Samstag, 7. März 2026

Iranische Zukunft

Nach einer Woche Iran-Krieg gibt es immer noch keinerlei Gewissheit, wohin sich die Sache entwickelt. Wird das Ayatollah-Regime stürzen? Wird Israel das Chaos im Nahen Osten nutzen, um weitere Gebiete unter seine Kontrolle zu bringen? Werden die ultrareichen antidemokratischen Golfmonarchien so empfindlich unter den Einbrüchen des Tourismus leiden, um Druck auf Washington auszuüben, den Beschuss einzustellen? Werden Israel und den USA tatsächlich viel eher die Abfang-Raketen ausgehen, als dem Iran die Angriffsraketen, weil Letztere viel einfacher und billiger zu produzieren sind? 

Wird der in Israel sehr populäre Angriff, dem vor zwei Jahren extrem unbeliebten Netanjahu, tatsächlich die Wiederwahl einbringen? Könnte sich die öffentliche Meinung gegen Bibi wenden, wenn die legendäre Luftabwehr versagt und es viel mehr zivile Todesopfer in Israel gibt? Bleiben die Analysten bei dem Narrativ, mit Teherans Streben nach der Atombombe, wurde das eigene Ende eingeläutet? Oder wird die Lehre nicht vielmehr, ganz im Gegenteil, lauten ‚wer keine Atomwaffen hat, geht unter‘ und somit für immer mehr Länder bedeuten, dem Beispiel Pakistans und Nordkoreas zu folgen? Atomwaffenprogramme massiv zu forcieren? 

Wird die Supermacht China, die viel mehr als die USA auf Öl- und Gas-Importe vom Golf angewiesen ist, weiter stillhalten? Oder werden sich Xi und Putin mehr und mehr auf die Seite Teherans schlagen, weil sie ihre geopolitischen Interessen schützen wollen?

Mündet die Aktion dann doch im dritten Weltkrieg?

Haben die (vage geschätzten) 70% der Iraner, die sich ein Ende ihres Regimes wünschen, nun die einzige Chance für Generationen, sich zu erheben, wie es der irre Kriegsherr Trump behauptet? Oder wird die Opposition durch den Bombenhagel gerade komplett lahmgelegt? Verliert Trump in absehbarer Zeit das Interesse an diesem Krieg; erklärt ihn, völlig unabhängig von der Faktenlage, zu einem enormen Sieg und überlässt den Nahen Osten dem Chaos? 

Wenden sich relevante Teile der MAGA-Bewegung gegen ihn, weil er sein „America first“-Versprechen so drastisch bricht und die Energiepreise explodieren? Oder sind die Republikaner, rechten Medien und Wirtschaftsbosse nach zehn Jahren Trumpismus so in ihrer Rolle als devote Sektenmitglieder gefangen, daß keinerlei Scham und Anstand empfinden können?

[….] Es sind nicht die neun goldenen Protzpokale auf dem Kaminsims im Weißen Haus, die in diesem Moment verstören. Oder der Goldkitsch, mit dem der US-Präsident scheinbar jede freie Stelle des berühmtesten Büros der Welt hat zupflastern lassen. Dort hängt nun so viel Gold an den Wänden, dass durch die Lichtreflexion der ganze Raum in einen matten goldenen Schimmer getaucht wird.

Der Hofstaat gibt sich unterwürfig. Es ist die devote Unterwürfigkeit von Trumps versammeltem Hofstaat, die Friedrich Merz und seine Delegation befremden. Das Stammeln des Finanzministers (»Sir, ich stimme Ihnen zu«), als der Präsident ihm eine Frage stellt. Der US-Handelsbeauftragte, der seinem Chef gegenüber eilfertig beteuert, er habe »alle Macht« gegen einzelne Länder Embargos zu verhängen. Was der mit Wohlwollen quittiert.

Oder die jungen, sichtbar schönheitschirurgisch optimierten blonden Frauen, die im Hintergrund an der Wand stehen und jedes Mal beflissen nicken, wenn der Präsident wieder eine seiner bizarren Erkenntnisse zum Besten gibt. [….] [….] Und dann erzählt Trump eine seiner ältesten Lügengeschichten: Sollen die Iraner doch die Sache selbst in die Hand nehmen, auf die Straße gehen und protestieren. »Aber noch nicht«, sagt Trump, »es fliegen eine ganze Menge Bomben rum.« Ach ja, die Iraner. In Los Angeles gehen sie auf die Straße. »Ich habe doch so viel Gutes für sie getan. Und dann habe ich gesehen, wie diese Frau ein Bild von mir geknuddelt hat. Und in New York gab es auch eine große Demo mit meinen Bildern überall. Die Leute sind so glücklich über das, was wir getan haben.«

Sein Hofstaat blickt den Präsidenten bewundernd an. Die blonden jungen Frauen, die im Hintergrund an der Wand stehen, nicken beflissen. So wie sie auch nicken, als Trump den Reportern nun eine seiner ältesten und bewährtesten Lügengeschichten zum x-ten Mal auftischt.

