Montag, 9. März 2026

Streisand - Teil VI

Zu den Themen, die mich wenig interessieren und bei denen mein Wissen sehr überschaubar ist, gehört das Kino. Als Sozialphobiker gehe ich einerseits sowieso nie ins Kino und andererseits hege ich eine Abneigung gegen künstliche Spannung und insbesondere alles aus dem Hause Marvel. Was immer in den sozialen Medien zu irgendwelchen neuen Filmen erscheint, klicke ich gleich weg und die Algorithmen sind schlau genug das zu bemerken. Solche Inhalte werden mir kaum noch vorgeschlagen, wenn ich die Online-Welt betreten.

Wieso war dann aber vor ein paar Tagen Timothée Chalamet all over in meinen Feeds? Eigentlich kenne ich kaum Jungschauspieler, aber selbst ich weiß wer das ist, weil er a) ultraberühmt ist b) nach meinem Empfinden außergewöhnlich hübsch ist. Viel mehr weiß ich aber nicht über den Mann.

Wie sich herausstellte, wurde er mir von den Algorithmen vor die Nase gespült, weil er sich sehr abwertend über Ballett und Oper äußerte und ich einigen (Hoch-) Kultur-Accounts folge, die sich darüber empörten. „Shut up, Twink“ hieß es von einigen Ballettkompanien.

Der gute Mann hatte, unwissentlich oder nicht, den Streisand-Effekt ausgelöst.

Bisher galten Kirchenfürsten und Friedrich Merz als Könige des Streisand Effektes.

(….) Dabei zeigt sich Dummerle Merz wieder einmal unbelehrbar. Denn mit Hilfe des Streisand-Effekts schoss er sich schon mehrfach kräftig selbst in den Fuß; zum Beispiel bei Strack-Zimmermanns Flugzwerg-Rede.

(…..) Hinzu kommt auch noch seine Unkenntnis des Streisand-Effektes.

(….) Als Barbra Streisand unbeabsichtigt 2003 den nach ihr benannten Effekt inventete, war möglicherweise wirklich noch nicht jedem digital immigrant klar wie der Schwarm des Internets funktioniert.  Mrs. Streisand hatte damals die die Website Pictopia.com verklagt, weil diese zwischen 12.000 anderen Bildern auch ihr Haus veröffentlicht hatte.  Nicht jeder Mensch klickt täglich auf Pictopia und selbst von denen, die es tun, macht sich kaum einer die Mühe nachzuvollziehen, wer die Besitzer der einzelnen Häuser sind.   Nachdem Streisand aber eine 50-Millionen-Dollar-Klage darüber angestrengt hatte, machte der Fall Schlagzeilen, so daß das inkriminierte Bild rasend schnell im Netz verbreitete und nun wirklich jeder wußte in welchem Haus die Kult-Sängerin und demokratische Aktivistin wohnte.  Sie erreichte also das diametrale Gegenteil dessen, was sie wollte. Die Diva lernte daraus und tat es nie wieder. (….)

(Streisand extrem, 28.03.2019)

Wenn man als extrem Mächtiger NICHT möchte, daß eine Stichelei eines kleineren Players bekannt wird, ignoriert man sie. Wenn man hingegen als superreicher Papst und kirchliches Oberhaupt von 1,4 Milliarden Menschen, eine kleine Dreimann-Redaktion in Frankfurt verklagt, bekommen die Titanic-Schmähungen erst die unerwünschte weltweite Aufmerksamkeit. Mehr Eigentor geht nicht.

Durch seine weinerliche Empörung erreichte Merz, daß nicht an Büttenreden interessierte Deutsche wie ich (!) überhaupt erst auf Strack-Zimmermanns garstige Reime aufmerksam wurden. […]

Böse auf der Zwergen-Schar,

die toxisch' Männlichkeit gebar.

Ihr kennt die Zwerge, die ich meine,

mit ihrem Ego nahe der Beine.

Manche dieser Zwergen-Fritzen,

sehe ich in diesem Saale sitzen. […]

Von Bayern schnell ins Sauerland

zum Flug-Zwerg aus dem Mittelstand.

Den wollte zweimal keiner haben,

weil er nur schwerlich zu ertragen.

Noch so ein alter weißer Mann,

der glaubt, dass er es besser kann.  (…)

(Streisand – Teil -IV, 08.02.2023)

Der CDU-Chef, völlig erkenntnisresistent, rennt immer wieder gegen diese Wand. (….)

Aber Chalamet zeigt sich ebenfalls als versierter Streisander. In seinem Bemühen, Oper und Ballett, als irrelevante Künste, für die sich kein Mensch mehr interessiere, darzustellen, erfuhren die klassischen Bühnen weltweit eine Welle der Solidarität. Die wurden nun erst Recht zum Gegenstand des Interesses und haben überall ausverkaufte Häuser.

