Im
US-Wahlkampf haben die Profi-Spin-Doktoren schon längst die inhaltliche Ebene
verlassen.
Es kommt nicht auf die Wahrheit an und es kommt schon gar nicht auf
Konzepte an.
Wichtig
ist, daß die Wähler den eigenen Kandidaten mögen.
Und falls das nicht gelingt, weil
der eigene Spitzenmann ein Charisma wie Fußpilz hat, genügt es immer noch, wenn
der Gegenkandidat noch unsympathischer da steht.
Negative
campaigning ("mudslinging") hat immer mehr Konjunktur, seit dem die
Medien so aufgespalten sind, daß jeder ohnehin nur noch seine einseitig
gefärbten Berichte sieht und die wenigen neutralen und seriösen
Nachrichtenquellen immer mehr verdrängt werden.
Daß
Obama zum Beispiel schon vor langer Zeit seine Geburtsurkunde vorgelegt hat,
interessiert die „birthers“, die hartnäckig behaupten der Präsident sei in
Kenia geboren und somit illegal im Amt, gar nicht.
Daß bei einem zwei Milliarden Dollar schweren
Wahlkampf inzwischen erhebliche Anteile der Amerikaner denken Obama sei Muslim,
Atheist, Kommunist, Faschist, Sozialist, Antiamerikaner oder mehreres
davon erstaunt mich nicht.
Manchmal
gibt es allerdings doch eine Umdrehung mehr, die selbst mich verblüfft.
So
wurden dieser Tage in den wahlentscheidenden Swing-States, insbesondere in Ohio
über eine Million DVDs verschickt, in der eine wie Obama klingende Stimme aus
der Kindheit des Präsidenten plaudert und dabei anhand diverser anrüchiger
Bilder „enthüllt“, daß seine Mutter als Prostituierte gearbeitet hätte.
Obamas
Mutter ein „porn-star“ - und weil das noch nicht reicht, werden auch Bilder mitgeliefert,
die „beweisen“, daß Mrs. Obama Lesben-Pornos gedreht hätte.
Da
ich einen guten Freund in Ohio habe, fragte ich gleich mal nach, ob er auch schon
so eine DVD bekommen hätte. Sein Kommentar:
„Their desperation is complete to the point of hilarity!
Their moral is the same as it's always been - despicable and vile!”
Kann
sein. Aber wenn solche Gerüchte, solche Bilder erst mal im Umlauf sind, die
auch noch eindringlich mit Obamas Stimme gesprochen werden, bleibt eben doch
immer ein bißchen hängen.
In
Deutschland klappt es auf diese extrem plumpe Art noch nicht so recht.
Gerüchte
über Merkel, daß sie eine FDJ-Agentin oder lesbisch wäre, kursieren nur bei den
total Verwirrten von Kreuznet und Co.
So gut wie kein Wähler dürfte das ernst
nehmen.
Daß
jemand Enthüllungs-DVDs pressen würde, auf denen behauptet würde Peer
Steinbrücks Mutter sei eine Lesbenhure gewesen, halte ich für nahezu
ausgeschlossen.
Womöglich gibt es Menschen, die irre genug und reich genug
sind, um so etwas anzuzetteln. Nützen würde es aber nichts, weil sich alle
Medien unisono dagegen erheben würden und sich die Wähler ob solcher Angriffe
eher mit Steinbrück solidarisierten.
Es
ist aber nicht so, daß niemand versuchen würde Steinbrück etwas anzuhängen.
Die
heftigsten Attacken kommen dabei interessanterweise alle aus dem ganz linken
Lager.
Großblogger
Jens Berger, der einzige Mann in Deutschland, der sich noch nie geirrt hat und
das Weltfinanzsystem schon immer vollkommen durchschaut hat, schießt mit grober Munition.
In
einem langen taz-Artikel wirft Berger dem SPD-Kanzlerkandidaten vor schon immer
ein bankenhöriger Deregulierer gewesen zu sein, der bis heute nicht lernfähig
wäre.
Das
ist plump, einseitig und ungerecht.
Getoppt
wird das noch durch ein unsägliches Bild auf Bergers Blog „Spiegelfechter“
welches Helmut Schmidt als Hindenburg und Steinbrück als Hitler zeigt.
Das
sind Vergleiche, die ich mit „das tut man nicht“ ablehne.
Schmidt
selbst ist „Vierteljude“ und entging nur durch Glück dem KZ und Steinbrücks
Mutter war auch ganz klar eine Gegnerin des Nationalsozialismus.
