Samstag, 19. Oktober 2019

Besoffene Amis und Briten.


Als kleiner Junge verstand ich die Tragik nicht; eine gute Bekannte der Familie, die schwer krank war sollte eigentlich zwei Monate in eine Spezialklinik, kam aber nach wenigen Tagen zurück, lachte und erklärte man habe sie als „zu gesund für uns“ nach Hause geschickt.
Ich hielt das für eine gute Neuigkeit, denn das war ja meine „Cola-Tante“, die uns immer einen Cola-Lolli mitbrachte.
(Coca Cola gab es in unserem Haushalt nicht, umso mehr freuten mich diese Lollis)
So gut war die Neuigkeit aber doch nicht, denn sie war heftige Alkoholikerin. Ihr drohte die Entmündigung und daher schickten ihre Familie sie zur „Urschrei-Therapie“ der Psychosomatischen Klinik Bad Herrenalb. In den 1970ern der letzte Schrei.
Neben den üblichen Matern wie Töpfern, Waldlauf und Morgengymnastik, traf man sich täglich in einer mit Gummimatten ausgelegten Halle, zog sich kollektiv nackt aus, warf sich auf die Erde und begann zu schreien wie am Spieß. Das musste so laut und aus dem Magen kommen, bis man sich ob der Überanstrengung des Gebrülles übergeben musste. In dem Moment sollte sich der Neben-Schreier an den Kotzenden pressen und ihn/sie so fest umarmen, daß auch wirklich der ganze Mageninhalt hervorgelockt wurde.
Idealerweise generierte so eine Sitzung am Ende ein Knäuel grölender und heulender Nackter in einem Vomitus-Bad.
Meine „Cola-Tante“ fühlte sich außerstande mitzumachen und musste immer lachen als sie vom Cheftherapeuten im Adamskostüm angebrüllt wurde endlich lauter zu brüllen.
Die Horrorgeschichten aus Herrenalb verfolgten mich noch eine Zeit.
 So bizarr und unfreiwillig komisch das auch klang; aber abgesehen von dieser speziellen Methode, der „Urschreitherapie nach Arthur Janov“, leuchtet es ein: Alkoholiker müssen erstens erkennen, daß sie ein echtes Problem haben und außerdem so enorme finanzielle oder persönliche oder physische Probleme bekommen, daß sie zu drastischen Methoden bereit sind.
Es kann sogar Glück im Unglück sein, wenn man Job und Wohnung verliert und buchstäblich in der Gosse landet. Möglicherweise erwächst daraus die Erkenntnis, daß es so nicht weitergehen kann.
Wer aber zB durch sehr wohlhabende Eltern finanziell unabhängig ist, wird womöglich diese drastische Erfahrung nie machen, also auch nicht den Entschluss fassen aufhören zu müssen und trinkt sich tot.

Die Kriterien sind:
I. Craving (starkes Verlangen Alkohol zu trinken)
II. Kontrollverlust über den Alkoholkonsum bezüglich Beginn oder Menge
III. Toleranzentwicklung gegenüber der Alkoholwirkung
IV. Einengung auf das Alkoholtrinken und dadurch Vernachlässigung anderer Interessen
V. Anhaltender Alkoholkonsum trotz eindeutiger schädlicher Folgen (gesundheitlich, psychisch oder sozial)
VI. körperlichem Entzugssyndrom bei Reduzierung der Alkoholmenge oder Abstinenz

Alkoholiker können außerordentlich geschickt darin sein ihren Alkoholkonsum zu verbergen und sich selbst einreden noch „alles im Griff zu haben“.
Damit erklärt sich auch der Erfolg der „Anonymen Alkoholiker“. In den AA-Kreisen entfällt dieser selbstillusionierende Mechanismus und so gedeiht die Erkenntnis welche Ausmaße die Sucht angenommen hat.

Meine Cola-Tante starb tatsächlich mit Mitte 40 an einer Leberzirrhose.
Sie hatte den Absprung nie geschafft, weil sie es stets verstand die Illusion zu erwecken, daß sie nur gelegentlich mal trinke.

Brexiteers und Trumpisten sind das gesellschaftliche Äquivalent zum Abhängigkeitssyndrom (F10.2) im Diagnosesystem ICD-10.
Sie sind ihrem „Cult-Leader“ verfallen, kapseln sich von der Realität ab.
IV. Einengung auf FOX News und dadurch Vernachlässigung anderer Interessen
V. Anhaltender Johnson-Konsum trotz eindeutiger schädlicher Folgen (gesundheitlich, psychisch oder sozial).
Das Problem der Selbsterkenntnis ist besonders schwerwiegend, weil die nicht betroffenen Landsleute alles dafür tun, daß die Nation dennoch nicht zusammen bricht.

Ich bin daher überhaupt kein Fan eines knappen Votums des US-Senates für ein Impeachment. Natürlich müssen wir Trump loswerden und es würde die Welt sicherer und besser machen, wenn dieser offensichtlich morbide Verbrecher nicht mehr im Oval Office säße.
Aber seine 62 Millionen Wähler würden genau wie meine Cola-Tante ihr Problem nie erkennen.
Schnell würden Dolchstoßlegenden entstehen, natürlich hätte der „Deep State“ die Republikaner („Rinos“) im Kongress gekauft.
Amerika bliebe Amerika, der nächste Präsident würde womöglich langsam wieder auf einen vernünftigen Kurs einschwenken. Aber die 62 Millionen unter Morbus Trumpus Leidenden würden eben nie in der Gosse landen, nie begreifen welch tödlicher Krankheit sie verfallen waren. Bei der nächsten Wahl würden sie erneut hunderte geistig retardierte Teebeutler in die Parlamente schicken.

