Sonntag, 25. April 2021

Unsichtbare Vernunft

Nach 15 Monaten Pandemie in der Welt nervt mich am meisten, immer wieder Zeuge davon werden zu müssen, wie eigentlich hochvernünftige intelligente Menschen entweder selbst einen Aluhut aufsetzen, oder aber sich so äußern, daß vollkommen erwartbar AfD und Verschwörungstheoretiker ihren Honig daraus saugen.

Von Schlagersängern, Fernsehköchen, Rechtspopulisten wie Lindner, Reality-TV-Sternchen erwarte ich ohnehin nichts Gutes.

Aber es gibt leider auch eine länger werdende Liste von namhaften Journalisten, die auch langsam abdriften. Ich nenne bewußt keine Namen, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit dafür zu generieren.

Ich staune über die „Hygienedemonstranten“, die Arm in Arm mit Neonazis in Stuttgart und Berlin und Dresden umherspazieren, über die überproportional viel in Film, Funk und Fernsehen berichtet wird, die aber hartnäckig behaupten, sie kämen in den klassischen Medien nicht vor.

Das sind alles kleine Reinkarnationen von QAnonistin Marjorie Taylor Green, die nach dem versuchten Sturm des US-Capitols mit einem ZENSUR-Mundschutz an das Rednerpult des Repräsentantenhauses trat und jammernd beklagte, ihre Meinung nicht äußern zu dürfen, während sie im Zenit der Aufmerksamkeit der Weltpresse stand und von hunderten TV-Stationen übertragen wurde.

Die Lauten, die Fiesen und die Doofen sind viel sichtbarer als die Vernünftigen, die alle die Berichte und ausführlichen Dokumentationen aus den Krankenhäusern kennen, in denen derzeit schon über 5.000 Covid-19-Patienten mit enormen Aufwand behandelt werden, die um die 80.000 Toten in Deutschland wissen und sich daher auch an die Hygieneregeln halten.

Gelegentlich werden aber auch die Vernünftigen laut. Nach der katastrophal verunglückten Jan-Josef-Liefers-Aktion, gibt es nun die viel beachtete Reaktion #allemalneschichtmachen des medizinischen Personals.

Viel zu viel Aufmerksamkeit wird auch den schweren Religioten geschenkt, die sich immer noch hartnäckig für die Kindermissbrauchs-Organisation RKK einsetzen.    Niemand bei klarem Verstand würde auf Einsicht der Männer wie Müller, Ratzinger, Woelki, Heße, Marx, die sich seit Jahrzehnten bemühen Kinderfic**r zu beschützen und ihr Tun weiter ermöglichen, setzen.   Sie stehen für eine Organisation, die sich bis heute nicht den deutschen Gesetzen unterwerfen will, sondern ausschließlich auf das Kirchenrecht setzt, welches bezeichnenderweise in der Vergewaltigung von Kindern gar keinen Straftatbestand erkennt. Nur der Verstoß gegen den Zölibat wird geahndet.

[…..] Dass Kleriker zu Missbrauchstätern wurden und werden, liegt vielleicht sogar in der inneren Logik der Kirche begründet. Um das zu verstehen, hilft ein Blick ins Kirchenrecht: Kirchenrechtlich wird sexueller Missbrauch bis heute rein vom Priester her gedacht. Kirchenrechtlich gesehen verstößt ein Priester, der sich an einem Kind, Jugendlichen oder Erwachsenen vergeht, gegen das sechste Gebot: "Du sollst nicht ehebrechen." Und weil der zölibatär lebende Priester mit der katholischen Kirche verheiratet ist, betrügt er lediglich die Kirche. Die Opfer kommen als Geschädigte nicht vor, sie sind gar nicht da.  Aus diesem Grund haben Betroffene von sexuellem Missbrauch in kirchenrechtlichen Verfahren gegen Täter bis heute keinerlei Rechte. Sie können keine Akten einsehen, sie können nicht als Nebenkläger auftreten, sie sind nur Zeugen. Die katholische Kirche könnte etwas dagegen tun, sagt zum Beispiel die Theologin Doris Reisinger: Sie könnte ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung in ihren Rechtsnormen verankern; im weltlichen Bereich ist dies etwas völlig Selbstverständliches. Doch wenn sie das täte, müsste sie den Gläubigen auch zugestehen, über ihr Schlafzimmer selbst zu entscheiden. Hier liegt der Knackpunkt: katholische Kirche und Selbstbestimmung des Menschen - das geht offenbar nicht zusammen. […..]

(Annette Zoch, 19.03.2021)

Politikern wie Annette Schavan, Wolfgang Thierse oder Winfried Kretschmann, die sich für so ein Kindermissbrauchssystem engagieren, indem sie sogar im Zentralrat der Katholiken sitzen, kann ich nicht vertrauen.

Noch-ZdK-Chef Sternberg ist begeistert, daß sich so viele Prominente wie nie für seinen homophoben, frauenfeindlichen Verein einsetzen, der Kindervergewaltiger schützt, Frauen als minderwertig erwachtet, Waffen segnet, aber keine Schwulen!

[…..] Zahlreiche Schwergewichte wie Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann sind ausgeschieden. Neu dabei sind die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Auf die 45 Plätze für Einzelpersönlichkeiten haben sich so viele Menschen beworben wie noch nie, insgesamt 105 - und das "trotz des schlechten Bildes der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit", so Sternberg. Das sei "beeindruckend". [….]

(SZ, 24.04.2021)

Schande über Dreyer, Thierse, Monika Grütters, Maria Böhmer, Emilia Müller, Schavan, Kretschmann, AKK, Armin Laschet, Hildegard Müller, Dieter Althaus, Christa Nickels, Andrea Nahles, Rita Süßmuth, Philipp Rösler, Daniel Günther, Rainer Haseloff, Maria Flachsbarth, Erwin Teufel und Julia Klöckner, die alle im ZdK aktiv sind (oder waren).

Allesamt Regierungschefs, Minister und Staatssekretäre, sowie ein Bundestagspräsident. Eine einfache Krankenschwester aus einem katholischen Hospital oder Gärtner einer katholischen Schule findet man hingegen nicht im katholischen Laiengremium. Dafür aber Militärs und Hochadel.    Es war schon immer das Erfolgs- und Reichtumsgeheimnis der RKK, sich mit den Mächtigen und Regenten eines Landes zusammen zu tun, um die gewaltigen Geldflüsse in die Taschen der Kirchenfürsten aufrecht zu erhalten.

Neben diesen sichtbaren Ärgernissen der Religiotie, gibt es aber eine größere Bewegung der Vernünftigen, die unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.

Hunderttausende erkennen jedes Jahr welche ein unrettbarer amoralischer Sumpf die Kirchen sind.

Vielerorts sind die Kirchenaustrittstermine auf Monate ausgebucht.

[….] Düsseldorf: Termine für Kirchenaustritte sind begehrt

Über 300 Termine werden monatlich vom Amtsgericht online für Düsseldorfer*innen angeboten, die aus der Kirche austreten wollen. Doch die Nachfrage ist aktuell so groß, dass bereits am Morgen des 1. März alle Termine ausgebucht waren. Neue Termine werden erst zum nächsten Ersten im April eingestellt. Der Verein Düsseldorfer Aufklärungsdienst fordert deshalb in einem Brief an die Präsidentin des Amtsgerichts, die Zahl der Termine aufzustocken. […..]

(Report Düdo, 02.03.2021)

[….]    Der Appell aus der katholischen Kirche auszutreten, zieht Kreise: Dass der Vatikan der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare eine Absage erteilt hat, empört nicht nur das Ehepaar Traber, das die Aktion im Netz initiiert hat.   Von einer „Mords-Resonanz“ auf ihren öffentlich gemachten Austritt aus der katholischen Kirche berichteten der Kabarettist Otmar Traber und seine Frau Lioba Burg-Traber aus Benningen (Kreis Ludwigsburg) am Montag. Gut tausend Mal sei die Homepage https:/kirchenaustritt-jetzt.de aufgerufen worden, 23 Personen hätten ihren Austritt über diese Website öffentlich gemacht – „und darunter sind nicht wenige Hauptamtliche“, erklärte der Theologe. […..]

(Stuttgarter Nachrichten, 22.03.2021)

[….] EKHN rechnet mit 20% weniger Mitgliedern bis 2030

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) rechnet damit, bis 2030 ein Fünftel ihrer Mitglieder zu verlieren. Das geht aus einer Mitteilung vom 24. April über die Online-Tagung der Synode hervor. [….]

(IDEA, 24.04.2021)

[…..] München: Kirchenaustritt im Akkord: Keine Termine beim Standesamt mehr

Für den Kirchenaustritt gibt es zwei Möglichkeiten: per Online-Termin beim Standesamt oder per Termin beim Notar. Laut KVR kostet das immer rund 25 Euro. Eine Austritts-Bescheinigung kostet zehn Euro extra. [….]