Es ist die schöne Story von »Barack Hussein Obama«, der angeblich die Sitze aus zwei Boeing 757 ausräumen ließ, um sie dann bis oben bepackt mit grünen Dollarnoten zu den Mullahs nach Teheran zu schicken. Nachdem er mit Iran ein Atomabkommen abgeschlossen hatte. »Ich wusste gar nicht, dass ein Präsident so eine Macht hat«, sagt Trump, »vielleicht versuche ich es auch mal.

Der Hofstaat und die amerikanischen Reporter sind den Irrsinn gewöhnt, den der Präsident täglich vom Stapel lässt. Sie zucken allenfalls mit den Achseln. So ist er eben, der Oberbefehlshaber der mächtigsten Streitmacht der Welt. [….]

(Konstantin von Hammerstein, 04.03.2026, aus DER SPIEGEL 11/2026) 

 


Wird Merz, Spahn und Reiche vielleicht doch noch ihr Verbrennermotor-, Gas/Ölheizungskurs um die Ohren fliegen, wenn die deutschen Wähler merken, wie abhängig sie von internationalen Erdöl/Gas-Preisen sind, während die Sonne konjunkturunabhängig kostenlos scheint und der Wind konjunkturunabhängig kostenlos weht? Wird der Urnenpöbel jemals begreifen, daß Öko-Strom eben nicht „nur“ umweltfreundlich ist, sondern auch höchst wirtschaftsfreundlich? Daß Erneuerbare Energie bereits jetzt ausreichend und billig zu Verfügung stünde, aber nicht entsprechend zum Zug kommt, weil Reiche den Energiekonzernen jährlich weiterhin 80 Milliarden Euro aus den Taschen der Verbraucher auf die Offshore-Konten leiten will und daher nach Kräften Speicherkapazitäten und Netzausbau blockiert?

[….] Die Wirtschaftsministerin zerstört systematisch die Energiewende und sucht die Zukunft in der Vergangenheit. Das ist verantwortungslos. Und der Kanzler sollte sich mal fragen, was die Töchter seiner Töchter dazu sagen.

Toll! Wegen des Iran-Kriegs explodieren die Öl- und Gaspreise. Und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat nichts Besseres zu tun, als mit einem prähistorischen Gebäudemodernisierungsgesetz die Abhängigkeit der Bundesrepublik von fossilen Energien zu betonieren. Gemeinsam mit Jens Spahn erklärte sie die Knechtschaft des Habeck’schen Heizungsterrors für beendet. Die Freiheit und Privatheit im Heizkeller ist nun wiederhergestellt. Herzlichen Glückwunsch! Unbegrenzt können neue Öl- und Gasheizungen eingebaut werden. Dumm nur, dass Trump pünktlich zur Präsentation des Gebäudemodernisierungsgesetzes beweist, dass Öl und Gas mit Freiheit und Modernisierung so viel zu tun haben wie das Verbrennen alter Reifen mit Technologieoffenheit. Kurze Erinnerung: Ökostrom muss durch keine Meerenge von Hormus.

Sogar Heizungsbauer reagieren sauer, dass Eon jetzt wieder Reiche-Beute macht. Mit dem Heizungsgesetz von Robert Habeck hatten sich die Menschen hierzulande gut arrangiert; die Wärmepumpe war ein Renner. Jetzt kommt alles anders. Und Mieter werden die neue Heizungsfreiheit noch verfluchen; dann, wenn die Beimischung von rarem Biogas den Preis für eine warme Wohnung von 2029 an endgültig in die Höhe treibt. Auch Reiches Vorstellungen von Biogasimporten aus der Ukraine sind eher Lachgasträume.

[….] Dass Deutschland bis 2045 klimaneutral sein muss und von 2030 an EU-Klimagesetze greifen, bremste Reiches Heizungshammer derweil nicht. Schon als sie im Vorstand von Westenergie saß, war sie dort als Gas-Kathi bekannt. Kein Wunder also, dass sie Wärmepumpen nicht mag. Im Sommer noch wollte sie zur Sicherung der Stromversorgung bei Dunkelflauten neue, wasserstofffähige Gaskraftwerke bauen lassen. 20 Gigawatt sündhaft teure Gaskraft sollten diese liefern. Die EU-Kommission genehmigte ihr nur etwa zehn Gigawatt – wie zuvor von Habeck beantragt. So bewahrten nur die EU-Regeln Reiche davor, zur Vollgas-Kathi zu werden. [….]

