Montag, 11. Mai 2026

Altern – Teil II

Keine Kinder und Enkelkinder zu haben, empfinde ich als Segen, wie ich gestern ausführte.

Kein Tag, an dem ich nicht erneut mit weit aufgerissenen Augen aktuellsten Moves unserer Anführer Trump, Merz, Putin, Netanjahu, Erdoğan entgegen sehe und denke, „das wird uns noch schneller in den Abgrund führen“.

Außer Sanchez und Carney, sehe ich niemanden an der Spitze, die ich auch nur mit minimaler Hoffnung auf Besserung assoziiere.

Dabei stellt das Beschimpfen der Führungsfiguren auch nur einen billigen Weg zur Wutkanalisierung dar, der den totalen Clusterfuck, in dem sich Homo Sapinens derzeit befindet, nicht auflöst.

Es sind eben nicht (nur) DIE Parteien, DIE sozialen Medien oder DER ÖRR Schuld, dass wir uns Richtung 1933 bewegen, sondern WIR, das Volk selbst. Wir sind schlecht informiert, leichtgläubig, missgünstig, phlegmatisch und borniert. Wir könnten viel schlauer wählen, wenn wir genauer hinguckten und etwas intensiver nachdächten, was unsere Wahl- und Kauf-Entscheidungen für Konsequenzen haben.

Niemand ist gezwungen, sich bei der BILD, bei Nius, in einer AfD-FB-Blase oder dubiosen Tiktok-Kanälen zu informieren.

Aber die fortschreitenden Generalverdummung ist ein sich selbst verstärkendes System, in dem Vernunft, Besonnenheit und Selbstreflexion an den Rand gedrängt werden und dafür Dreistheit und Lüge ins Zentrum rücken.

Ich sehe keinen Ausweg und das ist angesichts der demoskopischen Katastrophe in Deutschland, der sicheren Altersarmut und der Klimaüberhitzung auch gut so. Möge des das Ende der Menschheit schnell kommen und mir ein langes unerfreuliches Siechtum ersparen.

Leider gilt aber immer noch Murphys Law. Wenn ich also ab sofort keinen Gedanken mehr an die Zukunft verschwende und JETZT alles verprasse, das ich habe, werde ich natürlich uralt und werde meine Unvernunft fürchterlich bereuen. 

(….) Ich ärgere mich darüber, mich Dekaden über das Plastikschrott-Regal geärgert zu haben. Wieso habe ich nicht all die Jahre mit einem optisch ansprechenden Regalsystem gelebt? Wozu sparen, wenn irgendwann eh keine Lebenszeit mehr übrig ist?
Das dachten sich weltweit auch Millionen Menschen, als sich 1910 der Halleysche Komet ankündigte, um das Leben auf der Erde zu vernichten. Viele hörten auf zu arbeiten und verkauften alles, das sie hatten. Das erschien nur sinnvoll: Wenn man eh nur noch ein paar Wochen oder Tage zu leben hat, dann besser nicht Trübsal blasen, sondern sich endlich das leisten, was man schon immer wollte. Die menschliche Zivilisation mit „Koks und Nutten“ ausklingen lassen. Das hat sicher Spaß gemacht.

Blöd war es nur, als der giftig tödliche Komet vorbeiflog und man immer noch lebte – allerdings total pleite.

[….] Bei seiner Wiederkehr im Jahr 1910 löste der Halleysche Komet sogar eine weltweite Massenpanik aus. Ende des 19. Jahrhunderts hatte der Astronom William Huggins bei Untersuchungen festgestellt, dass sich im Licht von Kometenschweifen die Spektrallinien für Kohlenstoffverbindungen nachweisen ließen. Unter anderem wurden auch Spuren von Cyan gefunden, das in der Verbindung mit Kalium das hochgiftige und tödliche Gas Zyankali ergibt.

Als es nun so aussah, dass die Erde 1910 in den riesigen Schweif des Halleyschen Kometen geraten würde, waren die Menschen wochenlang in Panik. In Konstantinopel (dem heutigen Istanbul) standen 100.000 Menschen in Nachtgewändern auf den Dächern, in Chicago verstopften die Hausbewohner alle Tür- und Fensterfugen mit Lappen, und Papst Pius X. verurteilte das Hamstern von Sauerstoffflaschen. Alle Welt fürchtete den Tod durch Giftgas.