(Münchner Abendzeitung, 21.04.2021)

[….] Wartezeit auf Kirchenaustritt kann in Osnabrück derzeit drei Monate und länger betragen.  Nicht nur von den Parteien wenden sich viele Bürger derzeit mit Grausen ab, auch die Kirchen verlieren Mitglieder, dass es nur so ein Laufen ist. Im Bürgeramt der Stadt Osnabrück führt das zu rekordverdächtigen Engpässen bei der Terminvergabe. Wer den Schoß der Kirche verlassen möchte, muss Wartezeiten von drei Monaten und mehr in Kauf nehmen. [….]

(ABM, 23.04.2021)

[….] Termine zum Kirchenaustritt bis Ende Juni ausgebucht

Die Krise im Erzbistum Köln hält an: In der Stadt ist über Monate hinweg kein Termin für einen Kirchenaustritt mehr frei. Die nächste Chance gibt es am 1. Mai – dann werden die Termine für Juli vergeben. […..]

(Spon, 01.04.2021)

[….] Viele Katholiken in Rheinland-Pfalz kehren derzeit der Kirche den Rücken. Es gebe gerade vermehrt Nachfragen nach Terminen, um den Austritt aus der Kirche zu erklären, teilt die Stadt Kaiserslautern mit.  [….]

(dpa, 23.03.2021)

[….] Viele Bochumer treten aus den Kirchen aus

Termine für den Kirchenaustritt sind beliebt. In Bochum treten etwa gleich viele Evangelen und Katholiken aus. […..]

(Lokalkompass, 12.04.2021)

[….] Es sieht aus, als gäbe es auch in München einen Woelki-Effekt: Die Termine im Kreisverwaltungsreferat (KVR) für Kirchenaustritte sind bis Ende Juni ausgebucht, für mehr als drei Monate. Und das, obwohl die Austretenden im Fünf-Minuten-Takt durchgeschleust werden. In Köln kommt das dortige Amtsgericht schon seit Längerem kaum mehr hinterher, alle Austrittswünsche zu erfüllen, man führt das auf den Ärger über den Kölner Kardinal Woelki und dessen Management der Missbrauchsvertuschung zurück. […..]

(SZ, 30.03.2021)

 So lange so viele Deutsche schlau genug sind, das Weite zu suchen, mögen sich die wichtigen und mächtigen Politiker gern im ZdK amüsieren und Pfründe verteilen.

Samstag, 24. April 2021

Die irreale Welt

Als ich vor einigen Jahren im Wartebereich des UKE-Herzzentrums (UHZ) ausharrte, kam ich mit einer Patientin ins Gespräch, die weit über 90 war, auf mich einen sehr gefassten Eindruck machte, aber sie erklärte mir, das Alter mache wirklich keinen Spaß. Alle ihre Freunde wären tot, dement oder schwer krank. Wo sie hingucke, nichts als Elend, Leiden, ständig müsse man zu Ärzten, 20 Pillen am Tag nehmen und rede auch nur über Krankheiten.

Nun ist Alter nicht gleich Alter.   Es gibt Menschen, die schon mit Mitte 40 Alzheimer bekommen, manche sind mit 70 pflegebedürftig und nicht mehr mobil, andere, wie die Queen, sind mit 95 noch voll einsatzfähig und arbeiten.

Die Dame im UHZ war auch noch völlig klar, aber sie war deprimiert von all den Krankheiten. Früher wäre das nicht so gewesen. Sie könne sich nicht dran erinnern, daß in ihrer Jugend Freunde oder Bekannte so lange und so schwere Krankheiten gehabt hätten. Aber jetzt kenne doch jeder Krebspatienten und habe Angehörige mit Infarkten und Herzklappen-OPs.

Das wirkt in der Tat so. Eine Erklärung ist, daß viele Jugendlichen die Leiden des Alters weniger wahrnehmen.

Der Hauptgrund für die wenigen schweren Alterserkrankungen vor 100 Jahren ist aber, daß die Menschen schon längst gestorben waren, bevor sie krank wurden.    Ohne moderne Medizin, Antibiotika und minimal invasive Operationstechniken starb man eben an einer Lungenentzündung oder einem kleinen Herzinfarkt. Krebsarten wurden gar nicht erst richtig bemerkt bevor es zu spät war.

In der Rückschau wirkten die zum Tode führenden Erkrankungen kurz und wenig dramatisch.

All diese Erkrankungen überlebt man aber heute in Deutschland, erholt sich und kann sich die nächste schwere Malaise einfangen, wird wieder operiert, zur Reha geschickt, medikamentös eingestellt, lebt noch mal drei Jahre und bekommt dann die nächste Krebsart.

Wir feiern uns für die gestiegene Lebenserwartung, betrachten es als Segen und werden von den Kirchen angetrieben unter allen Umständen auch noch die letzte Stunde des Lebens angeschlossen an zwei Dutzend Schläuche, trachetomiert, intubiert an der ECMO rauszuholen. Hier gehen Kirchen, Pharmaindustrie und Krankenhausbetreiber Hand in Hand – denn Intensivmedizin ist unfassbar teuer.

Da klingeln bei den Multimilliardären wie Bernd Broermann, dem Betreiber der Asklepiosklinken richtig die Kassen. Die 86 Helios-Kliniken, 120 Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) und zehn Präventionszentren gehören dem Fresenius-Konzern, der über 36 Milliarden Euro umsetzt.

Die christliche Krankenhausverbände DEKV und kkvd betreiben 550 Krankenhäuser mit 138.000 Betten in Deutschland. Da rollt der Rubel richtig durch die Apparatemedizin. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, daß die Kirchen so vehement Patientenverfügungen, Sterbehilfe und assistierten Suizid bekämpfen.

In dem Wahn immer länger zu leben, gerät die prozentual am meisten zunehmende Bevölkerungsgruppe der über 100-Jährigen immer mehr in den Fokus. Wieso leben einige Menschen so lange? Haben sie bestimmte Gene? Bestimmte Verhaltensweisen? Spezielle Ernährung?

Natürlich kann ein Einfluss der Ernährung festgestellt werden, aber es gibt nicht den einen Altersfaktor wie den französischen Rotwein oder die Meeresfrüchte in Okinawa oder das Olivenöl auf Sardinien. Viele Menschen in diesen speziellen Hotspots mit sehr vielen Hochbetagten passen aber in keine Schablone der Altersforscher.

Der große Irrtum ist es, anzunehmen diese Hochbetagten wären sagenhaft gesund aufgrund einer besonderen Konstitution.     Nein, sie weisen auch alle alterstypischen Erkrankungen auf, sitzen im Rollstuhl, sind blind, haben Schmerzen und fürchterliche persönliche Verluste erlebt.

Das Besondere ist eher, ihre Leidensfähigkeit. Sie können die Krankheiten besser ertragen ohne zu verzweifeln.

Eine Konsequenz der Hightech-Medizin und der ständig steigenden Lebenserwartung, ist die Vervielfachung der Pflegeheime und Demenzeinrichtungen.

So gern Konservative auch auf den Verfall der Familien schimpfen, so klar muss man auch feststellen, daß es Stadien von Demenz gibt, die entweder 24 stündige Überwachung am Tag oder aber freiheitsberaubende Mittel (Gurte, festgebundene Hände, sedierende Medikamente) – also beides Methoden, die man in einem Privathaushalt nicht allein leisten kann.

Ich hatte schon mit vielen solchen Fällen zu tun und sehe nur zwei praktikable Lösungen.   Entweder man bemerkt die Diagnose rechtzeitig und handelt dann so entschlossen wie Gunther Sachs, um die Krankheit gar nicht voll ausbrechen zu lassen.  Oder aber, man ist sehr reich. In dem Fall braucht man keine moldawischen oder ukrainischen Pflegerinnen ausbeuten, sondern kann ein Team von qualifizierten Pflegefachkräften gut bezahlen und in seiner heimischen Villa unterbringen.    Es gibt auch sehr schöne Einrichtungen mit genügend Personal, so daß kein Dementer angebunden werden muss oder in vollen Windeln liegt. Für 10.000 bis 12.000 Euro im Monat bekommt man dort ein Anderthalb-Zimmer Apartment. Für alle weniger Betuchten bleibt nur die Hoffnung rechtzeitig abzureisen.

Trotz meiner Erfahrung mit Dementen, kann ich nicht sagen, wie man sich fühlt, wenn es einen voll erwischt hat.

 Es gibt offensichtlich Unglückliche, es gibt Aggressive und es gibt diejenigen mit ständig wechselnden Stimmungen.

In einer freikirchlichen Einrichtung in Hamburgs Nordwesten erlebte ich einmal einen Herren, der vermutlich Mitte 70 war, sich gern aus seinem Zimmer stahl, wenn er mal musste, sein Geschäft im Fahrstuhl verrichtete und anschließend die verspiegelten Wände mit seinen Exkrementen einrieb.    Abgesehen von dem bedauernswerten Reinigungspersonal, die sich darum kümmern mussten, traf es seine Söhne am härtesten. Es handelte sich um eine Zahnarztdynastie. Ihr Vater hatte die Praxis gegründet und war Zeit seines Lebens ein besonders eleganter Mann, der Nadelstreifenanzüge trug und so viel Würde ausstrahlte. Und nun das! Sie konnten es nicht ertragen ihn so gedemütigt, halbnackt mit seinen Ausscheidungen spielen zu sehen und kamen nur sehr selten zu Besuch.