(Hans Well, 06.03.2026)

Ist es nicht etwas albern, wie jetzt Myriaden Trumpgegner und Kriegskritiker Sympathien für den Tod Ali Chameneis (geboren am 19. April 1939 in Maschhad; gestorben am 28. Februar 2026 in Teheran) bekunden, weil dieser ein besonders abscheulicher Massenmörder war, dem die Todesstrafe Recht geschähe?

War dieser Märtyrertod nicht vielleicht ganz in seinem Sinn?

Der Mann, der passenderweise einen Tag vor Hitler Geburtstag hat, war 86-Jährig bereits 37 Jahre oberster Führer. Ohne ihn persönlich gekannt zu haben, gehe ich davon aus, daß er intelligent genug war, zu wissen, daß er nicht ewig herrschen kann. Wir wissen inzwischen, wie weitreichend seine Ernennungsbefehle „bis ins vierte Glied“ für alle iranischen Führungspositionen gingen. Offenkundig dachte er also über sein eigenes Ende nach und war sich auch der Wahrscheinlichkeit bewußt, mit der andere mächtige Stützen des Regimes getötet werden könnten.

Ich bin mir sicher; Trumps Religiosität ist vorgeschoben, um die sich die Unterstützung der Rechten zu sichern. Genauso macht es Putin auch. Sie gehen jeweils ein Bündnis mit den mächtigen Kirchen ein, erfüllen den steinreichen Topklerikern einige Herzenswünsche (in der Regel das Sichern von Pfründen und allerlei menschenrechtswidriges Zeug, um deren Hass auf Minderheiten zu befriedigen) und werden im Gegenzug als weltliche Herrscher unterstützt. Putin frönt dabei durchaus einer imperialen, großrussischen Ideologie, bereichert aber auch sich und seine Sippe, will allmächtiger Zar auf Lebenszeit sein.

Trump hingegen verfolgt gar keine Ideologie, sondern frönt nur seinen persönlichen Gelüsten, die im wesentlichen seine Geldgier, seinem Sadismus und der Sucht permanent gelobt zu werden, sind.

Ich befürchte, bei Chamenei liegt der Fall aber etwas anders. Er ist der politische und religiöse Ziehsohn Ayatollah Ruhollah Chomeinis. Als Ayatollah war Chamenei mutmaßlich tatsächlich sehr religiös. Das schiitische Märtyrertum, das Prinzip der Taqiya, der heilige Iman Ali, der durch ein Attentat starb, waren Leitlinien für ihn.

Ein friedlicher Tod an Altersschwäche ist dem eigenen Ansehen eher hinderlich.

[…] Der Anschlag auf Khamenei ist eine tiefe Zäsur in der Geschichte des modernen Iran. Er hat einen Mann getroffen, der mit diesem Ende rechnen musste, ja es aus seiner Weltsicht am Ende wohl für unvermeidlich hielt.

[….] Als Khamenei starb, war er der älteste und längstgediente Autokrat des Nahen Ostens. Seit 1989 hat er als Khomeinis Nachfolger alle wichtigen Entscheidungen getroffen, die Iran in seine heutige Lage brachten: Er hat das Land global isoliert und seine Wirtschaft ruiniert. Er hat das von seinem Vorgänger geprägte Herrschaftssystem aufrecht erhalten und ging dabei über Leichen. [….]  Er hat einen der größten und wichtigsten Staaten des Nahen Ostens noch weiter ins Abseits manövriert, Minderheiten in seinem eigenen Land unterdrückt und die Gräben in der Region vertieft.

Nicht alle Menschen in Iran sehen das so, vermutlich selbst heute nicht. Unter den Frommen und in Teilen der schiitischen Geistlichkeit hatte er Rückhalt bis zuletzt. Denn aus diesem Milieu stammte er selbst. [….] Dass Khamenei zuletzt in weiten Teilen der Bevölkerung so verhasst war, hatte mit seiner kompromisslosen Auslegung der Scharia und seiner rigiden Gesellschaftspolitik zu tun. Kein Land außer China vollstreckt so viele Todesurteile wie Iran, selbst Jahrzehnte nach der blutigen Gründungsphase der Islamischen Republik. [….]

(Bernhard Zand, 01.03.2026, aus DER SPIEGEL 11/2026)