Montag, 12. Juli 2021

Fromme an der Spitze

Angela Merkel gilt als fromm, weil ihr Vater Horst Kasner Pfarrer war.  Als Vikar an der Epiphanienkirche im feinen Hamburg-Winterhude heiratete er die Lehrerin Herlind Jentzsch und wurde offensichtlich ein immer frommerer Pfaff.

Einer, der noch 1954 aus dem säkularen westdeutschen Hamburg in das DDR-Dorf Quitzow bei Perleberg ging; offenbar vom missionarischen Eifer getrieben, die sozialistischen Ost-Schäfchen zu guten Christen zu machen. Klein Angela und ihre Mutter blieben noch einige Wochen in der piekfeinen Eppendorfer Isestraße, bis sie dem frommen Horst in den Sozialismus folgten.

Nach gängiger Lesart sind DDR-Christen als bockige Minderheit in der atheistischen Mehrheitsgesellschaft ganz besonders gläubig. Die Hardcore-Christen Wolfgang Thierse und Kathrin Göring-Kirchentag scheinen die These zu bestätigen.

Angela Merkel betonte als ewige Vorsitzende der größten christlichen Partei Deutschlands natürlich auch ihre christlichen Überzeugungen.

Aber eigentlich haben wir keine Ahnung, ob Merkel ein so tiefgläubiger Mensch wie Schavan und Nahles ist und den ganzen Tag voller Entzücken mit feuchtem Höschen an den lieben Herrn Jesus denkt.

Es hat etwas von Sippenhaft, vorauszusetzen, daß sie ähnlich fromm wie ihr Vater sein müsste. Die Wahl ihres Studiums spricht nicht dafür. Glaubensferner als Physik geht es nicht.   Wir wissen aber, daß Merkel einen ausgeprägten Machtinstinkt hat und dafür ist es in einem strukturkonservativen Land wie Deutschland, in dem nun einmal die meisten CDU wählen, sinnvoll neben dem Ministerjob eine Parteilaufbahn in jener CDU anzustreben. Wenn man keine störenden moralischen oder sozialen Ansichten hat, ist das machttaktisch sinnvoll und in dem Fall sagt man natürlich nicht laut, daß einem die Religion nichts bedeutet.

Die nächste CDU-Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer hingegen darf man getrost zu den Katholiban zählen. Sie ist tief verwoben in das katholische Brauchtum, Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und Botschafterin der Hardcore-Christen von der Stiftung pro missio.  Im Falle AKK strahlen ihre aus dem Katholizismus übernommenen menschenfeindlichen Überzeugungen immer wieder auf ihre Politik aus. Sie diskriminiert offen und wiederholend Schwule, Lesben oder Transgender.

[……] Ein Blick auf ihre religionspolitische Haltung zeigt aber, dass die gläubige Katholikin eine christliche Hardlinerin ist, die das Rad der Geschichte zurückdrehen möchte.  Die 56-jährige Annegret Kramp-Karrenbauer ist bekannt für ihren leidenschaftlichen Einsatz im Dienste der Religion. Sie ist nicht nur Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), sondern demonstriert immer wieder ihre Frömmigkeit, wenn es um politische Inhalte geht.  So ist es noch nicht lange her, als Kramp-Karrenbauer sich gegen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare aussprach, da diese zu einer Zulässigkeit von Inzest und Polygamie führen könne. Einen Grund zur Entschuldigung wollte sie auch nach heftigen Reaktionen nicht sehen. Vielmehr bekräftigte sie ihr christliches Eheverständnis erst kürzlich bei der ZDF-Talkshow "Maybrit Illner" und im Interview mit dem ZDF-Morgenmagazin.   Ihre Aussage reihte sich in eine lange Liste religiöser Peinlichkeiten ein: Kurz nach dem Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" sprach sie sich etwa gegen eine Streichung des sogenannten "Blasphemie-Paragraphen" (§ 166 StGB) aus. Denn dieser verdeutliche, dass Religion und die damit verbundenen Gefühle der Menschen ein schützenswertes Rechtsgut seien.  Ebenso entschieden positionierte sie sich gegen die Aufhebung des Werbeverbots für Schwangerschaftsabbrüche (§ 219a StGB) und verteidigte die selbsternannten "Lebensschützer" von Durchblick e. V., die regelmäßg Plastik-Embryonen versenden, um Abtreibungen anzuprangern. Verständnis für Kritik an der geschmacklosen Aktion hatte Kramp-Karrenbauer nicht. Im Gegenteil: "In einer Gesellschaft läuft einiges schief, wenn sich die Öffentlichkeit nicht mit 1.278 Abtreibungen allein im Saarland beschäftigt, sondern über eine Kampagne zum Thema aufregt", meinte die damalige saarländische Familienministerin gegenüber der evangelischen Nachrichtenagentur idea.  Als Retterin des christlichen Abendlandes inszenierte sich Kramp-Karrenbauer auch, indem sie sich gegen eine Entscheidung des Saarbrücker Amtsgerichts wandte, Kreuze aus den Sitzungssälen entfernen zu lassen: "Das Kreuz verdeutlicht, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist", so Kramp-Karrenbauer laut Saarländischem Rundfunk. Die NS-Justiz habe gezeigt, was es bedeute, wenn sich der Mensch zum absoluten Richter mache. "Deswegen hat es für mich keinen Sinn, das Kreuz generell aus Gerichtssälen zu verbannen".  Durch die Initiative von Kramp-Karrenbauer wurde zudem der Reformationstag in vielen Bundesländern zum Feiertag erklärt. Als saarländische Ministerpräsidentin nahm sie unter anderem an einem "Fest zu Ehren Martin Luthers" teil. [….]

(hpd, 10.12.2018)

Armin Laschet ist sogar noch extremer als Kramp-Karrenbauer. Monsignore Heribert August, 74, begleitet seit 30 Jahren jeden Schritt des CDU-Vorsitzenden.

[…..] Armin Laschet ist auf eine katholische Grundschule gegangen, danach auf das Bischöfliche Pius-Gymnasium. Er hat in seiner Gemeinde Jugendarbeit gemacht, war Messdiener und sang im Kirchenchor. Als Jugendlicher überlegte Laschet kurz, Priester zu werden, entschied sich dann aber dafür, Jura zu studieren. Während des Studiums in München und Bonn war er Mitglied in katholischen Verbindungen. 1991 wurde er Chefredakteur der Kirchenzeitung in Aachen, später Geschäftsführer des katholischen Einhard-Verlags. Bis 2016 war Laschet Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken. [….]

(Spiegel, 20.06.2021)

Für einen wie Laschet sind Homoehe und Transgender-Menschen bis heute einfach bähbäh.

