Samstag, 23. Mai 2020

Notfall-Sex

Du bist so peinlich!“ schleuderte ich vor etwa dreißig Jahren meinem Kommilitonen Carsten entgegen.
Wir saßen in einer kleinen Gruppe mittags in einem Café gegenüber des Instituts für anorganische Chemie, weil wir keine Lust hatten mit den Massen in die Mensa zu gehen. Auf einmal klingelte Carstens Handy. Natürlich drehten sich alle um und glotzen, weil es eins der ersten Mobiltelefone war. Fast alle hielten das für völlig überflüssigen Schnickschnack. Das sollte sich gar nicht erst ausbreiten und den Alltag ruinieren.
Ich hoffte immer, Carsten würde das Ding im Spind lassen, aber er vergaß es nie und so mußte man mit peinlichem Geklingel rechnen.
Weswegen er angerufen wurde, war uns freilich klar: Ein Freier, der ihn zum Quicki abrief.
Ich bewunderte ihn für den offenen Umgang mit seiner Methode das Studium zu finanzieren. Heute ist er Professor für makromolekulare Chemie in den Niederlanden und wirkt mit Freienhäuschen und Familie wie ein Abziehbild des Spießertums.
Damals war er ein höchstens durchschnittlich attraktiver blonder, sehr dünner Junge, der aber stets den Schalck im Nacken hatte.
Wir hatten alle Jobs oder zumindest Nebenjobs. Während ich aber um die zehn D-Mark in der Stunde verdiente, bekam Carsten 100 Mark für 30 Minuten; mindestens. Er brauchte nur drei bis vier dieser kurzen Dates in der Woche, um gut über den Monat zu kommen.
Ich war sicher nicht der einzige, der ihn heimlich um das leicht verdiente Geld beneidete, während man bei Studentenjobs für Zeitarbeitsagenturen stumpfsinnig und sehr lange für ein paar Kröten jobben musste.
Einige Semester lang hatte ich eine Stelle als „STEP-Betreuer“ (STEP = Studieneingangsphase), das war schon quasi der Jackpot. Das dauerte immer fünf Wochen zu Semesterbeginn Arbeit von 8.00 bis 17.00 Uhr, aber die Bezahlung nach Stunden wurden bis zu den Semesterferien gestreckt, so daß man nach den fünf Wochen auch ohne zu arbeiten monatlich ein paar hundert Mark bekam. Aber die elf Stunden täglich waren durchaus mühsam, weil ich für die Sicherheit im Labor für die Anfänger zuständig war. Das hieß die Augen überall zu haben, während motivierte Schulabgänger beherzt Chemikalien zusammen gossen und mit Wonne danach trachteten Büretten, Thermometer, Kühler und Pipetten so weit oben anzufassen, daß sie unter der Hebelwirkung brachen und sich in die Hände kreischender Erstsemester bohrten.
Während dieser fünf Wochen lag mein eigenes Studium natürlich brach und ich geriet in enorme Zeitnot, während Carsten in Ruhe seinen eigenen Aufgaben im Fortgeschrittenen-Labor nachgehen konnte.

Wäre ich doch nur nicht so verklemmt gewesen.
Zur Prostitution hatte ich schon immer ein entspanntes Verhältnis, weil ich einerseits als Hamburger Jung natürlich den Anblick von Straßenhuren gewöhnt war. Sie standen damals nicht nur auf der Reeperbahn, sondern zum Beispiel auch an der heute todschicken durchgentrifizierten Langen Reihe.
Noch heute bin ich davon überzeugt, daß das „älteste Gewerbe der Welt“ nicht verbietbar ist und ärgere mich über die Kriminalisierung von Nutten, während die über eine Million Freier in Deutschland pro Tag unbehelligt bleiben.
Natürlich muß mit voller staatlicher Gewalt gegen Zwangsprostitution und Kinderprostitution vorgegangen werden. Aber alles, das auf freiwilliger Basis   geschieht, geht niemand etwas an.

Ich verwende den Begriff „Prostitution“ auch weiter gefasst.
Modeln, traditionelle Ehen, Strippen, Tanzen, Schauspielern – vieles funktioniert nach dem Prinzip „Körper gegen Geld“. Wer, außer notgeilen Schwulen guckt bitte sehr Ringen?

Noch 1997 stimmte die Mehrheit der CDU/CSU-Fraktion gegen die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe. Sie waren der Meinung, der Ehemann und Ernährer habe ein Recht darauf seine Frau zum Sex zu zwingen; diese dürfe sich in der Ehe nicht verweigern. DAS nenne ich pervers. Noch heute spricht man vom „Vollzug der Ehe“ wenn Geschlechtsverkehr gemeint ist.

(….) Verbot gemischtkonfessioneller Ehen, Frauenwahlrecht und Homosexualität  gab es ebenso wie die legale Prügelstrafe, die Todesstrafe
und Folter noch bis ins 20., teilweise sogar bis ins 21. Jahrhundert wird man verblüfft ausrufen.

