Mittwoch, 27. September 2017

Geistige Giganten des Konservatismus – Teil XX



Für Europäer sind die amerikanischen Sportvorlieben schwer zu verstehen, weil die USA anders als alle anderen Länder ticken.
Soweit ich es verstehe, wird Fußball = Soccer nicht so gern wie im Rest der Welt gemocht, da man es als irgendwie elitär und europäisch ansieht.
Gemocht werden Football, Baseball und Basketball.
Ersteres ist grober, ländlicher und patriotischer aufgeheizt, als die urbaneren, multikulturelleren Sportarten der Großstädter.

In stockkonservativen Staaten wie Alabama haben sich die Rednecks immer noch nicht so recht damit abgefunden, daß überhaupt Schwarze beim Football mitspielen dürfen.
Daher kam es bei den tobenden Trump-Fans vor einer Woche sehr gut an, als er einige schwarze Spieler „son of a bitch“ nannte und loshetzte, man solle sie rauswerfen.
Das Publikum johlte vor Begeisterung als es wieder mal gegen „die Neger“ ging.
Trump ist hochzufrieden mit der Welle der Empörung, die er auslöste und feuerte über 20 bösartige Tweets gegen schwarze NFL-Profis ab, die sich nicht patriotisch genug zeigten und daher aussortiert gehörten.


Football ist Patriotismus pur; pathetisch wird die Nationalhymne abgesungen.
Es gilt in Amerika ebenfalls als sehr patriotisch sich hinter die Armee zu stellen.
Deswegen stellt sich Trump so gern hinter das Militär.
Jedenfalls den weißen, heterosexuellen Teil.
40% der US-Army-Angehörigen gehören zu Minderheiten.
Die gefallen ihm nicht.
Für die Dreamers in der Armee will sich Trump nicht einsetzen.
Für die Transgender in der Armee will sich Trump nicht einsetzen.

Trumps Einsatz für den Patriotismus in Armee und NFL lohnt sich für ihn, weil er damit gleichzeitig gegen Minderheiten agitieren kann, die ultrarechte republikanische Basis an sich bindet und insbesondere die öffentlich diskutierten Themen nach Belieben dominiert, während es für ihn an der politischen Front extrem schlecht läuft.
Aus und vorbei für Trump-Care, die Russian-ties-Schlinge zieht sich zu, es gibt einen Email-Skandal im Trump-Team und zudem ist seine Außenpolitik gegenüber Russland, dem Iran und Nordkorea ein einziger Scherbenhaufen.
Das schlägt sich aber nicht auf sein politisches Ansehen nieder, so lange die Frage ob irgendwelche Sportler bei der Nationalhymne knien oder sich stehend die Hand aus Herz drücken, die Debatte bestimmt.

Als Europäer fragt man sich wie sowas möglich ist. Niemand könnte sich vorstellen, daß Frau Merkel tagelang auf Fußballspieler eindrischt, die nicht patriotisch genug bei der Nationalhymne mitsingen.
Selbst der rechtsliberale Christian Lindner beklagte nur einmal die mangelnde Nationalhymnen-Singerei von Sportlern.

In den USA funktioniert das, weil es sich in Teilen um ein unzivilisiertes Pegida-Volk handelt.

Wir sehen das mustergültig in Alabama. Dort gab es eine republikanische Vorwahl, um de facto den neuen US-Senator zu bestimmen – Demokraten haben schließlich in dem ultrarechten Südstaat ohnehin keine Chance.
Trump machte Wahlkampf für den stramm konservativen Kandidaten Luther Strange, den er für dessen bedingungslose Treue zu ihm, Trump, pries.
Strange unterlag aber dem klar rassistischem Rechtsextremisten Roy Moore.

[….] Roy Moore, a former State Supreme Court chief justice, defeated Senator Luther Strange on Tuesday in the Republican runoff to fill the United States Senate seat vacated by Jeff Sessions, now the attorney general. Mr. Moore will face the Democratic nominee, Doug Jones, a former United States attorney, in the general election on Dec. 12. [….]