Er ist nicht nur überzeugter Katholik, der sich fortwährend mit Priestern bespricht und sich schützend vor die schlimmsten Kinderfi**er-Bischöfe stellt, sondern pflegt Kontakte  zum ultra-ultrakonservativen Opus Die; jenem berüchtigten geheimen Folter-Orden innerhalb der RKK.   Sein Mastermind und engster Vertrauter, der radikal homophobe Staatssekretär Liminski gehört zum Opus Dei. Aber auch die Familie, in die er einheiratete, ist berüchtigt für ihre Verbindungen zum dunklen Geheimorden.

[…..]  Der deutsche Theologe Peter Hertel beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Opus Dei. »Schleichende Übernahme« heißt eines seiner Bücher über die Organisation. Ziel des Opus, schreibt Hertel, sei ein autoritärer, uniformer und schlagkräftiger Katholizismus – durch »Besetzung zentraler kirchlicher Schaltstellen und Kapitalansammlung«. […..]  Eng verbunden mit dem Opus Dei ist auch der Jugendklub »Linie 15« in Bonn – ein Klub nur für Jungen, gegründet von Eltern, die laut Selbstbeschreibung »eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung für ihre Söhne mit einer tiefen christlichen Prägung« suchen. Liminski ging hier in seiner Jugend regelmäßig hin. Als 20-Jähriger baute er die »Generation Benedikt« mit auf, ein Jugendnetzwerk, benannt nach dem konservativen, 2013 emeritierten Papst.  Im Jahr 2009 trat Liminski als Redner beim Kongress »Freude am Glauben« des Forums Deutscher Katholiken auf. Er stand auf einer Bühne unter einem Bild des Papstes und schimpfte auf die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, deren Schriften »nicht mehr aufklärerisch, sondern eher pornografisch« seien. Er sprach von »sexueller Orientierung als Instrument vermeintlicher Selbstbestimmung«. Und er bedauerte, dass aus Schulen, Gerichten und öffentlichen Gebäuden Kreuze entfernt würden. […..]   Kurt Malangré, der Bruder von Laschets Schwiegervater, saß einst für die CDU im Europaparlament, war Oberbürgermeister in Aachen und das erste Opus-Mitglied in Deutschland. Sein Bruder Heinz Malangré, Laschets Schwiegervater, war Miteigentümer der Kirchenzeitung, für die Laschet einst als Chefredakteur arbeitete. […..]  (Spiegel, 20.06.2021)

Laschet ist keineswegs nur privat Katholik.

In der Pandemie gefährdete er massiv Menschenleben, indem er sich hartnäckig für die hochriskanten Kirchenöffnungen einsetzte.

Als Ministerpräsident trachtet er danach, die menschenrechtsfeindlichen Opus-Dei-Fanatiker mit Posten zu versorgen.

[…..] Unter den fünf Organisationen, die von der Politik neu in den Rundfunk entsendet wurden, ist der Verband kinderreicher Familien Deutschland. Er soll auf Initiative der CDU-Fraktion, der auch Ministerpräsident Armin Laschet angehört, zu seinem Sitz im WDR-Gremium gekommen sein.  Die Lobbyvereinigung setzt sich für Toleranz und Anerkennung von Großfamilien ein. Das klingt zunächst harmlos und ehrenwert, allerdings agieren im Hintergrund des Verbands offenbar Personen mit erzkonservativen, fragwürdigen Positionen. Es sind Ansichten, die jenseits des Wegs von »Maß und Mitte« liegen, den Unions-Kanzlerkandidat Laschet im Bundestagswahlkampf gern propagiert.  Den Verband kinderreicher Familien e.V. gibt es seit 2011, der Sitz der Geschäftsstelle ist in Mönchengladbach. Laut eigener Auskunft hat er 6000 Mitglieder. Es gehe darum, Menschen Mut zu machen, drei und mehr Kinder zu bekommen, heißt es vonseiten des Verbands.[…..] In den vergangenen Jahren trafen sich Verbandsvertreter mit dem NRW-Familienminister und Vizeministerpräsidenten Joachim Stamp (FDP) und mit Nathanael Liminski (CDU), dem Chef der Staatskanzlei in Düsseldorf. […..] Teil des Beratergremiums ist Manfred Spieker. Der Sozialwissenschaftler ist Mitglied bei Opus Dei, jener erzkonservativen Organisation katholischer Laien und Priester, die der Mythos eines Geheimbunds umgibt. Spieker war einst auch CDU-Mitglied, er trat 2017 aus, als die Große Koalition mit Stimmen der Union die Ehe für alle beschloss.  Homosexualität bezeichnete er damals als »lebensfeindlich«. Die kirchliche Segnung homosexueller Paare, sagt er, schade der Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft. Zusammen mit AfD-Politikerinnen und AfD-Politikern trat Spieker schon bei den sogenannten »Demos für Alle« auf, deren Veranstalter gegen die Rechte sexueller Minderheiten mobil machen.  Auch Herwig Birg, ein emeritierter Bevölkerungswissenschaftler, gehört zum Verbandsbeirat. Den Fachkräftemangel solle Deutschland durch eine »Steigerung der Geburtenrate« und nicht »durch Zuwanderungen aus dem Ausland« bekämpfen, forderte er 2019 in einem Interview mit der Stiftung für Familienwerte. […..] 2015 trat Birg beim AfD-Bundesparteitag auf. Manche seiner Thesen tauchten in AfD-Pressemitteilungen auf. […..] Der Verband kinderreicher Familien hat im Rundfunkrat nur einen Sitz, sein Einfluss in dem Gremium dürfte begrenzt sein. Dennoch stellt sich die Frage: Warum unterstützt die CDU eine Organisation, in der Homophobie und antimoderne Denkmuster verbreitet zu sein scheinen? […..]

(SPON, 12.07.2021)

Sonntag, 11. Juli 2021

Merkel 16.0 – Teil II

Es ist ein Trauerspiel; die ersten Chips und Computer wurden in Deutschland entwickelt. Die SPD-Regierung unter Helmut Schmidt plante vor 40 Jahren (sic!), im Jahr 1981, den Glasfaserausbau, aber der bräsige Helmut Kohl und die bräsige Angela Merkel ließen alles einschlafen.

Nach 16 Jahren mit ihren Digitalisierungskatastrophen Ramsauer, Oettinger, Bär, Dobrindt und Scheuer, werden auf Regierungsebene Faxe verschickt, die die Ministerialen dann umständlich mit der Hand abtippen müssen. Wir schreiben das Jahr 2021.

Die CDU vermochte es, die einstige technologische Führung nicht nur zu verspielen, indem sie einseitig und tumb Technologien des letzten Jahrtausends – AKWs, Verbrenner-PKWs, Massentierhaltung – förderte und alles Fortschrittliche aus Deutschland vertrieb. Nun sind wir Europas Internet-Schlußlicht. Es ist unklar, ob der Rückstand noch aufzuholen ist. Ganz sicher sind aber die asiatischen Länder technisch längst uneinholbar enteilt.

