Donnerstag, 29. Oktober 2020

Der Trump-Vergleich

Selbst wenn man am ganz rechten Rand der CDU steht und seit 20 Jahren eindrucksvoll beweist auch nicht über das kleinste Fünkchen eines sozialen Gewissens zu verfügen, ist es nicht schmeichelhaft als „der kleine Trump aus dem Sauerland“ in den Schlagzeilen zu stehen.

Merz, der Sauerland-Trump“ nennen ihn die Zeitungen der konservativen RND-Gruppe.

„Sauerland-Trump“ gegen das „Establishment“, kommentiert FAZ-Herausgeber Berthold Kohler.

Diesen Vergleich hat sich CDU-Bundesvorsitz-Kandidat Friedrich Merz allerdings ganz allein selbst zuzuschreiben.

Seine Bewerbung als Parteichef und damit mutmaßlich auch nächster Bundeskanzler ist von den typischen Trump-Charakteristika geprägt:

-      Sich immer wieder selbst ein Bein stellen

-      Doubling Down, also hanebüchene Aussagen anschließend sogar noch zu verschlimmern

-      Lügen

-      Unfähigkeit Fehler einzuräumen und Verantwortung zu übernehmen

-      In Bausch und Bogen andere für das eigene Versagen verantwortlich machen

-      Sich ausschließlich mit sich selbst beschäftigen

-      Bei Gegenwind oder Kritik ausflippen und wüst um sich schlagen.

Die Umstände in Deutschland sind anders als in den USA.

Die CDU ist moralisch (noch) nicht so verkommen wie die GOP. Merz hat kein eigenes Medienimperium, das nur ihm zu Füßen liegt und ihn rund um die Uhr lobpreist. Das politische System ist nicht so verzerrend wie in den USA.

Merz ist reich, sehr reich, Millionen nimmt er durch seine Aufsichtsratssitze sein; in einem Hangar stehen zwei Privatflugzeuge in seinem Besitz. Aber das ist dennoch weit entfernt von dem Milliarden-Elternhaus, aus dem Trump stammt.

Der kleine Friedrich aus dem Sauerland hatte keinen Milliarden-Papi, der ihm sein halbes Leben lang mit einem Dukatenschweißer hinterher lief, um jede Dummerhaftigkeit gerade zu biegen und Probleme mit Geld zu zuschütten.

Und so wurde aus Merz, der am 11.11.2020 das Rentenalter von 65. Jahren erreicht eben nie das, was er sich als natürliche Position vorstellte: Parteichef, Bundeskanzler und mächtigster Mann Europas.

Im Gegenteil; es zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben, stets die größten Erwartungen zu entfachen und dann nicht liefern zu können.

Immer wenn es drauf ankam, scheiterte der Polit-Aussteiger und Politrentner:

ER ging gegen Angela Merkel im Kampf um den Vorsitz der CDU-Bundestagsfraktion unter, Edmund Stoiber überrollte ihn beim Kampf um die Kanzlerkandidatur von 2002, er wurde 2005 gar nicht mehr gefragt, er veröffentlichte „Mehr Kapitalismus wagen – Wege zu einer gerechten Gesellschaft“ ausgerechnet 2008, als die Mega-Finanzkrise jedem zeigte wie vollkommen verkehrt Merz damit lag, er gewann nie eine Wahl, übernahm niemals ein Regierungsamt und als seine Nemesis Merkel nach fast zwei Dekaden endlich den CDU-Vorsitz aufgab, versagte Merz auf dem Wahlparteitag so sehr, daß er AKK unterlag.

Seine Bierdeckel-Sprüche erwiesen sich als Metapher für sein ganzes politisches Leben: Immer das Maul aufreißen, aber nie irgendetwas umsetzen können.

Merz prescht gerne vor und schießt sich dann öffentlich selbst ins Knie.
So auch just wieder geschehen bei seinem 48-stündigen öffentlichen Wutanfall nach der Absage des CDU-Parteitags im Dezember.


[…..] Herrn Merz' Gespür für Eigentore

Der Kandidat für den CDU-Vorsitz will alle, die gegen ihn sind, öffentlich bekämpfen. Das legt den größten Unterschied zwischen ihm und der Kanzlerin offen: Auch sie hatte viele Widersacher, aber schwieg. Das hat sie stark gemacht. […..] Mit seiner Attacke gegen das sogenannte Partei-Establishment hat Friedrich Merz - absichtlich oder nicht - offengelegt, wo seine größte Schwäche und Angela Merkels größte Stärke liegt: Gemeint sind strategische Kraft und politische Klugheit. Sie hat davon sehr viel, ihm mangelt es daran sehr. […..]

 (Stefan Braun, 28.10.2020)

Merkel trat nie so laut, so erwartungsvoll, so vollmundig, so selbstbewusst, so ego-zentriert, so machtgierig, so Messias-komplexig wie Merz auf.

Ihr Auftreten, ihre Optik, ihr Charakter sind hin vieler Hinsicht klein und bescheiden im Vergleich zu Friedrich Merz.

