Gehöre ich als US-Amerikaner eigentlich auch zu diesem dubiosen
„migrantischen Milieu“, jenen „migrantischen Chaoten“, die C-Minister nun als
General-Schwarze Peter ausgemacht haben? Immerhin war ich deutlich über ein
halbes Jahrhundert alt, als ich nach langem Kampf endlich die deutsche
Staatsbürgerschaft bekam. Die rotgrüne Schröder-Fischer-Bundesregierung wollte
mich schon 1998 einladen Deutscher zu werden, aber die CDU tat alles, um mir zu
signalisieren, daß ich nicht dazugehöre, hier nicht erwünscht bin. An
vorderster Front Angela Merkel und Roland Koch mit ihrer „Wo kann man hier
gegen Ausländer unterschreiben“-Kampagne im Januar 1999. CDU-Urgestein Schäuble
unterstellte Doppelstaatsbürgern Schizophrenie. Merkel, Merz und Co sangen das
Lied von „der deutschen Leitkultur“, der ich mich nicht fügen wolle.
Und aus Unions-Sicht, aus Sicht der Vertreter des Dreiklassen-Schulsystems,
der Zweiklassen-Gesundheit, der Schützenvereine, Schwulenhasser, Religioten,
Misogynen, Transphoben, Xenophoben, Islamophoben, der Nach-Oben-Umverteiler,
Klimakiller, Umweltzerstörer, Industrielobbyisten stimmt es sogar: Seit ich 24
Jahre nach Merkels NJET von 1999 doch eingebürgert wurde, durfte ich dreimal
wählen: Europawahl 2024, Bundestag 2025, Hamburger Bürgerschaft 2025. Dreimal
keine Stimme für CDU, BSW, AfDP.
Auf einen Migranten wie mich, der einen ausländischen
Vater hatte und so lange für unwürdig befunden wurde, einen deutschen Pass zu
bekommen, kann sich die CDU nicht verlassen.
Bevor ich jemals im Bund für Merz oder in Hamburg für
Chris Ploß stimme, hacke ich mir eher die Hand ab.
So sind wir, die „migrantischen Chaoten“. Oder betrifft
mich das Schlagwort doch nicht so ganz, weil mein Vater zwar auf dem fernen
Kontinent Amerika geboren wurde, mein Blut also nicht „arisch“ ist, aber
immerhin aus einer weißen christlichen Gegend stammt, die CDUCSU nicht ganz so
sehr verachten, wie beispielsweise die Türkei oder Syrien? Hurra, ich bin weiß
und spreche akzentfrei deutsch. Nur mein Blut ist unrein. Und dann auch
noch meine gräßlichen Vor- und Nachnamen, die man kaum aussprechen und noch
weniger schreiben kann! Gegen den Wind sieht man mir mein migrantisches
Chaotentum nicht an. Dadurch erfahre ich natürlich deutlich weniger
Diskriminierung im Alltag, als PoCs. Auf dem Papier war ich aber auch lange
Zeit minderwertig, durfte nicht studieren, was ich wollte, konnte nicht wählen.
Vor Migranten soll man sich fürchten, vor ihnen muss man
warnen, denken auch relevante Teile der Bundesregierung.
Dr. Sonja Kock, Dobrindts Sprecherin und Regierungssprecher
Kornelius stellten es heute auf der Regierungspressekonferenz klar:
[….] Kock: Unsere Kollegen von der Bundespolizei haben gerade an
diesem Wochenende ähm sehr breit auch unterstützt, bundesweit und solche
Lagebilder speisen sich aus Beobachtungen vor Ort. Und vielleicht noch mal zur
Klarstellung der Ministersprach von gewaltbereiten Linken ,linken Gruppen und
Chaoten aus dem migrantischen Milieu und so wie Herr Kornelius das auch schon
gesagt hat, ist das keine Verallgemeinerung. [….]