Das betrifft auch den möglicherweise in der letzten Mikrosekunden doch noch abgewendeten No-Deal-Brexit.
Kompromissbereite Europäer und britische Parlamentarier mit Restverstand würden das Vereinigte Königreich vor einer gewaltigen Katastrophe bewahren.
Natürlich wäre es viel besser den Brexit abzusagen und wenn er schon kommen muss, wäre es für alle Beteiligten harmloser ihn mit Deals und Regelungen abzufedern.
Aber die Idioten, die 2016 für den Brexit stimmten, müssten dann Idioten bleiben.
Sie würden  weiterhin die Konservativen zu total destruktiver Politik drängen oder gleich die Fanatiker von der UKIP wählen.
Daher war ich auch nicht begeistert, als Juncker und Johnson vorgestern überraschend erklärten, sie hätten sich doch noch auf einen Deal geeinigt.
Allerdings kassierte der britische MP schon wieder eine Klatsche.

[….] Das Votum an diesem Super-Samstag ist ein Misstrauensvotum gegen Boris Johnson. Das britische Parlament traut dem Premierminister nicht über den Weg. Deshalb hat die Mehrheit der Abgeordneten in Westminster für einen Antrag gestimmt, der endgültig einen No-Deal-Brexit am 31. Oktober verhindert: Die Sorge war einfach zu groß, dass Johnson die Ratifizierung des Austrittsvertrags bewusst verzögern könnte. Für den Premier ist das eine weitere verheerende Niederlage im Unterhaus. Nun muss er das tun, was er nie wollte: Johnson ist gesetzlich dazu verpflichtet, noch bis Mitternacht um eine Verlängerung der Austrittsfrist in Brüssel zu bitten.
Mit dem Votum vom Super-Samstag hat das Parlament offenbart, wie schwach der Premierminister in Wahrheit ist. Beim EU-Gipfel in dieser Woche markierte Johnson zwar den starken Mann, der einen Deal mit nach Hause bringt. Dass ihm dies gelungen ist, darf man in der Tat als politisches Kunststück bezeichnen. Doch daheim in London zeigte sich nun, wie wenig Macht er hat und wie eng sein politischer Spielraum ist. Daran ist er selbst schuld. […..]

So Leid es mir für die vernünftigen Briten und Amerikaner tut, aber leider geht es ihren Nationen noch nicht schlecht genug, die debile Hälfte der Bevölkerung hat noch nicht erkannt welch tödlichem Irrtum sie frönt.

Wenn GB und USA nicht nur kurz durchatmen und weiterwurschteln wollen, müssen sie einen pädagogischen Prozess durchlaufen.
Johnson und Trump sollten also im Amt bleiben und ihre jeweilige Nation mit Karacho so dermaßen gegen die Wand fahren, daß jeder einzelne ihrer Wähler durch eine tiefe Rezession am eigenen Leib erfährt was für eine verdammt schlechte Idee es war solche rechtspopulistischen Schwätzer zu wählen.
Nur dann erkennen sie, daß man der Hetze von FOX und SUN nicht trauen darf, nur dann wählen sie in Zukunft vielleicht etwas vernünftiger.

Freitag, 18. Oktober 2019

Bleibende Bildung

Heute versuchte ich von dem alten Herrn, um den ich mich kümmere eine Unterschrift zu bekommen; es war nur eine Formalie, aber gerade mit solchen Dingen beziehe ich ihn gern mal mit ein seit er im Pflegeheim ist.
Seine Demenz schreitet schnell mit den typischen Schüben voran.
Den wichtigen Schriftverkehr erledige ich inzwischen, ohne daß er es mitbekommt, aber gelegentlich gehe ich einen Teil seiner Post weiterhin mit ihm zusammen durch, so daß er das Gefühl hat noch gebraucht zu werden und die Fäden in der Hand zu halten.
Heute wollte er aber nicht einfach nur so unterschreiben und begann ein zweiseitiges juristisches Schreiben zu studieren.
Ein aussichtsloses Unterfangen, da er kaum noch einen Satz zu Ende sprechen kann. Die Konzentration reicht nicht mehr; er fängt mit einem Gedanken an und hat den Faden schon wieder verloren, bevor der Satz ganz ausgesprochen ist.
Er nahm also das erste Din-A4-Blatt zur Hand und starrte drauf.
Man soll Demente nicht korrigieren oder belehren, weil sie das noch mehr verunsichert.
Also hütete ich mich davor ihn wie einen Deppen dastehen zu lassen; wohlwissend, daß er ohnehin keine Chance mehr hatte inhaltlich zu folgen.
Tatsächlich verstand er den Sinn des Ganzen überhaupt nicht, aber es geschah etwas Erstaunliches: Im dritten Absatz fand er einen Rechtschreibfehler. Ein Wort hätte außergewöhnlicherweise groß geschrieben werden müssen und stand dort aber klein.
Daraufhin nahm ich mir den ganzen offiziellen Text vor; es war immerhin ein von einem Justiziar aufgesetztes offizielles Statement an alle Aktionäre. Da erwartet man keine grammatikalischen oder orthographischen Schwächen.
Tatsächlich war auch alles völlig korrekt, aber dieser eine Fehler, den der alte Herr entdeckt hatte, war wirklich vorhanden.

Demenz ist komplizierter als viele meinen. Es ist nicht bloß eine kontinuierliche Verblödung, sondern eine ungleichförmige, unvorhersehbare Angelegenheit.
Auch die Persönlichkeit wird verändert und wenn man gerade denkt, „so, jetzt ist er völlig gaga“, brechen blitzartig klare Momente durch.
Da ich kein Neurologe oder Hirnforscher bin, will ich gar nicht erst versuche das zu erklären.
Aber offensichtlich wurde ihm in der Schule so gründlich gutes Deutsch beigebracht, daß die Regeln auch acht Jahrzehnte später noch bombenfest sitzen, wenn alles andere schon so verschwommen ist, daß er nicht weiß wer ihm gegenübersitzt und in welchem Jahr er sich befindet.
Mir gefällt der Gedanke, daß solche Grundpfeiler der Bildung sich zu einem integralen Bestandteil der Persönlichkeit manifestieren und auch noch vorhanden
sind, wenn man schon Windeln trägt und mit Gegenständen spricht.

