Sie gehört nicht zu meinen Lieblings Top-Fünf der SPIEGEL-Kolumnisten
in der Güte-Extraklasse Stöcker, El Ouassil, Rützel, aber Susanne Beyer gehört
zweifellos zu den besseren, deren Meinungsartikel ich auf jeden Fall lese.
Heute meldet sie sich zu meinem speziellen Thema, welches
mich seit Monaten umtreibt, zu Wort: „Merz kann seinen Job nicht, sollte der
Kanzler ausgewechselt werden?“
Vorweg: Beyer, ich und sicher auch die große Mehrheit
aller Bürger Deutschlands stimmen darin überein, daß der Fritzekanzler eine
Fehlbesetzung ist, wir schon wesentlich bessere Kanzler hatten und ein anderer
es besser könnte, als der bornierte Sauerländer.
Poppte jetzt eine gute Fee neben meinem Schreibtisch auf,
um mir drei Wünsche zu erfüllen, wäre ein anderer Kanzler meine zweite Bitte (Wunsch
Eins beträfe Washington.) Die Frage lautet aber, wie ein realistisches
Szenario aussehen könnte, wer unter den aktuell gegebenen Umständen Chancen
hätte, die Kanzlermehrheit im bestehenden Bundestag zu erringen und was damit
gewonnen wäre.
„Merz kann es nicht und sollte aufhören“ ist Konsens;
solange man nicht sehr konkret darüber nachdenkt, wie das funktionieren könnte,
welche Konsequenzen das hätte.
Hier setzt Beyer ein, die sich zu den 11% der Bevölkerung
zählt, die laut der aktuellsten SPIEGEL-Umfragenichts von einem Kanzlerrücktritt halten. Nicht weil sie ein Fan der Haarinsel
mit dem losen Mundwerk wäre, sondern aus praktischen Gründen.
[…] Warum ich nichts von
einem Rücktritt halte? Die Antwort liefert die Umfrage ebenfalls: Hinter einem
möglichen Nachfolger wollen sich die Befragten nämlich auch nicht versammeln.
Und es stimmt ja: Bis sich Hendrik Wüst eingearbeitet hätte, wäre die Legislaturperiode
vorbei. Und wer nun Markus Söder für geeignet hält, sollte vielleicht mal jene
Gehirnregionen, die fürs Gedächtnis zuständig sind, überprüfen lassen. Wie kann
man denn die vielen fragwürdigen Einlassungen Söders so schnell vergessen? Wenn
es aber keine Alternative gibt, dann sollte das Rücktrittsgerede aufhören.
Sofort. Ich stelle mir immer vor, wie sie in der Parteizentrale der AfD und im
Kreml ihr Glück gar nicht fassen können, dass die deutsche Mitte sich sogar
freiwillig selbst zerlegt. [….]
Genau das Argument, daß so ein Szenario Putin und Weidel
begeistern würde, hatte ich 24 Stunden früher ebenfalls wieder bemüht.
Würde in schneller Folge die zweite Bundesregierung vorzeitig scheitern,
profitierten davon die Nazis.
Außerdem nützt es der Zukunft Deutschlands nichts, wenn
man von einem NRW-CDUler zum nächsten NRW-CDUler im Kanzleramt übergeht, ohne
die völlig verfehlte Politik – insbesondere in der Gestalt der katastrophalen Reiche-Wirtschafts- und Energiepolitik
– diametral zu verändern.
Beyer wirft nun ein drittes Argument in die Waagschale.
[…] Außerdem sind die
Folgen der verpatzten deutschen Einheit so gravierend, die Wirtschaftskrise so
verunsichernd, dass ein Kanzler empathischer regieren sollte, als Merz es
bisher tat. Doch er räumt inzwischen ja selbst ein, dass er etwas verändern
muss. Und genau darin liegt übrigens für uns alle eine Chance. […] Ein
Merz, der nun gezwungen ist, über sich selbst und das eigene Tun nachzudenken –
und dann auch bitte schnell beweisen sollte, dass aus diesem Nachdenken etwas
folgt –, würde den Deutschen einen wichtigen Dienst erweisen. Er würde zeigen,
dass das Regieren in komplexen Zeiten nur so funktioniert: nachdenken,
entscheiden, sich korrigieren, wenn es falsch war, und durch diesen Prozess
souverän hindurchführen.Einfache
Antworten bieten und selbstbewusst herumdröhnen, das tun Populisten. Wenn wir
die nicht wollen, bleibt uns als Bevölkerung eben auch eine Aufgabe: Fehler
zwar benennen, natürlich, aber bitte auch damit klarkommen, dass sie nie ganz
zu vermeiden sind.[….]
An dieser Stelle irrt Beyer meines Erachtens, denn genau
das, Kanzlerische Lernfähigkeit, worauf sie ihre Hoffnung setzt, ist das,
was Merz nicht kann, nie konnte und nie können wird. Er ist die inkarnierte
Lose Canon der Bundespolitik, weil er sich von seiner Instinktlosigkeit leiten
lässt und für jedermann offenkundig nicht in der Lage ist, seine Worte
sorgfältig zu wählen. Seit Jahren beschäftigt sich das gesamte Merz-Umfeld mit
einer Aufgabe: Den beleidigenden Unsinn, den der tobende faktenferne Chef täglich
verzapft, irgendwie wieder einzufangen, schönzureden und dem staunenden Pöbel
ein ums andere mal zu erklären, Merz habe das, was er gesagt habe, ganz anders
gemeint und würde es auch richtigstellen, wenn er charakterlich in der Lage
wäre Fehler einzugestehen und sich nicht hartnäckig für den Allerschlauesten zu
halten.
Es ist nun einmal, sein Kern-Charakteristikum, eine miese
Lage durch seine unbedachten, nur um sich selbst kreisenden Gefühle, noch viel mieser zu machen.
[….] Der Empfang ist
herzlich, als Manuela Schwesig an einem Donnerstag Ende September zu einem
Treffen mit den Ministerpräsidenten ins Kanzleramt kommt. Vier Tage sind seit
dem Wahlerfolg der SPD-Frau in Mecklenburg-Vorpommern vergangen, jetzt wollen
ihre Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bundesländern gratulieren – auch die
von der CDU. Daniel Günther aus Schleswig-Holstein nimmt Schwesig in den Arm.
