Dienstag, 19. August 2025

Handyverbot für Eltern

Neulich ließ ich mich einmal hinreißen. Tat etwas, das man als kinderloser Ü50-Mann niemals tun sollte. Ich kommentierte auf Bluesky einen Thread, in dem mehrere sächsische Jungmütter die Preise von Kita-Mahlzeiten und Schulkantinen beklagten. Es sei viel zu teuer, während sich „die Politiker“ in der Landtagskantine besseres Essen leisteten. Als Mütter fühlten sie sich nicht gewürdigt und „die Politiker“ dürften sich dann auch nicht über niedrige Geburtenraten wundern. Zahlreiche weitere Kindererzeuger posteten empört, die Summen, die ihre Brut in den Schulen für das Essen zahle. Ossi-Anspruchsdenken par excellence.

Mütter und Kinder sind ein heikles Thema in der Politik. Jede Partei inszeniert sich als besonders kinderfreundlich; es gibt hunderte verschiedene, sich teilweise widersprechende Familienleistungen in den Etats von Kommunen, Ländern und Bund. Aktuell bereitet die CSU-Mütterrente von 19 Euro dem Finanzminister Kopfzerbrechen.

Es dürfte unstrittig sein, daß es sich für den Staat lohnt, in die Jugend zu investieren, daß Bildung nicht vom Portemonnaie der Eltern abhängen darf, daß Kinder allein zu erziehen, ein enormes Armutsrisiko darstellt.

Ebenfalls unstrittig ist allerdings, daß die wenigsten der finanziellen Maßnahmen zielgerichtet sind; wie Kindergeld und Mütterrente nach dem Gießkannenprinzip auch an die ausgeschüttet werden, die es überhaupt nicht nötig haben. Von dem Ehegattensplitting profitiert man sogar, umso mehr, je reicher man ist, während bedürftige Mütter gar nichts davon haben.

Also, ja, liebe Mütter, die Ihr Euch über Kita-Kantinenpreise echauffiert: Ihr habt da einen validen Punkt; es geht sehr ungerecht zu. Außerdem ist es teurer, sich nicht um Kinder zu kümmern und sie bildungsfern in Prekariatsstrukturen aufwachsen zu lassen. So produziert man die Kriminellen und Transferleistungs-Abhängigen von morgen und nicht etwa, in die Rentenkasse einzahlende Gutverdiener.

Fast alle CDUCSUFDP-Politiker beklagen, es würde zu wenig gearbeitet in Deutschland. Die Bürger sind also faule Säcke, die es sich im Bürgergeld gemütlich machen?
Damit fehlinterpretieren Linnemannmerzspahn bewußt die Zahlen. Denn bei der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit, werden die Teilzeitler mit eingerechnet. Oft Frauen, die durchaus mehr arbeiten möchten, das aber nicht können, weil es insbesondere in Westdeutschland, Bayern!, viel zu wenig Kinderbetreuung gibt.

Also ist mindestens ein Elternteil gezwungen, maximal eine halbe Stelle anzunehmen.

Rentenpolitiker, die sich über den demographischen Wandel grämen und überlegen, wie man mehr Beitragszahler generiert, sprechen schon von der Frauen-Reserve. Es gäbe natürlich eine höhere Durchschnittswochenarbeitszeit, wenn es überall genügend Kita-Plätze gäbe. Außerordentlich perfide, wenn ausgerechnet die konservativen Herdprämien-Politiker, die Mütter zu Hausfrauen machen möchten, gleichzeitig über die ihrer Ansicht nach zu geringe Arbeitsleistung in Deutschland klagen.

Die Bluesky-Damen regte ich aber auf, indem ich auf die seit des Pillenknicks konstant niedrigere Geburtenrate verwies. Kita-Essen-Preise haben offenbar keinen Einfluss auf das Gebärverhalten.

Ich wurde nach der Erfindung der Antibabypille geboren und kann über Preise der Schulverpflegung gar nicht mitreden, weil es das zu meiner Schulzeit in den 1970ern und 1980ern selbst im reichen Hamburg schlicht gar nicht gab.

Ich war in keiner Kita und habe weder in der Grundschule, noch im Gymnasium jemals etwas zu essen bekommen. Viele meiner Mitschüler bekamen das typische „Pausenbrot“ mit in den Ranzen gestopft, das sie in den großen Pausen vertilgten. Ich allerdings nicht, weil ich schon damals vormittags ohnehin nie aß. Ab ca der 8. Klasse schlichen wir heimlich in den Pausen vom Schulgelände und liefen zu einem kleinen Supermarkt, der fünf Minuten entfernt war. Man musste schon sportlich sein bei 20 Minuten Pause: 5 Minuten hin, Schlange stehen an der Kasse, 5 Minuten zurück.

Aber der VS, der 11. Klasse, verlagerte sich das Problem. Der Lehrermangel war so enorm, daß die Oberstufe stets Nullte Stunde (Beginn 07.05 Uhr) gefolgt von vielen Freistunden und dann wieder Unterricht oft erst in der 7., 8. Stunde. Gern unterbrochen von einer einzelnen Stunde mittendrin, so daß es sich nicht lohnte, nach Hause zu fahren. Aber in den Freistunden blieb genügend Zeit mit dem Bus ins nächste Einkaufzentrum zu fahren und da sinnlos rumzulungern. Wir kannten natürlich ganz genau die Preise der Kaffeeautomaten in der schäbigen Horten- oder Kaufhofkantine, hockten uns dahin, wo es am billigsten war. Scheußlicher Kaffee, nebenbei bemerkt – kein Vergleich zu dem was die Jugendlichen heute alles bei ihren obligatorischen „Coffee to go“ geboten bekommen.

Mein Mutter arbeitete in meiner Oberstufenzeit nicht, die meisten Mütter meiner Freunde aber schon. Normale Jobs. Allein drei waren Verkäuferinnen in dem EKZ, in dem wir uns vormittags rumtrieben.

Wie kann es also sein, daß ich geboren wurde? Und nicht verhungerte?
Daß die Mütter meiner Elterngeneration arbeiteten, Kinder bekamen ganz ohne Kitas und nachmittägliche Betreuung, daß sie uns Pausenbrot einpackten und wir ganz ohne irgendwelche Zusatzleistung der Schulen den Tag durchhielten?
Es liegt an der mangelnden Zeit, die den Jungmüttern durch ihr ewiges Messen mit anderen Müttern in ihren Whatsappgruppen verloren geht. Mütter und Väter hängen unablässig am Handy. Deswegen lassen sie auch ihre Kinder in Freibädern ersaufen.