Während in China schon große Teile des Lebens von KIs gesteuert werden, gibt es in Deutschland noch nicht mal mehr das Knowhow ein Smartphone herzustellen. Als ich meine erste Corona-Impfung erhielt, bekam ich einen Stempel in mein gelbes Papier-Impfheftchen von 1969. Weiter sind wir noch nicht.

Nicht vergessen sollte man die 16 Jahre C-Bundesinnenminister unter Merkel.

Der große Otto Schily hatte den Laden bis 2005 im eisernen Griff und erheblich modernisiert, reagierte wöchentlich mit neuen Initiativen auf die neuen Terrorgefahren seit 9/11.

Mit Merkel wurde aber auch an dieser Front jede Arbeit eingestellt.   Für die CDU-Kanzlerin debakulierten als Innenminister Wolfgang Schäuble (2005-2009), Thomas de Maizière (2009-2011), Hans-Peter Friedrich (2011-2013), Thomas de Maizière (2013-2018) und seither scheinamtiert der ewig abwesende „Erfahrungsjurist Crazy-Horst“ Seehofer als Superminister, der noch so gut wie keinen Gesetzentwurf vorgelegt hat.   Daß sich Strafverfolgung und Kriminalität längst auch in der digitalen Sphäre abspielen, ist ihnen bisher noch nicht aufgefallen.

Wenn ein mittelständischer Betrieb, wie die grundsolide Hamburger Familienfirma Wempe Opfer einer Cybererpressung wird, wie es im Juni 2019 geschah und die Polizei ruft, zucken die Beamten mit der Schulter. Tja, da könne man leider nichts machen; mit Computern kenne man sich nicht aus. Der Rat der Ermittler: „Zahlen sie am besten das Lösegeld und hoffen auf das beste!“

Das geschieht jedes Jahr hundertfach in Deutschland. Im Januar 2021 traf es beispielsweise die FUNKE-Mediengruppe; aber die Polizei ist technologisch hoffnungslos abgehängt.

Der höchst gefährliche, rechtsextreme, antisemitische Verschwörungsideologe Attila Hildmann wird seit einem halben Jahr mit Haftbefehl gesucht, tauchte aber, mutmaßlich aufgrund einer Insider-Warnung, rechtzeitig unter.

Im November 2020 wurden nach einer Fülle von Anzeigen bei einer Hildmann-Hausdurchsuchung Laptops und Klugtelefone sichergestellt. Drei Monate später hatten die LKAs Berlin und Brandenburg noch nicht mal angefangen die Daten auszulesen, weil es dafür offenbar nicht ausreichend polizeiliches Knowhow gibt.

[…..] Drei Monate nachdem die Berliner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Attila Hildmann übernommen hat, sind nach Informationen  von WDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) wichtige Beweismittel immer noch nicht ausgewertet. […..] Zunächst hatte die Brandenburger Justiz gegen den in Wandlitz im Landkreis Barnim wohnhaften Hildmann ermittelt, der vor allem über seinen Telegram-Kanal regelmäßig gegen die Corona-Politik der Bundesregierung hetzt und krude Verschwörungsmythen verbreitet. […..] Ende November hatte die Berliner Staatsanwaltschaft das Verfahren von der Cottbusser Justiz übernommen. 60 Bände [Natürlich alles in Papierform –T.]  und mehr als 33 Fallakten sollen übergeben worden sein. […..] Bislang aber wurden die beschlagnahmten Beweismittel nach Informationen von WDR und SZ noch nicht ausgewertet. [….]

(Tagesschau, 22.02.2021)

Der rechtsextreme Wahnsinnige dreht seither erst richtig auf und tanzt der Polizei auf der Nase herum.

Die Telegram-Kanäle sind immer noch zugänglich, auf Twitter sondert Hildmann im Zehn-Minuten-Takt seine braune Hasspost ab.

[…..] Noch vor Kurzem postete Hildmann, der ursprünglich als Kochbuchautor bekannt wurde, bei Telegram eine Fotomontage mit Angela Merkel in KZ-Kleidung und schrieb dazu: "Sperrt diese Untermenschen Jüdin endlich nach Auschwitz wo sie hingehört bevor noch mehr Kinder Selbstmord begehen und wehrlose Alte mit Judenspritzen ermordet werden!" […..] Die einzigen Richter, die unterdessen auch in Abwesenheit Hildmanns ein Urteil fällen können, sitzen in der Pressekammer des Landgerichts Berlin. An sie hat sich der ehemalige Grünen-Politiker Volker Beck gewandt, um zumindest einen zivilrechtlichen Unterlassungsanspruch gegen Hildmann zu erstreiten. Hildmann hatte mehrmals erklärt: Wenn er "Reichskanzler" wäre, würde er für den Grünen die Todesstrafe "durch Eier-Treten" einführen. […..]

(Süddeutsche Zeitung, 11.07.2021)                

Mehr als acht Monate nach der Beschlagnahme, gelang es den Polizei-Blitzbirnen nun die Mobiltelefon-Daten teilweise auszulesen.

Nicht aber die Festplatten der Laptops. Das ist zu schwierig für sie.

[…..] Einer der Wortführer der Corona-Leugner-Szene, der Verschwörungsideologe Attila Hildmann, wird von der Justiz mit neuen Vorwürfen verfolgt. Nachdem das Berliner Landeskriminalamt nach Informationen von SZ und WDR nun vier Mobiltelefone ausgewertet hat, die bereits im vergangenen November bei einer Durchsuchung von Hildmanns Wohnung sichergestellt wurden, hat die Staatsanwaltschaft Berlin ihre Ermittlungen gegen Hildmann auf 80 einzelne Straftaten erhöht. […..] Aber: Mehrere Notebooks, die bereits vor mehr als einem halben Jahr bei Hildmann sichergestellt wurden, seien weiter nicht vollständig ausgewertet. […..]

(Süddeutsche Zeitung, 11.07.2021)

Samstag, 10. Juli 2021

Merkel 16.0

Wer ein Ferienhäuschen auf Ibiza oder in der Danziger Bucht besitzt, kann in der Pandemie komplett dahin übersiedeln, weil es dort überall Glasfaseranschlüsse gibt und Homeoffice dort viel bequemer möglich ist.

Das nette kleine Sommerhäuschen an der polnischen Ostsee, das man vor Jahren extrem billig gekauft hat, bekommt nun doch eine Heizung eingebaut, damit man auch mal in der kälteren Jahreszeit länger dableiben kann. Denn dort gibt es überall schnelles Internet. 300 km westlich in Mecklenburg-Vorpommern ist das noch Utopie.