Und mit unserer wunderbaren deutschen Verfassung durften Frauen weder ohne Zustimmung des Mannes eine Arbeitsstelle annehmen, noch ein Konto eröffnen. Sie durften sogar in der Ehe straflos vergewaltigt werden.

Wussten Sie, [….] dass eine Ehefrau bis in die 50er Jahre hinein nicht ohne Zustimmung ihres Mannes arbeiten durfte? Unglaublich, aus heutiger Sicht, dass wir diese Rechte erst seit ein oder zwei Generationen besitzen. Denn für uns sind das Recht auf Arbeit sowie das Wahlrecht mittlerweile selbstverständlich.
[….] Die Möglichkeit zu arbeiten und selbst über das eigene Leben zu entscheiden war in der Jugend unserer Eltern und Großeltern noch alles anderes als selbstverständlich. Großmutters Satz "Das hätte es früher nicht gegeben!" ist in vielen Fällen leider traurige Wahrheit.
So galt bis Ende der 50er Jahre das "Letztentscheidungsrecht" des Ehemannes in allen Eheangelegenheiten. Und dieses Recht hatte es in sich: Beruf, Führerschein, Kindererziehung, eigenes Geld und Konto - all das wurde per Gesetz zu Gunsten des Mannes geregelt. So hatte der Ehemann das Recht, über das Geld seiner Ehefrau frei zu verfügen. Und das betraf nicht nur ihr Einkommen, sondern auch das Geld, das sie mit in die Ehe gebracht hatte. Frauen konnten noch nicht einmal ein eigenes Konto eröffnen. Der Mann konnte sogar den Job seiner Frau ohne deren Zustimmung kündigen.
Diesen Missständen wurde erstmals am 1. Juli 1958 begegnet, als das Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf Grundlage des bürgerlichen Rechts in Kraft trat. Mit dem neuen Gesetz wurden unter anderem die Vorrechte des Vaters bei der Kindererziehung eingeschränkt. Es sollte jedoch noch bis zum Jahr 1977 dauern, bis Frauen ohne Einverständnis ihres Mannes erwerbstätig sein durften und es keine gesetzlich vorgeschrieben Aufgabenteilung in der Ehe mehr gab.
[….] Frauen durften  [….]  bis 1958 nur dann ihren Führerschein machen, wenn ihr Mann oder ihr Vater die Erlaubnis dazu erteilte.

(….) Auch aktuelle Koalitionspolitiker stimmten noch 1997 gegen das Verbot von Vergewaltigung in der Ehe, weil sie offensichtlich der Ansicht waren, es wäre das natürliche Recht eines Mannes die Frau sexuell zu penetrieren, auch wenn sie sich dagegen wehre.
25 Jahre sperrten sich CDU und CSU erfolgreich gegen die Strafbarkeit von Ehefrauen-Vergewaltigung. Erst 17 Jahre nach einer entsprechenden UN-Konvention folgte das deutsche Parlament.

Am 15. Mai 1997 stimmten von den anwesenden 644 Abgeordneten 471 für den Gruppenantrag und 138 dagegen, 35 enthielten sich der Stimme.

Alle Abgeordneten der Linken, der Grünen und der SPD stimmten für Ulla Schmidts Gruppenantrag.
Die Unions- und FDP-Politiker, die weiterhin Männer straflos sexuelle Gewalt anwenden lassen wollten waren: (……..)

Richtigerweise konnten Rot und Grün diese Form der Zwangsprostitution unter Strafe stellen.

Die sozialen Medien haben sich partiell zu einem echten Problem für Zuhälter entwickelt, da sie überflüssig werden, wenn Huren und Callboys sich selbst vermarkten können.
Ein großer Teil des Sex-Geschäftes ist in die virtuelle Welt abgewandert. Das ist zu begrüßen, weil es die Anbieter vor Gewalt und Krankheiten schützt.
Es liegt aber in der Natur der Sache, daß nicht alle Freier auf den realen physischen Kontakt verzichten wollen.
Aber Corona ist ein schwerer Schlag für das Geschäft.
Unter den selbstständigen Nutten herrscht nun bittere Not.

[….] Die Sex-Branche ist vom Corona-Lockdown schwer getroffen: Seit zwei Monaten dürfen Prostituierte wegen der Corona-Maßnahmen nicht arbeiten. Mit einem Hygienekonzept soll sich das nun ändern.
[….] Laut des Verbands würden gerade in der Sexarbeit viele von der „Hand in den Mund“ leben und kaum Rücklagen haben. Das sorgt dafür, dass viele Beschäftigte schon von Armut betroffen sind. Mit dem entwickelten Hygienekonzept fordert der Verband nun die Gleichbehandlung von Sexarbeit mit vergleichbaren körpernahen Dienstleistungen, wie beispielsweise nichtmedizinische Massagen. [….]

Das Internet bietet anderseits auch für Gelegenheitsprostituierte Alternativen.
Ein Glück für alle Jungen und Schönen.
Ein Glück auch, daß ich inzwischen alt und häßlich bin und daher nicht darüber nachdenken muss, ob „Onlyfans“ für mich als Zusatzverdienst in coroanbedingten finanziellen Engpässen moralisch in Frage käme.