So berichtet es Marcus Gross, Bademeister im Hamburger Holthusenbad.

[…] »Ich arbeite seit 2009 für Bäderland. Leider hat sich seitdem an der Unachtsamkeit vieler Eltern nichts geändert. Sie kommen ins Bad, setzen ihre Kinder ab und beschäftigen sich ab da mit ihrem Handy, lesen Zeitung oder trinken Kaffee. Ich erkläre ihnen dann, dass sie bei ihren Kindern sein müssen. Wenn die nicht schwimmen können, haben die Eltern auch im Wasser zu sein, ganz einfach. […] Viele Eltern unterschätzen die Gefahren. Sie glauben, Ertrinken sei laut und auffällig, wie im Fernsehen. Dabei ist es oft ein leiser Tod – gerade bei Kindern. Es ist erschreckend, wie schnell das passieren kann. Deshalb sage ich immer: Behalten Sie Ihr Kind im Blick und in Griffnähe, wenn es noch nicht schwimmen kann.

Einmal ging ein Vater kurz auf die Toilette und ließ sein Kind ohne Schwimmflügel allein. Es lief ins Wasser und trieb kurz darauf mit dem Gesicht nach unten, bis mein Kollege es rettete. Zum Glück ging alles gut, aber solche Fälle beschäftigen uns. In der Regel erfahren wir nachher auch nicht, wie es den Kindern geht. Selten kommt ein Dankeschön. […]

(SPIEGEL, 19.08.2025)

Das Thema spielte in meiner Kindheit eine große Rolle, weil es neben unserem Garten Teiche gab, in dem angeblich mal ein Nachbarskind ertrank. Schon meine Oma achtete daher stets mir Argusaugen auf ihre Kinder und predigte, sie müssten als erstes schwimmen lernen.

Auch ich wurde schon mit drei Jahren in eine Schwimmschule geschleppt. Ich erinnere mich immer noch an den Abschlusstag, als ich dachte, ich könne wirklich ganz gut schwimmen und dann von dem Schwimmlehrer mit allen meinen Klamotten ins Becken geworfen wurde. Erstaunlich, wie enorm die Kleidung unter Wasser nach unten zieht.

Wie im Holthusenbad, beobachte ich es auf dem betreuten Abenteuerspielplatz gegenüber meiner Wohnung. Muttern und/oder Vatern rücken mit ihren SUVs an, geben ihren Blagen einen Tritt in den Hintern und hängen in ihr Klugtelefon vertieft abseits auf den Bänken. Interessieren sich nicht die Bohne für ihre Leibesfrüchte.

Montag, 18. August 2025

Konkrete Verschwörungstheorie

Alle Augen sind natürlich gerade auf das Weiße Haus gerichtet, in dem Trump den Ukrainischen Präsidenten und seine Europäischen Freunde empfängt.

Die Lobhudeleien an Trump sind für mich schwer erträglich, aber da der orange getünchte Trampel sich nicht briefen lässt, über keinerlei Hintergrundwissen verfügt und sein Chefverhandler Witkoff genauso ahnungslos und unqualifiziert ist, war es eine gute Idee der Europäer, einfach mitzukommen. Denn wenn sie alle physisch bei ihm sitzen und sich gut einschmeicheln, begreift Trump womöglich, daß es eben nicht nur um irgendein einzelnes Land in Osteuropa geht, sondern auch alle anderen Staaten ein enormes Interesse daran haben, Putin zu stoppen.

[….]  An der Gesprächsrunde im Weißen Haus, die zunächst öffentlich übertragen wurde, nahmen neben Trump der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, NATO-Generalsekretär Mark Rutte, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sowie mehrere europäischen Staats- und Regierungschefs teil: Bundeskanzler Friedrich Merz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der britische Premier Keir Starmer, Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sowie der finnische Präsident Alexander Stubb.

Nachdem Trump die Teilnehmenden begrüßte und vorstellte, wurden erste Themenbereiche angesprochen. Bundeskanzler Friedrich Merz, den Trump als "sehr großen Anführer" lobte, machte erneut eine Waffenruhe in der Ukraine zur Voraussetzung für Friedensgespräche.

Laut Merz müsse es "mindestens eine Waffenruhe" geben, um die Glaubwürdigkeit solcher Verhandlungen zu garantieren. Die USA und Europa müssten deshalb "Druck auf Russland ausüben", betonte der Kanzler. Trump schloss eine Waffenruhe zwar nicht aus. Er sagte allerdings in Merz' Richtung, es gebe "viele Punkte" zu beachten.  [….]

(Tagesschau, 18.08.2025)

Wie genau diese Runde zusammengestellt wurde, weiß ich nicht.  Merz, Macron und Starmer repräsentieren die größten Länder. Meloni ist offenkundig dabei, weil sie am besten mit den Rechtsradikalen im Weißen Haus kann. Das gilt auch für Rutte, der sich schon als Meister der schleimspurziehenden Kriecherei an Trumps Hintern erwies.

Es stellt sich natürlich die Frage, wieso Stubb und nicht Ministerpräsidentin

Mette Frederiksen, welche die EU-Ratspräsidentschaft innehat und sich als besonders klar auftretende versierte Außenpolitikerin erwiesen hat.

Vermutlich, weil Trump sie nicht leiden kann. Er findet sie „nasty“, weil sie sich weigert, ihm Grönland zu überlassen. Unter dem Gesichtspunkt wäre es auch besser gewesen, Ursula von der Leyen in Brüssel zu lassen; sie kann auch so gar nicht mit Trump. Aber mutmaßlich war es wieder einmal Foto-Uschis berühmte Eitelkeit, die sie in die erste Reihe zwang.

Generell scheinen mir die großen Hoffnungen auf Verhandlungserfolge aber absurd zu sein. Denn die Frage ist doch, wie man bei einem Waffenstillstand, oder gar einem Friedensabkommen verhindern soll, daß Russland in zwei, vier oder zehn Jahren, wenn es seine Waffenvorräte aufgestockt hat, nicht wieder angreift und sich das nächste Stück aus der Ukraine oder aus Litauen reißt.

Eins wissen wir sicher: Putins Zusagen, Unterschriften, Versprechen sind vollkommen wertlos. Er hält sich ohnehin nicht dran. Das gleiche gilt auch für Trump. Was auch immer er im best case Szenario heute der Ukraine versprechen mag, ist morgen womöglich schon wieder vom Tisch.

