Dienstag, 14. April 2026

Antiamerikanismus, Antisemitismus, Islamophobie

Ronen Steinke fasste es vor vier Tagen wieder einmal genial einfach in Worte.

Es gibt gute Gründe, die Politik von Erdoğan entsetzlich zu finden. Aber null Gründe, deshalb einen Döner-Grill irgendwo anzugreifen.

Es gibt gute Gründe, die Politik von Netanyahu entsetzlich zu finden. Aber null Gründe, eine israelische Bar in München anzugreifen.

Solidarität mit dem #eclipse

(@ronensteinke.bsky.social, 10.04.2026)

Das ist gruppenbezogener Menschenhass, wenn einzelne Personen aufgrund irgendeiner zufälligen Zugehörigkeit (Ethnie, Nationalität, sexuelle Orientierung, Religion) gehasst, beschimpft, verletzt werden.

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird aufgrund der Merkmale, die einer Gruppe zugeschoben werden, oft pauschalisiert. Ich tue das auch:

DIE Amerikaner sind total verblödet, weil sie 2024 Trump wieder gewählt haben.

DIE Deutschen sind total verblödet, weil sie sich Anfang 2025 Merz, Klöckner, Spahn und Dobrindt in die Top-Ämter gewählt haben.

DIE Berliner sind total verblödet, weil sie immer noch vorhaben, die Wegner-CDU zur klar stärksten Kraft zu machen.

 

Aber Vorsicht! Das kann niemals bedeuten, jeden einzelnen Deutschen oder US-Amerikaner dafür verantwortlich zu machen. Denn selbstverständlich sind diese Gruppen heterogen und beinhalten viele Individuen, die anders als das adressierte Klischee sind.

In seinem vorletzten Buch „Judenhass“ (Berlin Verlag 2024) dröselt Michel Friedman die Situation auf und erklärt in leicht verständlichen Worten, was judenfeindliche linke Akademiker und Kunstschaffende bedenken sollten.

[….] Die Documenta in Kassel  hat in aller Deutlichkeit gezeigt, dass BDS* auch ein eliminatorisches Prinzip formuliert. Selbst die bekanntesten Wissenschaftler, Künstlerinnen, Musiker sollen nicht mehr auf­treten dürfen, bekommen also ein lebenslanges Berufsverbot, nur weil sie israelische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sind. Selbst wenn sie sich gegen die Regierung auflehnen, ihre Politik also verurteilen und für eine Zweistaatenlösung kämpfen, ändert das nichts an dem Bann. Sie sind Juden und als solche verdächtigt, angeklagt. Verurteilt. Eine Kollektivstrafe, die der Einzelne nicht aufheben kann. Diese autoritäre, größenwahnsinnige Haltung, die auch von vielen Nichtjuden aus unterschiedlichen Gründen als mutig und konsequent angesehen wird, ist Antisemitismus. Boykott ist immer undifferenziert. Wenn also wie bisher israelische Musiker, Wissenschaftlerinnen und Künstler nicht mehr auftreten dürfen, nur weil sie Israelis sind, und dies als gerecht empfunden wird, ist das für mich ein Ausdruck blinder Selbstgerechtigkeit.  [….]

(M. Friedmann, zitiert aus dem SPIEGEL, 27.01.2024)

* Boycott, Divestment and Sanctions ist eine transnationale politische Kampagne, die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will.

Man kann es gar nicht oft genug sagen: Israelkritik, scharfe Worte gegen die Israelische Regierung, internationale Strafverfolgung Netanjahus sind nicht nur legitim, sondern unbedingt geboten! Antisemitismus hingegen ist niemals zu rechtfertigen!

 (….)  Es ist nicht nur erlaubt, sondern unbedingt notwendig, Netanyahu in die Parade zu fahren, ihn mit scharfen Worten zu attackieren, alle rechtlichen und diplomatischen Mittel gegen ihn zu nutzen. Der Mann ist ein Verbrecher, der Myriaden tote Zivilisten auf dem Gewissen hat und Krieg führt. Daher ist es moralisch geboten, sich gegen Bibi zu stellen. Es ist aber auch ein Akt der Fürsorge für das Land Israel; denn die Sicherheit der eigenen Bevölkerung talibanisiert der Regierungschef erst Recht, indem er systematisch internationalen Hass auf seine Nation zieht.

