Montag, 11. Dezember 2023

Wir sind unfähig

Es ist die gefühlt 10.000. Personalmangel-Katastrophenstory aus HH:

Im Allgemeinen Sozialen Dienst sind 10% der Stellen nicht besetzt.

Leidtragende sind die verbliebenen hoffnungslos überforderten Mitarbeiter und die Schwächsten der Gesellschafft. Misshandelte und missbrauchte Kinder.

[….] Der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) ist Teil der Hamburger Bezirksämter. Zu seinen Aufgaben gehört es, Kinder vor Gefährdungen zu bewahren und Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder zu beraten und zu unterstützen. Bei Bedarf bewilligt er weiter gehende erzieherische Hilfen oder vermittelt an andere kompetente Stellen.  [….]

(Hamburg.de)

Die Gewerkschaft Ver.di musste ihre Forderung nach einer Stadtstaaten-gemäßen Bezahlung – „wer in Hamburg arbeitet, muss auch in Hamburg leben können“ – in harten Streiks durchsetzen und hätte bei einer Unionsgeführten Bundesregierung sicherlich auf Granit gebissen.

[….] Rund 42.000 Kolleg*innen haben zwei Wochen vor der dritten Verhandlungsrunde in der Tarifauseinandersetzung für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Länder in ihren Branchen Action gemacht und gestreikt: Vom Sozial- und Erziehungsdienst über die Beschäftigten der Hochschulen und studentischen Hilfskräfte, die Stadtstaaten, die Jugend bis hin zum Gesundheitswesen waren alle dabei.

Allein am Streiktag der Stadtstaaten waren in Hamburg und Berlin 17.000 Kolleg*innen auf der Straße. Sie kämpfen für eine Zulage von 300 Euro, damit sie sich die Arbeit in den teuren Großstädten auch wieder leisten können. Denn von dieser Arbeit ist genug da, sie wird nur nicht gut genug bezahlt. Und im Vergleich mit den Beschäftigten von Bund und Kommunen klafft eine Lücke von 10,5 Prozent. Diese Lücke zu schließen und den Reallohnverlust auszugleichen, der durch die anhaltende Inflation entstanden, ist das erklärte Ziel dieser Auseinandersetzung. [….]

(ver.di, 29.11.2023)

Zum Glück ist aber nicht Fritze Merz Kanzler, wie es sich die meisten wünschen, sondern Olaf Scholz. Nur so konnte am Wochenende eine Tarif-Einigung erzielt werden, um zumindest die Flucht aus diesen so wichtigen Jobs zu stoppen. Die Zustände im ASD sind unhaltbar.

 […..] Einer, der sich mit voller Überzeugung an den Streiks beteiligt, ist der 28-jährige Sozialpädagoge Volkhard Cruse. Er schildert die Zustände im Allgemeinen Sozialen Dienst ziemlich düster. Die Belastung für die Mitarbeiter sei „unglaublich hoch. Da kommen einem auf dem Flur Kollegen entgegen, denen Tränen in den Augen stehen, weil sie komplett überfordert sind.“ Cruse weiter: „Ich kann doch nur einen Hausbesuch zurzeit machen, drei Hausbesuche gleichzeitig, das geht einfach nicht. Alle haben den Anspruch, gute Arbeit zu leisten, aber wie soll das unter diesen Umständen funktionieren?“ Notstand ausgerechnet im Allgemeinen Sozialen Dienst? Das ist eine erschreckende Nachricht, schließlich ist der ASD von zentraler Bedeutung für das Wohl von Kindern und Jugendlichen in unserer Stadt geht. Es handelt sich um die Institution, die sämtlichen Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung nachgeht: Meldet etwa ein Arzt, dass ein Säugling zum wiederholten Mal Verletzungen erlitten hat, fällt Nachbarn auf, dass ein Kind einen verwahrlosten Eindruck macht, oder liegt der Verdacht sexuellen Missbrauchs vor, dann stehen Sozialarbeiter des ASD auf der Matte.