Ich konnte dem Senior-Dentisten natürlich nicht in den Kopf gucken, aber er wirkte außerordentlich zufrieden, war geradezu begeistert, wenn er wieder einen Fahrstuhl eingerichtet hatte. Er machte einen glücklichen Eindruck hielt sich vielleicht für einen bedeutenden Künstler.   Wer weiß, vielleicht erlebte er die beste Zeit seines Lebens.

Demenz kann auch ein Segen sein – so hört man in Pflegeheimen immer wieder.   Gemeint ist damit, daß Patienten ein plötzliches Gefühl von Unglück, Einsamkeit, Trauer über verstorbene Familienmitglieder im nächsten Moment vergessen haben können und sich wie ein kleines Kind über eine Biene freuen, die am Fenster sitzt.

Wir verstehen die heute Krankheit gut genug, daß wir Demente nicht mehr korrigieren, sondern ihre Welt akzeptieren.   Das macht das Zusammenleben für alle beteiligten leichter.

Ich kann mir gut vorstellen, ebenfalls aggressiv zu werden, wenn mein Umfeld mir ständig erzählt, daß ich gar nicht Napoleon bin, obwohl ich das doch sicher weiß. Es muss doch auch nerven, wenn ich ausgeschimpft werde, weil jemand meine große Vernissage im Louvre nicht schätzt und hartnäckig behauptet, das wäre nur Kacke im Fahrstuhl.

[…..] Es gibt eine Sache, die in der Kommunikation mit Demenz-Erkrankten sehr hilfreich ist: Validation. Das bedeutet, dass man diese Menschen nicht ständig korrigiert und darauf hinweist, dass sie schon wieder etwas verwechseln oder falsch erinnern, sondern dass man einfach mitgeht. Dass man das, was sie eben anbieten, für gültig, valide erklärt. Ich komme aus einer Theaterszene, wo man viel über Improvisation entdeckt hat. Dabei gab es eine Regel: Wenn jemand etwas anbietet, muss man das Angebot annehmen. Also wenn dir jemand ein Aufnahmegerät hinhält und sagt, das ist eine Banane, dann ist das eben eine Banane. Ich akzeptiere, dass das, was du vorgibst, Realität ist. So ähnlich hab ich das mit meiner Mutter empfunden. [….]

(Clemens Schick über seine demente Mutter, 23.04.2021)

Validation ist in der Tat der Schlüssel.   Das ist auch das Prinzip von Demenz-Dörfern, in denen niemand eingesperrt ist, in denen es eine Bushaltestelle (als Attrappe) gibt und einen Laden, in dem man auch mal mit einem Knopf bezahlen kann.  Die irreale geistige Welt, in der Demente leben ist endgültig abgetrennt von der Unsrigen. Man kann sie nicht zurückholen und soll daher auch keinesfalls an ihnen herumzerren. Damit täte man ihnen nur weh und macht sich selbst das Leben schwer.

Anders verhält es sich mit Covidioten und Aluhüten.

Man gerät immer wieder in Versuchungen auch in diesen Fällen um des lieben Friedens willen auf Validation zu setzen, ihnen nicht zu widersprechen.

Es erspart viel Lebensenergie, wenn man sich nicht mit den Spinnern aus der Reichsbürger und Impfgegner- oder Homöopathie-Szene anlegt.

Leider ist das dennoch keine Option, da wir in derselben Welt leben. Anders als Demente entscheiden diese Menschen über unser Leben mit, indem sie wählen, demonstrieren, Leserbriefe schreiben, politische Parteien bilden und die sozialen Medien vergiften.

Hier muss gegengehalten werden. Sie müssen immer wieder mit der Nase auf die Realität gestoßen werden.

Freitag, 23. April 2021

Der Glaube an sich selbst und Nathanaels Penis

Deutsche können nicht singen. Insbesondere die Frauen sind unfähig.

Daran glaube ich immer noch fest.  Es ist unklar wieso, die britischen Inseln reihenweise auch weiße Frauen hervorbringen, die Stimmen mit Weltstarqualität haben.

Horse, Sarah Jane Morris, Alison Moyet, Annie Lennox, Låpsley, Lou Rhodes, Adele, Amy Winehouse, Kate Bush, Carmel, Anne Clark, Beth Gibbons, Allison Goldfrapp, Duffy, Annabel Lamb – das sind nur ein paar, die mir in fünf Minuten eingefallen sind.

Das ist ja wohl auffällig, daß es in Deutschland trotz der größeren Anzahl Menschen nie solches Potential gibt.

Wenn man nach einem weiblichen Sänger mit internationalen Hits fragt, wird immer noch Nena genannt. Aber erstens ist 99 Ballons schon 400 Jahre her und zweitens spielt sie stimmlich nun wirklich nicht in der Winehouse-Lennox-Adele-Liga mit.

Warum ist das so? Wieso sind die Deutschen nicht nur generell unmusikalisch, begeistern sich für tumben Volksmusik-Mist, sondern haben auch einfach keine Sängerinnen mit großen Stimmen?

Es ist schon viele Jahre her, daß ich zuletzt DSDS sah.   Aus den gerade genannten Gründen erwarte ich selbstverständlich nicht darunter einen „Superstar“ zu finden, oder gar eine/n Sangeskünstler/in, der/die mir auch noch gefällt.   Ich unterlag aber der morbiden Faszination der ersten Castings, wenn die wirklich schlechten Kandidaten vorgestellt werden.

Es ging mir dabei noch nicht einmal um Schadenfreude und das kollektive Auslachen der von Bohlen (völlig zu Recht) verbal zertrümmerten Möchtegern-Superstars.

Aber ich versuchte aus einer psychologischen und soziologischen Perspektive zu verstehen, wie es angehen kann, daß so viele Menschen vollständig der Realität entkoppelt sind, überhaupt nicht in der Lage sind, sich realistisch selbst wahrzunehmen und oft auch noch einen ganzen Mikrokosmos von Nachbarn, Freunden und Familie anschleppen, die ebenso hartnäckig und taub großes Talent ausmachen, wo für jeden offensichtlich eben gar keins ist.

Ich staune über die Menschen, die so hartnäckig an sich selbst glauben, daß sie wie in einem religiösen Missionswahn, trotz ihnen entgegenschlagender überwältigender Ablehnung, immer wieder auf die Bühne drängen, weil sie sich selbst einfach für fabelhaft halten.

Armin Laschet glaubt als guter Katholik an sich, an seine Mission, an seine Bestimmung. Er war überzeugt ein guter CDU-Bundesvorsitzender zu sein und ist ebenso sicher, Bundeskanzler werden zu müssen.  Ein Teil dieses hartnäckigen Fehlglaubens mag genetisch bedingt sein.

So glaubt Laschets Sohn Joe hartnäckig daran ein wunderschönes Model zu sein.

So erkannte Armin Laschets Bruder Patrick das kaiserliche Blut in seiner Familie.

[….] Die Familie des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (59) meint, direkt von Karl dem Großen abzustammen. Laschets Bruder Patrick habe detailliert Stammbäume zusammengetragen und eine Auflistung erstellt, die von Karl dem Großen (747/748-814) in insgesamt 40 Schritten zu Laschet und seinen Brüdern führe. [….] Der geborene Aachener Laschet bewundert Karl den Großen und hat in seinem Büro in der Düsseldorfer Staatskanzlei eine goldene Karl-Büste aufstellen lassen. "Als gebürtiger Öcher (Aachener) möchte man natürlich von Karl dem Großen abstammen, und die Wahrscheinlichkeit ist gegeben", zitieren die Autoren Laschets Bruder Patrick. [….]

(dpa, 16.09.2020)

Armin Laschet ist immun gegen die kontinuierlichen Abstimmungsniederlagen und partei-internen Pleiten.

Obwohl er in den seit über einem Jahr stattfindenden Ministerpräsidentenkonferenzen regelmäßig von den anderen Outsmarted wird, über 90% der Deutschen ihn für unfähig halten Kanzler zu sein und die Kanzlerin Rücksicht auf seine langsame Auffassungsgabe nehmen muss, hält er sich selbst unvermindert für genial.

[…..] Kürzlich platzte ihm in einer Videokonferenz mit Merkel und den anderen Ministerpräsidenten der Kragen. Sein Parteifreund, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, hatte angeregt, die Geschäfte noch länger geschlossen zu lassen, Laschet wollte sich gar nicht mehr einkriegen, bis die Kanzlerin ihn beruhigte: "Armin, alle können sehen, wie du dich aufregst."    Doch auch auf Merkel reagierte Laschet in dieser Schalte gereizt. Als sie, wieder einmal, die wissenschaftlichen Kriterien referierte, an denen man die Entscheidung über Lockerungen festmache, unter anderem die sogenannte R-Zahl, fragte Laschet: "Was ist jetzt wieder dieses R?", so wird er von Teilnehmern zitiert. […..]

