Vor vier Wochen verursachte ein Bayern-Kritisches Meme von Marius Sixtus, das ich auf Facebook repostet hatte, einen Shitstorm auf meiner Seite. Über 1.000 Hass-Kommentare konservativer Bayern erschienen darunter. Sie wünschten mir alles erdenkliche Schlechte und zeigten eine erstaunliche destruktive Kreativität.
Ich amüsierte mich natürlich prächtig, weil die weitgehend grenzdebilen Attacken unfreiwillig die Bayern-Pauschalkritik bestätigten und mir andererseits sehr viel online-Aufmerksamkeit verschafften, die mir die wütenden Südländer so gar nicht gönnen wollten. Wäre mein meta-Content monetarisiert, hätte sich das Posting richtig gelohnt. Üblicherweise erreiche ich die rechten Bubbles gar nicht; aber in diesem Fall muss mein Posting irgendwie in eine reichweitenstarken Braunblase geraten sein und dort tausende Menschen getriggert haben. Die meisten schimpften. Die zweitmeisten wiesen auf die enorme Wirtschaftskraft Bayerns hin und lästerten; ich im rotgrünen Norden hinge an ihrem Tropf und solle dankbar sein. Es war naiv von mir, inhaltlich darauf einzugehen. Zu belegen, daß lediglich zwei bis drei Prozent der Haushalte aus dem Länderfinanzausgleich stammten, daß Bayern zwar reich, aber das rotgrünversiffte Hamburg noch deutlich reicher ist und ein viel höheres Prokopfeinkommen aufweist.Eine dritte Kommentargruppe bewegte sich soweit außerhalb der Nettikette, ragte ins Strafbare hinein, so daß ich rund 100 von ihnen löschen musste.
Dennoch endete es für mich mit einer temporären Kontoeinschränkung und Identitätsüberprüfung. Offenkundig war ich massenhaft gemeldet worden.
Immer wieder erstaunt mich in solchen Fällen, wie sehr sich Bayern und insbesondere Ostdeutsche persönlich auf den Schlips getreten fühlen, wenn man ein pauschales Vorurteil aufgreift.
(….) Die Ossis mochte ich; so kommt es mir a posteriori vor, noch nie.
Natürlich wollte ich ihnen 1989 unbedingt positiv begegnen und hatte vollstes Verständnis für Ossi-Eigenarten. Denn die völlig entgegengesetzte Sozialisation von 1945 bis 1989 war offenkundig. Meine relativ schnell entstandenen Vorurteile, schob ich auf einige rein zufällig negative persönliche Begegnungen und versuchte, diese nicht zu verallgemeinern.
Lange Zeit schleppte ich nur
ein latentes Unbehagen mit mir herum, das ich ab Pegida 2014 auch verbalisierte.
Aber da traute ich mich noch nicht, es einfach mal klar auszusprechen: „Ich mag
die Ossis nicht!“
Aber wieso sollte man das eigentlich nicht sagen? Ein „Vorurteil“ ist ja eben
kein fundiertes Urteil.
Pauschalurteile kann man schließlich nie ganz ernst nehmen; das liegt in der
Natur einer „Pauschalisierung“. Ich mag auch die Bayern nicht. Die Amis
auch nicht. Und die Inder finde ich besonders doof. So eine reduzierte
Aussage über Millionen, Hunderte Millionen, oder im Fall der Inder, über 1,4
Milliarden Individuen zu fällen, impliziert automatisch, daß nicht jeder
einzelne gemeint sein kann.
Selbstverständlich gibt es ganz tolle Amis und Bayern.
Entsprechendes gilt für positive Diskriminierung. Ich mag Hamburger, Holländer und Iraner sehr gern. Dennoch gibt es unter den drei Volksgruppen natürlich miese Typen. (….)
(Die Apotheose des Ossi-Unsympathen, 09.08.2024)
Daß DIE Ossis und DIE Bayern irgendetwas überkompensieren, erscheint mir ob der enormen Bereitschaft, sofort beleidigt zu sein und der atemberaubenden Bayern-Prahlerei Söders nur zu offensichtlich. Schwer vorstellbar, daß im Understatement-verliebten Hamburg jemand zum Bürgermeister gewählt würde, der auch nur ansatzweise so obsessiv von Hamburg prahlt, wie Söder von Bayern.
