Mittwoch, 6. März 2013

Schäuble lässt das Lügen nicht.



Um noch einmal auf meinen gestrigen Ausflug ins Trash-TV zurück zu kommen:
Man kann mir wirklich nicht vorwerfen übermäßig viel Unterschichten-Fernsehen zu gucken, aber ein Verhaltensmuster ist mir zum Beispiel beim Dschungelcamp aufgefallen, das ich wirklich hasse wie die Pest.
Junge Hühner, die ungeniert ihre Mit-Idioten beleidigen, indem sie sich über Frisur, Figur oder Montur auslassen und anschließend arrogant-vorwurfsvoll behaupten „wieso? Ich bin nur ehrlich!“
Diese radikale Ehrlichkeit ist eine Pest und nichts anderes als ungezogen.
Es gibt keinen Grund im Alltag eine übertriebene Ehrlichkeit zu praktizieren. 
Das ist nur verletzend. Die Höflichkeit gebietet es geradezu die schnöde Realität etwas auszuschmücken und zu Recht zu biegen.

In der Politik gelten etwas andere Maßstäbe. 
Ein Minister sollte im Interview nicht flunkern und Dinge erfinden, die ihn sympathischer erscheinen lassen.
Andererseits ist es auch absurd von der politischen Klasse radikale Ehrlichkeit zu verlangen. Insbesondere auf diplomatischen Parkett ist das oft gar nicht möglich, ohne schlimme Konsequenzen zu provozieren.
Egon Bahr lieferte, wie so oft, eine einfache aber treffende Definition für die Anforderungen an einen Politiker:

„Man muß nicht immer alles sagen, was wahr ist. Aber alles was man sagt, muß wahr sein.“

Natürlich kann es schlimme Folgen haben, wenn ein Regierungsmitglied alle seine Informationen, Szenarien und Befürchtungen ungefiltert auf den Tisch legt.
Auf einem ganz anderen Blatt stehen aber die Methoden der Merkel-Minister, die schamlos echte Lügen verbreiten.
 So wie Merkel selbst, die grob wahrheitswidrig behauptete die Griechen hätten mehr Urlaub und arbeiteten weniger als Deutsche, oder daß die ARGEn Strom und Heizung für HartzIV’ler bezahlten.
Innenminister Friedrich wurde genauso beim Lügen ertappt, wie sein Vorgänger Wolfgang Schäuble, der sogar besonders dreist am Rednerpult auf die direkte Frage des Abgeordneten Ströbele („Haben Sie auch mal einen Geldkoffer angenommen“) log.

Ursula von Leyen ist sogar eine gewohnheitsmäßige Lügnerin und überrascht eher, wenn sie mal die Wahrheit sagt.
Daß sie heute einen gefälschten Armutsbericht vorstellte, war ohnehin erwartet worden.
Der Bericht zeigt: Die Koalition möchte die gesellschaftlichen Realitäten nicht wahrhaben, sie verschleiert und verdreht, was nicht wegzureden ist - die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft. Vor allem die FDP lügt sich und der Bevölkerung in die Tasche, wenn sie selektiv Zahlen des Berichtes herausgreift. Die Bundesregierung feiert den Rückgang der Arbeitslosenzahlen und ignoriert das Auseinanderdriften der Gehälter. Röslers Innovations- und Chancenrhetorik geht an der Lebenswirklichkeit vieler Menschen vorbei.
(PM 0190-13 der Grünen Bundestagsfraktion, 06.03.13)
Ich mach' mir die Welt, wie sie mir gefällt

[…] Gewiss, Deutschland geht es im Vergleich zu anderen Industrienationen sehr gut. Noch nie hatten so viele Menschen Arbeit. Der Niedriglohnsektor ist zuletzt nicht mehr gewachsen. Für Leiharbeiter gibt es in einigen Branchen Zuschläge.