(DER SPIEGEL, 02.05.2020)

Selbst im Kerngeschäft der Machtpolitik tappst Laschet bis in jüngste Zeit so unsicher durch die offensichtlichen Fallen, daß jeder Kommunalpolitiker aus Buxtehude nur staunen kann.

Im finalen Showdown mit Markus Söder, glaubte er noch Montag nach dem Votum seines eigenen Parteivorstands für ihn selbst, daß der CSU-Testosteronkanister daraufhin sicher sofort devot zurückziehen werde und er, Laschet, gar nicht mehr am nächsten Morgen in Berlin zu CDUCSU-Bundestagsfraktionssitzung erscheinen müsse, da nun alles geregelt wäre.

Sagenhaft, nach einem Jahr des Kandidatengerangels versteht der CDU-Chef immer noch rein gar nichts und hat keine Ahnung wie Söder tickt.

Dementsprechend geriet die Dienstags-Sitzung zur jetzt schon legendären Schlacht, in der Laschets Leute hilflos und unvorbereitet von Söder outsmartet wurden.

Neben seiner extremen Religiosität und den eigentümlichen Laschet-Genen liegt ein weiterer Grund für die ständigen politischen Pleiten des unbeliebtesten CDUCSU-Kanzlerkandidaten der Geschichte der Bundesrepublik in seiner Beratungsresistenz. Es ist eher eine Beratungsborniertheit, weil er im Alter von 60 Jahren immer noch glaubt, als Spitzenpolitiker einer der größten Industrienationen der Erde brauche er eigentlich gar keine Beratung, kein kompetentes Medienteam, keine Presseanalysten, keine Spindoktoren.

Laschet setzt ausschließlich auf sein dunkelkatholisches Opus-Dei-Mastermind Nathanael Liminski.

Der Staatssekretär und Chef der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen (CdS) im Kabinett Laschet wird im Falle einer Laschet-Kanzlerschaft nicht nur Kanzleramtsminister, sondern vermutlich der mächtigste Kanzleramtschef seit 1949.

Seine 15 Minuten Andy-Warholscher Berühmtheit hatte er schon vor 16 Jahren, als er 20-Jährig Frau Maischberger in der ARD über seinen Penis aufklärte.

[…..] Vor mehr als 15 Jahren nämlich hatte dieser Nathanael Liminski schon einmal für Aufsehen gesorgt. 2005 zählte der damals 20-Jährige zu den Mitbegründern der "Generation Benedikt", einer papsttreuen Jugendgruppe, die Keuschheit vor der Ehe predigte und Abtreibungen als Sünde geißelte. 2007 sitzt Liminski dann bei Sandra Maischberger im ARD-Studio und verteidigt seine erzkatholischen Prinzipien durchaus mit Witz. Dem Sexualaufklärer Oswalt Kolle etwa, der den Aktivisten mit dem Slogan "Use it or lose it" zum Sex ermuntern wollte, erwiderte Liminski: "Ich kann die Runde beruhigen, ich habe meinen Penis noch." […..]  "Ich kenne viele Homosexuelle, und einige tun mir leid", sagte er 2007 dem Spiegel, "der Staat muss schon aus reiner Selbsterhaltung die natürliche Form der Ehe und Familie fördern." [….]

(SZ, 22.04.2021)

Unglücklicherweise gab sich der junge Mann mit dem noch nie benutzten Penis nicht mit diesen 15 Minuten im Rampenlicht zufrieden, sondern nutzte sein erzkatholisches Netzwerk, um im CDU-Regierungsapparat aufzusteigen und sich seit vier Jahren dem Projekt Laschet zu verschreiben.

Seinen Penis verwendet der Opus-Dei-Mann inzwischen auch, aber das ist ja ohnehin das liebste Christenhobby.

(….) Interessant ist aber der Blick auf das Privatleben der Gay-Gegner. Was tun die eigentlich in ihrer Freizeit, wenn sie so ziemlich alles als unchristlich und undeutsch ablehnen, das Fernsehen, Musik, Kunst oder Sport bieten?   Mutmaßlich verfügen diese Leute, bedingt durch ihre unsympathischen Charakterzüge nicht über große Freundeskreise.   Was tut man da den ganzen Tag, wenn man nicht gerade Schwule, Schwarze und Linke beschimpft?

Nun, ein Hobby haben sie immerhin: Poppen!

[…..] Zum Be­ten kniet sich Joa­chim Kuhs auf die Kir­chen­bank, vor ihm liegt ein klei­ner ro­ter Tep­pich, da­mit die Ge­len­ke nicht schmer­zen.   Kuhs ist ein Mann, der gern lacht. Man sieht es an den Fal­ten um sei­ne Au­gen. Und er trägt gern An­zug, Hemd, Kra­wat­te. „Mei­ner lie­ben Frau und mir“, so stellt er sich gern vor, „wur­den zehn Kin­der an­ver­traut.“ Lie­be au­ßer­halb der christ­li­chen Ehe ist für ihn Sün­de, Ab­trei­bung gleich­be­deu­tend mit der Tö­tung ei­nes Men­schen.   Am Nach­mit­tag ver­sam­melt sich die Fa­mi­lie im Gar­ten, es gibt Bra­ten mit Kar­tof­fel­sa­lat, vier ver­schie­de­ne Ku­chen. Acht der zehn Kin­der sind schon er­wach­sen, fünf sind AfD-Mit­glie­der. Sie wa­ren scho­ckiert von ei­ner Bil­dungs­po­li­tik, die auch über un­ter­schied­li­che se­xu­el­le Ori­en­tie­run­gen auf­klä­ren soll­te, hal­ten nichts von ei­ner Fa­mi­li­en­po­li­tik, die das Mo­dell Mann-Frau-Kind nicht mehr zum al­lei­ni­gen Ide­al er­hebt. […..]

(Valerie Höhne, Peter Wensierski, DER SPIEGEL 29/2017 s.49)

Zehn Kinder sind das Maß der Dinge für die Frömmler.

Für die WELT, den Rheinischen Merkur und die Junge Freiheit arbeitet der ultrarechte Katholik Jürgen Liminski, 57, der es ebenfalls auf zehn Kinder bringt.

[….] Liminski ist verheiratet, hat gemeinsam mit seiner Ehefrau Martine Liminski zehn Kinder und lebt in Sankt Augustin. Eines seiner Kinder ist Nathanael Liminski, der Mitbegründer des Netzwerks „Generation Benedikt“ seit August 2013 umbenannt in „Initiative Pontifex“. Jürgen Liminski ist Mitglied der katholischen Laienorganisation Opus Dei und Vorsitzender des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen der Paneuropa-Union. […..]

(Wikipedia)

Leider überträgt sich das fundamentalistisch eingeengte Hass-Weltbild oft auf die Brut. So ist Gabriele Kubys Tochter Sophia ebenfalls ultra-katholische Aktivistin; beispielsweise als Sprecherin der „Generation Benedikt“ und Chefin der radikalen Abtreibungsgegner European Dignity Watch. Die Kuhs-Kinder streiten für die AfD und auch die jungen Liminskis treten in Papas Fußabdrücke.

(….) Hat man [Hendryk Broder] allerdings zufällig auf seiner Seite, sind seine Formulierungen ein absoluter Genuß.
Wenn er in seiner ruhigen Art in einer Talkshow sitzt und anwesende Bischöfe zur Weißglut bringt, gefällt mir das natürlich.
Unvergessen, als er im Februar 2009 in Illners Schwatzrunde die „affirmative Schleimerei“ des Papst-Bewunderers Nathanael Liminski (23) von der "Generation Benedikt" beklagte.  […..]  (…..)

(Tammox I, 14.08.2010)

Da will ein Evangelikaler wie Hartmut Steeb natürlich nicht als Schlappschwanz dastehen und begattet seine in der Gemeinde schweigende Frau ebenso fleißig.

Auch er kommt auf zehn Kinder.

[…..] Ein an­de­rer Mit­tels­mann zwi­schen re­li­giö­sen und po­li­ti­schen Rech­ten ist Hart­mut Steeb. Er ist der Ge­ne­ral­se­kre­tär der Deut­schen Evan­ge­li­schen Al­li­anz, ei­nes evan­ge­li­ka­len Netz­werks, dem nach ei­ge­nen An­ga­ben 1,3 Mil­lio­nen Mit­glie­der an­ge­hö­ren. […..]  Be­son­ders zu Frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der habe er ei­nen „di­rek­ten Draht“. Auch mit CDU-Ge­sund­heits­mi­nis­ter Herr­mann Grö­he ver­ste­he er sich, der sei ein „gu­ter Christ“. […..] […..] Steeb spricht gern über sei­ne Hei­mat­ge­mein­de in Stutt­gart, über sei­ne Kin­der, er hat zehn, ge­nau wie Kuhs. Er sagt, dass Frau­en nicht ab­trei­ben soll­ten. Selbst wenn die Schwan­ger­schaft die Fol­ge ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung ist. [….]