Die EU-Bürger der baltischen Staaten können schon viele Jahre alle Behördengänge, Steuererklärungen online erledigen. Pandemiebedingt Schulen zu schließen funktioniert selbstverständlich völlig anders, wenn die digitale Infrastruktur schon längst flächendeckend installiert ist.

Deutschland ist digitales Entwicklungsland. So lange die CDUCSU-Schlafmützen Bundeskanzleramt und Staatskanzleien besetzen, wird sich das auch nicht ändern.

Seit vielen Jahren leisten wir uns Offline-Dinosaurier wie Scheuer, Dobrindt, Bär und Oettinger als zuständige Minister. So wird Deutschland den technologischen Rückstand gegenüber all seiner Nachbarn niemals aufholen, zumal CDUCSU in der Wählergunst ganz vorn liegen. Die Mehrheit des Urnenpöbels möchte also diese Steinzeitpolitik, in der Gesundheitsämter ihre Corona-Daten per Fax verschicken und das auch nur von 09.00 bis 17.00 Uhr an den Wochentagen.

Genauso funktioniert auch der Regierungsalltag im Herzen Berlins in Merkels 16. Regierungsjahr.

[….] Die Gegenwart im Regierungsbetrieb sieht zum Beispiel so aus: Parlamentarische Anfragen der Bundestagsabgeordneten werden von der Bundestagsverwaltung per Fax an das Kanzleramt übermittelt, dort eingescannt und als PDF-Bild an das zuständige Ministerium weitergeleitet, wo ohnehin schon heillos überforderte Ministerialbeamte diese Anfragen teilweise von Hand abtippen müssen, um sie fristgerecht beantworten zu können. Komplizierter geht es kaum.  Die Süddeutsche Zeitung hatte darüber im März dieses Jahres berichtet, woraufhin wiederum die FDP-Fraktion eine Kleine Anfrage stellte, in der sie sich unter anderem nach dem Stand der Digitalisierung bei der Bearbeitung solcher Anfragen erkundigte. In der Antwort der Bundesregierung ist nun von "Bildfaxdokumenten" die Rede, die teils immer noch abgetippt werden müssten, "da ein automatisches Auslesen und Überführen in ein bearbeitbares Format im Zuge der Übermittlung von der Bundestagsverwaltung an die Bundesregierung technisch noch nicht möglich ist". Kurzum: Höchste staatliche Stellen scheitern mitunter also schon daran, sich gegenseitig eine Word-Datei zuzuschicken. Muss man sich da noch wundern, dass in den Schulen und Gesundheitsämtern nicht alles reibungslos läuft? […..]

(Boris Herrmann, 05.07.2021)

Freitag, 9. Juli 2021

Negativ-Orden

So wie ich Nationalismus und Patriotismus rundherum ablehne, mokiere ich mich auch über Uniformen und halte das sichtbare Tragen von Orden oder Auszeichnungen für anachronistisch bis lächerlich.

[…..] Our little army boy

[…..] Mourning in the aerodrome

The weather warmer, he is colder

Four men in uniform

To carry home my little soldier[…..]

Give the kid the pick of pips

And give him all your stripes and ribbons

Now he's sittin' in his hole

He might as well have buttons and bows […..]

(Kate Bush 1980)

In Deutschland existiert eine unübersehbare Flut kommunaler, Landes- und Bundes-Auszeichnungen, die sich die Ausgezeichneten insbesondere gern gegenseitig verleihen.

Man lese dazu nur den Wikipedia-Eintrag eines beliebigen Ministers, Bischofs oder Ministerpräsidenten und wird unter dem Punkt „Ehrungen“ eine ganze Liste verschiedenster Preise, Medaillen, Auszeichnungen und Orden finden.

Ich halte mich hingegen an das Hamburgische Motto, das unser großer Bürgermeister Henning Voscherau stets verkündete: „Ein Hanseat nimmt keine Orden an!“

Wir sind das diametrale Gegenteil Wiens, sprechen keine akademischen Titel mit und nehmen Orden erst gar nicht an.

 So inkonsequent, wie ich im Gegensatz zu nationalem Patriotismus augenzwinkernd durchaus Lokalpatriotismus akzeptiere, verstehe ich auch, daß die Stadtväter in Ausnahmefällen alle paar Jahre mal einer außergewöhnlich verdienstvollen Tochter der Stadt, einem Sohn der Stadt ihre Dankbarkeit ausdrücken wollen.   Dafür verfügt auch Hamburg über verschiedene Instrumente; die allerhöchste und bekannteste Auszeichnung ist natürlich die Ehrenbürgerschaft.

[…..] Die Verleihung des Ehrenbürgerrechts, das kein besonderes Recht, sondern eine Auszeichnung darstellt, steht dem Senat zu und wurde ursprünglich allein von ihm ausgeübt […..] Allerdings hatte der Senat bereits bei der Verleihung 1813 die Erbgesessene Bürgerschaft um Zustimmung gebeten, vor allem aber deshalb, um die Genehmigung für das mit der Verleihung des Bürgerrechts verbundene Geldgeschenk einzuholen. […..] Um dieser seltenen Ehrung eine noch größere Bedeutung zu geben, wurde dann im Jahre 1834 die Mitgenehmigung der Bürgerschaft herbeigeführt, ohne jedoch eine Verpflichtung hierzu anzuerkennen. Erst 1890 beschloss der Senat, die Bürgerschaft stets mit einzubeziehen und vorher vertraulich den Vorstand der Bürgerschaft zu informieren, um unliebsame Meinungsverschiedenheiten zu vermeiden. […..] Bei der Ehrenbürgerschaft handelt es sich heute um die höchste Ehrenbezeugung, die die Freie und Hansestadt Hamburg zu vergeben hat; Rechte und Pflichten entstehen hierdurch nicht. [….]

(Hamburg.de)

Als Fußballphobiker verstehe ich zwar nicht wieso „Uns Uwe“ Seeler Hamburger Ehrenbürger wurde, aber von den 36 Persönlichkeiten, die seit 1813 Ehrenbürger wurden, heiße ich die Nachkriegsentscheidungen alle gut.

1983 Helmut Schmidt

1985 Ida Ehre

1986 Gerd Bucerius

1986 Herbert Wehner

1991 Kurt A. Körber

1991 Alfred Toepfer

1993 Rudolf Augstein

1999 Marion Gräfin Dönhoff

2001 Siegfried Lenz

2003 Uwe Seeler

2005 Helmut Greve

2005 Hannelore Greve

2007 Prof. John Neumeier

2009 Loki Schmidt

2013 Michael Otto

 In grauer Vorzeit gab es einige fragwürdige Würden an Top-Militärs und Hochadelige.  (1816 Generalfeldmarshall Fürst Gebhard Leberecht von Blücher, 1871 Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck, 1917 Reichspräsident Paul von Hindenburg). Aber mit den ausgezeichneten Johannes Brahms (1889) oder Johann Smidt (1843) kann man auch heute noch sehr gut leben.  Seit 1978 wurde die Ehrenbürgerwürde in über 40 Jahren nur 15 mal verliehen; das ist sparsam genug.

