Donnerstag, 8. August 2019

Helikopter-Generation



Natürlich ist es eine unentschuldbare Schande, wenn in Deutschland Kinder so hungrig oder so ermüdet zum Schulunterricht erscheinen, daß sie gar nicht mitmachen können.
Lehrer berichten immer wieder von solchen Fällen, es scheint also zu stimmen.
Eine andere Frage ist, ob das deutsche Sozialsystem so löcherig ist, daß blanke finanzielle Not die Eltern dazu zwingt ihre Kinder hungern zu lassen.
Vermutlich ist eher Unvermögen der Eltern verantwortlich; was natürlich für die Kinder noch schlimmer ist und die Frage aufwirft wieso Jugendämter in diesem steinreichen Staat personell immer noch so schlecht ausgestattet sind, daß sie nicht eingreifen, bevor solche Zustände ausbrechen.

Natürlich denke ich an die Schulerzählung meiner Elterngeneration, die kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geboren tatsächlich hungern musste. Aber selbst als alle staatlichen Strukturen zerstört waren, gab es für jeden Schüler täglich einen Löffel Lebertran von der Lehrerin, um den Fett- und Vitamin-Haushalt aufrecht zu erhalten. Mal abgesehen davon, daß das Zeug so grauenvoll schmeckt, daß meine Mutter noch viele Dekaden später würgen musste beim Gedanken daran, ist es offenbar möglich mit fast gar keinen finanziellen Mitteln Kinder staatlich zu ernähren.

Wieso müssen CSU-Werbefiguren wie die unsägliche Uschi Glas im steinreichen Bayern tatsächlich mit privaten Mittel dafür sorgen, daß durch ihr Projekt „Brotzeit für Kinder“ 7.500 bayerische Grundschüler nicht mit knurrenden Magen in der Schule sitzen?

In Deutschland gibt es aber inzwischen nicht nur solche klar zu definierenden Missstände, sondern auch gleichzeitig das diametrale Gegenteil als Problem.
Kinder und Jugendliche, die noch als Studenten von ihren überfürsorglichen Eltern zur Uni gebracht werden, die bis sie 30 sind zu Hause wohnen und denen ihre Mütter auch später noch den ganzen Haushalt führen.

Meine Friseurin, die wie alle Handwerksmeister verzweifelt nach Mitarbeitern sucht, lockte Anfang des Jahres eine neue Kraft aus einem Kaff nahe Hildesheim nach Hamburg.
Die Hildesheimerin, 22, seit zwei Jahren Friseurgesellin, war selbstverständlich nicht in der Lage allein eine Wohnung in Hamburg zu finden. Ihre Chefin musste alle Beziehungen spielen lassen, damit die Hildesheimerin hier in das gemachte Nest plumpste. Wunderschöne sonnige Wohnung mit neuem Bad und Küche, großer Balkon und Tiefgarage, die frisch renoviert nur auf ihren Einzug wartete.
Natürlich konnte sie nicht allein aus Hildesheim herkommen, weil sie keinen Führerschein hatte und die Bahn nicht nehmen wollte, da sie sich in Hamburg nichts auskannte. Mami brachte sie mit dem Auto.
In den ersten drei Monaten arbeitete sie insgesamt dreieinhalb Wochen. Den Rest der Zeit nahm sie sich frei, weil sie unter Heimweh litt und dieses ganze „Arbeiten“ ihr generell zu anstrengend war. Dann auch noch gleich viereinhalb Tage die Woche (Friseure sind in Hamburg Sonntag und Montag geschlossen).
Zudem musste sie auch noch mit dem Bus einige Stationen zur Arbeit fahren, während sie in Hildesheim doch genau über dem Laden gewohnt hätte.
Unzumutbar das Ganze. Eigenartigerweise war ihre Chefin auch nicht wirklich zufrieden mit einer Mitarbeiterin, die ca eine Woche pro Monat arbeitet.
Ihr Vermieter (ein Jahr Kündigungsfrist) ließ sie früher aus dem Vertrag, war bereit einen Nachfolger zu suchen. Das gestaltete sich aber schwierig, da Madame bereits wieder zu Hause bei Muttern in Hildesheim chillte und nicht einsehen wollte, daß sie einem Mietnachfolger auch mal Zugang zu der Wohnung gewähren müsste, wenn sie schon kulanterweise neun Monate eher aus dem Vertrag gelassen wurde.
Inzwischen sitzt der Vermieter auf drei Monaten unbezahlten Strom- und Wasserrechnungen. Die 22-Jährige Hildesheimerin wußte gar nicht, daß man sich bei Versorgern anmelden muss. Um sowas hätten sich immer ihre Eltern gekümmert.