Solche Erfolge können sich in einem Regierungsbericht widerspiegeln. Das darf aber nicht dazu führen, Wähler für dumm zu verkaufen. Es bleibt eine peinliche Schönfärberei, wenn an den Aussagen über die weniger schönen Seiten des Landes so lange herumgefeilt wird, bis die Lage harmloser dargestellt wird, als sie ist.
Sein Talent für große Lügen hat aber auch der Finanzminister nicht verloren. 
Beispiel TAG-Konzern.
Es war der größte Immobiliendeal der schwarz-gelben Bundesregierung. Mehr als 11.000 Wohnungen wurden verkauft. Zehntausende Mieter sind betroffen. Käufer: die börsennotierte TAG Immobilien AG, ein börsennotiertes Unternehmen. Für Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ein gutes Geschäft, das eine halbe Milliarde Euro einbringt. Zugleich soll der Deal sozial abgesichert sein: Eine Sozialcharta wurde zur Auflage für den Verkauf gemacht. Diese Zusatzvereinbarung soll die Mieter vor sozialen Härten schützen.
Während Minister und Staatssekretär in die Kamera lügen, daß mit einer (allerdings geheimen) Sozialcharta die Mieter vor sozialen Härten geschützt wären, ist das Gegenteil wahr:
Schäubles Staatssekretär spart […] nicht mit Eigenlob.

O-Ton, Steffen Kampeter, CDU, Parlamentarischer Staatssekretär Bundesfinanzministerium (30.11.2012):

»Wir haben zum einen für den Bundeshaushalt einen auskömmlichen Ertrag erzielt, und wir haben zum anderen für die Mieterinnen und Mieter mit der Sozialcharta eine lebendige soziale Marktwirtschaft bei dieser Privatisierung aufleben lassen.«

Hat Schäuble die Mieter beim Immobiliendeal wirklich geschützt? Was genau steht drin in der Sozialcharta? Die will das Finanzministerium im Wortlaut lieber nicht herausgeben. Vertragsgeheimnis, heißt es.

Wir haben die Sozialcharta trotzdem. REPORT MAINZ liegt das zweiseitige Papier vor. Die Mietrechtsexperten des Deutschen Mieterbundes haben es exklusiv für uns analysiert.

O-Ton, Lukas Siebenkotten, Direktor Deutscher Mieterbund:

»Die Sozialcharta ist das Papier, auf dem sie steht, nicht wert, weil sie wesentliche Fragen, nämlich die der Mieterhöhung, nicht regelt. Und die Fragen, die sie regelt, ohnehin durch das Gesetz schon festgelegt sind. Oder aber Formerfordernisse nicht eingehalten werden, nämlich die schriftliche Vereinbarung zwischen den Mietparteien nicht vorliegt.«

Das heißt also: Was die Sozialcharta regelt, ist nicht einklagbar, weil die Unterschriften von Mieter und Vermieter fehlen.

Die Sozialcharta – wertlos. Das kriegen jetzt die ersten Mieter hier in Dresden zu spüren. In diesem Wohnblock sollen die Mieten steigen, nur wenige Wochen nach dem Verkauf an die TAG.


SchwarzGelb eben.

Dienstag, 5. März 2013

Käßmann widerspricht man nicht!



Wenn es eins gibt, das mich in der deutschen Trashmedienlandschaft ärgert, dann ist es die Durchmischung seriöser Themen mit zu B- und C-Promis aufgeblasenen Untermenschen.

Als mit Big Brother im Jahr 2000 das erste mal ein Trash-Reality-Format gesendet wurde, war man noch seltsam fasziniert davon, wie ungeheuer langweilig und fern jedes Intellekts diese zehn Brötchen-Hirne vor sich hin existierten.
 Ich sah damals nicht den Untergang des Abendlandes kommen. Das Abendland ist auch nicht untergegangen. Qualität läßt sich nach wie vor finden.
Daß aber die Büchse der Pandora nun so aufgerissen war, daß nur noch Reality-Casting-Trash auf den Privatsendern lief, hatte ich mir allerdings nicht vorstellen können.