(Valerie Höhne, Peter Wensierski, DER SPIEGEL 29/2017 s.49)

(Christen-Hobby, 16.07.2017)

Armin Laschet ist nicht nur irrerweise davon überzeugt für die Kanzlerschaft qualifiziert zu sein.

Er wird dabei auch noch maßgeblich von einem ultrarechten Hardcore-Katholiban angetrieben.

Da ist für die schnöde Realität und nüchterne Fakten leider gar kein Platz.

Donnerstag, 22. April 2021

Naturprodukte

Mein Nachbar kam schimpfend von der Ostsee, aus seinem Wohnwagenparadies zurück. Er wollte da zu Saisonbeginn einiges an seinem Geräteschuppen anbauen und freute sich diebisch, den strengen Hamburger Corona-Auflagen zu entkommen. In Hamburg sind die Baumärkte geschlossen, aber wenn man über die Landesgrenze nach Schleswig-Holstein fährt, kann man in Günthers Locker-Land ohne Beschränkungen in den Baumärkten herumprassen.

Das ist ohnehin schon ein geflügeltes Wort in Hamburg, wenn sich jemand ärgert etwas nicht kaufen zu können: ‚Fahr‘ doch über die Grenze nach Rellingen. Fahr‘ doch über die Grenze nach Norderstedt.‘

In diesem Fall wurde nichts aus dem Baumarkt-Fun, weil das Holz entweder ausverkauft oder viel zu teuer war.

Deutsche Häuslebauer stöhnen noch lauter als sonst: Neben der unendlichen Bauauflagen-Flut gehen nun auch noch die Materialpreise durch die Decke.

[….] Während der Holzpreis im vergangenen Jahr derart am Boden war, dass so mancher Waldbauer erwog, die Arbeit in seinem Forst wegen Unrentabilität einzustellen, ist der Markt nun geradezu explodiert. Das liegt nicht nur daran, dass in Deutschland das Bauen mit Holz immer attraktiver wird. Sondern auch am immensen Holzhunger der amerikanischen Baubranche. Dort wird ohnehin deutlich mehr als in Deutschland mit Holz gebaut. Und mit Kanada ist einer der Hauptzulieferer für die US-Amerikaner nahezu ausgefallen – weil dort der kleine, aber gefräßige Bergkiefernkäfer Baumbestände von gigantischem Ausmaß vernichtet hat. Nun hat die USA den europäischen Holzmarkt für sich entdeckt.  [….]  Nun haben sich die Amerikaner auch mit deutschem Holz eingedeckt. „Gutes Holz ist mittlerweile Mangelware.“ [….] Tatsächlich liege der Preis für den Festmeter Rundholz derzeit wieder bei etwa 90 Euro, wie Johann Killer von der Waldbesitzervereinigung Wolfratshausen bestätigt. Zum Vergleich: In der Holzmarktkrise im vergangenen Jahr lag der Preis teilweise bei nur noch 25 Euro. [….]

(Merkur, 15.04.2021)

Holz ist ein Naturprodukt, ein nachwachsender Rohrstoff.

Wenn dies nicht mehr geschieht, weil ein Käfer die Bäume killt, bevor es die menschlichen Kettensägen tun, stiegen logischerweise die Preise.

[….] Der Plagegeist schimmert schwarz, ist kaum größer als ein Reiskorn, und wenn er mit seinem Gastgeber fertig ist, dann ist das an den rostroten Kiefernnadeln zu erkennen. In den Wäldern Nordamerikas hat Dendroctonus ponderosae, besser bekannt als Bergkiefernkäfer, bereits Wälder in einem Umfang zerstört, der das Wort "apokalyptisch" in den Sinn ruft. Allein in der kanadischen Provinz British Columbia hat der Käfer Wald auf einer Fläche von mehr als 180 000 Quadratkilometern niedergemacht. Vier Mal so groß wie die Schweiz. Der Klimawandel bietet dem Baumkiller so gute Lebensbedingungen wie nie zuvor. Bauholz ist auch deshalb so knapp und so teuer wie nie. [….]

(Thorsten Denkler, SZ, 24.03.2021)

Während Deutsche „Wein‘ leiser, Greta“-Aufkleber an ihre SUV-Hecks pappen und die Kanzlerin ohnehin jede Klimaschutzmaßnahmen abblockt, erhitzt sich der Planet immer weiter.

Der Klimawandel macht im Moment nicht nur das Holz teurer, sondern auch Paprika.   Die Bio-Variante kostet im Supermarkt gerade über 10 Euro und ist damit doppelt so teuer wie vor einem Jahr.

[…..] Vor wenigen Wochen gab es in Spanien einen massiven Wintereinbruch. Deshalb lagen die Temperaturen dort deutlich unter dem saisonüblichen Durchschnitt, was dazu führte, dass die Paprikas sehr viel langsamer wuchsen. Eine schlechte Ernte war die Folge. Weil jedoch die Nachfrage in den letzten Wochen konstant hoch blieb, steigt der Preis seit Tagen.  Ein Preisanstieg lässt sich aber nicht nur bei den Paprikas erkennen, sondern auch bei Gurken, Tomaten, Auberginen und Lauchzwiebeln. [….]

(Franken, 22.04.2021)

Als Vegetarier, der fast gar keine Fleisch-Ersatzprodukte konsumiert, sondern gleich auf Obst und Gemüse setzt, freue ich mich natürlich über die ganzjährige Auswahl.

Ich erinnere mich, als Kind bei meiner Oma gab es im Sommer oft Kopfsalat. Das war eben der einzige Salat, den man kannte. Dann schleppte meine Mutter irgendwann Eisbergsalat an. Wir waren begeistert von dem Zeug, weil man den nicht waschen musste und er so knackig war.
Nun hatte man außerdem zwei Salate zur Auswahl.

Im Jahr 2021 führt mein Gemüsemann gar keinen Eisberg-Salat mehr. Viel zu langweilig. Dafür gibt es keine Nachfrage. Der Großhändler bietet 130 Salatsorten kontinuierlich an. In meinem Laden um die Ecke gibt es stets um die 20, 25.    Natürlich habe ich meine besonderen Vorlieben, im Moment zum Beispiel frische Bunde Asia-Salatmix Baby Leafs aus dem Alten Land und französische rosa Wild-Radicchio.

Der Segen ist aber auch ein Fluch, da man den Sinn für das Regionale verliert und natürlich nicht klimafreundlich isst, wenn man Äpfel aus Neuseeland, Spargel aus Chile und Weintrauben aus Südafrika kauft.

Außerdem verliert man das Gespür für das Besondere, wenn es immer alles gibt.

Wenn nur einmal und nur für kurze Zeit im Jahr Erdbeeren oder Spargel oder Clementinen erhältlich sind, bieten sie die viel größere Gaumenfreude.
Es muss auch kein im Februar gestochener Folienspargel, bei dem jede Stange haargenau gleich aussieht. Sie dürfen auch natürlicher und langsamer wachsen, mal krumm oder kurz sein.

Sie sind dann wirklich Naturprodukte, die es dann gibt, wenn Jahreszeit und Wetter es erlauben.    Die Agrarindustrie in Kombination mit subventionierten Energiepreisen und lächerlich billiger Logistik, gaukeln uns vor, man könne jede Frucht immer und überall bekommen. Sie sieht auch immer gleich aus, schmeckt immer gleich.

Das funktioniert aber nur, wenn wir asoziale Bedingungen für die Erntehelfer, die chemische Keule auf den Feldern, abartige Energieverschwendung, aberwitzigen Energieverbrauch, astronomische Subventionen und die Bildung gewaltiger Nahrungsmittelkonzerne hinnehmen.

Eine naturschonenden Landwirtschaft der kurzen Wege und ohne Pestizide, kann nicht wie am Fließband funktionieren.   Sie ist wetterabhängig.

Daher finde ich es ganz schön, wenn größere Effekte wie der Bergkiefernkäfer oder ein Wintereinbruch in Spanien direkt auf die Verbraucherpreise durchschlagen und wir Städter im Supermarkt merken, daß es nicht immer alles geben muss.

Daß wir keine genormten Industrieprodukte wie Stahlnägel oder Plastikbecher beim Obst-Höker kaufen, sondern natürlich gewachsene Pflanzen.

Daß es einige davon vielleicht bald nicht mehr oder nur noch extrem teuer gibt, wenn wir nicht doch langsam mal auf Greta Thunberg hören.

Mittwoch, 21. April 2021

Corona-Obrigkeitshörigkeit

Als der Corona-Mist vor einem Jahr los ging, noch kein Heilmittel, kein Schnelltest und erst recht keine Impfung in Aussicht stand, gab es angesichts der Horrorbilder aus Italien nur eine Handlungs-Option:

Mit allen Mitteln die Verbreitung der Pandemie stoppen.  Das hieß natürlich, die Quantität der Mensch-Mensch-Kontakte drastisch herunterfahren.

Sehr schnell wurde beobachtet, wie extrem die Sterberate vom Alter der Infizierten abhing.   Die über 80-Jährigen starben wie die Fliegen und so war es für jeden einsichtig, daß Altenpflege-Einrichtungen abgeriegelt werden mussten. Senioren mussten strikt isoliert werden.

