Samstag, 28. Dezember 2019

Kirchenfesseln

Christina Fleischmann, *1988, arbeitet seit sieben Jahren als freie Kulturjournalistin. Streng katholisch in einem kleinen bayerischen Ort aufgewachsen, las sie als Abiturientin Nietzsche und Feuerbach, brach mit ihrem Glauben, studierte Theater-, Medienwissenschaften und Anglistik in Bayreuth und Barcelona.
Es passierte das, was immer passiert, wenn ein frommes Kirchenmitglied aus der Provinz intelligent ist, sich bildet und hinaus in die große Welt geht: Sie wurde ungläubig.
Nicht nur das, wie jeder anständige Mensch empörte sie sich über die ungeheuerlichen Machenschaften ihrer Kirche.

[…..] Die Argumente gegen die Kirche gehen mir leichter von der Hand. Der sexuelle Missbrauch und seine Aufarbeitung erbosen mich am meisten. Als ich mit Opfern sprach, war ich erschüttert, wie institutionalisiert die Übergriffe stattfanden. Ein Betroffener sagte: »Ich glaube an Gott, aber sein Bodenpersonal ist grottenschlecht.« Die Heuchelei dieser Institution widert mich an, dieser Größenwahn! All das Leid, die unmenschliche Ignoranz gegenüber wehrlosen Kindern, die trägen Versuche der Wiedergutmachung.
Doch nach außen hin die Moral hochhalten, sexuelle Bedürfnisse missbilligen, Verhütung verteufeln. Die Frau als untergeordnetes Geschlecht ansehen, sie von sämtlichen Ämtern ausschließen. Auch das bringt mich zum Schäumen. Weil diese apodiktischen Grundsätze rückständig und fernab der Lebensrealität sind. Ja, ich empfinde sie sogar als menschenfeindlich. Als aufgeklärte Frau muss es schwerfallen, die Überzeugungen dieses Männervereins zu akzeptieren. [….]

Da ich schon eine Generation älter als die Autorin bin, kann ich all die Argumente schon singen.
Um sich vor Wut zu schütteln, muss man nur an einem beliebigen Tag wie heute die Medien verfolgen. Dieser ganze Blog ist voll mit den ungeheuerlichen Verbrechen der katholischen Kirche.

Einige willkürlich ausgewählte Meldungen nur aus dieser Woche:

1.)

Kinderficker Theodore Kardinal McCarrick konnte so lange unbehelligt bleiben, weil er Papst und Kurie bestach.

[…] Der wegen Missbrauchs entlassene Ex-Kardinal Theodore McCarrick hat laut "Washington Post" über Jahre Hunderttausende Dollar an Kleriker gespendet. Auch Papst Benedikt XVI. soll profitiert haben.
[…]McCarrick soll demnach zwischen 2001 und 2018 knapp 200 Schecks im Wert von insgesamt rund 600.000 Dollar an mächtige Kleriker geschickt haben, von denen einige mit innerkirchlichen Ermittlungen in seinem Missbrauchsfall betraut waren.   Der ehemalige Erzbischof von Washington soll zwischen 1970 und 1990 zahlreiche Priesteramtskandidaten und mindestens zwei Minderjährige sexuell missbraucht haben. Wegen eines Übergriffs auf einen Messdiener im Jahr 1971 wurde er im Juni 2018 suspendiert und schied kurz darauf aus dem Kardinalsstand aus. […] Unter den Empfängern sollen aber auch zwei Päpste gewesen sein: Johannes Paul II. habe zwischen 2001 und 2005 rund 90.000 Dollar erhalten, heißt es in dem Zeitungsbericht, der sich auf Bankdokumente beruft. Benedikt XVI. soll 291.000 Dollar bekommen haben - den Großteil davon im Jahr 2005, einen Monat nach seinem Amtsantritt. [….]

2.)