Was aber eindeutig fehlt ist ein Äquivalent zur „Goldenen Himbeere“, den RAZZIES, die vor der Oscar-Verleihung die schlechtesten Leistungen in Film und Fernsehen benennen.

Wieso haben wir keine Hamburger Versager-Trophäe, die denjenigen überreicht wird, die der Stadt den allergrößten Schaden zugefügt haben?

Drei Preisträger wären sicher.

Ganz weit vorn liegt der jetzt schon legendär katastrophale Di.Mi.Do-Bürgermeister Ole von Beust (2001-2010), der den Senat fast ausschließlich mit Halbkriminellen besetzte, den Herpes-Faschisten Schill zum Bürgermeister machte, den sozialen Wohnungsbau vollständig einstellte, Straßen, Brücken und Siele verkommen ließ, der Stadt 30 Milliarden Schulden allein mit seinem HSH-Nordbank-Desaster aufgehalste, alle im Hamburger Besitz befindlichen Versorgungsunternehmen und Krankenhäuser an CDU-Spezis vertickte, Milliardendesaster Elbphilharmonie, Exodus des Medienstandorts Hamburg, weil die Verlage keinen Ansprechpartner mehr im Senat hatten, Verkauf der städtischen Immobilien und Filet-Grundstücke. Zu allem Überfluss auch noch ein Abrisswahn. Allein für die grauenvoll scheußliche „Europapassage“ gegenüber des Rathauses, ließ von Beust 11 wunderschöne historische Kontorhäuser sprengen. Drei Milliarden Euro wurden auf von Beusts Betreiben mit dem aberwitzigen Kohlekraftwerk Moorburg buchstäblich in die Luft geblasen.

Wir haben es nur unserem Hamburger Ehrenbürger Helmut Schmidt zu verdanken, der sich 2006 energisch Ole von Beust in den Weg warf, daß der CDU-Bürgermeister nicht auch westlich des Rathauses seine grausige Glas-Kubus-Architektur auf dem Domplatz errichtete.

Einen Negativ-Orden hat sich jetzt schon, gerade mal im 13. Amtsmonat der Hamburger Verkehrssenator Anjes Tjarks verdient, der geradezu wahnhaft den Verkehr zu einem immerwährenden Alptraum macht; jeden, der nicht jung und gesund ist, aus der Innenstadt vertreiben will, einen einzigen immerwährenden Stau fabriziert und dazu auch noch manisch Straßengrün abholzt. Der Tort, den Tjarks der schönen Elbmetropole antut, mag noch nicht so brutal wie der Beustsche sein, aber der Grüne ist erst ein Jahr im Amt und bloß Senator. Nach neun Jahren als Regierungschef könnte er Hamburg durchaus zum Totalsanierungsfall runterwirtschaften.

Negativ-Orden Nummer Drei geht an Hadi Teherani. Der Glaskubus-Architekt hat sich Schimpf und Schande für die Verschandelung der Stadt reichlich verdient.

Ich möchte keine nicht verifizierbaren Gerüchte darüber weiterverbreiten, wie Teherani immer wieder von Beust dazu brachte, ihm Großaufträge zuzuschanzen, aber seine Bauten prägen tatsächlich inzwischen das Stadtbild.  Ich erkenne die Teherani-Handschrift von weitem, weil keine anderen Hamburger Häuser derart abgrundtief häßlich sind.  Das Dockland, die tanzenden Türme auf der Reeperbahn, den Berliner Bogen, das Deichtor Center, die Europapassage sind allesamt abscheulich.

„Abscheulich“ ist natürlich meine subjektive Bewertung; ich gebe gerne zu, daß anderen Menschen die Teherani-Architektur womöglich gut gefällt, auch wenn ich noch nie so einen Menschen getroffen habe und weiß, daß Hobby-Architekt Helmut Schmidt jedenfalls nicht dazu zählt.

Design und Kunst sind Geschmackssache.   Unumstritten ist aber, daß die Teherani-Gebäude immer Glasfassaden haben und dadurch erheblich eingeschränkt zu verwenden sind, weil die Wärmeverteilung in den Häusern nie funktioniert.   Sie sind im Winter eiskalt und heizen sich im Sommer derartig auf, daß man in den Bürokomplexen de facto nicht arbeiten kann.

Als die Büros im „Berliner Bogen“ so glutheiß wurden, daß die Angestellten reihenweise kollabierten, erwiderte Teherani schnippisch, es sei eben spießig auch im Sommer tagsüber zu arbeiten. Wenn es so warm werde, sollten die Angestellten doch nachts kommen.

In der fünfstöckigen Europapassage sind die Baumängel so erheblich, daß noch nach Jahren die Läden im obersten Stockwerk Eisbeutel bereithalten müssen, weil sich dort die Hitze staut, während im Untergeschoss so ein eiskalter Zug herrscht, daß die Kunden sich nicht dahin trauen. Die Mängelliste 2007 war so endlos, daß Teherani seinen Mitarbeitern einen Maulkorb verpassen musste.

Außer den praktischen Erwägungen und nicht funktionierenden Temperaturmanagement der immer gleichen eckigen Glasbauten, stellt sich auch die Frage, ob man eigentlich diese totale Transparenz will?
Wieso soll es eigentlich erstrebenswert sein, daß jeder Passant von außen die dort arbeitenden Menschen durch die Glasfassade genau mustern kann?
Ich möchte nicht immer von allen gesehen werden.

Hinzu kommt der allgemein bekannte Klimawandel, der die Sommer immer heißer machen wird. Ist es klug dann immer mehr Gebäude zu bauen, die durch ihre Glasfassaden generell gar keinen Schatten spenden können?