Als die letzte noch völlig Google-frei aufgewachsene Generation, ging es mir in der Schule nicht anders.
Im Deutsch-Leistungskurs galt für alle Klausuren – natürlich inklusive der Abitur-Klausur – daß mehr als fünf Rechtschreibfehler automatisch die Note „Mangelhaft“ nach sich zogen. Wir hatten schließlich schon elf Jahre Deutsch-Unterricht hinter uns. Wer dann immer noch nicht perfekte Rechtschreibung beherrschte, war offenbar falsch in dem Kurs.
Eine „Reifeprüfung“ konnte man jedenfalls nicht mehr ablegen.
A posteriori erinnere ich mich auch nicht daran, solche Regeln als streng empfunden zu haben. Das war nun mal Oberstufe.
Ich erinnere mich an meinen strengen, aber sehr freundlichen und pädagogisch erstklassigen Mathelehrer. Ich war  einer von nur einer Handvoll Schülern seine Grundkurs, der Mathematik als Abiturprüfungsfach hatte. Der Kurs war aber recht groß und da es sich um einen Pflichtkurs handelte, waren darin auch einige wirklich schlechte Schüler, die von sich behaupteten „ich verstehe Mathe nun mal nicht!“. Unser Lehrer wollte das nicht hinnehmen und kümmerte sich mit einer Engelsgeduld um Diejenigen, die immer zwischen Mangelhaft und Ungenügend oszillierten.
Immer wieder bestellte er sie an die Tafel, um mit ihnen zusammen zu rechnen, ihnen ein Erfolgserlebnis zu verschaffen. Er wurde nie ungeduldig und verstand es die Schlechten gerade eben nicht zu demütigen und sie vom Haken zu lassen, bevor es ihnen unerträglich peinlich wurde.
Aber natürlich war er in der 12. und 13. Klasse auch in einem Dilemma, weil es schließlich Abiturstoff gab und er nicht in jeder Stunde die Grundregeln bis zurück in die fünfte Klasse erklären konnte.
Wer nach alle der Engelsgeduld nach acht, neun Jahren auf dem Gymnasium immer noch nicht die binomischen Formeln kannte oder bei ähnlichen 100-fach wiederholten Grundkenntnissen scheiterte, konnte eben kein „Ausreichend“ mehr bekommen. Selbst wenn das dramatische Folgen hatte, weil der Schüler womöglich schon in vier anderen Kursen keine Fünf Punkte erreichte, so daß er sitzengeblieben wäre, oder womöglich die Schule hätte verlassen müssen, weil er schon einmal sitzengeblieben war, gab es kein Pardon.
Irgendwann mussten diese Grundlagen nun mal sitzen, sonst gab es kein Abi.
Jedes Jahr ging ein Dutzend Oberstufenschüler vorzeitig von der Schule ab. Und warum auch nicht?
Es gibt auch wunderbare Berufe, die man ohne Abitur und Studium ergreifen kann. Das persönliche Glück hängt davon nicht ab.

Die Litanei, die nun folgen muss, kann sich jeder denken: „Niveaulimbo“ an deutschen Schulen.
Ein schreckliches Klischee, wenn sich ältere Menschen über die Doofheit der Jüngeren echauffieren und darauf beharren, es früher viel schwerer gehabt zu haben.
In dieser Vereinfachung trifft das auch sicher nicht zu.
Wer mit Klugtelefon, Wikipedia und Google aufwächst, lernt Rechtschreibung und Grundrechenarten natürlich anders, als jemand, der wie ich noch nicht mal einen Taschenrechner benutzen durfte.
Aber dafür stellen sich andere Probleme, die ich noch nicht kannte.
Wie navigiert man sich durch eine unendliche Flut nicht seriöser und nicht relevanter Informationen?

Außerdem ist Bildungspolitik offensichtlich Moden unterworfen.
Ich war beispielsweise eine sehr gender-gerechte Generation. Wir bildeten uns regelrecht etwas darauf ein, daß Jungs und Mädchen nun durcheinander gewürfelt waren, bei Klassenreisen in einem Zimmer schlafen durften, daß Jungs Jazzgymnastik und Mädchen Fußball belegten. Ca 20 Jahre später kam wieder die Geschlechtertrennung in Mode, nachdem man entdeckte, daß reine Mädchenklassen deutlich besser ins MINT-Fächern abschneiden.
20 Jahre vor meiner Zeit wurde in den Schulen sehr viel mehr auswendig gelernt. Heute 80-Jährige können oft immer noch Dutzende lange Balladen auswendig aufsagen.
Zu meiner Schulzeit hielt man das stumpfe Auswendigkernen für völlig überholt. Das fördere weder das Denken noch die Kreativität. Kinder wären doch keine Roboter.

Heute sieht man auch das unter dem Aspekt der Disziplin wieder anders, weiß mehr über kognitive Prozesse des Hirns.

Dafür ist eine Regelschlampigkeit eingetreten.
15 Punkte gibt es in Mathe schon, wenn man 80% der Aufgaben löst und nur knappe zehn Jahre nach meinem Abi bekam ein ehemaliger Nachhilfeschüler von mir eine „Eins Minus“ für seine Deutsch-Abiklausur und das Minus auch nur als Abzug für über 150 orthographische Fehler. „Aber die wissen ja, daß ich da nicht so gut bin“
Ich staunte nur wie in der kurzen Zeit so eine eiserne Regel wie „ohne perfekte Rechtschreibung ist die Note immer automatisch mangelhaft“ zu einem „sehr gut Minus“ in Deutsch werden konnte.