Putin könnte durch eine NATO-Mitgliedschaft und eine Sicherheitsgarantie der NATO für die Ukraine wirkungsvoll abgeschreckt werden. Einige ventilieren die Idee, den berühmten NATO-Beistands-Artikel 5 auf das Nicht-NATO-Land Ukraine auszuweiten.

Aber das hat nicht nur Washington ausgeschlossen, sondern wird auch in anderen NATO-Staaten blockiert. Die baltischen Staaten sind NATO-Mitglieder und zweifeln schon sehr stark, ob Trump wegen irgendwelche Mini-Länder, die er nicht vom Balkan unterscheiden kann, einen Weltkrieg mit Putin riskieren würde. Umso weniger wahrscheinlich ist ein ALL IN für die Ukraine.

Ein ernsthaftes Hindernis für Putins Armee würde nur eine massive Truppenpräsenz von NATO-Soldaten bieten. 150.000 NATO-Soldaten im Baltikum, 50.000 in Polen und 300.000 in der Ostukraine.

Eine halbe Million aktive europäische Soldaten, die voll ausgerüstet in modernen Stützpunkten sitzen, über Drohen, Raketenabwehr und fähige Cybermethoden verfügen. Die in der Lage sind, unabhängig von Trumps Launen Aufklärung und Logistik zu betreiben.

Zum Vergleich: Die Bundeswehr verfügte in den 1970ern und 1980ern über knapp 500.000 Soldaten; heute sind es in Gesamtdeutschland ~180.000.
In Westdeutschland stationiert waren vor 1989 außerdem 246.000 Mann aus den USA,  44.000 Soldaten aus Frankreich, 60.000 Briten 26.500 Belgier, 7.500 Holländer und 8.000 kanadische Soldaten.  Insgesamt also rund 900.000 Soldaten in Westdeutschland.

In der DDR standen 380.000 sowjetische Soldaten plus 120.000 Familienangehörige. Die NVA hatte 170.000 aktive Soldaten.

Angesichts dieser Dimensionen wird klar, daß 500.000 NATO-Soldaten für Osteuropa eher bescheiden gerechnet sind.

Es ist aber 2025 eine völlig utopische Anzahl. Kein Westeuropäisches Land verfügt auch nur ansatzweise über genügend Truppen. Außenminister Wadephul schloss gestern aus, daß überhaupt deutsche Soldaten in der Ukraine stationiert werden könnten. Das ist das europäische Dilemma. Europa ist viel zu schwach, hängt an Trumps Rockzipfel und schaffte es in den vergangenen dreieinhalb Kriegsjahren nicht ansatzweise auch nur genügend Munition für die Ukraine zu produzieren.

 Putin sieht das und lacht.

Der gestrige Presseclub mit Susann Link zum Thema war wieder einmal erhellend. Ich empfehle dringend, sich die Sendung anzusehen.


Eine Frage schien aus dem Reich der Verschwörungstheorie zu kommen, wurde aber von allen vier unterschiedlich tickenden Gästen aufgeworfen.

Was hat Putin gegen Trump in der Hand? Was geschah im Beast? Gibt es das berüchtigte „Pee-Tape“ aus Moskau, das Putin ihm wieder zeigte?

Zu auffällig war der Stimmungswandel Trumps: Vor dem Treffen aufgekratzt und fröhlich, anschließend devot von fahrig. Er überließ Putin völlig das Heft des Handelns. Genau wie bei seinem berüchtigten Treffen 2018 in Helsinki.

 

Es waren Wirtschaftsdelegationen mit angereist, deren Treffen abgesagt wurden. Statt sechs Stunden, ging man nach nur drei Stunden auseinander, sagte das Dinner ab. Trump nahm alle Drohungen gegen Russland vom Tisch.

Was hat Putin also in dem geheimnisvollen Treffen zu sechst, oder unter vier Augen im Beast, zu Trump gesagt, das ihn so in sich zusammen sacken ließ?

[….] Drei Tage nach der Farce von Anchorage, die mit dem hochnotpeinlichen Applaus eines amerikanischen Präsidenten für den „Schlächter von Butscha“ auf dem Rollfeld einer US-Militärbasis ihren Anfang nahm und mit dessen kindlich-erregter Reaktion auf eine Einladung nach Moskau endete, fällt etwas auf. [….]  Amerika redet über Russland, die Ukraine und, sofern links der politischen Mitte verortet, darüber, wie Donald Trump zum x-ten Mal nach selbst gesetzten hohen Erwartungen und großen Drohungen in Richtung Russland beigedreht hat und als Bettvorleger gelandet ist. [….]  Nach der Liebedienerei von Anchorage drängt sich wieder die Frage auf: Was hat Putin gegen Trump in der Hand, auf dass der amerikanische Präsident dem Russen ohne rot zu werden permanent aus der selbigen frisst? Mit Strategie, politischer Güterabwägung oder der notorischen Sprunghaftigkeit Trumps ist die bizarre Vorstellung in Alaska jedenfalls nicht zu erklären. 

Weil sich beide Seiten den Fragen der düpierten Weltpresse verweigert haben, sind Mutmaßungen geradezu Pflicht. Dabei kommt man an dem innenpolitisch für Trump nach wie vor viel gefährlicheren Skandal um den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein nicht vorbei, mit dem Trump jahrelang erschreckend dicke war. [….] Es mag verschwörungstheoretisch klingen: Trump und Putin fuhren in Anchorage, absolut ungewöhnlich, ohne jeden Zuhörer zusammen in der Präsidenten-Limousine „The Beast“. Diese wenigen Minuten, sie könnten die eigentlich entscheidenden des bizarrsten amerikanisch-russischen Gipfels seit Ewigkeiten gewesen sein. [….]

(Dirk Hautkapp, Abendblatt, 17.08.2025)

Ich kann selbstverständlich auch nur rätseln und will nicht verschwörungstheoretisieren. Aber offensichtlich ist auf Trumpmerica kein Verlass. Putin übt irgendeinen Einfluss auf den US-Präsidenten aus.

Europa muss sich selbst helfen und im Zweifelsfall autark gegen Russland und die USA aufstehen.

Unglücklicherweise sind wir dazu aber zu schwach und kein Politiker traut sich, dem Volk reinen Wein einzuschenken.


 

Sonntag, 17. August 2025

Vergewaltigung der Realität.

 

Verschwörungstheorien sind für Idioten so attraktiv, weil sie einfache Antworten auf komplexe Fragen liefern. Falsche Antworten zwar, aber dafür passen sie besser zu dem eigenen schlichten Weltbild, als die Fakten.