[…..] Großer Stress und schlechte Bezahlung führten dazu, dass unter den Kollegen große Fluktuation herrsche, so Cruse. „Leute, die neu bei uns anfangen, durchlaufen ein Einarbeitungsprogramm, das ,NIA‘ genannt wird. Das steht für ,Neu im ASD‘. Aber wir nennen es inzwischen scherzhaft ,Noch im ASD‘, denn regelmäßig springt die Hälfte innerhalb der ersten eineinhalb Jahre wieder ab.“ […..] Ein Sozialpädagoge, der einen Job sucht, fängt lieber in Buxtehude, Stade, Pinneberg oder Kiel an, denn dort verdient er sehr viel mehr Geld. “Tatsächlich ist die Bezahlung im Speckgürtel besser als in der Metropole Hamburg. Die Ursache: Anders als in Flächenländern wie Schleswig-Holstein und Niedersachsen wird in den Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Berlin Arbeit, die sonst in den Kommunen erledigt wird, von Landesbeschäftigten geleistet. Und für die gilt ein anderer Tarifvertrag, der sogenannte „Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder“, der die Arbeitnehmer deutlich schlechter stellt. Sozialarbeiter Cruse zum Beispiel verdient mit seinen sieben Jahren Berufserfahrung brutto 4100 Euro – rund 600 Euro weniger als ein vergleichbar erfahrener Sozialarbeiter in Stade oder Buxtehude. Im Frühjahr wird die Differenz noch um rund 200 Euro größer, weil dann die kommunalen Beschäftigten eine Tariferhöhung erhalten.

Ziel von Verdi ist es, diese Lücke zu schließen. Die Landesbeschäftigten sollen genauso gut gestellt werden wie die kommunalen. Die Forderung lautet deshalb: 10,5 Prozent mehr Gehalt, mindestens aber 500 Euro. Zusätzlich soll es eine Stadtstaaten-Zulage von 300 Euro geben und für die Beschäftigten im ASD eine Sozialarbeiterzulage von 180 Euro. Volkhard Cruse hofft inständig, dass Verdi in den Tarifverhandlungen Erfolg haben wird. […..]

(HH Mopo, 03.12.2023)

Für den ASD in Hamburg wurde in der dritten Verhandlungsrunde immerhin erreicht:

[….] Sozial- und Erziehungsdienst: Für Beschäftigte mit besonderen Stufenlaufzeiten fallen diese ab Oktober 2024 weg. Die einzelnen Beträge der Heimzulage werden ab Oktober 2024 auf 50 Euro, 65 Euro und 100 Euro erhöht. In den Stadtstaaten erhalten die Beschäftigten ab 1. Januar 2024 Zulagen von 130 Euro (EG S2-S9) und 180 Euro (Abschnitt 20.4 EG S11b, S12, S14, S15 FG 1).

Stadtstaaten: In Berlin wird die Hauptstadtzulage tarifiert. Für die Beschäftigten in Hamburg und Bremen gibt es eine Gesprächszusage für Mitte 2025.  […]

(Verdi, 09.12.2023)

Damit verbessern sich die personalmangelbedingten extrem stressigen Arbeitsbedingungen nicht. Dafür müsste man viele neue Mitarbeiter einstellen, die sich aber nicht bewerben.

Vor anderthalb Jahren, vor einem Jahr, dachte man, der tragische Ukrainische Braindrain könnte den deutschen Arbeitsmarkt entlasten, da die meisten Ukrainer digitalaffiner und gebildeter als die in Deutschland lebenden Arbeitslosen sind.

[….] 68 Prozent der Geflüchteten im erwerbsfähigen Alter hätten ein Hochschulexamen, weitere 16 Prozent eine Berufsausbildung. Fast die Hälfte der Erwerbstätigen arbeite in Berufen, für die sie formal überqualifiziert sind.  […..]

(HH Abla, 03.08.2023)

Verglichen mit den deutschen PISA-Krüppeln, die kaum rechnen und lesen können, sind die eine Million in Deutschland lebenden Ukrainer also hochgebildete Genies.

Die händeringend nach Fachkräften suchenden Jobcenter frohlockten schon.