Er müsse sie mal sprechen,
sagt der Kanzler, wie sich Teilnehmer erinnern. Doch anders als die
Ministerpräsidenten will Merz nicht gratulieren. Er will abrechnen. Sie habe
zwar »Die Frau gegen Blau« auf ihre Plakate geschrieben, aber nicht gegen die
AfD Wahlkampf gemacht, sondern gegen ihn, den Kanzler, wettert Merz den Angaben
zufolge. »Sie haben die demokratische Mitte zerstört«, wird er zitiert.
Schwesig lässt das nicht
auf sich sitzen. Sie finde es »unverschämt«, wie er sie angehe, soll sie Merz
entgegengehalten haben. Wenn der Kanzler Gesprächsbedarf habe, könne er gern
einen Termin mit ihr ausmachen.
Regierungssprecher Stefan
Kornelius will die Darstellung nicht kommentieren. Schwesig hingegen sagt dem
SPIEGEL: »Das ist kein sachlicher Umgang miteinander. Das lasse ich mir nicht
bieten, weder als Ministerpräsidentin noch als Frau.«
In der Situation tut sie
etwas, worüber sich Merz noch Tage später echauffiert haben soll. Sie dreht
sich um – und lässt den Kanzler einfach stehen.[….]
Merz ist zu emotional für die Politik; er kann es einfach
nicht.
Ja, ein chaotischer Zusammenbruch der Merz-Kanzlerschaft,
ein Wechsel mitten in der Legislaturperiode, wäre ein innerer Reichsparteitag
für alle AfD-Nazis.
Aber leider halte ich es für möglich, ja geradezu
wahrscheinlich, daß sich Merz derart um Kopf und Kragen redet, daß es einfach
nicht mehr MIT ihm geht.
Die letzten drei Tage zeigen es wieder mustergültig.
Kein Tag ohne ein New Low aus der Kanzlerpartei, deren
Vertreter so cringe vor der Kamera agieren, daß man pawlowsch die Augen
schließt und sich schnell die Ohren zuhalten möchte, wenn man in Gefahr gerät, von
einer Audio- oder gar Videoschleife eines CDUler getroffen zu werden.
Die neutral gefasste ZDF-Doku „Inside CDU“ war just wieder
ein böser Trigger für empfindliche Gemüter.
[….] Am allerpeinlichsten,
natürlich, ist Philipp Amthor, so zumindest wird sein Auftreten debattiert. Mit
Einstecktuch in der Limousine der Fahrbereitschaft, beim Blockflötenkonzert in
Nordsachsen – und in seiner kindlichen Freude, endlich ein Büro im Kanzleramt
beziehen zu dürfen. Auf die Terrasse lässt er sich einen Strandkorb und damit
zugleich den Filmemachern das ultimative Bild für ihre eigentliche These
liefern, »die da oben« seien nun einmal abgehoben.
Kein geliehenes Gemälde von
Nolde wie Merkel. Kein Tischkicker, kein Billardtisch, keine Hollywoodschaukel
– einfach nur ein Strandkorb für geschätzte 1200 Euro, wie er in Amthors
strandnahem Wahlkreis zur Möblierung des öffentlichen Raumes gehört. Was manchen
Zuschauern freilich schon genügte, der politischen Klasse ernsthaft
»spätrömische Dekadenz« zu unterstellen.
Tatsächlich gab es mal eine
Zeit, da galten CDU-Granden als »Bonzen« und graue Eminenzen. 2026 erscheinen
sie vielmehr wie Angestellte auf mittlerer Ebene, die händeringend versuchen,
ihren Bedeutungsverlust mit Disziplin und Floskeln aufzuhalten. Wie dramatisch
das ist, wird von Zeit zu Zeit durch die Journalistinnen und Journalisten Robin
Alexander, Veit Medick oder Melanie Amann eingeordnet.
Das »C« in »CDU« stehe, so
ist auf dem Pappschild eines Sympathisanten zu lesen, für »cool«. Hier liegen
Verzweiflung und Peinlichkeit so nahe beieinander, dass sich ein kurzes
Innehalten lohnt.
Das Peinliche ist, wie noch
die Formulierung von der »peinlichen Befragung« unter Folter verrät, etwas
primär Schmerzhaftes. Die Verzweiflung eines Carsten Linnemann ist aber echt.
Zwar kann, wer will, sich für diese Christdemokraten trefflich »fremdschämen«.
Was das noch von der üblichen Häme von rechtsextremer Seite unterscheidet, mag
jeder mit sich selbst ausmachen. Wer sich über das Scheitern dieser Demokraten
freut, beömmelt sich über das Scheitern der Demokratie, wie wir sie kennen.
»Inside CDU« legt durchaus nahe, dass die Partei, wie der Fisch, vom Kopf her
stinkt. Die Abwesenheit anderer Köpfe, die’s richten könnten, sollte aber eher
beunruhigen statt unterhalten.[….]
Melanie Amann wiederholt auf ihren persönlichen Kanälen
heute noch einmal:
[…] Ich finde, „Versagen“
wäre jetzt ein zu hartes Wort, aber ich fürchte ,daß wenn man sich jetzt die
gesamte erste Phase von Merz‘ Kanzlerschaft anschaut, dann sieht man, daß er
schlecht vorbereitet war, nicht qualifiziert war für die Rolle. Null
Regierungserfahrung und auf die (…) menschlichen oder soften Seiten, die der Job erfordert, nicht
mitbringt. Mir scheint auch, daß er im Stil der 90er, sich immer noch nicht
final bewusst gemacht hat, daß alles was er sagt, jedes Wort, in welchem Kontext
auch immer (…) : Es kann potentiell in die ganze Welt ausgestrahlt werden. [….]
Alle seriösen Politanalysten schütteln den Kopf, weil
Merz genau das liefert, was er bei seine bisherigen „Karrierestationen“
lieferte.
Er wurde Fraktionsvorsitzender, nur um kurz danach von
einer ostdeutschen Frau ausgebootet zu werden. Er machte sich daran, im Auftrag
der SOFFIN die West-LB zu verkaufen – und scheiterte auf ganzer Linie. Dann nahm
ihn Blackrock auf, um sein Adressbuch zu versilbern, musste aber den ökonomisch
vollkommen ahnungslosen Briloner, der gleich mit der Frage „was ist denn ETF?“
auffiel, schnell wieder wegen Unfähigkeit fallen lassen.
(….) Der Fritzekanzler ist
tatsächlich so borniert, immer noch zu glauben, Klimaschutz schade der
Wirtschaft; Ökologie und Ökonomie wären Gegensätze. Zahlreiche Merz-Aussagen
belegen das.
Viele scheuen sich, ihn „dumm“
zu nennen. Ein dummer Mensch könne nicht so weit kommen.