Deswegen müssen Doofe und Rechte sich auch nicht weiterbilden. Sie sind schließlich mit den simplen (aber falschen) Erklärungen zufrieden und haben immer passende Sündenböcke zur Triebabfuhr. „Die Grünen sind schuld. Die Ausländer sind schuld. Der linksgrünversiffte Mainstream ist schuld. Die Systemmedien sind schuld.“

Gebildete Menschen haben es schwerer, weil ihre Erkenntnis der Realität immer mehr Fragen aufwirft, denen man nachgehen muss.

Leseratten kennen das Phänomen von ihren wachsenden Bücherregalen. Je mehr Bücher man im Leben gelesen hat, desto mehr (und nicht etwa weniger) bleiben übrig, die man unbedingt noch lesen will. Je mehr Naturwissenschaftler unsere Welt entschlüsseln, desto mehr Forschungsfelder tun sich auf.  

Vieles, mit dem wir täglich konfrontiert werden, erweist sich als immer hochkomplexer, je mehr wir darüber wissen. Eine Krebsbehandlung bestand Jahrhundertelang aus Aderlass und Gebeten. Im Jahr 2025 gibt es nicht etwa nur studierte Ärzte, sondern unter ihnen wiederrum als Spezial-Spezialisten Onkologen, die sich aber mittlerweile in Spezial-Spezial-Spezialisten aufteilen: Für jedes Organ gibt es spezialisierte Onkologen; dazu Hämato-Onkologie, Nuklearmedizin, Radiologie, Labormedizin, Pathologie, Psychoonkologie, Stammzellenonkologie, Palliativonkologen, etc.

Lungen- oder Magenkrebs sind daher nicht mehr unbedingt ein Todesurteil, aber die Behandlung ist extrem aufwändig, die Forschung daran enorm teuer.

Glücklicherweise gibt es aber im Alltag der Menschen auch viele überholte Probleme, die technisch hinreichend gelöst sind. Wärmepumpen klimatisieren effektiv unsere Häuser und zur nachhaltigen Energieerzeugung kann man sich Solarpanels auf das Dach legen. Da gibt es jeweils technisch überhaupt keine Probleme mehr und viel Fachwissen ist dazu nicht erforderlich.  Insbesondere in Industriestaaten, die wie die USA wohlhabend genug sind, um diese Techniken anzuschaffen und in denen, wie in Kalifornien, die Sonne kostenlos enorme Energie auf die Dächer brennt, muss man zur Energiegewinnung also kein klimaschädigendes Kohlendioxid in die Luft blasen. Es geschieht aber dennoch, weil in Washington eine ideologische Idioten-Regierung amtiert, weil die Mehrheit der US-Wähler bedauerlicherweise ebenfalls Vollidioten sind. Die SZ-Kolumnistin in Los Angeles berichtet Ungeheuerliches.

[….] Wir schwitzen in Kalifornien gerade in einer offiziellen Hitzewelle der Stufe „hochgefährlich“. Die dritte in zwei Monaten. Dazu passt die gute Nachricht des Sommers wie ein Sonnenbrand: Die Umweltbehörde EPA, die bisher die Aufgabe hatte, die Umwelt zu schützen (das EP stand bisher für „Environmental Protection“, ab jetzt für „Extreme Pinocchio“), hat gerade die offiziellen Emissionsziele mit einer bahnbrechenden Erkenntnis gekippt: Treibhausgase seien gar nicht schädlich und auch nicht maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich. Mit dieser frohen Botschaft werde er „einen Dolch durch das Herz der Klimawandel-Religion stoßen“, verspricht fröhlich der oberste Umweltbeauftragte, Lee Zeldin, als handle es sich bei den steigenden Temperaturen um eine Glaubensfrage, die sich mit Knoblauchzehen und einigen Ave-Maria lösen ließe. [….] Kohlekraftwerke in den USA dürfen jetzt weiter lustig vor sich hin rauchen – ganz ohne nervige CO₂-Grenzwerte. Auch mehr Quecksilber in der Luft, Smog in Städten und Chemikalien im Wasser werden die Amerikaner künftig wieder tolerieren müssen, denn die EPA schafft Dutzende Grenzwerte für Gifte ab, selbst wenn das geschätzte 200 000 Menschenleben kosten dürfte. Wer braucht schon saubere Luft, wenn man auch PR-Mitteilungen einatmen kann?

Den wissenschaftlichen Arm der EPA hat Zeldin einfach geschlossen, denn die Wissenschaftler sagen selten, was er hören will. Die Trump-Regierung will sogar zwei perfekt funktionierende Satelliten abschießen, obwohl sie (oder weil sie?) aus dem All die Kohlendioxid-Konzentration zuverlässig messen. Die Abrissbirne macht aus Klimaschutz ab sofort Ermessenssache. [….]

Ich wollte eigentlich Solarpaneele auf unserem Dach installieren. Daraus wird nun nichts, denn die sind hier unglaublich teuer. Die EPA hat sieben Milliarden Dollar für Solarförderung und 20 Milliarden für alternative Energien, die Bidens Regierung längst bewilligt hatte, einfach storniert. Obwohl wir in Kalifornien mehr Sonne haben, als uns guttut: Auch auf den Dächern meiner Nachbarn prallt die sengende Sonne überall auf Ziegel, nirgendwo auf Solarpaneele. [….] Die Regierung hat gerade eine neue Website Heat.gov gestartet, auf der sie Tipps gegen Hitzestress gibt. Die wichtigsten: Klimaanlage einschalten und Wasser trinken. Alles so easy. [….]

(Michaela Haas, 14.08.2025)

Es ist dramatisch, den Kampf gegen Pankreaskrebs zu verlieren; es ist tödlich; muss aber akzeptiert werden, weil solche Tumore nach heutigem technischen Stand trotz Bemühungen oft nicht zu stoppen sind.

Es ist dramatisch den Kampf gegen den Klimawandel zu verlieren; letztlich für alle tödlich; kann nicht akzeptiert werden, weil wir es besser wissen und besser können. Wir wollen aber keine Lösung, obwohl unstrittig ist, daß kein Klimaschutz sehr viel teurer, als der teure Klimaschutz ist.


Die technischen Möglichkeiten haben wir auch in Deutschland, werden aber ebenfalls von einer todessehnsüchtigen Fossillobby-Regierung ausgebremst, die ins Amt kam, weil die Mehrheit der deutschen Wähler Vollidioten sind.

[….] Netzbetreiber nutzen bereits die Reiche-Narrative.

