Freitag, 12. Juli 2019

Viralität


Echter investigativer Journalismus stirbt langsam aus, weil die seriösen Zeitungen alle sparen. Die klickenden Konsumenten haben eine zu kurze Aufmerksamkeitsspanne und wollen auch kein Geld ausgeben.
Gab es früher in großen Redaktionen auch Dokumentare, die alle verbreiteten Fakten überprüfen, findet man die inzwischen kaum noch, außer beim SPIEGEL und der SZ.
Vor einigen Jahren löste der Springer-Verlag seine gesamte Dokumentation auf, entließ weit über 100 Rechercheure in Hamburg.
Googeln tut es doch auch und kostet nichts.
Investigativer Journalismus ist das natürlich nicht mehr.
Ein investigativer Journalist übernimmt nie irgendwelche Daten aus Dritt-Quellen, sondern spricht mit allen Betroffenen persönlich.
Das ist aufwändig, dauert lange und kostet eine Menge Reisespesen.
Aber nur so können gute Medien ihre Gatekeeper-Funktion erfüllen.

Blogger sind keine Journalisten. Blogs sind im besten Fall eine feuilletonistische Betrachtung des Geschehens oder schlicht eine Plattform, um seine eigene Meinung zu verbreiten.
Blogger bedienen sich dabei allen erdenklichen Quellen, die sie hoffentlich immer kenntlich machen und deren Relevanz sie einschätzen können.

Der Schreiber dieser Zeilen berichtet nicht objektiv, sondern versucht seine persönliche Meinung zu begründen. Dabei verwendet er die Informationen „richtiger Journalisten“, die er für seriös hält.
BILD, Focus oder RTL gehören selbstverständlich nicht dazu und tauchen daher auch nie in Verlinkungen auf.

Es fließen persönliche Erlebnisse und Erfahrungen ein, aber völlig neue Erkenntnisse sind auf nicht-investigative Art nicht zugänglich.
Blogger, die zu Hause am Schreibtisch sitzen, können große Mengen Informationen zusammentragen, aber nicht eigenständig große Skandale aufdecken.

Rätselhaft bleibt, wie genau sich öffentlich zugängliche Informationen verbreiten.
Weshalb werden offen zu Tage liegende Fakten über Jahrzehnte zwar regelmäßig von Journalisten beschrieben finden aber keinerlei Wiederhall bei den Lesern/Zusehern?
Obschon ich keinen religiösen familiären Hintergrund habe, wußte ich schon als Teenager genau, daß es ein Karfreitags-Tanzverbot gibt, daß Bischöfe vom Staat und nicht etwa aus der Kirchensteuer bezahlt werden.
Wann immer ich das in den nächsten Dekaden erzählte, stieß ich aber auf großes Staunen.

Viralität bezeichnet die schnelle Informationsweitergabe von Mensch zu Mensch. Eine kommunikative Botschaft wird in einem Sozialen Netzwerk von User zu User weitergetragen. Besonders soziale Netzwerke wie Facebook verfügt über ein hohes Maß an Vernetzung und Viralität, da hier eine Botschaft in kurzer Zeit eine große Reichweite entwickeln kann. Durch den Share Button wird diese Weitergabe zusätzlich vereinfacht. [….]

Es gibt auch klassische wiederkehrende Informationen, die jährlich, oder alle paar Jahre für Empörung und Verblüffung sorgen.

Der Bundespräsident wird von der Bundesversammlung gewählt.
Pfingsten wird gefeiert, weil an dem Tag der Heilige Geist ausgegossen wurde.
Bei Bundestagswahlen wählt man eine Partei und damit die Zusammensetzung des Bundestags, aber natürlich nicht den Bundeskanzler.
Der Bundeskanzler ist hierarchisch nur die fünft-mächtigste Person in Deutschland.

Außerdem gibt es durchaus wichtige Informationen, die nach meinem Eindruck sogar fast vollständig außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung passieren, obwohl sie selbstverständlich mit drei Klicks für jeden zugänglich sind.

