Freitag, 16. August 2013

Der große Frust



Heute deprimieren mich wieder einmal die Umfragen zur Bundestagswahl.
Für das ZDF präsentiert die „Forschungsgruppe Wahlen“ neue Zahlen. Ein Prozentpunkt rauf für die CDU und die SPD stürzt weitere zwei Prozentpunkte ab.
Es ist einfach zu deprimierend sich über die mangelnde Urteilskraft des Urnenpöbels aufzuregen.
Merkels Verdummungsstrategie scheint aufzugehen.

Angesichts der enormen SPD-Schwäche ist aber auch der gegenwärtig für die Grünen ermittelte Wert frustrierend; sie liegen in allen Umfragen zwischen 12 und 13 Prozent; also satte zehn Prozentpunkte unter dem Niveau, welches sie vor gut zwei Jahren zu Zeiten des Kretschmann-Wahlsieges in Baden-Württemberg hatten. 
Damals begann man schon ernsthaft zu spekulieren, ob der nächste Bundeskanzler Jürgen Trittin heißen könnte.
Die Ökopartei muß also auch äußerst unzufrieden sein.
Einigermaßen stabil liegt die Linke, die zwar mit sieben bis acht Prozent klar über der Fünfprozenthürde liegen dürfte, aber ihr Ergebnis von der letzten Bundestagswahl – am 27.09.13 erhielt die LINKE 11,9% - sehr deutlich unterschreiten dürfte.

Klarer sieht das Bild auf der politisch rechten Seite aus. FDP wird mit zehn Prozentpunkten Verlust genauso viel verlieren, wie Merkels Partei unverdientermaßen hinzugewinnt.

Schwarzgelb wird  sich am 23.09.13 bei den Wählern bedanken können, die irgendwelche sinnlosen Kleinstparteien ankreuzten und damit die Stimmenzahl, die Merkel für eine absolute Mehrheit in Bundestag braucht, signifikant gesenkt haben.

Die Kleinen haben derzeit großes Potential und werden wohl eine Menge Wahlkampfkostenrückerstattung abgreifen.
 Der Steuerzahler gibt für jede abgegebene Stimme rund 85 Cent an die Parteien, sofern sie mindestens 0,5% der Stimmen gewonnen haben.
Das sieht also sehr gut aus für Piraten und AfD, denen beiden jeweils etwa drei Prozent prognostiziert werden.

Über 0,5% möchte dringend auch die chronisch verschuldete NPD sein.
Deswegen schickt sie ihr geistiges Leichtgewicht und körperliches Schwergewicht Holger Apfel auf einen „Deutschland-Treck“.
Die Braunen haben dabei allerdings mit ihrem prinzipiellen Handicap zu kämpfen.
Sie sind nicht nur doof, sondern auch dumm.
Außer Gewalttätigkeit und Hetze gegen Minderheiten haben sie kein Programm. 

Immerhin gelang es der NDP damals noch ihre eigenen Anhänger in Hannover in einer Halle zu versammeln.
Im Jahr 2013 scheitern die Rechtsradikalen sogar schon an der eigenen Logistik.

Der Wahlkampfauftakt in Hamburg am 13.08.13 sollte um 12.00 Uhr an einem prominenten Ort in der Innenstadt, nämlich vor der Hamburger Kunsthalle, stattfinden.
Da die nationalistischen Nieten aber erst um 11.30 Uhr in Kiel  (Entfernung 100km) losfuhren, blieben die 550 Gegendemonstranten vor der Kunsthalle unter sich.
Die braunen Blödmänner aus dem Norden kamen aber nicht etwa auf direktem Weg nach Hamburg, sondern landeten auch noch falsch fahrend südwestlich von Hamburgs Mitte in Bergedorf an.
Als klar war, dass die NPD-Leute plus Gefolge immer noch im Raum Bergedorf fest steckten und es nicht mehr in die Innenstadt schaffen würde, wurde die Kundgebung nach Lohbrügge verlegt. Dies hatte die Einsatzleitung der Polizei mitgeteilt.