Beispiel aus Reutlingen: Dort dürfen 300 Bürger ihren überschüssigen Strom nicht mehr ins Netz einspeisen. Die FairNetz GmbH, der lokale Netzbetreiber, begründet das so:

"Das Stromnetz hat sich von einem reinen Verbrauchsnetz zu einem dezentralen Erzeugungsnetz gewandelt - schneller, als es in bisherigen Prognosen vorhersehbar war."

Ich würde es eher so ausdrücken:

"Wir haben als Netzbetreiber in den letzten 20 Jahren andere Prioritäten gehabt und Ausbau zum dezentralen Erzeugungsnetz verpennt. Es tut uns total leid, dass jetzt private Anlagenbesitzer hierunter zu leiden haben. Wir entschuldigen uns dafür und entschädigen natürlich auf andere Weise."

Weiter heißt es beim SWR:

"Immer mehr private Erzeuger" würden "immer mehr Strom aus ihren Photovoltaik-Anlagen ins Netz einspeisen" - ja zappalott! Es ist der Job der Netzbetreiber genau das abzufedern.

So seien jetzt 300 Kunden aus #Reutlingen über eine zwangsweise Null-Einspeisung informiert. Aktuell speisen 11.700 Photovoltaikanlagen - und damit jedes fünfte Dach in Reutlingen - Strom in das Netz der FairNetz ein. Weitere Anlagenbetreiber dürfen ihre Anlagen bauen, erhalten die "Einspeisegenehmigung" dann aber später.

Und weiter: "Deshalb muss die FairNetz eigenen Worten zufolge Transformatoren austauschen, neue Ortsnetzstationen errichten und kilometerweit neue Kabel verlegen. Aber gerade, was neue Ortsnetzstationen angehe, so die FairNetz, stehe sie vor Herausforderungen, weil die kommunalen verfügbaren Flächen begrenzt seien. Das Unternehmen sei also dankbar, wenn sich die Besitzer privater Flächen - ab 16 Quadratmetern - melden."

Ernsthaft? Der Ausbau scheitert an kommunalen Flächen von der irren Dimension von 16 Quadratmetern?!?  […..]

(Cleanthinking, 16.08.2025)


Aus ideologischer Verblendung und/oder kurzfristiger Raffgier wollen Merz, Spahn und Reiche uns in den Hitzetod treiben.

[….] Die Reaktion insbesondere unionsgeführter Regierungen der vergangenen Jahrzehnte war verlässlich die gleiche: erst mal bremsen (egal, ob die anderen das auch tun). Deutschland setzte auf Kupferkabel statt Glasfaser, das mobile Internet galt lange als etwas alberne Spielerei, das Smartphone auch. Die Digitalisierung der Verwaltung steht als Ziel in jedem Koalitionsvertrag. Immer wieder.

Beim Thema künstliche Intelligenz war es das Gleiche: spätestens mit dem Sieg von AlphaGo gegen den Go-Meister Lee Sedol im Jahr 2016 hätte eigentlich klar sein müssen, dass gerade eine neue Ära der Technikgeschichte begonnen hat. Exemplarisch für die Bräsigkeit deutscher Regierungen im Umgang mit Transformationsprozessen war ein Satz des damaligen Wirtschaftsministers Peter Altmaier, gesprochen im Jahr 2018 bei einem der zahllosen, stets folgenlosen »Digitalgipfel«: Er freue sich auf eine Zukunft, scherzte Altmaier damals, in der ihm ein in Deutschland hergestellter Digitalbutler das Bier aus dem Kühlschrank hole. So stellen Unionsminister oft die Zukunft dar: wie die Vergangenheit, nur noch ein bisschen bequemer. [….] Unionsgeführte Regierungen reden immer viel von Strategie und Veränderungswillen und tun gleichzeitig möglichst viel dafür, den armen Deutschen die Veränderung möglichst lang vom Leib zu halten. Verbrenner retten! Gasheizung erhalten! Man versucht jetzt, das absolut unausweichliche Ende des Verbrennungsprozesses als zentraler Energiequelle zu ignorieren, zu vertagen, zu bremsen, zu verschieben. Das wird sich ebenso rächen wie bei den Themen Digitalisierung, Internet, künstliche Intelligenz. Denn die anderen warten nicht. [….] Huch, Elektroautos! Huch, Batteriespeicher! Huch, Wärmepumpen! Huch, billiger Strom aus Sonne und Wind! Huch, China! Huch, exponentielles Wachstum!

Man kann gerade live beobachten, wie eine unionsgeführte Regierung erneut versucht, die Fehler der Vergangenheit sehenden Auges zu wiederholen. Die Parallelen sind verblüffend. Aber die geopolitischen Gefahren womöglich noch größer.

Konkret zeigt sich das an der Kommunikation der Wirtschaftsministerin: Katherina Reiche (CDU) hat in den ersten zehn Wochen ihrer Amtszeit zum Thema Energiewirtschaft praktisch ausschließlich Dinge gesagt und getan , die fossilen Geschäftsmodellen nutzen und Elektrifizierung und erneuerbaren Energien schaden sollen. Gas wird billiger, Strom bleibt teuer, Gasheizungen sollen so lang wie möglich weiterlaufen, der Vorrang für grünen Wasserstoff wird gekippt, in der Nordsee soll Gas gefördert werden, und Reiche will so viele Gaskraftwerke bauen lassen, dass die EU zweifellos intervenieren wird.

Ende August soll ein von Reiches Ministerium in Auftrag gegebener »Monitoringbericht« erscheinen. Er wurde dem Anschein nach mit einem sehr konkreten Ziel bestellt: den Ausbau der erneuerbaren Energien abzubremsen, weil der angeblich zu schnell gehe und damit zu hohe Kosten verursache. »Überzogen« hat Reiche diesen Ausbau schon einmal genannt, jetzt braucht sie Argumente dafür, dass sie damit recht hatte. [….]

(Prof. Christian Stöcker, 17.08.2025)

Samstag, 16. August 2025

Spindoktoren am Limit

Bis vor einem halben Jahr war die außenpolitische Lage für Putinella Wagenknecht und die AfD wunderbar übersichtlich.

Man hasste die Ukraine, verachtete alle Ukraine-Unterstützer, blickte voller Abscheu auf die Biden-Administration und liebte Putin.