Nach der Veröffentlichung des Ergebnisses, knickte Trump schnell ein, stellte sich hinter Moore und wünschte ihm via Twitter viel Erfolg für die Wahl im November.
Die Wahl findet zwar im Dezember statt, aber Trump hält sich strikt an seine Maxime niemals die Wahrheit zu sagen.

Strategisch gesehen ist es nicht so schlecht, wenn völlig Wahnsinnige wie Trump die republikanische Partei prägen.

Langfristig wird eine zerfasernde GOP die Mehrheitsfähigkeit verlieren und den Demokraten wieder Mehrheiten in beiden Kongresskammern ermöglichen.
Sie könnten sich dann auch wieder ein bißchen nach links orientieren – so wie es sich die Basis wünscht.

Dann könnte es wieder voran gehen in Amerika.

Der siebzehnte geistige Gigant des Konservatismus (GGK), den ich in dieser neuen Reihe besprechen möchte, hat sich genau wie die radikale Lügnerin Carly Fiorina komplett der Realität entkoppelt: Donald Trump.

Es ist eigentlich müßig den orangehaarigen Milliardär der Mobs noch vorzustellen.
Der groteske Presbyterianer ist inzwischen weltweit bekannt wie ein bunter Hund. Er ist so eine Art amerikanische Ein-Mann-Pegida mit Geld: Politisch kloaken-artig müffelnd erzeugt er bei halbwegs moralischen Menschen einen überwältigenden Drang schreiend wegzulaufen.
Aber die Journalisten verhalten sich wie bei verwesenden Quallen am Strand: Sie wissen zwar, daß es ekelig ist, gehen aber doch hin und stochern am Kadaver herum.

Der 20. Geistige Gigant des Konservatismus ist also der mutmaßliche neue US-Senator aus Alabama, Roy Moore.

Der ultrareligiöse Waffenfanatiker hasst Schwule, Muslime, Schwarze und Atheisten wie die Pest. Und er hat einen guten Freund – den Paten der amerikanischen „White Supremacy“-Bewegung, Steve Bannon.

[….] Er zieht bei Veranstaltungen gerne mal den Revolver. Er findet, Homosexualität sollte verboten werden. Er ist dafür, keine Muslime ins amerikanische Parlament zu lassen. Und seit Dienstagabend hat er gute Chancen, trotz der Unterstützung von Donald Trump für seinen Gegenkandidaten neuer Senator für den US-Bundesstaat Alabama zu werden: Der ehemaliger Richter Roy Moore, 70, hat eine parteiinterne Vorwahl der Republikaner für einen Senatssitz gegen den von Trump unterstützten Amtsinhaber Luther Strange gewonnen. Das Ergebnis aus der Provinz könnte ganz Amerika erschüttern. Denn hinter Moore steht Steve Bannon, der frühere Chefberater von Trump, der das Establishment der Republikaner entmachten will.
Erzkonservativ zu sein, gehört bei vielen Politikern aus dem amerikanischen Süden zum guten Ton, doch Roy Moores Konservativismus ist von einem anderen Stern. [….] Zur Stimmabgabe am Dienstag erschien Moore zu Pferde. [….]

Moore ist wie sein Klan-freundlicher Kollege Sessions so rechtsradikal, daß er selbst im ultrakonservativen Alabama aus dem obersten Gerichtshof des Staates entfernt werden mußte. Zweimal.

[……] But Mr. Moore, 70, has proved himself to be a political survivor. He has been effectively removed from the State Supreme Court twice — the first in 2003, over his refusal to remove a statue of the Ten Commandments in the courthouse; the second last year, when he urged the state’s probate judges to defy federal orders regarding same-sex marriage.
And in recent days, both the president and Vice President Mike Pence had campaigned for Mr. Strange. Mr. Trump, an enormously popular figure in Alabama, cast aside the tradition of presidents treading carefully in contested primaries, as well as the warnings from his own advisers regarding a candidate trailing in the polls. [….]

Toll, dachten sich die republikanischen Alabamesen. Die Scheiß Verfassung ist eh liberaler Unsinn. Den wählen wir!