Zum neuen Aufmarschort der Braunen hatten es die Gegendemonstranten dann nicht mehr geschafft. Entsprechend blieb auch die Konfrontation mit den Nazis aus – zumindest in Hamburg.
Die trantütigen Trottel kamen also drei Stunden zu spät zu ihrer eigenen Veranstaltung und spulten dann ihre Hetzreden vor genau einem „Fan“ ab. 
Dieser eine Mann – verwahrlost, 150 kg, Labberjeans, geringeltes Leibchen, Hosenträger, Bierpulle – wurde immerhin gebührend von der Mopo mit einem Photo gewürdigt.
Um kurz nach 15 Uhr war dann klar: Die NPD bliebt im Osten Hamburgs. Die Einsatzleitung der Polizei hatte ihnen den Herzog-Carl-Friedrich-Platz, gleich neben dem S-Bahnhof Bergedorf, als Ausweichkundgebungsort angeboten. [….] Zu nennenswerten Störungen kam es laut Polizei nicht. "Wir waren rechtzeitig mit genug Einsatzkräften vor Ort, um eine Trennung von Kundgebungsteilnehmern und Gegendemonstranten zu gewährleisten", so ein Polizist.   Um 15.53 Uhr war dort der "braune Spuk" vorbei. Die Kundgebungsteilnehmer der NPD setzten sich in Richtung Lüneburg in Bewegung, wo eigentlich sieben Minuten später die nächste Kundgebung beginnen sollte. Auch das dürfte nicht geklappt haben.
Wer nicht einmal in der Lage ist mit einem Tourbus rechtzeitig an den Wahlkampfkundgebungsorten zu erscheinen, sollte besser keine politische Verantwortung übernehmen.
Die Pleiteserie der NPD setzt sich fort. Am zweiten Tag der groß angekündigten „Deutschlandfahrt“ erlebte die Truppe um Bundeschef Holger Apfel ein weiteres Debakel. […]   Mund abwischen, weiter machen. Diese und ähnliche Durchhalteparolen machten gestern Abend unter den NPD-Wahlkämpfern womöglich die Runde. Zuerst hat in Rostock die Mikrofonanlage der Rechtsextremisten kapituliert, was den engen Zeitplan aus dem Ruder laufen ließ. Die zweite Kundgebung in Schwerin absolvierten Bundeschef Holger Apfel und sein Vize Udo Pastörs dann im Schnelldurchgang. Gegen den Lärm der Gegendemonstranten kamen sie in der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern nicht an. Den letzten geplanten Stopp in Neumünster steuerte die Partei danach erst gar nicht an. Alles in allem ein Fehlstart, wie er im Buche steht.

Deshalb ruhten die Hoffnungen der Parteiführung auf dem heutigen Tag. Doch die Pleiteserie setzte sich in Hamburg nahtlos fort. Eigentlich hätte die NPD-Kundgebung in der Ernst-Merck-Straße, Ecke Glockengießerwall in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs stattfinden sollen. Dort hatten sich mehr als 400 Gegendemonstranten versammelt, um den Rechtsextremisten zu zeigen, sie sind in der toleranten Hansestadt nicht willkommen. […]

In Bergedorf bauten die zwölf mitgereisten NPD-Anhänger ihr Redepult auf dem Herzog-Carl-Friedrich-Platz auf. Viel Zeit für braune Hasstiraden blieb auch hier nicht. Nach gerade einmal einer halben Stunde war der Spuk vorbei.
Ma darf gespannt sein, ob sich mehr als 0,5% des Urnenpöbels am 22.09.13 für ein Kreuz bei der NPD entscheiden. 
Nur dann rollt für die Partei wieder der Rubel.
Vielleicht reicht es ja für ein Navi, damit sie sich wenigstens auf Deutschlands Straßen zu Recht finden.
In der politischen Realität werden sie allerdings für immer sinnlos umher irrlichtern.