 […..] Wer sich die Poetologie der Maklerbranche ins Gedächtnis ruft, der weiß, dass diese Branche ohne das Wort "lichtdurchflutet" nicht lebensfähig ist.   Auch sie wird in Klimawandelzeiten marketingmäßig umdenken müssen. Vielleicht, es sind gerade die Tage der längsten Sonneneinstrahlung in Deutschland und das Land beginnt wieder mal zu riechen wie früher der von Kaugummiresten und Sonnenmilchtropfen so herrlich verklebte Fußweg zum Dreimeterbrett im Freibad, wird man eines Tages Anzeigen lesen, in denen kellerhaft feuchte und dunkel verschattete Wohnungen, in die sich garantiert niemals ein Lichtstrahl verirrt, angepriesen werden. Diese werden Höchstpreise erzielen, die man sich nur als Vlad der Pfähler (vulgo: der lichtsensible Graf Dracula) leisten kann.   Mit ihm teilt der Autor eine seltsame, womöglich ja krankhafte Neigung: Es ist die Angst vor brütender Hitze, Schattenlosigkeit und die Sehnsucht nach Novemberniesel in hoffentlich bald wieder dunkler werdenden Tagen. Übrigens, stimmt, man sieht ja auch aus wie Knäckebrot und stammt definitiv nicht aus der Karibik. Man ist nun mal kein Freund der Sonne. Weiß aber, dass sie seit Menschengedenken angebetet wird und zum Hotspot der allgemeinen Sehnsucht wurde. "Denn die einen", sagt Brecht, "sind im Dunkeln / Und die anderen sind im Licht." Wer will schon zu den einen gehören? […..] Später schreibt Edith Farnsworth, die erst von Mies begeisterte, dann entgeisterte Bauherrin, grimmig: "Das Haus ist durchsichtig wie ein Röntgenbild ... die Glas-Stahl-Konstruktion ist unbewohnbar." Man sieht sich vor Gericht. Genau dort also, wo seit einigen Jahren auch die Glasarchitekturen New Yorks verhandelt werden - als seien sie die inkriminierten Subjekte in Paul Austers New-York-Trilogie "City of Glass". Auf der Anklagebank: Glas als Baustoff. Bill de Blasio initiiert als Bürgermeister von New York ein Nachdenken darüber, gläserne Hochhausbauten aufgrund ihrer vermeintlichen Energie-Ineffizienz zu verbieten. "Monumente", sagt er, "die unserer Erde schaden - das wird in New York City nicht länger erlaubt sein." […..]   Glas wird zum Dieselskandal der Architektur. […..] so rächt es sich nun, dass Häuser und Städte seit vielen Jahrzehnten die einfache Kunst des Schattenspendens eingebüßt haben: auskragende Dächer, engstehende, einander verschattende Stadthäuser, dicke, daher speichertaugliche Mauern, schattenspendende Begrünung, Wasser, Läden zum Schließen der Fassade, der Wind, der zur Kühlung eingefangen und gelenkt wird: Nichts davon ist neu zu erfinden. Der Süden ist schon lange findig im Umgang mit dem sengenden Glutmonster dort oben. […..]

(Gerhard Matzig, 28.06.2021)

Donnerstag, 8. Juli 2021

Ist das langweilig!

Von taz bis FAZ wird niemand der Diagnose widersprechen, daß die CDU 31 Jahre nach Angela Merkels Eintritt in die Bundesregierung, 21 Jahre nach Merkels Wahl zur Parteivorsitzenden und 16 Jahre nach Merkels Wahl zur Bundeskanzlerin, vollständig geistig erlahmt ist.

Es gibt kein politisches Projekt, welches man mit ihr assoziiert, keine CDU-Zukunftspläne, keinen Gestaltungswillen, keine Ideen für die Herausforderungen unserer Zeit, kein Personal, das auch nur ansatzweise über Charisma verfügt und schon gar nicht existieren irgendwelche „Vordenker“ in der Partei.

Die CDU ist in jeder Hinsicht intellektuelle Underperformerin, die nur einmal so etwas wie Aufbruchsstimmung erlebte, als nämlich mit Friedrich Merz, ein abgewirtschafteter Politrentner aus dem 1990er ohne ökonomisches Grundwissen neoliberales Thesen verbreitete, die seit einem Vierteljahrhundert widerlegt sind. Der Mann, der nie eine Wahl gewonnen und nie regiert hat, blieb sich bis zuletzt treu, indem er, als es drauf ankam, bei den beiden Kämpfen um den Parteivorsitz gegen AKK und Laschet, total versagte.

Der mittlerweile auch zum gemeinsamen CDUCSU-Kanzlerkandidaten gekürte CDU-Parteichef ist die Apotheose seiner Partei und vermeidet strikt jede Positionierung. Weswegen man die CDU wählen solle, die gerade 16 Jahre regiert hat, kann er nicht sagen.

In NRW mäandert Laschet planlos durch die Coronapolitik, hat keinerlei Idee für den Pandemie-Schulbetrieb und blockiert effektiv den Klimaschutz.

Laschet ist die Inkarnation des Stillstandes; da hält er sich strikt an sein Vorbild Merkel.

Im Bundestagswahlkampf gibt es nur zwei Festlegungen des mutmaßlich nächsten Kanzlers: Ohne Limit auf der Autobahn rasen und deutliche Steuererleichterungen für die reichsten 10% der Deutschen, so daß noch mehr von unten nach oben umverteilt wird. 

 Seinen Wahlkampfslogan klaute er von Gerd Schröder.

Die CDU-Wahlkampagne ist derartig ambitionslos und öde, daß man sich noch nicht mal die Mühe machte, echte Polizisten und Krankenpfleger zu suchen, die auf Plakaten bekunden, die CDU zu wählen, sondern Mitarbeiter der Parteizentrale kostümierte. Der renommierte Wahlkampfberater und Werbetexter Frank Stauss diagnostiziert treffend.

[……]   SPIEGEL: Die CDU hat ihre Plakate für die Bundestagswahl vorgestellt. »Deutschland gemeinsam machen«, ist der Leitsatz. Wie schnell sind Sie eingeschlafen, nachdem Sie die Kampagne gesehen haben?

Stauss: Das ging sehr zügig. Eigentlich war ich schon eingeschlafen, bevor ich sie gesehen hatte, weil ich genau so etwas erwartet hatte. Aber das muss ja nicht falsch sein.

SPIEGEL: Wie bitte?

Stauss: Es ist eine Kampagne, die absolut auf Sicherheit spielt. Die Union ist Frontrunner, sie versucht, das Ganze, ohne zu stolpern, ins Ziel zu bringen. Nicht anecken, alle Themen irgendwie oberflächlich anreißen, das ist ihr Ziel. Insgesamt ist das alles furchtbar dröge und ambitionslos. Aber womöglich die richtige Strategie.

SPIEGEL: Verstehen wir das richtig – je langweiliger die Plakate, desto größer die Siegchancen der Union?

Stauss: Klar. Die Union liegt vorn und hat einen Kandidaten, von dem niemand einen großen Aufbruch erwartet. Für die Partei geht es darum, Stabilität, Sicherheit und einen hohen Wiedererkennungswert auszustrahlen. […..]

(Veit Medick, 07.07.2021)




So ist er, der Urnenpöbel. Je eifriger und glaubwürdiger ein Kandidat, eine Partei einen Aufbruch und entscheidende Neuerungen ankündigt, desto sicherer verliert er die Wahl. Das war schon Merkels geniales Erfolgsrezept. Bloß nichts sagen, bloß immer wolkig daher plappern, bloß nichts tun, das die Wähler aufregen könnte oder sie womöglich dazu veranlasst sich politisch zu engagieren. Je mehr Nichtwähler, desto besser für die CDU.