[….] Die grassierende Arbeitslosigkeit treibt immer mehr junge Frauen dazu, Nacktbilder von sich zu verkaufen.
[….] Die Plattform Onlyfans [macht] brachliegendes Potenzial nutzbar: Auf der Seite, die von einem ehemaligen Investmentbanker gegründet wurde, geht es darum, eigene Nacktbilder zu verkaufen. Auf Onlyfans kann sich jeder ein Profil einrichten, seinen Körper fotografieren und für die Bilder einen Preis festlegen. [….] Eine der erfolgreichsten unter ihnen sagte der amerikanischen Elle kürzlich, die Plattform sei so etwas wie "der Bauernmarkt der Pornografie": Das Produkt gehe vom Erzeuger direkt an den Verbraucher.
[….]  Die grassierende Arbeitslosigkeit in den USA im Zuge der Corona-Krise hat nun allerdings auch hier Entwicklungen beschleunigt, die sich schon vorher abzeichneten. Zum einen sind die Nutzerzahlen in die Höhe geschossen. Und zum anderen wird die Website überschwemmt von Anfängerinnen, die den Profis die Abonnenten streitig machen.
Gerade Frauen, die ihren Lebensunterhalt bislang als Influencerinnen bestritten haben, eröffnen nun Onlyfans-Accounts, weil sie für das Influencen in der Regel angewiesen sind auf glitzernde Strände und Hotelfoyers, diese aber bis auf Weiteres geschlossen sind. Zumindest das Kokettieren mit der Plattform ist im englischsprachigen Raum zu einer Art dunkler Stilübung geworden. Als Beyoncé die Plattform kürzlich in einem Song erwähnte, zählte das Unternehmen einen Anstieg der Nutzerzahlen von 15 Prozent. [….]

Skeptisch bin ich allerdings, ob das Prostitutionsprinzip, das ganz grundsätzlich natürlich auch für die Politik gilt, im engeren körperlichen Sinne auch parteipolitisch nutzbar ist.

Die heute in den rechtsextremen Sumpf abgedriftete CDU-Frau Vera Lengsfeld konnte damit keine Erfolge feiern.


 Ihr CDU-Landesverband Berlin versuchte es diese Woche erneut mit plumpen sex-sells Methoden.
Ihr neues Logo imitiert das der Porono-Plattform „Pornhub“.
Ob das beim Wähler zieht?

[….] Pornhub oder doch CDU-Werbung?
  Die Farbe Orange und die CDU - das war schon immer eine recht vertrackte Angelegenheit. Als sich die Bundespartei 2005 mit dieser Farbe zierte, war die Kritik vernichtend: Altbacken wirke das und billig noch dazu. Vor zwei Jahren wechselte die CDU Deutschlands ihre Farben wieder schleichend zum Schwarz-Rot-Gold, vor allem, um den Rechtspopulisten die Nationalfarben nicht zu überlassen.
[….]
Dafür schmückt sich nun seit Anfang der Woche die Berliner CDU mit dem Orange. [….] Das neue Logo, Orange auf Schwarz, ist Teil einer umfassenden Imagekampagne mit dem Titel #aufgehtsberlin. "Wir erfinden uns gerade neu", sagte Wegner bei der Präsentation. [….] Dabei sind die Christdemokraten nun vielleicht etwas übers Ziel hinausgeschossen. Aufmerksame Twitternutzer haben jedenfalls eine kuriose Parallele bemerkt - zum Portal von Pornhub, einem der größeren Anbieter von Sexfilmen im Internet. Die Ähnlichkeit ist tatsächlich frappierend: von der Farbgebung, Orange auf schwarzem Grund, bis hin zur schnörkellosen Schrift. [….]

Freitag, 22. Mai 2020

Shame on you, political correctness


Alle vier Jahre, wenn der oppositionelle US-Präsidentschaftskandidat ausgeknobelt wurde, beginnt ein wüstes Spekulieren über dessen „running mate“.
Wer könnte Vizepräsident werden?
In der Hoffnung mit einer komplementären Person möglichst alle Quoten abzudecken.

[……] Es gibt, wenn es um die Auswahl eines geeigneten Vizekandidaten geht, eine traditionelle Denkschule. Danach ist der oder die Vize dazu da, einen politischen Makel des Hauptkandidaten auszubalancieren. Das kann die geografische Herkunft sein, weswegen sich zum Beispiel Neuengland-Aristokraten wie John F. Kennedy und John Kerry in ihren Wahlkämpfen Südstaatler aus Texas respektive North Carolina als Vizes ausgesucht haben.
Aber es gibt noch etliche andere Merkmale, die mittels des Vizekandidaten austariert werden sollen - Alter, Geschlecht, ideologische Ausrichtung, politische Erfahrung. Der texanische Provinzler George W. Bush machte den Washingtoner Insider Dick Cheney zum Vize. Der alte Washingtoner Insider John McCain wiederum suchte sich die junge Gouverneurin von Alaska aus, Sarah Palin, deren hinterwäldlerische Unerfahrenheit "erfrischend" sein sollte. Die umstrittene Frau Hillary Clinton zog mit dem betonsoliden Mann Tim Kaine ins Rennen. Donald Trump, im Politischen wie im Privaten ein Hallodri, suchte sich den biederen, frömmelnden Mike Pence aus. Und der junge schwarze Senator Barack Obama machte den altgedienten weißen Senator Joe Biden zu seinem Vize. [……]