Kaum zu glauben, aber wahr: Zwei Tage später, am heutigen Freitag, gelang es dem dicken Apfel rechtzeitig in Hannover zu sein und dort rumzupupen.

Nun tritt Holger Apfel an das Megaphon. Er wirkt müde, der Bart ist ergraut. Apfel scheint seit der Übernahme des Parteivorsitzes deutlich gealtert. Er spult seine Rede ab. Immer wieder ruft er, die Bürgerinnen und Bürger sollen den „Wahltag zum Zahltag“ machen. Doch Bürgerinnen und Bürger können ihn nicht hören. Es wirkt so, als ob ihn seine eigene Rede langweilt, als ob er eigentlich wo anders sei. Er hält sie wohl nicht zum ersten Mal. Immer wieder filmen und fotografieren die eigenen Leute ihren Vorsitzenden. Später werden die Bilder dann auf Facebook gestellt. Im Internet erreicht man mehr Menschen und kann die beabsichtigte Botschaft besser kontrollieren. Ganz ohne Gegendemonstranten. Apfel ist während seiner Rede in einem weiten Kreis umgeben von seinen schwarzgekleideten Begleitern. Als ob er ein Superstar wäre. Die meisten sind mit Regenschirmen bewaffnet. Immer wieder hagelt es während der Wahlkampfauftritte Eier, Farbbeutel und Tomaten. Heute in Hannover nicht, Apfel bleibt unbefleckt. Nach kaum 10 Minuten Rede stoppt er. Eine Pause? Die Rechtsextremen sammeln sich am Rande ihres Konvois. Es dauert einige Minuten, keiner weiß so richtig, was passiert. Noch eine Rede? Nein. Die Show ist vorbei. Keine 30 Minuten nach der Ankunft räumt der NPD-Wanderzirkus seinen Platz und zieht weiter.
 

Donnerstag, 15. August 2013

Das ist dreist



Noch immer wird mit „Christentum“, bzw „christlichem Handeln“ allerlei Positives konnotiert.
Wer sich mies verhält, wird „unchristlich“ genannt. 
Etwas aus dem Rahmen Fallendes wird verbal gebrandmarkt. Unter „unchristliche Uhrzeit“ versteht man eine viel zu frühe, oder viel zu späte Zeit.
Diese hartnäckig positivistische Sichtweise, die beispielsweise zur Schulpolitik nach dem Subsidiaritätsprinzip (nach Adenauer) zu immer mehr christlichen Schulen, Kindergärten und Pflegeheimen führt, sorgt für einen kontinuierlichen Machtzuwachs der Kirchen.
Der Glaube mag zwar schwächer werden, Hunderttausende verlassen jedes Jahr die EKD und RKK, aber das Geldvermögen der Kirchen wächst.
Nie hatten Caritas und Diakonie auch nur annähernd so viele Angestellte wie heute.
Selbst als noch 95% der Bundesbürger Christen waren, hatten die Kirchlichen Konzerne einen viel kleineren Marktanteil.
Der Grund ist einfach:
Kirchen schröpfen den Staat. Es ist für eine Gemeinde billiger eine KITA kirchlich betreiben zu lassen, weil am anderen staatlichen Ende draufgezahlt wird.
 Die Kirchenkonzerne kassieren Landeszuschüsse, parasitieren den Bund, weil sie steuerbefreit sind und beuten ihre Angestellten aus, indem sie sich nicht an das allgemeine Arbeitsrecht und Tarifverträge halten.
Sie müssen es auch nicht, weil sich Kirchen in jeder Hinsicht als über dem Otto Normalbürger angesiedelt verstehen.
Es ist grotesk zu beobachten, wie Politiker und Bürger diese Unverschämtheiten billigend hinnehmen.
Als der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Karl Kardinal Lehmann einmal gefragt wurde, warum so viele Bischöfe, die Kenntnis von kinderfickende Kaplanen hatten, nicht zur Staatsanwaltschaft gegangen wären, antwortete der Kirchenfürst ganz jovial, daß nicht alle Staatsanwaltschaften den Kirchen freundlich genug gesonnen wären. 
Seit wann dürfen eigentlich sich Kriminelle ihre Ankläger aussuchen, bzw entscheiden gar nicht erst zur Rechenschaft gezogen zu werden, weil der Richter nicht liebt genug ist? WTF? 