In diese Sicht der Dinge passen auch die durch die Presse wabernden Schweinefleischgeschichten, die von der AfD hochgejazzt auf die Titelseiten der Zeitungen schwappen.
Da wagen es ein oder zwei private Kitas Schweinefleisch von der Speisekarte zu nehmen und sofort droht der Untergang Deutschland. Neoptismus-Günther ist damit sogar Ministerpräsident in Kiel geworden. Im Wahlkampf hatte seine Partei rechtspopulistisch für Schweinefleischpflicht in Kantinen plädiert.
(Ein interessanter Move für eine Christenpartei, die damit an islamophobe Gefühle appelliert, aber gleichzeitig auch antisemitisch agiert.)

[….]  Deutsches Kind, das eine Woche kein Schweinefleisch gegessen hat, spricht plötzlich arabisch
Duisburg (dpo) - Sind das die ersten Folgen falsch verstandener Toleranz? Nachdem es durch ein tragisches Versehen eine Woche lang kein Schweinefleisch gegessen hatte, sprach ein vierjähriges deutsches Mädchen aus Duisburg heute plötzlich arabisch. Die Eltern des Kindes waren fälschlicherweise davon ausgegangen, dass es in der Kita regelmäßig mit Schweinefleisch versorgt wird.
"Uns ist schon seit Tagen aufgefallen, dass ihr Deutsch immer schlechter wird, wussten aber nicht, woran es liegt", erzählt die Mutter der kleinen Mia (4), während sie sicherheitshalber eine Bifi isst. "Normalerweise bekommt sie bei uns ja auch regelmäßig Schweinefleisch, aber in den letzten sieben, acht Tagen war sie immer so satt vom Kita-Mittagessen und wir waren viel unterwegs."
Heute Morgen dann der Schock. Nach dem Aufstehen sagte das Kind plötzlich " ما الذي يحدث؟ لماذا أتحدث فجأة بشكل مختلف؟"
Für Ernährungswissenschaftler Horst Dreffler ist das kein Wunder: "Schweinefleisch ist tief im deutschen Genom verwurzelt. Führt man dem Organismus nicht regelmäßig ausreichende Mengen Schweinefleisch zu, verliert er sein Deutschsein." [….]  Auf ihre Tochter will sie künftig besonders achtgeben: "So ein Risiko gehe ich nicht noch einmal ein", erklärt sie. "Ab sofort gibt es zum Frühstück immer Schweinemedaillons statt Cornflakes." [….]

Abgesehen vom völligen Irrsinn der AfD sind diese abstrusen Überlegungen zur Fütterung von Kleinkindern auch willkommener Anlass, um an meine eigene Schulzeit zu denken.

Fundstück auf Facebook von heute
 Ein Blick auf die Homepage meines alten Gymnasiums offenbart Erstaunliches:

Cafeteria, Oberstufenmensa, Aufenthaltsräume, Computerräume, Kantine.
Es wirkt auf mich eher wie das Programm eines Kurbades.
Vor 40 Jahren in der Prä-Pillenknick-Ära, gab es so viele Klassen, daß nie Räume frei waren. Wir mussten bei jedem Wetter in den Pausen und Freistunden draußen stehen, wo man sich im Winter zitternd an seiner Zigarette festhielt. Als Oberstufenschüler hatte ich teilweise bis zu 15 Freistunden die Woche, weil wir Älteren unsere Kurse um die Jüngeren herumlegen mussten. Immer Nullte Stunde, dann zwischendurch einige Stunden verteilt und wieder 7., 8. und 9. Stunde.
Selbstverständlich gab es GAR NICHTS ZU ESSEN!
Gelegentlich haben einige Mütter organisiert, daß die Unterstufenschüler "Schulmilch" in der Pausenhalle holen konnte. Einen Becher Milch für die Jüngsten.
Alle anderen mussten, wenn sie denn Hunger hatten und nichts von zu Hause mitgebracht hatten, heimlich und verbotenerweise zu dem nächsten BOLLE-Supermarkt (ca 800 m weg) laufen. Die große Tüte Chips für 90 Pfennig. Gern legten wir für eine Flasche FABER-Sekt zusammen (3,99 DM); aber so viel Geld hatte man nicht immer und soff zur Not auch den fiesen Rosé-Verschnitt aus dem Brick für 1,99 DM.
Das war aber nicht ganz ungefährlich, weil die Lehrer kontrollierten, ob man das Schulgelände verließ. Durch das Schultor konnte man daher nicht, sondern musste abenteuerliche Schleichwege durch die Gebüsche nehmen und über Zäune klettern. Das konnte heftig Ärger geben.
Als Oberstufenschüler durfte man während der Freistunden weg. Wir fuhren mit dem Bus 15 Minuten zum nächsten Einkaufszentrum okkupierten das schäbige in dunkelbraunem Cord-Stoff gestaltete Kaufhof-Café. Leider herrschte Verzehrpflicht. Man musste aber etwas kaufen, sonst flog man raus. Das Billigste war Automatencafé für DM 1,10,-
Daran hielt man sich dann zwei, drei Stunden fest.
"Pausenbrot" war natürlich "uncool". Nur die größten Schuldeppen brachten sich was von zu Hause mit. Ein Mädchen hatte stets eine Tupperdose dabei, aus der sie geschälte Wurzeln und halbe frische Paprikas fischte. Der Gedanke an „gesundes Essen" ar aber noch nicht populär, also lachten wir sie als „Bauernmädel“ aus, hielten und an Chips und Billigfusel fest.
Gefrühstückt habe ich nie; das tue ich bis heute nicht.
Als generell unsportlicher Mensch muss ich aber auch dazu sagen, daß wir in Ermangelung von Computern, Smartphones und ähnlichen technischen Schnickschnacks, sowie Eltern, die nicht gewillt waren rund um die Uhr Chauffeur zu spielen, dahingehend verwildert waren, daß wir alle Wege zu Fuß oder per Fahrrad (ohne Helm!) absolvierten, generell sehr viel Zeit draußen verbrachten.
Daher war auch die Erfindung von Fitnessstudios noch nicht nötig. Es brauchte keine Spezialläden, um Muskeln für Bildschirm-affine Blagen zu generieren.
Ohnehin liefen ja alle ständig draußen rum.
Ich erinnere mich nicht an wirklich dicke Mitschüler.
Ich erinnere mich auch nicht an Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Allerdings waren die Begriffe „Gluten“ oder „Lactoseintoleranz“ ebenfalls noch nicht erfunden. Wir fraßen alles.

Es gibt keinen Grund Alkohol- und Tabakkonsum für Jugendliche zu idealisieren. Ich wünschte, ich wäre damals schlau genug gewesen auf die Idee zu kommen, daß meine Deutschlehrerin tatsächlich Recht haben könnte, wenn sie stets mit erhobenen Zeigefinger „Sargnägel, das sind alles Sargnägel“ skandierte, als sie uns rauchen sah.
Aufklärung über gesunde Ernährung ist natürlich richtig.
Aber hyperprotektives Verhalten der Eltern, die ihre Brut vor absolut jeder Gefahr bewahren wollen und jedes einzelne in Kitas servierte Nahrungsmittelmolekül persönlich kennenlernen wollen, generieren damit lebensunfähige Kinder.
Als Antinatalist habe ich leicht reden; ich muss mich ja nicht um eigene Blagen sorgen, aber ich freunde mich immer mehr mit den alten konservativen Sprüchen an, daß Kinder eben auch mal in den Dreck fallen müssen. Nicht immer ist der bequemste Weg der Beste.

Mittwoch, 7. August 2019

Blindi Lindi


Der arme Christian Lindner.
Da rauschen die beiden „großen“ Parteien der Groko auf nie dagewesene Rekordtiefstwerte, setzen damit viele Millionen heimatlose Wähler frei, die schließlich irgendwo ihr Kreuz machen wollen und dann profitieren ausgerechnet die FDP-Intimfeinde von der grünen „Verbotspartei“, während die Lindners Gang bei schlaffen acht Prozent hängt, also noch mal deutlich unter dem Bundestagswahlergebnis von 2017.

Außerdem rächt sich nun auch die Strategie des Reservehauptmanns, Porschefahrers und Jägers alle anderen FDPler weggebissen zu haben; denn wem könnte man nun die Schuld für das Umfragedesaster zuschieben, wenn nicht Lindner selbst?
Welchem Durchschnittbundesbürger fällt überhaupt ein zweiter aktiver FDP-Politiker außer Lindner ein? Da muss man schon lange überlegen.
Die ehemaligen „Liberalen“ 2017 in eine „Liste Christian Lindner“ zu transformieren, hatte sich bei der Bundestagswahl ausgezahlt, weil man das inhaltliche Vakuum hinter rabiaten Gauland-Sprüchen und sexy Schwarzweiß-Bildern des frisch haartransplantierten Chefs mit Dackelblick verstecken konnte.