Aber „dumm“ ist ein relativer
Begriff. Der Mann kommt aus bürgerlichem Haus, absolvierte ein Jurastudium,
spricht englisch, beherrscht Rechtschreibung und vermochte es offenkundig, sich
in seiner Partei bis ganz nach oben zu beißen.
Damit ist er nach gängiger
Ansicht nicht so „dumm“, wie der gemeine AfD-Pöbler bei den Ossis, der keinen
einzigen Satz grammatikalisch korrekt rausbringt und noch nie ein Buch gelesen
hat.
Auch die Merz-typischen
grotesken Fehlprognosen vermögen es nicht, seiner angeblichen
Wirtschaftskompetenz zu schaden. Merz mag ökonomisch ein bißchen dämlich sein,
aber das ist kein Hindernis für einen Spitzenpolitiker, um Wirtschaftslobbyist
zu werden.
In der SPD hätte das nie funktioniert, weil er
gefragt worden wäre, wie das funktionieren könnte, wie man seine
Voodoo-economics bezahlt. Merz hat nie im Leben eine politisch praktikable
Version entwickelt, niemals ein praxistaugliches Konzept präsentiert, nie seine
Partei mit eigenen Gedanken inspiriert.
Nur einmal, beim West-LB-Verkauf für die Soffin,
hatte Merz Gelegenheit, seine Fähigkeiten in der Praxis umzusetzen. Es lief,
wie zu erwarten: Er machte sich selbst die Taschen voll und steuerte den
Verkauf gegen die Wand, bis die Bank 2012 abgewickelt werden musste.
Er kann eben NICHTS aus
eigener Kraft und überlebt in der schwarzgelben Fossil-Welt, indem er alte
Lobby-Parolen mit Verve nachplappert, ohne sie jemals zu hinterfragen. Er lernt
nicht dazu, er hört nicht zu. Es ist die klassische From echter Borniertheit.
Er kompensiert seine fachlich Leichtgewichtigkeit mit umso niederträchtigen
Attacken auf Schwächere.
Verglichen mit einem grölenden
Pegida-Demonstranten, der zwischen modrigen Zähnen mit Alkoholfahne primitive
Hassattacken in falschem Deutsch rauslässt, ist Merz natürlich nicht dumm.
Sondern gebildet.
Verglichen mit den
intellektuellen Fähigkeiten der bisherigen Kanzler, ist Merz allerdings
durchaus dumm.
Es gibt andere Berufe, die für
ihn geeignet sind. Spitzenpositionen in der Regierung der drittgrößten
Volkswirtschaft der Erde, überfordern ihn allerdings erheblich. (….)
Es bleibt das ganz große Versagen der CDU, deren Spitzen
weitgehend aus Merz-Klonen (fromme Konservative aus der tiefen Provinz)
bestehen, so einen nicht qualifizierten Opa aus dem letzten Jahrtausend, bar
jeder Erfahrung in das wichtigste deutsche Amt geschoben zu haben.
„Da hat die CDU als
Volkspartei versagt. Die hat überhaupt nicht ernst genommen, was es heißt,
Kanzler zu sein. Also, dass man einen Profi hinschicken muss und nicht einen
Laienschauspieler!“
Die Karre steckt jetzt so tief im Brunnen; Regierung, CDU
und Kanzler sind derartig unbeliebt, daß sich auch CDU und CSU einen
Kanzlertausch wünschen. Sie verstehen spätestens nach dem Ausscheiden aus dem
Mecklenburg-Vorpommerschen Landtag alle, welches Urnengift der der arrogante
Tölpel mit der schwindenden Haarinsel darstellt. Daß sie alle ihre Jobs
verlieren könnten, die schönen Parlamentssitze bald futsch sind, die Nazis
immer stärker werden, die CDU nicht mehr aus der Zehner-Zone kommt.
Er wird aber nicht gestürzt, weil die Lage zu trostlos
ist. Rhein, Wüst, Günther und Söder wollen sich nicht mit der trüben KleiKo in
den Abwärtsstrudel ziehen lassen.
Niemand will mit der Gurkentruppe assoziiert werden.
[…..] Eine neue Staffel
„Inside CDU“ ist erschienen. Cringe ist hier so einiges. […..] Der
Wahlkampf, den das Doku-Team begleitet, ist, egal ob in Rheinland-Pfalz,
Baden-Württemberg oder Sachsen-Anhalt, voller Floskeln und mittelalter,
ergrauender Männer, die sie aussprechen. „Es muss sich was ändern“, hört man da
zum Beispiel, „Wir müssen unsere Hausaufgaben machen“, oder „Es kann nicht so
weitergehen“. Worum geht es hier
eigentlich, fragt man sich die ganze Zeit, wenn diese Sätze gegenüber
Bürger_innen fallen, die unzufrieden sind? Was voran gehen muss, sind die
Reformen, wird irgendwann klar. Die Rentenreform zu Beispiel, die jetzt
dringend durchgeboxt werden müsse. Da wird sich die breite Masse freuen! […..]
Dann tröten Schüler_innen in Sachsen-Anhalt „Ode an die Freude“ in ihre
Blasinstrumente, Amthor bittet das Publikum aufzustehen und ein Teenager legt
sich die Hand aufs Herz. Und Sven Schulze sagt auf seiner Radtour ganz
gesellig: „I sink it’s a good sing, you can do somsing for us here“ – zu
Schwarzen Freiwilligen. […..] Man könnte tatsächlich beinahe Mitleid
haben mit dieser Partei, wäre es nicht sie, die das Leben der meisten Menschen
im Namen des deutschen Wohlstandes – wessen Wohlstand ist das eigentlich? –
verschlechtert. […]
Zu festgefahren ist die Regierungskrise, nachdem
Sauerland-Seppel alles falsch gemacht hat, jedem auf die Füße getreten ist, Partei
und Presse demoralisierte.
[…] Die Koalition steuert
auf einen neuen Tiefpunkt zu[…..] In der Regierung gibt es bei einigen
schon Endzeitstimmung wie zu Zeiten der Ampel – sogar der Bundespräsident
schaltet sich besorgt ein. Warum Union und SPD einander immer überdrüssiger
werden.
[…..] Wenn Sozialdemokraten
die Geschichte bemühen, ist die Lage in der Regel ziemlich ernst. In diesen
Tagen fällt jedenfalls auf, dass Lars Klingbeil und andere führende
SPD-Politiker immer wieder an die letzte demokratische Koalition der Weimarer
Republik erinnern. Die Regierung von Hermann Müller (SPD) zerbrach 1930 am
Streit um eine Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung – auch weil
die SPD nicht durchsetzen konnte, dass Beamte und Angestellte im öffentlichen
Dienst ebenso einen Stabilisierungsbeitrag leisten.
