Donnerstag, 7. September 2023

Planet im Pech

Die Erde ist gewissermaßen das bescheidene Vorstadtmodell des Universums.

Am Rande der Galaxie, chillt sie als mittelgroße Kugel, in mittlerer Entfernung um die Sonne. Das tut sie seit 4,6 Milliarden Jahren; ist also ein echter Best-Ager. Die nächsten 500 Millionen Jahre wird ohnehin nichts passieren. Ab einem Alter von gut fünf Milliarden Jahren, wird es aber sukzessive wärmer, weil die Sonne peu à peu mehr Energie abgibt. Noch zwei, drei Milliarden Jahre, dann liegt die Oberflächentemperatur bei durchschnittlich +70 bis + 80°C. Die Ozeane sind vollständig verkocht. Wenn der dann natürlich nicht mehr „Blaue Planet“ nullt, also 10 Milliarden Jahre alt wird, beginnt auch langsam die große solare „Roter Riese“-Show, bei der schließlich die Erdmaterie im Alter von etwa 12 Milliarden Jahren von der Sonne verschluckt wird. Das Erd-Rentenalter, so ab ca 13,5 oder 14 Milliarden Jahre, kann man sich als ein gemütliches Chillen als planetarer Restnebel um einen Weißen Zwerg, vorstellen.

Die allerlängste Zeit bleibt die Erde völlig unbewohnt. Ob irgendetwas auf ihr herumkraucht, wird der Erde herzlich egal sein. Die Lebewesen, die überhaupt lange da sind, um bemerkt zu werden; Farne, Bakterien oder Eishaie zB; gliedern sich ganz freundlich in die gerade aktuelle Natur ein und stören nicht weiter.

Anders ist es allerdings bei einem lästigen Zweibeiner, der blitzartig plötzlich aufpoppte. Der Hominide, der nach etwa 4,598 Milliarden Erdjahren von den Bäumen kletterte und seither nur Ärger macht.

Insbesondere, wenn man bedenkt, was für ein winzig kurzer Wimpernschlag zwei Millionen Jahre Menschheitsgeschichte, verglichen mit den 14 Milliarden Erd-Lebenszeit sind.

Diese Mistkerle vermehren sich aber auch wie verrückt. In den letzten 300.000 Jahren rammelte Homo Demens ohne Unterlass.

Jetzt sind wir schon über acht Milliarden. 2016 beklagte ich mich noch über 7,5 Milliarden Individuen.

(….) Siebeneinhalb Milliarden Individuen sind einfach zu viel, wenn man so einen gewaltigen Ressourcen-Verschleiß aufzuweisen hat.

Wir roden die letzten Wälder, treiben den Meeresspiegel hoch, lassen die Gletscher schmelzen, verseuchen die Böden, trocknen Seen aus, verdrängen so effektiv andere Tierarten, daß täglich mehrere aussterben.

Wir erodieren, planieren und asphaltieren Gebirge, buddeln Kohle aus, pumpen Gas und Öl aus der Tiefe, generieren Ozonloch und CO2-Hüllen.

Homo Sapiens lebt auf Kosten der anderen Spezies.

Homo Sapiens vermehrt sich inzwischen nahezu ungehindert.

Pro Jahr werden es 83.686.000 Menschen mehr, das sind 229.277 Menschen pro Tag; 159 Menschen pro Minute und 2,7 Menschen pro Sekunde.

Ein paar von denen kann man aushalten, aber ein Zehntel würde locker ausreichen. 750 - 800 Millionen betrug die Gesamtweltbevölkerung Ende des 18. Jahrhunderts. Die Eine Milliarde-Menschen-Marke wurde 1804 geknackt. Reicht das nicht?

Schon damals konnten wir Ebenbilder Gottes bekanntlich Kriege, Genozide und Ausbeutung ganzer Kontinente vollbringen, weil es genug Soldatennachschub gab, weil die Frauen im Durchschnitt so viele Söhne hatten, daß sie es hinnahmen, daß ab und zu einer davon „auf dem Feld der Ehre“ zerhackt oder zerfetzt wurde.

 


Der enorme Bevölkerungsdruck, die Verzehnfachung der Menschen in 200 Jahren führte aber zu noch viel mehr Konflikten, Kampf um Ressourcen, Massenmigrationen, Fluchtwellen. In den Teilen der Welt, die ein sehr geringes Bevölkerungswachstum ausweisen, oder gar wie Deutschland, Japan, Südkorea und die baltischen Länder (Fertilitätsrate bis 1,3) schrumpfen, ist die Kriegsmüdigkeit hingegen recht ausgeprägt.