Möglicherweise ist der Niveaulimbo doch zu weit gegangen, wenn in der Berufsausbildung Chefs Privatlehrer engagieren müssen, um ihren Lehrlingen Grundlagen in Mathe und Deutsch beizubringen.
Wenn sogar schon Verkäufer Abitur haben sollen, weil der Realschulabschluss inzwischen wertlos ist.

Dissertationen gehen mit Magna Cum Laude durch, wenn Herr Guttenberg für alle offensichtlich seine Dr.-Arbeit bei Wikipedia zusammenkopiert hat?
Von der Leyen oder Schavan bekamen ihre Dr.-Titel, obwohl sie noch nicht mal wissen wie man ordentlich zitiert.

Ich kann das nicht verstehen und werde schon aus Protest zum Snob. Wenn ich mich durch die Kommentare bei Spiegel.de oder Zeit.de klicke, nehme ich die mit haarsträubender Rechtschreibung gar nicht mehr ernst.
Das ist meine kleine elitäre Rache als Angehöriger einer Spezies, der als Jugendlicher wenigstens einiges so massiv eingetrichtert wurde, daß es auch von einer Demenz nicht wegzuwischen ist.

Ich kann es nicht akzeptieren, daß Deutschland sich eine so verblödete Forschungsministerin leistet, daß die hiesigen Bildungsanstalten weiterhin kontinuierlich an Niveau verlieren.
10% der in Deutschland Lebenden Erwachsenen sind funktionale Analphabeten.
Sehr viele davon haben einen Schulabschluss. Ohne lesen und schreiben zu können. Und das Niveau sinkt weiter.

[…..]  Schüler dreier Ostländer sind die großen Verlierer
2012 gehörten sie noch zur Spitzengruppe - jetzt sind vor allem in Brandenburg die Schülerleistungen beim zweiten IQB-Bildungsvergleich dramatisch gesunken. Vor allem Mathe bereitet den Neuntklässlern Probleme.
Fast ein Viertel der Neuntklässler in Deutschland erreicht die Mindestanforderungen im Fach Mathematik nicht. Das geht aus dem IQB-Bildungstrend 2018 hervor, der am Freitag in Berlin vorgestellt wurde. Die Wissenschaftler am Institut für Qualitätsentwicklung (IQB) haben mit der Studie von der Förderschule bis zum Gymnasium die Kompetenzen der Neuntklässler in den Fächern Mathe und Naturwissenschaften erhoben. […..]  Die Ergebnisse unterscheiden sich zwischen den Bundesländern teils erheblich: […..]   In Biologie, Physik und Chemie muss Berlin als Schlusslicht herhalten, noch hinter Bremen und Hamburg. Den ersten Platz im Vergleich der Bundesländer sicherte sich hingegen Bayern, ganz knapp vor Sachsen. […..]  In Mathe ist der Trend zudem in Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein rückläufig. Auch hier haben sich die Neuntklässler im Vergleich zur ersten Studie von 2012 verschlechtert.
In den Naturwissenschaften haben neben Brandenburg insbesondere Sachsen-Anhalt und Thüringen Kompetenzen bei ihren Schülern eingebüßt. Die Zahl der Schüler, die den Regelstandard erreicht, ist deutlich gesunken. Abstriche müssen zudem Rheinland-Pfalz, das Saarland und Schleswig-Holstein verzeichnen. Sachsens Schüler haben sich zumindest in Biologie und Chemie etwas verschlechtert. Positive Entwicklungen gibt es hingegen kaum. […..] 

Heute braucht man keine Rechtschreibung mehr, weil es „Autocorrect“ gibt?
Was für eine Unverschämtheit gegenüber den Teens und Twens, die auch heute noch fehlerfrei schreiben können.

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Geben


Jeffree Star, einer der wichtigsten und reichsten Influencer der „american beauty community“ lebt im sonnigen Kalifornien ein Traumleben  in einer großen Villa auf einem Berg, einem halben Dutzend Luxussportwagen und wenn er zu einem seiner anderen Häuser aufbricht, nimmt er den Privatjet.
Er stammt aus ärmsten Verhältnissen, wurde extrem gemobbt und brachte es durch harte Arbeit mit Anfang 30 zum Multimillionär.

Solche Geschichten werden auch in den USA seltener, aber es gibt sie noch.
Anders als in anonymen Großkonzernen wie Apple, die hunderte Milliarden Dollar in Steueroasen parken, billig an Asien produzieren lassen (und deren legendärer Gründer Steve Jobs radikal geizig war und als einer der wenigen Tech-Milliardäre nie für wohltätige Zwecke spendete), geben Superreiche, die bittere Armut noch aus eigener Erfahrung kennen traditionell sehr viel ab.

Das korreliert nicht mit dem amerikanischen Christentum, denn Religiöse Menschen sind geiziger und mitleidloser als Atheisten.
Das Phänomen erklärt sich aus dem Überlegenheitsgefühl der Ideologie. „Wir sind besser als die!“, „we do things right!“ und Gott hat sich schon etwas dabei gedacht.

[….] Kinder aus religiösen Familien sind geiziger
Experimente zeigen, dass Kinder aus religiösen Familie weniger gern teilen als andere. Bei einem Spiel mit Stickern behielten sie mehr Aufkleber für sich. [….] Glaube fördert soziales Verhalten, könnte man meinen - geht es bei Religion doch häufig um Nächstenliebe, Selbstlosigkeit und Moral. Doch weit gefehlt. Statt durch besondere Großzügigkeit zeichnen sich Kinder aus religiösen Haushalten weltweit eher dadurch aus, dass sie weniger altruistisch sind als Gleichaltrige aus nicht religiösen Haushalten, berichten Forscher im Fachmagazin "Current Biology".
"Einige Studien aus der Vergangenheit haben bereits gezeigt, dass religiöse Menschen sich nicht besser verhalten als unreligiöse", sagt Jean Decety von der University of Chicago. "Unsere Studie geht darüber noch hinaus und legt nahe, dass religiöse Menschen sogar weniger großzügig sind - nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder." [….]