Diese Geschichte wird jetzt
als disziplinierende Mahnung an die heute Handelnden erzählt. Und weil es auch
heute um die Frage geht, wie sich Sozialbeiträge stabil halten lassen – und ob
privat Versicherte, Beamte, aber auch Politiker, in das Solidarsystem eingebunden
werden müssen. Die Geschichte ist eine Mahnung, die nötig zu sein scheint. Denn
inzwischen reden sie in der Koalition so schlecht übereinander, dass man sich
schon an die Endphase der Ampel erinnert fühlt. Und dass Zweifel aufkommen, ob
diese Regierung noch lange halten kann.
In dieser aufgewühlten Lage
führen dann auch vergleichsweise kleine Baustellen zu Eruptionen, jüngstes
Beispiel: die Zuckersteuer. Sie wurde von einer Expertenkommission zur
Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung vorgeschlagen und von der
Regierung prinzipiell beschlossen. Sie soll als Teil des Sparpakets für die
gesetzliche Krankenversicherung den Konsum zuckerhaltiger Getränke mindern und
dem Schutz vor Fettleibigkeit dienen. Die genaue Ausgestaltung der Steuer blieb
aber offen. Nina Warken (CDU), damals noch Gesundheitsministerin, hatte
Probleme bei der Umsetzung. Daher sollte sich das Finanzministerium darum
kümmern. Doch als Finanzminister Lars Klingbeil jetzt seine Pläne vorlegte,
grätschte ausgerechnet die heutige Kanzleramtschefin Warken dazwischen. […..]
Dabei steht in der Unionsfraktion auch immer mehr der neue Vorsitzende
Thorsten Frei in die Kritik. […..]
Natürlich will niemand Kanzler einer Koalition werden, die
zu 2/3 von Parteien getragen wird, die geradezu manisch danach trachten, Deutschlands
Zukunft, das Klima und die Wirtschaft zu ruinieren.
Die C-Parteien verfügen über keine Person, die in dieser
dunkelschwarzen ausweglosen Lage, von der Regierungsspitze aus, Land und
Regierung aus dem Schlamassel ziehen könne.
Ganz theoretische möglich ist es schon, die Stimmung zu
drehen, wie ein Blick auf eine bekannte Insel westlich von uns zeigt.
[….] Höhenflug von Labour:
Merz auszuwechseln, würde nichts ändern? Schauen Sie mal nach Großbritannien[…..]
So spottete man einst über Andy Burnham: einer, der es allen recht machen
will, jede Richtung vertreten kann, aber selbst keine vorgibt. Und dieser Mann
soll Premierminister werden?
In Großbritannien reiben
sich inzwischen viele die Augen, ausgerechnet Burnham vermittelt eine
Aufbruchstimmung, wie man sie wohl seit Tony Blairs Wahlsieg 1997 nicht mehr
erlebt hat. Selbst ein konservativer Knochen wie der Fernsehmoderator Piers
Morgan gerät ins Schwärmen: Eine der besten und kraftvollsten Reden eines
britischen Politikers seit langer Zeit habe Burnham beim gerade zu Ende
gegangenen Labour-Parteitag in Liverpool gehalten. […..] Burnham
lieferte den Kassensturz, den man sich von seinem Vorgänger Keir Starmer
gewünscht hätte. Vierzehn Jahre konservative Regierung, Sparpolitik, Brexit.
Doch der Premierminister belässt es nicht bei der Abrechnung: Er gibt den
Menschen das Gefühl, dass sich an diesen Zuständen etwas ändern lässt.
Die Zahlen geben Burnham
recht. Gerade einmal seit zehn Wochen ist er im Amt und hat seine Partei wieder
konkurrenzfähig gemacht. In aktuellen Umfragen liegt Labour inzwischen vier
Punkte vor Reform UK, der rechtspopulistischen Partei des Demagogen Nigel
Farage. […..] Diese Mischung aus Selbstironie, Klartext und Zuversicht
würde auch der deutschen Politik guttun. Für den Kanzler hält Burnhams Erfolg
eine unangenehme Botschaft bereit: Es kann sich lohnen, einen blassen und
glücklosen Regierungschef auszuwechseln.[….]
Merz im Panik-Modus vor den Landtagswahlen in Berlin und
MeckPomm; nur so lässt sich sein Hüftschuss gegen die hohen Benzinpreise erklären.
Nun sind aufgrund internationaler Krisen rasant steigende
Öl- und damit auch Benzinpreise, seit den autofreien Sonntagen in den 1970ern
bekannt.
Es gab also über 50 Jahre Zeit, den Instrumentenkasten zu
bestücken, mit dem der Staat darauf reagieren kann, um die verzweifelten Bürger
an den Tankstellen zu entlasten.
Fast unnötig zu erwähnen, daß der Fritzekanzler das halbe
Jahrhundert verschlafen hat und daher jetzt nicht fähig ist, den Kurs
vorzugeben.
Wie soll es denn konkret gemacht werden?
Es gibt nämlich klare Zielkonflikte, deren Lösung eine
fundamental politische Entscheidung ist:
1.Aus
ökologischer und Klimaschutz-Sicht ist ein sehr hoher Benzinpreis
wünschenswert. Nur so entsteht genügend Druck, daß wir endlich von dem
Verbrenner-Wahnsinn abrücken. Die gerechteste Verteilung der Umweltschäden
durch Fossilkraftstoffverbrennung ist ein hoher Spritpreis.
Dann profitieren alle, die sich vernünftig verhalten, indem sie keine
Benziner/Diesel-PKWs fahren, ihre Öl/-Gasheizungen durch Wärmepumpen ersetzt
haben, die aus erneuerbaren Quellen generierten Strom verbrauchen, idealerweise
eine eigene Photovoltaikanlage besitzen.
2.Aus
sozialer Sicht und der Perspektive der Gerechtigkeit ist ein sehr hoher
Benzinpreis nicht wünschenswert, weil es für urbane Innenstadtmenschen
wesentlich leichter ist, sich ohne privates Auto zu bewegen, als für die
Landbevölkerung. Vermögende Villenbesitzer können einfacher in
Fossil-unabhängige Strom- und Wärmeerzeugung investieren, mehr von staatlichen
Förderungen profitieren, währen niedrig verdienende Mieter fast keinen Einfluss
auf die Art der Heizung ihrer Wohnungen haben.