Pauschalurteile sind immer falsch, ungerecht und perfide.
Es gehört zwar zum allgemeinen Sprachgebrauch zu pauschalisieren, indem man „die Schwaben“ als geizig oder „die Bayern“ als doof oder „die Amerikaner“ als ungebildete waffenfanatische Trumpisten bezeichnet. In geschriebener und offiziellerer Form sollte das nicht vorkommen, denn selbstverständlich sind weder alle Schwaben, noch alle Bayern oder alle Amis gleich. Bei Millionen Individuen ist ein breites Charakterspektrum so selbstverständlich, daß man von meiner US-amerikanischen Staatsbürgerschaft natürlich nicht darauf schließen kann, Trump-Fan zu sein.
Eine solche Unterstellung wäre bösartig und dumm. Nein, nur weil ich Amerikaner bin, verpflichtet es mich nicht extra dazu, mich von Trump zu distanzieren. Es ist sachlich angemessen, DIE Amerikaner dafür zu verachten, daß sie 2024 noch einmal Trump wählten, DIE Deutschen dafür zu verachten, daß sie Fritze Merz, nachdem er der AfD am Holocaustgedenktag 2025 die Hand reichte, zum Kanzler wählten, DIE Hamburger dafür zu verachten, daß sie mit 19,1% Roland Schill zum Zweiten Bürgermeister wählten. Deswegen fühle ich mich, als Amerikaner, als Deutscher und als Hamburger doch noch lange nicht persönlich beleidigt. Ich habe in keinem Fall so gewählt, aber kann doch die entsprechenden Mehrheit, die es in der Bevölkerung gab, nicht abstreiten.
(….) Das Spannende an negativen Stereotypen ist natürlich der wahre Kern in ihnen. Sie sind üblicherweise nicht total aus der Luft gegriffen und es lässt sich trefflich streiten wie viel tatsächlich zutrifft.
Psychologie spielt insofern eine Rolle, weil man Erlebnisse, welche die eigenen Vorurteile bestätigen viel bewußter und deutlicher in Erinnerung behält. (….)
Sich mit dem Wahrheitsgehalt, den Wurzeln und der Veränderlichkeit von Vorurteilen zu beschäftigen, ist durchaus interessant. Als ich vor sieben Jahren (sic!) das Folgende schrieb, ahnte ich natürlich nicht, es mit einem völlig in der Vergangenheit verhafteten Bundeskanzler zu tun zu bekommen, der Stereotype geradezu lebt.
(….) Die wirklich negativen Vorurteile aus der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – Militarismus, Humorlosigkeit – wurden von den Deutschen weitgehend verdrängt.
Die noch sehr viel übleren Stereotype, die ab 1933 und erst recht ab 1939 um die Welt gingen, verblassen ebenso.
Kurioserweise wurden dafür Vorurteile aus dem Ende des 18. Jahrhunderts wieder populär. Deutschland, das Volk der Dichter und Denker.
Die deutsche Rechte sucht sich die Stereotype der eigenen Vergangenheit sehr selektiv. Jeder fühlt sich verantwortlich für Beethoven, Schiller und Goethe, niemand für Hugenberg, Breker oder Harlan.
Weniger Fanatische denken weniger in bellizistischen Schablonen, sind sich aber sicher im Rest der Welt für Pünktlichkeit, Fleiß, Ordnungsliebe und Pazifismus bewundert und vielleicht auch ein bißchen auf den Arm genommen zu werden.
Als Griechenland in die Finanzkrise schlitterte war es die Bundeskanzlerin höchst selbst, die verkündete, es ginge nicht an am meisten Hilfe zu bekommen, aber am wenigstens zu arbeiten.
Angeblich soll sich sich anschließend bei ihren Beratern beklagt haben so schlecht gebrieft worden zu sein, als überall die europäischen Statistiken zitiert wurden, nach denen Griechen sehr viel mehr Stunden pro Jahr arbeiten als Deutsche.