Im Jahr 2007, also fünf Jahre nach den päpstlichen Leitlinien zum Kindesmissbrauch, die vorsahen pädophil übergriffige Priester zu melden, hatte der Mainzer Kardinal erklärt, wieso er sich nicht daran halten müsse – die Staatsanwaltschaften gefielen dem Herren im roten Kleid nicht.
O-Ton Karl Kardinal Lehmann:

„Die Staatsanwaltschaften in verschiedenen Städten sind auch recht verschieden. Soweit her mit der Objektivität allein ist es dann auch wieder nicht.“


Das ist der Kern der Religionen: Wir sind besser als die und dürfen das, was die noch lange nicht dürfen.
Im klaren Widerspruch zur Verfassung kassieren die Kirchen ab.

Trauriges Jubiläum: „94 Jahre Verfassungsbruch“

[…]    Am 14. August 1919 trat die Weimarer Reichsverfassung (WRV) in Kraft. Damit jährt sich der dort in Artikel 138 verankerte und heute in Artikel 140 des Grundgesetzes übernommene Auftrag, die historischen Staatsleistungen an die evangelische und katholische Kirche abzulösen, zum 94. Mal. Die Humanistische Union hat anlässlich dieses Jahrestages aktuelle Daten zu den Staatsleistungen präsentiert: Demnach werden sich die zweckfreien staatlichen Zuwendungen an beide Kirchen in diesem Jahr auf die Gesamtsumme von 481,4 Millionen Euro belaufen. Das entspricht nach HU-Berechnungen einer Steigerung von 6,6 Mio. Euro im Vergleich zum Vorjahr.   Obwohl die evangelische Kirche weniger Mitglieder hat (23,9 Millionen) als ihr katholisches Pendant (25,7 Millionen), erhält sie mehr Gelder. Insgesamt fließen in diesem Jahr fast 280 Millionen Euro von den Staatskonten in ihre Kassen. Die katholische Kirche erhält vom Staat 202 Millionen Euro. Den höchsten Betrag zahlt Baden Württemberg an die beiden Kirchen aus (108 Millionen Euro), der geringste Betrag fließt im Saarland (637.000 Euro).  […]  Die seit Jahren abnehmenden Mitgliederzahlen in beiden Kirchen veranlassen den Staat offenbar nicht, über das erfüllen des Verfassungsauftrags nachzudenken. Anstatt die Leistungen einzustellen, entrichten alle Bundesländer – mit Ausnahme von Hamburg und Bremen, die keine Staatsleistungen kennen – jedes Jahr steigende Rekordsummen an die zwei Kirchen, „die ohnehin zu den reichsten Religionsgemeinschaften der Welt gehören.“ Anträge zur Umsetzung des Verfassungsauftrages im Bundestag wurden zuletzt mehrheitlich abgelehnt. […]

Unsere Volksvertreter inszenierten dies  als wahren Tiefpunkt des Parlamentarismus‘.
Nein, arm sind sie wirklich nicht die Kirchen.