3.Aus
ökonomischer Sicht ist ein sehr hoher Benzinpreis nicht wünschenswert, weil
damit in der deutschen fossillastigen Industrie und Stromerzeugung die
Produktionspreise steigen, „alles teurer wird“ und daher die Preise auf dem
Weltmarkt weniger konkurrenzfähig werden.
4.Aus
Fossillobbyisten-Sicht ist ein sehr hoher Benzinpreis wünschenswert, denn die Konzerne
und Versorgungsunternehmen, greifen enorme „Übergewinne“ ab, profitieren am
allermeisten von staatlichen Leistungen zur Senkung des Spritpreises und zwar
mehrfach: Sie geben Steuersenkungen nicht (vollständig) an die Verbraucher
weiter und verdienen durch den mit billigeren Endpreisen steigenden Absatz.
Ein richtlinienkompetenter Kanzler würde nun vorgeben,
wie man diese vier Perspektiven gewichtet.
Ein politisch erfahrener Kanzler wüßte, welche Methode
kurzfristig zu welchen Kosten durchsetzbar ist: Preisdeckel, belgisches Modell,
12 Uhr-Regel, Direktzahlungen an die bedürftigsten Verbraucher,
Übergewinnsteuer, Mehrwertsteuersenkung, erhöhte Pendlerpauschale,
Neun-Euro-Ticket (bereits empört von den C-Parteien abgelehnt), Energiesteuersenkung?
Die Methoden haben alle Vor- und Nachteile.
[….] Eine Tankfüllung ist
astronomisch teuer, Politiker kündigen Maßnahmen an. Besser wäre es, sie würden
sagen: Angesichts der weltpolitischen Lage können wir im Moment wenig
Sinnvolles tun. [….] Es gibt jedoch gleich drei Probleme. Erstens:
Solange es auf den Weltmärkten an Rohöl mangelt, weil Raffinerien beschossen
und Handelsrouten blockiert werden, werden die Preise eher weiter steigen als
sinken. Gegen diese Gesetzmäßigkeit kann keine Regierung dauerhaft
ansubventionieren.
Zweitens: Staatshilfen
fallen nicht vom Himmel, sie müssen von den Steuerzahlern – den heutigen oder
den künftigen – finanziert werden. Anders gesagt: Will der Autofahrer Müller
Unterstützung, muss der Steuerzahler Müller dafür aufkommen. Und drittens: Das
eine Instrument, das Bürger und Betriebe gezielt entlastet, ohne zugleich
Unsummen zu kosten, Anreize zum Energiesparen zu beseitigen und eine riesige
Bürokratielawine auszulösen, gibt es nicht. Alle Konzepte kommen vielmehr mit
großen Risiken und Nebenwirkungen daher.
Das hat etwa der sogenannte
Tankrabatt, also die Senkung der Energiesteuer, im Mai und Juni gezeigt. Er
konnte die Preise nicht nachhaltig senken, kostete die Staatskasse aber dennoch
sage und schreibe 1,6 Milliarden Euro – in zwei Monaten. Stattdessen ist nun
von Direktzahlungen des Bundes an die Menschen die Rede, womöglich noch sozial
gestaffelt. Das zuständige Bundeszentralamt für Steuern hat jedoch von mehr als
80 Prozent der Bundesbürger gar keine Kontonummer, zudem fehlt der Überblick
über die individuellen Einkommensverhältnisse.
Eine Erhöhung der
Pendlerpauschale wiederum wirkt erst mit Verspätung und nur bei Menschen, die
überhaupt entsprechend Steuern zahlen, also nicht bei Geringverdienern.[…]
Unglücklicherweise haben wir nicht so einen Kanzler,
sondern bloß Merz und eine Wirtschaftsministerin, die ausschließlich Punkt 4
verpflichtet ist.
Die einzige Lösung, sich aus dem Öl/Gas-Preis-Clusterfuck
zu befreien, ist selbstverständlich, die Abhängigkeit von fossilen
Energieträgern massiv zu verringern. Andere Nationen machen das erfolgreich vor,
indem sie wie Norwegen bereits auf erneuerbare Energieerzeugung umgestellthaben,
wie in Skandinavien schon lange verpflichtend auf Wärmepumpen setzen oder de
facto nur noch E-Autos zulassen.
Der deutsche Urnenpöbel setzt allerdings mehrheitlich auf
die Fossillobbyistenparteien AfD, FDP,
FW, BSW, CDU und CSU. Daher marschieren wir energiepolitisch in eine tödliche
Sackgasse, vergrößern unsere Abhängigkeit von fossilen Energien, versagen bei
der Produktion von E-Autos, verölen das Ampel-Heizungsgesetz, bremsen in der EU
beim Klimaschutz, stoppen CO2-Abgaben, wettern wider das Verbrennerverbot.
Das ist alles grundlegend FALSCH.
Ich tendiere daher, auch im Gegensatz zu meiner SPD, sehr
stark zu Position 1.
Es darf bei diesen Benzinpreisen auf keinen Fall zusätzliches
Steuergeld in die Taschen der Energiekonzerne geleitet werden, es soll nicht
der Verbrauch von klimakillenden Energieformen durch billigere Preise gefördert
werden.
Ich bin nicht überzeugt von den sozialen Argumenten gegen
E-Autos, nach denen sich doch nur der „reiche Tesla-Tobias“ leisten könne auf
Benziner zu verzichten.
Auf keinen Fall darf Geld einseitig zu den Benzin-Käufern
fließen, während diejenigen, die aus Vernunft oder Armut auf ÖPNV/Fahrrad/E-Auto/Pedelec
setzen, leer ausgehen.
(….) Und die armen Pendler,
die auf ihr Auto angewiesen sind? Bin ich ihnen gegenüber zu arrogant?