Es ist inzwischen scheinbar gar nicht mehr peinlich, wenn Talkshows, Unterhaltungssendungen und andere Formate mit Lufthirnen besetzt werden, die nichts anderes vollbracht haben, als überhaupt „im Fernsehen“ zu sein.

Es reicht sogar schon nur mit einem anderen B-Promi verwandt zu sein, um beim Madenfressen im RTL-Dschungelcamp mitzumachen.
 Nur weil man Mutter von X oder Tochter von Y ist, kann man vor der Kamera seine Darmgeräusche eruieren und über den Geschmack von Straßen-Anus und Buschschweinpenis sinnieren.
Und die Sendung ist noch eine der Besten des deutschen Unterhaltungsgenres.

Die Dompteure dieser generalenthirnten Exhibitionisten mögen über rudimentären Verstand verfügen, haben aber längst verlernt ihre Denkmurmel auch öffentlich zu gebrauchen.
So kann dann CDU-Rechtsaußen Katharina Reiche unablässig wiederholen die Homoehe schade der traditionellen Ehe und führe zum Aussterben Deutschlands. 
Moderator Jauch, der offensichtlich von den Gedanken an seine 10 Millionen Euro Jahresgage paralysiert ist, läßt sie unwidersprochen weiterplappern, ohne ein einziges mal nachzufragen, ob es eigentlich auch nur den geringsten Beweis für so eine absurde These gäbe.
Wer einmal Minister oder Bischof war, wer einmal ein Buch geschrieben hat oder vor 50 Jahren eine Rolle im „Tatort“ gespielt hat, gilt für immer als Universalsachverständiger und darf sinnfrei zu jedem Thema seinen Senf abgeben.
Erstaunt stellten wir  - ebenfalls in der Trash-TV-Sendung „Günter Jauch“ – fest, daß katholische Geistliche zu der Wirkweise von a posteriori applizierten Kontrazeptiva befragt werden.
Als ob sie dazu auch nur die allergeringste Qualifikation hätten. 
Als ob es nicht total absurd wäre überhaupt zunächst einen zölibatären Geront im Kleid zu befragen, ob denn mit staatlichen Geldern bei einem medizinischen Notfall geholfen werden dürfe.
Sollte Kardinal Meisner eines Tages selbst einmal vergewaltigt werden und befürchten schwanger zu werden, kann er gerne im Zwiegespräch mit Gott analysieren, ob er eine RU486 einwerfen will.
In jedem anderen Fall ist seine Meinung irrelevant.
Das ist die Steigerung der Trash-Schwemme im Fernsehen: Das Abfärben der Verblödung auf weite Teile der ursprünglichen „Kultur.“
Streng talentlose Großmäuler wie Til Schweiger und Vroni Ferres gelten allgemein als Deutschlands Staatsschauspieler, eine schlimme Proletin im Presskleid „singt“ für Deutschland im Grandprix und Stefan Raab moderiert nun das Kanzlerduell.
Die Grenzen verwischen.
Man sieht mittlerweile so gut wie keine Regierungspolitiker mehr in Politmagazinen, weil sie sich viel zu sehr davor fürchten echte Fragen beantworten zu müssen. Stattdessen setzen sich sinnlose Schwätzer, die erwiesenermaßen hoffnungslos mit ihrem Job überfordert sind ins seichte Brabbelbrackwasser bei Will und Beckmann.
Dort können Kristina Schröder, Rainer Brüderle, Ilse Aigner oder die ganz besonders flachgründige Bizarra Käßmann ungeniert ihre einstudierten Kindergartenniveausprüche absondern, während ein geistig längst entschlummerter Moderator ihnen devot zuhört.
[…] Sie ist die prominenteste Vertreterin der evangelischen Kirche, auch ohne hervorgehobenes Amt. Sie hat eine Verantwortung, als öffentliche Person und als Christin. Mit dieser Verantwortung geht sie fahrlässig um. In Käßmanns Welt lassen sich komplexe politische Themen auf einen Satz bringen: Nichts ist gut in Afghanistan. Das stimmt nicht, in Afghanistan hat sich vieles verbessert, die Situation der Frauen zum Beispiel. Aber Käßmanns Satz ist einprägsam, deshalb erreicht er die Menschen.
[…] Durch ihre vereinfachende, moralisierende Art verstärkt sie die Ressentiments, die es ohnehin gegen die Politik gibt. Das sichert ihr Aufmerksamkeit, aber für das politische Klima im Land ist es nicht gut.
(Ralf Neukirch 30.05.11)
Zum Glück habe ich nie ein Buch von Margot Käßmann gelesen; da ich davon sofortiges Absterben von Gehirnzellen befürchte.
Daher will ich einen Promi-Literaturkritiker zu Wort kommen lassen, dessen Urteile sich weitgehend mit meinen decken; Denis Scheck.