[….] Mit nur zwei Sätzen hat es Schauspieler Timothée Chalamet geschafft, Opernhäuser auf der ganzen Welt gegen sich aufzubringen. In einem Gespräch  mit Matthew McConaughey – wohlgemerkt ebenfalls Schauspieler – zog der 30-Jährige freimütig über Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereichen der Kulturbranche her.  »Ich möchte nicht beim Ballett oder an der Oper arbeiten«, lästerte Chalamet. Oder in Bereichen, »über die man sagt, ›Hey, erhaltet diese Sache am Leben‹, obwohl sich niemand mehr dafür interessiert«. Er habe zwar, so fügte Chalamet schnell an, großen Respekt »für alle Opern- und Ballettleute da draußen«. Witzelte dann aber weiter: »Ich habe gerade 14 Prozent meiner Zuschauer verloren.« [….] Die Metropolitan Opera in New York veröffentlichte einen Zusammenschnitt von Mitarbeitenden, die hinter den Kulissen an Produktionen des renommierten Hauses beteiligt sind. Menschen, die Kostüme nähen, Bühnenbilder bauen, Instrumente spielen, dirigieren. Am Ende sieht man ein begeistertes Publikum in einem ausverkauften Konzertsaal. Überschrieben ist das Video mit den Worten »Das hier ist für dich, Timothée Chalamet«.

Die Canadian Opera nahm Chalamets Aussage zum Anlass, eine Umfrage zu starten – und Menschen nach ihren Gedanken zur Oper zu befragen. Zu dem Clip schrieb der Account des Opernhauses: »Ich weiß es nicht, Timmy. Die Zukunft der Oper sieht für uns ziemlich gut aus.«

Ähnlich verfuhr die Staatsoper in Wien, die ebenfalls eine Umfrage vor der eigenen Haustür startete und in Chalamets Richtung hinterherschob: »Betrachte dies als deine persönliche Einladung nach Wien. Unsere Bühne erwartet dich.«  Die Los Angeles Opera veröffentlichte ein Foto einer aktuellen Produktion und schrieb dazu: »Tut uns leid, Timothée Chalamet. Wir würden Ihnen gern Freikarten für Akhnaten anbieten, aber die Veranstaltung ist fast ausverkauft. Es sind noch einige wenige Plätze verfügbar. Wenn Sie sich beeilen.« [….]

(SPON, 07.03.2026)

Eigentlich tappen liberale Künstler nicht so häufig in die Streisand-Falle. Es ist eine Domäne der rechtsextremen Kulturkämpfer wie Wolfram Weimer, der seit seiner Berufung zum Kultur-Staatsminister immer wieder so aggressiv seine Verachtung für Kultur demonstriert, daß er von der gesamten Künstlerszene gehasst wird. Damit fügt er sich immerhin gut ein in die Merzsche C-Mannschaft. Auch Wirtschaftsministerin Reiche wird von Wirtschaftsvertretern verachtet.

[….] Was geschieht in den Läden, die per Verfassungsschutz vom Buchhandlungspreis aussortiert wurden? Einblicke in die wundersame Logik des Kulturstaatsministers Weimer. [….] Bücher können Imperien zum Einstürzen bringen, womöglich sogar aktuelle politische Systeme an den Abgrund schubsen – das ist die These, die dem aktuellen Verdikt des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer zugrunde liegt, über drei linke Buchhandlungen in Göttingen, Bremen und Berlin gebe es „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“. Auf Deutsch gesagt: Dort würden Leute eine Chance sehen, das herrschende System auszuhebeln.

Das ist es, worauf sich der Verfassungsschutz stets konzentriert: nicht auf Straftaten, sondern auf politischen Aktivismus, der – angeblich! – darauf zielt, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beenden. [….]

Aber ein Buchladen? Also ein Unternehmen, das gar nicht selbst Inhalte formuliert, sondern „nur“ Bücher ins Regal stellt und über den Schalter hinüber an interessierte Menschen verkauft? Das soll eigenständig den politischen Status quo gefährden? Es ist eine interessante, bislang in den Berichten des Verfassungsschutzes noch nicht da gewesene Vorstellung. Ebenso wie es eine interessante neue Vorstellung ist, dass nach SZ-Recherchen – in Befolgung des sogenannten Haber-Verfahrens der Bundesregierung, von dem die Republik gerade erst erfahren hat – diese Buchhandlungen in „Nadis“ gesucht worden sind. Das ist das „Nachrichtendienstliche Informationssystem“, die geheime Datenbank der Inlandsspione. [….] Die Vorwürfe, die das Bundesamt für Verfassungsschutz so auf Anfrage Weimers zusammengetragen hat, bleiben dann zwar streng unter Verschluss, aber nicht so streng, dass Journalisten nicht auf Nachfrage doch einiges erzählt bekämen: Einem der drei Läden werde eine Rolle im „Kommunikationsnetzwerk der RAF“ nachgesagt, heißt es etwa.