Das ist typisch für Vorurteile; auch wenn sie auch einem wahren Kern beruhen, überdauernd sie Jahrzehnte. Deutschen halten sich selbst ganz selbstverständlich noch für die fleißigste Nation aller Europäer, obwohl sie längst mehr Urlaub als alle anderen haben, früher in Rente gehen und am wenigsten Wochenarbeitszeit haben.
Dabei ändern sich die Zeiten.
[…..] “You know the world is going crazy when the best rapper is a white guy, the best golfer is a black guy, the tallest guy in the NBA is Chinese, the Swiss hold the America's Cup, France is accusing the U.S. of arrogance, Germany doesn't want to go to war, and the three most powerful men in America are named "Bush", "Dick", and "Colin." Need I say more?” [….]
(Chris Rock)
So ganz langsam dämmert es den Deutschen, die sich zwei Dekaden als Mülltrennungs-Vorreiter für die umweltbewußteste Nation hielten und den Klimaschutz nur wegen der Bremser in China und den USA nicht weltweit durchsetzen konnten, daß inzwischen wir die Bremser sind, die alle Klimaziele reißen, Selbstverpflichtungen ignorieren, während in China längst Windkraft und Photovoltaik im gigantischen Maßstab aufgezogen werden. Alle nordeuropäischen Nationen bauen Offshore-Windkraftanlagen; nur Deutschland hat das Knowhow verloren, besitzt kein einziges Errichterschiff mehr, das ein Windrad in der Nordsee aufstellen könnte.
Die Deutschen halten sich immer noch für das Land der Ingenieurskunst, bilden sich etwas auf „made in Germany“ ein. Dabei ist das Deutschland im 14. Regierungsjahr Merkel nicht in der Lage ein Smartphone, Tablet oder Notebook zusammen zu schrauben, kann keine emissionsarmen Autos bauen und hat das langsamste Internet Europas. Nigeria und Rumänien haben bessere Mobilfunknetze.
Noch amüsieren wir uns über unser eigenes Totalversagen bei Großprojekten wie Toll Collect, Magnetschwebebahn, Schneller Brüter, BER, Stuttgart 21 oder Elphi.
Aber so langsam entwickeln sich in der Sicht auf Deutschland neue Vorurteile. Die Deutschen als Volk der Technik-Trottel, Elektronik-Esel und Mechanik-Muffel.
Vorurteile, die ähnlich wenig begeistern wie die von den Russen, die alle saufen, den Polen, die alle klauen oder den Italienern mit den Minipimmeln.
Alle Vorurteile sind ungerechte Verallgemeinerungen, aber man leidet doch lieber unter positiven Vorurteilen, wie den Japanern, die alle so höflich sind, den Franzosen, den weltbesten Liebhabern oder Kanadiern, die alle freundlich sind. (…)
Viele Amerikaner sind durchaus zu einem selbstironischen Humor fähig. MAGAs natürlich nicht. Interessanterweise sind alle Mitglieder der Trump-Familie völlig humorlos. Aber es ist durchaus wohltuend, wie Sarkastisch und selbstkritisch so viele Oppositionelle in den USA auf ihr eigenes Land, ihr politisches System, die Bildungseinrichtungen losgehen. Ich empfinde es auch als wohltuend, wie sehr sich die Hamburger Mentalität von der sprungbereiten Empörungs-Kultur der Bayern und Ossis unterscheidet.
Nun gibt es da aber diese Tiktoker, dessen Namen ich seit vorgestern kenne: Levi Penell (levihallo). (An dieser Stelle denke man sich bitte alle B00mer-Voruteile* über GenZ-Tiktoker selbstständig hinzu.)
* Interessant finde ich, wie negativ „Boomer“ konnotiert wird. Gern in der Schreibweise „B00mer“, mit der Doppel-Null, um an ein Klo zu erinnern. Mich amüsiert der triumphale Tonfall, mit dem ich als Boomer abgekanzelt werde.
Erstens ist das eine völlig willkürliche Kategorisierung, zweitens bin ich gar kein Boomer und drittens fühle ich mich ohnehin grundsätzlich nicht durch Pauschalurteile beleidigt. Das impliziert schließlich schon das Wort „pauschal“, daß man eben nicht den konkreten Einzelnen meint.