Nie hat er eins der blablaesken Machwerke der mitteilungswütigen Bischöfin zum Gegenstand eines vollen Beitrags gemacht - zu Recht. Aber er erklärt in seinem Kommentar zur Top10 der Spiegel-Bestsellerliste anschaulich, was von Käßmann zu halten ist:
Margot Käßmann: "In der Mitte des Lebens"
So gewinnend die Autorin, so unausgegoren wirkt dieses Machwerk. Zwischen den Buchdeckeln von "In der Mitte des Lebens" findet nun wirklich alles seinen Platz: ob Brustkrebsdiagnose, der Einsatz für zwangsverheiratete iranische Christen oder Sterbebegleitung. Man mag dieses Buch einen Kuddelmuddel, ein Hoppelpoppel oder ein Mischmasch nennen: Unverdaulich ist es in jedem Fall.
(Herder, 160 Seiten, 16,95 €)
Margot Kässmann: "In der Mitte des Lebens"
Aus groupiehafter Sehnsucht nach der medialen Wiederaufstehung einer wegen Trunkenheit am Steuer zurückgetretenen Landesbischöfin und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland ein grauenhaftes Mischmasch aus Sermon, Erbauungsliteratur und moralisierenden Textautomatenbausteinen über Monate an die Spitze der deutschen Bestsellerlisten zu jubeln – für solch merkwürdige Heiligenverehrung kennt man meines Wissens im Norddeutschen das schöne Wort "katholisch!"
Margot Kässmann "In der Mitte des Lebens"
Changierend zwischen Predigtentwürfen und autobiographischen Notizen, geschrieben in jenem anbiedernden theologischen Kauderwelsch, das zum Niedergang der protestantischen Predigt beigetragen hat, ist dieses in seiner Konzeption nicht nachvollziehbare, in seinen Gedankengängen sprunghafte Büchlein eher eine Art Promigucken als wirklich etwas zum Lesen.
Margot Kässmann: "In der Mitte des Lebens"
In der Kirche schweigen müssen Frauen schon lange nicht mehr. Aber wenn Sie das Wort ergreifen, sollte es etwas konziser geschehen als hier. Dieses schwurbelige Buch der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche übers Älterwerden kommt zwar vom Hölzchen aufs Stöckchen, aber nie auf den Punkt.
Margot Kässmann: "Sehnsucht nach Leben "
In zwölf besinnungsaufsatzähnlichen Texten denkt die Ex-Vorsitzende der EKD über Leben und Liebe, Kraft, Heimat, Stille und ja, auch über Gott nach. Dabei schreibt sie Sätze wie: "Ein Nein ohne jedes Ja – das wurde auf lila Tüchern beim Kirchentag 1983 in Hannover gegen den Willen von Kirchentagsleitung und Evangelischer Kirche in Deutschland zum Symbol." "Ein Nein ohne jedes Ja", auf diesen wirren Nenner könnte man auch meine Meinung zu diesem Mischmasch von einem Buch bringen.
Margot Käßmann: In der Mitte des Lebens
Eine evangelische Bischöfin predigt: über Liebe und Leid, Schönheit und Vergänglichkeit, Arbeit und Erfolg. Ich glaube durchaus, dass dieses Buch vielen Menschen helfen kann. Aber nach 159 sprunghaften Seiten über "Geben-Können" und "Gebraucht-Werden", über Brustkrebs und deutsche Rüstungsexporte, über die Schönheit von Mädchen mit Down-Syndrom und von der Abschiebung bedrohte iranische Christinnen fühle ich mich als Leser wie nach dem Verzehr einer zu fetten protestantisch gefüllten Weihnachtsgans.
 Jens Bergmann, Jahrgang 1964, geschäftsführender Redakteur bei brand eins, zuvor u.a. für Spiegel Reporter, Bild der Wissenschaft, Merian und Frankfurter Rundschau passt das genauso wenig wie mir und daher rechnet er in seinem Buch 
„Ich, Ich, Ich. Wir inszenieren uns zu Tode“
 mit der Schwemme der Unterbelichteten ab. Ursprünglich unter dem Titel  "Die Promi-Plage" geplant, rechnet Bergmann mit Käßmann, Markus Lanz, Johann Lafer und Norbert Blüm ab.
Ein überfälliges Buch.
Paris Hilton, Katie Price und Daniela Katzenberger: Nervige Prominente ohne sonderliche Meriten verfolgen uns heute im Fernsehen und füllen Zeitschriften wie auch das weltweite Netz. Viele wollen es ihnen gleichtun und selber bekannt werden. „Wir inszenieren uns zu Tode“, warnt hingegen der Journalist Jens Bergmann in einer Streitschrift gegen Ruhm oder Bekanntheit um fast jeden Preis. Auch mit den Medien geht der studierte Psychologe hart ins Gericht.[…]  