Nach zwei Jahren gibt es allerdings starke Ermüdungserscheinungen beim Publikum.
Lindner-Memes sind nun sogar noch häufiger als Spahn-Memes und kein bißchen schmeichelhafter.
Lindners „lieber gar nicht, als falsch regieren“-Diktum erweist sich immer mehr als Generalfehler.
Denn selbst in einer sehr unpopulären Regierung kann man sich profilieren. Das ist der Unterscheid zwischen Lindner und seinem Freund und Vermieter Jens Spahn: Letzterer hat ein Ministeramt und kann damit immer wieder Duftmarken setzen. Linder hat gar nichts außer seinem Hundeblick.
Außer dreistem Lobbyismus für die Superreichen hat die Partei der Besserverdienenden nichts anzubieten.

Das allerdings tut der FDP-Vorsitzende konsequent. Sobald im politischen Berlin eine Idee ventiliert wird, die den superreichen FDP-Spendern missfallen könnte, weil sie möglicherweise für Gerechtigkeit sorgt, wirft sich das blonde Fallbeil mannhaft dazwischen. Rolex-Träger und SUV-Fahrer wissen was sie an Lindner haben.
Dabei haben es diese Menschen gerade ausgesprochen schwer, da die böse Greta zusammen mit der Verbotspartei das Klimathema nicht loslassen, obwohl sich Mr. FDP das bereits mit dem Hinweis, man möge die Klimapolitik gefälligst den Profis (also ihm) überlassen, verbitten ließ.

[…..] Umweltbundesamt: Fahren von SUV teurer machen
Man sitzt höher, hat mehr Übersicht und fühlt sich sicherer: sportliche Geländewagen (SUV) sind ein Verkaufsschlager. Ihre Umweltbilanz ist jedoch sehr schlecht.
Angesichts des SUV-Booms hat sich das Umweltbundesamt dafür ausgesprochen, Fahrzeuge mit hohem CO2-Ausstoß zu verteuern. "Wir müssen Maßnahmen finden, um klimafreundliche Mobilität zu fördern", sagte die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger.
Ein Vorschlag sei ein aufkommensneutrales Bonus-Malus-System für Neufahrzeuge. Für Autos mit hohem CO2-Emissionen soll die Kfz-Steuer mehrere Jahre erhöht werden. Beim Neukauf von Autos mit geringem CO2-Ausstoß soll es Boni geben. […..]

SUV-Anschaffung teurer machen? Als Lindi das hörte fiel ihm vor Schreck das Kaviarhäppchen in den Champagner.
Im schönen Einklang mit den Toplobbyisten der Luxusautos hielt er sofort dagegen.


[…..] FDP-Chef Christian Lindner lehnt höhere Steuern für PS-starke Fahrzeuge wie SUV ab. „Klimaschutz sollte sich am tatsächlichen CO2-Ausstoß orientieren“, sagte Lindner dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).
FDP-Chef Lindner hält CO2-Bilanz für entscheidend
„Nicht die Art oder der Antrieb eines Autos ist entscheidend, sondern die CO2-Bilanz“, erklärte der FDP-Chef weiter. Laut Lindner spielt dabei das Nutzungsverhalten der Autobesitzer eine wesentliche Rolle.
„Ein Diesel-SUV, das nur wenige Kilometer genutzt wird, ist umweltfreundlicher als der Kleinwagen mit hoher Fahrleistung. Die Steuerung sollte also über den Kraftstoffpreis erfolgen“, sagte der FDP-Vorsitzende. [….]

In der Öffentlichkeit wird nur noch wahrgenommen, wie sich Lindi schützend vor die Reichen schmeißt und da er anders als noch 2017 inzwischen nur noch so beliebt ist wie Fußpilz, folgen sofort Meme-Ströme.





Man nimmt den FPD-König einfach nicht mehr ernst.
Soweit hat er sich in die Sackgasse manövriert. Er ist nur noch eine Witzfigur.
Die Pointe dieses Witzes ist allerdings, daß er in einem klassischen Blindes-Huhn-Manöver diesmal aus Versehen etwas völlig Richtiges gesagt hat.

Ja, die Kosten für den Individualverkehr sollten im Angesicht der Klimakatastrophe dem tatsächlichen Benzinverbrauch, also CO2-Ausstoß entsprechen.
Die deutsche Politik betreibt hingegen eine abstruse Lenkungspolitik, indem sie mit zahlreichen Maßnahmen Verbrennungsmotoren gleichzeitig fördert und blockiert.
Es gibt Abwrackprämien, Dienstwagenprivilegien, Abschreibungsmöglichkeiten und Kilometerpauschalen, Interessenvertretung der KfZ-Hersteller in Brüssel, um den Gebrauch von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren für den Verbraucher billiger zu machen.
Gleichzeitig gibt es aber zahlreiche Maßnahmen, um den Gebrauch von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren für den Verbraucher teurer oder umständlicher zu machen: Benzinsteuer, KfZ-Steuer, Haftpflicht, Maut, Vignetten, Fahrverboten, Innenstadtplaketten, Tempolimits, Grenzwerte, Blitzanlagen, Parkgebühren.