Als rechtlicher Betreuer einer dementen Person stellte ich die Maßnahme nicht in Frage. Sicherheit ging vor.

Natürlich ärgerten mich die dummerhaft-lapidaren Anregungen aus dem Spahn-Ministerium, nach denen man auf Videotelefonate ausweichen könne.

Das kann nur jemand empfehlen, der noch nie eine Demenzstation gesehen hat.  Natürlich fehlt den meisten Dementen und Alzheimer-Patienten nicht nur das technische Knowhow, sondern auch die Abstraktionsfähigkeit. Wenn ich dort auf den Handybildschirm auftauche und von einer Betreuerin dem Patienten vor die Nase gehalten werde, erkennt er mich bestenfalls und hält das für ein Foto. Er versteht aber nicht, daß ich hier vor ihm erscheine und rede, während ich aber gleichzeitig gar nicht da bin und mich weit weg aufhalte.

Wir gewöhnten uns aber an den neuen Alltag, hielten Abstand, bestellten fürchterlich viel online und trugen nach den ersten Monaten der Engpässe immer ein Fläschchen Sterillium in der Jackentasche und eine FFP2-Maske auf der Nase.

So lange aus dem Pflegeheim ausgesperrt zu sein, wurde aber zu einer riesigen Belastung. Egal, ob man Angehöriger, einzige Kontaktperson oder Generalbevollmächtigter war. Keine Ausnahmen.

Natürlich brachte ich immer mal wieder Geschenke kontaktlos vorbei.

Vorher anrufen, ‚ich stehe vor der Tür und stelle hier etwas ab‘, zurück zum Auto gehen und aus der Ferne zugucken, wie ein Pfleger die Sachen an sich nahm.

Einmal konnte ich einen dieser Geschenkübergabetermine nicht einhalten und bat eine gemeinsame Freundin, die in einem Obstladen arbeitet, für mich zum Pflegeheim zu fahren. Blumenläden waren geschlossen, aber Obstläden, die auch Blumen verkauften, offen.

Meine Freundin fuhr also mit einem großen Blumenstrauß los und erzählte mir anschließend freudestrahlend, sie wäre gleich reingelassen worden, durfte hoch in das Zimmer gehen und habe sich sehr nett mit der von mir betreuten Person unterhalten. Sie hätte sich so sehr über Besuch gefreut nach all den Monaten.

Ich dachte, sie erzählt Märchen.   Wieso wird sie, als völlig Fremde problemlos raufgelassen, während ich als zuständiger Mensch alle Register gezogen hatte und stets scheiterte?

Des Rätsels Lösung: Sie war mit dem Firmenwagen, der einen Obstkorb auf dem Dach als Krone trägt gekommen und galt daher nicht als „Besuch“, sondern als „Dienstleisterin“.

Dienstleister hatten aber immer Zutritt, weil sie notwendig sind.

Rechtlich verstehe ich das: Die Politik war gezwungen zu handeln, musste also strikte Grenzen des Zugangs zu Altenheimen aufstellen. Da man die Pfleger, Köche, Reinigungsleute, Ärzte logischerweise nicht aussperren kann, traf es die privaten Besucher.

Epidemiologisch war die Regelung aber in der Phase vor den Tests und Impfungen grober Unfug. Die Gefährlichkeit einer Besuchsperson hing schließlich von der Anzahl ihrer Kontakte ab.

Demnach war ich maximal ungefährlich, weil ich Single bin, keine öffentlichen Verkehrsmittel nutze und ohnehin zu Hause arbeite.

Ich traf ohnehin nie einen Menschen.

Meine Freundin hingegen, hatte als Verkäuferin in einem sehr stark frequentierten Obstladen jeden Tag hunderte direkte Kontakte mit Fremden.

Sie wäre also diejenige gewesen, die man am allerwenigsten zu nicht geimpften über 90-Jährigen lassen sollte.

Aber sie durfte rein. Ich musste draußen bleiben. Dienstleisterin vs Privatbesuch.

Hätte ich ein Bein in der Aluhutszene gehabt, würde Covidioten-Telegrammeldungen lesen oder hätte eine Neigung zum Wutbürgertum, wäre dies der Zeitpunkt gewesen, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Festzustellen, daß „die da oben nur Unsinn machen“. Hätte vielleicht aus Trotz fürderhin gar keine Corona-Regeln mehr akzeptiert.

Glücklicherweise bin ich aber habituell Naturwissenschaftler und habe nicht die allergeringste Neigung zu Metaphysik, Schwurbelei, Religion, Verschwörungstheorien, Esoterik und Extremismus.

Quantität schlägt Qualität.

Politiker müssen dafür sorgen die absolute Zahl der Kontakte zu reduzieren.   Es wäre wünschenswert, wenn dies nur durch perfekt durchdachte und praktikable Methoden geschieht.  So etwas zu erwarten ist aber aus vielen Gründen illusorisch.

Daher geht es nicht in erster Linie um die Logik und Qualität der Abstandsmaßnahmen, sondern darum das Gesamtkontaktgeschehen quantitativ runter zu regeln.   Es ist unterm Strich sinnvoller 1000 verschiedenen Menschen ein Treffen mit lediglich 2 Fremden zu verbieten, als zwei Menschen zu stoppen, die jeweils 100 andere küssen.

Trotz der Apps, der Desinfektion und den Impfungen, bleibt es angesichts der deutlich ansteckenderen verschiedenen Mutanten notwendig Kontakte zu reduzieren, um die Wellen zu brechen.

Die Alten sind geimpft und sterben nicht mehr an Covid19, aber nun liegen bald 5.000 mittelalte Patienten auf den Intensivstationen und kämpfen um ihr Leben.

Immer mehr Krankenhäuser müssen andere Operationen aufschieben. Hamburg nimmt jeden Tag Corona-Infizierte aus anderen Bundesländern auf, weil es dort keine Beatmungsplätze mehr gibt.

In den letzten Tagen musste ich mehrfach eine Arbeit abbrechen, um pünktlich vor 21.00 Uhr der Hamburger Ausgangssperre zu Hause zu sein.

Ich bin überfällig, in den Supermarkt zu gehen, weil ich das gewohnheitsmäßig spätabends tue.

Und es nervt mich. Statt um 23.00 Uhr einzukaufen, wenn da kaum noch Betrieb ist, man bequem Abstand halten kann, muss ich um 20.30 spätestens nach Hause und das Grocery Shopping auf den nächsten Tag verschieben – zu einer Uhrzeit, wenn es schon voll ist und sich alle aneinander drängen.    Statt Ladenschließung um 21.00 Uhr wäre es meines Erachtens sinnvoller die Öffnungszeiten auf 24/7 auszudehnen, so daß sich die Kunden mehr verlaufen können.

Aber, und es gibt ein großes Aber: Der strenge Hamburger Weg der allgemeinen Ausgangssperre ab 21.00 ohne Ausnahmen für Hunde und Jogger funktioniert.

Der habilitierte Labormediziner Peter Tschentscher, zurzeit Hamburgs Regierungschef, lag also richtig.

In Hamburg sinken die Infektionszahlen besser als in den Bundesländern, die lockern.

[….] Noch in dieser Woche soll die Pflicht zur Notbremse kommen: In Hamburg ist zu sehen, wie schnell die Infektionskurve abflachen könnte – vor allem die Ausgangssperre ist wohl effektiver als gedacht. [….]

(Julia Köppe, SPON, 19.04.2021)

Es ist also weniger relevant, ob ich jede einzelne Regel als sinnvoll erachte.

Wichtig ist vielmehr, die beschlossenen Maßnahmen konsequent zu befolgen und nicht immer aus der Reihe zu tanzen, wenn Einzelfälle absurd erscheinen.

[….] Die Entwicklung in Hamburg: Endlich mal ein Lichtblick.

Denn in der Hansestadt sind die Corona-Infektionszahlen seit Tagen rückläufig. Wurden vor einer Woche am 14. April noch 479 Corona-Infektionen bestätigt, sank die Zahl stetig bis auf 227 Neuinfektionen am Dienstag. Zwar sind am Mittwoch mit 400 erneut viele Infektionen gemeldet worden, dennoch sank die Sieben-Tage-Inzidenz im Vorwochenvergleich konstant weiter und lag zuletzt bei 130,3.  Auch deutschlandweit gehen die Zahlen der Neuinfizierten herunter. Doch Hamburg verzeichnet den stärksten Rückgang der Inzidenz – um 6,5 Prozent. [….] Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) führt die positive Entwicklung in der Hansestadt auf die bestehende Ausgangssperre zurück: „Als wir die Ausgangssperre hier angekündigt haben, hatten wir eine Inzidenz von über 160. Wir sind das einzige Bundesland, dass seit diesem Zeitpunkt kontinuierlich zurückgeht auf heute 134.“ Wenn man sich die zeitliche Korrelation ansehe, sei dies die naheliegendste Begründung, so Grote. […..]

(MoPo, 21.04.2021)

Also Querdenker, bitte sofort aufhören bei Aluhutmärschen Superspreader-Events anzuzetteln, sondern lieber das tun, was „die da oben“ wollen.

