach Quotenvorgaben ausgewählten Mitgliedern eines Befragten-Pools

F = Face to face – persönlich-mündliche Befragung von nach Quotenvorgaben ausgewählten Personen

TOM = T-O-Mix – Befragung per Telefon und per Online-Panel

TSM = T-SMS-Mix – telefonische und SMS-basierte Online-Befragung von zufällig ausgewählten Personen

„Die CDU nur noch bei 20%! Acht Punkte HINTER den Nazis!“ klingt dramatisch. Es ist auch dramatisch. Aber drei weitere Informationen sind notwendig. Erstens INSA (rechts!), zweitens BamS (rechts) und drittens TOM.

Aber es ist durchaus offensichtlich, wohin die demoskopische CDU-Reise mit dem Fritzekanzler geht: BERGAB!

Spätestens nach den zu erwartenden Wahlkatastrophen in Sachsen-Anhalt (06.09.26), sowie Berlin und Meck Pomm (beide am 20.09.26), wird die Bundes-CDU die 20%-Grenze nach unten durchschreiten. Damit dürfte allen Fraktionsmitglieder klar sein, wie wackelig ihr Sitz bezüglich der nächsten Wahl ist.

Es dürfte schwer bis unmöglich sein, mit einer 19-, 18-, oder 17%-Partei einen Bundeskanzler zu stellen.

Ich prognostiziere Panik- und Panikreaktionen in der CDUCSU.

SPIEGEL-Kolumnistin Beyer bedauert Merz; er wäre unglücklicherweise erst nach Merkel KLanzler geworden, nachdem diese linke Frau die CDU transformiert hätte und die Partei daher nicht mehr so gefügig auf zackige Ansagen von oben reagiere.

[….] Merz schien ja auch, anders als Merkel, perfekt in die CDU und ins Amt zu passen: Mann, Mitte-rechts, katholisch, westdeutsch. [….]  Für ihre Kritiker aber war es damals schwierig, Merkels Stärken zu sehen. Als Frau, als Ostdeutsche ohne typische Parteikarriere, als eher Mitte-links orientierte Protestantin in der katholisch geprägten CDU, schien sie nicht prädestiniert für die Rolle, die sie anstrebte. [….] Und noch etwas: Merkel hat die CDU und das Land mit einem moderierenden Stil geführt. Offenbar hat dieser Stil ihre Partei dann doch so geprägt, dass die robustere Art, mit der Merz vorgeht, heute schlechter aufgenommen wird, [….] Vielleicht also hätte sich Merz als Vorgänger Merkels besser geschlagen, als es ihm als ihr Nachfolger nun möglich ist. [….]

(Susanne Beyer, 15.08.2026)

Ich halte es für ziemlich unsinnig, Merkel immer noch als „links“ zu framen. Sie hat alle gesellschaftlichen Fortschritte blockiert (Nein zur Homo-Ehe!), den Umbau zu erneuerbaren Energien rückgängig gemacht (Altmaier-Dellen!), Milliardärs-Lobbyisten (Ackermann!) freien Zugang zum Kanzleramt bereitet, nationalistisch gegen EU-Interessen gehandelt (Austerität!), nach oben umverteilt, ein modernes Ausländerrecht verhindert, von „deutscher Leitkultur“ schwadroniert, das Zweiklassen-Gesundheitssystem betoniert, war engste Freundin des Golfkriegers GWB, dessen kriegsverbrecherischen Irak-Angriff sie vehement unterstützte.

Merz hatte nicht das Pech erst nach Merkel zu reagieren. Merkel hatte das Glück, nicht so dumm und borniert zu sein.

Sie lernte aus ihren Fehlern (Golfkriegsunterstützung, Kirchhof-Flattax), die sie eben niemals wiederholte und war in der Lage, ihre Worte abzuwägen. Sie verstand es hervorragend, wolkige Allgemeinplätzchen von sich zu geben, die niemanden verletzten und wußte ganz genau abzuschätzen, wer sich durch welche Bemerkungen angegriffen fühlen könnte. Sie war auch tief genug mit Details vertraut, um selbst bei schwieriger Materie (Corona!) nicht versehentlich irgendwelchen Unsinn zu erzählen, über den  Fachleute mit dem Kopf schütteln. Sie konnte sich beherrschen. Ihre vielleicht größte Stärke war es, sich nicht provozieren zu lassen. Sie war im besten Sinne stoisch und kaum durch politische Sticheleien zu triggern.

In jeder dieser Beziehungen scheint Merz das diametrale Gegenteil zu sein. Er ist immer wieder völlig überrascht davon, was seine Äußerungen für Wirbel verursachen, weil er nie vorher nachdenkt. Er ist chronisch schlecht vorbereitet, nicht mit der Materie vertraut, völlig erkenntnis- und beratungsresistent. Seine größten Schwächen sind aber seine Eitelkeit und Dünnhäutigkeit. Ständig fühlt er sich nicht genügend gewürdigt und ungerecht behandelt. Zu allem Übel kann er das nicht für sich behalten und gibt öffentlich immer wieder die beleidigte larmoyante Leberwurst. Mimimi, niemand hat es so schwer wie ich.

 


Das wäre auch schon schlecht angekommen, wenn Merz 2005 Kanzler geworden wäre. Das ist das eigentliche Problem des Fritzekanzlers, egal ob jetzt, oder vor 20 Jahren, egal on in der klassischen Medienwelt, oder online: Er kann es einfach nicht, Er ist charakterlich und intellektuell nicht für so ein anspruchsvolles Amt geeignet.

Schlechte Bundesumfragen nach den September-Landtagswahlen allein, mögen den CDU-Kanzler noch nicht aus dem Sattel heben. Aber im Gegensatz zu Merkel, ist er berüchtigt dafür, immer wieder die gleichen Fehler zu machen. So wird er mit einiger Wahrscheinlichkeit am 21.09.2026 irgendein Chaos anrichten, die Schuld abzuwälzen versuchen und beklagen, wie schwer er es hat.

Samstag, 4. April 2026

Militär ohne mich

Puh, das habe ich geschickt eingefädelt.

Als sozialphobischer Sportmuffel, befinde ich mich äußerst ungern eng mit Menschen zusammen an einem Ort, dem ich nicht entfliehen kann. Ein volles Konzert, ein Vorlesungssaal oder Wartezimmer sind schlecht, aber verursachen noch keine Panik, weil ich da theoretisch jederzeit rausgehen kann. Flugzeug, Bahn oder Schiff sind schon problematischer. Die lassen sich nicht jederzeit stoppen, um auszusteigen.

Am wenigsten mag ich Umgebungen voller Menschen, wenn die Körper selbst eine Rolle spielen, weil alle (wie im Freibad, oder Gemeinschaftsduschen) nackt sind, oder, noch schlimmer, sich extra zum Zwecke der körperlichen Aktivität versammeln: Sport, Krieg, Gruppensex, Fitness. Kaum etwas ist schlimmer, als bei „gutem Wetter“ an der Hamburger Außenalster zu sein, wenn dichte Pulks von Joggern unterwegs sind, man das kollektive Keuchen hört und bestialische Schweißschwaden hinterher wabern.

Als Kind und Teenager war meine Phobie noch nicht ausgeprägt. Zudem hielt ich mich selbst hartnäckig für einen Philanthropen. Naiv, ich weiß. Ich glaubte an das Gute im Menschen. Vermutlich lag es an jugendlicher Unbildung. Inzwischen bin ich lange aufgeklärt und wissend genug, um Misanthrop, Pessimist und Antinatalist zu sein. Meine heutige Lebensweise ermöglicht es mir glücklicherweise Menschenmassen, insbesondere solchen bei physischer Aktivität, auszuweichen.

Als Teenager empfand ich es sehr nachteilig, keinen deutschen Pass zu haben, da es beispielsweise erheblich schwieriger war, über das „Akademische Auslandsamt“ einen Studienplatz zu bekommen. Es brauchte Glück und mein NC musste sehr gut sein, weil keine Wartesemester anerkannt wurden. Ich brauchte eine Aufenthaltserlaubnis, um überhaupt in Deutschland zu sein. Zudem war ich politisch sehr engagiert und litt darunter, nicht in Deutschland wählen zu dürfen. Außerdem war da Berlin, das ich häufig besuchte, aber als US-Amerikaner jedes Mal auf der Transitstrecke von den DDR-Grenzern besonders belästigt wurde.

Aber während des Abiturs kamen die Musterungen. Alle meine Freunde verweigerten natürlich, aber auch das war nicht leicht, man musste durch die gefürchtete Gewissenprüfung und steckte anschließend fast zwei Jahre im Zivildienst. Nur ein extrem sportliches JU-Mitglied mit sehr reichem Vater wurde auf wundersame Weise mit so vielen Attesten ausgestattet, um gleich ausgemustert zu werden. Die Bonespurs-Varianten gab es auch im Deutschland er 80er Jahre.