Verständlich, denn wenn man/frau bloß ein Kind hat, geht es ihm einerseits ökonomisch besser, so daß es weniger wahrscheinlich auf die Idee kommt Soldat zu werden und andererseits sind die Eltern auch protektiver, lassen ihre Kindern weniger gern in den Krieg ziehen. Länder mit den höchsten Fertilitätsraten – Gaza 4,9 Jemen 5,0 Ruanda 5,3 Kongo 5,8 Uganda 6,1 Somalia 6,3 Ost-Timor 6,3 Afghanistan 6,4 – sind offenbar auch besonders unfriedlich, weil die enorme Kinderzahl die Ressourcen erschöpft, Konkurrenz entsteht und Eltern auch eher mal den Tod eines ihrer Blagen verkraften.

Wir brauchen also weniger Menschen und daher weniger Nachwuchs.

Es ist wohl auch kein Zufall, daß die Länder mit der höchsten Bevölkerungsdichte auch die mit den geringsten Geburtenraten sind. (…..)

(Menschenmassen, 14.10.16)

 

Ein Zehntel der Menschen von heute würde also ausreichen, um die Homo-Sapiens-Kulturvielfalt aufrecht zu erhalten.

Um Homo Sapiens einfach nur überleben zu lassen, sind aber offensichtlich nur extrem wenige Individuen notwendig.

Ein paar Tausend weltweit genügen. Erst mit der Sesshaftwerdung des Menschen vor etwa 11.000 Jahren begann sich die Zahl der Individuen kontinuierlich zu vermehren, weil man mit Landwirtschaft eine kontinuierliche Nahrungsquelle schuf und sich effektiv vor der Witterung schützen konnte.

Europa war während der längsten Zeit der Geschichte völlig menschenleer.

Obwohl es uns schon seit 298.000 v. Chr. gibt, hatten wir über Jahrhunderttausende nur Lust auf Afrika und Asien.

Erst vor etwa 45.000 Jahren latschten die ersten halbnackten Jäger mit ihren Keulen aus dem Osten entlang der Donau nach Deutschland, Frankreich und Spanien. Inzwischen ist die Zeit des Aurignaciens vor 42 000 bis 33 000 Jahren recht gut untersucht. Viel los war aber über Myriaden Jahre nicht.

Die meisten Mammuts, Bisons und Karnickel haben die aggressiven Zweibeiner gar nicht bemerkt.

 

[…..]  […..]  Aus sogenannten ethnografischen Analysen, also vor allem dem Vergleich mit heutigen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, ergibt sich eine durchschnittliche Gruppengröße von etwa 40 Personen. Daraus errechneten die Forscher um Schmidt die absolute Anzahl der Menschen. So ergab sich ein Wert von etwa 1500 Personen, mit einer Untergrenze von 800 und einer Obergrenze von 3300. Nicht eben viel für Mittel- und Westeuropa - so viele Menschen werden heute in sechs Minuten weltweit geboren.

Nur in fünf Regionen gab es überhaupt eine dauerhaft überlebensfähige Population von 150 Personen oder mehr: in Nordspanien, Südwestfrankreich, Belgien, in Teilen Tschechiens und im Tal der Urdonau in der Schwäbischen Alb. Im Südwesten Frankreichs mit seinen Karsthöhlen lebte dabei mit 440 Personen die größte Gruppe. Die Zentren lagen rund 400 Kilometer voneinander entfernt, dazwischen lagen große Landschaftsräume, die nur kurzfristig, saisonal oder gar nicht besiedelt waren. Das sei ein europaweit einheitliches Muster, so die Forscher. […..] 

(SZ vom 07.03.2019)

 

Klar, man wanderte herum, musste ja auch mal genetisch etwas durchlüften, indem man von Belgien nach Spanien lief, dort einer Menschenfrau mit der Keule auf den Kopf schlug und sie mit nach Hause schleifte.

War natürlich blöd für ihren Mann, der in Ermangelung von Parship und Tinder nicht leicht Ersatz fand, aber andererseits war sein inzestuöses Sperma ohnehin keine Dauerlösung.

 

[…..] In Europa nahm in der auf das Aurignacien folgenden Epoche des sogenannten Gravettien die Bevölkerungszahl auf rund 2500 Personen zu, die Zahl der überlebensfähigen Kernregionen stieg dabei von fünf auf neun. […..]   "Erst gegen Ende des Gravettien vor rund 27 000 Jahren bricht dieses Netzwerk aufgrund von Klimaänderungen zusammen", sagt Schmidt. "Wir sehen ein regionales Aussterben von Populationen und den Beginn einer Neuorganisation." Die alten Strukturen brachen zusammen, und neue Netzwerke tauchten auf.