Peer Steinbrücks Mutter, 1919 als Ilse Schaper geboren, entstammt einer Hamburger Kaufmannsfamilie mit dänischen Wurzeln. Mitte der 1930er-Jahre verbrachte sie eine längere Zeit bei Verwandten in Dänemark und Schweden, wo sie sich dem »Bund Deutscher Mädel« entziehen konnte. Ilse Schaper hörte Jazz, ging tanzen und erlebte ein ungezwungenes Zusammenleben von Frau und Mann. Sie ließ sich zur Hutmacherin und Schneiderin ausbilden und empfand es als völlig normal, dass eine Frau einen Beruf ergriff. Anfang 1939 kam sie nach Hamburg zurück – in ein anderes, ihr fremdes Land. Niemand durfte hier sagen, was er denkt, und Jazz zu hören war politisch gefährlich. Unter dem Datum ihrer Rückkehr von Kopenhagen nach Hamburg vermerkte sie in ihrem kleinen Kalender: »Jetzt kehre ich in diese Diktatur zurück.« Als Peer Steinbrück mehr als 70 Jahre später die Hinterlassenschaften seiner Mutter sortiert, liest er diese Worte. Ilse Schaper hatte jüdische Freunde, denen es gelungen war, Deutschland früh zu verlassen. Zu ihrer dänischen Verwandtschaft zählte ein Arzt, den die Nazis nachts per Telefon aus dem Haus riefen. Sie un- terstellten ihm, dem Widerstand anzugehören. Am nächsten Morgen wurde der Arzt erschossen aufgefunden.»Meine Mutter«, sagt Peer Steinbrück, »hat in ihrem Freundeskreis sehr früh die Judenverfolgung mitbekommen und nach dem Krieg darunter gelitten, dass Hamburger Bürger, die wie sie die Transporte am Hamburger Hauptbahnhof gesehen hatten, noch in den 1960er-Jahren so taten, als ob das alles nicht stattgefunden habe. Diese Verleugnung wollte sie nicht akzeptieren. Diese Haltung hat die Erziehung von mir und meinem Bruder geprägt.«
Ähnlich
plump läuft das deutsche Negative campaigning über die Neidreflexe.
Hat
Steinbrück nicht ganz schön viel Geld mit Vorträgen verdient?
Der
Oberbayer Seehofer gibt sich große Mühe etwas Anrüchiges draus zu konstruieren
und verlangt der Sozi müsse das alles offen legen.
Daß
Steinbrück genau das, vollkommen korrekt und rechtzeitig stets getan hat, verschweigt
der Ministerpräsident.
Daß
ein ehemaliger Minister in der freien Wirtschaft, bei Unternehmen, die Gewinne
machen und nicht vom Staat abhängen mit Vorträgen Geld verdienen darf, halte
ich für absolut selbstverständlich.
Man muß Banker nicht mögen.
Aber es ist ihnen
doch zuzugestehen, daß sie sich auch gerne mal eine kritische Meinung anhören.
Sahra Wagenknecht hält Lesungen aus ihrem Anti-Kapitalismus-Buch auf Sylt, der reichsten Insel Europas, wo die Millionäre unter sich sind.
Freies sozialistisches Sylt nannte es die SZ.
Und wer würde Steinbrück nicht zubilligen, daß seine Vorträge meinungsfreudig,
kurzweilig und lehrreich sind.
Vielleicht
möchten ehemalige CDU-Minister auch gerne so viel Geld mit Vorträgen über ihre
Ansichten verdienen.
Das scheitert aber zumeist daran, daß sie miserable Redner
sind, nichts zu sagen haben und mit ihrer Minderrhetorik außer einschläfernder
Wirkung keinen Effekt erzielen.
Es
würde kaum einer dafür bezahlen um vom Franz-Josef Jung, Anette Schavan
oder Michl Glos in Koma gelabert zu werden.
Insgesamt umfasst die Liste [der] Kunden [Steinbrücks] 41 Namen, in den meisten Fällen hat er jeweils mehr als 7000 Euro pro Auftritt genommen. Ohne jede Ironie: schön für ihn. [….]Weil Steinbrück gerade von der SPD auf den Thron gehoben wurde, haben jetzt auch all diejenigen ihren Dienst aufgenommen, die unter Beinfreiheit verstehen, anderen ans Bein zu pinkeln. In diesem Fall gehören dazu etliche Medien, die von "Riesenwirbel" und "Dauerkritik" schwadronieren, ein bayerischer Ministerpräsident, der Doppelzüngigkeit insinuiert und ein Fraktionsvize der Linken, der eine "Steinbrück-Klausel" fürs Abgeordnetengesetz verlangt. Pinkeln aus Prinzip, so läuft das in Politik und Publizistik leider oft.[….] Er ist schon deshalb kaum zu korrumpieren, weil er seit Jahren Abgeordneter der Opposition ist. Steinbrück hat eine Leistung erbracht und einen Wert geschaffen, der zum Beispiel darin bestand, dass eine Volksbank zu einem Abend einladen konnte, um etwas für die Kundenbindung zu tun.Dafür darf er gerne Geld nehmen. Es gibt nicht die geringsten Indizien für einen Interessenkonflikt. Die gäbe es bei einem Kanzlerkandidaten - weshalb Steinbrück nach seiner Ausrufung sogleich erklärt hat, seine Vorträge (sowie den Sitz im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp) aufzugeben.Horst Seehofer hat gesagt, wer Transparenz von den Banken einfordere, dürfe sich nicht wundern, wenn sie auch von ihm persönlich eingefordert werde. Der Vorhalt ist ungefähr so dringend, als forderte man Seehofer auf, doch endlich in die CSU einzutreten. Steinbrück muss der Forderung nicht nachkommen, weil er sie längst und ohne besondere Aufforderung erfüllt hat. Wen's im Einzelnen interessiert: Er hat all seine Kunden und Einnahmen so auf der Website des Bundestags aufgelistet, wie es das Gesetz verlangt.(Detlef Esslinger 02.10.2012)