Dienstag, 20. April 2021

Jetzt beginnt schon mal das Rechnen.

Wir kennen alle diese lustigen Sprüche:
Traue keiner Umfrage, die Du nicht selbst gefälscht hast.

Prognosen sind schwer; insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen.

Fast jeder erliegt der Versuchung, sich der unendlichen Flut der Umfragedaten zu bedienen, um irgendwie eine  Mehrheit oder zumindest steigende Zustimmung zur eigenen Meinung zu finden.

Keine Talkshow, kein politischer Journalist und schon gar kein Politiker, der nicht intensiv herunterbeten, was eine Mehrheit der Wähler, der CDU-Anhänger, der Erstwähler, der Kirchenmitglieder usw, denkt.

Das ist doppelt heikel, denn auf diese Weise kann man immer eine Majorität konstruieren.

Sehr beliebt sind auch Vergleiche mit früheren Ergebnissen. Das kennt man aus den Wahlabenden, wenn alle Parteien Zugewinne verbuchen – zumindest im Vergleich zu einer willkürlichen Referenzgröße. Der letzten Landtagswahl, den letzten Umfragen, der Europawahl, den Umfragen noch vor  vier Wochen, den Erwartungen. 
Jeder will gewonnen haben und zur Mehrheit gehören.
Dahinter verbirgt sich einerseits ein Machtanspruch; denn in einer Demokratie braucht es Mehrheiten, um Macht auszuüben. Insofern ist es legitim zur Durchsetzung seiner Ansichten Mehrheiten zu organisieren.

Im politischen Diskurs wird aber irrtümlicherweise auch angenommen, die Mehrheit habe Recht, entscheide sich richtig.

Leider ist das Unsinn.   Mehrheiten können sich fürchterlich irren.

In Sachfragen, aber auch in Personal-Vorlieben.

Seit Hitler 1941 war kein Politiker so beliebt von Karl-Theodor von und zu Guttenberg im Jahr 2010. Spielend überholte er die Kanzlerin, bekam die höchsten Zustimmungswerte. Bis zu 90% mochten ihn. Grüne und Linke schwärmten von dem feschen bayerischen Multimillionär, obwohl völlig offensichtlich war, daß er log und Sachpolitik betrieb. Es war ein Massenwahn. Rückblickend bin ich durchaus stolz, ihm in diesem Blog nie auf den Leim gegangen zu sein und ihn kontinuierlich scharf kritisiert zu haben.

Der 800 Millionen Euro schwere fränkische Adelige hatte zwar in zwei Ministerämtern rein gar nichts erreicht, aber selbst nachdem seine Megalügen und Plagiate aufflogen, lobpreisten ihn 75% der Deutschen, verlangten, er solle Minister bleiben, wollten ihn am liebsten per Akklamation zum Kanzler machen.

[…..] Deutsche halten weiter zu Guttenberg.   Die Plagiatsaffäre hat dem Ansehen von Verteidigungsminister Guttenberg bislang kaum geschadet. Einer Umfrage zufolge schätzen drei Viertel der Bürger seine Arbeit. […..]

(ZEIT, 22. Februar 2011)

Dieser Massenirrtum zeigt auch wieso plebiszitäre Elemente so eine schlechte Idee sind. Damit wird die Entscheidung an die Dümmsten delegiert. Es ist wie eine Diktatur der Inkompetenz.

Die Ächtung der Todesstrafe ist eine zivile und demokratische Errungenschaft.
Sie könnte schnell enden, wenn es dazu eine Volksbefragung gäbe; die Boulevard- und sozialen Medien ein paar Wochen Zeit hätten einige besonders grausige Kindersex-Morde auszumalen und die Täter zu Bestien hochschreiben.

Mehrheitsmeinungen als Totschlagargument zu missbrauchen ist sehr heikel.  Auch ich bin nicht frei davon, wenn ich zum Beispiel aus Ärger über kirchenfreundliche und menschenfeindliche Entscheidungen Roter und Grüner Abgeordneter im Bundestag auf Umfragemehrheiten hinweise, die ebenfalls für Sterbehilfe oder der Verbot von Kinderbeschneidung plädieren.

In dem Fall ist es eine polit-strategische Frage an die SPD und die Grünen, wieso sie eigentlich so eisern eine kirchliche Forderung erfüllen, während sie doch demoskopisch so viel gewinnen könnten, indem sie sich gegen die Kleriker-Lobby  stellten und für ein Recht auf assistierten Suizid einsetzte.

Dabei verwende ich ein rein willkürliches Argument. Ich bin extrem von „Mein Ende gehört mir“ überzeugt; halte es für zutiefst inhuman, abscheulich und sadistisch, nicht nur anders urteilende höchste deutsche Gerichte zu ignorieren, sondern jedes Jahr wieder Tausende Deutsche zu bestialischen Schmerzen und einen grausam hinausgezögerten Tod in der Unselbstständigkeit zu verurteilen.

Würde zufällig eine große Mehrheit der Deutschen Sterbehilfe ablehnen und die extrem sadistische Position der Kirchen teilen, bleibe ich dennoch von meiner Minderheitenmeinung überzeugt und würde von „der Politik“ fordern, sich gerade eben nicht nach der Majorität zu richten.

Man ist daher auch weder ein guter, noch ein qualifizierter Regierungschef, wenn man einmal eine Mehrheit erzielt hat und wieder gewählt wurde.
Kohl, Koch, Berlusconi, Merkel, Strauß, Stoiber, Seehofer, Söder.

Riesige Mehrheiten waren sich über Jahrhunderte völlig einig, daß Frauen minderwertig sind, Schwule kriminell sind, daß Juden Brunnen vergiften. Noch vor 20 Jahren gab es keine Mehrheit für die „Ehe für alle“.

Große Mehrheiten lehnen die Legalisierung von Drogen ab.

Es gab lange Zeit Einigkeit darüber, daß man Kinder schlagen müsse, daß Frauen keine Hosen tragen dürften und „der Franzose unser Erbfeind“ ist.

Was „die Mehrheit denkt“, ist also oft schlicht und ergreifend grundfalsch.

Die Mehrheit kann Recht haben und sich für einen guten Regenten entscheiden.

Die Mehrheit der US-Wähler war vernünftig, als sie trotz geringer Begeisterung für Joe Biden mit 81 Millionen zu 74 Millionen Stimmen Trump in den Ruhestand schickte.  Die Mehrheit entschied rational und richtig, als sie Oktober 2020 Jacinda Ardern einen Erdrutschsieg verpasste.

Gleichzeitig schickten Mehrheiten auch die zutiefst korrupten und destruktiven Mitch McConnell und Lindsey Graham in den US-Senat.

Der Umfrage-Rutsch zu Gunsten der Grünen, der die Baerbock-Partei auf 28% katapultiert und die Scholz-Partei auf 13% schrumpfen lässt, bedeutet also noch lange nicht, daß Baerbock eine bessere Kanzlerin als Olaf Scholz wäre.

[….] Die Nominierungen von Annalena Baerbock und Armin Laschet als Kanzlerkandidaten sorgen laut Forsa-Umfrage für extreme politische Erschütterungen. [….]  Bei einer Bundestagswahl würden die Parteien aktuell folgende Ergebnisse einfahren: CDU/CSU 21 Prozent (Bundestagswahl 2017: 32,9 %), SPD 13 Prozent (20,5%), FDP 12 Prozent (10,7%), Grüne 28 Prozent (8,9 %), Linke 7 Prozent (9,2%), AfD 11 Prozent (12,6%). Acht Prozent würden sich für eine der sonstigen Parteien entscheiden (5,2%). [….]

(MoPo, 20.04.2021)

Die Zahlen des SPD-Mannes Güllner zeigen nur, wie stimmungsanfällig das Wahlvolk ist, indem es diejenigen, die vorbildlich seriös regieren, die SPD-Bundesminister, abstraft und diejenigen, die gar nichts tun und nur in Hinterzimmern Personalien ausklüngeln, in den Himmel hebt.

Anderseits gefällt mir natürlich der Teil der Umfrage, in dem die Grünen acht Prozentpunkte vor der CDUCSU liegen. Das könnte lustig werden für Laschet.

Falls die CDU aber zu deprimiert ist, kann sie auch die ebenfalls heute erschienenen INSA-Zahlen verweisen. Das konservative Institut stellt genau das Gegenteil fest: Hier liegen CDUCSU meilenweit vor den Grünen.

CDUCSU: 28%, Grüne 21 %, SPD: 16%, FDP: 11%, Linke 7%, AfD: 12%

Montag, 19. April 2021

Erstaunliche Dinge passieren heute.

Die Grünen geben sich als politische Vollprofis, tüfteln die Kanzlerkandidatur lehrbuchartig im Hinterzimmer aus, ohne irgendein Parteigremium oder gar die Basis damit zu befassen, alle Eingeweihten halten sich streng an die Schweigepflicht, niemand sticht auch nur eine Andeutung an die Presse durch, kein Parteimitglied, keine Delegierte muckt auch nur im Geringsten auf, weil die Obermuftis gänzlich undemokratisch um Posten feilschen.