 „Während früher Talent, unbedingter Glaube an eine Sache und Fleiß notwendig waren, um berühmt zu werden“, sei das „heute deutlich einfacher“, befindet der Journalist Jens Bergmann in seinem ebenso eindringlich wie elegant geschriebenen Buch „Ich, ich, ich“.

Thema darin ist der nervtötende Promi-Kult unserer Tage und der Drang so vieler Unbekannter, selber ganz groß raus zu kommen, und sei es nur für ein paar Wochen oder gar Tage. […]  Wer von sich reden machen möchte, selber aber weder Filmstar ist, Symphonien komponiert oder einen Nobelpreis erhält, muss sich eben etwas einfallen lassen. In Frage kommt sehr gerne formschönes Silikon im Doppelpack. Die damit üppig präparierte Ramona Drews wusste sich im Jahr 2000 sehr spritzig zu inszenieren, indem sie während eines Fernseh-Interviews auspackte und eine ihrer Brüste molk – angespornt dazu von ihrem Gatten, dem Schlagersänger Jürgen Drews, der um den geldwerten Markteffekt solcher Enthüllungen selbstredend weiß.

Im Jahr darauf ließ Dieter Bohlens Ex-Partnerin „Naddel“ vor laufender Kamera ihre linke Brust wiegen, auch wenn sie dabei nicht glücklich wirkte. Stefan Raab, Verbreiter von „TV total“ ,zeigt solche Höhepunkte deutschen Fernsehschaffens übrigens sehr gerne all jenen, die sie im Original verpasst haben. Die Brust wog übrigens 1,35 Kilo, ein gewichtiges Argument für weitere Fernsehauftritte.

[…]  Jens Bergmann geht das alles mächtig auf den Geist. […]  Ihn treiben die Folgen um, „wenn eine Gesellschaft, in der es angeblich um Leistung geht, Blendern, Dampfplauderern und Gummipuppen so viel Aufmerksamkeit schenkt“.