[…..]   Manche Forscher glauben, dass die Menschheit vor rund 74 000 Jahren kurz vor der Auslöschung stand, als im nördlichen Bergland von Sumatra der Vulkan Toba ausbrach. Die vermutlich stärkste Eruption in den vergangenen zwei Millionen Jahren könnte zumindest auf der Nordhalbkugel die Erde drastisch abgekühlt haben. Populationsgenetiker liefern hier grobe Schätzungen von maximal 10 000 Menschen weltweit, vielleicht waren es sogar nur noch 2800 Individuen. […..] 

(SZ vom 07.03.2019)

Inzwischen kann ich die Zahlen noch mal updaten.

Genetik ist ein faszinierende Wissenschaft.  Forscher um den Biologen Wangjie Hu von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften beschrieben für einen Science-Artikel vom 31.08.2023 ihre Auswertung bestimmter Allele im Genom von 3154 heutigen Menschen, aus zehn afrikanischen und 40 nichtafrikanischen Populationen, bei einer angenommenen Generationsdauer von 24 Jahren. Daraus lässt sich zurückrechnen, wie viele fortpflanzungsfähige Menschen es vor wie vielen Generationen gegeben haben muss. Teilweise erstaunlich wenige!

[…..] Ihrer Analyse zufolge seien vor 930 000 Jahren wohl binnen kurzer Zeit knapp zwei Drittel der genetischen Vielfalt verloren gegangen, schreiben sie. Von zuvor weltweit geschätzt knapp 100 000 fortpflanzungsfähigen Urmenschen seien 98,7 Prozent gestorben. Danach hätten 117 000 Jahre lang im Schnitt nur noch 1280 fortpflanzungsfähige Individuen gelebt. Erst vor etwa 813 000 Jahren hätten sich die Bevölkerungszahlen dann wieder erholt - das aber dafür rasant. Die genannten Zahlen sind teils zu relativieren: Zum einen berechneten die Forscher nur die sogenannte effektive Populationsgröße. Die Zahl 1280 bezieht sich auf fortpflanzungsfähige Individuen und lässt sich schwer auf eine Gesamtbevölkerungszahl hochrechnen, die auch unter anderem Kinder, Alte und Partnerlose umfasst. Zum anderen ist unklar, ob vor dieser mutmaßlichen Katastrophe tatsächlich so viele Urmenschen lebten wie von den Autoren um Hu angenommen. Laut Forschern um den Genetiker Lynn B. Jorde von der University of Utah etwa hat es vor 1,2 Millionen Jahren weltweit wohl nur 18 500 fortpflanzungsfähige Urmenschen gegeben. Doch selbst wenn man von dieser geringeren Populationsgröße ausginge, ein Rückgang auf 1280 wäre immer noch katastrophal, er entspräche einem Einbruch um 93 Prozent.  […]

(Jakob Wetzel, SZ, 01.09.2023)

Eine echte Tragik. Offenkundig wehrte sich der Planet in den letzten anderthalb Millionen Jahren gegen die Hominidenplage aus Homo erectus, Homo heidelbergensis und Homo antecessor und war mehrmals fast erfolgreich! Nur ganz wenige dieser zweibeinigen Erreger schafften es, sich irgendwo festzusetzen und wollten einfach nicht verschwinden. Verdammt; die paar Tausend hätte die Erde wirklich auch noch schaffen können und sich damit das bald folgende elende Anthropozän ersparen können.

Rätselhafterweise spricht SZ-Autor Wetzels mehrfach ausdrücklich von „Glück“. Der Mann ist offenkundig verwirrt.

[…..] Der Mensch ist ein Glückskind. Etwas mehr als acht Milliarden Vertreter dieser Spezies bevölkern zurzeit die Erde, und ihre Zahl steigt weiter. Doch es gab Momente, da hätte auch alles wieder vorbei sein können. […] Je kleiner eine Population, desto fragiler ist sie. Selbst Populationen mit 3000 bis 5000 fortpflanzungsfähigen Individuen laufen stets Gefahr, durch die Folgen von Inzucht, Probleme bei der Partnersuche oder auch einfach zufällige Schwankungen in der Geburten- und Sterberate zu verlöschen - das haben beispielsweise Studien zum Aussterben der Neandertaler in Europa ergeben. Falls Hu und seine Kollegen recht behalten sollten, dann hatten die Menschen nach der Katastrophe ziemlich viel Glück.  [….]