[….] Mir ist der Krieg gegen Iran keineswegs egal, seine Auswirkungen auf
die Energiepreise aber schon. Öl und Gas spielen bei meinen Haushaltskosten
keine Rolle. Das klingt privilegiert, doch auch Sie können etwas tun.[….] Ich finde es angenehm, dass zu
unserem Haus keine Leitung führt, die ein flüchtiges, extrem brennbares Gift
enthält, an dem man ersticken kann. Mir ist völlig klar, dass das überwiegend
irrational ist, denn Gasunfälle sind in Deutschland recht selten. Aber mal
ehrlich: Haben Sie schon mal von einer Wärmepumpenexplosion gehört? Oder davon,
dass eine ganze Familie nachtswegen
einer kaputten Wärmepumpe erstickt ist? Ich auch nicht.[….]Meine
Familie und ich leben, energetisch betrachtet, in der Zukunft: Wenn die
menschliche Zivilisation die Klimakrise überleben soll, dann werden bald alle
so leben müssen wie wir. Vollständig elektrifiziert, versorgt mit Energie von
der Sonne.[….] Knapp 44 Prozent
der Deutschen lebten 2022 in selbstgenutztem Wohneigentum . All diese Menschen
treffen permanent private Investitionsentscheidungen. [….] Noch 2022
wurden in 28 Prozentder neu gebauten
Wohneinheiten Gasheizungen als primäre Wärmequellen verbaut. Seit 2022, seit
Russlands Angriff auf Kyjiw also, wurden in Deutschland weitere zwei Millionen
Gasheizungen verbaut . [….] Deutsche Autokäufer zahlten 2025
durchschnittlich über 44.000 Euro für einen Neuwagen. Dieselfahrzeuge sind im Schnitt
sogar teurer als Elektroautos. Und trotzdem waren nur 19 Prozent der in
Deutschland 2025 verkauften Wagen rein batterielektrisch. Die Leute entscheiden
sich sehenden Auges für das Falsche, Giftige, Teure, Gefährliche, geopolitisch
Problematische. Kommen Sie mir also bitte nicht mit der armen Krankenschwester
auf dem Land. Bei sehr vielen Deutschen liegt es keineswegs am Geld. [….]
Eine Woche vor der
Landtagswahl im Baden Württemberg, erschien im SPIEGEL eine Reportage über die
Stimmung unter den vielen Angehörigen der Autobau- und Zulieferer-Industrie.
Wieso wählen diese seit Jahrzehnten vom Erfolg verwöhnten und gut verdienenden Menschen
rechts?
Schon vor Trumps Irankrieg
schimpften die Reichen Schwaben über die Benzinpreise
[….] Die Automobilbranche
in Deutschland ist vom Erfolgskurs abgekommen, sie schlingert und verliert an
Tempo, wo sie beschleunigen müsste. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als am
Geburtsort des modernen Automobils. In Baden-Württemberg hängen direkt und indirekt
knapp eine halbe Million Arbeitsplätze am Auto.[….]
Wäre es nicht gerade an den
wohlhabenden Cleverles, sich rechtzeitig zu Stromern umzuorientieren?
Technisch sind wir so weit.
Viele Deutsche sind auch reich genug, sich aus den Krallen der Fossillobby zu
lösen.
Aber die Propaganda der
rechten Medien und der toxischen CDUCSUAfD-Politik ist so stark, daß sich die
Verbraucher von Ideologie und Unwissenheit treiben lassen. (….)
Meine Solidarität mit pendelnden Landeiern, deren
Arbeitswege an der Zapfsäule immer teurer werden, ist begrenzt, weil sie
traditionell von klimaschädigender Pendlerpauschale und Dienstwagenprivilegien
profitieren und zudem die niedrigeren Lebenshaltungskosten/Mieten außerhalb der
Metropolen genießen.
Mieter, die keinen Einfluss auf die Heizungsanlagen
haben, müssen eher entlastet werden.
Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe
Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.
Habituell bin ich sehr konservativ (lat. conservare =
bewahren, erhalten); ich sieze, mag klassische Musik, bin im Alltag
ausgesprochen höflich, trage immer lange Hosen und Sakko, gehe lieber in Läden,
als online zu bestellen, koche mit saisonalen frischen Zutaten, lese vorzugsweise
Bücher, gewöhne mich schwer an neue Techniken. Mein erstes Klugtelefon schaffte
ich mir 2018 an und erinnere mich fast täglich mit Grauen an den Tag im Jahr
2019, als meine VHS-Videorekorder plötzlich nicht mehr aufzeichnen konnten,
weil das analoge Kabelsignal abgeschaltet war. Über die Jahrzehnte hatte ich
eine perfekte Routine entwickelt, wie ich mit einer begrenzten Anzahl
wiederbespielbarer VHS-Cassetten die Flut der +300 TV-Sender bewältige, sorgsam
ausgesucht die für mich relevanten Sendungen aufzeichnete und mich gleichzeitig
zwang, all die Reportagen und Dokus anzugucken, indem ich chronologisch
Aufnahmekapazitäten schaffen musste.
An dem bedauerlichen Tag wurde ich aber gezwungen, einen digitalen
Festplattenrekorder zu kaufen, den ich bis heute einmal wöchentlich
programmiere, um alles aufzuzeichnen, das mich interessiert. Live kann ich
nicht gucken, da ich daran gewöhnt bin, die Abspielgeschwindigkeit zu erhöhen
und „vorzuspulen“. Aber die Festplatte ist viel zu groß; sie zwingt mich
natürlich nicht hinreichend, neue Aufnahmen zu reduzieren. Und, viel schlimmer:
Da es sich um kein analoges Band handelt, picke ich mir zunächst die Rosinen
raus und wichtige informative Dokus bleiben liegen. All das raubt übrigens so
viel Zeit, daß ich die aufgezeichneten Sendungen nie alle schaffe. Daher habe
ich auch noch nie gestreamt. Offizielle tue ich das nicht, um Trump-affine
US-amerikanische Anbieter zu boykottieren und um das Klima zu schonen, indem
ich nicht zum Stromverbrauch der Server beitrage. Tatsächlich könnte ich aber
keine einzige zusätzliche Serie in meine siebenmal 24 Stunden die Woche
pressen. Ich wünschte, es würde alles für immer so bleiben, wie es war. Ich mag
mich nicht verändern.
Glücklicherweise bin ich ein alter kinderloser Single-Mann,
der sich solche Spleens leisten kann. Mein Privatleben kann ich gestalten, wie
ich will, wenn ich damit niemanden störe.
Als politische Persönlichkeit ticke ich
selbstverständlich ganz anders. Politischer Konservatismus ist ein Grundübel,
das ich ablehne. Insbesondere in Deutschland warben die Konservativen mit ihrem
Phlegma und ihren Beharrungskräften. Die bekanntesten CDU-Bundestagswahlslogans
lauten „keine Experimente“, „die Karawane zieht weiter“ oder „Sie kennen mich“!
Unglücklicherweise war das erfolgreich, weil sich der deutsche Michl vor allen
Veränderungen fürchtet und diejenigen wählt, die ihnen versprechen, sie von
allen Unsicherheiten und Zumutungen zu verschonen.