Wer sehr fromm ist, glaubt schon dadurch gut zu sein und führt sich daher weniger verpflichtet darüber hinaus Geld zu spenden.

Daß amerikanische Kirchen dennoch die Reichsten der Welt sind, lässt sich leicht erklären. Es ist der soziale Druck. Pfarrer veröffentlichen nämlich wer wie viel gespendet hat. Und wer stets weniger gibt als der Nachbar, gerät in den Verdacht ein schlechterer Christ zu sein. Außerdem herrscht extremer Konkurrenzkampf unter den Gemeinden. Baut ein Pfarrer neben der Kirche eine beheizte Luxusgarage für seine Schäfchen, will die Nachbargemeinde das überbieten und eine noch größere Garage mit Waschanlage.

Warren Buffett, Bill Gates, Mackenzie Bezos, Michael Bloomberg, Richard Branson, Ted Turner und andere Mega-Reiche, die sich dem „Giving Pledge“ verpflichten, tun das nicht aus religiösen Motiven, sondern wegen der puren Notwendigkeit.

[….] A commitment to philanthropy
The Giving Pledge is a commitment by the world's wealthiest individuals and families to dedicate the majority of their wealth to giving back. [….]

Wenn Jeffree Star eine neue Make-Up-Linie herausbringt, gibt er davon nicht wie ein frommer Deutscher pauschal 9% seiner Einkommensteuer an die Kirche oder stellt große Schecks an Spendensammler aus, sondern kennt aus seinem eigenen Leben noch die vielen Bereiche Amerikas, wo wirklich der Schuh drückt.
Während Donald Trump das Staatsdefizit um weitere zwei Trillionen Dollar aufbläht, damit die Multimilliardäre fast gar keine Steuern mehr bezahlen müssen und exponentiell reicher werden, herrscht in den USA gleichzeitig bittere Armut.
Es gibt Millionen Obdachlose, Millionen nicht Versicherte, Millionen, die sich ihre Medikamente nicht leisten können, Millionen Kinder, die hungern.
Es gibt amerikanische Rentner, die buchstäblich verdursten, wenn sie sich kein Leitungswasser mehr leisten können.

Aber es gibt auch viele Amerikaner, die das wissen und sehr konkret aktiv werden.

[….] Tausende Kalifornier haben wegen der Dürre keinen Wasserzugang mehr. Eine Rentnerin hat die Versorgung ihres Ortes deshalb selbst in die Hand genommen.
Sie schämte sich, sie wollte es nicht wahrhaben, und schon gar nicht wollte sie, dass die Nachbarn etwas von ihrer Not bemerkten. "Ich habe geglaubt", sagt Donna Johnson, 72, "dass in einem Land wie den USA immer Wasser vorhanden sein wird."
[….] Donna Johnson sitzt in ihrem halbverdorrten Garten, eine quirlige Frau mit kurzen grauen Haaren, sie trägt neonfarbene Turnschuhe, ein neonfarbenes Shirt und klimpernde Ohrringe in Neonfarben. "Da drüben hatte ich letztes Jahr erst Trauben gepflanzt", sagt sie und zeigt auf einen Haufen braunes Gestrüpp.
[….] Aber in letzter Zeit sorgt sie sich nicht nur um verlassene Tiere, sondern auch um ihre Nachbarn. "Was ist mit den Kranken, die Diabetes haben oder Herzprobleme? Was ist mit den Alten, den Schwangeren?", fragt sie. "Wenn wir das mit dem Wasser nicht bald in Ordnung bringen, wird noch etwas Schlimmes passieren."
[….][….] Dennoch war die erste Ladung schnell verteilt, und so kratzte sie 700 Dollar von ihrem Ersparten zusammen und kaufte noch mehr Wasser. Sie legte eine Liste mit den Namen der Leute an, die kein fließendes Wasser hatten. [….] Doch die Hilfe erreicht noch immer nicht alle. Deshalb belädt Donna Johnson auch an diesem Samstag im Juli wieder ihren schwarzen Truck mit Kartons voller Mineralwasserflaschen. "Mittlerweile erkennen die Leute meinen Truck, sie wissen, dass ich die Wasserfrau bin", sagt sie. Oder der Wasser-Engel, wie manche sie nennen. [….]

Jeffree Star gibt ein Teil seiner Einkünfte an Lehrer öffentlicher Schulen weiter, die sich die Unterrichtsmaterialien nicht leisten können.

GODS OWN COUNTRY ist moralisch so bankrott, daß die reichste und mächtigste Nation der Erde noch nicht mal öffentliche Schulen mit dem Notwendigsten ausstattet.

[….] Jeffree Star gets a gold star for his latest good deed. The YouTube beauty guru and makeup entrepreneur responded to a Texas teacher’s Twitter post about her need for school supplies, and he took action as soon as he learned of her predicament.
The young second grade teacher, Irma Morales, tweeted on Friday that this will be her second year of teaching at a Texas elementary school and that she had a wish list of supplies she needed in order to give her students the best environment for learning.
Morales’ nearly $800 wish list included a stapler, dry erase chalkboard, a slew of early reader books — including the popular Captain Underpants series — and a storytime rug, as well as a 100-pack of pencil erasers, a pencil sharpener, a stack of colorful stools, and that all-important Lysol spray to keep the classroom germs at bay.
Star saw the tweet and bought all of the school supplies for Morales, wiping her entire list clean, tweeting his thanks to her for caring about education. […..]

Star sah das Problem, spendete spontan für eine Lehrerin und wurde anschließend aktiv, um mit seiner Bekanntheit und seinen finanziellen Möglichkeiten noch viel mehr Lehrern zu helfen.