Ich bin sicher viele Maßnahmen vergessen zu haben, aber klar ist, daß Bund und Länder dem Autofahrer gleichzeitig Stopp UND Go sagen.

Ein sagenhafter Unsinn.
Eine jährlich zu bezahlenden Vignette trifft denjenigen, der einmal im Jahr 70 km in den Nachbarort zu seinem Cousin fährt, genau wie den, der täglich zwischen Hamburg und Berlin pendelt.
Und ja, auch wenn ein SUV unverantwortlicherweise pro 100 Km sehr viel mehr Abgase auspustet, als ein Citroen C1, hat Lindner dennoch Recht, wenn er den (unwahrscheinlichen) Fall konstruiert, daß der SUV-Besitzer seinen Wagen womöglich hauptsächlich in der Garage parkt und nur alle drei Monate einmal nebenan zum Tante Emma-Laden fährt, während der C1-Besitzer womöglich rund um die Uhr am Steuer sitzt.

Und ja, ich gebe zu; ich spreche als Betroffener.
Mein Auto ist uralt und verbeult. 2012 habe ich ihn zuletzt schätzen lassen und erfuhr das harsche Urteil „wertlos“.
Wenn ich das Auto aber nicht in Zahlung geben kann, habe ich keinen Anreiz einen Neuen zu kaufen.
Mein  Reifen-Typ zuckte damals mit den Schultern und sagte „fahr‘ ihn doch zu Ende.“ Ich fand das despektierlich, beherzigte aber den Rat. Inzwischen hat er also weitere sieben Jahre auf dem Buckel, kam immer anstandslos durch den TÜV. Er fährt zuverlässig (schnell auf Holz klopfen) und die Beulen sind mir egal.
Der enorme Benzinverbrauch von über 10 Litern ist mir ein Dorn im Auge.
Natürlich wäre ein Neuer deutlich sparsamer.
Aber ich habe eine gute Ausrede: In annähernd 20 Jahren habe ich noch nicht mal 30.000 km auf dem Tacho, weil ich nie mit dem Auto verreise oder lange Strecken fahre. Es ist nur ein Lastesel, wenn ich etwas transportiere.
Trotz des hohen Verbrauchs/100km, dürfte ich also auf ein Jahr gerechnet weit weniger CO2 emittieren als die meisten anderen Autobesitzer.
Ich glaube, in so einer überalterten reichen Single-Stadt wie Hamburg ist mein Fahrverhalten gar nicht so selten. In den extrem teuren Wohngegenden leben viele Senioren, die natürlich ein Auto haben, weil sie alle drei Wochen damit einmal zum Friseur oder zu EDEKA gurken, die aber längst aus dem Alter raus sind Autobahn zu fahren.
Wieviel diese alten Karren pro 100 km verbrauchen, ist also relativ irrelevant.

Man könnte jeden einzelnen Bundesbürger nach seinem individuellen Fahrverhalten befragen und erhielte Millionen verschiedene Antworten.

Es ist absurd anzunehmen, mit der Vielzahl der bestehenden Maßnahmen ….

Abwrackprämien, Dienstwagenprivilegien, Abschreibungsmöglichkeiten und Kilometerpauschalen, Interessenvertretung der KfZ-Hersteller in Brüssel,
Benzinsteuer, KfZ-Steuer, Haftpflicht, Maut, Vignetten, Fahrverboten, Innenstadtplaketten, Tempolimits, Grenzwerte, Blitzanlagen, Parkgebühren.

…. eine einheitliche ökologische Lenkungswirkung zu erzielen.
Wirklich allen gerecht wird man nur über den Benzinpreis.

Daher schlage ich vor alle genannten Maßnahmen komplett abzuschaffen und alle Kosten auf die Benzinsteuer zu addieren.
Wenn der Liter fünf, sieben oder neun Euro kostet, werden es sich die Menschen schon überlegen, ob sie nicht auf andere Verkehrsmittel ausweichen.
Gleichzeitig hätte man es der Hand sich ein Auto anzuschaffen oder zu sharen, weil die Grundkosten (KfZ-Steuer zB) wegfielen.

