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Donnerstag, 6. Januar 2022

Querdenker quer durch

Ganze zwei Republikanische Abgeordnete haben heute an der Schweigeminute zum Jahrestag des tödlichen Sturms auf das US-Parlament teilgenommen.  Unfassbare 40% der US-Amerikaner sind durch die verschwörungstheoretischen faschistoiden Propagandamedien der Trump-Welt so gehirngewaschen, daß sie nicht an den Wahlsieg Joe Bidens im November 2020 glauben.

Das Land ist nicht einfach gespalten, wie es schon zu Zeiten George W. Bushs hieß, sondern die letzten Reste des Konsenses wurden inzwischen vollständig ausgemerzt. Es gibt nur noch blanken Hass von Amerikanern gegen Amerikaner. Man verachtet sich nicht nur, sondern will sich gegenseitig vernichten.

Die Skrupellosigkeit der Rechten hat jede denkbare Dimension gesprengt. Sie lügen, hetzen, verbreiten Hass. Aber sie arbeiten auch sehr systematisch daran die demokratische US-Verfassung zu zerstören und beteiligen sich aktiv an der Tötung möglichst vieler Landsleute, indem sie gegen Maskenpflicht, Abstandsregeln und Corona-Vakzine agitieren. 855.000 Todesopfer forderte Sars-CoV-II bis heute in den USA! Das halbe Land, 75 Millionen Wähler, arbeitet daran, die USA zu zerstören. Verglichen mit der GOP war Al Kaida eine Wohltäterin der USA!

[….] Am 6. Januar 2021 stürmte ein wild gewordener Mob von Donald-Trump-Anhängern das Kapitol in Washington, es war ein historischer Tiefpunkt in der amerikanischen Geschichte. [….]  Einiges spricht dafür, dass der 6. Januar kein Ausrutscher war, kein Unfall der Geschichte. Auf Amerikas Demokratie warten in den kommenden Monaten weit größere Gefahren, es kann mehr Gewalt geben, mehr Chaos. Es kann noch schlimmer kommen als am 6. Januar vergangenen Jahres.  Dass Amerika politisch gespalten ist, ist dabei gar nicht mehr das alleinige Problem. Gespalten war das Land auf unterschiedliche Weise schon häufig im Laufe seiner Geschichte. Viel schwerer wiegt heute, dass sich die unterschiedlichen Lager in einer Spirale des Wahnsinns wiederfinden: Es geht oft nicht mehr allein um das Erreichen eigener politischer Ziele, sondern darum, den Gegner niederzumachen. Da ist viel Misstrauen, das Bedürfnis nach Rache, sogar purer Hass. [….]  Donald Trump und große Teile der von ihm beherrschten Republikanischen Partei sind dabei, sich aus dieser Demokratie mental zu verabschieden. [….] Die »Grand Old Party« hat sich unter Trump auf atemberaubende Weise ins Extreme entwickelt. Trump und seinen radikalsten Anhängern wäre zuzutrauen, dass sie die USA in ein autokratisches Regime verwandeln. Innerhalb der Partei ist Meinungsvielfalt schon jetzt nicht mehr vorgesehen. Stimmen der Vernunft, moderate Parteigrößen werden ausgeschlossen oder isoliert. [….]

(Roland Nelles, Spon, 06.01.2022)

Die Corona-Vakzinierung ist in den USA eine Frage der Parteizugehörigkeit.
Weit über 90% der demokratischen Wähler sind geimpft; bei den Trump-Fans sind es nur die Hälfte.

Bei der gegenwärtigen Omikronwelle, die im Lande Bidens über eine Million neue Infizierte pro Tag bedeutet, sterben also überproportional GOP-Fans.  Da diese Hassfanatiker aber allesamt Christen sind, vermehren sie sich auch überproportional (keine Schwulen, keine Verhütungsmittel, keine Aufklärung, keine Bildung, Frau am Herd), so daß noch lange Karens und Kevin vorhanden sein werden.

Es muss also ein Modus Vivendi gefunden werden.

Glücklicherweise bewegen sich Trumpisten und Biden-Wähler ohnehin weitgehend in getrennten Sphären, so daß sie im Alltag kaum Berührungspunkte haben.  Die einen sind am Schießstand, bei Nascar-Rennen, hören Countrymusik, gehen in die Kirche und fressen Fastfood. Die anderen findet man an Colleges und Universitäten, sie kaufen „organic food“, werden zunehmend atheistisch und rauchen Cannabis.