[….]  Armin Laschet setzt wie Merkel auf asymmetrische Demobilisierung. Die Folge: Viele Menschen wollen eine Veränderung, glauben aber nicht, dass ihre Stimme entscheidend ist – und gehen dann einfach nicht zur Wahl. [……]

(Samira El Ouassil, Spon, 08.07.2021)

 


Laschets Grundhaltung, tumb jede Politik zu vermeiden und einfach ewiggrinsend alles auszusitzen, geht soweit, daß er drastische Angriffe auf die Verfassung aus seiner eigenen Partei stoisch geschehen lässt. Der CDU-Bundestagskandidat Maaßen kann antisemitisch raunen, verschwörungstheoretisch warnen und völkisch hetzen wie er möchte – Laschet lässt es geschehen.

In einer funktionierenden validen Demokratie würde so eine Politikverweigerung von den Wählern abgestraft werden.

Das reale deutsche Wahlvolk besteht aber zu weiten Teilen aus bequemen und lesefaulen Idioten, die nicht weiter als bis zur Nasenspitze denken können. Sie ziehen die katholische-fromme, homophobe, fascho-tolerante personifizierte Untätigkeit aus NRW immer noch jedem vor, der den Liter Benzin um einen Cent verteuern, ein Tempolimit einführen oder womöglich gar durch Mindestlohn und Vermögenssteuer dafür sorgen könnte, daß die Multimilliardäre Kühne, Quandt und Schwarz auch Abgaben zahlen. Nein, nein, nein, es soll bitte alles immer so bleiben, wie es ist.

[…..] Warum der Kanzlerkandidat der Union auf der Beliebtheitsskala überraschend so weit oben steht? Das hat viel mit Gewöhnung zu tun. […..] Zu den derzeit beliebten Sätzen der CDU gehört die Behauptung, keine Partei des "Entweder-oder" zu sein, sondern eine des "Sowohl-als-auch". Man kann sagen, dafür hat sie den passenden Kanzlerkandidaten gefunden. Armin Laschet, 60, will das Land sowohl stabilisieren als auch erneuern, sowohl das Klima als auch die Industrie schützen, sowohl die Pandemie bekämpfen als auch Freiheiten gewähren. Er liebt sowohl Nordrhein als auch Westfalen, er kann sowohl herzlich als auch pampig sein, als Redner sowohl einschläfern als auch mitreißen. Mit all diesen Eigenschaften hat er in den Machtkämpfen um den CDU-Parteivorsitz und die Kanzlerkandidatur der Union sowohl Friedrich Merz als auch Markus Söder ausgestochen.  Gleichwohl muss Laschet mit dem Vorwurf leben, dass sein kultiviertes Sowohl-als-auch manchmal wie ein "Weder-noch" rüberkommt. Etwa wenn er auf Fragen nach einem CDU-Bundestagskandidaten aus Südthüringen weder "Hans-Georg" noch "Maaßen" in den Mund nimmt oder wenn er die Provokationen am rechten Rand seiner Partei weder duldet noch unterbindet. […..]   Der Schub kam dann aber ziemlich bald. Mitte Juni klang Güllner am Telefon plötzlich so: "An den Laschet gewöhnt man sich langsam. Deshalb geht er hoch." Inzwischen liegt die Union bei Forsa elf Prozentpunkte vor den Grünen. Auch bei anderen Instituten hat Laschet eine ähnliche Achterbahnfahrt auf der Werteskala hinter sich.  Das eigentlich Irre daran ist: Er hat nicht viel dafür getan. Vielleicht mal abgesehen davon, dass er stets die Nerven behielt und den sich wild wandelnden Stimmungen mit demonstrativer Gelassenheit zuschaute. Laschet blieb einfach Laschet - mit allen Stärken und Schwächen. Das reicht im Moment. [….]

(Boris Herrmann, 08.07.2021)

Mittwoch, 7. Juli 2021

Reißen die Dummen, Doofen und Armen uns rein?

Im Januar 2021 bekamen die ersten Deutschen eine Dosis BionTech-Vakzin.

Bedacht wurden zunächst die extrem Vulnerablen, die das allerhöchste Risiko hatten, an Covid19 zu sterben: Die Hochbetagten in den Pflegeheimen, die eben nicht alle Kontakte aussetzen können, weil sie ständig auf Hilfe angewiesen sind.

Es dürfte sich um eine der wenigen weitgehend unumstrittenen Entscheidungen des politischen Corona-Chaos handeln.

Daß Jens Spahn und Co bei den Impfplänen, Impfnachweisen, der ganzen Impfstrategie genauso versagen würden, wie bei einheitlichen Lockdown-Maßnahmen, Maskenbeschaffung, der Teststrategie oder Corona-App, war selbstverständlich zu erwarten.

Schließlich ist Spahn ein erprobter allgemeiner Versager, der seinem Amt nie gewachsen war. Derjenige, der es kann, Prof. Karl Lauterbach, hat keinen Platz an Merkels Kabinettstisch. Deutschland ist eben keine Meritokratie, sondern ein von Apathie geprägter Parteienstaat mit kleptokratischen Zügen.

Im Januar wußte ich, daß es rund ein halbes Jahr dauern würde, bis ich selbst eine Chance haben würde, geimpft zu werden und lehnte mich demensprechend passiv zurück.

Während Spahn und Laschet immer wieder total überrascht vom Pandemiegeschehen waren, staune ich über das Wahlvolk, das diese Überraschungen so hinnimmt.

Ein Pandemiegeschehen ist natürlich komplex und kompliziert, aber es gibt dafür Experten: Epidemiologen, wie Karl Lauterbach. Als Laie muß man nur den Prognosen Drostens und Lauterbach folgen, um mit frappierender Präzision alle Stadien der Pandemie vorab kennenzulernen.

Die Vakzinknappheit, das Impfdrängeln, der Impfneid und schließlich der Turningpoint, an dem es plötzlich mehr Vakzin als Impfwillige gibt.

Einen Tag, nachdem ich im Impfzentrum noch detailliert meinen Anspruch auf das Serum nachweisen musste, hob Hamburg die Priorisierungsregeln auf.

 Genau wie vorhergesagt, ist nun genügend Impfstoff da, damit jeder, der möchte sich immunisieren lassen kann.

Ein weiteres, ebenso exakt prognostizierte Problem taucht nun auf: Es gibt eine Zahlenlücke zwischen allen Menschen, die sich unbedingt impfen lassen wollen und den rund 85% Geimpften, die es für Delta-Herdenimmunität braucht.

[……] Am 6. Juli 2021 wurden in Deutschland 699.546 Impfdosen verabreicht. Damit sind nun 33.202.521 Personen (39,9 % der Gesamtbevölkerung) vollständig geimpft. Insgesamt haben 47.505.270 Personen (57,1 %) mindestens eine Impfdosis erhalten. [….]

