Montag, 31. August 2026

Verschiebungen der letzten Wahlkampfwoche

Tim Klüssendorf gibt alles; der SPD-General tourt, wie zum Beispiel auch sein Grüner Kollege Felix Banaszak, unermüdlich durch Sachsen-Anhalt und malt entzückt kleine Raketen neben das (einstellige) SPD-Bälkchen der Umfrage-Graphiken.

 Demokratische Kampagnen, wie „Alles beginnt im Zentrum“ stemmen sich ebenfalls gegen die AfD.
In der Tat geben die letzten Umfragen ein Fünkchen Hoffnungen, weil SPD und Grüne aus der 5%-Todeszone zu kriechen scheinen und damit eine absolute Sitzmehrheit für die Nazis unwahrscheinlicher wird.

Es sind nur Umfragen, aber sie beeinflussen das notwendige taktische Wählen. Wünschenswert wäre nun ein wenig Restverstand bei den potentiellen FDP- und BSW-Wählern, die als Demokraten einsehen:


Unsere Stimme an die 3%-FDP/BSW ist verschenkt und hilft letztlich den Nazis. Wenn unsere Stimme Gewicht haben und für die Demokratie stehen soll, müssen wir SPD, Grüne, Linke oder CDU wählen.

Demokratische politische Influencer, wie Hannes Kreschel oder Marcant, die unablässig durch Sachsen-Anhalt touren und dabei zunehmenden Erfolg auf Social Media haben, könnten ebenfalls noch einen kleinen Last-minute-swing erzeugen, indem sie indolenten Vielleichtnichtwählern verdeutlichen, was für ein Desaster unter einer Nazi-Regierung in Magdeburg droht. Will man wirklich solche Leute sein Bundesland repräsentieren sehen?

Jammer-Ossis und AfD-Fans zelebrieren ihren Opfermythos, sie beklagen, ihnen werde nicht zugehört, keiner kümmere sich um sie, man dürfe nichts mehr sagen. Wenn man ihnen allerdings offensichtlich zuhört und eine Plattform bieten, sie um ihre Argumente bittet, reagieren sie extrem aggressiv, weil damit ihr gesamtes Weltbild zusammenbricht. 

In Wahrheit sind sie nur noch wenig ökonomisch benachteiligt, nicht ungehört und unterdrückt, sondern bloß dumm, wie Bohnenstroh.

Die minimale Aufhellung der politischen Stimmung des Ostens verdanken wir auch der vierwöchigen Auszeit des effektivsten AfD-Wahlhelfers Fritze Merz, der nun im Endspurt bedauerlicherweise doch wieder auftritt und sich sofort, durch seine Kommunikationsunfähigkeit und die pure Abstoßungskraft seines garstigen Charakters, wieder ans Werk macht, die Wähler zu den Nazis zu treiben.

[…]  Ein skurriler Kanzler-Auftritt in Kühlungsborn

Bereits eine Stunde warten einige der Besucher vor dem CDU-Stand an der Strandpromenade in Kühlungsborn, als Bundeskanzler Friedrich Merz ankommt. Am Ende spaziert Merz einen Teil zu Fuß über die Promenade bis zum CDU-Stand. Bereits auf seinem Weg wagte Merz den Schritt raus aus der Traube und spricht kurz mit einer Frau. Die Leute vor Ort sind unterschiedlich gestimmt. Ein paar Menschen klatschen, die Buhrufe werden jedoch lauter, je näher er dem Stand kommt. Das kleine AfD-Lager war auch schon vor 15 Uhr bereit. Und nun? 

Keine Rede. Merz geht ins Gespräch mit einzelnen Bürgern, die in den ersten Reihen stehen. Für die umstehenden Bürger wird nicht ersichtlich, mit wem Merz spricht und mit wem nicht.

Selbst aus der dritten Reihe ist kaum ein Wort von dem zu verstehen, was der Kanzler mit ihnen redet. Mitunter liegt das auch an den lauten Gegenrufen, von denen sich der Kanzler nicht beirren lässt. Immer wieder wird er als »Pinocchio« und »Kriegstreiber« bezeichnet. Doch anstelle des Kanzlers treten andere Besucher für ihn ein und leisten Gegenrede.  […]

(Anna-Lena Schou, SPON, 31.08.2026)

Ich würde mir wirklich wünschen, es gelänge dem Kanzler und CDU-Chef bei Wahlkampfauftritten zu überzeugen und ein paar Ossis von der AfD zur Union zu ziehen. Aber der Mann ist bedauerlicherweise in fast jeder Hinsicht hochgradig unfähig.

Es liegt mir fern, der CDU Wahlkampftipps zu geben, aber da es um eine mögliche absolute AfD-Mehrheit geht, tue ich es doch: Liebe CDU; versteckt den Mann!