Das hätte mir jedenfalls gar nicht gefallen; mich mit lauter fremden 18-Jährigen im Adamskostüm aufzustellen und von ollen Amtsärzten untenrum befummeln zu lassen. Deswegen mochte ich damals schon so gern Felix Krull.

Es war meine erste positive Erfahrung, US-Amerikaner zu sein: Keine Musterung für mich. Die Amis setzten ihre Wehrpflicht bereits 1973 aus. Mit 18 bekam ich meinen DRAFT-Bescheid, wurde also, wie alle männlichen US-Amerikaner weltweit vom Selective Service System (SSS) erfasst. Damit war ich verpflichtet, bis zum Alter von 25; unter bestimmten politischen Umständen bis 45 Jahren, meinen Aufenthaltsort dem SSS mitzuteilen, um im Kriegsfall doch zur US-Army eingezogen werden können. Das beunruhigte mich aber wenig. Für kleine Kriege reichte die US-Berufsarmee. Es müsste schon enorme Dimensionen annehmen, um 100 Millionen US-Amerikaner im passenden Altern zu draften. Dabei würde vermutlich nicht als Erstes auf diejenigen auf anderen Kontinenten zurückgegriffen. Zudem wäre es bei einem so großen Krieg schnell ein Atomkrieg und somit ohnehin irrelevant, ob ich eingezogen würde, oder nicht.

Tatsächlich war ich also mit 18 Jahren enorm jung, als ich anfing zu studieren. Ich hatte ein Jahr früher Abi gemacht, als die meisten und zudem weitere anderthalb bis zwei Jahre gespart, weil ich nicht beim Zivildienst war. Damals hielt ich es für einen tollen Vorteil gegenüber meinen männlichen Freunden.

(Leider ein Trugschluss. A posteriori weiß ich, wie unreif ich mit 18 war und hätte mit 21 sicherlich ein anderes Studienfach gewählt. Ich hätte sehr gern die Fakultät gewechselt, aber da war mir wieder das US-Pass im Weg. Als Ausländer durfte man nur einmal ein Studium in Deutschland anfangen. Möglicherweise liegt es an meinem Alter, aber heute glaube ich, zwei Jahre Zivildienst hätten mir gut getan. Damals lehnte ich den Gedanken natürlich strikt ab!)

Als ich 25 wurde, hing ich immer noch an der Uni rum und verdrängte den Gedanken an das SSS. Als ich 45 wurde, hatten GWBs Kriege zwar gezeigt, daß eine weltkriegsartige Eskalation für die US-Army möglich war, aber inzwischen war Obama Präsident und so verschlief ich auch das Datum, als ich endgültig aus dem SSS rutschte.

Weitere zehn Jahre später geschah, nach weit über einem halben Jahrhundert in Deutschland, das Wunder: Sie gaben mir den roten Pass! Die kostbare deutsche Staatsbürgerschaft; einfach so an mich verramscht!

Aber da lag Karl-Theodor von und zu Guttenbergs Geniestreich, die deutsche Wehrpflicht abzuschaffen, bereits mehr als eine Dekade zurück.

Nach 2022 dämmert es seinen Fans bei CDU und CSU: Das war ganz großer Mist und schadet uns für Jahrzehnte.

Aber so kennen wir es von CSU-Ministern; die richten immer Katastrophen an, unter denen wir noch Dekaden zu leiden haben. KTGs Freundin und Nachfolgerin im Amt der Wirtschaftsministerin tut es ihm nach. Auch sie wird Deutschlands Zukunft nachhaltig ruinieren.

Wie sich inzwischen herausstellt, kann Boris Pistoius zwar so eine Art Draft nach dem Muster des SSS einführen. Damit weiß man schon einmal, wie man die deutschen Männer zwischen 18 und 45 Jahren erreicht. Aber das ist das kleinste Problem. Die CSUCDU-Verteidigungsminister seither haben die Kasernen plattgemacht, die Feldjäger ausgedünnt, die Musterungsbüros aufgelöst, die Ausbilder entlassen. Es gibt schlicht und ergreifend nicht mehr die Strukturen, um alle wehrpflichtigen Männer eines Jahrgangs zu mustern und diejenigen, die nicht verweigern, durch die Grundausbildung zu schicken. Selbst Freiwillige, die zur Bundeswehr möchten, müssen lange warten, weil die Gebäude, die Ausrüstung, die Logistik, die Ausbilder nicht mehr existieren.

Minister Pistorius verfügt zwar über viel mehr Geld, als seine Amtsvorgänger, aber erstens kann er nicht einkaufen, was er will, weil das nicht abholbereit in den Regalen steht, sondern erst entwickelt und produziert werden muss. Zweitens ist da die Ukraine, die schon allein deswegen unterstützt werden muss, weil ein fortdauernder Krieg mit Russland im Interesse der schwachen europäischen NATO-Staaten liegt. Sie hängen mit ihrer Rüstung immer noch weit zurück und sind derzeit nur sicher vor Russland, solange die stärkste europäische Armee – nämlich die Ukrainische – Putin beschäftigt. Es ist pervers und amoralisch, aber „wir“, die EU, profitieren vom Sterben der Ukrainer, weil wir so lange sicher sind. Deswegen liefert Deutschland auch die Waffen, die Kiew braucht. Ein sofortiger Frieden hieße nämlich für Putin, daß er die Dank Trump sprudelnden Öl- und Gas-Einnahmen zur Aufrüstung verwendet, ohne Soldaten, Waffen und Munition zu verlieren.

Dem stünden eine viel zu träge NATO und EU gegenüber, die sich auf ihre große militärische Schutzmacht USA nicht verlassen können. Aber so langsam dämmert es einigen, wie ernst es für uns werden kann. 

[….] Mit dem neuen Wehrdienstgesetz müssen sich grundsätzlich alle Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren Auslandsaufenthalte von mehr als drei Monaten von der Bundeswehr genehmigen lassen. Diese Änderung des Wehrpflichtgesetzes (WPflG) , die mehrere Millionen Männer in Deutschland betrifft, ist am 1. Januar relativ unbemerkt in Kraft getreten und wurde öffentlich kaum diskutiert.

Das Bundesverteidigungsministerium bestätigte auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa entsprechende Informationen aus einem Bericht der »Frankfurter Rundschau« . Doch fügte ein Sprecher hinzu: »Wir werden aber durch Verwaltungsvorschriften klarstellen, dass die Genehmigung als erteilt gilt, solange der Wehrdienst freiwillig ist.« Ob sich betroffene Männer diese Genehmigung trotzdem praktisch einholen müssen oder was für sie gilt, bis die Verwaltungsvorschriften erteilt sind, wollte ein Sprecher auf SPIEGEL-Nachfrage nicht näher ausführen.

Das sogenannte Wehrdienst-Modernisierungsgesetz gilt seit Jahresbeginn. Kern ist die verpflichtende Musterung für junge Männer ab dem Jahrgang 2008. So sollen Freiwillige für einen Ausbau der Truppe von zuletzt mehr als 180.000 Männern und Frauen um 80.000 auf 260.000 aktive Soldaten rekrutiert werden. [….] Die Bundeswehr müsse für den Ernstfall wissen, wer sich gegebenenfalls längerfristig im Ausland aufhalte, führte der Sprecher aus. »Es wurde hier also eine rechtliche Grundlage geschaffen, um bei Bedarf verpflichtende Elemente des neuen Wehrdienstes – wie zum Beispiel die seit 1. Januar 2026 verpflichtende Musterung – in der praktischen Umsetzung zu stützen.« Die Genehmigungspflicht gilt laut Gesetz auch außerhalb des Spannungs- und Verteidigungsfalls. [….]

(SPON, 04.04.2026)

Die Infrastruktur zur Musterung und massenhaften Rekrutenausbildung haben wir nicht. Aber es geht los.

Und wieder habe ich Glück. Zwar bin ich jetzt ein DEUTSCHER Mann, aber klar jenseits der 45 Jahre. Ich kann Pistorius nicht helfen.

Montag, 2. März 2026

Sauerländer Systemfehler

Wie so oft, war der letzte „internationale Frühschoppen“ zum neuen Iran-Krieg sehr informativ und zeigte wieder einmal, weswegen wir sehr froh sein sollten, den ÖRR zu haben. Im Gegensatz zu den täglich peinlicher werdenden Talkformaten des ARDZDF-Spätprogramms, kann man mit weniger Geld, aber dafür kompetenteren Moderatoren und wesentlich besseren Redaktionen, die viel interessantere Gäste einladen, einen echten Mehrwert für die Zuschauer schaffen.