Vor allem bei Privatsendern, aber nicht nur bei ihnen, gelte heute die Maxime „Prominenz schlägt Relevanz“. Das sei „ein schlechtes Zeichen für unsere Mediengesellschaft“, sagt Bergmann.
Zunächst war die Veröffentlichung des Buches bei der Bertelmannschen Verlagsgruppe Random House geplant.
Aber Kanzler-Freundin Liz Mohn schätzt Pluralität nicht ausreichend, um hinzunehmen, daß Bergmann auch eine der schlimmsten Plaudertaschen und notorisch mediengeilen Nichtssagerinnen kritisiert. Käßmann-Kritik? Das ist aber nicht überall erlaubt!
Lektorat und Rechtsabteilung hatte das Werk bereits passiert - da grätschte auf den letzten Metern vor dem Druck Verlagschef Klaus Altepost dazwischen. Es sei seine Aufgabe, "uns menschlich liebgewordene Autoren" zu schützen, weshalb er "insbesondere bei M. Käßmann" auf Änderung bestehe. Zu kritisch war etwa die Aussage, Käßmann habe "das Betroffenheitsprinzip zur hohen Kunst gebracht". Altepost machte konkrete Änderungsvorschläge. Aus Lanz wurde so plötzlich ein "kluger" Nachfolger von Gottschalk und Kerner. Lafer hatte kein "unnatürliches Dauerlächeln mehr", sondern wurde zur "Frohnatur", die "sehr gefragt" war. Als Bergmann die Änderungen nicht mitmachte, flog das Buch aus dem Programm.
(DER SPIEGEL 04.03.13)
Bergmann mußte sich einen sehr viel kleineren Verlag suchen, um seine blasphemischen Thesen über Lafer, Lanz und Kässi zu publizieren.
 Es gelang.

Buchinweis:

Jens Bergmann: „Ich, Ich, Ich. Wir inszenieren uns zu Tode“, 228 Seiten, Metrolit Verlag, Berlin, 17,99 Euro.

Montag, 4. März 2013

Periodika in der Peripherie


So ein Mist!
Ich werde es wohl nie mehr schaffen die Berge von Artikeln und aktuellen Sachbüchern zu lesen, die sich auf meinem Nachtschrank und Schreibtisch türmen.
Das würde ich so gerne mal alles gelesen und im Hirn abgespeichert haben, so daß ich guten Gewissens wieder zu einem Roman greifen kann und in eine ganz neue Welt eintauche.
Die literarische Begegnung mit einem Autoren und seiner Welt, die er dem Leser ausbreitet, ist schließlich etwas sehr Intimes und Interaktives. 
Gewissermaßen der Sex der Sozialphobiker.
Aber die Zeit für solche Begegnungen muß man sich stehlen, weil dauernd neue Politskandale auf einen einprasseln, weil die abonnierten Periodika stets bemüht sind einen zu erschlagen.

Aber jetzt gibt es ja das dämliche Internet, welches einen zwingt zu interagieren und reagieren.
Trotzdem blättere ich mal eben durch das neue Heft. Hab zwar gestern schon im E-Paper rumgeklickt, aber da war ich geistig schon abgeschaltet und kann mich an gar keine Themen mehr erinnert.
Was bietet also der SPIEGEL von heute?
Titelgeschichte „DIE SUCHTMACHER – Fettig, salzig, süß: Wie Lebensmittelkonzerne uns verführen.“
Ein gelungen-beeindruckendesTitelbild zeigt dazu eine McDoof-Pommes-Packung, die wie eine Zigarettenschachtel arrangiert und mit dem Warnhinweis „Essen kann tödlich sein“ versehen ist.
Haben die Graphiker hübsch gemacht.
Nur: Lesen muß man das ja wohl nicht!
Die Story kommt doch 20 Jahre zu spät. Wer wüßte denn noch nicht, daß Lebensmittelkonzerne uns mit allen erdenklichen Tricks Fastfood unterjubeln?
Pizza, Chips, Cola, Pommes und Burger sind keine ideale Ernährungsgrundlage?
Die speziellen Kinderprodukte sind reine Zuckerbomben?
Wow. Ist ja ganz was Neues.
Klasse, Acht Seiten Text, die ich mir sparen kann.

