Wir kennen die Methode schon aus der Bibel.
Als König David vom Tod König Sauls erfuhr, ließ er den Boten der Nachricht umbringen. Einer muss Schuld haben. Einer wird in die Wüste geschickt; wie im Buch Levitikus, als ein Ziegenbock als Sühne geschlachtet und ein Zweiter, mit Sünden beladen, in die Wüste geschickt wird.
6 Hat er den Jungstier für seine eigene Sünde dargebracht und für sich und sein Haus Versöhnung erwirkt, 7 dann soll Aaron die beiden Ziegenböcke nehmen und sie vor dem HERRN am Eingang des Offenbarungszeltes aufstellen. 8 Für die beiden Böcke soll er Lose kennzeichnen, ein Los für den HERRN und ein Los für Asasel. 9 Aaron soll den Bock, für den das Los für den HERRN herauskommt, herbeiführen und ihn als Sündopfer darbringen. 10 Der Bock, für den das Los für Asasel herauskommt, soll lebend vor den HERRN gestellt werden, um für ihn Sühne zu erwirken, damit er für Asasel in die Wüste geschickt werde. 11 Aaron soll den Jungstier für sein eigenes Sündopfer herbeibringen lassen, um für sich und sein Haus Versöhnung zu erwirken, und diesen Jungstier des Sündopfers für sich schlachten.
(Levitikus 16)
Die Methode existiert bereits in der griechischen Mythologie.
Apollon verliebt sich in Prinzessin Koronis, die Tochter des Königs Phlegyas, schwängert sie und lässt sie fortan von einem weißen Vogel überwachen. Koronis flirtet aber mit Ischys, wird daraufhin auftragsgemäß vom Piepmatz bei Apollon verpetzt, der diesen aus Rache dazu verdammt, nur noch zu krächzen und schwarze Federn zu tragen – als Unglücksbote.
Boten lebten durchaus gefährlich.
Der Aztekenherrscher Montezuma soll, als ihm das Nahen des Spaniers Cortez gemeldet wurde, die Hinrichtung der Boten angeordnet haben.
Das Bestrafen des Boten einer schlechten Nachricht war in biblischen, antiken Zeiten eine gängige Methode, wurde aber auch schon damals kritisiert. Das Zitat „Tötet nicht den Boten“ stammt vom bedeutendsten griechischen Dichter Sophokles (ca. 496–406 v. Chr.). Der Gedanke, einen Boten nicht für den Inhalt seiner Nachricht verantwortlich zu machen, ist also mehr als 2.400 Jahre alt.
Tatsächlich findet man in den letzten 500 Jahren wenig Beispiele dafür, den Boten hinzurichten.
Aber Varianten des Verhaltens sind bekannt. Christian Wulff, Karl-Theodor zu Guttenberg und Ursula von der Leyen ließen gern Bauernopfer für ihr eigenes Versagen bestrafen.
Weit häufiger als Bauernopfer, werden Sündenböcke (Siehe Levitikus 16) bemüht. Es ist der Signature Move des aktuellen Bundeskanzlers, seiner CDUCSU-Cronies und der AfD, stets Minderheiten, insbesondere Migranten und Queeren, die Schuld in die Schuhe zu schieben.
Insbesondere Whistleblower leben auch heute noch sehr gefährlich.
[….] Ein Plädoyer für Whistleblower, die ohne Rücksicht auf die eigene Existenz allein auf ihr Gewissen hören.
Überbringer schlechter Nachrichten wurden in archaischen Zeiten, ja noch im alten Rom, in Griechenland und Ägypten ins Jenseits befördert. So ganz haben wir diese Zeiten noch nicht überwunden. Heute geht es nicht mehr um Götter im Himmel, sondern die Götter der Finanz- und Wirtschaftsmacht, die wir uns in unserer säkularisierten Gesellschaft geschaffen haben.
Diese Götter heißen Gewinnsucht, Bruttosozialprodukt, Zinseszins... Sie wohnen im Himmel der Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Der ist genauso mächtig, undurchschaubar und unantastbar, wie der Himmel der Antike. So mancher Manager, Unternehmer oder Politiker identifiziert den Boten mit der Botschaft und kann sich den antiquierten, magischen und überwunden geglaubten Denkweise nach wie vor nicht verwehren: Der Bote wird isoliert oder eliminiert, über seine oder ihre Botschaft muss man sich dann nicht weiter kümmern.
