Das macht der SPIEGEL schon seit seinen Anfangstagen so; jede Geschichte wird mit einem launigen Eingangsabsatz begonnen. Der Autor flext dabei gern mit seiner Bildung und verwendet als anekdotische Komponente eine „L“-Struktur: Als Leser wird man scheinbar auf einen Pfad geführt, glaubt zu wissen, worauf der Journalist heraus will und im letzten Moment kommt die überraschende Wende. Es ist doch von einem anderen Ereignis die Rede.
Der Sauerlandkanzler bietet sich besonders für dieses Vorgehen an, weil er als Oppositionsführer den Mund extrem voll nahm, Olaf Scholz massiv dessen miese Beliebtheitswerte vorwarf. Das fällt ihm nun so sehr auf die Füße, daß es zu lahm für den SPIEGEL wäre, daraus eine Artikel-Einleitung zu basteln.
Schließlich ist die deutsche Bloggosphäre voll mit entsprechenden Memes.
Sebastian Fischer und Christian Teevs begannen ihren heutigen Merz-Artikel also mit einem vermeidlich schlaueren Knaller:
[….] Der Fraktionsvorsitzende schonte den Kanzler vor den versammelten Abgeordneten von CDU und CSU nicht. Man müsse eine neue Regierung unter einer neuen Führung bilden. Der Herr Bundeskanzler möge sich doch bitte bereit erklären, für einen reibungslosen Übergang zu sorgen. Schließlich erhob sich der Kanzler und verkündete: »Ich klebe nicht an meinem Sessel.« Das war das Ende.
So geschehen vor 60 Jahren, als die Union ihren Kanzler Ludwig Erhard wegen Erfolglosigkeit, Wirtschaftskrise und, Achtung, Erfolgen von Rechtsradikalen aus dem Amt hob. Der Unionsfraktionschef hieß Rainer Barzel, er trieb Erhard in den Rückzug und nur zu gern wäre er dessen Nachfolger geworden. Wurde er aber nicht. [….]
Da muss man aber die Fakten biegen, um die Parallelen zu reiten. Der zackige Ostpreuße Barzel, im Zweiten Weltkrieg Leutnant der Luftwaffe, war Zeit seines Lebens extrem ehrgeizig, versuchte ultrakonservative Positionen durchzudrücken (Einführung der Todesstrafe!), setzte alles daran, CDU-Bundesvorsitzender und Kanzler zu werden. Dafür ging er rabiat gegen die Kanzler Erhard und Kiesinger vor, erzwang eine Kampfabstimmung gegen Helmut Kohl.
CDU-Chef wurde er schließlich von 1971-1973 und 1972 Kanzlerkandidat.
Mehr kann ein Vergleich zu dem braven und 100% Merz-treuen Fraktionschef Frei gar nicht hinken. Merz wackelt enorm und wird wohl seine Partei- und Regierungsämter vor 2029 verlieren, aber sicherlich wird es nicht der bis zur Selbstaufgabe loyale Fraktionschef Frei sein, der als Brutus das Messer führt, um den Briloner Besenstil niederzustrecken.
Fischer und Teevs vergessen auch zu erwähnen, wer nach dem von ihnen ausgeleuchteten Drama tatsächlich neuer CDU-Chef (1967 bis 1971) und CDU-Bundeskanzler (1966 bis 1969) wurde: Kurt-Georg Kiesinger, NSDAP-Mitglied 1933-1945. Ein waschechter Nazi, der als Bundeskanzler Gesetze zur Verjährung der NS-Kriegsverbrechen durchsetzte.
Wollten die Spiegel-Autoren damit vielleicht einen Hinweis auf die Post-Merz-Phase der CDU geben?
Tatsächlich wird es keines Polit-Superschwergewichts wie Rainer Barzel bedürfen, um den schlechtesten und unbeliebtesten Bundeskanzler aller Zeiten loszuwerden. Da braucht es nur noch einen sanften Windstoß, um ihn zu Fall zu bringen. Der Mann hat keine Freunde mehr. Er ist nur noch im Amt, weil seine innerparteilichen Konkurrenten so schwach sind und das Kanzleramt in dieser multiplen Weltkrise so unattraktiv ist, daß sich kaum einer den Tort antun will.
Am Sachsen-Anhalt-Wahlabend waren alle CDU-Ministerpräsidenten ins Konrad-Adenauer-Haus geladen, um mit Merz gemeinsam zu beraten, ihn quasi durch ihre Anwesenheit zu unterstützen. Daniel Günther war der einzige, der kam. Alle anderen sagten demonstrativ ab; wollten nicht mit Merz gesehen werden. Der Sauerländer ist bereits politisch tot; er weiß es nur noch nicht.
[….] In diesem Zusammenhang eine kleine Insidergeschichte, die sich in der Geschäftsstelle der CDU Braunschweig zugetragen hat und die als Sinnbild für die Kanzler-Krise stehen kann.
Für einen obligatorischen Presseauftritt stellte sich am Wahlabend der Kommunalwahl Maximilian Pohler, der Oberbürgermeister-Kandidat Braunschweigs, mit seiner Frau, der CDU-Landtagsabgeordneten Sophie Ramdohr, in der CDU-Geschäftsstelle für ein gemeinsames Foto auf. Als die CDU-Abgeordnete erkannte, dass im Hintergrund ein Porträt des Kanzlers zu sehen war, entschied sie: Das Merz-Foto muss besser weg. Kurzerhand öffnete Sophie Ramdohr den Wechselrahmen, nahm das Kanzler-Porträt heraus, klappte den leeren Rahmen wieder zu und stellte sich zurück an die Seite ihres Mannes. So viel zum Standing von Friedrich Merz in der eigenen Partei. [….]
(Jörg Quoos, dem Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion, 14.09.2026)