Pro Tag werden werden in Deutschland 25 Millionen Euro in „Kirchensteuer“ bezahlt. In Wahrheit ist das natürlich keine Steuer, sondern Mitgliedsbeiträge, die der  Staat als Inkassounternehmen für Katholen und Evangelen eintreibt.
Eine feine Sache. 
Die christlichen Kirchen kassieren also allein in Deutschland über eine MILLION EURO PRO STUNDE!
Damit werden aber nicht etwa die „sozialen Leistungen“ finanziert. [….] Von den allein in Deutschland über eine MILLION EURO PRO STUNDE an die Kirchen gezahlten Mittel werden aber auch nicht Bischofsgehälter oder Theologenausbildung bezahlt.
Auch das stopft der Steuerzahler – von denen eine relative Mehrheit nicht Mitglied einer Kirche ist – RKK und EKD noch zusätzlich in den Allerwertesten. 
[….] Offensichtlich werden wir aber von Volksvertretern bestimmt, die in ihrer überwältigenden Mehrheit die Mehrheit der Konfessionslosen ignorieren und die darüber hinaus auch noch die Verfassung ignorieren.
Gerade 40 Sekunden benötigte der Bundestag, um den lästigen Tagesordnungspunkt abzuhandeln. Im Schnellverfahren votierten am frühen Freitagmorgen die wenigen noch im Plenum anwesenden Abgeordneten um 0.26 Uhr ohne Aussprache, aber mit großer Mehrheit dafür, weiterhin das Grundgesetz zu ignorieren. Wenn es um das gute Verhältnis zu den beiden Großkirchen geht, kommt es für die Fraktionen von CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen nicht so drauf an. Gemeinsam stimmte die ganz große Koalition gegen einen Gesetzentwurf der Linkspartei, der den Einstieg in den Ausstieg aus den historisch begründeten Staatsleistungen an die Kirchen bedeutet hätte.
Unglaublich, aber wahr: Damit bleibt ein seit 94 Jahren bestehender Verfassungsauftrag nach wie vor unerfüllt. Dabei ist der Auftrag eindeutig: "Die auf Gesetz, Vertrag oder besonderen Rechtstiteln beruhenden Staatsleistungen an die Religionsgesellschaften werden durch die Landesgesetzgebung abgelöst“. […]
Man stelle sich vor irgendeine andere Organisation, die seit Jahrzehnten systematisch Kinderficker in ihren Reihen vor der Staatsanwaltschaft schützt, würde in ähnlich unverfrorener Weise die Hand beim Steuerzahler aufhalten!

Die kirchliche Abzocke auf Kosten der Allgemeinheit kennt aber keine Grenzen. 
Selbst ich, der ich den Raffzähnen in den Soutanen jede Form der Gier zutraue, hatte noch nicht an das systematische Umgehen des Copyrights durch die RKK gedacht. 
Aber auch dabei setzen sich Franzis Männer über Recht und Gesetz hinweg.

Musikverbände werfen der katholischen Kirche vor, mit illegalen Notenkopien wirtschaftlichen Schaden in Millionenhöhe anzurichten. Pro Jahr würden innerhalb der Kirche mehr als 700.000 Kopien von urheberrechtlich geschützten Chor- und Instrumentalwerken ohne Genehmigung der Rechteinhaber erstellt, teilte die VG Musikedition gemeinsam mit dem Deutschen Musikverleger-Verband und dem Deutschen Komponistenverband mit. […] Die Verbände klagen, für Komponisten, Textdichter und deren Verlage liege der jährliche Schaden durch widerrechtliche Vervielfältigung von Noten "im niedrigen bis mittleren siebenstelligen Euro-Bereich". […] Das weit verbreitete illegale Kopieren von Chornoten gefährde auch die Vielfalt des kirchenmusikalischen Musizierens, da es für viele Verlage heute kaum noch rentabel sei, Chorwerke zu publizieren, argumentierte der Geschäftsführer der VG Musikedition, Christian Krauß.
(HH Abla 15.08.13)