Haben wir solche archaisch-magischen Relikte noch nötig? Wer akzeptiert solches Denken und Handeln? Dass solches Vorgehen in unserer aufgeklärten Zeit nach wie vor praktiziert wird, wo sonst überall nach der ultima ratio gefragt wird, ist erstaunlich. Leider sind selbst so manche angeblich rational denkende höchste Entscheidungsträger und Wissenschaftler nicht dagegen immun.
Entscheidend für unser aller Zukunft wird es sein, sich mit unbequemen Nachrichten auseinander zu setzen, um Konfliktlösungen zu finden, anstatt Whistleblower in Isolation und Verzweiflung, manchmal gar in den Tod zu treiben. Whistleblowing ist ein unverzichtbares Element für eine funktionierende Gesellschaft. Schließlich geht es heute darum rechtzeitig zu warnen vor dem Einsatz von Risikotechnologien oder Kriegswaffen, die selbst noch im Frieden töten. Firmen wie Einzelpersonen dürfen nicht auf Kosten der ganzen Gesellschaft und dem Leben zukünftiger Generationen Gewinne machen.
Es ist höchste Zeit umzudenken: Whistleblower sind Helden, die auf ihr Gewissen hören und mutig, ohne an die eigene Existenz zu denken, gesellschaftliche Tabus brechen. Eine Kultur der Zivilcourage muss das Ziel sein. Die USA und England sind dem übrigen Europa hierbei weit voraus. […]
Den absoluten Gipfel der Idiotie bildet, wie sollte es auch anders sein, Donald Trump. Der US-Präsident ist mental und intellektuell so dermaßen kaputt, so sehr in seinen eigenen wahnsinnigen Lügen gefangen, daß ihm Fakten nicht mehr zugemutet werden können. Sein Umfeld zittert viel zu sehr vor seinen Wutausbrüchen, kann sich nicht schnell genug vor den von ihm geschleuderten Ketchup-Falschen in Sicherheit bringen.
[….] SPIEGEL: Trump hat in seiner Rede erneut seinen Angriff auf Venezuela als Modell für Iran gepriesen – also ein Szenario, in dem die USA einen gefügigen Anführer installieren, was nach einhelliger Expertenmeinung nicht möglich sein wird. Warum gibt es auf US-Seite ein so grundlegendes Missverständnis über die Funktionsweise des iranischen Regimes?
Vaez: Dieses Problem ist nicht auf Iran beschränkt. Die Vereinigten Staaten glauben immer wieder, sie könnten mit Gewalt bekommen, was sie wollen. Deshalb haben sie in Vietnam Fehler gemacht, im Irak, in Afghanistan – und auch im Umgang mit Iran. Im aktuellen Fall zeigt sich aber besonders deutlich Trumps persönliche Unfähigkeit, die Funktionsweisen der iranischen politischen Strukturen zu verstehen . [….] Es gibt viele weitere Beispiele dafür, dass Trump nicht wirklich versteht, womit er es hier zu tun hat.
SPIEGEL: Das scheint auch für sein Umfeld zu gelten.
Vaez: Ja, das ist ein systemisches Problem dieser Regierung. Man hat innerhalb des US-Staatsapparats fast alle Fachleute entlassen, die den Kurs korrigieren könnten. Und man hat die Geheimdienste politisiert – was bedeutet, dass die US-Geheimdienste es inzwischen nicht mehr wagen, dem Präsidenten Dinge zu berichten, die er nicht hören will.
SPIEGEL: Wie steht es in diesem Krieg tatsächlich?
Vaez: Die Iraner haben über Jahre gelernt, ihre Produktionsanlagen so anzulegen, dass sie auch für bunkerbrechende Bomben schwer erreichbar sind. Deshalb sind sie immer noch in der Lage, Israel massiv zu beschießen. Sie haben also noch Abschussrampen und Raketen, während die Bestände an Abfangraketen in der Golfregion und in Israel zunehmend kleiner werden. Deshalb werden die iranischen Angriffe auch immer wirksamer. [….]