(RKI Impfdashboard, 07.07.2021)

 In sechs Monaten wurde erst 40% vollständig geimpft. Wie kommen wir auf 85%, wenn die Impfbereitschaft jetzt schon nachlässt?

Nun gilt es Anreize zum Impfen zu schaffen, Impfschwänzer zu sanktionieren, die Freiwilligkeit von Impfungen beispielsweise für das Personal in Pflegeheimen und Krankenhäusern zu überdenken. Nachdem sich jeder impfen lassen kann, ist es auch Zeit die Geimpften zu privilegieren. Es braucht effektive Werbekampagnen und einfallsreiche Prämien. In New York bekommt derjenige, der sich in einem Impfmobil spontan eine Nadel in den Arm jagen lässt, einen Joint geschenkt.

Jens Spahn, unnötig zu erwähnen, ist wie immer auch von dieser Situation überrascht und hat keinen Plan. Auf den können wir nicht zählen, zumal in den letzten zwei, drei Monaten vor der Bundestagswahl ohnehin kaum einer in der Bundesregierung den Mut hat, unangenehme Wahrheiten wie „kein sicherer Präsenzunterricht“, „Reisebeschränkungen“, „vierte Welle“, „nicht ins Fußballstadion“, „Delta“ oder „Lambda“ auszusprechen.

Es liegt also an den Bürgern selbst, an den Medien und Experten die Impfmuffel in die Impfzentren zu jagen.

Nehmen wir einen Kern von 10% Hardcore-Impfverweigerern des Schlages Naidoo/Wendler/Hildmann an, gibt es prinzipiell 90% Menschen in Deutschland, die sich impfen lassen würden. Laut YouGov gelten 75% als impfbereit.

Dafür müssen wir wissen, wer eigentlich diejenigen sind, die zu faul sind bei Impfterminen zu erscheinen und damit riskieren, daß Vakzine weggeschmissen werden müssen.

Eine Untersuchung aus der Schweiz zeigt, wenig überraschend, daß mit höherer Bildung der Impfwille zunimmt. Je doofer, desto aluhütiger.

Außerdem gibt es enorme Unterschiede, wenn man die Bürger nach Berufsgruppen aufschlüsselt.
Landwirte sind die schlimmsten.


Problematisch sind, ebenso wenig überraschend, Rechte und Konservative.

Sehr hinderlich auf dem Weg zur Herdenimmunität sind Süddeutsche.

[…..] Obwohl die Impfkampagne bereits große Erfolge erzielt hat, tun sich viele Menschen immer noch mit dem Gedanken an den Piks schwer - vor allem im wohlhabenden Alpenvorland gibt es Skeptiker.  Dass die Impfungen wirken, lässt sich etwa an Bayerns Alten- und Pflegeheimen erkennen. In denen waren laut Gesundheitsministerium Anfang des Jahres mehr als 7500 Menschen gleichzeitig mit Corona infiziert. Einige von ihnen sind seither an oder mit dem Virus gestorben, die anderen gelten als genesen und darum vergleichsweise gut gegen Neuinfektionen geschützt. Dass sich die Corona-Infektionen in den Heimen mit ihren rund 150 000 Bewohnern zuletzt an nur einer Hand abzählen ließen, lässt sich aber kaum anders erklären als mit den schwerpunktmäßigen Impfungen. "Unsere Impfkampagne ist erfolgreich", erklärt denn auch Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). Doch wo es anfangs an Impfstoff fehlte, mangelt es inzwischen an Impfwilligen. Besonders im Süden des Landes ist die Impfskepsis auch jenseits von Corona weit verbreitet.  Denn ganz egal ob Masern oder Meningokokken: Bei den Impfungen im Schulkind-Alter bleibt Bayern seit vielen Jahren hinter den Impfquoten anderer Bundesländer zurück. Innerhalb Bayerns wiederum gibt es ebenfalls ein Nord-Süd-Gefälle. In Landkreisen wie Rosenheim, Garmisch-Partenkirchen oder Weilheim-Schongau lagen die Impfquoten laut Untersuchungen aus den vergangenen Jahren oft noch deutlich unter dem Landesschnitt. […..]

(SZ, 06.07.2021)

Generell sind die Ärmeren schlechter für Impfangebote zu erreichen.

[….]  Trotz der jüngsten Fortschritte bei den Coronaimpfungen warten immer noch viele Menschen auf einen Impftermin. Besonders Geringverdienende geraten dabei ins Hintertreffen, wie eine Umfrage des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zeigt, das zur gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gehört. Demnach gaben im Juni 2021 nur 49 Prozent der Befragten, die sich im untersten Fünftel der Lohnverteilung befinden, an, schon mindestens ihre erste Impfdosis erhalten zu haben. Im Vergleich dazu meldeten bereits 71 Prozent der Besserverdienenden, zumindest eine Impfdosis erhalten zu haben. [….]

(SPON, 07.07.2021)

Es ist möglich so viele Menschen zu impfen, daß Deutschland Herdenimmunität erreicht, aber das ist noch ein sehr langer Weg und erfordert sehr viel politisches Können der Regierenden.



[….] Seit Januar 2021 wird vom Robert Koch-Institut ein Monitoring zu COVID-19 Impfquoten sowie zur COVID-19 Impfbereitschaft und -akzeptanz in Deutschland durchgeführt.

    Im Erhebungszeitraum (17.05.21 - 09.06.21) wurden 3004 Erwachsene zur COVID-19-Impfung befragt. Von diesen waren 62.62 % (n = 1881) bereits mindestens einmal und 27.38 % (n = 822) vollständig gegen COVID-19 geimpft.

    Die COVID-19-Impfbereitschaft der Bevölkerung liegt auf einem hohen Niveau: Unter allen ungeimpften Personen geben 67 % an sich “auf jeden Fall” bzw. “eher” impfen lassen zu wollen. Berücksichtigt man die bereits mindestens einmal geimpften Personen mit, ergibt sich ein Anteil von etwa 88 % impfbereiter bzw. bereits geimpfter Personen.

    Bei Personen ab 60 Jahre sind bereits 84.3 % mindestens einmal geimpft, 42.5 % vollständig.

    Die Impfquote des medizinischen Personals und der Lehrer:innen und Erzieher:innen liegt jeweils bei etwa 84 % (mindestens einmal geimpft).

    Personen im Alter von 18 bis 59 Jahre mit Vorerkrankung(en) sind häufiger bereits mindestens einmal geimpft (69.19 %) als Personen der gleichen Altersgruppe ohne Vorerkrankung(en) (44.98 %).

    Die Impfquote bei Personen ohne Migrationshintergrund ist höher als die von Personen mit Migrationshintergrund.  […..]

(RKI, 19.06.2021)