Es macht politisch Interessierten (wie mir) natürlich Spaß über solchen Personalien zu orakeln, so wie auch fast alle Vaticanisti Theorien über den nächsten Papst parat haben und Kardinäle in die „papabili“-Schublade stecken.

Sinnvoll sind diese Spekulationen nicht.
„Wer als zukünftiger Papst ins Konklave geht, verlässt es als Kardinal“ lautet die goldene Regel und die Hoffnung des US-Präsidentschaftskandidaten auf die Zugkraft des Vizekandidaten stellt sich meistens als substanzlos heraus.

Palin half 2008 genauso wenig Obama zu besiegen wie Edwards 2004 den Umschwung gegen GWB einleiten konnte. Man muss schon scharf nachdenken, um sich überhaupt zu erinnern, daß Rechtsaußen Paul Ryan 2012 an der Seite Romneys antrat.

Der Vize ist in Wahrheit nämlich eine traurige Gestalt, der lediglich in der Sondersituation eines 50:50-Patts im Senat eine entscheidende Stimme abgeben darf.
Sein einziger Sinn ist es vier Jahre brav abzuwarten.
Er ist gegenüber dem Präsidenten völlig machtlos.

Spektakuläre Ausnahmen sind Johnson und Gerald Ford, der bei gar keiner Wahl angetreten war, sondern nach dem Rücktritt Spiro Agnews von Nixon ernannt wurde und ihm sogar am  9. August 1974 ins Präsidentenamt folgte.
Ein US-Präsident, der sich nie einer Wahl gestellt hatte.
Kennedys VP Lyndon B. Johnson wurde am 22. November 1963, dem Tag der Ermordung JFKs US-Präsident.
Langzeit-Präsident Franklin D. Roosevelt starb am 12.04.1945 nach über 12 Jahren im Amt; VP Harry S. Truman rückte auf.
Für den vierten Fall, in dem ein Vizepräsident der mächtigste Mann der Erde wurde, muss schon ein Jahrhundert zurück gehen zu Warren G. Harding, der am 02.August 1923 nach zweieinhalb Jahren im Amt starb; für ihn rückte VP Calvin Coolidge nach.

Allerdings ist Joe Biden Baujahr 1942 und wäre zu Beginn seiner Amtszeit schon 78, also gerontische 86 Jahre zum Ende einer theoretischen zweiten Amtszeit.
In dem Fall sind die Chancen seiner Vizepräsidentin – es wird auf jeden Fall eine Frau – außergewöhnlich hoch durch Krankheit oder Tod der Nr. 1 aufzurücken.

Ich bin ein großer Fan der Vorstellung Kamala Harris als US-Präsidentin zu haben; sie ist schlau, erfahren und durchsetzungsfähig.
Gut möglich auch, daß Joe Biden vier Jahre bei recht guter Gesundheit durchhält, aber 2024 nicht erneut antritt; dann wäre Harris quasi als Präsidentschaftskandidatin gesetzt.

Gegen Harris spricht allerdings das kumpelhafte Gemüt Bidens, dem Freundschaften extrem wichtig sind. Die Ehepaare Jill und Joe Biden, sowie Michelle und Barack Obama sind tatsächlich persönlich sehr eng befreundet.
Trotz der de facto-Machtlosigkeit Bidens bezog ihn Obama immer ein und konnte sich umgekehrt felsenfest auf ihn verlassen.

Man darf annehmen, daß sich Joe Biden ein ebenso inniges Verhältnis mit seinem Vize-Ehepaar wünscht, falls er #46 werden sollte. Anders kann der Harmoniesüchtige gar nicht arbeiten.
Harris hatte ihn allerdings im Vorwahlkampf derartig hart angegriffen, daß Biden sichtlich verstört war.
Es ging dabei um Bidens Jahrzehnte zurückliegende Positionen gegenüber der Förderung schwarzer Amerikaner.
Ist Biden nicht einfach zu weiß und Mann und Hetero für die heutige diversifizierte Demokraten-Anhängerschaft?
In dem Fall wäre die Indisch-jamaikanische Herkunft Harris‘ ein Vorteil gegenüber anderen möglichen VPs wie Elisabeth Warren oder Gretchen Whitmer oder Amy Klobuchar.

  

Andererseits verfügt Biden gerade in der black community über besonders hohe Zustimmungswerte, die sicherlich darauf beruhen, daß er acht Jahre geradezu ein Amalgam mit dem ersten schwarzen Präsidenten Obama bildete und bedingungslos loyal zu ihm stand, als er von Rassisten im ganzen Land – an vorderster Front der widerliche Birther Donald Trump – mit Hetze und Hass überzogen wurde.