Ich kann sehr gut Streamingdienste und Klugtelefone aus
meinem Schlafzimmer fernhalten. Wenn aber ein Regierungschef Neues aus
Deutschland fernhält, führt das unmittelbar in eine Katastrophe, weil wird
nicht als Single-Land auf diesem Planeten chillen, sondern von allen
erdenklichen globalen Faktoren abhängig sind. Klima, Kriege, Handel, Tourismus,
Kultur, Technik, Gesundheit und vieles andere mehr.
Daher ist die deutsche Veränderungsresistenz die
Impudenz des Montags August 2026.
Es ist inzwischen eine legendäre Episode verfehlter
deutscher Zukunftsgestaltung: 1981 (sic!) plante das sozialdemokratische Schmidt-Kabinett
die Verlegung von Glasfaserkabeln in Deutschland. Aber
die Deutschen wollten lieber den bräsigen Pfälzer Kohl als Kanzler, der die Pläne
einstampfte und auf Kupferkabel setzte. Deutschland hat also durchaus
innovative Phasen, in denen es technisch international vorn mitspielt. Zum
Beispiel während der Schröder/Fischer-Regierung in der Windkraft und
Solar-Branche.
Aber das geschieht immer nur unter SPD-Kanzlerschaften,
die eher selten sind und vom Urnenpöbel gern durch bräsige Technik- und
Zukunftsfeindlichkeit mit CDU-Kanzlern ersetzt wird.
Es ist pathologisch, wie CDU/FDP-Politiker mit der
Wahl-Zustimmung der Bürger, immer wieder zum Schaden Deutschlands in die
Vergangenheit steuern.
(….) Aus ideologischer Verblendung und/oder kurzfristiger
Raffgier wollen Merz, Spahn und Reiche uns in den Hitzetod treiben.
Nach dem Ende der ersten und einzigen rotgrünen Bundesregierung 2005, sorgte
Merkels Lieblingsminister Altmaier in der Westerwelle-Merkel-Horrorregierung ab
2009 dafür, 60.000 Topjobs in der Windenergiebranche und 100.000 Jobs in der Solarbranche
zu vernichten, um wieder auf billiges klimaschädliches russisches Gas zu setzen
und sich in die Abhängigkeit von Putin zu begeben. Das passiert, wenn man
Schwarz und Gelb wählt, Urnenpöbel.
[….] Die Reaktion
insbesondere unionsgeführter Regierungen der vergangenen Jahrzehnte war verlässlich
die gleiche: erst mal bremsen (egal, ob die anderen das auch tun). Deutschland
setzte auf Kupferkabel statt Glasfaser, das mobile Internet galt lange als
etwas alberne Spielerei, das Smartphone auch. Die Digitalisierung der
Verwaltung steht als Ziel in jedem Koalitionsvertrag. Immer wieder.
Beim Thema künstliche
Intelligenz war es das Gleiche: spätestens mit dem Sieg von AlphaGo gegen den
Go-Meister Lee Sedol im Jahr 2016 hätte eigentlich klar sein müssen, dass gerade
eine neue Ära der Technikgeschichte begonnen hat. Exemplarisch für die
Bräsigkeit deutscher Regierungen im Umgang mit Transformationsprozessen war ein
Satz des damaligen Wirtschaftsministers Peter Altmaier, gesprochen im Jahr 2018
bei einem der zahllosen, stets folgenlosen »Digitalgipfel«: Er freue sich auf
eine Zukunft, scherzte Altmaier damals, in der ihm ein in Deutschland
hergestellter Digitalbutler das Bier aus dem Kühlschrank hole. So stellen Unionsminister
oft die Zukunft dar: wie die Vergangenheit, nur noch ein bisschen bequemer.
[….] Unionsgeführte
Regierungen reden immer viel von Strategie und Veränderungswillen und tun
gleichzeitig möglichst viel dafür, den armen Deutschen die Veränderung
möglichst lang vom Leib zu halten. Verbrenner retten! Gasheizung erhalten! Man
versucht jetzt, das absolut unausweichliche Ende des Verbrennungsprozesses als
zentraler Energiequelle zu ignorieren, zu vertagen, zu bremsen, zu verschieben.
Das wird sich ebenso rächen wie bei den Themen Digitalisierung, Internet,
künstliche Intelligenz. Denn die anderen warten nicht. [….] Huch,
Elektroautos! Huch, Batteriespeicher! Huch, Wärmepumpen! Huch, billiger Strom
aus Sonne und Wind! Huch, China! Huch, exponentielles Wachstum!
Man kann gerade live
beobachten, wie eine unionsgeführte Regierung erneut versucht, die Fehler der
Vergangenheit sehenden Auges zu wiederholen. Die Parallelen sind verblüffend. Aber
die geopolitischen Gefahren womöglich noch größer. [….]
[….] "5G ist nicht an jeder Milchkanne notwendig", sagte
Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) vor anderthalb Jahren. Mit dieser
Aussage löste sie einen Sturm der Entrüstung aus. Doch, gerade an der
Milchkanne – zum Beispiel in der Hightech-Landwirtschaft – müsse der neue
Mobilfunkstandard der fünften Generation verfügbar sein, sagen ihre Kritiker.
Oder in der Industrie, für smarte Städte oder für die Telemedizin. Also dort,
wo der schnelle Austausch großer Datenmengen neue Technologien und Geschäftsmodelle
ermögliche – künftig also eigentlich überall. […..]
[…] Diese populistische
Dummschwätzerei des bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Markus Söder ist
verantwortungslos. Denn sie schadet der deutschen Wirtschaft, vornehmlich der Autoindustrie.
Und die hat schon genug Probleme.
Kurz vor dem Start der
Internationalen Automesse in München tat sich Söder mit einem 10-Punkte-Plan
hervor. Mit dem will er die für Deutschland so wichtige Autoindustrie retten,
dürfte aber bei Realisierung genau das Gegenteil bewirken. Mit den meisten dieser
zehn Punkte will Söder zurück in die Vergangenheit und das Verbrenner-Auto
retten. Damit, das dürfte das Kalkül des Populisten Söder sein, möchte er den Geschmack
der meisten deutschen Autofahrer treffen. […] „Stopp des
Verbrennerverbots“, „CO₂-Zahlungen aussetzen“, „’Unrealistische‘ CO₂-Ziele neu
formulieren“, „Keine Fahrverbote für Verbrennerautos“, „Kein Zwang zu
Elektroautos“ – Fünf dieser zehn Punkte enthalten eigentlich dasselbe. […] Experten
sind sich einig, dass Deutschland die Entwicklung hin zur E-Mobilität lange
Zeit verschlafen hat und jetzt mit großer Verspätung zur Aufholjagd ansetzt. Der
Grund dafür lag vor allem darin, dass die Politik hierzulande keinen
eindeutigen Kurs vorgegeben hat. Immer wieder wurde – zu Zeiten der Ampel von
der FDP – gebremst. Keinesfalls wollte man eindeutig auf die Entwicklung von
Elektro-Fahrzeugen setzen. Der Verbrenner sollte unbedingt bleiben. […]
Leider betrifft der deutsche Beharrungswahn nicht nur Unions-
und AfD-Politiker.