(Jakob Wetzel, SZ, 01.09.2023)

Der Planet hatte verdammtes PECH. So viele Gelegenheiten, den Zweibeiner auszumerzen, bevor er ein ganzes planetares Ökosystem ruiniert und jeden Tag Dutzende andere Spezies ausrottet. 98.000 Jahre bevor Homo Demens seinen Gott erfand, war es fast aus mit ihm. Aber er musste sich ja erst zum Roten Riesen unter den Erdplagegeistern aufblasen: 8 Milliarden Individuen; viel zu viele Menschen.

Das wird für die meisten Tier- und Pflanzenarten tödlich enden.

Dem Planet Erde kann es natürlich egal sein. Für ihn sind ein paar Millionen Jahre nur ein Wimpernschlag. Dann ist diese zivilisatorische Pest mitsamt all ihrer Götter wieder verschwunden und vergessen.

Mittwoch, 6. September 2023

Die Menschen wählen das Original

Nachdem sich Markus Söder in den letzten beiden Wochen als Deutschlands aktivster Faschistenverstärker etablierte, passierte genau das, was jeder politische Beobachter erwartet und begreift – außer den alten Männern in der CDUCSU-Führung: AfD und FW rauf, CDUCSU runter. Söder boostet die FW von 11% auf 16%.

„Die Definition von Wahnsinn ist: immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“
(Albert Einstein)

Eins ist aber sicher: Merz und Söder sind keine Einsteins.

Tumb machen sie AfD-Sprech hoffähig und vergrößern damit selbstverständlich die ganz rechte Wählerschaft.

Mit einem kann sich der CDU-Chef aber keinesfalls abfinden: Daß der bayerische Parteichefkollege nun der größte Förderer des Rechtsextremismus sein soll – und nicht Merz selbst.

Also legt er gleich dreifach nach, mit seiner braunen Charmeoffensive gegenüber den radikalen Hetzern.

[…..] Mitglieder von AfD und CDU haben sich an einem geheimen Ort getroffen, um miteinander ins Gespräch zu kommen. […..]  Der frühere „Bild“-Journalist Klaus Kelle, heute ein selbst ernannter Rechtspopulist, sagt darin, dass die Brandmauer zwischen Union und AfD eine „Illusion“ sei. Er kündigt eine Veranstaltung ganz ohne Mauern an, auf der sich alle frei über Politik austauschen können, und nennt sie die „Vollversammlung der wahren Schwarmintelligenz“. […..]  Kelles Bedingung für das brisante Treffen: Journalisten dürfen nicht teilnehmen. [….]

(FAZ, 03.09.2023)

Es war nicht das erste schwarzbraune Treffen; man gesellte sich in Wetzlar zusammen, die Stimmung war ausgezeichnet.

[…..] Am 25. und 26. August fand in Wetzlar die „Vollversammlung der wahren Schwarmintelligenz“ statt. Ein Who is Who des deutschen Rechtskonservatismus von AfD bis CDU. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) schreibt von: „Geheimes Treffen von AfD und CDU“. […..] Kelle war in mehreren Medienhäusern tätig und war zuletzt beim Axel-Springer Konzern als stellvertretender Redaktionsleiter von „Bild NRW“ tätig. Außerdem ist er Mitglied der CDU und des politischen Vereins „Werteunion e.V.“ und des sogenannten „OMCT Tempelritterorden e.V.“, einer inoffiziellen Nachfolgeorganisation des Ritterordens, der von 1118 bis 1312 bestand. Auch Anders Behring Breivik, der Attentäter von Oslo und Utøya, sieht sich in der Tradition der Templer. Der Begriff „Brandmauer“ sei ein politischer Kampfbegriff, so Kelle in dem Interview, und im Osten der Republik würde sich ohnehin niemand daran halten. In den Kommunen und Landtagen würden sich Union und AfD ganz ungeniert miteinander absprechen.

[…..] Angesprochen auf das Programm der Veranstaltung antwortet Kelle, dass die Schwerpunktthemen die Fragen nach der Repräsentationslücke für Konservative in Deutschland sei, die Clan-Kriminalität und ihr Einfluss auf die Politik, sowie die Frage, wie sich die Welt nach dem Krieg in der Ukraine ökonomisch neu formieren werde. Als Gäste kündigt er Hans-Georg Maaßen (CDU), Joana Cotar (parteilos, bis 2022 AfD), Rainer Wendt (Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft) und den früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff an.