Biden ist aber Biden; er hat das Herz am rechten Fleck, ein guter Mensch und zu jeder Verschlagenheit völlig unfähig. Aber er ist bei weitem nicht so intelligent wie Obama, kein Visionär, kein genialer Denker, nicht so gebildet wie #44 und erst recht kein so brillanter Redner. Im Gegenteil, bei ihm ist stets damit zu rechnen, daß er sich verhaspelt, unkonzentriert ist oder ihm versehentlich irgendein Unsinn entfleucht.
So wie heute Morgen.

[…..]  Joe Biden steht als Präsidentschaftskandidat der Demokraten so gut wie fest - und damit als Herausforderer von Amtsinhaber Donald Trump. Seine guten Aussichten hat Biden unter anderem schwarzen Wählern zu verdanken, die ihm bei den Vorwahlen zu mehreren Erfolgen verhalfen. Doch eine Aussage in einem Radiointerview lässt nun vermuten, dass er sich ihrer Unterstützung etwas zu sicher ist.
Gegen Ende eines Gesprächs mit dem prominenten Moderator Charlamagne Tha God sagte Biden: "Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie für mich oder für Trump sind, dann sind Sie nicht schwarz." Im Video ist die Szene ab Minute 17 zu sehen, Biden lächelt nach dem Satz verschmitzt in die Kamera. […..]

Es ist außerordentlich ärgerlich nun weltweit kritische Biden-Artikel aufgrund dieses Vorfalls zu lesen.
Ich sehe es genau wie Bill Maher; die selbstgewählte politische Korrektheit des linksliberalen Amerikas ist der größte Trumpf der rassistischen Republikaner.
Die Demokraten fallen mit viel Lust über jede unglückliche Formulierung in den eigenen Reihen her, ergehen sich in friendly fire; da muss die GOP sich nur genüsslich zurücklehnen und abwarten.


Außerdem möchte ich ein ganz dickes „what about“ anfügen: Es geht um eine Alternative zu dem extrem bösartigen durch und durch rassistischen Nazi Donald Trump.
In Relation dazu ist Biden der sozialistischste schwärzeste Bürgerrechtler überhaupt – völlig abgesehen von der Hautfarbe seiner VP-Kandidatin.
Presse und political pundits übertreiben maßlos mit ihren Befindlichkeiten.
Das Tausendfache auf die Goldwaage-legen jeder Äußerung zurück bis in die Steinzeit nervt die Bürger dermaßen, daß ein rassistisches Arschloch wie Trump, der Behinderte nachäfft, Einwanderer genauso wie Schwarze hasst, Länder mit dunkelhäutiger Bevölkerung „shithole-countrys“ nennt und sich damit brüstet Frauen zu misshandeln und sexuell zu bedrängen US-Präsident werden konnte.

Ins Bild passt eine kleine Geschichte aus der Make-Up-Welt.


Jeffree Star, californisches genderfluides Multitalent mit eigener Kosmetik-Firma verdient viel Geld mit dem Verkauf seiner Lidschattenpaletten.
Jedes Jahr gibt es von ihm/ihr ein halbes Dutzend neuer Makeup-Produkte, die allerdings anders als bei den anderen Make-Up-Millionären (wie Kylie Jenner, die nur ihren Namen auf billige chinesische Massenware druckt) selbst entwickelt und in Californien produziert werden. Die Planung einer Lidschattenpalette dauert 12-18 Monate.
 Die Aktuelle nennt sich „Cremated“ (Eingeäschert) und spielt mit morbiden Farben.
Als er diese, ein Jahr vor Corona konzipierte Kampagne vorstellte, brach die Hölle los.
Dutzende TV-Stationen fielen über ihn her, weil der Name ihnen zu geschmacklos inmitten einer Pandemie erschien. Das wäre unsensibel und müsse boykottiert werden.
Die Tatsache, daß ich von dem Fall weiß, sagt schon alles: Es geht verdammt noch mal nur um den Namen von Schminke, die ein Künstler in L.A. selbst herstellen lässt.
Wen interessiert das? Was sagt das über die Erregbarkeit der Medienwelt aus?
Sollten sie die kostbare Sendezeit nicht nutzen, um über echte Probleme zu berichten?  Ist da nicht vielleicht zufällig irgendeine Wahl in den USA dieses Jahr?
Ein weiterer Beleg für den völlig der Realität entkoppelten political-correctness-Wahn ist die Reaktion der durchschnittlichen Konsumenten.
Man munkelte, Jeffree Star geriete in finanzielle Schwierigkeiten, da er möglicherweise eine Million Cremated-Paletten auf seine Kosten herstellen ließ, diese nun aber durch Corona nicht im stationären Handel vertreiben könne, sondern ausschließlich auf seinen Online-Shop setzen musste, der mit Schmähartikeln überzogen wurden.
Heute war der erste Cremated-Verkaufstag; in 20 Minuten war die gesamte Kollektion restlos ausverkauft, weil „die normalen Menschen“ ohnehin nicht auf den political-correctness-Zug aufspringen.