Dann gibt Annalena Baerbock perfekt vorbereitet perfekt rundgelutschte Interviews, in denen sie wie ein CDUler nach 40 Jahren in der Regierung, noch nicht mal ansatzweise auf die Fragen eingeht, sondern völlig allgemeingültige wolkige Phrasen ablässt, die auch 90% aller anderen Politiker so verwenden.    Sie mache ein „Angebot“, stehe für einen „Neuanfang“, man müsse „die Zukunft gestalten“. Welcher Kandidat von Linke bis CSU würde das nicht unterschreiben, wenn nach 16 Jahren die ewige Amtsinhaberin abtritt?

Heute Journal-Moderator Klaus Kleber konnte dementsprechend die seit Jahrzehnten eingeübte Replik „nun haben Sie lange gesprochen, aber mit keinem Wort auf meine Frage geantwortet“ anwenden.

Erstaunlich ist insbesondere die CDU-Grüne-Habitus-Rochade.

Während die Baerbock-Habeck-Partei diszipliniert wie Chinas KP agiert und jedes Mitglied einmütig die Parteichefs unterstützt, streiten sich die CDU-Funktionäre wie die Kesselflicker, bieten ein Bild des puren Chaos, sind ganz offensichtlich nicht in der Lage, ihre persönlichen Eitelkeiten zu vergessen und an einem Strang zu ziehen!

Das Allererstaunlichste aber: Heute gehe ich vollständig mit der Ansicht des erzkonservativ-drögen Heute Journal-Redaktionsleiters Schmiese d’Accord.
Ich kann mich nicht erinnern jemals einer seiner politischen Analysen zugestimmt zu haben.

[…..] Die Grünen zeigen der Union, wie man es richtig macht. Ihnen ist heute gelungen, was CDU und CSU haltlos versprochen hatten.   […..] Vor einer Woche hätten CDU und CSU sich noch ähnlich elegant für die Bundestagswahl aufstellen können. Armin Laschet hatte - genau wie Annalena Baerbock bei den Grünen - das erste Zugriffsrecht auf die Kanzlerkandidatur. Markus Söder hatte die Chance, genau wie Robert Habeck bei den Grünen, zu sagen: Grundsätzlich wäre ich zwar geeignet und bereit. Aber ich akzeptiere. […..]   [Söder] hat die große Schwester vorgeführt. Sie wirkt uneinig. Und treulos gegenüber ihrem eben erst gewählten Vorsitzenden Laschet. Ausgerechnet in dem Moment, wo die Stimmung wegen der anlaufenden Impfwelle für die Union besser wurde. Laschets Abfragen an diesem Abend, wer von den Führenden zu ihm als Kandidaten steht, ist eine Warnung. Wenn die Mehrheit ihm nicht folgt, war's das mit seiner Autorität und damit im Grunde als CDU-Chef. Egal wie es ausgeht: Der Schaden ist enorm für die letzte in Umfragen große Volkspartei ganz Deutschlands. Die Grünen haben heute gezeigt, dass sie geschlossen stehen - bereit zur Bundestagswahl als Erben der Union. […..]

(Wulf Schmiese, 19.04.2021)

Die CDUCSU hat sich tatsächlich in der letzten Woche unnötigerweise in ein nahezu unlösbares Problem geritten, das nun nur noch peinlicher wirkt, nachdem sie von den zuvor als „grüne Chaoten“ geschmähten Ökos vorexerziert bekommen, wie professionelle Politik geht.

Eigentlich akzeptiere ich nicht mehr, eine Frau für den Job als Kanzlerkandidatin vorzuziehen, bloß weil sie eine Frau ist.   Nachdem sogar die altbackene CDU 16 Jahre lang eine Frau amtieren ließ, eine weitere CDU-Frau als Merkels Nachfolgerin an der Parteispitze installierte und eine dritte CDU-Frau als Kommissionspräsidentin nach Brüssel schickte, kann man wohl kaum von sensationellen Neurungen sprechen, wenn sich die Grünen Jahrzehnte später auch mit einer weiblichen Spitze präsentieren.

Andererseits zeigen mir die drastisch gehässigen misogynen Reaktionen der ganz Rechten, daß Frauen an der politischen Spitze immer noch abenteuerlichen Kommentarmobbing ausgesetzt sind.

Ja, die gläserne Beförderungssperre, die Hillary Clinton auf ihrem Nominierungsparteitag 2016 mit so einem herzhaften Klirren durchbrach, wurde außerhalb der USA schon von Frauen durchbrochen; so auch in der Türkei, in Pakistan, in England und Deutschland.

 Aber diese glass-ceiling kann offenbar auch wieder zuwachsen.

[…..] Die Kanzlerkandidatin aller grünen Journalisten-Herzen hat das Rennen gemacht. Endlich mal eine richtige Frau, die das Kanzleramt erobern will. Nach 16 Jahren Angela Merkel besteht also endlich die Chance auf Politik aus der Sicht einer Frau. Oh nein, sorry: Aus der Sicht einer feminstischen Karrierist*in, die versehentlich Mutter geworden ist.  […..] Sind Männer ab jetzt bis zum September ins dritte oder vierte Glied degradiert? So wie der Erzeuger nach dem Geschlechtsakt mit einer lesbischen Frau, die für sich und ihre Partnerin nur noch ein Kind zum Familienglück benötigt, danach nur noch zahlen darf, falls das mit der Adoption nicht so schnell wie erhofft läuft? […..]

 (M.v. Laack, Phimosis Penis, 19.04.2021)

Ich glaube, es gibt durchaus noch ein Vorurteil gegen junge Frauen in schwierigen klassischen Männerjobs. Kann so eine das überhaupt? Ist sie dafür hart genug?

Natürlich ist es leichter, wenn 16 Jahre Merkel auf dem Thron saß, deren katastrophale Politik ich abendfüllend anklagen kann. Das einzige, das ich ihr wirklich nicht vorwerfe ist, daß sie keinen Penis hat.

Merkel hatte damals zwar schon acht Jahre Erfahrung als Bundesministerin im Kabinett Kohl aufzuweisen und war an der Spitze von Partei und Fraktion etabliert, aber sie wurde nur deswegen schon ins Kanzleramt gespült, weil Gerd Schröder die CDUCSU so kalt mit seiner Neuwahl-Ankündigung erwischte, daß sich der männliche Andenpakt nicht mehr rechtzeitig in Stellung bringen konnte.

Baerbock hat gar keine Regierungserfahrung, aber Glück.
Erstens ist ihre Partei nicht der verknöcherte CDU-Haufen von 2002/2005.

Zweitens zeigt das Totalversagen der seit Dekaden amtierender deutschen Politurgesteine in der Pandemie, daß Regierungserfahrung allein offenbar keine Garantie für gutes Regieren ist.
Drittens zeigen die Beispiele erfolgreicher Corona-Politik junger Regierungschefinnen wie Jacinda Ardern (Neuseeland), Mette Frederiksen (Dänemark), Tsai Ing-wen (Taiwan) und Sanna Marin (Finnland), wie gut eine unerfahrene enthusiastische Frau funktionieren kann.

Das Kirchenmitglied Baerbock tritt allerdings in einem strukturkonservativen veränderungsunwilligen großen Deutschland an; da vertraut man lieber alten, grauhaarigen Männern in der Krise.

Für die SPD dürfte die Grüne Entscheidung pro Baerbock ein Glücksfall sein. Umso mehr kann Scholz seine Stärken als extrem verlässlicher, beständiger und krisenerprobter Vollprofi, der sich nicht erst in irgendetwas einlesen muss, ausspielen

Sofern sich Söder und Laschet weiterhin so vorbildlich bemühen die CDU zu zerstören, sieht es heute wieder ein Stück mehr nach RGR, als nach GRR aus.

[…..] Die Grünen haben sich mit der Nominierung von Annalena Baerbock für ihre Prinzipien entschieden – und dagegen, im September wirklich auf Sieg zu spielen. Bei gleicher Qualifikation erhält die Frau den Job. Das ist einer der Grundsätze der Öko-Partei. […..]  Möglicherweise entscheiden wenige Prozentpunkte darüber, wer am Ende ins Kanzleramt einziehen darf. Laut Umfragen ist Habeck seit Jahr und Tag beliebter als Baerbock, auch wenn diese zuletzt aufholte. Er scheint also eine breitere Wählerschicht anzusprechen. Wahlforscher wissen, dass die Spitzenkandidaten die Stimmabgabe für eine Partei maßgeblich beeinflussen. In manchen Fällen deutlich stärker als inhaltliche Fragen. Die Grünen haben sich mit der Nominierung Baerbocks von dem Grundsatz verabschiedet, dass der Köder vor allem dem Fisch (also den Wählern) schmecken muss und weniger dem Angler. […..]

(MoPo Kommentar, 19.04.2021)

RGR mit einer Vizekanzlerin und Superministerin Barbock unter Bundeskanzler Scholz?

Finde ich gut!