Kaum eine Rolle in dieser Runde spielte die deutsche Bundesregierung. Alle waren sich einig: Wadephul und Merz sind irrelevant, wurden nicht informiert und haben international keinerlei Einfluss.

Das ist einer der großen Unterschiede zum illegalen Angriffskrieg des George W. Bush auf den Irak 2003. Natürlich war damals auch schon das US-Militär übermächtig. Die USA brauchten keine Hilfe von Europa. Aber Washington bemühte sich (mit Lügen) sehr darum, den UN-Sicherheitsrat zu einem positiven Votum zu bewegen. Als das misslang, wollten Cheney, Rumsfeld und Powell eine „Koalition der Willigen“ formen, erwarteten offenbar, die Europäer einfach auf ihre Seite ziehen zu können. Aber ausgerechnet Deutschland, das die USA zuvor nach dem 11. September 2001 und in Afghanistan „bedingungslos“ unterstützt hatte, scherte aus. Nicht nur das. Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer waren so angesehen und international einflussreich, daß sie höchst erfolgreich den Amerikanern Paroli boten. Schäuble, Merkel, Pflüger, Stoiber wollten allesamt mit der USA zusammen den Krieg führen, der mehr als eine Million Leben kostete und den Nahen Osten ins Chaos stürzte. CDUCSU höhnten, Schröder müsse einknicken, er könne kaum im Sicherheitsrat zusammen mit dem Terrorstaat Syrien 2:13 gegen die USA stimmen.

Aber wie eigentlich immer, war die Christenunion außenpolitisch auf dem Holzweg. Schröder und Fischer agierten diplomatisch meisterhaft, brachten eine breite UN-Sicherheitsmehrheit gegen die USA und GB zusammen, hielten die Bundeswehr aus dem Krieg heraus und formten eine stabile Antikriegsachse Belgien-Frankreich-Deutschland-Russland, zu der zwei UN-Vetomächte gehörten.

Washington schäumte, pöbelte die Widerständler als „das alte Europa“ nieder und zog schließlich mit England, Spanien, Italien und Polen gemeinsam in den Irak-Krieg. Es wurde zu genau dem totalen Desaster, das Chirac und Schröder prognostiziert hatten. Aznar und Berlusconi verloren ihre Ämter, Tony Blair gilt heute als einer der meistgehassten Männer des Nahen Osten und seine Position tief in Trumps Board-Of-Peace-Rektum hilft nicht weiter.

Wie sich die Zeiten ändern. Trumps Angriff auf den Iran ist selbstverständlich genauso illegal und völkerrechtswidrig, wie GWBs Irakkrieg. Selbstverständlich lügt auch Trump über die Kriegsursachen.

Aber der UN-Sicherheitsrat wird heute von seiner Frau Melania geleitet und damit als irrelevantes Kasper-Komitee verhöhnt. Was die UN zu Trumps neuesten Krieg sagt, interessiert ihn nicht.

Ja, Fritze Merz reist heute – zufällig, die Reise war lange geplant – nach Washington. Aber mit seinem eigentlichen Anliegen (Zölle, Handelspolitik) wird der Kasper-Kanzler ohnehin nicht durchdringen. Er kann schon froh sein, wenn Trump den Termin nicht absagt. Ob die Europäer, ob Merz, sein Plazet zu den Angriffen auf den Iran gibt, dürfte Trump vollkommen egal sein. Fritze könnte genauso gut Urlaub am Tegernsee machen.

Die Abhängigkeiten von dem US-Militär und den US-amerikanischen Energie-, Waffen- und Software-Lieferungen sind bekannt. Natürlich ist das ein Dilemma für Europäer. Aber man muss nicht demonstrativ, wie der Kanzler, weiterhin den Messenger-Dienst eines US-Nazis mit Pädosex-generierender KI benutzen. Man kann das Völkerrecht schon nennen.

Felix Lee, China-Experte, Süddeutsche Zeitung, war im gestrigen Presseclub einigermaßen fassungslos, wie Merz (zusammen mit Macron und Starmer) statt einer schwachen und unbefriedigenden, eine hanebüchen dumme und völlig abwegige Stellungnahe fabrizierte: Der Angreifer USA wurde gar nicht kritisiert, wohl aber der Angegriffene. Der Iran dürfe nicht zurück schießen und sich nicht wehren.

Aber Merz konnte sogar noch idiotischer:

[….] Am Samstag telefonierte Merz mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Großbritanniens Premier Keir Starmer. Die drei veröffentlichten im Anschluss eine gemeinsame Erklärung. Darin üben Merz, Macron und Starmer scharfe Kritik am iranischen Regime, sie verurteilen dessen »willkürliche Militärschläge« auf Staaten in der Region.

Was sich in ihrer drei Absätze langen Erklärung jedoch nicht findet, ist eine klare Mahnung an Washington, das Völkerrecht zu achten; ein Aufruf an die US-Regierung, sich zu mäßigen, diesen allem Anschein nach strategielosen Krieg nicht unkontrolliert eskalieren zu lassen. [….] Warum so zurückhaltend?  Zudem fordern die drei europäischen Staats- und Regierungschefs eine Rückkehr zur Diplomatie. »Wir rufen zu einer Wiederaufnahme der Verhandlungen auf ...« [……]

(Marina Kormbaki, 28.02.2026)

Der Iran HAT verhandelt in Oman. Die sonst notorisch verschwiegenen Omaner Diplomaten weisen inzwischen daraufhin, daß man bedeutende Fortschritte erzielt habe, bis plötzlich die USA einen Krieg anzettelten.

Wer soll den verhandeln, nachdem die USA und Israel die gesamte Staatsspitze killten?

- Chef Ali Al Chamenei

- Ex-Präsident Mahmud Ahmadinejad

- Ali Schamchani, der Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrats,

- Verteidigungsminister Aziz Nasirzadeh

- den Befehlshaber der Revolutionsgarde, Mohammad Pakpour,

- Generalstabschef der Streitkräfte, Abdolrahim Mussawi

- und offenbar viele weitere ranghohe Militärs

Die Verblödung des Merz kennt keine Grenzen.

[…] Niemand verlangt, dass Merz an der Seite der Mullahs steht – wohl aber an der Seite des Rechts

Das Völkerrecht muss auch gegenüber aggressiven Regimen wie dem in Teheran eingehalten werden. Denn es bedarf permanent der Bestätigung. Oder es verflüchtigt sich.

Das Völkerrecht, die einst gepriesene Friedensordnung, kommt in militärischen Konflikten nur noch als Fußnote vor – nachdem das Eigeninteresse der Großmächte wieder zum Maß aller Dinge geworden ist, ist dies inzwischen der Regelfall. Da klingt es nach einem rhetorischen Fortschritt, dass die Bundesregierung „ausführlich“ über die völkerrechtliche Einordnung der Angriffe Israels und der USA auf Iran diskutiert habe (Kanzler Merz) und hier „erhebliche völkerrechtliche Fragen“ (Außenminister Wadephul) sieht. Nach Israels Luftschlägen gegen iranische Atomanlagen im vergangenen Jahr hatte Merz noch von der „Drecksarbeit“ gesprochen, die Israel „für uns alle“ erledige.

Schaut man sich die Äußerungen des Kanzlers genauer an, dann besteht der Fortschritt freilich einzig in der geschickteren Wortwahl. Es sei ein „Dilemma“, dass mit völkerrechtlichen Maßnahmen gegen das iranische Regime offensichtlich nichts zu bewirken sei. Und nun seien die USA und Israel angetreten, den seit Jahrzehnten andauernden Konflikt zu beenden. Wenn es nicht im Einklang mit dem Völkerrecht geht, so lässt sich das übersetzen, dann muss es halt ohne Völkerrecht gehen. Drecksarbeit eben.

Völkerrechtlich ist die Situation übrigens sehr viel eindeutiger, als es die deutsche Regierung nahelegen will. Solche militärischen Angriffe verletzen das Gewaltverbot, es sei denn, die Angreifer könnten sich auf das Selbstverteidigungsrecht der UN-Charta berufen. Zwar kann danach auch ein Präventivschlag gerechtfertigt sein, allerdings nur unter sehr strengen Voraussetzungen: Es müsste ein unmittelbarer, nicht anders abzuwehrender Angriff des iranischen Regimes bevorstehen. Eine latente Bedrohung durch ein Atomwaffenprogramm, dessen Realisierung nach den Rückschlägen des vergangenen Jahres keineswegs absehbar ist, reicht nicht aus – so sehen es fast alle Fachleute. Schon gar nicht, wenn laufende Verhandlungen eine unblutige Option bieten, das Risiko einzudämmen. […]

(Wolfgang Janisch, 02.03.2026)

Dienstag, 6. Januar 2026

Parteien ausmisten

Ohne das völlig abstruse US-Mehrheitswahlrecht wären George W. Bush 2000 und Donald Trump 2016 nicht zu US-Präsidenten gewählt worden. Damit hätten die beiden größten Desaster der gesamten US-Geschichte verhindert werden können.