😭😭😭🖤🕊 What the fuck!!!!!!! We had a massive amount of stock and I’m truly shook right now!!!! THANK YOU!!!!
— Jeffree Star (@JeffreeStar) May 22, 2020

Also bitte Schluss damit Joe Biden irgendwelche Nebensätze von 1970 vorzuhalten, die nach heutigen Moralansprüchen möglicherweise fragwürdig sind.

Donnerstag, 21. Mai 2020

Deutsche Zerrbilder


Die größten Differenzen des parlamentarischen und des Willen der Gesamtbevölkerung besteht sicherlich in ethischen Fragen.

Rentenkonzepte, Steuersätze und Kinderfreibeträge sind selbstverständlich auch umstritten, aber nirgendwo prallt eine überwältigende Bürgermehrheit so hart auf die Volksvertreter-Realität wie bei den existentiellen Fragen:
Patientenverfügungen, Recht auf selbstbestimmten Tod, PID-Diagnostik, Drogenliberalisierung, Abtreibung, Zweiklassenmedizin, §219a, die erbärmliche Behandlungen von Pflegefällen.

Wieso wird das Recht auf einen staatlich unterstützten Suizid nicht eingeführt, obwohl (je nach Umfrage) zwei Drittel bis 90% der Bevölkerung sich genau diese Option wünschen, um am Ende diese extremste Privatentscheidung selbst treffen zu können?

Die Antwort ist einfach: Aktive Christen sind unter den Bundestagsabgeordneten extrem überrepräsentiert, keine Lobby ist so massiv mit dem Gesetzgeber und der Regierung verquickt wie die Kirchenlobby.

Eine groteske Form des gegen humanistische Werte gerichteten sadistischen theologischen Einflusses, der das sinnlose Quälen und Zufügen von Schmerzen, Unmündigkeit und Kriminalisierung von Liebe durchdrückt, ist die Besetzung des Ethikrates der Bundesregierung.

[…..] "Der Deutsche Ethikrat sollte rational, evidenzbasiert und weltanschaulich neutral argumentieren, was aber durch die Überrepräsentanz kirchlicher Interessenvertreter allzu oft verhindert wird", kritisiert der Philosoph und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung Michael Schmidt-Salomon. […..] "Dass sich die Mehrheit der Mitglieder des Deutschen Ethikrates gegen Selbstbestimmungsrechte am Lebensende aussprachen und für ein Gesetz votierten, das per einstimmigen Beschluss der Karlsruher Richter für verfassungswidrig erklärt wurde, ist ein Skandal, der noch nicht hinreichend thematisiert wurde", meint Schmidt-Salomon, der bei der mündlichen Verhandlung des Bundesverfassungsgerichts als "Sachverständiger Dritter" für die später erfolgte Aufhebung des § 217 StGB plädiert hatte. "Die Unterstützung eines verfassungswidrigen Gesetzes ist nur eines von vielen Indizien dafür, dass der Deutsche Ethikrat in seiner Funktion immer wieder versagt. Interessanterweise kommt es dazu vor allem dann, wenn religiöse Interessen im Spiel sind, wie auch die Debatten zur Knabenbeschneidung oder Präimplantationsdiagnostik gezeigt haben. In einem gewissen Ausmaß kann man solche Defizite tolerieren, aber: Wenn sich – wie im Fall der Sterbehilfe-Diskussion – herausstellt, dass die Mitglieder des wichtigsten Ethikrates des Landes mehrheitlich nicht in der Lage sind, auf dem ethischen Niveau des deutschen Grundgesetzes zu argumentieren, ist dies keine Lappalie, die man auf die leichte Schulter nehmen könnte."
Nach der deutlichen Rüge aus Karlsruhe hätte man eigentlich eine Umorientierung in der inhaltlichen Ausrichtung sowie der personellen Zusammensetzung des Ethikrates erwarten dürfen, doch die am 30. April erfolgte Neubesetzung des Gremiums weise in eine andere Richtung, führt Schmidt-Salomon aus: "Durch die Neubesetzung ist der Rat nicht pluraler, liberaler oder kompetenter geworden. […..] Bei den neu hinzugekommenen Mitgliedern des Rates sind Personen mit religiös-konservativen Werthaltungen überproportional stark vertreten – Menschen, von denen man leider annehmen muss, dass sie 2017 ebenfalls für ein verfassungswidriges Gesetz votiert hätten." […..]
Hinzu komme, so Schmidt-Salomon, dass es weitere Ethikratsmitglieder gebe, "die zwar keine offiziellen Kirchenfunktionen wahrnehmen, aber doch entschieden für kirchliche Positionen eintreten". Ein Beispiel hierfür sei der Jurist Steffen Augsberg, der die Anliegen radikaler "Lebensschützer" mit entsprechenden Analysen untermaure (siehe etwa diesen Beitrag in der "Zeitschrift für Lebensrecht") und der "rhetorisch äußerst geschickt für ein Verbot professioneller Freitodbegleitungen gestritten" habe – sowohl als Mitglied des Deutschen Ethikrates als auch als Prozessbevollmächtigter der Bundesregierung in dem Verfahren zu § 217 StGB vor dem Bundesverfassungsgericht. […..]