Außerdem sprachen auf jener Vernetzungsveranstaltung Frank-Christian Hansel (AfD), Christian Nienhaus (CDU-Mitglied), Dr. Karin Broszat (Vorsitzende „Verband Deutscher Realschullehrer“ Baden-Württemberg), Eva-Marie Doerfler (AfD), Ulrike Stockmann (Autorin bei „Achse des Guten“ und „Jüdische Rundschau“), und Markus Krall. Letzterer ist Unternehmensberater und Autor. Aufgrund von Verbindungen zur Reichsbürgerszene kam es 2022 bei Krall zu einer Hausdurchsuchung. Wie auch Klaus Kelle ist er Mitglied eines Ritterordens.

Als Sponsor*innen der Veranstaltung werden unter anderen der Blog „Denken erwünscht“ und das Online News-Portal „GermanZ“ genannt. […..] es Weiteren finden sich mit der „Desiderius-Erasmus-Stiftung“ und der „Gesellschaft für Fortschritt in Freiheit“ zwei AfD-nahe und mit der „Werteunion“ und der „Christdemokraten für das Leben“ zwei CDU-nahe Organisationen. Letztere setzt sich für ein Abtreibungsverbot ein. Bei „Bündnis Deutschland“ und „Bürger für Thüringen“ handelt es sich um Kleinstparteien aus dem rechtskonservativen Spektrum. […..] Die Stimmung bei der Tagung wird als ausgelassen beschrieben. Leute von CDU bis AfD interagieren fröhlich miteinander und ein nationalsozialistisches Kriegslied wurde an einem Tisch angestimmt. In einem Gespräch mit dem Hobbysänger stellte sich dieser als Ex-CDU-Mitglied heraus, der Putin für einen vertrauenswürdigen Menschen hält. […..]

(Andreas Wolf, 05.09.2023)

Vor allem war es aber Friedrich Merz selbst, der in Gillamoos und auf „X“ weiter rechtsextrem hetzte und sich erkennbar Mühe gab, die AfD-Lügennarrative zu übernehmen.

[…..]  Wenn die Kräfte der Vernunft in der Union, diejenigen, die, anders als Merz, tatsächlich Regierungsverantwortung kennen, nach dieser Rede voller Unsäglichkeiten keinen Plan zur Absetzung von Friedrich Merz schmieden, ist die Partei verloren, und das Land gleich mit.  [….]

(Prof. Christian Stöcker, 04.09.2023)

„Check”, also doch “Lügenpresse” werden die Antisemiten und Faschisten Deutschlands bei den Merzschen Drohungen gegen die öffentlich-rechtlichen Medien verstehen.  Merz glaubt, indem er sich dem rechten Mob anbiedert, würden sie lieber ihn, statt Weidel und Aiwanger wählen.

Um völlig klar zu stellen, wie stark sich Merz selbst im faschistischen Lager einordnet, hob er unverhohlen zu xenophoben und spalterischen Tiraden an. Dieses Kreuzberg mit seinen vielen Migranten gehöre nicht zu Deutschland. Raus mit denen! Für Merz sind die Gillamooser Bierzelte, voller grölender Antisemitenfans das echte Deutschland.

Das gefällt noch nicht einmal Laura Himmelreich vom konservativen Funke-Blatt „Berliner Morgenpost“, das gestern noch Söder lobpreiste.

[….] Friedrich Merz sagt beim bayerischen Gillamoos-Volksfest: Nicht Kreuzberg sei Deutschland, Gillamoos sei Deutschland. An diesem Satz ist vieles falsch.

Merz möchte bekanntlich Kanzler werden. Dann müsste er schwören, seine “Kraft dem Wohle des deutschen Volkes” zu widmen. Dem ganzen Volk übrigens. Er scheint sich in der Bierzelt-Stimmung etwas zu überschätzen, wenn er annimmt, er könne definieren, wer dazugehört und wer nicht.

Nun steckt hinter dem Satz ja mehr. Kreuzberg benutzt er synonym für urbane Zentren mit vielen Zuwanderern.  [….]

(Berliner Morgenpost, 06.09.2023)

Aber Merz agiert gewohnt erkenntnisresistent und marschgiert direkt weiter auf den rechten Abwegen ins Aus.

[…..] Warum soll Gillamoos Deutschland sein und Kreuzberg nicht? Und wer, wo und was ist überhaupt Deutschland?