Im Sommer 2016 fand ein großes Treffen all meiner noch so entfernten Verwandten in New York statt. Ich habe mich natürlich wie üblich jeder Einladung widersetzt, telefonierte aber anschließend mit dem New Yorker Cousin, der das größte Haus hat und in dessen Garten das Familien BBQ stattfand. Solche Nachfragen sind in den USA nur so mittelergiebig, weil sie am Telefon nie schlecht über andere reden und alles immer „nice“ finden. In Deutschland würde man als erstes erfahren, daß Tante Käthe sich betrunken hat, das Kind von Schwager Franz dick und häßlich ist und die Ehe von Cousin Erwin kriselt.

In NY war aber alles harmonisch. Aber, so viel konnte ich entlocken: Es wurde die stricke Regel „no politics, no religion!“ ausgegeben. Darüber durfte niemand sprechen. Für mich war es naheliegend. Die meisten Verwandten sind Demokraten, gerade die von der Ostküste. Aber die dicken Cousins aus Kalifornien sind stramm rechts. In den USA werden solche Hintergründe aber gar nicht ausgesprochen, da es ohnehin üblich ist solche Themen zu vermeiden. Immer alles easy going.

2016 war das Wahljahr Trumps. Im Sommer hielt man seine Siegeschancen noch für gering, aber die Konservativen hassten Hillary Clinton wie die Pest. Für Zündstoff war also a priori gesorgt.

Fünf Jahre später ist so ein Familientreffen gar nicht mehr möglich, selbst wenn man noch so eine strikte Tabu-Themenliste erstellt. GOPer und Dems haben sich nicht nur politisch, sondern auch habituell und kulturell so weit von einander entfernt, daß sie sich im besten Fall nie mehr sehen wollen. In schlechteren Fällen gehen sie sich gleich an die Gurgel. Die eigene politische Verortung wird auch nicht mehr kaschiert (um keinen Ärger zu bekommen), sondern in Form von MAGA-hats und Bumper-Stickern laut rausgeschrien. Zu den politischen Unterschieden von 2016 kommen nun noch die Giga-Streitthemen Trump-Präsidentschaft, Biden-Wahl, Insurrection am 06.01.2021, „Stop the steal“ und Corona.

Ungeheuerlichkeiten also, über die kein Konsens erzielbar ist.

In Deutschland entfernen sich die Aluhüte, Pegidioten, „Spaziergänger“ und Covidioten ebenso rasant vom gesellschaftlichen Konsens. Auch mit ihnen ist keine Diskussion mehr möglich, weil sie so sehr in ihren Verschwörungstheorien aufgehen, daß sie extrem aggressiv auf Fakten reagieren. Zum Glück gibt es mit diesen Subhumanen üblicherweise keine Berührungspunkte. Und wer weint schon den ungeimpften AfD-Parlamentariern nach, die aufgrund ihres Fanatismus letztlich im Krematorium landen?

Während mir sympathische Menschen aber kaum jemals zu Antisemiten, Homohassern oder Xenophoben werden, schlägt Covidiotie willkürlicher zu und so muss man immer wieder die bittere Erfahrung machen, daß nicht nur Politiker und Journalisten, die man ohnehin schon immer verachtete – Kubicki, Maaßen, Poschardt, Döpfner, Reichelt – riesige Aluhüte aufsetzen, sondern auch manch eben noch vernünftig Wirkender beginnt zu schwurbeln. Sogar Heribert Prantl und Franziska Augstein sind gefährdet.

(….) Es ist so frustrierend zu sehen, dass neben den Usual Suspects – niemand kann sich ernsthaft über das Covidioten-Geschwurbel von Xavier Naidoo, Til Schweiger, Nena und Attila Hildmann wundern – leider auch Menschen, die man zuvor für hochvernünftig und sympathisch hielt.

Leider traf es nun auch den Musiker Michy Reincke, der nach ein paar mittelgroßen Hits in den 1980ern zwar nie den großen Durchbruch erreichte, wohl aber in Hamburg eine lokale Größe blieb und musikalisch immer besser wurde.   Ein zutiefst sympathischer, intelligenter Kerl, der ganz in der Nähe von mir seit Jahrzehnten in derselben kleinen Wohnung lebt und ohne Plattenvertrag von seiner selbst vermarkteten LIVE-Musik lebt.  Das sind keine Welthits, aber er ist sozial engagiert und ein begnadeter Unterhalter. Er gibt traditionell mehrere „Weihnachtskonzerte“ im Schmidts Tivoli, die immer ausverkauft sind, weil jeder, der da war, wiederkommt. [….]  Nach einem Jahr ohne Auftritte, verbreitet er nun über seine sozialen Medien einen endlosen Text, der im Gegensatz zu den meisten öffentlich auffälligen Aluhut-Elaboraten in perfekter Orthographie und Grammatik daher kommt und durchaus davon zeugt, daß er sich mit der Pandemie-Thematik beschäftigt hat. (…)