Mal sehen, was die aktuelle Innenpolitik zu bieten hat. Von Parteipolitik kann ich eigentlich nie genug kriegen.
UNION: Merkels Chef. Ob Homo-Ehe oder NPD-Verbot - die Kanzlerin kann sich nicht zu klaren Ansagen durchringen. Stattdessen erklärt Verfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle der Politik, was sie zu tun hat.
(DER SPIEGEL Nr. 10, 04.03.2013, s.20)
Sach’ma‘…Geht es noch?
Das schreibe ich seit Jahr und Tag mindestens einmal die Woche in meinem Blog:
Merkel laviert, mogelt sich durch, bezieht keine Position, um nirgendwo anzuecken.
Wo haben die Redakteure Hubert Gude, Christiane Hoffmann und Peter Müller denn diese bahnbrechende neue Erkenntnis ausgegraben?

Es geht weiter mit zwei Seiten Volker Kauder im Interview.
Guten Morgen.

Merkel, Kauder,..kann es noch schlimmer kommen?
Ja, es kann. Der SPIEGEL wartet auf Seite 34 mit einem ganzseitigen Gauck-Kopf und einem langen Interview auf. Grusel.
Ich kenne keinen anderen Prominenten, der dermaßen von sich selbst begeistert ist und sich trotz dürftiger Allgemeinbildung für generalkompetent hält. 
Er nimmt auch die Außenwelt als eine ihn stets Lobpreisende wahr.
Daß er von sich in der dritten Person spricht, darf bei Gauck schon als Zeichen von übertriebener Bescheidenheit gelten. 
Eigentlich drängt es ihn den Pluralis Majestatis zu verwenden.
SPIEGEL: Herr Bundespräsident, zu Ihrer Wahl vor einem Jahr haben wir nach einem langen Gespräch mit Ihnen geschrieben: "Gut möglich, dass er bald abgeschliffen sein wird wie ein Kieselstein. Er ahnt, dass er bald schon an den goldenen Stäben des Schlosses rütteln wird." Rütteln Sie?
Gauck: Ja, das tue ich gelegentlich. Aber natürlich mit der Einsicht eines älter gewordenen Mannes, der das politische Leben kennengelernt hat und deshalb nicht ungeduldig an diesen Stäben rüttelt.  […..] Wo ich auch hinkomme, sagen mir die Leute: Behalten Sie bloß diese Fähigkeit zu zugespitzten Formulierungen! .  […..]  Dieser Präsident betreibt keine Neben-Außenpolitik und auch keine Neben-Innenpolitik. Er betreibt auch nicht die eigentliche, die gute, die schöne, die edle Politik, während sich die gewählten Politiker mit den schwierigen und schmerzhaften Dingen auseinandersetzen müssen. Das ist der Hintergrund für meine Vorsicht, nicht die Angst, etwas Falsches zu sagen. […..]
SPIEGEL: Wenn Sie morgens aufwachen - wie lange brauchen Sie, um sich vom Bürger in den Bundespräsidenten zu verwandeln?
Gauck: Ich stehe als Joachim Gauck auf. Wenn ich mich dann rasiere, kommt so langsam der Umschwung. Ich weiß, in einer Stunde steht unten das Auto, dann geht es ins Büro, und da bin ich Präsident.
(DER SPIEGEL Nr. 10, 04.03.2013, s.35)
Auch das reicht.
Wieder ein schönes Beispiel dafür wie Gauck das Gauck-Sein an sich in Beschlag nimmt.
Gott ist ja auch Gott und niemand würde erwarten, daß ER noch nebenbei Knöpfe annäht oder Differentialgleichungen löst.  Ernüchterung ergreift die FDP, nachdem sie nun bemerkt, daß Gauck gar keine FDP-Werbung betreibt.
Der Präsident suche weder den Austausch mit der Partei, noch binde er systematisch das Parlament ein, heißt es. Gauck sehe vor allem Gauck. Ein Liberaler, der in unterschiedlicher Funktion mehrfach in Schloss Bellevue zu Gast war, berichtet, dass Gauck ihm versichert habe, wie schön es gewesen sei, sich endlich mal persönlich kennengelernt zu haben. Bei jeder der vier Begegnungen. Seitdem fragt sich der Liberale, ob Gauck so sehr mit seinem Gaucksein beschäftigt ist, dass er andere kaum wahrnimmt. Jedenfalls keine Liberalen.