Deswegen schimpfe ich auch über „die Amerikaner“, oder „die Ossis“, oder „die Bayern“ oder „die Christen“, weil man damit ganz pauschale Eigenschaften bei einer Gruppe verorten kann, ohne jedes Individuum persönlich zu meinen.
Natürlich können einzelne Ossis oder Bayern ganz wunderbare Menschen sein.
Also nur zu, ich lade herzlich dazu ein, über Hamburger, Amerikaner, Boomer oder GenXer herzuziehen – daran ist sicher vieles richtig, aber ich fühle mich garantiert nicht persönlich beleidigt!
Jener Penell hatte im Januar etwas über Hamburg gepostet.
Die Mopo griff das in offenkundiger Clickbait-Absicht knappe zwei Monate später noch einmal auf und verhalf dem angeblich geschmähten Berliner zu erheblich mehr Aufmerksamkeit, weil er damit in die Sphäre alter weißer Hamburg-Männer gehoben wurde, die nicht wissen, was auf TikTok passiert.
Als jemand, der seine Stadt Hamburg sehr mag, sich als Lokalpatriot versteht und seine rotgrüne Stadt stets vor konservativen Angriffen in Schutz nimmt, habe ich Penell folgendes zu sagen: Er soll sagen, was er möchte. Ich verstehe natürlich die dahinter stehende Aufmerksamkeits-Ökonomie. Die Hamburger in Rage zu versetzen, verhilft ihm und der Mopo zu Klicks. Die Aussage an sich, halte ich streng genommen für relativ unproblematisch. Hamburg gilt allgemein als schön, weil es im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten sehr viel Grün und sehr viel Wasser bietet. Das sind aber letztlich persönliche Vorlieben, die man nicht mögen muss. Wenn ich als Hamburger „die schönste Stadt der Welt“ sage, greife ich damit ironisch einen alten Werbeslogan auf. Selbstverständlich kann man die Schönheit von Städten nicht objektiv vergleichen. Ich war auch schon in andere Städten, die ich sofort als „schönste Stadt“ bezeichnen würde. Penells Ausführung „Wenn man sich nicht nur die Speicherstadt, sondern die Wohngebiete anschaut, ist Hamburg nicht schöner als Berlin“ triggert natürlich die bekannte Hamburg-Berlin-Rivalität und es juckt mich sehr, für Hamburg Partei zu ergreifen. Aber natürlich ist Hamburg nicht überall schön. Natürlich gibt es trostlose, üble Siedlungen, aber auch viele Neubauten, für die man sich eher schämt, als mit ihnen prahlt. Auch wenn ich das einem Berliner gegenüber nie zugeben könnte. Aber etwas macht mich doch wütend:
[….] TikToker aus Berlin lästert über Hamburg
Ein gewagtes Statement, das bei den hanseatischen Lokalpatrioten gar nicht gut ankommt: „Der hat ab heute Hamburg-Verbot“, schreibt ein Nutzer. „Teeren und federn und aus der Stadt jagen“, kommentiert ein anderer. „Er ist wahrscheinlich nur traurig, weil er hier keine Wohnung bekommen hat“, wird gemutmaßt.
Neben diversen Medien verteidigen auch Hamburger Prominente ihre Stadt. „Fake News!“, schreibt der SPD-Abgeordnete Danial Ilkhanipour. Der Tierschutz-Influencer Malte Zierden kommentiert ironisch: „Mutig, Hamburg hässlich zu nennen. Wenn du das nächste Mal hier bist, bekommst du ’ne Ohrfeige … von GZUZ. Genau wie der Schwan.“ [….]
Von Ilkhanipour bin ich Unsinn gewöhnt, aber dennoch, liebe Penell-Kritiker: Solche Ausfälle will ich aus Hamburg nicht hören. Das ist genau der Mist, den ich eigentlich aus Bayern und Ossistan erwarte. Was für ein aggressives, erbärmliches Niveau des Widerspruchs! Man kann Penell ignorieren, man kann sachlich damit umgehen, man kann - das wäre meine Empfehlung – humorvoll, satirisch, ironisch damit umgehen.
Aber „Hamburg-Verbot“ oder „teeren und federn“ sind indiskutabel schlecht. Unhamburgisch!