(Auf der schiefen rechten Bahn, 08.04.2021)

Nun traf es auch einen der wenigen Sportler, den ich wirklich so sehr mag, daß ich mich als Fan bezeichnen könnte. Das Jahrhundert-Tennistalent Novak Djokovic. Der beste Tennisspieler aller Zeiten bringt nicht nur physisch alles mit – das ist ohnehin Voraussetzung – sondern ist ein richtig schlauer Kerl.

Der Mann sprach schon als 19-Jähriger sechs Sprachen fließend und lässt immer wieder auch außerhalb des Sports erstaunliche Talente aufblitzen. So ist er ein begnadeter Imitator und Parodist, der jeden anderen Spieler mit wenigen Gesten und Bewegungen treffsicher darstellen kann. Ein Zeichen von Intelligenz und Beobachtungsgabe. Sein Tennisspiel ist intelligent. Er kann sich an jede Situation anpassen und Strategien entwickeln. Er ist auf dem Platz klüger als die anderen.

Und nun das, ausgerechnet Novak Djokovic ist ein Hardcore Impfverweigerer, der als Nummer 1 der Welt, peinlich an der Einreise nach Australien gehindert wird.

[….]  Der beste Tennisspieler der Welt sitzt in einem Quarantänehotel in Melbourne fest. [….] Das stundenlange Warten Novak Djokovics im Flughafengebäude von Melbourne hat ein Ende - es wird nun in einem Quarantänehotel der Stadt fortgesetzt. Nachdem der australische Grenzschutz das Visum des serbischen Tennisprofis zurückwies, legten seine Anwälte eiligst Einspruch gegen die umgehende Abschiebung ein. Ob der Weltranglistenerste, der neunmalige Sieger der Australian Open, mitwirken darf an diesem Turnier in der Rod Laver Arena, der Stätte seiner großen Triumphe, die nur drei Kilometer entfernt am Yarra River liegt, werden nun am Montag die Richter am Federal Circuit Court entscheiden.  So ist aus Novak Djokovics Impfstatus, der zunächst eine Privatsache, dann eine Einreiseformalie war, die sich in Australien zum Politikum weitete, nun ein Rechtsfall geworden. Die diplomatischen Verwicklungen haben unterdessen bereits die höchste Staatsebene erreicht. So unterstellte der serbische Präsident Aleksandar Vučić den australischen Behörden Schikane; alle Bemühungen Serbiens seien darauf ausgerichtet, "die Drangsalierung des weltbesten Tennisspielers zu einem sofortigen Ende zu bringen". Er habe "unserem Novak" persönlich erklärt, "ganz Serbien" stehe hinter ihm. Medienberichten zufolge wurde sogar der australische Botschafter in Belgrad einbestellt. In Canberra wiederum wies Australiens Regierungschef Scott Morrison derlei Vorwürfe mit dem Hinweis zurück, sein Land habe "souveräne Grenzen" und klare, nicht-diskriminierende Vorschriften, die für alle gelten. [….]

(SZ, 06.01.2022)

Was für ein Jammer. Es war seine Chance alle statistischen Rekorde zu brechen, Nadal und Federer zu enteilen.

Aber es hilft ja nichts. Nun stellt er sich quer zu mir. Dann kann ich kein Fan mehr sein.