Der Trump-Wahlsieg war natürlich hochwillkommen, weil die Top-MAGAs mit der Forderung nach einem Stopp aller Ukraine-Hilfen Wahlkampf gemacht hatten. Die Probleme begannen, als sich Trump gelegentlich gegen Russland manipulieren ließ. Bei der Bergoglio-Beerdigung saß er friedlich, geradezu intim mit Wolodymyr

Selenskyj zusammen. Er setzte wütende „Truths“ gegen Putin ab, verlangte Bombardierungsstopp, stellte Ultimaten und schickte gar ein Atom-Uboot gen Russland. AfD/BSW waren zwischen ihren beiden Idolen Trump und Putin zerrissen. Wie verzweifelte Scheidungskinder, die beim Mami UND Papi bleiben wollen. Die demonstrative Unterstützung der AfD aus Washington (Musk!) schien Weidel ins US-Lager kippen zu lassen. Aber andererseits waren die Verbindungen zum Kreml über die Jahre so intensiv geworden, daß man sich nicht vollständig gegen Putin stellen konnte.

Was muss das gestern für eine Erlösung gewesen sein, als Trump dem international gesuchten Kriegsverbrecher Putin die allerhöchsten Ehren zukommen ließ, ihn auf dem Roten Teppich beklatschte, betätschelte und im Beast mitfahren ließ!

Dementsprechend sind die sogenannten „alternativen Medien“ und rechtsradikalen Blogs heute überglücklich. David Berger interpretiert den scheinbaren Misserfolg  - es gab keinen Deal, keinen Waffenstillstand – flugs zum Sensationssieg seiner beiden Helden um: Anders als die verachteten „Systemmedien“ und „Kriegstreiber der EU“, wolle Trump eben keine fragilen schnellen Waffenstillstand zu Showzwecken, sondern wahren dauerhaften Frieden auf der Welt. Da sei er sich mit Putin einig, der sich bekanntlich ebenfalls ganz rührend um die Sicherheit der Ukraine sorge.

Für den rechten Mob ist die Welt jetzt wieder in Ordnung.

Für alle Menschen mit einem IQ über Zimmertemperatur sieht es freilich völlig anders aus: Putin hatte erwartungsgemäß kaum Mühe den intellektuell unterbelichteten Trump auf ganzer Linie auszutricksen, seine Agenda durchzusetzen. 

Der internationale Presse-Tenor ist eindeutig: Trump erlitt ein Desaster.

[….] Als die F-22-Kampfjets über die beiden Staatschefs hinwegdonnerten – ironischerweise stationiert auf einer Basis, deren Piloten sich traditionell als erste Verteidigungslinie gegen russische Aggression verstehen –, hätte die Perversion des Moments nicht deutlicher sein können. Die Waffen, die Amerika zum Schutz der freien Welt gebaut hatte, bildeten nun die Kulisse für die Kapitulation vor einem Aggressor. Putin hatte allen Grund zu grinsen. [….] Putin sprach zuerst, mit der routinierten Gelassenheit eines Mannes, der wusste, dass er gewonnen hatte. Die Gespräche seien „konstruktiv und inhaltsreich“ verlaufen, verkündete er. „Wir haben mit Herrn Trump gute direkte Kontakte aufgebaut.“ Direkte Kontakte – das war Kreml-Sprech für: Ich habe bekommen, was ich wollte. Trump nickte dazu wie ein zufriedener Geschäftspartner nach einem erfolgreichen Deal. [….] Dann kam der Moment, der die ganze Farce krönte. Putin, in seinem besten Englisch, das er sonst so gerne hinter vorgeschobener Sprachbarriere versteckt, wandte sich an Trump: „Next time in Moscow.“ Das nächste Mal in Moskau. Man muss sich die Ungeheuerlichkeit dieser Einladung vor Augen führen: Der Präsident der Vereinigten Staaten sollte in die Hauptstadt des Aggressors reisen, in die Stadt, von der aus der Befehl zur Vernichtung ukrainischer Städte erteilt wird. Und Trump? „I could see it possibly happening“, antwortete er mit einem Lächeln. Er könne sich vorstellen, dass das passiert. [….] Putin konnte die Bilder seiner Rehabilitation auf amerikanischem Boden in Endlosschleife über die russischen Staatsmedien laufen lassen. [….] Aber nun hatte Putin die Regie übernommen. Moskau sollte es sein. In Putins Hauptstadt, unter Putins Bedingungen, in Putins Inszenierung. Selenskyj würde vor die Wahl gestellt: Entweder er reist in die Hauptstadt des Aggressors und legitimiert damit Putins Position, oder er bleibt fern und wird als Friedensverweigerer dargestellt. Eine perfekte Falle, und Trump war bereitwillig hineingetappt. […]

(Rainer Hofmann, Kaizenblog, 16.08.2025)

Der Kreml-Chef ist der große Gewinner, Trump blamiert und die Ukraine die ganz große Verliererin. Trump schob tatsächlich Selenskyj den Schwarzen Peter zu, nachdem Putin bei seinen Maximalforderungen geblieben war. Die Ukraine müsse nun liefern.

Unnötig zu erwähnen, daß alle linken und liberalen Kräfte Deutschlands entsetzt sind. Aber was würden die nach AfD und BSW Trump-affinsten Kräfte, nämlich CDU und CSU sagen?

[….] Topdiplomat Wolfgang Ischinger konstatiert einen Erfolg für Putin. »Kein wirklicher Fortschritt – ganz klar 1:0 für Putin – keine neuen Sanktionen«, schrieb Ischinger auf X . Putin habe seinen roten Teppich mit Trump bekommen, Trump dagegen nichts. Wie zu befürchten gewesen sei, gebe es keinen Waffenstillstand und keinen Frieden. »Für die Ukrainer: nichts. Für Europa: tiefst enttäuschend«, so der frühere Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz.

Der Sicherheitsexperte Carlo Masala von der Bundeswehr-Universität München sieht Russlands Machthaber gestärkt. »Putin musste sich auf keinen sofortigen Waffenstillstand einlassen, dennoch wird es deshalb keine, wie von Trump angekündigt, Verschärfung der Sanktionen geben«, sagte Masala dem SPIEGEL. Putin durfte seine Maximalforderungen auf der Pressekonferenz mit Trump wiederholen. »Putin kann nach Moskau zurückfliegen und seinen Krieg fortsetzen«, so Masala. Trump hingegen schiebe »die Verantwortung für die Beendigung des russischen Aggressionskrieges erneut der Ukraine und den Europäern in die Schuhe«.

Der stellvertretende Unionsfraktionschef Norbert Röttgen sieht Wladimir Putin als Gewinner des Treffens. »Trump wollte zwar einen Waffenstillstand erreichen, aber Putin hat daran kein Interesse«, sagt der CDU-Politiker der Nachrichtenagentur Reuters. Es seien zwar offensichtlich keine konkreten Absprachen getroffen worden. »Putin geht trotzdem als Sieger aus dem Gipfel hervor. Er hat eine vor Kurzem noch unvorstellbare diplomatische Aufwertung durch den US-Präsidenten erfahren und es erneut geschafft, Trump von seinen Sanktionsandrohungen abzubringen«, betont Röttgen.