[…] Spektakulärer Mord in Frankreich. […]
In Frankreich steht ein Teenager im Verdacht, einen 91 Jahre alten Geistlichen aus Rache brutal getötet zu haben. Der Leichnam des katholischen Priesters namens Roger Matassoli war bereits am 4. November in seinem Haus […] entdeckt worden. […]
Gerichtsmediziner hatten bei dem Geistlichen im Ruhestand Tod durch Ersticken festgestellt. Unter anderem war ein Kruzifix in die Kehle gerammt worden. […] Verantwortlich für die Tat soll ein 19-Jähriger namens Alexandre V. sein. […] „Dieser Mann hat eine ganze Familie geschreddert“, sagte Alexandres Vater, der Stephane genannt wurde, der Zeitung „Le Parisien“ über Matassoli. Sein eigener Vater, also der Großvater von Alexandre, habe sich das Leben genommen, nachdem er von dem Missbrauch durch den Priester erfahren habe.
Roger Matassoli war bereits zuvor des Missbrauchs an zahlreichen Jungen zwischen den Jahren 1960 und 2000 beschuldigt worden. Mehrere Männer haben sich mittlerweile geoutet. Trotzdem soll der Priester über vier Jahrzehnte von der Kirche gedeckt worden sein. Ein juristisches Verfahren oder eine Aufarbeitung durch die Kirche gab es offenbar nie.
Nach Bekanntwerden der Vorwürfe bereits im Jahr 1967 war er stattdessen von der Diözese Clermont in eine andere nach Saint-Andre-Farivillers versetzt worden. Schließlich wurde er nach Agnetz im Nordwesten Frankreichs geschickt. Bis 2018 blieb er auf der Gehaltsliste der Diözese Beauvais. […]

3.)

[…] Mindestens 175 Missbrauchsfälle bei den Legionären Christi
Mitglieder des katholischen Ordens Legionäre Christi haben in den vergangenen acht Jahrzehnten Kinder sexuell missbraucht. Verantwortlich seien 33 Priester und Diakone, heißt es in einem Untersuchungsbericht.
Die Opfer waren der Untersuchung zufolge zumeist Jungen im Alter zwischen elf und 16 Jahren. […] Aus dem Bericht geht hervor, dass 18 der 33 beschuldigten Männer immer noch Teil der Organisation sind. […]

4.)

[…] Rom Es ist ein trauriger Rekord: In diesem Jahr wurden weltweit etwa 1000 Fälle von sexuellem Missbrauch durch Geistliche gemeldet. Die Behörde im Vatikan, die solchen Vorwürfen nachgehen soll, ist angesichts dieser Entwicklung unterbesetzt. „Im Moment stehen wir vor einem regelrechten Tsunami von Fällen, vor allem aus Ländern, aus denen wir bisher nie etwas gehört hatten“, sagt John Kennedy, Leiter der Disziplinar-Abteilung der Kongregation für die Glaubenslehre. […] Seit 2001 hat die Glaubenskongregation schon 6000 Fälle bearbeitet. Trotzdem gibt es einen erheblichen Rückstau – 2000 Vorwürfe konnten bisher nicht überprüft werden. Mit nur 17 festen Mitarbeitern ist die Behörde schlicht überlastet. [….]

Welcher denkende und mitfühlende Mensch möchte da noch gern in der Kirche bleiben?
Christina Fleischmann gehört auch nicht dazu. Zumal sie die strenge Kirchentreue in ihrer Jugend keineswegs genoss, sondern eher darunter litt.

[…..] Oft fühlte ich Beklemmung in der Kirche, diesem großen, kalten Raum mit seinen Heiligenfiguren, die vorwurfsvoll leidend auf mich herabschauten. Auf mich in meinen herausgeputzten Sonntagskleidern. Die Gläubigen saßen steif und andächtig in den unbequemen Holzbänken, zum Orgelspiel leierten sie ihre Lobgesänge, meine Großmutter neben mir besonders laut. […] Sicher prägte die strenge Haltung unseres Dorfpfarrers mein Bild von der katholischen Kirche. Neben ihm immer dieselben beiden Ministranten. […]  Kurz vor der Erstkommunion zählte ich ihm im Beichtstuhl meine Sünden auf, die ich mir vorher zurechtgelegt hatte: Ich habe meinen Bruder geärgert, zu meinen Eltern war ich nicht immer brav. Zur Absolution sollte ich ein paar Vaterunser und Ave Maria beten. Mit dem letzten »Amen« fühlte ich mich von ­einer Last befreit, die ich zuvor nicht gespürt hatte. Den endlos langen Predigten unseres Pfarrers wollte ich nicht folgen, ich fand sie langweilig, weil sie nichts mit meiner kindlichen Welt gemein hatten. Um die Zeit rumzukriegen, blätterte ich im Liederbuch und schaute mir Heiligenbilder an. Diese Gottesdienste hatten nichts Fröhliches, keine Liebe erfüllte den Raum, Lachen oder Klatschen waren verboten, die Schafe hatten zu schweigen und zu lauschen.
So zwang mir die Messe eineinhalb Stunden pro Woche eine Bedeutungsschwere auf, die mich einschüchterte. Ich fühlte mich klein, schlecht, unwohl in meiner Haut. Doch meinen Eltern war es wichtig, sonntags in die Kirche zu gehen. Sie meinten, das gehöre zur guten Erziehung. […]