Donnerstag, 2. Januar 2020

Politikerbilder


Wenn Umweltkatastrophen, verheerende Unglücke oder Terroranschläge eine Nation treffen, spielen die Bilder eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Für die Regierung gilt es dann den Spin unter Kontrolle zu bekommen, eine eigene Storyline zu entwickeln, um den Opfern gerecht zu werden, den Wiederaufbau zu ermöglichen, das Land zusammen zu halten.
Dazu gehören die obligatorischen Bilder der Spitzenpolitiker am Unglücksort.
Der Regierungschef muss sich selbst ein Bild machen, als ob er ein Feuerwehr-Kapitän wäre, der anschließend professionell die Rettungsarbeiten leitete.
Das ist natürlich ganz großer Blödsinn. Wenn der Politikertross mit Sicherheitsleuten und Journalisten im Schlepptau am Unglückort einfällt, behindert das die Ersthelfer/Ärzte/Feuerwehrleute. Richtig arbeiten können sie erst wieder, wenn die Regierungsvertreter wieder abgehauen sind und ihre Selbstvermarktungsbilder für die Nachrichtensender im Kasten haben.
Man sollte meinen, daß bei der enormen Bedeutung der heutigen Medien jemand mit den Ressourcen einer Regierung entsprechende hochkompetente PR-Fachleute zur Verfügung hat.
Der Tenor, mit dem über ein Ereignis berichtet wird, ist schließlich oft wichtiger als das Ereignis selbst.


Wir trauern seit zwei Tagen um die 30 Krefelder Affen, die mit ihrem Affenhaus durch Silvesterfeuerwerk verbrannt sind.
Wir trauern gar nicht um 4.000 im völligen Elend frierende Kinder auf Lesbos, verschwenden keinen Gedanken an über 3.000 Flüchtlinge, die 2019 im Mittelmeer ertrunken sind und auch die 500 Millionen in Australien verkohlten Tiere spielen in der teutonischen Gefühlswelt des gemeinen Germanen derzeit keine Rolle.

[…..] Around 480 million animals are feared to have died in the bushfires sweeping Australia, including nearly a third of the koalas in New South Wales's main habitat.
Ecologists at the University of Sydney estimate around 480 million mammals, birds and reptiles have been killed, directly or indirectly, by the devastating blazes since they began in September, The Times reported.
This includes almost 8,000 koalas, which are believed to have burnt to death on the state’s mid-north coast. […..]

Wir konzentrieren uns emotional nicht auf die Affen, weil das schlimmer als die Australische Katastrophe ist, oder weil uns menschliche Schicksale auf Lesbos als harmloser erscheinen.
Nein, wir wägen gefühlig zu Gunsten der Krefelder Primaten ab wegen der Berichterstattung. Alle Boulevardsender, BILD und Morgenpost, die sozialen Medien deklinieren das Thema rund um die Uhr durch. Wir haben die heulenden Stamm-Zoobesucher beim Kerzen-Anzünden gesehen, die einzelnen Affen vorgestellt bekommen und die abgebrannte Ruine gesehen.
Menschliches Mitleid funktioniert nur mit Bildern und nicht durch abstraktes Wissen.
Ein Regierungspolitiker wäre absolut naiv sich nicht über die Macht der Bilder bewußt zu sein und das zum Guten, oder aber auch zur Eigen-PR zu verwenden.

Verblüffenderweise ist aber eine professionelle PR-Abteilung nicht ausreichend, Der Toppolitiker benötigt außerdem Empathie und eine scharfen Instinkt für mediale Situationen.