Idealerweise würde dieses Konzept europaweit eingeführt, so daß die Menschen in Grenznähe nicht schummeln können.

Pendler bekämen natürlich ein gewaltiges Problem, aber das würde letztlich bei den Arbeitgebern landen, die schließlich auf ihre Mitarbeiter angewiesen sind.
Sie müssten ihren Beitrag zahlen, indem sie Wohnraum in der Nähe ihrer Betriebe schaffen, sich für alternative Verkehrsmittel engagieren oder aber die Fahrtkosten direkt übernehmen.
Damit wären Arbeitgeber belastet und gezwungen ökologisch vorzusorgen.
Das wäre Lindner konsequent zu Ende gedacht.
Huhn, Korn, Christian.
Er selbst wird allerdings nicht so weit gedacht haben.

Dienstag, 6. August 2019

Offene Pforten der Hölle.


Nein, inzwischen glaube ich nicht mehr daran, daß Trump mich noch überraschen könnte.


 Es gäbe auch nichts, das seine fanatischen Kultanhänger gegen ihn aufbrächte.
Eine Milliarde aus der Staatskasse stehlen? Sextape mit Putin? Sextape mit Ivanka?
Alle moralischen Barrieren sind gefallen. Trump propagiert Rassismus, Nepotismus, verteidigt Pädophile und Vergewaltiger; andere Kriminelle sowieso.


Eins von Trumps zentralen Wahlkampfversprechen war es das Staatsdefizit abzubauen. Nach zweieinhalb Jahren im Amt  - davon die ersten zwei Jahren mit republikanischer Mehrheit in beiden Parlamentskammern, ist das Staatsdefizit um umfassbare zwei Billionen (amerikanisch Trillionen) Dollar angestiegen. 2.000 Milliarden. Das sind zwei Millionen Millionen. 2.000.000.000.000 Dollar 2.000.000 Millionen.

Mick Mulvany, der Stabschef lächelt das einfach weg, als sogar FOX-Mann Chris Wallace staunt, wie jemand behauptet das Defizit zu reduzieren, nachdem er es um zwei Trillionen erhöht hat.

Der Mann fördert aktiv Terror im eigenen Land, weigert sich kategorisch Maßnahmen zu unternehmen, die russischen Einfluss auf amerikanische Wahlen verhindern.

Es ist natürlich ein Moment der Erleichterung und Entspannung, wenn man jemand seiner Wut und Abscheu über den orangen Hitler Ausdruck verleiht.


Haach, ist das angenehm, wenn einem jemand aus dem Herzen spricht.



Trump und seine Millionen Fans sind nicht schwer zu verstehen.

Schwer zu verstehen sind für mich die liberalen Amerikaner, die immer noch hartnäckig behaupten „we are better than that“, Trump vorwerfen „unamerikanisch“ zu sein oder wie Michael Rapaport offenabr noch eine leise Hoffnung haben Trump könnte auch einmal etwas Richtiges tun. Einmal die richtigen Worte finden, oder der Nation „comfort“ geben.


Nein, das wird dieser Abschaum, der sich so wenig Empathie für seine Opfer empfindet, daß er sich nicht mal drei Stunden lang merken konnte in welcher Stadt der Amoklauf von Dayton stattfand und von „Toledo“ sprach, nie tun.

Möglichst viel Golfspielen ist das was wir bestenfalls von einer Trump-Präsidentschaft erwarten können.
Wenn Trump redet, wenn er handelt, wenn er agiert, wird es gemeingefährlich.

Montag, 5. August 2019

Angebot und Nachfrage


Das sind ja auch nur Ausländer, die da arbeiten“ beklagte sich eine Dame auf der Eigentümerversammlung über den Hausmeisterservice.
Eigentümerversammlungen sind ja mein neues Hobby; das macht einen Riesenspaß da hinzugehen und den alten Herren zu vertreten, um den ich mich kümmere.
Ich blickte die Hanseatin im Twinset strafend an und sogleich versicherte sie der Runde nun wirklich gar nichts gegen Ausländer zu haben, aber sie beobachte die immer ganz genau beim Treppenhausputzen und nachdem sie unter der Fußmatte gefeudelt hätten, legten sie diese oft ganz schief zurück.
Das müsse sie denen immer erklären, aber die verstünden ja meist gar kein Deutsch.
Stoisch-verzweifelte Blicke des Versammlungsleiters von der Hausverwalterfirma.
Nein, es gibt keine deutschen Treppenhausreinigungskräfte mehr. Nahezu alle Wohnungseigentümergemeinschaften möchten deutsche Putzkräfte/Hausmeister/Gärtner/Winterdienstler haben, aber die gäbe es nun mal nicht.
Es ist in Hamburg ohnehin fast unmöglich noch einen Reinigungsdienst für Treppenhäuser zu bekommen; er rate uns daher, es sich besser nicht mit diesen zu verscherzen, sonst müssten wir am Ende selbst putzen.