Da ich in einem ausgesprochen Israel-freundlichen Haushalt aufwuchs, gruselt es mich sehr, überall in der westlichen Welt enorme Israel-Verachtung im Studenten-Milieu zu sehen. Das ist bei mir emotional mit einem riesigen „das tut man nicht!“ versehen. Aber angesichts der geschilderten politischen Lage, bin ich natürlich auch nicht verwundert, wenn die Beliebtheit Israels bei Teens und Twens, irgendwo zwischen Fußpilz und Mundfäule liegt. Natürlich ist die Bereitschaft zu Nüchternheit und Differenzierung, angesichts der seit Jahren andauernden Flut apokalyptischer Bilder, nicht mehr ausgeprägt. Es hat sich so viel Wut und Verzweiflung angesammelt, daß ein emotionales Ventil herbeigesehnt wird. Man will das Morden stoppen, dem Krieg Einhalt gebieten und die strafen, die skrupellos weitermachen.

Sanktionen, Ächtungen, Boykotte, nicht mit einem Israelischen Sänger beim ESC rumhopsen; irgendetwas, das Israel weh tut.  Aber Achtung; das meiste davon ist amoralisch und trifft die Falschen. (….)

(Scharfe Netanyahu-Kritik ohne Antisemitismus, 12.09.2025)

Ronen Steinke, Michel Friedman und viele andere müssen es den Deutschen leider immer und immer wieder erklären. Dennoch bleibt das schmollende, verschwörungstheoretische „Man darf ja nichts gegen Israel sagen!“ virulent.

 So wie schon mit Trumps ersten Amtsantritt die Zahl der Hassverbrechen sprunghaft anstieg, haben auch die rechtsradikalen Diskursverschiebungen in Deutschland – befeuert von AfD, CDUCSU, Aiwanger und Kubicki – selbstverständlich Auswirkungen. Die Hemmschwellen sinken, immer mehr einzelne Xenophobe, Homophobe fühlen sich ermutigt, ja geradezu verpflichtet, Hatecrimes zu begehen.

Die homophoben und transphoben Übergriffe in Deutschland und den USA werden seit Jahren immer mehr.

[…] Fast 24 antisemitische Vorfälle pro Tag - die Meldestelle RIAS verzeichnet für 2024 einen drastischen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Der Antisemitismusbeauftragte Klein warnt mit Blick auf den Nahostkrieg vor kollektiven Schuldzuweisungen.

Die Zahl antisemitisch motivierter Vorfälle in Deutschland ist 2024 erneut drastisch gestiegen. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) dokumentierte im vergangenen Jahr 8.627 Vorfälle - ein Anstieg um fast 77 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Statistisch bedeutet das: Täglich ereigneten sich fast 24 antisemitische Vorfälle, 2023 waren es noch etwa 13 pro Tag. "Für Jüdinnen und Juden bleibt der Antisemitismus in Deutschland ein alltagsprägendes Phänomen", heißt es in dem Bericht. […]

(Tagesschau, 24.06.2025)

Gewalt ist immer falsch. Antisemitismus ist immer falsch. In Deutschland und überall.

[…] So viel tödliche Gewalt wie seit 30 Jahren nicht mehr: Antisemitismus laut Bericht weltweit auf Höchststand […] Die Zahl schwerer antisemitischer Straftaten ist laut einem Bericht im vergangenen Jahr weltweit auf den höchsten Stand seit drei Jahrzehnten gestiegen. Laut dem aktuellen Jahresbericht der Tel-Aviver Universität wurden im vergangenen Jahr 20 Juden bei vier Anschlägen auf drei Kontinenten getötet. Dies sei die höchste Zahl von Todesopfern antisemitischer Angriffe seit mehr als 30 Jahren. Gleichzeitig hätten in vielen Ländern die Zahl von Übergriffen wie Schlägen oder Steinwürfen zugenommen. […]

(SPON; 14.04.2026)

DIE Juden sind selbstverständlich nicht „schuld am Antisemitismus“. Aber die rechtsradikale israelische Regierung befördert ihn unter anderem dadurch, daß sie legitime Kritik an ihrem Handeln, fälschlich mit dem Todschlagargument Antisemitismus abwehrt.