Angela Merkel beispielsweise ist sich stets über die Macht der Bilder bewußt. Sie weiß immer ganz genau wo die Kameras stehen, sie kennt jeden Fotographen und kontrolliert immer die Situation. Seit vielen Jahren passieren ihr keine peinlichen unvorteilhaften Aufnahmen mehr, wie sie in ihren ersten Jahren als Bundesministerin unter Kohl noch üblich waren.
Aber sie ist nicht fähig Emotionen zu verbreiten und verkalkuliert sich beim Umgang mit aufgewühlten Menschen. Daher meidet sie solche Situationen und lässt sich so gut wie nie an Unglückorten blicken.
George W. Bush war so ein Mittelding. Ihm unterliefen heftige mediale Fauxpas. Für immer wird ihm anhängen, wie er im August 2005 nach der Megakatastrophe des Hurrikans Katrina nur mit dem Flugzeug über New Orleans flog. Es stimmte zwar was er sagte, sein Präsidententross hätte die Rettungsarbeiten nur behindert. Aber GWB hatte überhaupt nicht den verheerenden Eindruck einkalkuliert, densein Gesicht, das Gesicht des Multimillionärs und US-Präsidenten hinter dem Fenster eines Superluxusflugzeugs machte, wenn er in hohen Sphären über den Bitterärmsten schwebt, die gerade alles verloren haben.
Anders war es allerdings beim 9/11-Terroranschlag.
Damals produzierte er die richtigen Bilder, als er mit Feuerwehrjacke mitten im Chaos auf ein Auto kletterte und über Megaphon das Land zum Zusammenhalt aufrief. Nie wieder hatte er so hohe Zustimmungswerte.
Sein Nachfolger Barack Obama war sehr viel besser als Nationentröster. Er traf sich nach allen Mass-Shotings mit den Opfern, hörte zu, war emotional und fand stets die richtigen Worte.
Unübertroffener Meister dieser Disziplin war allerdings Bill Clinton, der wie kein anderer sowohl im direkten Gespräch mit Bürgern, als auch mit Menschenmassen, Mobs, Trauernden umgehen kann. Ein Jahrhunderttalent, der alle beeindruckte und überzeugte, die er persönlich traf.
Ich nehme an, daß er sehr viel Zeit damit verbracht hat seiner Frau zu erklären, wie er das eigentlich anstellt. Hillary Clinton ist ebenfalls hochintelligent und wird es rational sicherlich verstanden haben, ist aber dennoch in dieser Disziplin unfähig.
Justin Trudeau kann ebenfalls nahezu perfekt medialen Spin erzeugen, Bilder produzieren und mit Menschen im direkten Gespräch agieren.
Schon vor seiner ersten Wahl zum Regierungschef kannte die Welt die Bilder, wie er mitsamt Kind und Kegel fröhlich feiernd bei Pride-Märschen zwischen Myriaden Schwulen feierte.
Natürlich kennen allen anderen liberalen oder linken Politiker auch das LGBTI-Wählerpotential und gehen ebenfalls zu CSDs. Aber auch wenn man Olaf Scholz natürlich abnimmt, daß er LGBTI-Anliegen ernsthaft fördert, merkt jeder, daß er dort fremdelt. Wie die meisten. Daher nützen vielen Politikern CSD-Auftritte herzlich wenig, außer sie sind wie Claudia Roth langjährige deutliche Unterstützer oder sie strahlen so eine Freude aus wie Trudeau.

2002 trat inmitten des Bundestagswahlkampfes die Oder über die Ufer und verursachte eine der schwersten deutschen Überschwemmungskatastrophen seit der Hamburger Sturmflut 1962.
Hier war es Gerd Schröder, der mit untrüglichem Instinkt die Situation und Berichterstattung beherrschte.
Jeder sah die Bilder des Bundeskanzlers in Gummistiefeln, der zusammen mit „Deichgraf Platzeck“ durch den Oderbruch stapfte.
Unions-Kanzlerkandidat Stoiber, dessen Bundesland ebenfalls stark betroffen war, kapierte die Situation hingegen überhaupt nicht. Stoibers legendäre Stammelei und Abgehobenheit wurden im Vergleich zu Schröder so extrem, daß man sein Fernbleiben von den Überflutungsgebieten allgemein als wahlentscheidend ansieht. Gut möglich, daß er 2002 Bundeskanzler geworden wäre, wenn er Schröders Talent für Massen-Empathie gehabt hätte.

Jacinda Ardern, die (wie Jens Stoltenberg nach dem Massaker von Utøya) im März 2019 mit Kopftuch bei den Angehörigen des schweren Terroranschlages von Christchurch erschien, produzierte weltweit ikonographische Bilder.
Sie machte alles goldrichtig, verließ ihre Rolle als Regierungschefin und erschien als Freundin, als Trösterin, als eine von den um die 50 Toten Trauernde.

 [….]Wie kann man auf Menschen zugehen, die fassungslos, wütend und traurig zurückbleiben? Was können wir ihnen sagen und wie können wir ihnen Trost und Geborgenheit spenden? Auch Politiker*innen stehen vor dieser Herausforderung, gerade die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern. Seit Oktober 2017 hat die 37-Jährige das Amt inne. Am Samstag reiste sie nach Christchurch, ins Canterbury Refugee Center, um dort Menschen aus der muslimischen Gemeinde zu treffen. Dabei trug sie ein schwarzes Kopftuch. Ardern hat viel richtig gemacht in den letzten Tagen.
Von manchen deutschen Politiker*innen kann man dies hingegen nicht behaupten: „Egal gegen wen sich Hass, Gewalt und Terror richten, am Ende sterben Menschen, verlieren Kinder ihre Eltern und Eltern ihre Kinder“, twitterte etwa die CDU-Bundesvorsitzende und mit hoher Wahrscheinlichkeit die nächste Kanzlerkandidatin ihrer Partei Annegret Kramp-Karrenbauer. Nein, es ist nicht egal, gegen wen sich der Hass und Terror richtet. Mucad Ibrahim und Ara Parvin wurden aus einem bestimmten Grund ermordet: Ein 28-jähriger Australier tötete sie, weil er diese Menschen, ganz unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Biografien, die lediglich ihr Glauben vereint, für seine Feind*innen hielt. [….]
Im Gegensatz zur debakulierenden AKK ist Ardern auch ein absolutes Naturtalent, die nicht nur in der Situation brillierte, sondern auch in der Folgezeit optimal agierte. Sie erklärte hart, daß sie den Namen des Attentäters niemals aussprechend werde, initiierte ein gewaltiges Waffenrückgabeprogramm in Neuseeland und vermochte es tatsächlich das multikulturelle Land mehr denn je zu einen.
Man bekommt Gänsehaut, wenn man sieht wie damals von Rockergangs über Maori bis zu Sportlern und weißen Internatsjungs mit dem traditionellen Haka den muslimischen Opfern Respekt gezollt wurde. Das ist auch Arderns Verdienst.