Noch stärker schlägt der Fluch des Wahlrechts im US-Senat durch, dessen toxische Republikaner-Majorität für die Katastrophe der SCOTUS-Besetzung und die gescheiterten Trump-Impeachments verantwortlich sind.

[….] Among the most eye-catching was a statistic showing Democrats led Republicans by more than 12 million votes in Senate races, and yet still suffered losses on the night and failed to win a majority of seats in the chamber. [….] “That’s a radically undemocratic principle, and it gives rise to what we see,” said David Golove, a professor at the New York University School of Law, “which is that the minority populations are going to have a disproportionate impact in the United States. That tends to mean conservatives have a disproportionate influence over the Senate.” […..]

(The Guardian, 08.11.2018)

Schmierige rechtsradikale Amöben wie Ted Cruz oder Lindsey Graham können mit ihren Kollegen der GOP-Fraktion den US-Senat dominieren, obwohl die Demokraten bei der Wahl der US-Senatoren 12 Millionen Stimmen mehr bekamen.

Für eine Änderung des US-Wahlrechts braucht es aber Mehrheiten im Senat, im House und unter den Gouverneuren, die es nie geben wird, weil die Republikaner so extrem überproportional vom bestehenden Recht profitieren.

Aber es gibt auch einen segensreichen Aspekt des Systems.

(….) Für die USA gibt es, systemisch durch das Mehrheitswahlrecht bedingt, derzeit einen kleinen winzigen Hoffnungsschimmer – immer vorausgesetzt, daß überhaupt noch Wahlen stattfinden, die nicht durch republikanische Spezialgesetze völlig pervertiert sind. Es ist ein Zweiparteiensystem. Beide Kongressparteien sind, wie die Legislative insgesamt, historisch unbeliebt. Aber Ärger über die Regierung, über die dominierende Partei, findet zwangsläufig ihr Ventil in der anderen Partei. Republikaner dominieren die Gouverneursversammlung, den SCOTUS, das House, den US-Senat, stellen alle Minister, kontrollieren die Justiz, besitzen die allermeisten Medienkonzerne und selbstverständlich das Weiße Haus. Wenn es schlecht läuft – und die US-Wirtschaft schmiert gerade drastisch ab – verteilt der Wähler Denkzettel, indem er die Demokraten wählt.

Das gemischte Wahlrecht in Deutschland halte ich für demokratisch weit überlegen, auch wenn im Bundesrat die Ländern quasi durch Mehrheitswahlrecht vertreten sind und die bevölkerungsreichen West-Länder massiv unterrepräsentiert sind.

Aber ein Verhältniswahlrecht führt zur Zersplitterung und immer mehr Partikularinteressenvertretung, die das Regieren erschweren. (…)
(Impudenz des Jahres 2025)

Mit immer mehr Parteien, die sich gegenseitig bekriegen, wird es immer schwerer, Kanzlermehrheiten zu generieren. Das deutsche System erfordert aber genau diese Kompromisse und Koalitionen. Das macht es den Parteien erheblich schwerer, da sie sich nicht wie krakeelende US-Politiker auf die lautesten Extrempositionen versteifen können, die der Politik insgesamt so schaden (und wegen des durch Gerrymandering pervertierten Systems gerade für ihre parasitäre Haltung immer wieder gewählt werden.) Deutsche Parlamentarier müssen, sofern sie nicht völlig unseriösen Schadensparteien wie der AfD angehören, das Allgemeinwohl über ihre Partikularinteressen stellen. Für das Prosperieren der Nation, haben sie stets über ihren Schatten zu springen und Projekte zu vertreten, die sie persönlich ablehnen.

Unglücklicherweise wird das von der Mehrheit des Urnenpöbels nicht verstanden und den Parteien nicht gedankt. Das erlebt die SPD gerade in einem Lehrbuchfall. Sie muss angesichts der Welt-Megakrisen, der nicht vorhandenen rechnerischen Alternativen und der Nazi-Partei, die sich anschickt in Ossistan absolute Mehrheiten zu bekommen, zur Rettung Deutschlands, mit den verhassten CDUCSUlern koalieren, obwohl Merz, Klöckner und Spahn in der Sozi-Fraktion leidenschaftlich verachtet werden.

Ein faires, aufgeklärtes Wahlvolk, würde der SPD diesen selbstlosen Akt danken und sie mit stark verbesserten Umfragewerten belohnen. Selbstredend geschieht das Gegenteil und der Souverän versteht einfach nicht, daß er durch die Verzwergung der linken und liberalen Parteien, deren Rückgratverbiegung selbst erzwingt.

Die SPD kann pure soziale Politik umsetzen, wenn sie 50% der Stimmen erhält. Die Grünen können pure ökologische Politik umsetzen, wenn sie 50% der Stimmen erhalten. Es ist aber völlig absurd, diese Macht von 11%- oder 16%-Parteien zu erwarten und noch absurder, sie dafür zu hassen, so schwach zu sein, wenn man sie selbst so schwach gemacht hat.

Mit immer mehr Parteien wird der Bundestag, werden die Landtage, zunehmend unregierbar und sorgen für immer mehr Frust bei den Wählern.

Das naheliegende Zeil ist es also, wieder weniger und dafür größere Parteien zu bekommen  - wenn auch möglichst mehr als nur zwei, wie in den USA.

2026 könnte in dieser Hinsicht tatsächlich positiv wirken, indem gleich zwei Quälgeister durch das politisch Klo weggespült werden: Die FDP und das BSW.

Beide zeigen drastische Auflösungserscheinungen. Wir wollten uns alle wünschen, daß sie bald aus allen deutschen Parlamenten verschwinden.

SZ-Mann Ulrich Schäfer postuliert eine neue liberale Kraft, die nicht verengt, wie Westerwelle und Lindner, für die Interessen der Superreichen lobbyiert.

So eine bürgerlich-ökologische liberale Kraft wäre interessant für eine Koalition diesseits des riesigen braunschwarzen Blocks.

Allein, dazu wird es nie kommen, weil die Dürr/Kubicki-Bande ideologisch völlig verblendet ist und weiter rechtspopulistische Narrative nachplappert, bis die hepatitisgelbe Post endgültig untergeht. Hochverdient.

[…] Nicht mal die Letzte Generation demonstriert noch gegen sie

In Stuttgart sucht die FDP ohne Ex-Chef Christian Lindner nach ihrem Profil. Manche hätten es gern radikalliberal. Es droht das endgültige Verschwinden.

Kein donnerndes Promovideo zur Eröffnung, keine weißen Sitzmöbel auf der Bühne. Nicht einmal Greenpeace oder die Letzte Generation beehren in diesem Jahr das Dreikönigstreffen der FDP mit ihrem Protest. Der Bedeutungsverlust der Liberalen ist an diesem Dienstag greifbar, die Sinnkrise der Partei auch.  Im hohen Bogen ist die Partei aus der Ampelregierung geflogen, dann bei der Bundestagswahl im Frühjahr auch aus dem Bundestag, und für die kommenden Landtagswahlen sieht es nicht unbedingt rosig aus. Immerhin, „die ‚Heute-Show‘ sei heute noch in die Stuttgarter Staatsoper gekommen“, witzelt Marie-Agnes Strack-Zimmermann in einem skurrilen Muppetshow-Auftritt zusammen mit Wolfgang Kubicki, „die kommen bis zum Schluss“.  [….]

(Benno Stieber, 06.01.2026)

Was Schäfer gern hätte, lese ich seit 1998 immer wieder.

Aber Guido und Linocchio haben die „Partei der Besserverdienenden“ (Hoyer) systematisch und endgültig zerstört.

Man könnte natürlich der linksliberalen FDP der 1970er nachweinen. Aber die ist schließlich schon 1982 gestorben. Damals sind alle honorigen Mitglieder ausgetreten.

Doch Bastian Brinkmann, man sollte sich sogar freuen, wenn diese FDP verschwindet.

Brandenburg zeigt heute, wie schnell auch Sahra Sarrazins zweites Ego-Projekt („Aufstehen!“, BSW) von der Realität eingestampft wird.

Die völkischen Sektierer sind offenbar auch ohne Putinella in der Lage, sich wirkungsvoll gegenseitig Messer in die Rücken zu rammen.

Auch der endgültige Untergang des BSW gibt Anlass zur Hoffnung.