[…] Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat Haftbefehle gegen Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, den früheren Verteidigungsminister Joav Galant und gegen einen Anführer der Terrororganisation Hamas im Gazastreifen erlassen. Die Richter in Den Haag stimmten einem Antrag des Chefanklägers Karim Khan vom Mai zu, LTO berichtete. Netanjahu und Galant stehen danach unter dem Verdacht von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit seit dem 8. Oktober 2023 im Gazastreifen. […] Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat die internationalen Haftbefehle gegen sich und Ex-Verteidigungsminister Joav Galant als “antisemitische Entscheidungen” bezeichnet. Sie sei von "voreingenommenen Richtern, getrieben von antisemitischem Hass gegen Israel" getroffen worden, stand in einer Erklärung seines Büros.  […]

(LTO, 21.11.2024

 […] Der rechtsextreme israelische Finanzminister Bezalel Smotrich ist nach einer Verbalattacke gegen Kanzler Friedrich Merz (CDU) im eigenen Land in die Kritik geraten. Smotrich hatte Merz wegen seiner Aussagen zur israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland scharf angegriffen.

„Herr Bundeskanzler, die Zeiten, in denen Deutsche Juden vorschrieben, wo sie leben durften und wo nicht, sind vorbei und werden nicht wiederkehren. Sie werden uns nicht erneut in Ghettos zwingen, schon gar nicht in unserem eigenen Land“, schrieb der rechte Politiker am Montagabend auf der Plattform X unter Anspielung auf die Herrschaft der deutschen Nationalsozialisten in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Rund sechs Millionen Kinder, Frauen und Männer wurden durch das NS-Regime ermordet. […] Dazu verlinkte Smotrich eine englischsprachige X-Mitteilung des CDU-Politikers zu einem Telefonat mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Darin schreibt Merz, die Entwicklungen in den palästinensischen Gebieten bereiteten ihm „große Sorge“. In seinem Telefonat mit Netanjahu habe er deutlich gemacht: „Eine faktische Teilannexion des Westjordanlandes darf es nicht geben“. […]

(DPA, 14.04.2026)

Auch diese entsetzlichen und perfiden Äußerungen Smotrichs und Netanjahus rechtfertigen selbstverständlich keinen Antisemitismus. Jede einzelne antisemitische Straftat bleibt verachtenswert.

Selbstverständlich verstärken aber prominente Repräsentanten eines Volkes, auf internationaler Ebene, positive und negative Vorurteile. Pauschale Urteile.

Weil Trump maximal unsympathisch ist, sinkt das Ansehen „der Amerikaner“ weltweit rapide.

Sogar China genießt inzwischen international mehr Zustimmung als Trumpmerica.

[….] While neither country commands broad support, China surpassed the United States in global approval ratings in 2025, with a median of 36% approving of China’s leadership, compared with 31% for the U.S. China’s five-percentage-point advantage over the U.S. is the widest Gallup has recorded in China’s favor in nearly 20 years.

The recent shift reflects a decline in U.S. ratings alongside an increase for China. Median approval of U.S. leadership fell from 39% in 2024 to 31% in 2025, returning to earlier lows, while China’s approval rose from 32% to 36%.

At the same time, disapproval of U.S. leadership rose to a record-high 48%, while China’s disapproval rating remained flat at 37%. […]

(Gallup, 03.04.2026)

Man mag das als ungerecht empfinden, weil die Mehrzahl der US-Amerikaner sich ebenfalls von Trump abgestoßen fühlt. Aber sie haben sich auch als unfähig erwiesen, den imbecilen Wüterich aus dem Weißen Haus fern zu halten.

Deswegen fallen die internationale Blamagen-Tour des Fritze Merz und sein neuer Rekord als unbeliebtester Regierungschef der westlichen Welt auch auf alle Deutschen zurück.