Unnötig zu erwähnen, daß der völlig empathielose Psychopath Trump all das was Premierministerin Ardern richtig machte, grundsätzlich falsch macht.
Er geht golfen, wenn Katastrophen passieren und wenn er sich nach Terroranschlägen oder Shootings blicken lässt, spricht er nur von sich selbst bedauert sich, oder macht irgendetwas völlig Erratisches wie die die Zuhörer mit Küchenpapierrollen zu bewerfen.
Daher sind seine Beleibtheitswerte auch chronisch im Keller.
Es mag reichen, um wiedergewählt zu werden, aber er stößt große Teile der Bevölkerung stark ab, während GWB, Clinton oder Obama in solchen Situationen 90% Zustimmung erhielten.

Katastrophal benahm sich in der Katastrophe auch der ultrakonservative Australische Premier John Morrison, der zum Beginn der derzeitigen Megabrandkatastrophe, die seinen gesamten Kontinent trifft, erst mal nach Bali in den Familienurlaub fuhr und sich anschließend hartnäckig weigerte einen Zusammenhang zwischen Erderwärmung und der Kohleindustrie anzuerkennen. Die Kohleförderer, die rein zufällig seine Partei großzügig unterstützen.

Heute ließ er sich endlich auch bei Brandopfern sehen. Zu spät. Es ging ihm wie Trump in Baltimore. Keiner wollte ihn mehr sehen, man rief ihm nach, er solle sich verpissen.
Ganz schlechte PR-Gene.

Freitag, 13. September 2019

Menschen sind Tiere. Tiere sind keine Menschen.


Auffangstationen überall auf der Welt, die sich um die Rettung verwaister oder kranker Tiere kümmern kennen das Dilemma.
Die Emotionen gehen mit einem durch, wenn diese felligen Kindchenschema-Wesen hilfsbedürftig daliegen. Man will sie hegen, streicheln, sie liebkosen und sich kümmern.
In dem Fall würde man das Tier aber wie einen Menschen behandeln und damit raubt man ihm womöglich jede Überlebenschance in der freien Wildbahn.
Sie dürfen nicht ihre Instinkte verlieren oder fälschlicherweise Menschen für harmlos halten. Natürlich sind die verschiedenen Tierarten sehr unterschiedlich. So werden Geparden schnell sehr zutraulich, verhalten sich wie Schmusekatzen. Bei Leoparden oder Wildhunden funktioniert das überhaupt nicht. Die bleiben immer aggressiv (zu ihrem Glück!).
Außerdem gibt es innerhalb einer Tierart große individuelle Unterschiede.
Wird ein verwaistes Reh oder ein aus dem Nest gefallenes Krähenküken von einem Menschen liebevoll großgezogen, haut es möglicherweise sofort auf Nimmerwiedersehen ab, sobald es kräftig dazu ist.
Oder aber sie sind so auf den Menschen fixiert, daß sie immer bei ihm bleiben wollen.

Es ist auf jeden Fall falsch Tiere moralisch zu bewerten und es ist erst recht falsch als Bewertungsmaßstab die vermeidliche Menschlichkeit heran zu ziehen.
Viele Tiere können in Gefangenschaft menschliche Verhaltensweisen nachahmen, aber psycho-soziales Mimikry kann dem Vieh in seiner natürlichen Umgebung schwer schaden, auch wenn es den menschlichen Halter in Verzückung versetzt.

Die Übertragung menschlicher Moral auf ganze Tiergattungen ist nicht nur albern und absurd, sondern auch tödlich.
Es begann mit der Bibel, die Schlangen Niedertracht und Kriechertum andichtete.
Die diebische Elster, der verschlagene Fuchs, der Dreckspatz, der böse Wolf – all dieser Unsinn trägt dazu bei ganze Gattungen ausrotten.