Mittwoch, 14. August 2013

Die Politik und die Meme



Angela Merkel und ich haben durchaus auch Gemeinsamkeiten.
Wir mochten beispielsweise beide in der Schule „Mathe“.
Das war immer eins meiner Lieblingsfächer, weil ich es so logisch und einfach fand. Da mußte man nie lernen und bekam immer eine gute Zensur.
Als ich in die Oberstufe kam, wußte ich gleich, daß Mathe mein Abifach werden würde. Üblicherweise wählte man dann in der VS (11.Klasse) einen sogenannten „Ergänzungskurs“ als Vorbereitung auf den Leistungskurs.
Zu Mathe gab es aber nur das öde „Mathe-Ergänzung“ bei diesem unglaublich aus dem Mund stinkenden Typ, der noch ein Kriegsversehrter mit zerschossenem Kiefer war.
Der nuschelte so in seinen Bart, daß man ihn nie verstand. Der zweite Ergänzungskurs war „Informatik“, in dem die latent übergewichtigen Schulstreber saßen, die auch alle in der JU waren.
Die interessierten sich alle für Computer, jene sinnlosen Rechenmaschinen mit dem albernen TV-Bildschirm dran.
Der Sinn dieser Apparate erschloß sich mir überhaupt nicht. Daran herum zu programmieren konnte ja keinen Sinn machen.
Also ging ich doch zu dem Blödmann mit dem zerschossenen Kiefer und verdrängte diese JU-Typen in den Markensweatshirts vor ihren Bildschirmen.
Noch während des Grundstudiums war ich überzeugt davon auch ohne Computer zu Recht zu kommen.
Langsam gab es zwar Professoren, die keine handgeschrieben Protokolle mehr annahmen, aber meine Handschrift ist sehr sauber und insbesondere in Organischer Chemie sahen meine Moleküle immer sehr hübsch und dreidimensional aus.
(Bis heute bilde ich mir ein, daß man das räumliche und chirale Denken bei komplexeren organochemischen Reaktionen besser lernt, wenn man die Moleküle selbst zeichnet.)
Widerstrebend mußte ich mir dann aber auch einen Drei-Sechsundachtziger anschaffen und mir mühsam von Kommilitonen erklären lassen wie das funktionierte.
Der Funke sprang aber nicht über. Ich benutze das Ding als bessere Schreibmaschine und schaltete es immer so bald wie möglich wieder aus.
Als irgendwann die ersten Leute immer von diesem eigenartigen „Internet“ erzählten, wurde ich endgültig bockig. Damit wollte ich nun echt nichts zu tun haben. Das stiehlt Zeit und außerdem las ich doch so gern. Schon den Computer fand ich doof. Auf keinen Fall brauchte ich noch Internet dazu.

Nun ja, wir wissen ja wo das endete.
Heute kann wohl kein vernünftiger Mensch mehr das Internet in toto ablehnen.
Es bietet einfach zu viel, das die Offline-Welt nicht ersetzen kann.
Aus eigener Erfahrung weiß ich aber wie skeptisch man sein kann. Und man sollte auch nicht blind alles mitmachen.
 In den sozialen Netzwerken beobachte ich ganz deutlich, daß sich die Menschen meiner Generation (und älter) viel vorsichtiger bezüglich ihrer Daten verhalten, während viele Teenager ungeniert von Telefonnummer über Schwanzgröße bis zu Psychoproblemen alles der Welt mitteilen.

Heute störe ich mich nicht mehr daran viele Aspekte der großen weiten Welt des Webs nicht zu verstehen und nicht mitzumachen.
Ich habe noch nie ein Computerspiel gespielt, habe keinen Twitter-Account, keine Digitalcamera, kein Smartphone und verspüre keinerlei Drang bei Datingwebsites mitzumischen. 
Ich lese ja auch Zeitungen, ohne den Sportteil wahrzunehmen und gucke Fernsehen, ohne jemals eine Daily-Soap angesehen zu haben.

Dennoch ist meine Aufmerksamkeitsspanne üblicherweise so breit, daß ich auch Ereignisse, die mich gar nicht interessieren zumindest peripher wahrnehme.
Ich würde beispielsweise niemals sportives Kräftemessen beim 50 km Gehen oder Diskuswerfen der Frauen angucken. 
Dennoch weiß ich, daß just im Moment die Leichtathletik-WM in Moskau stattfindet.
Man „bekommt das eben irgendwie mit“ beim Überfliegen der Überschriften oder als Hintergrundrauschen, wenn im Supermarkt ein Radio läuft.