Wenn eine Kohlemine geschlossen werden soll, oder einer
der großen Auto-Konzerne darüber nachdenkt, ein Werk stillzulegen, rasen Kommunal-
und Landespolitiker jeder Couleur zu Hilfe, um das zu verhindern. Was einmal da
war, soll unbedingt für immer bleiben. Auch wenn es sich um radikal
klimaschädliche Methoden handelt oder überteuerte Verbrenner-Modelle gefertigt
werden, die langfristig auf dem Weltmarkt keine Chance haben.
Das ist Gift für die Wirtschaft, aber auch langfristig für
die Beschäftigten und das Klima. Natürlich sollen Arbeitsplatzverluste sozial
abgefedert werden, aber statt auf stures „es soll alles so bleiben wie immer!“
zu setzen, sollte man sich überlegen, was man sinnvollerweise stattdessen an
den Produktionsstandorten bauen könnte.
Klimatechnik, Wärmepumpen, Batteriespeicher, Maschinenbau
für moderne grüne Wirtschaft, E-Mobilität, Drohnen – es gäbe so viele sinnvolle
Richtungen, in die Industriepolitik weisen könnte.
Man mag den Wegfall geliebter deutscher Industrieprodukte
bedauern. Aber mit der Herstellung von Videorekordern, kabelgebundenen
Tastentelefonen, Faxgeräten, analogen Fotoapparaten, gedruckten Stadtplänen
gibt es ebenso wenig eine ökonomische Zukunft, wie mit Braunkohlekraftwerken
oder Ottomotoren.
CDU, CSU, BSW und AfD suggerieren aber genau das und
bekommen dafür viel Wählerzuspruch. Es führt geradewegs ins Verderben. Wir sind
nicht allein auf der Welt und haben somit nicht die Wahl, wie in meinen
privaten vier Wänden auf Museums-Methoden zu setzen.
[….] Ich war von 2012 an
acht Jahre Chinakorrespondent, bin jetzt nach Peking zurückgekehrt – […] Was
Autos angeht, kamen mir die Menschen in China immer vor wie Amerikaner. Je
größer, je auffälliger und bunter, desto besser. Wer es in den Jahren des
Aufstiegs zu etwas gebracht hatte, kaufte sich das Beste, was das Budget
hergab. Am liebsten einen Mercedes, einen Ferrari oder einen teuren
Geländewagen – den Mercedes gern in Pink, den Ferrari in Giftgrün, den SUV mit
einem Auspuff wie ein Ofenrohr.
Und wenn dann eines dieser
Autos in Shanghai oder Shenzhen einen Kavalierstart hinlegte oder, vor
möglichst vielen Bewunderern, genussvoll eingeparkt wurde – keine Spur von
Naserümpfen wie im etablierten Europa. Begeisterte Anerkennung: »Hen ku, hen
haokan!« – »Sehr cool, sieht super aus!«
So habe ich, bis vor sechs
Jahren, das Verhältnis der Chinesen zu ihren Autos erlebt. Vor ein paar Wochen
bin ich zurückgekehrt. »Das alte Peking«, hatte mich ein Freund gewarnt, »gibt
es nicht mehr.« Das war eine Übertreibung, in vieler Hinsicht. Aber was Chinas
Autokultur betrifft, stimmt es.
Sie fahren immer noch
herum, die Mercedes, Ferraris und getunten SUV aus dem Westen. Sie fallen sogar
auf – aber nicht mehr so sehr als Statussymbole einer zu Wohlstand gekommenen
oberen Mittelschicht, sondern wie Dinosaurier aus einem zu Ende gehenden Autozeitalter.
Das Straßenbild in China
hat sich völlig verändert. Man hört es, bevor man es sieht: Die Innenstädte
sind messbarleiser geworden – zum Teil,
weil wegen der Immobilienflaute weniger gebaut wird, zum Teil, weil die öffentlichen
Verkehrsnetze mittlerweile so dicht sind, dass weniger Leute selbst mit dem
Auto fahren. Vor allem aber, weil die Zahl der Elektroautos so sprunghaft
angestiegen ist.
Wenn man in Peking heute
einen Zebrastreifen überquert, geht man oft an Kolonnen von E-Autos mit ihren
grün-weißen Nummernschildern vorbei. Sie stehen lautlos vor der Ampel, und
genauso lautlos bleibt es, wenn es grün wird und sie losfahren. Die alten Brummer
mit den blauen Verbrennerkennzeichen werden immer weniger. Nach den einst
dominanten westlichen Premiumautos muss man regelrecht suchen.
Stattdessen beherrschen so
viele Marken und Modelle das Straßenbild, dass man selbst als Autofan den
Überblick verliert. Nio, Arcfox, Aito, Maextro, Xiaomi, Yangwang und Dutzende
andere – kleine, große, hässliche und schöne Autos, die außer ihrem Elektroantrieb
vor allem eines verbindet: Es sind – bis auf wenige Ausnahmen – chinesische
Fabrikate, und ihre Fahrer sehen sehr zufrieden aus. [….]
Ein 1,4-Milliardenmenschen-Volk kann sich so schnell und
so richtig wandeln. Die 0,08 Milliarden Deutschen verharren beleidigt in der
Vergangenheit. Die Chinesen werden aber zu ihrem Glück auch nicht von den
Fossil-Dinosauriern Reiche und Merz regiert.
[…]Die Energiewende in China schreitet voran:
Wie die Energiebehörde des Landes mitteilte, lagen Photovoltaikanlagen Stand
Ende Juli mit 1.286 Gigawatt installierter Leistung erstmals vor
Kohlekraftwerken. Deren installierte Leistung lag demnach - minimal geringer -
bei 1.285 Gigawatt.
Nach Angaben des
chinesischen Staatsfernsehens entfiel auf Solaranlagen damit ein Anteil von
31,5 Prozent an der gesamten installierten Stromerzeugungskapazität. China
treibt den Ausbau von Stromgewinnung aus Sonnenenergie seit Jahren voran.
Besonders im Westen und Nordwesten des Landes säumen Solarzellen ganze
Landstriche. […]