In dem Essay aus dem vorletzten SZ-Magazin, aus dem ich hier zitiere, geht Fleischmann der Frage nach wieso sie eigentlich immer noch zahlendes Mitglied der RKK ist und es nicht fertig bringt tatsächlich auszutreten.
Für den Artikel machte sie sich auf die Reise, um Pro- und Contra-Argumente einzusammeln.
Hätte sie mich gefragt, den alten Sack, der sich schon einige Jahrzehnte länger mit der Kirche beschäftigt, wäre sie sicherlich nicht ausgerechnet zu Margot Käßmann gegangen, um sich dort den Rat zu holen Kirchenmitglied zu bleiben, damit der „bürokratische und institutionalisierte“ Apparat Kirche von Innen reformiert werde.
Offenbar weiß Fleischmann nicht um die gravierenden intellektuellen Unzulänglichkeiten der Botschafterin des nach Hitler zweitschlimmsten Antisemiten (Luther), die in sagenhafter Einfältigkeit massakrierten, vergewaltigten und vertriebenen Opfern zuruft „Man kann nie tiefer fallen als in Gottes Arme.“

Fleischmanns vom Religionspsychologen Sebastian Murken übernommene Idee einer Pro-und-Contra-Liste Kirche mag schon eher zielführend sein, aber ihre Pro-Seite der Tabelle spricht leider auch für eine zu schwache Durchdringung der Materie.

Pro:
Vermittlung moralischer Ideale
soziales Engagement weltweit
Gemeinschaftsgefühl
Familientradition

Contra:
tatsächlich gelebte Moral
sexueller Missbrauch, Umgang damit
undurchsichtige Strukturen
Männerverein
Unterordnung der Frau
Ablehnung von Sexualität

Die moralischen Ideale mussten allesamt gegen den erbitterten Widerstand der Kirche von Humanisten und Aufklärern erkämpft werden.
Kirchenmoral hingegen sind Sklaverei, Misogynie, drastischer Antisemitismus, Rache, Kinderschlagen, Ungleicheit.
Und wem soziales Engagement wichtig ist, der sollte sein Geld dringend anderen Organisationen geben, denn nirgendwo ist die Quote so mies wie bei den Kirchen, die über 90% des Geldes für sich und ihre eigene Prunksucht behält.

Ich begann mich, wie so oft, schon über diesen zu wenig substantiellen Artikel zu ärgern.

Aber immerhin, mir gefiel die Definition der Punkte, die sie als „Gemeinschaftsgefühl und Familientradition“ subsummiert.
Etwas von dem ich, Darwin sei Dank, verschont blieb.

[…..]  Präverbale Prägung. So erklärt es der Religionspsychologe Sebastian Murken. Noch bevor wir zu sprechen lernen, verbinden wir demnach mit der Kirche vertraute Geräusche, Gerüche und damit ein Gefühl von Heimat. Dagegen anzukämpfen sei schwierig. »Diese Prägung setzt sich tief im Gehirn fest. Sie kann über das Kognitive, die Großhirnrinde, kaum gelöscht werden«, sagt Murken. In jungen Jahren setze sich der Einfluss der Kirche fort: mit Erstkommunion und Firmung, die noch vor der rebellischen Phase der Jugend stattfinden.  Klingt nach systematischer Gehirnwäsche, denke ich. [….]

Präverbale Prägung.
Ein schöner Terminus Technicus, noch dazu alliteriert, den ich gern in meinen Wortschatz übernehme.