Der CDU-Außenexperte Roderich Kiesewetter sprach von einem »schwarzen Freitag«. »Es gibt keinen Waffenstillstand, und es gibt auch keine ernsthaften Konsequenzen«, sagt der CDU-Politiker in der ARD. Stattdessen gebe es eine Einladung an Trump nach Moskau. Dies stehe in »eklatantem Widerspruch« zu dem unfreundlichen Empfang von Selenskyj im Weißen Haus. Putin habe kein Interesse an Verhandlungen, Trump habe ihm aber einen Auftritt auf der internationalen Bühne »auf Augenhöhe« ermöglicht. »Er wirkt rehabilitiert, während der Krieg fortgesetzt wird.«  [….]

(Zitiert von SPON, 16.08.2025)

Merz musste sich schon weit ins Reich des Absurden bewegen, um dem Desaster-Gipfel Positives abzugewinnen und damit seine eigenen (offenkundig total gescheiterten) Bemühungen im Vorfeld schönzureden.

[…] Der Kanzler sah aber auch Positives - zum Beispiel, dass Trump gegenüber Putin keine Zugeständnisse im Hinblick auf das ukrainische Territorium gemacht habe. Das sei auch in den Vorgesprächen der Europäer und des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit Trump ein "ganz kritischer Punkt" gewesen.

Überhaupt habe der US-Präsident keinen der Punkte, die im Vorfeld gemacht worden seien, abgeräumt. "Trump bewegt sich innerhalb dieser Linie, die wir miteinander besprochen haben", sagte Merz. Das sei "ein guter Fortschritt".

Auf dem Weg nach Alaska habe der US-Präsident noch gesagt, ein Waffenstillstand sei "das Allerwichtigste", so Merz. Nun solle es "noch etwas Größeres werden, nämlich gleich ein ganzes Friedensabkommen" - und das innerhalb kürzester Zeit.  [….] Kanzler Merz begrüßte die Bemühungen von Trump, den Krieg zu beenden sowie "einen gerechten und dauerhaften Frieden" zu erreichen. [….]

(ARD, 16.08.2025) 

„Guter Fortschritt? Man muss wohl ein so geübter Lügner wie Merz sein, um das ohne Schamesröte verkünden zu können.

„Merz begrüßte die Bemühungen von Trump, den Krieg zu beenden“? Das Gegenteil ist wahr. Trump ist das Schicksal der Ukrainer völlig egal. Er will das Lob Putins, einen Deal und den Friedensnobelpreis.

[….] Die Präsidenten der USA und Russlands wollen ihre Beziehungen normalisieren. Die Ukraine und alles andere ist ihnen egal. [….] Wenn ein gelernter Immobilienhändler und ein gelernter Geheimdienstler aufeinandertreffen, also ein professioneller Schwindler und ein professioneller Lügner, sollte man ihren Worten keine allzu große Wichtigkeit beimessen. Die Bedeutung des Treffens [….] liegt im Ereignis an sich: ein Schulterschluss zwischen zwei Staatschefs, die sich beide für die mächtigsten auf dem Planeten halten und deren gemeinsames Interesse darin besteht, die Welt des Jahres 2025 um ungefähr 50 Jahre zurückzusetzen, als die USA und die Sowjetunion tatsächlich die beiden einzigen Supermächte waren. [….]

Die Ukraine spielt dabei nur als Störfaktor eine Rolle. Für Putin ist die Existenz der unabhängigen Ukraine ein Ergebnis westlicher Einmischung in innere Angelegenheiten Russlands, [….]  Für Trump ist der Krieg in der Ukraine ein Hindernis auf dem Weg zu lukrativen Geschäften der USA mit dem ressourcenreichen Russland [….]

(Dominic Johnson, 16.08.2025)

Für die Ukraine ist es selbstverständlich ein Desaster, daß Trump auf die Linie Putins einschwenkte und nun keinen sofortigen Waffenstillstand mehr fordert. Die ganze Absurdität einer solchen Hoffnung aber, brachte heute Emmanuel Macron zum Ausdruck: Was auch immer Putin in Anchorage versprochen hätte, wäre relativ bedeutungslos, da wir leider sehr genau wüßten, daß Russland sich nicht an eigene Zusagen hielte. 

[….] Wer Donald Trump bislang besondere außenpolitische Fertigkeiten bescheinigt hat, muss spätestens jetzt erkennen, dass davon - gelinde gesagt - keine Rede sein kann. [….] Da rollte Trump dem Kriegstreiber aus dem Kreml wortwörtlich den roten Teppich aus. Er begrüßte Putin applaudierend und mit demonstrativer Wärme - so, als hätte er einen alten Schulfreund nach Jahren wiedergetroffen. Zu guter Letzt bestieg er noch gemeinsam mit Putin die US-amerikanische Präsidentenlimousine. Ein größeres Hofieren hätte es kaum geben können.

Im Gegenzug dafür erhielt Trump inhaltlich praktisch nichts. Mitnichten konnte er nach drei Stunden eine Waffenruhe in der Ukraine verkünden. Die Tatsache, dass beide die gemeinsame Pressekonferenz auf ein Verlesen von Statements reduzierten und ohne Fragen zuzulassen wieder verschwanden, sprach Bände. Trumps Körpersprache und Mimik ebenso. Er hatte sich von Putin in bester Manier vorführen lassen. [….] Was vom Alaska-Treffen überdies bleibt, sind Bilder, die jede anständige Person verbittern müssen, dabei besonders die Menschen in der Ukraine. Jene Menschen also, die Putin seit Jahren töten und foltern, deren Kinder er verschleppen lässt. Statt ihn zur Rechenschaft zu ziehen, hat Trump den Paria Putin zurück auf die weltpolitische Bühne geholt, ohne ihm bisher jegliche Konzessionen abzuringen.

Putins Verhandlungsposition ist damit gewaltig gestärkt, bevor ernsthafte Gespräche über ein Ende des Krieges überhaupt begonnen haben. [….] Die Unverfrorenheit, mit der die russische Delegation in Alaska aufgetreten ist, als sich etwa Außenminister Sergej Lawrow mit einem Pullover mit UdSSR-Schriftzug ablichten ließ, zeigt, dass sich Moskau in seiner Haltung jetzt erst recht bestärkt fühlen dürfte. [….]