Womöglich liegt eine Antwort in der Form der Freizeitgestaltung. Während im U-Bahnhof Hallesches Tor Menschen diverser Herkunft Folie rauchen, herrscht im Festzelt zu Gilgamesch, äh, Gillamoos die Monokultur des weißen Trachtenjanker- und Dirndlmenschen. Schon am Vormittag ruhen neben vollen Maßkrügen vernebelte Vierkantschädel auf dem harten Holz der Biertische, die blutunterlaufenen Augen höchstens noch hie und da wie im Todeskampf zuckend unter dem Gebrüll der Weißbierparteitagsreden.

Offenbar ist für Friedrich Merz und Konsorten dieser Anblick der schönere, dieser Ort der bessere, dieser Kontext der erwünschtere, dieses Land das reinere und dessen Drogenkonsum der traditionellere. Denn auch gegen die Cannabisfreigabe wird im Hofbräuzelt gewettert, während davor prachtvolle Autochthone in den Graben reihern.

[…..] Ein wenig scheint auch die Kenntnis zu fehlen, was Berlin überhaupt ist und wo es herkommt. Von kleinen Reservaten der Freiheit wie Kreuzberg oder Schöneberg abgesehen war das Westberlin der Nachkriegszeit nämlich eine überraschend piefige und provin­zielle Angelegenheit, in der eine korrupte Law-and-Order-Kaste sich im geschlossenen Kreislauf einer Amigowirtschaft à la Bayern (!) mit den großzügigen Zuwendungen des Bundes selbst versorgte. […..]

(Uli Hannemann, 05.09.2023)

Carolin Emcke kann das rechtsradikale Zündeln des CDU-Chefs nicht mehr hören und mastodonierte unter dem Hashtag #IchBinEsSoLeid


[….] "Kreuzberg ist nicht Deutschland"? - was ist denn das für ein Satz? #ichbinessoleid

Hetze und Ausgrenzung ersetzen keine politischen Argumente und Visionen. Sie sind nur Hetze und Ausgrenzung #ichbinessoleid

Die Positionen von #Aiwanger sind das eine. Aber dass #Söder sie normalisiert - das ist die eigentliche demokratische Katastrophe. [….]  Wenn ich noch einmal diesen bullshit vom "Dammbruch" höre...der ist längst gebrochen? Was braucht es denn noch? Dieses kollektive Staunen, das hinter dem Wort vom "Dammbruch" steht - das können wir uns nicht leisten. Uns geht es an den Kragen. Wacht auf! [….]

(Carolin Emcke @CEmcke)

Ich kann Emcke nur zustimmen.

Die ständigen Merz-Lügen, die ständige xenophobe Hetze, das ständige nach Rechtsaußen Blinken – ich bin es auch so leid!

[…..] Es geht um Stimmung, und Stimmung wollte Friedrich Merz machen, als er bei einem Volksfest im niederbayerischen Abensberg der dankbaren Zuhörerschaft Deftiges servierte: »Nicht Kreuzberg ist Deutschland. Gillamoos ist Deutschland!« Applaus!

[…..] Merz spricht in Codes. Er setzt darauf, dass Freunde und Gegner diese Codes schon richtig verstehen werden. Das macht die Botschaft umso irritierender, kommt sie doch aus dem Mund des Vorsitzenden einer Volkspartei, der baldmöglichst Kanzler dieses Landes werden möchte.

[…..] Für was steht der Code »Kreuzberg« bei Merz? […..] Er will Kreuzberg abwerten. Womöglich bezieht er sich auf die Tatsache, dass in Kreuzberg mehr Bewohnerinnen und Bewohner mit Migrationshintergrund leben als bei ihm im Bierzelt sitzen. Er könnte darauf anspielen, dass der Anteil von Muslimen in Kreuzberg höher ist als auf dem Volksfest. […..]  Oder verweist er auf Kreuzberg als Hort links-grüner, woker Ideologie, während zumindest das Publikum seines Auftritts mutmaßlich stramm konservativ denkt?

Merz sagt es nicht genau, er überlässt seinen Zuhörern die Interpretation und gedankliche Weiterführung. Damit bedient er nicht nur ein, sondern alle denkbaren Ressentiments seiner Zuhörerschaft. Egal, was der oder die Einzelne sich ausmalt: Er soll sich sicher sein, dass Merz genau so denkt.