Die Wohnungseigentümer, die sich über die ausländischen Treppen-Putzkräfte und deren aufgrund des Zeitdrucks mangelhafte Ausführung echauffieren, sind übrigens Dieselben, die in den Jahren zuvor ständig Anträge einbrachten die bisherigen Hausmeisterfirma zu entlassen, weil die „ja viel zu teuer“ wären. Ob das nicht auch billiger ginge, nur mal eben das Treppenhaus durchzuwischen und die Briefkästen abzuseifen.

Gegenfrage: Würden SIE für neun Euro die Stunde Treppenhäuser putzen und sich dann auch noch von jedem einzelnen Bewohner anmeckern lassen, wenn das nicht schnell oder nicht gründlich genug ist?

Zum Abschied des alten Herren habe ich mich noch einmal länger mit der sibirischen Pflegerin des ambulanten Dienstes unterhalten.
Natasja hat Nerven aus Stahl, ist immer geduldig und freundlich.
Sie arbeitet bei der evangelischen Kirche; in dem Fall der Diakonie.
Den Job macht sie seit 1995, ist ausgebildete Krankenschwester und Altenpflegerin. Pro Tag hat sie 20 Patienten, für die sie jeden Tag – egal ob Sonntag oder Feiertag – kreuz und quer durch den alptraumhaften Hamburger Innenstadtverkehr rasen muss.
Einige Patienten sind schwerstpflegebedürftig, müssen im Bett gewaschen und mit Spritzen versorgt werden. Der Herr nach uns auf ihrer Tour ist ein ehemaliger Seniorpartner einer Rechtsanwaltskanzlei. Steinreich, lebt in einer großen Villa, sagt weder Bitte, noch Danke, begrüßt sie nicht. Sie muss ihm die Beine bandagieren und Thrombosespritzen geben.
Sofort beginnen kann sie aber nicht, weil er sie gern anherrscht „Du siehst doch, daß ich gerade ein Glas Rotwein trinke, in 15 Minuten habe ich Zeit!“
1.400,- bringt Natasja im Monat nach Hause.
Ihr weißrussischer Mann ist Kindergärtner in Norderstedt (nördlich von Hamburg) in einer Einrichtung für verhaltensauffällige Kinder. 15 von ihnen betreut er tagsüber allein und verdient ungefähr das Gleiche wie seine Frau im Monat.
Familienleben gibt es aufgrund des Schichtdienstes wenig, die beiden Kinder sind 9 und 11 Jahre alt. Es erfordert viel Koordination und Planung bei zwei berufstätigen Eltern die Kinder aufzuziehen.
Die Vier wohnen in Reinbek, östlich von Hamburg. Natürlich nicht in Hamburg, weil es mit normalen Gehältern unmöglich ist zentral eine Wohnung für vier Personen zu finanzieren.
Abends sitzen sie zusammen und studieren Sonderangebote, fahren gezielt Discounter ab, um immer das Billigste zu erwischen.

Auch in der Seniorenresidenz im äußersten Westen Hamburgs, in der der von mir betreute Herr nun wohnt, sind die Pfleger in der Regel nicht von weißer Hautfarbe.
Ihr Monatsbruttogehalt beträgt ungefähr ein Viertel dessen, was der Grundpreis eines Zimmers in der Einrichtung kostet.

Ist es nicht außerordentlich eigenartig, daß Pflegekräfte knapp sind?
Wieso wollen sich nicht deutsche, studierte junge Menschen in so einen Beruf begeben, bei dem man ein Leben lang Knochenarbeit unter höchster psychischer Anspannung leistet und dann grandioserweise sogar über 1.000,- im Monat verdient?
Sehr eigenartig.

Nastasja sagte, natürlich würde sie gern mehr verdienen, aber wichtiger wäre ihr die Anerkennung. Die Deutschen wollten eben nicht Altenpfleger, Kindergärtner oder Krankenschwester werden, weil Menschen in diesen Berufen keine Achtung erfahren.
Jeder wisse, das wäre ein Beruf, den niemand machen wolle und gucke sie auch dementsprechend mitleidig an.
Ein Loser-Job.
Ein Beruf, bei dem man wie Treppenhausputzkräfte auch noch mies von den Kunden behandelt wird.
Die neoliberale Gesellschaft Deutschlands funktioniert so. Es gibt eine neue Paria-Klasse von Billigarbeitern für die ein besonderes Arbeitsethos Voraussetzung ist.
Der durchschnittliche deutsche Langzeitarbeitslose steht dafür nicht auf, weil das Leben auf Hartz IV tatsächlich bequemer ist.
Dabei sind gerade Berufe im Pflegebereich eben keine unwichtigen Hiwi-Jobs, für die man unwillige Nörgler verdonnern kann.
Das sind im Gegenteil, sehr ehrenhafte, wichtige Berufe, die viel zu wenig Anerkennung erfahren.