[…] Die nächste Stufe des BSW-Zerfalls […] Mit dem Ende der Koalition in Brandenburg droht der Wagenknecht-Partei das Aus. Ihre Regierungsbeteiligung hat die Protestpartei zerrissen. […]  Die bundesweit erste und einzige Koalition von SPD und BSW in Brandenburg ist geplatzt. Das ist ein Debakel für das BSW, das immer noch „Bündnis Sahra Wagenknecht“ heißt. Gerade erst hat es seine neue Parteispitze gewählt, weil sich Ex-Parteichefin Sahra Wagenknecht aus der ersten Reihe zurückgezogen hat. Nun liegt ihre Partei in Brandenburg in Trümmern – der sichtbarste Ausdruck dafür, dass das BSW gerade insgesamt in sich zusammenfällt.

Noch vor einem Monat wollte Robert Crumbach für den Bundesvorstand des BSW kandidieren. Nun hat Brandenburgs Vizeministerpräsident und Finanzminister hingeschmissen und damit eine Kettenreaktion ausgelöst. Am Montag ist der 63-jährige Ex-Arbeitsrichter aus seiner Partei und seiner Fraktion im Potsdamer Landtag ausgetreten, um in die SPD-Fraktion zu wechseln. Dem BSW, dessen brandenburgischen Landesverband er mitgegründet und bis vergangenen Juli geleitet hat und dessen Gravitationszentrum er war, warf er hinterher, es sei „nicht regierungsfähig“ und habe „keinerlei Gestaltungswillen“: ein vernichtendes Urteil. […] Es mag sein, dass sich das BSW „zu früh“ an einer Regierung beteiligt hat, wie Crumbachs Kontrahentin, Brandenburgs BSW-Landeschefin und Wagenknecht-Loyalistin Friederike Benda im Dezember beim Parteitag in Magdeburg sagte. Das stimmt, denn in der Partei tummeln sich zu viele Amateure. Die wenigen Profis wie Thüringens BSW-Landeschefin Katja Wolf und Robert Crumbach, beides Pragmatiker, haben es schwer, sich gegen die Dogmatiker und Wagenknecht-Loyalisten in der Partei durchzusetzen, die den Kurs bestimmen und mehr auf Krawall als auf konstruktive Politik gebürstet sind. […] Dem Projekt BSW, dem 2024 noch ein beispielloser Höhenflug vergönnt war, droht nun der Totalabsturz. Das Ende der Regierung in Brandenburg könnte auch das Ende des BSW einläuten. […]

(Daniel Bax, 06.01.2026)

Selbstredend wäre ein Verschwinden der AfD wesentlich wichtiger. Auf CSU und FW würde ich auch sehr gern verzichten, weil sie unterm Strich der Bundesrepublik viel mehr schaden als nutzen.

Aber das sind Träume, die derzeit keine Chance auf Verwirklichung haben.

Mein Wunsch, die FDP und das BSW zum Mond zu schießen, wirkt gerade sehr realistisch.

Mittwoch, 31. Dezember 2025

New York New York

Mein Vater wurde ein paar Jahre vor dem zweiten Weltkrieg in einem erzkatholischen Kaff in Pennsylvania geboren und sollte in sehr bescheidenen Verhältnissen als frommer Dorfjunge aufwachsen. Aber Opa starb während des Krieges im Alter von knapp 30 Jahren. Oma saß mit drei Kindern ohne Ernährer da, musste nun, als mittellose Ungelernte für Vier verdienen und war den abfälligen Blicken der Katholiban ausgesetzt. Selbstständige arbeitenden Frauen, ohne Mann im Haus, wurden brutal diskriminiert. Also packte sie ihre Blagen ein und siedelte ins anonyme New York City um.

Mit den allerletzten gesparten Dollar mietete sie ein schäbiges Hotelzimmer an, stopfte ihre Jungs hinein und fuhr mit dem Bus nach Manhattan, spazierte zwischen der heute so bekannten Skyline umher, die ihr als Landmädchen ungeheuer und gewaltig vorkam. Ein Gebäude gefiel ihr besonders gut; die alt ehrwürdige New York City Bank. Sie ging hinein, nahm ihren Mut zusammen und verkündete, dort arbeiten zu wollen. Ohne irgendwelche Erfahrung oder Ausbildung. Ob sie wenigstens rechnen können, fragte sie der belustigte Schalterbeamte. Ja, in der Schule konnte sie rechnen.

Was heute nicht möglich wäre, schon gar nicht in Deutschland, geschah: Sie wurde sofort eingestellt, man würde ihr schon beibringen, was man wissen müsse.

Ein Wunder, die Familie faßte sofort Fuß, Oma blieb bis zu ihrer Pensionierung in der City Bank. Jetzt müsste der Tellerwäscher-Millionär-Teil kommen, mit der filmreifen Karriere der einfachen Frau vom Lande, der zweiten Einwanderergeneration im Glück. Das geschah aber nicht. Sie behielt einen „normalen“ Job, mit dem sie eine kleine Wohnung für sich und die Jungs in Brooklyn bezahlen, sowie die Kinder gesund ernähren konnte. Die finanziellen Verhältnisse blieben aber stets bescheiden.

Für ihre Kinder änderte sich aber alles. Nicht nur, daß sie alle drei ein Studium abschlossen, was in dem alten Kaff nie passiert wäre, sondern ihre Welt wurde unermesslich größer. Mein Vater, der Jüngste, erhielt ein Stipendium für die Kunstschule und betrachtete seine jüdischen und schwarzen Mitschüler genau – hatte doch Großonkel Francis stets mit geladenem Gewehr auf der Terrasse gesessen, wenn die kleinen Neffen und Nichten dort spielten, um „jeden N*gger, der sich nähert, sofort zu erschießen“. Noch schlimmer als „N*gger“ waren nur Juden, wie ihnen der Priester in der Kinderbibelstunde einbläute. Sie stammten alle vom Satan ab und hätten noch entsprechende Körpermerkmale, wenn man genau hinsähe.

Daher schielte mein Vater in seiner neuen New Yorker Schule genau hin; aber die jüdischen Kinder hatten gar keine Hufe, sondern völlig normale Füße. Auch war, anders als vom katholischen Pfaff behauptet, gar kein Rest eines Teufelsschwanzes am Rücken zu sehen.

Seine School Of Visual Arts war das maximal mögliche Kontrastprogramm zu seiner alten Heimat. Überdurchschnittlich viele Schwarze, Schwule, Juden und zu allem Übel mochte er sie auch noch alle. Es waren so viel interessantere Menschen. Schnell war er umgeben von einem Milieu aus Künstlern, Schauspielern, Sängern und Drehbuchautoren.

Meine Mutter hingegen entschied sich ganz bewußt für New York. Mit Mitte 20 wanderte sie aus. Schon zuvor war sie immer auf Reisen; es reifte eine Erkenntnis: Das spießige Deutschland der 1950er und 1960er war ihr zu eng. Sie brach die Zelte ab, verfrachtete drei Koffer auf ein Schiff und reiste zum Big Apple. Anders als ihre zukünftige Schwiegermutter, 20 Jahre zuvor, hatte sie immerhin eine Adresse. Ein Freund der Familie war wenige Jahre zuvor wegen des §175 aus Hamburg in die NYer Anonymität geflohen. Er verhalf ihr zu einem Job als Verkäuferin bei Tiffany an der 5th Avenue und das verrückte NY zeigte sich, als sie eine Wohnung besichtigte. Ein Job sei ja schön, aber sie brauche einen Bürgen, wenn sie als Frau allein ein Apartment mieten wolle, bedeutete ihr die Maklerin. Damals kannte meine Mutter nur eine Person privat in New York, eben jeden schwulen Familienbekannten; sie murmelte seinen Namen, selbst skeptisch, ob ihr ein ebenfalls zugezogener Deutscher als Bürge taugen könnte. Da grinste die Maklerin: „You know Mr. XY? He is my neighbor!”

Unter den damals acht Millionen New Yorkern, war dieser einzige Mensch, den sie kannte, zufällig mit der Maklerin aus der Zeitung bekannt. Es lief in New York.

Ich überspringe den Part, unter welchen kuriosen Umständen sich meine Eltern später in Brooklyn kennenlernten, wie meine Mutter einige Monate mit ihrer katholischen Schwiegermutter und zwei Schwagern in einer Wohnung lebte, wie sie heirateten, Kinder bekamen und durch welche privaten Umstände sie schließlich nach einigen Jahren ausgerechnet wieder in Deutschland landeten.

Man sollte meinen, der Schritt wäre meinem Vater besonders schwer gefallen, da er kein Wort deutsch sprach und seine ganze Familie verlassen musste. Flüge über den Atlantik waren damals ebenso astronomisch teuer, wie Telefonate. Es war ein echter Abschied. Aber schon bevor sie nach Deutschland remigrierten, hatte meine Mutter ihm Europa gezeigt, war Monate mit ihm im Auto unterwegs, hatte Todesängste ausgestanden, weil natürlich er als Mann am Steuer saß, als sie die Serpentinen an der französischen und italienischen Mittelmeerküste nahmen.