Immer weiter so, liebe GOPer. Mit solchen Typen im Senat macht ihr die politische Kultur Amerikas endgültig kaputt und verhindert nachhaltig, daß eine Regierung lösungsorientiert arbeiten kann.

[….] Wenn bereits Sessions als Hardliner galt, muss für Moore eine Steigerung erfunden werden. Der Mann ist im christlich-konservativen Teil des Bundesstaats im tiefen Süden ein Held, weil er fanatisch religiös ist - und er deshalb zwei Mal als Richter entlassen wurde.
2003 ließ er im staatlichen Justizgebäude eine zwei Tonnen schwere Skulptur mit den zehn Geboten aufstellen - ein Zeichen religiöser Bevorzugung, das ihn das Amt kostete. 2013 wählten ihn die Bürger Alabamas zurück auf den Posten, von dem er 2016 suspendiert wurde: Er hatte sich geweigert, auf Anweisung eines Bundesgerichts gleichgeschlechtliche Ehen (Moore: "abnormal, unmoralisch, verabscheuungswürdig, ein Verbrechen gegen die Natur") anzuerkennen. Muslime, erklärte Moore 2006, sollten nicht für den Kongress kandidieren dürfen. Der 11. September, so Moores Analyse im Februar dieses Jahres, sei eine "göttliche Strafe" für die USA gewesen.
[….] Moore [….]  erhielt Unterstützung von Rechtsauslegern wie Sarah Palin, dem ehemaligen Trump-Berater Stephen Bannon, Trumps Wohnungsbau-Minister Ben Carson oder dem Briten Nigel Farage.
Beide Kandidaten hatten sich als wahre Vertreter des Trumpismus zu inszenieren versucht - Strange bezeichnete Trumps Wahl sogar als "biblisches Wunder". Dass er trotzdem verlor, lag neben der Nähe zum verhassten Senatsführer McConnell. […]

Dienstag, 26. September 2017

Homo Homini Lupus – Teil III



Schrecklich, ganz ganz schrecklich.
Man sollte als Parteimitglied nicht allzu viel Zeit den SPD-Foren der sozialen Medien verbringen.
Wie bei allen Parteien, sind auch unter den einfachen Sozi-Mitgliedern eine Menge Idioten. Keine Idioten mit radikalen Ansichten wie in der CSU.
Keine Idioten mit bösartigen Charakteren wie in der AfD. Keine Idioten, die aus Dünkel und Überheblichkeit andere verachten, wie in der FDP.
Aber eben immer noch Idioten, mit denen man nicht endlos diskutieren kann, ohne zu verzweifeln.

Bekanntlich halte ich die ultrafromme, designierte Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles für eine schlechte Politikerin.


Wagt man das aber intern zu sagen, wird einem geraten die SPD-Basisgruppe zu verlassen, unterstellt man sei ein Seeheimer oder auch gleich Faschist.

Chat vom 26.09.2017, 22.30 Uhr:

Julius F.: Die Seeheimer gehoeren nicht in die SPD. Die sind neoliberaler als Merkel. Es ist Zeit, dass sie ausgegrenzt werden.
(….)
Hildegard R.: Es muss zwei Seiten geben links und auch ein wenig wirtschaftlich
(….)
Julius F.:
 Schon, aber die rechte Seite darf nicht allein ueber die Verteilung der Posten entscheiden. Wenn es immer nur einen Kanddatenfuer jede parteiinterne Position gibt und die Seeheimer allein darueber bestimmen, dann besitzen sie eine Filterfunktion, die dieSozaldemokraten benachteiligt. Es sollteimmer Wahlen mit mehreren Kandidaten geben.
(….)
Tammox:  Die Seeheimer bestimmen ja auch nicht. Würden sie vielleicht gern.
(….)
Julius F.:
Sie sitzen an den entscheidenden tellen und sehen zu, dass nur Einzelkandidatenaufgestellt werden, die ihre neoliberalen Wrte verkoerper. Dass sie keine Mehrheit in der Basis haben, ist mir klar. Deswegen ist die jetzige Praxis der Kandidatenauftellung faschistoid.
(…..)
Tammox:
 Ich wohne im Wahlkreis von Johannes Kahrs, der hier seit 19 Jahren direkt gewählter Abgeordneter ist.
Ich weiß sehr gut über seine problematischen Seiten Bescheid. Das Klüngeln, die Militär- und Waffenlobby-Affinität. etc.
ABER Kahrs ist eben auch ein sehr engagierter Abgeordneter, der sich vorbildlich um seinen Wahlkreis kümmert, ständig präsent ist.
In Berlin ist er als Haushälter absolut kompetent und ich kenne wirklich keinen anderen Sozi, der so klar spricht. Kahrs spricht frei im Bundestag und wenn er in Talkshows auftritt, spricht er absolut druckreif. Nie irgendwelches blabla. Das ist schon eine Wohltat.
Und wenn er sich mal aufregt, wie zB nach bei seiner Attacke auf Merkel bei der "Ehe-für-alle"-Abstimmung, dann sitzt das aber!
Also: Ja, er ist Seeheimer-Chef mit problematischen Seiten, aber eben auch ein begabter und kompetenter Abgeordneter. Es ist wichtig, daß wir breit aufgestellt sind und unterschiedliche Meinungen vereinen.

Julius F.:
Typisch moderne neoliberale Sichtweise: Der Blender, der sich gut verkauft, wirdgewahlt, auch wenn er inhaltlich problematsch ist. Ich scheisse auf die hetorik, ich schaue nur auf Taten.
(…..)
Tammox:
 Ohne Rhetorik gewinnt man keine Wähler hinzu und wenn nur ein ausgewählter kleiner Kreis unsere Leute gut findet, kommen wir nie wieder an die Regierung.
(…..)
Julius F.:
Goebbels war ein begnadeter Rhetoriker
(SPD-Basis auf Facebook)

Andere schlagen vor eine Abspaltung zu vollziehen, um zwischen SPD und Linken noch eine „Neo-SPD“ mit dezidiert linken Profil zu etablieren.

Man glaubt es nicht; nach 70 Jahren sitzen wieder Nazis im deutschen Reichstag und „wir Linken“ kommen auf die Idee uns weiter aufzuspalten, um uns wie in der Weimarer Republik als KPD, USPD und SPD gegenseitig zu bekämpfen bis schließlich Hitler an der Macht ist und uns alle ins KZ steckt.

Trotz mehrfacher R2G-Mehrheit ist Merkel seit 12 Jahren Kanzlerin.
Nur aus dem einen Grund, daß SPD, Linke und Grüne sich gegenseitig anzicken.
Sich mit sich selbst zu streiten ist uns so wichtig, daß wir dafür völlig inkompetente CSU-Minister in der Regierung vorziehen.

Es ist ein Elend mit den Linken.
Sie beklagen sich über den Ist-Zustand und verhalten sich so, daß es nicht nur nicht besser wird, sondern begünstigen mit ihrer Meckerei und Apathie diejenigen, die es noch schlimmer machen.


Ja, es gibt eine soziale Spaltung in der Gesellschaft. Multimillionäre, Milliardäre, Verbände, also all die großen CDU- und FDP-Parteispender werden rapide reicher, während das untere Drittel der Gesellschaft weiter verarmt.
Das wird allgemein und zu Recht unter Linken beklagt, aber bei der Bundestagswahl wird das letzte bißchen soziale Politik aus der Regierung rausgewählt und dafür die Lobby-affine Partei der Besserverdienenden und die stramm neoliberale AfD groß gemacht.
Es wird die Zweiklassenmedizin beklagt, die dramatische Vorzugsbehandlung der Privatpatienten und statt die Partei zu wählen, die das abschaffen und eine Bürgerversicherung einführen will, schickt man die mit der DKV verbandelte FDP, also die Lobbypartei der Privatversicherten in die Regierung.