Jung: Frau Kock, einerseits das Thema
Milieu, sie waren ja hier auch schon im Ende 2023 Sprecherin des BMI, darum
passt das ganz gut. Da hat sich das BMI auf eine Anfrage der AfD, die nach migrantischen
Milieus gefragt hat in einer Bundesdrucksache, ausdrücklich gegen diese
Begriffe also dagegen gewehrt und darauf hingewiesen, dass das nicht zu
verwenden ist, dass das BMI nicht von fiktiven Milieus ausgeht, sondern nur von
konkreten Personen. Warum hat sich das seitdem geändert? Und der Bundesminister
selbst benutzt diese Begriffe, die vorher von ihrem Ministerium gegenüber der
AfD äh abgelehnt worden sind.
Kock: Ich glaube,
diese Frage können Sie sich selbst beantworten, warum sich das geändert hat.
Jung: Weil sich der Minister der AfD angenähert
hat.
Herr Kornelius und Sie
meinten zu den Gewaltausbrüchen und dass die Polizei damit aller Härte reagiert
drauf hätte und gleichzeitig, dass sie jegliche Gewalt natürlich verurteilen,
egal von wem Gewalt ausgeht. Sie werden wahrscheinlich auch die Bilder und
Videos am Wochenende gesehen haben. Ich war live dabei, wie die Polizei gegen
Jugendliche Gewalt angewendet hat. Teils sehr hart. Weil sie selbst davon gesprochen
haben, dass Bilder von vor Ort gesehen wurden durch Sicherheitskräfte, durch
Medien, durch dem Minister vielleicht selbst, durch Sie. Was sagen Sie dann zu
der Polizeigewalt, die nachweislich passiert ist gegenüber Kindern, gegenüber Jugendlichen?
Regierungssprecher
Kornelius: Mir fehlt die Imperie, die Sie haben, Herr, ich war nicht vor
Ort. Also kann ich mir Ihren ihre Prämisse nicht zu eigenen.
Jung: Ja, aber wenn
Sie davon sprechen, dass Bilder von vor Ort ausschlaggeben für Ihre Bewertung
des Wochenendes sind in Bezug auf die sogenannten migrantischen Milieus
und die Bilder von vor Ort auch nachweislich zeigen, dass Polizeigewalt
passiert ist.
Kornelius: Also, ich
habe schon mal gesagt, dass wir ähm jetzt auf solche äh subjektiven empirischen
Betrachtungen kann ich Ihnen jetzt keine Antwort geben. Mir ist von
Polizeigewalt, exzessiver Polizeigewalt nichts bekannt. Auch Polizei verhält
sich angemessen. Sie muss aggressive Gewalt aus Seiten der Demonstranten, die
am Abend dann vor allem in Frankfurt, in Köln und so weiter ausgebrochen ist,
muss sie entgegentreten. Es gibt ein Ordnungsinteresse, es gibt ein
Sicherheitsinteresse der Bevölkerung und dem wir die Polizei gerecht. [….]
Min 30:55 Eckstein: Ja, Herr Kornelius, ich würde gerne noch
mal nachfragen. Sie haben unter anderem gesagt, dass es auch von den vom Bildmaterial
gedeckt sei, diese Aussagen des Innenministers, die ja auch der Kanzler
unterstützt. Ich würde da gerne noch mal nachfragen, was das konkret bedeutet.
Das heißt, man kann das erkennen.
Kornelius: Ich
habe vom Lagebild gesprochen. Das Lagebild setzt sich aus vielen Bausteinen
zusammen. Dazu hat das Innenministerium eben ausführlich gesprochen.
Eckstein: Ich würde
dann noch einmal gerne nachfragen an Sie Herrn Kornelius oder auch an Frau Kock.