Das beste Beispiel sind Haie und Delfine, deren charakterliche Zuordnung lediglich anhand ihrer Mundwinkel erfolgt:
Haie mit ihren heruntergezogenen Mundwinkeln gucken aus menschlicher Perspektive grimmig, gelten daher als zutiefst bösartige Fressmaschinen und werden mit Akribie weltweit ausgerottet.
Delfine hingegen wirken auf Homo Demens so, als ob sie immer lächelten und daher als die Gut-Tiere schlechthin.
Dabei fressen Haie als Kaltblüter viel weniger als ihre säugenden und lächelnden Wasser-Kollegen.

[….] Menschen sind nun einmal nicht konsequent in ihrer Tierliebe. Sie lieben niedliche Tiere, die sie maximal vermenschlichen können.

Der Hund, der wie ein Familienmitglied behandelt wird und dessen vermeidlich menschliche Eigenschaften gelobt werden. „Wie ein richtiger Mensch!“ klatschen die öffentlichen Tierhalter Glööckler, Moshammer vor Entzücken, wenn ihre Daisy am Tisch sitzt. Unter welchen Bedingungen die Tiere geschlachtet werden, aus denen Daisys Hundefutter produziert wird, interessiert nicht.
Man möchte Robbenbabies schützen, weil sie so flauschig sind und niedliche Knopfaugen im Kindchenschema-Kopf haben. Deren Haut darf nicht zur Kleidung von Menschen verwendet werden.
Schweinen und  Kühen die Haut abzuziehen ist uns aber völlig egal, weil wir halt gerne die coolen Lederhandtaschen und Lederjacken tragen.
Voller Empörung werden bayerische Uralt-Bauern mit Strafandrohungen überzogen, wenn die sich erdreisten sollten, ihren Hofhund zu kochen.
Wenn derselbe Bauer aber mal eben 20.000 Puten oder 500 Schweine „keulen“ muss, weil irgendeine Pharmakonzern Mist gebaut hat, schert es niemand.
Wir boykottieren jahrelang erfolgreich Thunfisch, weil die bösen bösen Thunfischer als Beifang gelegentlich einen Delphin erwischen, der dann sterben muss. Unmoralisch, denn wir lieben doch Flipper.
Die Thunfische selbst haben aber keinen Wert?

Was sind Menschen nur für erbärmliche Schwachköpfe.
Tiere haben keine unterschiedliche Moral, weil sie in unseren subjektiven Augen „gut“ oder „schlecht“ sind.
Niedlichkeit ist kein ethisches Kriterium, um ein Leben weniger wertvoll zu machen.
Hunde sind nicht grundsätzlich schützenswerter als Schweine. [….]

Der ganze Irrsinn der menschlichen Perspektive wird bei selbsternannten Tierfreunden sichtbar, die ihre Tierliebe an ihrer Zuneigung zu ihrem Hund oder ihrer Katze messen, während sie selbst aber täglich billiges Fleisch fressen und damit direkt zu grauenvollem Tierleid beitragen.

Dabei ist Tierleid ebenfalls ein menschlicher Begriff. Nichts rechtfertigt es einem anderen Wesen Leid zuzufügen.
Aber darüber darf man nicht vergessen, daß Tiere außerhalb des menschlichen Einflusses schon gar nicht leidfrei leben.
Tiere verhalten sich zu ihrer Umwelt oft parasitär, fressen alles kahl, scheißen alles zu und stehen in einem tödlichen Gleichgewicht zu anderen Tieren.

Zum Glück gibt es hervorragende Tierdokumentationen, die mit modernster Kameratechnik enorm lehrreich über das Reich der Fauna berichten.
Wird aber eine erzählerische Perspektive eingenommen, beginnt sofort die menschliche Absurdität der Parteinahme.
Wird über eine tapfere, fleißige Löwin berichtet, die sich unter Entbehrungen und Qualen bemüht ihre dem Hungertod nahen süßen Löwenbabies am Leben zu enthalten, freut man sich von ganzem Herzen, wenn es ihr endlich gelingt ein Gnu zu reißen und ihre Familie damit zu retten.

Wird über eine wunderschöne, leichtfüßige Gazelle berichtet, die todesmutig den Gefahren trotzend nach Wasser und Gras sucht, um ihr zauberhaftes Kitz ernähren zu können, denkt man schon ganz anders darüber, wenn sie plötzlich von einer Löwin gerissen, erwürgt und zerrissen wird.