Ich war längst erwachsen, als ich nachfragte, wieso sie nicht gefahren war. Sie war ausgezeichnete Autofahrerin, war allein mit einer Freundin die ganze Mittelmeerküste bis nach Israel gefahren, während mein Vater als New Yorker gar keine Auto-Erfahrungen hatten, den Führerschein bei der Armee gemacht hatte, aber nur auf dem Land auf endlosen extra breiten schnurgerade US-Straßen gefahren war.

Aber so war das in den 60ern. Mein Vater war sehr modern und liberal. Aber die Frau fahren lassen und selbst auf dem Beifahrersitz hocken? Das ging nun doch zu weit.

Er verliebte sich in Europa. Wie viele US-Amerikaner. Als bildender Künstler war es ohnehin egal, wo er arbeitete. Auch in der Hamburger Künstlerwelt sprachen die meisten Leute englisch. Außerdem war er schon einmal als Kind, ohne es selbst anzustreben, in eine ganz andere Welt umgetopft worden und hatte es als sehr gute Erfahrung positiv angehakt. Er mochte natürlich seine Heimatstadt NY, flog bis zu seinem Lebensende immer mal wieder in die alte Heimatstadt, begann auch, sich für die anderen, ihm unbekannten Teile der USA zu interessieren, fuhr mit seiner zweiten Frau durch die US-Südstaaten, inspizierte die Westküste. Aber sein Blick wurde immer europäischer. Er runzelte mehr und mehr die Stirn. Wenn er von seinen Amerika-Reisen zurückkam, pflegte er in Hamburg zu sagen „Great to be back home again!“ Seine patriotischeren Brüder nahmen es ihm spätestens nach seiner zweiten Scheidung übel. Wolle er etwa in der Fremde sterben? Es gab doch so schöne Gated Communities, in denen man als >65 leben könne. Besonders der älteste Bruder, den es in einen der riesigen Vororte von LA verschlagen hatte, schwärmte: Ewige Sonne, jeden Tag Golf spielen, riesige sehr günstige Villen, den ganzen Tag Freizeit, schön unter sich, ohne die anstrengenden jungen Leute. Günstig, weil sie nach dem Tod nicht vererbt werden können, sondern zurück an die Seniors Community fallen. Mein Vater zögerte nicht eine Sekunde. Das wollte er bestimmt nicht. Hamburg war seine Wahlheimat. Insbesondere ab Januar 2001, als er sich wegen George W. Bush erstmals begann, fürchterlich für seine Staatsbürgerschaft zu schämen. Sein deutsch blieb rudimentär, aber während man es früher interessant fand, jemand mit US-Akzent zu treffen, begann er nun auf Fragen seiner Herkunft systematisch zu lügen. Er stamme aus Kanada. Gelegentlich sagte er auch, er wäre Holländer. War das eine Erleichterung, als Barack Obama gewählt wurde. Der letzte US-Präsident, den er erlebte.

Für meine Mutter war es viel schlimmer. Für sie war New York immer ihr großer Traum, ihr Sehnsuchtsort, zu dem sie strebte. Sie litt den Rest ihrer Lebens unter enormen Heimweh. Es verging kein Tag, an dem sie nicht von NY schwärmte. Dagegen ist alles in Deutschland tiefste Provinz. Sie war nicht zufällig, nicht unwillentlich, nach Amerika gekommen, sondern gezielt. Trotz aller Widerstände. Und Konvertiten sind die Schlimmsten. Antiamerikanische Kommentare konterte sie enthusiastisch und stürzte, mit der Wahl GWBs und erst Recht dem Irak-Krieg, in tiefe Verzweiflung. Es wurden traumatische acht Jahre, die für sie viel schlimmer waren, als für mich. Ich konnte GWB nach Herzenslust verachten, weil ich keine emotionale Bindung an die USA habe. Sie hingegen liebte die USA und empfand GWB als Grausamkeit gegenüber ihres Babys. Sie war maßlos enttäuscht von ihren Amerikanern. Wie konnten die so einen groben ungebildeten frömmelnden Typen wählen?

Aber letztlich wurde auch ihr vergönnt, unter der Obama-Präsidentschaft abzureisen. In dem Glauben, ihre geliebten US-Amerikaner hätten aus dem GWB-Desaster gelernt, sich weiter entwickelt, würden nie mehr so einen weißen Macho-Idioten wählen.

Sehr oft habe ich seither gedacht und gesagt; falls der liebe Gott meine Mutter wieder zum Leben erweckt und sie mich fragen würde, was inzwischen weltpolitisch los war, hätte ich keine Chance, das zu erklären, was nach Barack Obama kam. Ich sehe ihren ungläubigen Blick vor mir und habe das „du willst mich doch auf den Arm nehmen!“ im Ohr. Nein, das könnte sie niemals glauben.

Aber immerhin an New York kann man noch glauben.

Der Sozialist Mamdani 45 Prozentpunkte beliebter als Trump!

 Die Staat und der ganze Staat bleiben stabil.

Samstag, 23. August 2025

Wenn die Richtigen sterben – Teil II

Na schön, besonders freundlich ist es nicht. Aber es gibt Menschen, die durch ihre Bösartigkeit so einen extrem zerstörerischen Einfluss auf den Rest der Bevölkerung haben, daß ihr Tod zum Wohle aller, eine Erleichterung darstellt.

Ich will keine Namen nennen, aber ich denke da beispielsweise an eine bekannten Politiker von Übersee. Ich meine, der golft gern und hat einen gewissen Faible für Herren-Makeup.

(….) Aber möglicherweise setzt ja selbst bei Gott derzeit ein kleiner Erkenntnisprozess ein. Es werden doch auffällig viele prominenten Rassisten und Nazis einkassiert.

Jean-Marie Le Pen starb im Januar 2025.

Der ultrakonservative britische Thatcher-Helfer Norman Tebbit gab am 08.07.2025 den Löffel ab.

Am 16.07.2025 folgte der ultrakonservative Wirtschaftsweise und langjähre IW-Chef Gerhard Fels Tebbit ins Grab.

Felix Baumgartner krachte am 17.07.2025 final auf den Boden, am selben Tag tat auch Udo Voigt, langjähriger NPD-Chef seinen letzten braunen Atemzug

Nur einen Tag später sattelte der erzreaktionäre schwulenhassende Pariser Kardinal Vingt-Trois die Hühner.

Am 19.07.2025 fuhr Edwin Feulner, der rechtsextreme langjährige Chef und Gründer der Heritage Foundation, in die Hölle hinab.

Hulk Hogan starb am 24.07.2025.

Heute kratzte der Neonazi und Holocaustleugner Horst Mahler ab.

So kann es weitergehen. (…..)

(Wenn die Richtigen sterben, 27.07.2025)

Nun kann ich fröhlich den Namen des evangelikalen James Dobson dieser Liste hinzufügen, ein ultrafanatischer, rechtsradikaler, heuchlerischer Schwulenhasser, der in diesem Blog schon ewig bekannt ist. Seit Jahrzehnten bespielt er zusammen mit seinem homosexuellen Kumpel George Rekers die radikal homophobe Szene.

(…..) Ein schönes Beispiel für so einen Megaheuchler ist mein Christ des Tages XXII.
Es handelt sich um Prof. George Alan Rekers.
In den USA ist er bekannt als Mitbegründer des schwulenfeindlichen 'Family Research Council', sowie als Mitbegründer der 'National Association for Research and Therapy of Homosexuality' (Narth), die sich der 'Heilung' Homosexueller verschrieben hat.


Seit Jahrzehnten ist George Alan Rekers ein General im Kulturkrieg, auch wenn seine Arbeit meist hinter den Kulissen stattfand. 1983 gründet er mit James Dobson, dem bekanntesten Homophoben Amerikas, den Familienforschungsrat, eine in Washington D.C. situierte, fanatisch christliche und vehement antischwule Lobbygrupe, die zum Bannerträger der extremen Rechten der Nation wurde. Ihr jährlich stattfindendes Werte-Gipfeltreffen wird als Bewährungsprobe für Hoffnungsträger der republikanischen Präsidentschaftsanwärter angesehen.
Er beeinflusste auch die US-Regierung, indem er eine Beraterrolle beim Kongress, dem Weißen Haus und dem Bundesministerium für Gesundheit einnahm und sich als Kronzeuge für das Adoptionsverbot für Homosexuelle in Florida aussprach. Als ehemaliger Forscher der Harvard University und angesehener Professor für Neuropsychiatrie an der University of South Carolina, hat Rekers Hunderte von Papieren und Büchern publiziert, die Titel tragen wie „Wer bin ich? Der Herr und heterosexuell aufwachsen: Was Familien über Homosexualität wissen sollten.“
(hpd)


Ihm ging es wie so vielen, homophoben GOP-Politikern („Gay Old Party“) und prominenten evangelikalen Moral-Aposteln: Er flog damit auf, daß er genau das, was er am meisten bekämpfte selbst am eifrigsten betrieb.  (….)