Rechte können grundsätzlich ihre Interessen besser formulieren und durchsetzen.
Rechte und Reiche, Privatpatienten und Privatyacht-Besitzer gehen überproportional wählen, unterstützen ihre Parteien, CDU und FDP viel besser als die indolenten Linken, die lieber zu Hause bleiben und damit Schwarzgelb zur Macht verhelfen.

Arm wählt nicht.
In Stadtteilen mit hohem Durchschnittseinkommen wie Nienstedten, Blankenese oder Wellingsbüttel lag die Wahlbeteiligung zwischen  81,1 und 89,6%, In Stadtteilen mit geringem Einkommen wie Veddel, Billstedt oder Jenfeld gaben nur 50,5 bis 70,2% der Wähler ihre Stimme ab.
(Mopo, s.9, 26.09.2017)

Verglichen mit anderen Bundesländern muss sich Hamburg noch am wenigstens für das Wahlergebnis schämen, aber es hätte aus linker Sicht viel besser sein können, wenn nicht die Reichen voll motiviert und die Armen träge gewesen wären.


Montag, 25. September 2017

Dummerhafte Dümmlinge in Süd- und Ostdeutschland.



Wäre ich gewählter Politiker, könnte ich nicht die Wähler beschimpfen, müßte darum kämpfen, daß die AfD-Ankreuzer das nächste mal wieder eine demokratische Partei wählen.
Man müsste analysieren, welche Sorgen sechs Millionen Menschen dazu bringen eine programmlose Partei aus schauderhaften Rassisten zu wählen.
Zum Glück muss ich mich nicht an solche Regeln halten und den AfD-Fans nicht nach dem Mund reden.
In den letzten 24 Monaten habe ich unendlich viele Berichte über die Pegida-Marschierer und Nazi-Fans gesehen, die hauptsächlich in Ostdeutschland hausen, so daß ich eine genaue Vorstellung davon habe, wie die ticken.
Bezeichnenderweise habe ich unter diesen Gauland-Epigonen noch nicht einen einzigen sympathischen Menschen entdeckt. Und noch etwas ist immer gleich: Wann immer Reporter die Interviewten auf ihre krassen Fehlinformationen hinweisen, oder zu bedenken geben, daß es in ihrem Dorf gar keine (oder fast keine) Ausländer gäbe, verändert es nichts.
Diese Menschen hassen, weil sie hassen wollen.
Es ist ähnlich wie Antisemitismus, der auch in völliger Abwesenheit von Juden existiert.
Es tut mir Leid, aber ich will die Ansichten dieser desperaten Antihumanisten nicht ernst nehmen. Ich möchte gar nicht, daß „die Politik“ über deren Stöckchen springt.
Wenn ich diese hassverzerrten „Hau-ab!“-kreischenden Mäuler von enthemmten Ossis sehe, möchte ich Frau Merkel (deren Fan ich wahrlich auch nicht bin) raten, wirklich da „abzuhauen“ und dieses Pack in ihrem eigenen Sumpf schmoren zu lassen.
Natürlich hat Frau Merkel diese Option gar nicht; die Regierung muss sich um alle Menschen kümmern. So pathetisch es klingt, sie ist die Bundeskanzlerin aller Deutschen und hat sich auch um den miefigen Bodensatz der Gesellschaft zu sorgen.
Aber das hat durch viel Bildung, Betreuung, soziale Angeboten, pädagogische Hilfen zu geschehen. Auch damit wird man die im Hass erstarrten Geronten nicht erreichen, aber vielleicht kann man deren Kinder und Enkel aus diesen sehr primitiven Denkstrukturen lösen.
Nicht hilfreich ist hingegen, vor Wahlen auf einmal sein Herz für den rechten Rand zu entdecken und diesen zu umschmeicheln. 

Man müsse sich endlich in der Flüchtlingsfrage ehrlich machen. Es dürfe nicht mehr tabuisiert werden den Islam zu kritisieren.