[…..]  Hoch motiviert und gut ausgebildet: Mehr als ein Viertel der Geflüchteten wollen dauerhaft in Deutschland bleiben. […..] Hryhori Havrylko […..] hat mit Unterstützung des Jobcenters schon eine feste Arbeit in der Hansestadt gefunden – bei der Stadtreinigung[…..] in der IT-Abteilung. Denn Havrylko ist studierter Informatiker. Jetzt ist er für die Netzwerktechnik des städtischen Betriebs verantwortlich. An so manches musste er sich in der neuen Umgebung erst gewöhnen. „Wir kommen aus einer ganz anderen Welt“, sagt Havrylko in fließendem Deutsch. So sei die Ukraine im Hinblick auf die Digitalisierung schon weiter als die Bundesrepublik. Mit einer Lohnabrechnung auf Papier, wie sie hier noch weit verbreitet ist, kann er sich nicht so recht anfreunden: „Ich bin es gewohnt, die Zahlen aus einer digitalen Abrechnung gleich in meine private Finanzplanung zu übernehmen.“

[…..] Wie Havrylko hat auch Olga Odarchuk eine akademische Ausbildung. Die Zahnärztin aus Kiew steht kurz vor dem Abschluss ihres Integrationskurses und wartet auf die Anerkennung ihrer ukrainischen Qualifikation. […..] Unter den Geflüchteten aus dem osteuropäischen Land, die vom Jobcenter betreut werden, seien 5500 Kinder und 14.500 Personen im erwerbsfähigen Alter – und genau damit sei eine „große Chance für die Hamburger Wirtschaft“ verbunden, so der Jobcenter-Chef. […..] So habe das Jobcenter bereits eine Kooperation mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, das „händeringend Pflegekräfte sucht“, geschlossen. „Außerdem sind wir dabei, mit der Handelskammer und dem Groß- und Außenhandelsverband AGA Bewerbertage zu organisieren“, erklärte Heyden. […..]

Heyden kann sich allerdings Änderungen vorstellen. […..]  „Die Anerkennung ausländischer Qualifikationen dauert viel zu lange, da ist noch großer Handlungsbedarf.“ Zudem sei das Integrationsangebot zu starr: Erst kommt der Sprachkurs, dann der Integrationskurs in Vollzeit. „Besser wäre, ihn auch in Teilzeit anzubieten, damit die Menschen parallel schon eine Beschäftigung aufnehmen könnten“, sagte Heyden. […..]

(HH Abendblatt, 13.01.2023)

In der Praxis funktioniert es natürlich doch nicht, den vielen klugen und motivierten Ukrainern Jobs zu verschaffen, weil: „Es ist Deutschland hier!“

Lieber ersticken wir die Flüchtlinge in Bürokratie und der Arroganz, ihre Qualifikationen nicht anzuerkennen.

Schlimmer sind aber die von BILD, Reichelt, CDU, Merz, CSU, FW und AfD gemeinsam geschürten xenophoben Vorurteile gegen Flüchtlinge. Deutschland ist schlicht und ergreifend zu unfreundlich. Der zutiefst schäbige CDU-Bundesvorsitzende verbreitete schon vor über einem Jahr Kreml-Hetze.

[….] Wie Merz Kreml-Propaganda verbreitete

Ukrainer würden zwischen der Ukraine und Deutschland hin und her pendeln, um Sozialleistungen zu kassieren - behauptete CDU-Chef Merz. Recherchen von Monitor zeigen: Verbreitet wurde das Gerücht von pro-russischen und rechtsextremen Kanälen.

Seit einem Interview mit "Bild-TV" am 26. September war das Wort plötzlich in aller Munde: "Sozialtourismus". CDU-Chef Friedrich Merz hatte es mit Blick auf Geflüchtete aus der Ukraine benutzt: "Wir erleben mittlerweile einen Sozialtourismus dieser Flüchtlinge nach Deutschland, zurück in die Ukraine, nach Deutschland, zurück in die Ukraine." Eine "größere Zahl" mache sich dieses System inzwischen zunutze. Merz stellte fest: "Da haben wir ein Problem, das wird größer." 

[…..] "Schäbig", fand Innenministerin Nancy Faeser die Äußerung, Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann warf Merz vor, sich mit Methoden von Rechtspopulisten profilieren zu wollen. […..] Russische Medien nahmen den Ball auf: Sie verbreiteten die Meldung von Merz' Vorwurf und seiner Entschuldigung: "In Deutschland empört man sich über die ukrainischen Flüchtlinge", meldete etwa die staatliche Nachrichten-Agentur RIA Novosti. Und der kremlnahe Sender TSARGRAD-TV des Oligarchen Konstantin Malofeev titelte: "Friedrich Merz - erst hat der deutsche Politiker geschimpft, dann wurde er gezwungen, es zu bereuen." [….]