Nahezu unbemerkt rückte soeben eine in atheistischen Kreisen seit vielen Jahren für stetes Facepalming sorgende Religiotin in das Gremium ein.

[…..] „Die Zahl der Konflikte wird steigen, es gibt eine spürbare Nervosität, eine Dünnhäutigkeit und Lust an der Eskalation. Das führt zu Konflikten, über die man ethisch nachdenken muss“, sagte die evangelische Theologin Petra Bahr, die seit heute dem Deutschen Ethikrat angehört. […..] Ihr persönlich gehe die Exodus-Geschichte der Bibel in Coronazeiten nahe: „Das ist eine Geschichte von einem ziemlich chaotischen Volk, das durch die Wüste geht und nicht weiß, ob es ankommt. Ein Weg durch Ungewissheit, Krankheit, Rebellion und Revolte gegenüber den Führern.“
Zu der Entscheidung der Bund-Länder-Konferenz, Gottesdienste wieder zuzulassen, sagte Petra Bahr: „Ich freue mich, dass Gottesdienste wieder stattfinden können, aber ich gebe zu, dass das, was da unter großen Auflagen geplant ist, nicht die Art von Gottesdienst ist, auf die ich mich von Herzen freue.“ […..]


(…..) Frappierend ist insbesondere die Unfähigkeit dieser Kategorie der Plapper-Bischöfinnen über ihren eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Genau wie Kollegin Käßmann, nimmt auch Breit-Keßler stets sich selbst und ihr eigenes Leben zum Maßstab.
In ihren Texten erzählt sie aus ihrer Familie, ihrem Alltag, beschreibt was ihr gefällt und überträgt das dann flugs auf alle anderen.

Die ganze bischöfliche Theologie ließe sich auf den Kernsatz: „Seid alle so wie ich, dann wird alles gut!“ reduzieren.

Auch in der heutigen Kolumne geht das so. (….)

Die 54-Jährige Oberkirchenrätin der EKD und Regionalbischöfin von Hannover aus Lüdenscheidt arbeitet für die konservative Konrad-Adenauer-Stiftung und zeigt in ihren zahlreichen Veröffentlichungen, daß sie es mit Fakten nicht so genau nimmt. Sie lügt und fälscht.

[….] Offiziell gilt die EKD-Kulturbeauftragte Petra Bahr als deutsche Theologin. Ich habe allerdings mittlerweile den Verdacht, dass es sich bei ihr in Wahrheit um eine australische Theologin handelt, deren Niveau dermaßen unterirdisch ist, dass es sie nach Deutschland verschlagen hat.
Außer zu Kultur äußert sich Frau Bahr auch gerne über Atheisten, obwohl wir ihren Ausführungen zufolge eigentlich das komplette Gegenteil von Kultur sein müssten.
Wer sich sonst schon darüber ärgert, dass die Kirchen anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben, der wird an Frau Bahr seine reine Freude haben:
„Religionskritik darf alles, nur sollte sie sich auf dem Niveau abendländischer Religionskritik bewegen“, sagte die Theologin in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Ich kann ihr diesen Artikel ja mal schicken und fragen, ob ich ihr Imprimatur erhalte…
Wenn ich dann noch Begriffe lese wie „entgrenzte Vernunft“ (was meint Frau Bahr damit – einen IQ über 99?), dann frage ich mich: Kann man wirklich so dummdreist sein, oder hatte Frau Bahr lediglich das Pech, dass evangelisch.de verzerrend über sie berichtet hat – das Portal für Meldungen, für die sich andere Anbieter zu schade sind? […..]
(weiter zu einer sehr ausführlichen Bahr-Analyse bei Skydaddy von 2012)

Frau Bahr ist eine leider wirklich nicht nur moralisch ungeeignete Person für den Ethikrat, sondern zu allem Übel auch noch sehr wenig intelligent, um es euphemistisch auszudrücken.

(…..)  Vor zwei Wochen lief mir aber ausgerechnet im Meinungsteil der Süddeutschen Zeitung Skydaddys Lieblingstheologin Petra Bahr über den Weg.
Dr. Bahr, 52, Landessuperintendentin in Hannover, echauffiert sich gar fürchterlich über das weltliche Fasten.
Dabei handele es sich um eine Mode der Einfältigen und Doofen, die irgendwie ihre innere Leere zu füllen trachteten.

[…..] Keine Schokolade, kein Netflix und keine negativen Gedanken. "Sieben Wochen ohne" passen zum Partytalk und an den Rand des Elternabends. Manche Gespräche klingen wie ein Bieterwettbewerb. Fasten zwischen Aschermittwoch und Ostern ist zur Mode geworden, ein selbstauferlegter Rigorismus mit unheiligem Ernst. Es geht nicht mehr nur um Konsum, Kalorien und Komfort. Es geht um Lebenssteigerung, ja Erlösung. Viel ist vom Ich die Rede, das unter der Lebensstil-Adipositas des "Zuviel" ächzt. Die Fastenzeit gehört in dieser Deutung dem abgelenkten, schwachen, faulen, schwerfälligen Geist. Das Ich muss leiden. [….]