Natürlich gibt es auch in Deutschland Hilfsbereitschaft wie die Tafeln in fast alle Städten zeigen. Aber viele Deutsche erwarten (zu Recht) auch, daß sich „der Staat“ um die soziale Grundversorgung kümmert.
Anders in den USA; da wußte Jeffree Star, daß Bildungsministerin und Multimilliardärin Betsy de Vos garantiert nichts für die Nöte der Grundschullehrer an öffentlichen Schulen unternehmen wird.
Denen kann man nur selbst helfen.

🔥 I just donated $25,000.. please share & help: https://t.co/Yp4hTFZE2K
— Jeffree Star (@JeffreeStar) 4. August 2019

“Support a Teacher” wurde Dank Star zu einem Movement.


Zehn Prozent seiner Einkünfte der Artistry Palette gehen an Lehrer.

„Die Amerikaner“ sind also auch großzügig.
Allerdings haben sie bei ihrem schäbigen Sozialsystem auch kaum eine andere Wahl.
[…..]   Verstärkt Wohlstand die Bereitschaft, Bedürftigen zu helfen? Eine Studie der Charities Aid Foundation (CAF) hat das untersucht. Die Ergebnisse der Langzeitbefragung zeigen teils Überraschendes: Gerade in Ländern, in denen nach dem jüngsten Armutsbericht der Vereinten Nationen große Not herrscht, ist die Bereitschaft zu geben häufig besonders groß.
Dies wird in den Spitzenplatzierungen deutlich. Unerwartet belegt Myanmar Platz 2 des Rankings, obwohl das Bruttoinlandsprodukt des von Unruhen geplagten Landes noch unter dem von Staaten wie Kambodscha oder dem Sudan liegt.
Auf Platz 1 landet die USA. Nirgendwo sonst werden Spenden so gebraucht, um Dinge am Laufen zu halten, die anderswo der Staat übernimmt. Denn ob Oper oder Obdachlosenhilfe, Museum oder Universität: Alle bekommen nur wenig oder gar keine öffentliche Hilfe. [….]

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Wenn wir den Kampf gegen rechts ernst nehmen…


Grundsätzlich finde ich Mannschaftssportarten abartiger als Individualsport, da immer eine nationalistische Komponente hineinspielt.
Der Fan kann sich bei Dutzenden verschiedenen Mitspielern nicht nach Sympathie orientieren, sondern feuert entlang der Staatsbürgerschaft an.
Widerlich und unsportlich.
Fußball interessiert mich so wenig wie die meisten anderen Sportarten, ist mir aber unsympathischer als die meisten, da er das Mediengeschehen so sehr dominiert. Von internationalen Newssender, über soziale Medien und renommierte überregionale Zeitungen bis zum trashigen Lokalblatt  - keiner verzichtet darauf Fußballmeldungen an prominenter Stelle zu bringen.

Damit wird mustergültig die Unfähigkeit des Menschen zum Gutsein demonstriert.
Statt sich auf wesentliches wie den Welthunger, Kriege, Massenflucht, Trump, Brexit und Klimakatastrophe zu konzentrieren, verschwendet Homo Demens seine Ratio damit einem eher primitiven Ballspiel zu folgen.

(…..) Besonders ärgerlich ist es für mich als TV-Gebührenzahler auch noch mit dafür zu sorgen, daß hochkorrupte rechtslastige Krakenorganisationen wie die Fifa jedes Jahr Milliarden Euro einnehmen.
Ich will verdammt noch mal nicht solche Funktionäre wie Mayer-Vorfelder oder Blatter mitfinanzieren, nur weil ich einen Fernseher besitze.
Da Christoph Schwennicke im April 2013 Fußball so wunderbar charakterisiert hat, muß ich das in einzelnen nicht selbst formulieren, sondern schließe mich dem an und lese seine Suada noch einmal genüsslich…

 […] Ich finde Fußball doof. Nein, ich finde Fußball grässlich – und ungemein langweilig. Ein Reigen alter Männer steht am Rand und schreit herum, viele mehr oder weniger junge Männer rennen auf einer Wiese herum, erst alle nach links, dann Ballverlust, dann wieder nach rechts, Ballverlust, wieder nach links.
[…] Fußballgucken finde ich, ist Ödnis in Vollendung, die überflüssigste Sache der Welt. Dann doch lieber Minigolfspielen, oder Monopoly, und das ist schon ganz schön schlimm öde.
Wer meine, wie ich finde, einzig vertretbare Grundeinstellung zum Fußball hat, bekommt ganz viel Lebenszeit geschenkt. Ganze Wochenenden verplempern Fußballbegeisterte an diese ungemein primitive Sportart. Dekaden an sinnlos verbrachter Lebenszeit kommen da zusammen.
[…] Dieses Spiel ist unästhetisch und ordinär. Schon der Klang, wenn der Ball getreten wird, macht mich übellaunig. Es ist ein zutiefst ordinäres Geräusch, es klingt so ähnlich wie die Schläge von Bud Spencer in den alten Prügelfilmen mit Terence Hill. Die Spieler haben keine Manieren, tun sich absichtlich weh, sind nicht nur furchtbar verschwitzt, sondern oft auch noch sehr verdreckt und vom Regen pitschenass und rotzen dauernd auf die Wiese. Manchmal sogar ins Nackenhaar eines Gegners. Das ist so unappetitlich. […]

Und gerade wenn man denkt, das Schlimmste sei vorbei, weil Deutschland das WM-Finale unter dem Böllergeknalle ganz Deutschlands gewonnen hat, schaltet man den Fernseher ein und schon wieder spielen Argentinien und Deutschland gegeneinander. (…..)