Obwohl ich Twitter überflüssig finde und Boris Becker nicht leiden kann, weiß ich dennoch, daß er als aktiver Twitterer mit sagenhaften Peinlichkeiten auffällt.
Die Onlinewelt dringt eben auch in die nichtvirtuelle Realität vor.

Ich weiß nicht wie Photoshop funktioniert oder wie man ein Youtube-Video schneidet.
Aber man müßte schon grenzdebil sein, um nicht mitzubekommen, daß diese Methoden existieren.
Es ist fast nicht möglich online zu sein, ohne von diesen sich blitzartig verbreitenden Internetmoden tangiert zu werden.
Seit beinahe 40 Jahren schon gibt es den Begriff „Mem“, worunter man heutzutage ein schnelllebiges Internetphänomen versteht.
Aber für eine genauere Definition reicht schon ein Klick zu Wikipedia.
Ein Mem bezeichnet einen einzelnen Bewusstseinsinhalt (zum Beispiel einen Gedanken), der durch Kommunikation weitergegeben und damit vervielfältigt werden kann. Dies trägt zur soziokulturellen Evolution bei. [….]

Die englische Bezeichnung meme wurde 1976 vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins vorgestellt; er nannte als Beispiele dazu: „Ideen, Überzeugungen, Verhaltensmuster“. Mit diesem kulturellen Pendant zum biologischen Gen (englisch gene) veranschaulichte er das Prinzip der natürlichen Selektion, deren Grundeinheit Replikatoren von Informationen sind. Die Bezeichnung Mem beschrieb er als selbst gewähltes Kunstwort, das sich auf den griechischen Terminus μίμημα, Mimema („etwas Nachgemachtes“) beruft.

Als Memetik wird das daraus abgeleitete Prinzip der Informationsweitergabe bezeichnet.
(Wikipedia)
Ich habe keine Ahnung wie sich so etwas genau entwickelt, aber natürlich kennt man Mem-Beispiele, wie die Harlem-Shaker-Videos, „2girls1Cup-Reactions“ oder das „Catbearding“. Sie sind zwar sehr unterschiedlich lustig, doch kaum zu übersehen.

Ich finde nicht, daß man so was wissen muß und habe volles Verständnis dafür, daß beispielsweise wahlkämpfende Spitzenpolitiker nicht die Zeit dafür haben Facebook-Accounts zu bestücken oder mit Memen zu spielen.

Dafür engagieren die Parteien verständlicherweise Profis.
Ich würde es gar nicht wollen, wenn ein veritabler Minister sich persönlich mit diesem Quatsch abgibt. 
Ignorieren kann man Meme aber auch nicht, weil sie die kostbare Ware Aufmerksamkeit generieren.
Wer Wahlkampf macht, will in die Köpfe der Wähler. Will deren Aufmerksamkeit. Will seine Botschaften möglichst breit unters Volk bringen. Am populärsten sind die sogenannten Polit-Meme aus dem „Neuland“ Internet: Bilder oder kleine Videos, die witzig sind, skuril – oder jedenfalls irgendwie spektakulär.
Grüne, SPD und CDU haben es nun aber tatsächlich geschafft sich WERBEPROFIS für ihre Wahlkampagnen zu engagieren, die noch nicht einmal den Begriff „mem“ kennen.
Gratulation! 
Dieses Maß an Parallelrealität muß man erst mal erreichen!
Meme können zur Waffe im Wahlkampf werden – wissen das die Werbeberater der Parteien?

Die Agentur der Grünen:

O-Ton Frontal21:

Was ist ein Mem?

O -Ton Benjamin Minack, Agentur ressourcenmangel:

Einfach übersetzt: ein Sprichwort. Etwas kürzer gefasst.