Es ist ja doch auffällig, dass diese migrantischen Chaoten, das migrantische
Milieu im Zusammenhang mit den Straftaten, die am Wochenende passiert sind,
betont und auch erwähnt wurden. Wenn man sich jetzt aber Schulen in Deutschland
anschaut, ein Drittel, 50% je nach Bundesland, bisschen unterschiedlich, wie
man es definiert, haben zu Zuwanderungsgeschichte, Migrationshintergrund,
teilweise sind die Zahlen noch deutlich höher. Hätte man das da nicht auch in
Bezug auf die Demonstrationen, die sie ja alle gelobt haben, auch erwähnen
können? Also man sagen können, es waren Demonstration von Schülerinnen und
Schülern mit migrantischem Milieu, die da auf die Straße gegangen sind. Also,
es ist ja die Frage, warum man das gerade bei diesen Straftaten, die am
Wochenende passiert ist, für so erwähnenswert fand.
Kornelius: Das
ist eine Deutungsfrage, die ich hier nicht beantworten möchte. [….]
(Jung & Naiv, 02.11.2026)
Dobrindt und sein hessischer CDU-Innenministerkollege
Roman Poseck wissen schon, wie bösartig „migrantische Milieus“ agieren werden,
bevor es passiert ist.
[…] Die Debatte über die
Folgen der teils massiven Ausschreitungen des vergangenen Wochenendes geht
weiter. Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) hat ein Verbot weiterer
angekündigter Jugendproteste ins Spiel gebracht. »Zunächst muss man sehen, ob
diese Veranstaltungen am 20. November überhaupt so stattfinden können«, sagte
er in den ARD-»Tagesthemen«.
Das Versammlungsrecht sei
ein hohes Gut, jedoch sei die Friedlichkeit ebenso elementar. Gewalttätige
Versammlungen dürften deshalb nicht zugelassen werden. Am Samstag war es nach
einer Demonstration, zu der die Initiativen »Gen Z regelt« und »Generation Aufbruch«
aufgerufen hatten, in Frankfurt am Main zu Tumulten und Plünderungen gekommen.
Obwohl Tausende Menschen
über weite Strecken friedlich für mehr Investitionen in Bildung und Gesundheit
sowie gegen die Einführung einer Wehrpflicht auf die Straße gingen, sei es auch
bei der eigentlichen Demonstration zu Zwischenfällen gekommen, sagte Poseck. So
habe es etwa »massive Angriffe« auf die Polizei aus der Versammlung heraus
gegeben. »Die Versammlungsleiter haben diese Versammlungen nicht im Griff«,
erklärte Poseck.
Er kündigte eine
konsequente Strafverfolgung an. »Diese Tätergruppe war überwiegend migrantisch
geprägt«, sagte Poseck. »Es darf hier keine falschen Tabus geben.« Die Behörden
würden gewaltbereite junge Menschen mit Migrationshintergrund künftig noch stärker
in den Blick nehmen. »Damit schützen wir auch die vielen Menschen mit
Migrationshintergrund in unserem Land, die sich an Recht und Gesetz halten.«
[….]
(SPON, 02.11.2026)
Nicht alle Bundesminister, noch nicht einmal alle
CDU-Größen, stellen sich hinter den AfD-Kurs, das AfD-Wording, die Xenophobie,
die Hetze des Kanzlers, Dobrindts und Priens.