Vor 30 Jahren, so muss man dazusagen; denn so lange ist die RAF schon aufgelöst. RAF-Kontakte vor 30 Jahren sind natürlich kein ausreichender Grund, jemanden heute noch als Extremisten einzustufen, sonst hätte Joschka Fischer 1998 nicht Außenminister werden können. [….] Bücher können die Welt verändern. Aber Menschen davor abzuschrecken, dass sie Bücher kaufen und verkaufen, weil sie womöglich in Geheimdienstdateien landen könnten – das kann das Land noch viel rascher und zum Üblen verändern.  [….]

(Ronen Steinke, 08.03.2026)

Ja, die drei von Weimer verachteten Buchläden haben nun keine Chance mehr auf das Preisgeld.

[…] Öffentlich ist nicht bekannt, was gegen die drei Läden in Berlin, Bremen und Göttingen vorliegt. Die Betroffenen wollen vor Gericht ziehen. Der Deutsche Buchhandlungspreis für etwa 100 besonders engagierte kleine Buchläden ist mit Preisgeldern von 7.000 bis 25.000 Euro dotiert.

„Wehret den Anfängen – ansonsten werden wir im Handumdrehen ‚amerikanische‘ Zustände haben“, sagte PEN Deutschland-Präsident Matthias Politycki. „Die jeweils regierende Partei kuratiert das kulturelle Angebot, sei's in zeitlicher Abfolge, indem sie die Entscheidungen der Vorgängerregierung revidiert, sei's in räumlicher Hinsicht, indem das kulturelle Angebot von Bundesland zu Bundesland völlig anders bemessen wird.“ Die Meinungsfreiheit umfasse auch die Freiheit der Buchhändler.  [….]

(dpa, 08.03.2026)

Aber auch Dummerle Weimer löste hiermit den Streisand-Effekt aus und belohnt eben jene drei Buchhandlungen, denen er finanziell schaden wollte, mit enormen Umsätzen, die mutmaßlich segensreicher sind, als das Preisgeld es gewesen wäre.

[….]  Danke, Weimer! [….] Eine ältere Frau betritt den Golden Shop. „Ich wollte mal gucken, wie so ein linksextremer Buchladen aussieht“ sagt sie. Sie ist die erste Kundin an diesem Donnerstagvormittag; seit zwei Tagen ist klar, dass der kleine Golden Shop in Bremen den Kulturstaatsminister in Berlin beschäftigt: Am Dienstag hatte die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass Wolfram Weimer drei der ursprünglich 118 ausgezeichneten Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreises ausgeschlossen hat – weil es „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ gegen sie geben soll.

Der Golden Shop ist eine dieser drei Buchhandlungen. Ein 24 Quadratmeter kleiner Raum, Holzdielen, vollgestapelte Büchertische. Wer die knarzende Treppe hochgeht, kommt in einen weiteren, genauso kleinen Raum mit Platten, Graphic Novels, Zines, aber so weit kommt die ältere Kundin heute gar nicht. Sie wird schon unten fündig, kauft ein Buch von Marc-Uwe Kling und geht wieder.

Ausma Zvidrina, die Inhaberin des Golden Shop, telefoniert. Das Telefon hört seit gestern gar nicht mehr auf zu klingeln. Um sie herum türmen sich ungeöffnete Pakete, neben einem Stapel Notizzettel stehen Blumen. Die Zettel sind von Menschen, die irgendwas von ihr wollen, Zvidrina musste sie vertrösten. Die Blumen sind von einem Kunden.

Zvidrina hat heute auch schon Kuchen bekommen und 700 neue Follower*innen auf Instagram. Verlage haben angeboten, ihr Bücher umsonst zu schicken, mehrere Autor*innen haben solidarische Lesungen angekündigt. Sie hat eine Spendendose aufgestellt, für die Anwaltskosten: Die drei linken Buchläden, der Golden Shop, die Rote Straße (Göttingen) und Zur schwankenden Weltkugel (Berlin) wollen gegen die Entscheidung aus dem Kulturministerium klagen.

In dem kleinen Laden drängen sich mittlerweile zwölf Menschen. Zvidrinas einziger Kollege ist krank. „Wir sind nur zu zweit. Immerhin können sie uns keine kriminelle Vereinigung anhängen.“ Ein junger Mann kommt mit einem Bildband in der Hand: „Das kauf ich nur aus Trotz.“ „Das ist ein gutes Buch“, sagt Zvidrina, „das darfst du auch einfach so kaufen.“ [….] Zvidrina freut sich sehr über die Solidarität: „Wie scheiße wäre es, wenn wir jetzt alleine wären“. Aber: „Scheiß auf die 7.000 Euro. Wir waren noch nie von Staatsknete abhängig. Es geht hier doch um etwas viel Größeres! Um Kunst-, um Kulturfreiheit!“ Es ist kurz nach Feierabend, zwei ehemalige Kol­le­g*in­nen bringen ihr alkoholfreies Bier vorbei, Zvidrina fällt auf, dass sie heute noch nichts getrunken hat. Sie schließt die Kasse, guckt auf den Tagesumsatz: „Weihnachtsgeschäft“. [….]

(Amanda Böhm, 08.03.2026)