Dann die SPD-Agentur.

O-Ton Frontal21:

Was ist ein Mem?

O-Ton Karsten Göbel, Agentur Super J + K:

Tja, das weiß ich in Zusammenhang mit politischer

Kommunikation auch nicht.

O-Ton Frontal21:

Oder Meme im Plural?

O-Ton Karsten Göbel, Agentur Super J + K:

Das ist nicht so wirklich das Thema.

Der CDU-Werber sagt lieber gar nichts. Die Volks-Parteien scheinen mit Memen nicht viel am Hut zu haben. Warum nur?

O-Ton Prof. Thorsten Faas, Politikwissenschaftler Universität Mainz:

Internetzugang ist weit verbreitet in Deutschland, aber es ist immer noch, gerade wenn wir Richtung Facebook-Communities, YouTube auch schauen, immer noch ein sehr junges Phänomen, während die Masse der Wähler einfach nicht in diesem jungen Segment zu holen ist.


Naja, dafür lösen Politiker wie Merkel („Internet ist Neuland“) oder Ronald Pofalla („NSA-Affäre ist beendet“) zuverlässig neue Meme aus.
Vom Tisch oder unterm Teppich?

Wie Pofalla die Öffentlichkeit beim NSA-Skandal in die Irre führt.

[…] Um zu verschweigen, was Deutschlands Bürger wissen sollten, brauchte [Pofalla]  gerade mal sieben Worte: 'Es gibt in Deutschland keine millionenfache Grundrechtsverletzung', sagte er nach der jüngsten Sondersitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums am Montag - und verschwieg damit, dass einer der größten Bürgerrechtsskandale noch längst nicht aufgeklärt ist.

Tatsächlich brauchen die Spione von Amerikas Geheimdienst National Security Agency (NSA) gar nicht deutsche Grundrechte verletzen, indem sie auf deutschem Boden Mails und Telefonate abgreifen. Denn die NSA hat bereits Zugriff auf die Daten von Firmen wie Microsoft, Google, Facebook, Yahoo und Apple. Das ist der Kern des Spionageprojekts Prism. So war es in einigen Dokumenten des Whistleblowers Edward Snowden nachzulesen, und so hat es die National Security Agency (NSA) auch nicht bestritten. Doch zu Prism sagte Pofalla am Montag: nichts.

[…]  Kanzleramtsminister Pofalla hingegen wollte am Montag reden, ein bisschen zumindest: Die amerikanischen und britischen Dienste hätten zugesichert, dass sie auf deutschem Boden keine Operationen durchführen. Das klingt nach: Deutschland, du kannst aufatmen, alles halb so schlimm, nichts passiert.

Tatsächlich haben NSA und GCHQ außerhalb der Bundesrepublik genügend Möglichkeiten zur Überwachung deutscher Bürger: So sind die wichtigsten Internetfirmen amerikanisch. Die meisten Internetnutzer verwenden mindestens ein Produkt jener Firmen, auf deren Daten die NSA Zugriff hat. Auch laufen die wichtigsten Glasfaserkabel durchs Meer oder gar über britischen oder amerikanischen Boden, über Infrastruktur kooperierender Unternehmen. Selbst Mails, die innerhalb Deutschlands verschickt werden, verlassen auf ihrem Weg zum Empfänger häufig die Bundesrepublik.

Pofalla hätte am Montag auch sagen können, dass überhaupt keine Daten deutscher Bürger gesammelt werden. Das wäre eine klare Aussage gewesen. Stattdessen sagte er, die Vorwürfe seien 'vom Tisch', es gebe keine 'flächendeckende Datenauswertung'. Das lässt Spielräume offen. Gibt es einen Unterschied zwischen Datensammlung und Datenauswertung? Wo beginnt 'flächendeckend' und wo endet es? Auf die Bitte, dies doch zu erklären, antwortete Pofalla am Dienstag nicht.