Umso mehr muss es ihn triggern, daß sie aber all das wurde, was er nie schaffte: Mächtig, Kanzlerin, Parteichefin, Wahlsiegerin.

Sie regiert, er redet sich um Kopf und Kragen – immer wieder.

[…..] Friedrich Merz als Parteichef verhindern zu wollen, ist grundsätzlich ein legitimes Anliegen und müsste quasi Bürgerpflicht sein.   Und die Tatsache, dass dieser Mann als ernsthafte Option für diesen Posten gehandelt wird, ist ein Beleg für den desolaten Zustand, in dem das konservative Lager dieses   Landes ist.   Zur Erinnerung eine Anekdote: Friedrich Merz ist der Mann, der einst seinen Laptop an einem Berliner Taxistand verloren hat, und dem Obdachlosen, der das Gerät fand und bei der Polizei abgab, als Dank ein handsigniertes Buch zukommen ließ. Der bemerkenswert sperrige und unangenehm motivationstrainige Titel: „Nur wer sich ändert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion – Kursbestimmung für unsere Zukunft“. Dazu noch die Widmung: „Vielen Dank an den ehrlichen Finder.“   […..] Friedrich Merz, dieser Blackrock-Manager der Liebe, der Kapitalist mit dem großen Herz und dem Bierdeckel-Fetisch, hat auch eine ganz andere Seite. Ein Gespür für die Stimmungen des einfachen Volkes. Und für die Bedrohungen, denen unsere Gesellschaft zurzeit ausgesetzt ist.   Die allergrößte Gefahr: Dass wir, also alle außer Merz, einfach zu bequem werden  „Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir uns nicht alle daran gewöhnen, dass wir ohne Arbeit leben können.“ So kommentierte er inmitten der Corona-Pandemie die Lage. Also, als sehr viele Menschen fürchten mussten, dass ihre Existenzen vernichtet werden, dass sie ins Bodenlose fallen, da war es ihm ein wichtiges Anliegen, das mal los zu werden. […..] Und wenn er gefragt wird, ob er einen schwulen Bundeskanzler okay finden würde, dann sagt er sinngemäß schon mal: Och ja, wenn der nicht irgendwelche Kinder antatscht, dann ginge das schon. […..] Er spricht auch die „Sprache junger Menschen“, dieser famose Merz. Sagt er zumindest selbst. Und das Großartige ist: Dieser Satz belegt das Gegenteil schon in sich selbst. Die „Sprache junger Menschen“. Das klingt so onkelhaft unangenehm, dass jeder junge Mensch gut beraten wäre, schnellstmöglich Reißaus zu nehmen, wenn sich jemand nähert, der so redet. Nicht, dass man noch langweilige Bücher mit sperrigen Titeln geschenkt bekommt ... […..] Tja, das ist es offenbar, was das konservative Lager jenseits des „Establishments“ in der Union sich als Weg in die Zukunft vorstellt: eine Zeitreise zurück in die 90er. Mit einem Herzlos-Onkel am Steuerknüppel. Gruselig. Und es ist noch nicht mal Halloween. […..]

(Maik Koltermann, 27.10.2020)

Die Vergleiche mit Trump verdient sich Merz aber nicht nur mit seine kruden Attacken auf angeblich dunkle Mächte in der CDU, die ihn sabotieren wollen, sondern mit seinem Ego-Wahn, seiner Weinerlichkeit, dem rage-Tweeting und den üblen Folgen seines Verhaltens für die Demokratie.


[…..] Merz hat den Charaktertest nicht bestanden.   Der rabiate Machtkampf in der CDU zeigt, wie bedrohlich sich die politische Kultur ändert.

Auf die Verlierer kommt es an. Das ist einer der Grundsätze der Demokratie, die ständig Verlierer produziert, da sie auf Abstimmungen und Wahlen beruht. Wenn Politiker ihre Niederlage nicht akzeptieren, setzen sie das System unter Stress.   Das ist in der CDU passiert. Friedrich Merz kann sich nicht damit abfinden, dass der Parteitag wegen der Pandemie vom Dezember ins nächste Jahr verschoben wird. Er hält das für eine Intrige unter anderem seines Konkurrenten Armin Laschet, da der sich bei einem späteren Termin bessere Aussichten auf den Parteivorsitz ausrechne.  Merz gibt den schlechten Verlierer, das ist das eine. Das andere ist, dass die CDU derzeit nicht weiß, wie sie zu einem Parteivorsitzenden und damit zu einem Kanzlerkandidaten kommen soll. Sie ist ratlos, hilflos, […..] Mit diesem Impuls spielt Merz, der behauptet, "Teile des Parteiestablishments" wollten verhindern, dass er Vorsitzender wird.   Damit begibt er sich argumentativ in die Nähe von Rechtspopulisten wie Donald Trump oder der AfD, die gern einen Gegensatz zwischen dem "Volk" und den Politikern in den Hauptstädten konstruieren, um sich selbst als Anwälte der Bevölkerung aufspielen zu können. Auch Merz behauptet, die "Basis" stehe auf seiner Seite, also das Parteivolk. […..]

(Dirk Kurbjuweit, 29.10.2020)