„Aber wir müssen die Ängste und Sorgen der Bürger doch ernstnehmen…..
So ein Blödsinn!
Wir müssen den Bürgern die Ängste nehmen und ihre Sorgen zerstreuen.“
(Wilfried Schmickler 12.11.2015)


Wenig verwunderlich, daß von so einer Performance nur die Originale profitieren: AfD, Pegida und NPD.
Thomas Oppermann will nun auch Kontingente.
Gabriel ist ein Stimmungs-Politiker, der den Muffigen und Motzenden voller Verständnis entgegen eilt.

Verständnis? Wofür?
Verständnis aufbringen für die Ängste und Sorgen der Bürger in Deutschland. Keine Talkshow mehr ohne diesen Satz, keine Diskussion am Stammtisch und keine Debatte im Bundestag. Verständnis VON oder Verständnis FÜR? Es ist der kleine semantische Unterschied, der den Analysten vom Aktivisten unterscheidet. Den, der Stimmungen deutet von dem, der Stimmung macht. Ja, auch ich verstehe, dass es Ängste vor Flüchtlingen gibt und woher diese Ängste kommen. Nur, mit Verlaub, ich habe kein Verständnis dafür.
Ich habe kein Verständnis dafür, dass Menschen Angst haben vor einer "Islamisierung des Abendlandes", wo der Anteil der Muslime im europäischen „Abendland“ gerade mal 4 % ausmacht, und auch dann nur auf 5 % anwachsen würde, wenn sämtliche syrischen Flüchtlinge auf einmal nach Europa kämen.
Ich habe kein Verständnis dafür, dass Menschen in diesem Land davor Angst haben, dass 2, 3 oder 5 Millionen Flüchtlinge uns unserer Lebensgrundlage berauben. In einem Land, das gerade Milliarden Überschüsse erwirtschaftet und dabei von der Armut der Länder profitiert, aus denen viele Flüchtlinge zu uns kommen.
Ich habe kein Verständnis dafür, dass besorgte Bürger Angst davor haben, dass unsere Verfassungswerte in Gefahr geraten, wo doch die Gleichen, die das befürchten, sofort dazu bereit sind, Artikel 1 des Grundgesetzes zu opfern, wenn es um eine menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen in diesem Land geht.
Nein, ich habe keinerlei Verständnis für diese Ängste – und schon gar nicht dafür, dass Politiker Verständnis für solche Ängste heucheln und dabei nichts anderes tun, als diese Ängste jeden Tag aufs Neue anzufachen.
(Georg Restle, Monitor, 06.10.2015)


Maßnahmen wie die populistischen Anti-Asylgesetze der Bundesregierung sind Wasser auf die Mühlen der AfD.

Da die AfD-Epigonen ohnehin der Realität entkoppelt sind, hat es auch wenig Sinn sich nach ihnen zu richten.

Impressionen aus dem sächsischen Wilsdruff: 13.900 Einwohner, 10 Asylbewerber - 36 Prozent AfD, das in Frauke Petry Wahlkreis liegt.
Warum wurde die AfD dort stärkste Partei?

[….] Ein Foto habe sie überzeugt, sagt Ramona B. Kurz vor der Bundestagswahl sah sie es im Fernsehen. Es zeigte eine blonde Frau, die an Silvester von Männern mit dunkler Haut bedrängt wurde. Der Sender entlarvte das Bild als Montage. "Trotzdem: Da ist doch was passiert in Köln!", sagt Ramona B. Sie habe gar nichts gegen Ausländer. "Aber wenn das überhand nimmt, ist das nicht gut fürs Land." […..]

Deutschland goes Trump.
Der Kandidat lügt, seine Anhänger wissen sogar oft, daß er lügt, aber es macht ihnen nichts aus, weil ihnen die Lügen besser gefallen als die schnöde Realität.

So auch Ramona B.; es ist zwar eine Fake-Info, das weiß ich, aber ich glaube es trotzdem, weil es halt so schön in mein krudes-Hass-Weltbild passt.

Von 16 Bundesländern gibt es zwei, deren Regierungen deutlich ungenierter als andere braune AfD-Parolen übernahmen.
Einerseits die sächsische CDU-Regierung, die stramm rechts agiert, völkisch redet und enge Kontakte zu Nazis pflegt.
Andererseits natürlich die CSU-Regierung in München. Außer den Sachsen-CDUler hat niemand so dezidiert fremdenfeindliche Politik betrieben wie die CSU-Spitzen.