Als der Komet dann vorüberzog, zeigten die Messgeräte nicht die geringste Spur von Cyanid: Die Gasdichte von Kometenschweifen ist viel zu gering.   [….]

(Planet Wissen 2019)

Wenn der kurzperiodische 1P/Halley im Jahr 2061 wiederkehrt, bin ich ohnehin mit hoher Wahrscheinlichkeit längst von dieser irren Affenkugel abgereist. Der Periheldurchgang wird also meine persönliche finanzielle Situation kaum beeinflussen. Ich mutmaße allerdings, daß in35 Jahren menschliches Leben auf diesem Planeten ohnehin kaum noch möglich sein wird. Vielleicht unter großem Elend, oder für die wenigen Superreichen, die sich schon jetzt abseits der Bevölkerungszentren, gerne auf Privatinseln, gewaltige autarke Bunkeranlagen bauen lassen, in denen sie atomaren Fallout, Pandemien oder höllisch-heiße Außentemperaturen aussitzen können, während draußen die Zombiapokalypse tobt.

Es wird schon im reichen Norddeutschland mutmaßlich äußerst unangenehm, wenn Fritze Merz seine Drohung wahrmacht, bis zum Jahr 2033 zu amtieren. (…)
(Hier bricht sowieso alles zusammen, 20.02.2026)

Klar, Morbus Belgicum, ein selbstbestimmtes Ende, würde ich bevorzugen, aber darauf kann man sich nicht verlassen. Zu viele Menschen, die das auch immer vor hatten, verpassten den Zeitpunkt oder wurden zu plötzlich lahmgelegt.

Ein Plan B für den fatalen Fall des eigenen Überlebens muss her. Und zwar schnell.

Wenn der Kalk erst rieselt, wenn man immobil daliegt, ist es zu spät, Pläne zu schmieden. Und es sind keine Abkömmlinge vorhanden, die für mich eine Entscheidung treffen werden.

Es gibt Menschen, die bis an ihr Lebensende völlig autark bleiben, keine massiven mentalen oder physischen Einschränkungen erleiden, in ihrer gewohnten Umgebung bleiben und schließlich relativ plötzlich sterben. Das ist aber der best case und sehr selten.

Der weit überwiegende Teil in unseren Breiten, wird im Alter auf Hilfe angewiesen sein. In meinem Fall also Hilfe, die von außen kommen müsste und die ich zu bezahlen habe. Eine Variante, die aber auch vielen Eltern/Großeltern lieber ist, weil sie es ihren Nachkommen nicht zumuten mögen, sich aufzuopfern. Das gilt natürlich nicht mehr bei Alzheimer oder Demenz.

Die selbstorganisierte, selbstfinanzierte und professionelle Hilfe, wäre also der Königsweg. Tatsächlich habe ich schon Pflegeeinrichtungen gesehen, in denen man in wunderbaren Zwei- oder Dreizimmer-Apartments lebt und jeden erdenklichen Service in Anspruch nehmen kann.

Kleiner Nachteil: Das geht los ab 10.000 Euro im Monat und wird garantiert in Zukunft noch wesentlich teurer, weil Pflegepersonal kaum noch zu finden ist.

Ich könnte abendfüllend von den grauenhaften Zuständen in „normalen“ Alten- und Pflegeheimen berichten.

Es gibt in einigen durchaus auch glückliche Bewohner, die es mögen, gemeinsam zu essen, mit Schlagermusik bespaßt zu werden, Ansprachen des Pfaffs zu lauschen und Weihnachten zu feiern.

Bedauerlicherweise bin ich dafür inkompatibel.

Die einzig mögliche Alternative scheint mir zu sein, mit Gleichgesinnten ein kleines eigenes „Heim“ aufzumachen, indem man zusammen legt, mit einem halben Dutzend Freigeistern eine Immobilie anschafft, in der jeder sein eigenes Reich hat.