Eine typische Evangeliban-Herangehensweise: Eine Beobachtung aus ihrem persönlichen Umfeld wird als empirische Studie angesehen und verallgemeinert.

Ich kenne zum Beispiel niemand, der fastet. In meinem Hamburger Umfeld tut das keiner. Daraus würde ich aber nicht ableiten, daß generell niemand auf der Welt fastet.
Anders Frau Bahr, die flugs einen regelrechten Hype durch alle Gesellschaftsschichten ausgemacht haben will.
Nun ist die Frau „Landessuperintendentin“ und bei so einem Superlativ-Ungetüm ist das christliche „Ätsch, ihr Atheisten!“ natürlich nicht weit.

Netflix- und Schokoladen-Fasten ist nämlich nicht nur irgendeine Mode, sondern auch noch eine Schlechte. Das Original-Fasten der Christen sei viel angenehmer und besser. Das wäre weniger brutal und gnadenlos.

[…..]Selbsterlösung ist im Christentum unmöglich. Deshalb sind Bußzeiten Zeiten der Gnade, nicht der selbstverordneten Gnadenlosigkeit. Wer in christlichem Geist fastet, genießt die Ausnahmen von den Regeln: auf Reisen, bei Festen, in Trauer oder am Sonntag. Die säkular-religiösen Fastenregeln sind da viel strenger als jede klösterliche Vorschrift. […..]

Diese Kurve bekommt jede Theologinnen-Kolumne:
Erhobener Zeigefinger, IHR macht es falsch und ich Christin bin viel besser. Ätsch.

Besonders ärgerlich ist so ein apodiktischer Satz wie Die säkular-religiösen Fastenregeln sind da viel strenger als jede klösterliche Vorschrift, da es sich dabei um reine Erfindung handelt, die auch noch schwurbelig unsinnig daher kommt.

Das Bahr-Oxymoron „säkular-religiös“ impliziert, daß wir Atheisten und heimlich immer noch an die überlegene Religion anlehnen. Damit verknüpft sie aber auch noch eine völlig aus der Luft gegriffene „Fastenregel“.
Als ob es einen Papst-artigen Ober-Atheisten gäbe, der sich Fastenregeln ausdenke, denen wir nun alle zu folgen hätten.
Blanker Humbug. Es gibt keine Regeln für den temporären Verzicht auf Schokolade und Netflix.
Theologin Bahr versteht grundsätzlich nicht, was Freiheit des Individuums bedeutet, so sehr ist sie in ihr kirchliches Regelwerk verstrickt.
Um ihre eigene erbärmliche Abhängigkeit von einem Märchenbuch voller menschenfeindlicher und absurder Regeln schönzureden, postuliert sie einen phantastischen Popanz: Die Säkularen haben noch viel bösere Regeln als wir!
Whataboutism – die letzte Rettung, wenn einem Ideologen gar kein positives Argument für seinen eigenen Wahn mehr einfällt.

Und hier kommen wir zum Kern der Bahr-Kolumne: Sie schreibt aus einer tiefen Verletzung heraus. Sie führt sich auf wie eine enttäuschte Verkäuferin eines Markenprodukts, die hilflos zusehen muss wie ihre ehemaligen Kunden zu den NoName-Produkten wechseln.
Dabei nimmt sie irrigerweise an, ihre Produkte wären generell unverzichtbar. Wer die Kirchen verlasse, fühle eine innere Leere, sei unausgefüllt, suche nun verzweifelt nach einem anderen Lebenszweck, müsse die hinterlassene Lücke unbedingt irgendwie füllen. Ohne das metaphysische Gerüst kann im Bahr-Oberstübchen niemand existieren und daher wäre er gezwungen sich ein unzureichendes Substitut zu suchen.
So mildern Kirchisten den Trennungsschmerz gegenüber den vielen Hunderttausenden, die jedes Jahr ihren Verein verlassen.
 Aus Bahrs Sicht gehen die nicht, weil sie die Kirche nicht brauchen. Nein, wer die Kirche verlasse, werde von anderen minderwertigen Lehren angezogen.
Theologen betrachten Atheismus immer gern als Alternative zur Religion. Als einen anderen quasi religiösen Player. Das ist selbstverständlich auch blanker Unsinn. Atheismus ist so sehr eine Religion wie Asexualität eine Sexpraktik ist.
Ich bin nicht verzweifelt, weil ich Atheist bin und suche nun händeringend nach Halt.
Bahr begreift es nicht und kann als typische Christin natürlich nicht anders, als auch noch nachzutreten: Ihr seid doof und müsst nun zur Strafe leiden, weil ihr die tolle Kirche verlassen habt, Ätschi! (…..)