Es ist ein tiefsitzender Reflex des rechten Randes der CDU/CSU beim Auftauchen Rechtsextremer selbst auch rechtsextremer werden zu wollen.
Wie Pawlowsche Hunde schworen heute Herrmann, Dobrindt, Seehofer und Scheuer nun aber die „offene rechte Flanke“ zu schließen und noch mehr Härte gegen Einwanderer zu praktizieren.

Was dieses Heranwanzen an die AfD wahlpolitisch bringt, konnten wir gestern sehen.

Von allen ostdeutschen Bundesländern hat Sachsen das höchste AfD-Ergebnis.
In Sachsen konnte die AfD auch am stärksten zulegen, nämlich um ungeheuerliche 20,2 Prozentpunkte, von 6,8% auf 27%.
Mit 27% ist Gaulands faschistoide Gang sogar stärkste Kraft in Sachsen.
Die CDU verlor sagenhafte 15,7 Prozentpunkte, stürzte von 42,6% auf 26,9%.

[….] Die AfD ist die strahlende Siegerin der Bundestagswahl in Sachsen. Für die seit der Wende dominierende CDU setzte es dagegen eine schallende Ohrfeige der Wähler. Denn sowohl bei den Erststimmen als auch bei den Zweitstimmen feierte die AfD Erfolge. [….] Sowohl im Wahlkreis Sächsischen Schweiz-Osterzgebirge (SSOE), als auch in Görlitz und Bautzen holten sich AfD-Kandidaten Direktmandate.  Am deutlichsten setzte sich AfD-Chefin Frauke Petry durch. Sie erzielte im Wahlkreis (SSOE) 37,4 Prozent der Stimmen und deklassierte damit ihren Konkurrenten, den bisherigen CDU-Bundestagsabgeordneten Klaus Brähmig. [….] Auch aus den Wahlkreisen Bautzen I und Görlitz schicken die Wähler AfD-Kandidaten direkt in den Bundestag.[….]

In Westdeutschland erzielte die AfD ihren größten Zugewinn in Bayern.
Die AfD gewann in Bayern seit 2014 ungeheuerliche 632.594 Wählerstimmen hinzu und holte mit 12,4% ihr bestes Ergebnis aller westdeutschen Bundesländer. Den größten Absturz gab es im Wahlkreis Ingolstadt, der Heimat Seehofers, mit Einbußen von 13,9 Prozentpunkten.
Wenn das in dem Bundesland passiert, dessen Regierungschef sich so brutal und unversöhnlich wie niemand anders gegen Merkels Flüchtlingspolitik stellte, bestätigt das die simple Regel „man wählt lieber das Original“.

Die AfD nachzuäffen hat Tillich und Seehofer die höchsten Verluste an die AfD beschert.

[….] Dann muss sich Joachim Herrmann aber auch die Frage nach seiner eigenen Rolle und der Ausrichtung der CSU in den vergangenen Monaten gefallen lassen. Nur wenige Tage vor der Bundestagswahl hat sich der bayerische Innenminister mit falsch interpretierten Zahlen zu Sexualdelikten und Flüchtlingen heftige Kritik eingehandelt, weil es ein misslungener Annäherungsversuch an AfD-Sympathisanten war. [….]

Es bleibt das Geheimnis der CSU wieso sie nach diesem wuchtigen Aufprall von Kopf auf Wand diese gescheiterte Strategie weiter ausbauen zu wollen.

Auf die Frage, wie er sich eigentlich eine Koalition mit der CSU vorstelle, die unisono ankündigte weiter nach rechts zu rücken, sagte Jürgen Trittin gestern in der ARD, diese Strategie sei eben „genau falsch“.
Recht hat er, der Trittin. Ganz offensichtlich.
Ob ihm Seehofer da inhaltlich folgt ist allerdings fraglich.