[…] Schockierende Zahlen: Kanzler Merz sogar unbeliebter als Trump und Erdoğan […] In 24 Demokratien haben Forscher des US-Meinungsforschungsinstituts Morning Consult die Beliebtheit ihrer Staats- und Regierungschefs miteinander verglichen. Dafür wurden Erwachsene in den entsprechenden Ländern befragt. […] Der Bundeskanzler schaffte es auf Platz 1 mit 76 % unzufriedener Bürger. Immerhin: 19 % der Befragten gaben an, zufrieden mit seiner Arbeit zu sein. Die restlichen Prozent stimmten für "weiß nicht oder keine Meinung".[…]

(Euronews, 13.04.2026)

 Ja, sicherlich ist es unfair gegenüber den RRG-Wählern, die Merz ebenfalls verabscheuen. Aber Pauschalisierungen sind Realität. Schließlich kann niemand jeden einzelnen der 82 Millionen Menschen in Deutschland ansprechen. Wir müssen also damit leben, pauschal abgewertet zu werden, weil wir es mehrheitlich nicht vermochten, Scholz oder Habeck ins Kanzleramt zu schicken.

Es ist falsch, Israel-Kritik und Judenhass zu verquicken. Es gibt in Israel viele Bibi-Kritiker und es gibt unter den Israelischen Staatsbürgern viele Atheisten, aber auch Christen und Muslime.

Dummerle Merz weiß das natürlich nicht.

(….)  Merz plappert bar jeder Grundkenntnis antisemitische Codes von der „Judenfahne“ nach.

[….] Totalausfall von Friedrich Merz: [….]

Der CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz hat mit gleich mehreren Äußerungen in seiner letzten Wahlkampfrede für Empörung gesorgt. Unter anderem bezeichnete er die israelische Fahne als „Judenfahne“ und verbreitete Lügen über die Demonstrant:innen, die gerade im ganzen Land gegen rechts auf die Straße gehen. Nicht nur in den sozialen Medien hagelte es Kritik.

Wörtlich stelle Merz in seiner Rede bei der Wahlkampf-Abschlussveranstaltung in München die rhetorische Frage, wo der „Aufstand der Anständigen“ geblieben sei, „als in diesem Land Palästinenserflaggen geschwenkt wurden, ‚From the River to the Sea‘ gesungen wurde, als Judenfahnen, als Fahnen des Staates Israel verbrannt wurden?“ [….] Die Berliner Grünen-Politikerin Bettina Jarasch kommentierte das am Wahlsonntag auf X: „‚Judenfahnen‘, Herr @FriedrichMerz? Echt jetzt? Noch alle Tassen im Schrank?“, schrieb die Spitzenkandidatin ihrer Partei bei der vergangenen Landtagswahl in der Hauptstadt. […] Laut der International Holocaust Remembrance Alliance stellt es eine Form von Antisemitismus dar, den Staat Israel mit dem Judentum gleichzusetzen. In rechtsextremen Kreisen ist es weit verbreitet, die israelische Fahne als „Judenfahne“ zu bezeichnen. [….]

(Daniel Bax, 23.02.2025)

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der Mann, der sich von Amtswegen auskennen sollte, debakuliert sogar noch peinlicher als sein Herr. […] [….]  (….)
(Wieso ich mich so sehr für Deutschland schäme, 18.08.2025)

Wir, die deutschen Wähler, wußten das alles und schickten dennoch Fritze Merz ins Kanzleramt.

Und ja, selbstverständlich ist es doppelt unfair, alle Israelis für Bibi und sein Kabinett in Haftung zu nehmen. Darüber hinaus auch noch alle Juden für Israel in Haftung zu nehmen.

Aber niemand kann davon überrascht sein, daß genau das passiert. Bibi Netanjahu gilt als der international am meisten gehasste Regierungschef. Natürlich strahlt das auf das Image aller Israelis aus, gefährdet alle Juden in der Welt, auch wenn sie als säkulare Staatsbürger Netanjahu verachten und in London leben. Oder wenn sie gar keine Verbindungen zum Staat Israel haben und als atheistische Deutsche Dein ganz normaler Nachbar sind.