Wir gehören selbst zur Gattung der Tiere, sind aber bedauerlicherweise mit einem so degenerierten Hirn geschlagen, daß wir uns dem Gleichgewicht der Natur entziehen und alle anderen Arten dauerhaft ausrotten.

Mit unseren Insektiziden und der Monokultur sorgt die deutsche Landwirtschaft gerade dafür die gesamte Vogelwelt auszurotten. Und wenn die armen Piepser nicht durch Nahrungsmangel oder Flächenversiegelung ausgerottet werden, tut die menschliche Liebe zu den Katzen ihr Übriges. Hauskatzen töten in den USA bis zu vier Milliarden kleine Vögel jedes Jahr. In Deutschland killen die ohnehin gut gefütterten Biester 200 Millionen Vögel.

Es ist absurd zwischen verschiedenen Tierarten Partei zu ergreifen, aber da die Katzen im Gegensatz zu Vögeln von den Menschen eingeführt wurden, liegt meine Sympathie bei den Piepsis.

Wenn Menschen gut sein wollen und ihre Tiere mit sich führen, wird es oft besonders übel. Von Menschen nach Haiwaii gebrachte Wildschweine rotteten sämtliche bodenbrütenden Vögel aus.
Auf vielen Inseln sorgen von Menschen mitgebrachte Ratten, Hunde oder Katzen  für Tiergenozide, weil die nicht endemischen Arten einen evolutionären Vorteil mitbringen, dem gegenüber die Inselarten sich nicht anpassen konnten.
Australien, das auch so eine Art Insel ist, weiß sich nur noch mit Massenmord an den eingeschleppten Viechern zu helfen – anderenfalls würde Dingos, Esel, Kamele und eben Katzen den Rest der australischen Fauna töten. Die australischen Katzen sollen sterben. Noch nicht mal Tierschützer wehren sich gegen die Pläne der australischen Regierung die zwei bis sechs Millionen verwilderten Katzen des Kontinents zu killen, die ihrerseits jeden Tag eine Million Piepsis und zwei Millionen kleine Reptilien abmurxen.

[….] Süße Samtpfoten oder gefährliche Vierbeiner - unter australischen Artenschützern fällt das Urteil über Katzen derzeit ziemlich eindeutig aus. Von den zahlreichen Tieren wie Schweinen, Pferden, Hasen oder Füchsen, die europäische Siedler auf ihren Schiffen im 18. Jahrhundert nach Australien mitbrachten, waren es ausgerechnet Katzen, die den heimischen Arten den größten Schaden zufügten.
Sie trugen nach Angaben des Umweltministeriums dazu bei, dass 27 Säugetierarten bereits ausgestorben und weitere 124 Spezies mittlerweile bedroht sind. Nach Ankunft der ersten Siedler im Jahr 1788 gingen dem Kontinent 34 endemische Arten für immer verloren. Das sei die höchste Rate weltweit, sagt die Wildtier-Ökologin Sarah Legge von der Australian National University in der Hauptstadt Canberra. [….] Im Jahr 2015 zog die australische Regierung angesichts der dramatischen Ausmaße des Übels schließlich Konsequenzen. Man erklärte wilde Katzen zu einer Plage und stellte einen drastischen Plan auf. Bis 2020 sollen zwei Millionen wild lebender Katzen getötet werden. So sollen mehr als 100 bereits gefährlich dezimierte und nur in Australien vorkommende Tierarten vor dem Aussterben gerettet werden, darunter Vögel, Frösche, Grashüpfer, Schildkröten, Käfer und Krustentiere. Seither rücken den ungeliebten Vierbeinern in den Nationalparks Wildhüter mit Giftködern und Fallen zu Leibe, während Jäger oder Farmer auf ihrem eigenen Land zu Gewehren greifen.
"Wilde Katzen sind die Gefahr Nummer eins - und sie sind überall", sagt Andrew Cox, Mitglied der staatlich geleiteten Arbeitsgruppe National Feral Cats Taskforce, die die Maßnahmen gegen die wilden Katzen leitet. "Wenn man die Katzen nicht kontrolliert, wird man alle kleinen und mittelgroßen australischen Säugetiere verlieren." [….] Die Ökologin Legge schätzt die Zahl der von Haus- und wild lebenden Katzen getöteten Reptilien, Vögel und Säuger auf jährlich zwei Milliarden. [….]

Weg mit den Miezen.