Es gäbe allerlei Synergieeffekte. Ein gemeinsames Auto würde ausreichen, man teilt die Gebäudekosten, könnte Einkäufe zusammen legen. Idealerweise finanziert man zusammen eine oder mehrere Hilfspersonen, die so deutlich überdurchschnittlich verdienen und so wenige Stunden am Tag arbeiten, daß sie nie in Stress geraten.

Natürlich ginge das nur bis zu einem gewissen Morbiditätsgrad.

Lange vor dem präfinalen Stadium müsste man abreisen.

Natürlich erfordert das viel Planung und erhebliche finanzielle Mittel.

Niederschwelliger wäre eine „Alten-WG“.

[….] Mit über 80 Jahren in eine WG ziehen? Es ist nicht so, dass Margot Rückert sich das unbedingt ausgesucht hätte. „Manchmal schaue ich mich um und frage mich: Ist das alles, was mir geblieben ist?“ Sie macht eine Bewegung, die ihr Zimmer umschließt – zwei Sessel, ein Schrank, ein Bett und ein Regal, auf dem sie alkoholfreien Sekt lagert, den sie ihren Besuchern ausschenkt. Die Tochter hat ihr das Zimmer eingerichtet. Schöne, weiße, neue Möbel, aber eben nicht ihr Zuhause, nicht ihr Haus im hessischen Rodgau mit Garten. Heim aber könne sie nicht mehr, sagt Rückert. Sie sei mehrfach gestürzt. Es kann jederzeit wieder passieren.

Also muss Margot Rückert mit 86 Jahren noch mal ganz neu anfangen. „Ich versuch’ das bisschen Leben, das ich noch habe, gut zu gestalten“, sagt sie. Dafür, das wird schnell klar, ist die Pflege-WG kein schlechter Ort. Margot Rückert ist dort umsorgt wie in einem Pflegeheim. Und sie lebt trotzdem wie in einer normalen Wohnung mitten im Ort, mit Klingel und Haus-Nachbarn, von denen sie schon zahlreiche kennengelernt hat. Die Tochter ist nicht weit.

Neun alte Menschen bewohnen das weitläufige Apartment im unterfränkischen Randersacker. Bis zu zwölf dürften es laut Gesetz werden. Sie bilden eine sogenannte ambulant betreute Wohngemeinschaft (abWG) – eine Wohnform, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut. 588 solcher Einrichtungen gab es 2024 in Bayern. [….]

(Nina von Hardenberg, SZ, 10.05.2026)

Ich bin zu sozialphobisch für so eine Wohnform. Aber besser als ein Pflegeheim erscheint sie mir schon.

[….] Nicht mehr die eigene Wohnung, aber auch kein großes Heim: Pflege-WGs schließen eine Lücke im System.  Sie können gerade für kleinere Ortschaften attraktiv sein, die ihren betagten Mitbürgern ermöglichen wollen, in ihrer Gemeinde alt zu werden und nicht für den letzten Lebensabschnitt fortziehen zu müssen.

Fünf Frauen und vier Männer teilen sich in der WG in Randersacker eine Wohnküche, eine Sofaecke und die Terrasse. Ein Ehepaar ist gemeinsam eingezogen, ihre zwei privaten Räume haben sie als Wohn- und Schlafzimmer eingerichtet. Für den Platz in der WG zahlen die Bewohner je nach Zimmergröße 2800 bis 2900 Euro aus eigener Tasche –  etwas weniger als im Schnitt für einen Heimplatz anfallen. [….] Eine Pflege-WG ist keine Studenten-WG: Die Bewohner hier sind alle hochbetagt oder krank, viele sind dement.  Das macht das Zusammenleben manchmal schwierig. „Es gibt wenige, mit denen man reden kann“, sagt Margot Rückert. Sie geht darum oft nach draußen. Manche Bewohner könnten in ihrer Demenz böse werden, sagt auch eine andere Bewohnerin, die frühere OP-Schwester Karin König. Sie kommt trotzdem zurecht. Sie habe früher als Krankenschwester und Verkäuferin gearbeitet: „Ich hatte noch nie Probleme mit Menschen.“ [….]

(Nina von Hardenberg, SZ, 10.05.2026)

Ich schon. Lieber Atomweltkrieg.