(Der Christ des Tages XXII, 18.11.2010)

Man kann es nicht anders sagen; Dobson war schon ein besonders perfides mieses Arschloch, das bedauerlicherweise 89 Jahre Zeit hatte, sein Gift auf der Erde zu versprühen. Das tat er leider nicht im stillen Kämmerlein, sondern war extrem einflussreich.

[….] Dobson was a fixture in conservative US politics for decades and most recently served on Donald Trump's advisory board for evangelical affairs.

The ministry he founded, Focus on the Family, is one of the largest in the world, with a presence in nearly 100 countries.  As well as Trump, Dobson advised three other Republican presidents: Ronald Reagan, George H W Bush, and George W Bush.

Born in Louisiana in 1936, Dobson founded Focus on the Family in 1977, with the stated mission of affirming "the God-ordained institution of the family".

His radio program was eventually broadcast by 4,000 radio stations across North America.  He published his first of more than 70 books - Dare To Discipline, which advocated for strict parental authority and corporal punishment - while working as an associate clinical professor of paediatrics at the University of California School of Medicine.

Gary Bauer of the Dr James Dobson Family Institute described the organisation's founder as a "pioneer" and "a man of deep conviction whose voice shaped the way generations view faith, family and culture".

While he never ran for public office, Dobson was considered extremely influential in conservative political circles in the US.

He founded the Family Research Council in 1981, a think-tank that advocates for socially conservative causes, and coordinated state-level lobbying organisations across the country.  Following news of his death, Family Research Council president Tony Perkins said that Dobson's "legacy will be lasting".   [……]

(BBC, 21.08.2025)

Man kann gar nicht ermessen, wie viel Leid und Unglück der Christ Dobson über die Welt brachte, wie viele Familien er zerstörte. Vermutlich hat er Myriaden queere Menschen in Depressionen und Suizid gestürzt.

[….] Queer­feindlicher Aktivist James Dobson gestorben.

Trump-Berater James Dobson machte jahrzehntelang Stimmung gegen queere Menschen. Er warf ihnen etwa vor, Kinder zu missbrauchen und für Massenschießereien verantwortlich zu sein. [….] Der einflussreiche evangelikale US-Aktivist James Dobson stellte queere Menschen jahrzehntelang als moralisch minderwertig sowie als Gefahr für die Gesellschaft und das Wohlergehen von Kindern dar. [….] Dobson bezeichnete Homosexualität regelmäßig als "unnatürlich", "abnormal" und "Sünde". In seinen Büchern und Radiobeiträgen warnte er Eltern, dass Kinder durch "falsche Erziehung" oder "verwirrte Geschlechterrollen" homosexuell werden könnten. Er warnte auch davor, dass die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtlicher Paare "die Familie vernichten" und "die Gesellschaft ins Chaos stürzen" würde. [….] Dobson machte Homosexuelle für viele negative gesellschaftliche Entwicklungen verantwortlich.  So behauptete er mehrfach, dass Massenschießereien in den USA eine Folge der Akzeptanz queerer Menschen seien. Der Grund: Schwule und Lesben würden erstens die Familie "vernichten" und zweitens den christlichen Gott erzürnen. 2012 sagte er etwa, dass eine Schießerei an der Sandy-Hook-Grundschule in Connecticut eine göttliche Strafe seien, weil Homosexuelle heiraten dürften. Beim dem Amoklauf starben 28 Menschen, darunter 20 Kinder. [….]

(Queer.de, 22.08.2025)

„Queer-feindlicher Aktivist“ erscheint mir als erheblich zu euphemistische Beschreibung für so einen destruktiven Sadisten.

Freitag, 8. August 2025

Undenkbar, unerklärbar, unfassbar

Seit Jahren denke ich immer öfter; schreibe es auch gelegentlich in diesem Blog: Wenn meine Mutter, Polit-Junkie, Außenpolitik-Spezialistin, die ihre USA so sehr liebte, daß sie körperliche Qualen litt, als George W. Bush durch seine sagenhafte Borniertheit das Land in den außenpolitischen Abgrund führte und die überglücklich war, als „ihr Amerika“ im Herbst 2008 gewann, indem es das Traumpaar Michelle und Barack Obama ins Weiße Haus schickte, heute plötzlich wieder zum Leben erweckt würde.

Wenn der liebe Gott sie zurück zu mir schickte.

Wenn ihr Tod während der Obama-Präsidentschaft, wie bei Bobby Ewing damals, nur ein blöder Traum war.

Dann würde sie mich sicher als erstes fragen, was außenpolitisch so los war, wie sich Obama noch so gemacht hätte und wer jetzt US-Präsident ist.

Wie soll ich dann die Wahl von 2016 erklären? Die Impeachments? Die Insurrection und die Wiederwahl des orangen Zerstörers 2024?

Michael J. Fox reiste in „Zurück in die Zukunft“ von 1985 ins Jahr 1955, wo man ihn interessiert fragte, wer in 30 Jahren Präsident sei. „Ronald Reagan? Der Western-Schauspieler?“ Das klang dann aber doch zu unglaubwürdig, um wahr zu sein.

Aber den stammelnden Wortsalat-Lügenbaron mit den vollgeschissenen Windeln, der in seinen vielen Vergewaltigungsprozessen einschläft, sich die Fratze mit oranger Clownsschminke vollschmiert, ein totes Frettchen auf seinen Kopf klebt und damit prahlt, wie er Mädchen an die Muschi grabscht? Wie soll ich meiner Mutter das erklären, ohne daß sie die Männer im Weißen Kittel ruft, um mich einweisen zu lassen?

Ihr „Du willst mich wohl auf den Arm nehmen?!“ kann ich förmlich hören.

Wir könnte sie mir auch glauben, wenn ich erzähle, daß Trumps wichtigster Berater ein südafrikanischer Drogensüchtiger war, der 14 Kinder in vitro zeugte und in Washington zackig „Sig Heil“-gestikulierend den Hitlergruß zeigt? Daß Trumpmerica aus nahezu allen wichtigen internationalen Abkommen und Organisationen aussteigt; die WHO, genau wie USAid oder das Pariser Klimaschutzabkommen in die Tonne tritt.

Aber auch die Schulbehörde einstampfen lässt, Abtreibung kriminalisiert und einen erbitterten Kampf gegen die US-Universitäten führt?

Wie meine Mutter glotzen würde, wenn ich ihr sage, der US-Gesundheitsminister ist ein irrer Heroin-Junkie, der seine erheblichen kognitiven Probleme mit den verkalkten Überresten eines abgestorbenen Schweinebandwurms in seinem Gehirn erklärt und alles dafür tut, um Kinderlähmung und Masern in den USA zu verbreiten.

[….] Die Entwicklung von mRNA-Impfstoffen gegen Atemwegserkrankungen soll in den USA künftig keine öffentliche Förderung mehr erhalten. Das kündigte das Gesundheitsministerium von Minister Robert F. Kennedy Jr. am Dienstag an. Der als Impfskeptiker bekannte Politiker will demnach knapp 500 Millionen US-Dollar an bereits zugesagten Bundesmitteln für die Entwicklung neuer mRNA-Impfstoffe gegen Krankheiten wie Covid-19 und Grippe streichen. In einem am Dienstag in sozialen Medien veröffentlichten Video begründete Kennedy seine Entscheidung mit mehreren Falschaussagen. So behauptete er fälschlicherweise, dass mRNA-Impfstoffe nicht gegen Atemwegserkrankungen schützen würden, dass sie Viren zur Evolution trieben und eine einzige Mutation eines Virus dazu führen würde, dass die Impfstoffe ineffektiv würden. Nichts davon trifft zu.

Kennedy agiert seit Längerem gegen mRNA-Impfstoffe. Erst im Mai machte er einen Vertrag über 600 Millionen US-Dollar mit der Firma Moderna rückgängig, die mit dem Geld einen mRNA-Impfstoff gegen die in den USA grassierende Vogelgrippe entwickeln sollte.   […..]