Diese populistische Anbiederung mag man für volkstümlich oder abstoßend halten. Bedenklich ist, was Merz deutlich, konkret und unmissverständlich ausgedrückt hat: Es gibt für ihn einen Teil, einen Ausschnitt, eine Gruppe, die sich zwar in Deutschland befindet, die aber nicht Deutschland »ist«. Für den Vorsitzenden der Christlich Demokratischen Union Deutschlands gibt es solche, die dazugehören, und solche, die nicht dazugehören. […..]

(Stefan Kuzmany, SPIEGEL, 06.09.2023)

Merz, ein wirklich fataler Mensch, der alles tut, um die Faschisten wieder groß zu machen.

Dienstag, 5. September 2023

Der rechte Faux Pas des Tages.

In meiner Social Media-Blase finde ich naturgemäß wenig Sympathie für Markus Söder und sein Festhalten an Hobby-Nazi als seinem Regierungsstellvertreter.

Ich registriere Söder/Aiwanger-Begeisterung bei den Faschisten des äußersten rechten Randes; natürlich ist der extremistische Hetzer David Berger begeistert, nachdem sich der bayerische Ministerpräsident mit Antisemiten gemein gemacht hat und so klar gegen fast alle jüdischen Organisationen Deutschlands agitiert.

So weit, so wenig überraschend. Aber wie sehen das eigentlich „normale Konservative“, die noch nicht in verschwörungstheoretische Abgründe diffundiert sind und nicht heimlich zur Erbauung „Mein Kampf“ lesen? Dazu lieferte der gestrige Leitartikel der konservativen FUNKE-Blätter (Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost, etc) einen Einblick.

Christian Unger, politischer Korrespondent bei Funke jubilierte:

„SÖDERS SCHLAUER SCHACHZUG!“

und freute sich an dem langen Gesichtern bei den Ampelanern, welche er sich hämisch vorstellte.

[….] Söders Reaktion auf die Causa Aiwanger ist richtig. Was wir aus der Debatte für den Umgang mit Populisten und Radikalen lernen können.

Der Aufschrei von links wird groß sein: Ministerpräsident Markus Söder lässt Radikalinski und Vize-Regierungschef Hubert Aiwanger im Amt.  [….] Manche Anschuldigungen gegen Aiwanger waren überzogen. Und sie halfen Aiwanger, in ihnen eine „Kampagne“ zu wähnen. Die „Nazi“-Keule machte es Aiwanger leicht. Söder hat das Spiel nicht mitgespielt.

Radikalisierung ist ein Prozess. Vieles kann extreme Ansichten fördern: Lebenskrisen, Brüche in der Biografie, wie eine Trennung der Eltern, Arbeitslosigkeit oder Probleme in der Schule, Drogen und falsche Freunde. Ob ein Mensch Extremist ist, lässt sich nicht aus einer Seite Flugblatt lesen. [….]

(Christian Unger, 03.09.2023)

Offenbar ist das jetzt bei den Konservativen eine anerkannte Argumentation: Wenn sich „die anderen“ richtig ärgern, haben die unseren es gut gemacht.

Recht erbärmlich auch die Verniedlichung der Aiwanger-Taten: Hitlergruß, Hitler-Frisur, Hitler-Schnauzer, Horst-Wessel-Lied grölen, „Mein Kampf“ auswendig lernen, Hitlers reden imitieren, "Schwarzbraun ist die Negersau" auf seine Ordner schreiben, Lehrer mit Säure attackieren oder zutiefst menschenverachtende antisemitische Pamphlete verfassen – für Unger ist klar: Das kann schon mal vorkommen, wenn sich die Eltern trennen oder man Probleme in der Schule hat.

Dazu etwas Täter/Opfer-Umkehr – viele Vorwürfe von links waren überzogen – und schon ist Aiwanger freigesprochen.

Regelrecht begeistert frohlockt Unger aber über einen anderen genialen Söder-Schachzug.

[….] Am klügsten in dieser Strategie von Söder ist ein Nebenaspekt: Söder verdonnert Aiwanger zu Treffen und Gesprächen mit jüdischen Gemeinden in Bayern. Söder straft Aiwanger nicht mit Höchststrafe ab, drängt ihn nicht mit einem Rauswurf aus dem Amt – und damit aus der Debatte. Im Gegenteil: Aiwanger muss Sozialarbeit leisten und im Gespräch mit Jüdinnen und Juden in Bayern seine Haltung zum Antisemitismus kritisch hinterfragen lassen. [….]

(Christian Unger, 03.09.2023)

Das ist sekundärer Antisemitismus in Reinkultur: Laut Unger haben also die Juden die Verantwortung für Antisemitismus und sind seiner Ansicht nach auch dafür zuständig, Antisemiten zu bekehren.