Sperrt den Kanzler in den letzten Wochen vorm Wahlkampf in einen dunklen schalldichten Keller. Lasst ihn bloß nicht vor die Kameras, um dort ausschweifend zu lügen und jeden vor den Kopf zu stoßen.

 

[….] Dabei erhielten sie aber auch Widerspruch aus dem Publikum – von Menschen, die etwa an den Anstand der lautstarken Merz-Gegner appellierten. Ein angekündigtes Pressestatement fand nicht statt. Eine Begründung dafür gab es auf Anfrage aus dem CDU-Team zunächst nicht. Merz unterhielt sich an einem Wahlkampfstand über Absperrgitter hinweg mit Menschen aus dem Publikum. Begleitet wurde Merz in Kühlungsborn von CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters und seinem Staatsminister im Kanzleramt, Philipp Amthor.  [….] Zum Ausgang der Wahl sagte Merz: „Das ist aber eine Entscheidung, die die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt zu treffen haben.“ Die CDU werde in den nächsten Tagen noch aktiv Wahlkampf machen, ein Teil der Wählerschaft sei noch unentschieden. Mit Werten um 40 Prozent liegt die AfD mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in den jüngsten Erhebungen bis zu 20 Prozentpunkte vor der CDU, deren Spitzenkandidat Ministerpräsident Sven Schulze ist. Zu Überlegungen, mit welchen anderen Fraktionen die CDU nach der Wahl am kommenden Sonntag womöglich eine Koalition in Sachsen-Anhalt bilden könnte, wollte sich Merz nicht äußern. Die CDU hat einen Unvereinbarkeitsbeschluss in Bezug auf die AfD und auf die Linkspartei.  [….]

(SZ-Wahlblog)

 

Erratisch tapert der Kanzler durch den Osten und löst bestenfalls Kopfschütteln aus.

Dabei haben die Nazis in Sachsen-Anhalt schon enorm viel mächtige Unterstützung: Aus dem Kreml, von FakeNews-Schleudern, Elon Musk, einem drastischen Social-Media-Übergewicht und einem ganzen Universum aus rechtsradikaler Presse.

Was wir sicher nicht brauchen, sind Kanzler-Auftritte, bei denen der Sauerländer Simpel (wenn auch unbeabsichtigt und aus reiner Doofheit) auch noch der AfD hilft.

[….] Der Kanzler macht Wahlkampf für die AfD [….] Weder mit seiner Art noch mit seiner Wirtschaftspolitik kann Friedrich Merz der rechten Konkurrenz etwas entgegensetzen. Im Gegenteil – er stärkt sie. [….] Wem hilft der Kanzler eigentlich in Sachsen-Anhalt beim Wahlkampf? Dass es seine CDU oder irgendeine andere demokratische Partei ist, darf stark bezweifelt werden. Zu sehr wischte Friedrich Merz allein beim ARD-Sommerinterview die Sorgen, Bedürfnisse und Nöte der Menschen weg. [….] Die AfD-Wahlkämpfer*innen werden sicherlich nicht nur die Aussagen des Kanzlers zum Spritpreis als Steilvorlage nutzen. Sie werden genüsslich darauf verweisen können, dass ihre rechtsextreme Partei ein landeseigenes Kindergeld im Wahlprogramm habe. Dass Elterngeld und Kindergeld nicht dasselbe und ein Extra-Kindergeld für Sachsen-Anhalt nicht finanzierbar ist, weil die AfD viel verspricht, wenn der Tag lang ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Auch ihr Rassismus und all ihre anderen menschenverachtenden Ansichten. [….] Doch wird dies am Ende des Tages beim kontrafaktischen Geraune am Wahlstand untergehen. Zu gut passen die Aussagen von Merz in die Erzählung der AfD, dass die Bundesregierung angeblich lieber Kriege im Ausland finanziert, als der eigenen Bevölkerung zu helfen. [….] Mit seiner Wirtschaftspolitik hilft der Kanzler der AfD beim Wahlkampf. Dabei wollte er die Rechtsextremen einst halbieren. Doch dafür hätte er in Geschichte aufpassen müssen. Denn immer, wenn in Krisenzeiten gespart wird, stärkt das rechtsextreme Parteien.

So hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung berechnet, wie die Sparmaßnahmen von Hungerkanzler Heinrich Brüning einst den Aufstieg der NSDAP begünstigten. Und auch die jüngere Geschichte sollte der Politik ein abschreckendes Beispiel sein: Als zum Beispiel die Troika Gläubiger Griechenland während der Eurokrise zu harten Sparmaßnahmen zwang, konnten auch die Faschisten der Goldenen Morgenröte große Wahlerfolge feiern.

Was Merz nicht kapiert: Es geht den Menschen nicht in erster Linie ums Wirtschaftswachstum. Es geht ihnen darum, was bei ihnen ankommt, ob sie Angst haben müssen, etwas zu verlieren. [….]

(Simon Poelchau, taz, 31.08.2026)