Da ich Laie bin, kann ich nicht selbst beurteilen, wieso ausgerechnet Fußball weltweit so viel populärer als Wasserball oder Polo ist, oder warum ausgerechnet die USA aus diesem Welttrend ausscheiden und sich stattdessen auf Base- und Basket- und Football konzentrieren.
Es gibt allerdings den Spruch von den „82 Millionen Bundestrainern“, der offenbar suggerieren soll Fußball wäre so primitiv, daß auch der Dümmste ohne irgendeine Vorbildung mitreden und „mitfiebern“ könne.
Das erscheint mir einleuchtend; schließlich ist Fußball sehr viel langsamer als die meisten anderen Ballsportarten; gewissermaßen eine vereinfachte Zeitlupenversion von Eishockey oder Handball. Zudem ist die Zählweise radikal primitiv; wer bis drei zählen kann, ist schon mit dabei. Kein Vergleich zu der Zählweise beim Tennis oder Basketball.

Fußball zieht daher solche Massen an, daß er sakrosankt wird. Keiner kann sich erlauben sich als Fußballbanause oder Desinteressierter zu outen.
Es gibt Menschen, die sich kein bißchen dafür interessieren, aber dennoch vor Schichtbeginn am Montagmorgen die Bundesligageschehnisse studieren, weil sie wissen es wird unter den Arbeitskollegen wieder tagesfüllendes Thema sein.
Wer nicht ausgegrenzt werden will, sollte sich mit den Grundbegriffen und wichtigsten Ergebnissen wappnen.

Nur die Macht der Masse erlaubt es dem Fußball weiterhin gesellschaftspolitisch hundert Jahre zurück zu hängen.
Frauen spielen de facto keine Rolle, es gibt nach wie vor weltweit keinen einzigen geouteten schwulen Spitzenspieler, weil das Fußballer-Milieu dumpf-intolerant ist, es wird dem Rassismus gefrönt und in jedem Stadion sind die Fanblocks von Nazis und Hooligans durchsetzt.

Während man nach den Morden und dem Anschlag auf die Synagoge in Halle wieder einmal „entschlossene Maßnahmen gegen rechts“ fordert, wird aber ein rechtspopulistischer Sumpf im Umfeld des Fußballs weiterhin geduldet.

Da darf man Schwule hassen, Schwarze mit Affenlauten diskriminieren, sexistisch rumgrölen, sich prügeln und natürlich auch antisemitisch poltern.

Klar, ab und an wird mal ein einzelner Spieler ausgeschlossen, der sich wie Daniel Frahn, der Kapitän des Chemnitzer FC für die „NS-Boys“ begeistert, oder wie der St. Paulianer Cenk Sahin, der sich angesichts des Völkermordes in Nordsyrien für den Völkermörder Erdogan engagiert, aber das sind natürlich nur Bauernopfer.
Kleine Symptome, die man schnell abstellen kann, damit die Diskussionen darüber erstickt werden, wieso eigentlich der Fußball weltweit so anziehend für Untermenschenideologien ist.

Es gibt gerade mal einen ernsthaften Film – „Mario“ - über einen schwulen Profifußballer, der aber von seinem Verein gezwungen wird die Peinlichkeit zu verschleiern und schließlich mit einer engagierten Alibifreundin nach Hamburg zieht, um beim FC St. Pauli als echter Hetero anzuheuern.
Der Regisseur hatte selbstverständlich so gut wie keine Möglichkeiten zur Recherche in der Szene.

[…..] Szene: Auf mich wirkt er tatsächlich sehr authentisch. Wie haben Sie recherchiert? Haben Sie mit betroffenen Spielern gesprochen?
Marcel Gisler: Nein, da herrscht ja eine große Mauer des Schweigens. Man kann nicht mit aktiv spielenden schwulen Profifußballern sprechen, weil die sich aus mir inzwischen nachvollziehbaren Gründen ja nicht zu erkennen geben. […..] Bislang war das Feedback aus Fuß­ballkreisen sehr spärlich, obwohl der Film bereits in mehreren Ländern im Kino lief. In der Schweiz kamen einige Funktionäre zu den Premieren in den jeweiligen Städten, aber von Spielern, auch von heterosexuellen, habe ich überhaupt nichts gehört, auch nicht, ob da intern irgendwie darüber geredet wird. Nur aus Deutschland habe ich inzwischen von einigen Insidern gehört, dass der Film innerhalb der Fußballszene sehr wohl bemerkt wird, allerdings in manchen Fällen nicht unbe­dingt auf positive Resonanz stößt. [….]

Wo die Spieler und Funktionäre schweigen, können die Fans ihren Schwulenhass laut und überdeutlich ausleben.
In Frankreich wird es gelegentlich so rabiat, daß Spiele unterbrochen werden müssen.
Aber selbstverständlich stellt niemand den Fußball, die offensichtliche Wurzel des Übels in Frage.