(Christina Berndt, 06.08.2025)

Sie würde mir doch kein Wort glauben, wenn ich erzähle, daß tausende Bücher aus den US-Schulen, sowie über hundert Wörter von den Regierungswebsites verbannt wurden; darunter:

·        advocate

·        anti-racism

·        bias

·        biased

·        Black

·        breastfeed + people

·        clean energy

·        climate crisis

·        climate science

·        disabilities

·        disability

·        discriminated

·        ethnicity

·        female

·        females

·        feminism

·        gender

·        Gulf of Mexico

·        hate speech

·        immigrants

·        inclusion

·        injustice

·        LGBT

·        mental health

·        minorities

·        pronoun

·        sexual preferences

·        transgender

·        transsexual

·        trauma

·        traumatic

·        victim

·        women

·        women and underrepresented

Ich kann doch nicht ansatzweise glaubhaft machen, daß die US-Umweltbehörde EPA Treibhausgase nicht mehr als gesundheitsschädlich eingestuft.

Wie lächerlich mache ich mich, wenn ich das Folgende referiere?

[….] Bloß weg mit den unbequemen Wahrheiten

US-Präsident Trump versucht, den Klimawandel mit aller Macht zu ignorieren. Dafür lässt seine Regierung nun wohl sogar einen Nasa-Satelliten zerstören. Ein deutsches Projekt will wichtige Daten retten.   [….] Nun hat Washington die Weltraumbehörde Nasa angewiesen, ihre zwei großen Satellitenmissionen zum Überwachen klimaschädlicher Treibhausgase abzubrechen.

Die beiden sogenannten »Orbiting Carbon Observatories« messen aus dem All die Konzentration von Kohlendioxid (CO₂) und das Pflanzenwachstum rund um den Globus. Ihre Messgeräte sind teils an der Internationalen Raumstation angebracht, teils an einem eigenen Satelliten, der zerstört würde, wenn die Nasa die Mission aufgäbe.

Die Technik beider Missionen ist laut den Berichten auf dem neuesten Stand und würde den beteiligten Wissenschaftlern zufolge voraussichtlich noch viele Jahre lang funktionieren. Eine Prüfung der Nasa im Jahr 2023 ergab, dass die Messdaten von außergewöhnlich hoher Qualität waren und empfahl, die Missionen für mindestens drei Jahre fortzusetzen.

Dass die Trump-Regierung sie trotzdem plötzlich aufgeben will, legt den Schluss nahe: Washington will verhindern, dass die Informationen zur CO₂-Konzentration und dem Wachstum von Pflanzen weiter erhoben und veröffentlicht werden. [….]

(SPON, 08.08.2025)

Könnte sie mir glauben, daß Trump die US-Chefstatistikerin Erika McEntarferfeuern lässt, weil sie kompetent ist und die Wahrheit über die Arbeitslosenzahlen ausspricht? Töte den Boten – ernsthaft in den USA 2025?

Natürlich müsste ich meiner Mutter auch irgendwie verklickern, daß der oberste Verfassungshüter der USA aktiv die Verfassung, Gewaltenteilung und das Recht abschafft.

[….] Die US-Verfassung gilt als eines der wichtigsten Dokumente der Demokratiegeschichte. Als erste moderne Demokratieverfassung prägt sie bis heute das Verständnis von Gewaltenteilung, Grundrechten und Rechtsstaatlichkeit. Sie ist nahezu unantastbar: Änderungen erfordern eine Zweidrittelmehrheit im Kongress und die Zustimmung von drei Vierteln der Bundesstaaten.

Doch was, wenn dieses Dokument plötzlich manipuliert erscheint – und das unter einem Präsidenten, der den Rechtsstaat regelmäßig offen infrage stellt?

Genau das ist nun geschehen. Die US-Verfassung wurde digital verändert. Ausgerechnet in einer politischen Phase, in der Trump und seine Vertrauten offen gegen eben dieses Grundrecht Stimmung machen.

Anfang August fehlte auf der offiziellen Website der Library of Congress plötzlich der Absatz der US-Verfassung, der das Recht auf gerichtliche Überprüfung einer Inhaftierung garantiert: das sogenannte Habeas-Corpus-Prinzip. Der Passus schützt vor willkürlicher Inhaftierung und zählt zu den ältesten rechtsstaatlichen Prinzipien der USA.

Konkret fehlte laut "Rolling Stone" folgender Satz aus Artikel 1, Abschnitt 9: "Das Privileg des Habeas-Corpus-Befehls darf nicht aufgehoben werden, außer in Fällen von Rebellion oder Invasion, wenn die öffentliche Sicherheit dies erforderlich macht."  [….]

(Watson, 07.08.2025)

Das ist so komplett irre, daß ich es selbst nicht glauben kann.

Wie soll meine Mutter mir den US-Präsidenten glauben, der voller Stolz Recht und höchste Richter missachtet? Missliebige Richter verhaften lässt und einen Lynch-affinen Mordmob gegen Staatsanwälte losjagt?

[…] Elena Kagan ist bekannt dafür, dass sie mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg hält. […] Jetzt hat sich die streitbare Oberste Richterin zum politischen Geschehen im Land geäußert, und zwar überraschend deutlich. Auch wenn sie keine Namen nannte, war doch klar, dass sie den Präsidenten und seine Helfer in Regierung und rechten Internetforen meinte.

Bei einer Juristenkonferenz im kalifornischen Monterey beklagte Kagan vor zwei Wochen, dass nichts weniger als die Unabhängigkeit der Justiz in den USA in Gefahr sei. Durch hasserfüllte Kommentare im Internet zu unliebsamen Gerichtsentscheidungen, durch handfeste Gewaltdrohungen gegen Richter und durch die Missachtung von Urteilen durch die Regierung. Tatsächlich wurden einem Bericht der Washington Post zufolge zwischen März und Mai nicht weniger als 197 Richter in den Vereinigten Staaten persönlich bedroht – mehr als doppelt so viele wie im gesamten halben Jahr davor.

Wenn Richter sich nicht mehr sicher fühlen

Im Land geschähen „beängstigende Dinge“, sagte Richterin Kagan. „Richter müssen aber in der Lage sein, das zu tun, was ihre Pflicht ist: Recht zu sprechen nach bestem Wissen und Gewissen“ – ohne Angst um Leib und Leben. Kagans mahnende Worte waren nicht die ersten vom Obersten Gericht. Auch der Chef des Supreme Court, der konservative Oberste Richter John Roberts, hat bereits vor zunehmenden Nachstellungen gegenüber Richtern gewarnt. Doch war es der bisher deutlichste Verweis für die Trump-Regierung. Der ranghöchste Demokrat im Justizausschuss des US-Repräsentantenhauses, Jamie Raskin, griff Kagans Warnungen jetzt auf: „Die richterliche Unabhängigkeit ist in Gefahr, wenn Richter sich nicht mehr sicher fühlen.

Tatsächlich sind es nicht nur Drohungen – so beängstigend und in manchen Fällen auch gefährlich sie sind –, die die Arbeit von Richtern in den USA behindern. Fast sofort nach ihrem Amtsantritt hat die Trump-Regierung eine beispiellose Einschüchterungskampagne gegen die unabhängige Justiz des Landes begonnen, angefangen mit Posts des Präsidenten in seinem eigenen Social-Media-Kanal gegenüber Richtern, über offizielle Beschwerdeschriften des Justizministeriums gegen einzelne US-Richter, bis hin zu Klagen gegen ganze Gerichte.

Im Mai sprach Trumps enger Berater Stephen Miller sogar von „juristischer Tyrannei“ nach einem für die Regierung negativen Gerichtsurteil. Laurie Levenson, Rechtsethikerin an der eher konservativen Loyola Law School in Los Angeles, nennt das Vorgehen der Regierung einen „Blitzkrieg gegen das Justizsystem und die Richter“.

Tatsächlich laufen wegen der zahlreichen umstrittenen Anordnungen des Präsidenten mehr als 300 Klagen. Und in den meisten Fällen, so eine Übersicht der Stanford University, ergehen richterliche Entscheidungen bisher gegen die Regierung. Doch das alles ficht Donald Trump und seine Administration nicht an. Im Gegenteil.

Die Regierung missachtet Urteile – und das wohl kalkuliert

Erst vergangene Woche hat Justizministerin Pam Bondi offiziell Untersuchungen wegen angeblichen Fehlverhaltens des Bundesrichters James Boasberg eingeleitet. Das ist der Richter, der im März die Massenausweisung von 261 Venezolanern und Salvadorianern aus den USA und deren Verlegung in ein berüchtigtes Gefängnis in El Salvador per einstweiliger Verfügung verhindern wollte. […] Im Gegensatz zu ihren Vorgängern, die stets auf die Unabhängigkeit des Justizministeriums vom Weißen Haus geachtet haben, erweist sich die Republikanerin Bondi als willfährige Helferin Trumps bei seinem Feldzug gegen die US-Justiz, von der er sich stets – aber besonders nach seiner ersten Amtszeit – zu Unrecht verfolgt sieht. […]

(Reymer Klüver, 06.08.2025)