(Tagesschau, 08.10.2022)

Lügen-Merz ist aber derjenigen, den sich der Urnenpöbel mehrheitlich als Regierungschef wünscht. Seine zutiefst Deutschland-feindlichen Ansichten schlagen durch, färben auf Arbeitgeber ab.

Nur weil jemand gut qualifiziert ist und arbeiten möchte, nehmen wir ihn noch lange nicht, sondern würgen im völkischen Wahn lieber unsere eigene Ökonomie ab. Heil Merz!

[…..] Nur 20 Prozent der Menschen, die aus dem Krieg nach Deutschland geflohen sind, haben einen Job. […..]  Alina Bolotskyh ist jung, gebildet, motiviert – und spricht fast perfekt Deutsch. Beste Voraussetzungen, um in Deutschland einen Job zu finden. Die Arbeitssuche der Ukrainerin, die im März 2022 wegen des Krieges aus ihrem Heimatland fliehen musste, gestaltete sich dennoch schwierig. „Ich habe bestimmt über 40 Bewerbungen geschrieben, aber nur Absagen bekommen“, erzählt sie. Oftmals gab es nicht einmal eine Begründung. „Das hat mich irgendwann sehr belastet, weil ich gerne etwas tun und Geld verdienen wollte, aber eben einfach nicht konnte.“

In der Ukraine hatte die 21-Jährige begonnen, ihren Bachelor in Psychologie zu machen. Nebenbei arbeitete sie bei einem Projekt zur Leseförderung. Doch dann schlugen russische Raketen in ihrer Heimatstadt Charkiw ein – und Bolotskyh beschloss, die Ukraine zu verlassen. Ihr Studium konnte sie in Deutschland zwar online fortsetzen, bei ihrem Job sah die Sache allerdings anders aus. […..] Für Aufsehen sorgte kürzlich eine Studie der Friedrich-Ebert-stiftung, die ergab, dass in Deutschland deutlich weniger ukrainische Geflüchtete arbeiteten als in anderen EU-Ländern. So lag die Erwerbstätigkeitsquote laut der Analyse in Großbritannien, Dänemark und Tschechien bei mehr als 50 Prozent, in Polen sogar bei 66 und in den Niederlanden bei 70 Prozent. Daraus zu schließen, dass Geflüchtete in Deutschland nicht arbeiten wollten, sei allerdings falsch, sagt Kosyakova. Für die großen Differenzen gebe es andere Gründe.

[…..]  „In Ländern wie den Niederlanden oder Dänemark wird beispielsweise der Fokus darauf gelegt, dass Menschen möglichst schnell arbeiten – egal in welchem Job. Der Spracherwerb wird hingegen hinten angestellt“, erklärt die Migrationsforscherin. […..]  Ein weiterer Faktor: Bei einem Großteil der Geflüchteten handelt es sich um Frauen, rund die Hälfte von ihnen mit minderjährigen Kindern. Oftmals fehle es an Betreuungsmöglichkeiten, sagt Kosyakova. […..] Probleme macht außerdem die deutsche Bürokratie. Alina Bolotskyh beispielsweise wartet noch immer auf die Anerkennung ihres Bachelor-studiums, das sie im Juli abgeschlossen hat. Die Studie der Friedrich-Ebert-stiftung kommt zu dem Schluss, dass die langsame administrative Verwaltung einer der Hauptgründe für die Differenz bei der Erwerbstätigkeit in Deutschland und anderen EU-Ländern ist.

Dafür, dass das Bürgergeld einen Einfluss auf den Willen zur Arbeitsaufnahme habe – eine Kritik, die unter anderem die Union angebracht hat –, gebe es keine Hinweise. „Diesen Schluss halte ich für falsch“, sagt der Autor der Studie, Dietrich Thränhardt. Das zeige sich auch im Vergleich zu Österreich und der Schweiz, wo die Sozialleistungen deutlich niedriger ausfallen als hierzulande – die Erwerbstätigkeitsquote jedoch ähnlich hoch ist. […..]

(Thüringer Allgemeine, Carlotta Richter, 05.12.2023)