Wie kommt man in den Rundfunkrat und wer sitzt da eigentlich? Wer bestimmt das TV-Programm und die politische Ausrichtung eines öffentlichen Senders?
Wer wählt die Bundesrichter aus? Wie entscheidet sich wer Vorsitzender einer der Kammern des Bundesverfassungsgerichts wird?

Darüber hinaus gibt es bekannte Irrglauben, die sich erstaunlich hartnäckig halten, obwohl die Realität gar nicht verheimlicht wird.

Nicht der Bundesgesundheitsminister oder das Parlament bestimmen wesentliche Teile der Gesundheitspolitik, sondern der allmächtige Gemeinsame Bundesausschuss GBA.

Solange ich zurückdenken kann, weiß ich, daß katholische Priester massenhaft Kinder quälen und vergewaltigen.
Schon Ende der 1960er Jahre wurde publik in welch massenhaften Ausmaß Kinder und Jugendliche in christlichen Heimen brutal ausgenutzt, gefoltert und entrechtet wurden.
Das gehörte bekanntlich zur journalistischen Arbeit der Konkret-Redakteurin Ulrike Meinhof.
Seit es diesen Blog gibt (ab Juni 2007) schreibe ich regelmäßig über solche Vorgänge. Nicht, weil ich das exklusiv selbst recherchiert hätte, sondern weil das durchaus auch in den „normalen Medien“ (Panorama, Monitor, Spiegel) berichtet wurde.
Aber 2010 kam das Canisius-Outing und urplötzlich sprach man darüber. Bischof Laun erklärte damals in einer Talkshow, man habe innerhalb der RKK nichts dagegen unternehmen können, da diese Ungeheuerlichkeiten ja erst jetzt (2010) bekannt wurden.
Da staunte ich nicht schlecht.
Ich als atheistischer Laie, der keinen Fuß in die Kirche setzt und nie Messdiener war, lese seit Jahrzehnten diese Pädo-Stories in der Süddeutschen und im Spiegel, aber ein Bischof, der mitten drin sitzt und exklusiven Zugang zu allen geheimen Informationen bekommt, hat davon nie etwas bemerkt?

[…..]Wir erinnern uns alle mir Schrecken daran wie in den Jahren 2010/2011 über 90% der Nation, bis weit in den linken Bereich dem Charme des Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Buhl-Freiherr von und zu Guttenberg verfielen, ihn für einen Messias hielten, obwohl er von Anfang an ein Blender und Betrüger war. Interessanterweise wurden KTGs dreiste Lügen schon 2009 aufgedeckt und beispielsweise von PANORAMA (und auch in diesem bescheidenen Blog) veröffentlicht.
Aber Fakten sind irrelevant in einem verführbaren Volk wie dem Deutschen. […..]

Neuestes Beispiel für eine völlig verzögerte Wahrnehmung der Masse ist die Homöopathie.
Seit 200 Jahren gibt es nicht den geringsten Nachweis einer Wirkung.
Das ist von vorn bis hinten Humbug.
Homöopathie ist weder pflanzlich noch ein Naturheilverfahren.
Und als Chemiker freut es mich immer mal wieder drauf hinzuweisen, daß sowohl pflanzliche, wie Homöopathika, Naturheilmittel als auch natürlich klassische schulmedizinische Medikamente allesamt CHEMIE sind.
Es gibt nichts Nicht-Chemisches.
Die Besonderheit an Globuli und HÖ-Tropfen ist bloß, daß das verkaufte Wasser oder die gestampfte Lactose keinerlei therapeutisch wirksamen Inhaltsstoff enthalten. Es ist reine Fake-Medizin, kompletter Unsinn, Abzocke.