(Patrick Sawicki, DLF, 16.08.2025)

Dem Post-Anchorage-Panel auf CNN folgte ich diesmal nur kurz. Zu absurd war das Gekappel. Die Trump-Kritiker beklagten den direkten Überflug der US-Jets. Putin sei erfahrener KGB-Agent und könne aus der Nähe wichtige Informationen über die Bomber gewinnen, hätte womöglich eine Wanze im Beast platziert.

Als ob der russische Geheimdienst nicht längst wüßte, wie ein US-Tarnkappenbomber funktioniert.

Die Trump-Fans hingegen ergötzten sich an der Macht-Demonstration des Überflugs. Denn Putin verstünde nur Stärke. Es sei schließlich nicht irgendein B2-Bomber gewesen, sondern die Maschine, die just mit den zwei Tonnen schweren Bunkerbrechern im Iran war. Was für ein genialer Schachzug Trumps, um die russische Seite einzuschüchtern.

Aber noch nicht einmal die Ultra-MAGAs auf FOX konnten einen Deal als Ergebnis erkennen. Immerhin wurde auf CNN aber ein Grundproblem benannt, das absurderweise in Merzens neuer EU/GB/UKR-Gang ignoriert wird: Gesetzt den Fall, man hätte Trump tatsächlich vor Alaska erfolgreich eingenordet (höchst unwahrscheinlich) und es wäre dem Orangen Opa gelungen, Putin zu einem weitreichenden Deal zu überreden (noch viel unwahrscheinlicher), so daß das Best Case-Szenario erreicht worden wäre: Was hätte das genutzt? Trump trägt schließlich schon den Namen TACO, weil jeder weiß, daß seine Ansagen immer nur maximal ein paar Tage dauern. Er hält sich ohnehin an keine Linie und verkündet kurz nach einer Forderung gern wieder das Gegenteil. Man erinnere sich nur an das Desaster des Rausschmisses von Selenskyj aus dem Weißen Haus am 28.02.2025. Da dachten alle, das Tischtuch zwischen den USA und der Ukraine wäre für immer zerschnitten. Am 26.04.2025 bei Bergoglios Beerdigung waren Trump und Selenskyj wieder engste Freunde. Eben noch schickte Trump wüste Zolldrohungen und U-Boote gen Moskau, nun herzt und befummelt er Putin.

Es ist a priori absurd mit Trump über irgendetwas zu verhandeln, ob nun Zölle, Atomabkommen oder Frieden. Der Idiot hat es ohnehin einen Tag später vergessen und hält sich an keinerlei Vereinbarungen. Er ist stolz darauf höchste Gerichtsurteile und die US-Verfassung zu missachten. Wieso sollte er sich daran halten, was er mit irgendeinem Merz oder Leyen verabredet?

Die Trump-Präsidentschaft ist der Untergang der USA und für den Rest der Welt eine einzige Shitshow aus Absurditäten. Das war vor Anchorage klar.

Ich kann dazu nur den genialen Aufsatz „Die zwei Horrorclowns“ von Irina Rastorgueva empfehlen.

[…] Die Beziehung zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Wladimirowitsch Putin und dem amerikanischen Präsidenten Donald John Trump erinnert an ein Clownsduo, in dem Trump die Rolle des lebensfrohen und lächerlichen rothaarigen August spielt und Putin die Rolle des traurigen und arroganten Weißclowns. Die politischen Äußerungen der beiden sind reine Farce – vom Versprechen des einen, in drei Tagen Kiew zu erobern, bis zum Versprechen des anderen, den Krieg in 24 Stunden zu beenden. Und nun das Treffen in Alaska. […] Das Treffen in Alaska nun wird von den russischen Medien und Online-Propagandisten ebenfalls als Grund zum Stolz und nicht als Möglichkeit zur Beendigung des Krieges wahrgenommen. Natürlich ist aus ihrer Sicht der Ort des Treffens eine Verbeugung vor der „gemeinsamen Geschichte“. Die Schlagzeilen überschlagen sich: „Alaska gehört uns!“. Das Team eines föderalen TV-Senders veröffentlichte bereits einen Beitrag aus Anchorage, in dem es behauptet, dass es in Alaska mehr als 700 Ortsnamen mit russischen Wurzeln gebe. Im Internet kursieren Gerüchte, dass Alaska von Katharina II. an Amerika verpachtet worden sei und nun die Laufzeit des Vertrags verlängert werden müsse. Tatsächlich wurde das Territorium von Alexander II. verkauft, aber angesichts der Vorliebe russischer Politiker für Geschichtsfälschung sollte Trump (der dieselbe Vorliebe hat) vorsichtig sein. Erst suchen sie nach russischen Ortsnamen, und dann verteidigen sie die Rechte der russischsprachigen Bevölkerung mit Raketen.

Vor dem Treffen mit Vlad, wie Trump Putin kumpelhaft nennt, gab der US-Präsident eine Pressekonferenz, in der er erklärte, dass er Putins Zustimmung zu einem Treffen in den USA und nicht in Russland oder einem Drittland als sehr respektvoll empfinde. Das heißt, der Besuch eines Mörders und Diktators im eigenen Haus ist in erster Linie eine Ehre

Nebenbei bemerkten Journalisten von Sky News, dass sich Trump während der Pressekonferenz in einem nicht unwesentlichen Punkt zweimal versprochen hat. Zu Beginn sagte er: „Wissen Sie, ich werde mich mit Putin treffen. Am Freitag fahre ich nach Russland“, und wenig später sagte er erneut: „Wir fahren nach Russland. Das wird ein großes Ereignis.“ Insgesamt ist also wieder einmal unklar, wer sich wo mit wem treffen wird, aber die US-Luftwaffe hat für alle Fälle versprochen, den Himmel über Anchorage zu sperren. Damit sie nicht aneinander vorbeifliegen.

Der US-Präsident glänzte weiter mit seinen geografischen Kenntnissen, als er erklärte, dass die Ukraine „sehr wertvolle Gebiete, hauptsächlich die Ozeanküste“, verloren hat und dass Russland nach Beginn des Konflikts „innerhalb von vier Stunden“ in Kiew hätte sein können, aber einer der Generäle habe beschlossen, über die Felder zu fahren statt über die Autobahn. All diesen Unsinn sagte er völlig ernsthaft und aufrichtig, ähnlich wie Putin, wenn er Vorträge über die Geschichte Russlands hält und behauptet, dass Lenin die Ukraine erfunden habe. […]

(SZ, 13.08.2025)