[…] Norbert Röttgen widerspricht Alexander
Dobrindt bei »Chaoten aus migrantischem Milieu«[…] Norbert Röttgen,
stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union, hat in der Diskussion über
die Ausschreitungen am vergangenen Wochenende für einen differenzierteren Blick
auf die Randalierer plädiert. In der ntv-Sendung »Pinar Atalay« sagte er: »Es sind
Einzeltäter, immer Einzeltäter.« Zwar
seien unter den Gewalttätern viele gewesen, »die entweder Ausländer sind oder
Deutsche ausländischer Abstammung«. Daraus lasse sich aber kein gemeinsames
Milieu ableiten: »Es gibt in Deutschland nicht das eine Milieu von Migranten.« […]
Röttgen ist der erste prominente
Unionspolitiker, der Dobrindt für seine Aussage kritisiert. Zuvor ging bereits
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) auf Distanz. Die Zuschreibung führe
»in die falsche Richtung«. Linkenchef Luigi Pantisano sagte, es sei »ein
billiger Versuch, einer Gruppe etwas zuzuschreiben, um wieder gegen Migranten
in diesem Land zu hetzen«. Der Grünenvorsitzende Felix Banaszak kritisierte, es
gehe Dobrindt darum, einen Teil der Bevölkerung als »nicht richtig zugehörig«
zu markieren. […]
(SPON, 02.11.2026)
Danke Pistorius, Danke Röttgen.
Aber die Botschaft des Kanzlers und des Innenministers
ist angekommen: Wir „Passdeutschen“ gehören nicht dazu, sind minderwertig. Wir
sollen uns in Acht nehmen. Wir sind unerwünscht, Integration ist nicht gewollt.
[…] Ausschreitungen nach
Gen-Z-Protesten: Und wieder als fremd markiert
Unionspolitiker machen das
„migrantische Millieu“ für Ausschreitungen in Frankfurt verantwortlich. Kein
Wunder, dass sich die ständige Ausgrenzung in Wut verwandelt.
Wie lange bleibt man ein
Migrant? Diese Frage müssen sich migrantisch gelesene Personen seit Jahrzehnten
stellen. Laut den Aussagen von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und
dem hessischen Innenminister Roman Poseck (CDU) ändert offenbar auch ein
deutscher Pass nichts daran, dass man für immer Migrant bleibt.
Denn Dobrindt und Poseck
machten eine für sie ganz selbstverständliche Unterscheidung: Diejenigen, die
an den Ausschreitungen nach den Gen-Z-Protesten am Wochenende beteiligt gewesen
seien, hätten zwar überwiegend die deutsche Staatsbürgerschaft, gehörten aber
zu den „Chaoten aus dem migrantischen Milieu“.
Das ist letztlich das, was
CDU-Politiker seit Jahren mit Begriffen wie „kleine Paschas“ oder einem
„Problem im Stadtbild“ kommunizieren und mittlerweile noch offener aussprechen:
Egal, in welcher Generation ihr seid und welchen Pass ihr habt, ihr gehört eben
nicht dazu.
Frankfurt ist eine
migrantische Stadt. 58 Prozent der Bevölkerung haben eine
Einwanderungsgeschichte. Hier hat man längst verstanden, dass man in einer
Migrationsgesellschaft lebt und migrantische Menschen selbstverständlich zum
„Stadtbild“ gehören. Noch absurder ist, dass Poseck diese Aussagen am Sonntag
neben dem Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef trifft, der selbst eine
Fluchtgeschichte hat.
Also, wer soll dieses
„migrantische Milieu“ genau sein? Wer ist damit gemeint? Stellte man dies am
Samstagabend bei Polizeikontrollen anhand des deutschen Passes, der
Familiengeschichte oder der Hautfarbe fest? Und warum wird ein Großteil der
Frankfurter Stadtgesellschaft unter Generalverdacht gestellt? Für die jungen
Menschen aus Frankfurt ist es ein weiterer Schlag ins Gesicht, wenn dabei vom
„Ziel-Klientel“ gesprochen wird, das Rechtsbrüche begehe und teilweise
gewaltbereit sei. […] Es ist keine Überraschung, dass diese Menschen
irgendwann das Gefühl verlieren, politisch repräsentiert zu werden. Wer sie
ständig kriminalisiert und ihnen das Gefühl gibt, nicht dazuzugehören, sollte
sich nicht darüber wundern, wenn sie sich irgendwann tatsächlich nicht mehr als
Teil dieser Gesellschaft verstehen. […]
(Yağmur Ekim Çay, 02.11.2026)