Seit Jahrzehnten regt es alle Eingeweihten auf, wieso dieser Schwachsinn von den Krankenkassen und somit der Allgemeinheit finanziert wird – nur damit sich ein paar Scharlatane die Taschen füllen können.
Zwecklos. Landesministerinnen in NRW und ostdeutsche Ministerpräsidentinnen treten öffentlich für diese ganz große Verarschung ein.

Aber ich habe den Eindruck, das Thema promoviert gerade von der öffentlich bekannten auf die tatsächlich öffentlich wahrgenommene Ebene.
Der Ausstieg Frankreichs aus der HÖ-Bezahlung ist die Initialzündung, aber diesmal ergreift es auch weite Teile der Presse. Viele Parteien (außer der Linken!) schließen sich den Forderungen an, endlich die HÖ-Verrückten ihr sinnloses Hobby selbst bezahlen zu lassen.

[….] Es geht nicht darum, Homöopathie zu verbieten oder den Verkauf von homöopathischen Arzneimitteln zu stoppen. Jeder, dem diese Therapieformen wichtig sind und bei dem sie helfen, soll sie weiterhin anwenden können. Keine Frage.
[….] Es geht um die Frage, was gesetzliche Krankenkassen ihren Mitgliedern bezahlen sollen und müssen. Homöopathie gehört nicht dazu.
[….] Wer kurzsichtig ist, muss seine Brille zu großen Teilen selbst bezahlen. Wer kranke Zähne hat, muss oft viel eigenes Geld auf den Tisch legen, damit er wieder kauen kann. Mit anderen Worten: Für einige wirklich wichtige Funktionen des menschlichen Körpers – Sehen und Essen – geben die Krankenkassen viel weniger Geld aus, als sie sollten.
Für jede Pillenpackung ist eine Zuzahlung fällig. Ärzten wird das Honorar gekürzt, wenn sie zu viele Patienten behandeln oder zu viel Arznei verschreiben. Pflegekräften wird kein höheres Gehalt gezahlt. Aber für Zuckerkügelchen – die berühmten Globuli – und für maximal verdünnte Flüssigkeiten ist genügend Geld da? Ernsthaft? [….]  Der TV-Satiriker Jan Böhmermann hat die Homöopathie neulich aufs Korn genommen. Er hat den Inhalt von zwei Flaschen Globuli in einer Schale zusammengeschüttet und dann gesagt, niemand könne jetzt mehr nachweisen, welches Zuckerkügelchen aus welcher Flasche kam. Plastischer kann man die Homöopathie nicht entlarven. [….]


[….] Zwei von drei gesetzlichen Kassen in Deutschland zahlen ihren Versicherten nicht nur moderne Medizin, sondern auch Zuckerkügelchen ohne Wirkungsnachweis und Behandlungsmethoden aus vorwissenschaftlicher Zeit. Dass die geheimnisvollen, unbedingt mit Plastik- oder Porzellanlöffelchen zu verrührenden Globuli und Tröpfchen tatsächlich über den Placebo-Effekt hinaus wirken, hat noch keiner der für diesen Ausgabeposten Verantwortlichen behauptet. [….]


 [….] In Frankreich erstatten die Krankenkassen ab 2021 die Kosten für Homöopathie nicht mehr. In Großbritannien ist es schon heute so. Ein solcher Schritt ist auch im deutschen Gesundheitssystem überfällig. Sogar die Kassenärztliche Bundesvereinigung will es inzwischen nicht mehr verstehen, warum eine teure, gen Erdmittelpunkt geschüttelte Zuckerlösung weiter von der Solidargemeinschaft gezahlt werden soll.
[….] Es kann nicht sein, dass Kassenpatienten über ihre Beiträge gezwungen sind, für Arzneimittel zu zahlen, deren Wirksamkeit nicht nachgewiesen ist. [….] Das Geld der Versicherten, das in die Homöopathie fließt wäre anderswo sinnvoller angelegt: beispielsweise im Kampf gegen Krankenhaus-Keime oder in der Antibiotika-Forschung. [….]