[….] Fußball in Frankreich:Homophob - oder einfach bloß dumm?
Homophobie auf den Rängen wird zum Problem in Frankreichs Fußball.
[….] Die größte Aufregung gab es um die Partie OGC Nizza gegen Olympique Marseille. Die Heimfans sangen "Die Marseiller sind Schwuchteln", was sich auf Französisch auch noch reimt, sowie einiges mehr. Dazu rollten sie auf der Tribüne Banner mit homophoben Beschimpfungen aus. In der 28. Minute unterbrach der Schiedsrichter die Begegnung deshalb und schickte die Spieler in die Kabine. Zuvor hatte er über den Stadionsprecher zwei Vorwarnungen an die Fans von Nizza richten lassen. Zwölf Minuten dauerte es, bis die Banner verschwunden und die diskriminierenden Gesänge verstummt waren. Das Spiel konnte weitergehen. Das war Ende August, und es ist nicht die einzige Spielunterbrechung wegen schwulenfeindlicher Fans in Frankreich: In der noch jungen Saison wurden schon sieben Spiele der ersten und zweiten Liga ausgesetzt. Auch in der deutschen Bundesliga treten homophobe Einstellungen immer wieder offen zutage - etwa, wenn Dortmund-Fans beim Revierderby Schalker Anhänger auf Bannern als Schwuchteln beschimpfen. Große Debatten darum bleiben bisher aber meist aus. [….]  Antoine Griezmann - der allerdings in der spanischen Liga beim FC Barcelona spielt - möchte sogar von sich aus auf Abfälligkeiten gegen Schwule reagieren: "Homophobie ist keine Meinung, sondern ein Vergehen. Wenn sich einer auf dem Platz schwulenfeindlich äußert, werde ich künftig mit dem Spielen aufhören", versprach Griezmann im Mai dem Schwulenmagazin Têtu.
Le Graët und einige Fan-Vereinigungen dagegen sehen das alles nicht so streng. Der 77-jährige FFF-Chef fürchtet die Stigmatisierung seines Sports: "Zu sagen, dass Fußball homophob ist und das einzige Symbol für Homophobie in Frankreich sein könnte, das akzeptiere ich nicht", sagt Le Graët. [….] Zusätzliche Brisanz erhält die Sache durch eine persönliche Fehde: Vor ein paar Monaten hatte sich Le Graët über Sportministerin Maracineanu mokiert, weil sie sich entsetzt gezeigt hatte über schwulenfeindliche Gesänge im Stadion. Maracineanu, eine Ex-Schwimmweltmeisterin, sei so etwas aus Schwimmbädern eben nicht gewohnt, ätzte Le Graët damals. Jetzt kontert sie. Le Graëts Position sei schlicht "falsch" und zeuge von "mangelhafter Vorbereitung", so die Ministerin. Im Klartext: Le Graët sei nicht auf der Höhe der Zeit. [….]

Wenn sich wie im Fußball schon menschenverachtenden Einstellungen wie Homophobie und Nationalismus treffen, sind die anderen ultrarechten Grundübel auch nicht weit.

Vor wenigen Tagen erlebte die englische Nationalmannschaft, deren Fans als besonders gewalttätige Proleten weltweit gefürchtet sind, in Bulgarien wie sich purer Rassismus anfühlt.

[…..] Rassismus im EM-Qualifikationsspiel England gegen Bulgarien
[….] Der englische Fußballverband FA fordert nach rassistischen Vorfällen beim EM-Qualifikationsspiel gegen Bulgarien Konsequenzen. [….] Die Partie war in der ersten Halbzeit zweimal wegen rassistischer Äußerungen von bulgarischen Fans unterbrochen worden. [….] Chelsea-Angreifer Tammy Abraham hatte vor der Begegnung angekündigt, dass das Team den Rasen bei rassistischen Vorfällen verlassen werde. Das taten sie nun aber nicht. [….] In einem Video, das bei Twitter veröffentlicht wurde, sieht man, wie Southgate während des Spiels den Vierten Offiziellen auf die Affenlaute von den Tribünen gegen seinen Spieler Tyrone Mings hinweist. Und man erkennt Fans, die den Hitlergruß zeigen. [….] Bereits in den Spielen gegen den Kosovo und Tschechien waren die bulgarischen Zuschauer durch rassistischen Anfeindungen aufgefallen. Deswegen blieben gegen England Teile der Tribüne geschlossen. [….]

Rasender Menschenhass, Myriadenfacher Rassismus. Konsequenzen de facto keine. Es wird weiter Fußball gespielt.
Die Klammer, die aber alle Fußballfans zusammenhält ist der Antisemitismus, der allgegenwärtig ist.

[….]  Antisemitismus: "Jude ist die größte Beleidigung im Fußball"
Nur in Stadien ist es großen Gruppen möglich, antisemitisch zu brüllen. Der Forscher Florian Schubert hat viele Entschuldigungstaktiken gefunden. Und zögerliche Verbände.


[….] ZEIT ONLINE: Herr Schubert, Sie haben in Deutschland einen Fußballantisemitismus diagnostiziert. Was ist das?
Florian Schubert: Es gibt kaum jüdische Profis, keine jüdischen Vereine in den obersten Ligen, aber es kommt vor, dass hunderte oder gar mehr Fans zusammen "Judenverein" brüllen. Das geschieht sonst nirgends, noch nicht mal auf Neonazidemos. Das gibt es nur im Fußball.
ZEIT ONLINE: Haben Sie dafür eine Erklärung?
Schubert: Ich sehe mehrere: Die meisten Fans fühlen sich nicht angesprochen, dementsprechend werden antisemitische Rufe oft nicht verurteilt. Die umstehenden reagieren nicht. Das Phänomen bleibt bestehen. [….]  Erstaunlich finde ich, dass sich auch Fanszenen beteiligen, die ein rechtes Image von sich weisen. Ich glaube, das liegt daran, dass Antisemitismus die stärkste Ausdrucksform ist, um den Gegner zu erniedrigen. 2005 malten Cottbuser Fans beim Spiel gegen Dynamo Dresden ein Transparent, auf dem stand: "Juden", das "d" war dem Dynamo-Wappen nachempfunden. Es war die Reaktion der Cottbuser Fans auf das Hinspiel, bei dem die Dresdner die Cottbuser "Zigeuner" nannten. Die Cottbuser mussten in ihrer Fanlogik nachlegen und haben den Begriff gewählt, von dem sie denken, dass er noch abwertender ist. Das wurde mir in meinen Interviews immer wieder bestätigt: "Jude" ist die höchstmögliche Abwertung im Fußball. [….]

Statt die „Gamerszene zu beobachten“ sollte Bundeshorstminister Seehofer als Sofortmaßnahme nach den weltweit für Empörung sorgenden Taten von Halle, lieber ein generelles Fußball-Verbot aussprechen, um den Sumpf trocken zu legen.