[…..] Die Pflege, sagt Meyer, [renommierte Pflegewissenschaftlerin und Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung für das Gesundheitswesen] mache es sich zu einfach. Über Jahre habe sich eine Jammerkultur aufgebaut. Wir können nicht anders, wir sind so unterbesetzt. "Aber das stimmt nicht immer", sagt Gabriele Meyer. Und erzählt von dem alten Mann aus Sachsen-Anhalt, der vor Kurzem in der Badewanne starb. Er wurde verbrüht, weil die beiden Pfleger rausgegangen sind und nicht merkten, dass kochend heißes Wasser in die Wanne lief, in die sie ihn gesetzt hatten. Ob sie den Hebel aus Versehen in die falsche Richtung gedreht haben oder der Mann selbst daran kam, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Er war dement, konnte sich nicht wehren, nicht rufen. "Einen alten Menschen beim Baden allein zu lassen, ist gegen jede pflegerische Vorschrift, das hat nichts mit Pflegenotstand zu tun", sagt Meyer. "Wenn ich nicht sicher ein Vollbad anbieten kann, dann mache ich es auch nicht."
Offensichtliche Fehler, Unterlassungen und schlechte Pflege können doch nicht mit Personalmangel erklärt werden, sagt Meyer. "Das würde ich als Angehöriger dieser Profession nicht auf mir sitzen lassen." […..]

Nastasja ist eine sehr ehrenwerte Person, aber man möge mir verzeihen, wenn ich zwar auch ihren Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung unterstütze, aber eben auch verlange, daß solche großartigen Menschen verdammt noch mal erheblich besser bezahlt werden.
Leider wollen die privaten Träger der Pflegeheime das gar nicht. Die meisten gehören zu Caritas und Diakonie und bei denen werden Mitarbeiter generell als Menschen zweiter Klasse behandelt. Sie dürfen weder streiken, noch Gewerkschaften gründen, noch einen Flächentarifvertrag bekommen und schon gar nicht dürfen sie schwul oder lesbisch sein.
Das Kirchenarbeitsrecht, das so vehement von all den politischen Frömmlern – AKK, Merkel, Brinkhaus, Kauder, Spahn, Nahles, Göring-Kirchentag, Käßmann – verteidigt wird, macht es möglich.

[….] Die Koalition der Unwilligen
 [….]  Das Ziel sind höhere Löhne in der Pflege, um die Branche attraktiver zu machen und so den Fachkräftemangel zu lindern. Das Problem ist, dass das Arbeitgeberlager letztlich keines ist. Die Causa Tarifvertrag scheidet es vielmehr in drei Gruppen mit widerstreitenden Interessen: die Unwilligen, die Willigen und die Kirchen. [….] Zu den Unwilligen gehört nicht nur Greiners AGVP, sondern auch der BPA-Arbeitgeberverband mit seinem Präsidenten Rainer Brüderle, dem ehemaligen FDP-Bundeswirtschaftsminister. [….] Zunächst aber muss noch final geklärt werden, wer überhaupt mit im Boot ist. Derzeit sind von den größeren Trägern nur die Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Arbeiter-Samariter-Bund, die Diakonischen Dienstgeber in Niedersachsen, der Paritätische Gesamtverband und die Volkssolidarität Mitglied in der neuen BVAP, die mit Verdi verhandeln wird. Nicht dabei sind die beiden Arbeitgeberverbände der privaten Pflegeunternehmen, aber auch das Deutsche Rote Kreuz ist abgesprungen. "Unerklärlich", heißt es bei Verdi dazu, "bestürzend", sagt AWO-Geschäftsführer Gero Kettler. [….]
Eine wichtige Rolle werden am Ende die kirchlichen Träger spielen, bei denen fast ein Drittel der rund 765 000 Pflegebeschäftigten arbeitet. [….]  Diakonie und Caritas schließen in der Regel keine Tarifverträge ab und sind auch der neuen BVAP nicht beigetreten; für sie gilt das kirchliche Arbeitsrecht, der "dritte Weg". [….]