Mehr ertrage ich nicht heute; dazu ist meine Magenschleimhaut zu sensibel.
 
Na schön, nur noch den Katholiken-Artikel. Schließlich bin ich ein radikaler Vatikan-Fan und stürze mich mit Vorliebe auf Kurien-Interna.
Aber abgesehen von meiner persönlichen Passion, ist die Sedivakanz tatsächlich eine ungemein spannende Angelegenheit. 
Mal sehen, was der SPIEGEL Neues ausgegraben hat. Wer wird denn nun nächster Papst.
Peter Wensierski, der ein tatsächlicher Kenner der RKK in Deutschland ist, schreibt über Georg Gänswein.
Der Ratzinger-Toyboy wird kaum seine beiden Aufgaben als Ratzi-Privatsekretär UND Präfekt des Päpstlichen Hauses auf Dauer behalten können. 
ACH WAS?
Wensierski prophezeit eine Karriere des telegenen Erzbischofs in Deutschland.
 Auch das ist recht naheliegend, denn in vielen Bistümern sitzen Wackelköppe, die schon kurz vorm Einsargen sind und dennoch immer weiter machen müssen, weil sich kein Nachfolger findet.
Köln, Mainz, Freiburg sind zu nennen. In Passau herrscht sogar schon Sedivakanz, weil Wilhelm Schraml (geb 1935) emeritiert ist und ein neuer Diözesanbischof noch nicht gefunden ist.
Richtig erkennt Wensierski aber, daß der weltberühmte Gänswein wohl kaum in so ein kleines einfaches Bistum wechseln würde.
Was käme sonst in Frage?
Im bayerischen Bistum Passau ist zwar gerade ein Bischofsposten frei. Doch für einen Erzbischof kommt nur eines der sieben deutschen Erzbistümer in Frage. Angesichts ihres Alters könnte der Freiburger Erzbischof Kardinal Robert Zollitsch, 74, oder dessen Kölner Amtskollege Kardinal Joachim Meisner, 79, in diesem oder im nächsten Jahr abtreten. Der prominente Posten in Köln wäre vielleicht sogar ein Sprungbrett zum Chef der Bischofskonferenz.
(DER SPIEGEL Nr. 10, 04.03.2013, s.42)
Da kann man doch nur schreien!!
Zollitsch ist eben KEIN KARDINAL! 
Das ist gerade das Bemerkenswerte, daß er zum Zuge kam, als ein Nachfolger für den Vorsitzenden der DBK Kardinal Lehmann gesucht wurde.
Gerade in der Zeit unmittelbar vor der Papstwahl werden täglich die wahlberechtigten deutschen Konklave-Teilnehmer aufgezählt. 
Man findet die gerade mal sechs Geronten täglich in der Presse:
Paul Josef Cordes, 78, Walter Kasper, 79, Karl Lehmann, 76, Joachim Meisner, 79 und natürlich die beiden Kardinalsküken Marx und Woelki.

Und der SPIEGEL dichtet fälschlicherweise Zollitsch dazu.

DAS NERVT. 

Muß das immer wieder sein?