Ein Ungeheuerlichkeit!

Antisemitismus ist bekanntlich auch dort virulent, wo es gar keine Juden gibt. Ostdeutsche Jugendliche hassen Juden, obwohl sie noch nie einen Juden gesehen haben. Antisemitismus ist UNSER Problem und kann nicht an jüdische Organisationen outgesourced werden, nachdem konservative Regierungsmitglieder sich mit Judenfeindlichkeit im ganz rechten Lager profiliert haben.

Christian Unger begreift aber offenbar gar nicht, wie perfide er denkt.

Das müssen ihm leider erst die von ihm angesprochenen Antisemitismus-Zuständigen erklären: Sie wollen nicht mit Aiwanger reden.

Verständlicherweise!

Hätten Unger und Söder einen Funken Anstand, wäre ihnen das klar.

Montag, 4. September 2023

Konservative gegen die Zukunft

Christian Lindner, der Mann ohne Ökonomische Sachkenntnis, kennt in der Finanzpolitik nur das Prinzip: seine reichen Parteispender zu erfreuen.

Deutschlands Zukunft ist ihm egal. Rot und Grün konnten ihm mehr Geld abtrotzen, als er zu geben bereit war – siehe Lisa Paus und ihre von der FDP verächtlich als „Sozialklimbim“ bezeichnete Kindergrundsicherung – aber letztlich ist er, wie vom Urnenpöbel gewünscht, der Herr des Geldes und würgt Investitionen in Klimaschutz und Bildung ab. Zukunft, nein Danke.

[….] Das Ergebnis ist ein Etat, den selbst Koalitionsabgeordnete unter der Hand als "unausgegoren" und "Stückwerk" bezeichnen. Statt nämlich eine gemeinsame Strategie zu erarbeiten und einige wenige große Posten zu definieren, die verzichtbar sind, durfte jedes Ministerium schließlich nach eigenem Gusto kürzen - mit dem Ergebnis, dass nun das halbe Land auf den Barrikaden ist. Die einen mokieren sich darüber, dass die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) mit 20 Millionen Euro weniger auskommen soll als bisher, andere beklagen ähnliche Einschnitte etwa bei Freiwilligendiensten, der Kinder- und Jugendhilfe oder der Migrationsberatung. Ausgerechnet in einer Zeit, da die AfD Zulauf habe wie nie, setze die Koalition die Axt bei demokratiefördernden Programmen an.. [….]

(SZ, 03.09.2023)

Weniger Geld für Klimaschutz, weniger Geld für Umweltschutz, weniger Geld für Bildung, weniger Geld für Wohnungsbau. Das ist hepatitisgelbe Finanzpolitik.

Lindner verkennt dabei, wieder einmal, grundsätzliche ökonomische Erkenntnisse: Wer an Bildung spart, zahlt später vielfach drauf.

[….] Nichtsdestotrotz steht heutzutage allem voran die Vermittlung von Wissen und damit langfristig die Vorbereitung auf das Erwerbsleben im Fokus der Bildungsbestrebungen. Dass das Bildungssystem diese Kernaufgabe im Allgemeinen gut erfüllt, belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien. Eine bessere Bildung führt im späteren Verlauf zu einem höheren Arbeitseinkommen und einer niedrigeren Arbeitslosigkeit. Personen mit höherer Bildung führen zudem im Durchschnitt stabilere Ehen, sind politisch aktiver und damit besser repräsentiert und erfreuen sich besserer Gesundheit.

Damit bleibt einleitend festzuhalten, dass gute Bildung für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft insgesamt einen großen Nutzen hat. Wenn zum Beispiel eine gute Bildung das Risiko von Arbeitslosigkeit reduzieren kann, ist dies von Vorteil für die betroffene Person, aber ebenso für deren Familie und die lokale Wirtschaft in der Gegend, in der die Person lebt. Dieses Phänomen, von Ökonomen als "Externalität" bezeichnet, ist ein wichtiger Grund, wieso Bildung gesellschaftlich umfassend diskutiert und finanziert wird: Von positiven Entwicklungen im Bildungssystem profitieren nicht nur die direkten Nutznießer, sondern langfristig alle.  [….] Gesamtwirtschaftlich, sowohl bei Betrachtung der späteren Einkommen als auch der erwarteten Arbeitslosigkeit, zeigt sich, dass Schulen die einzigartige Chance bieten, die Fähigkeiten einer jeden Schülergeneration zu entwickeln und damit einen entscheidenden Beitrag zum langfristigen Wohlstand eines Landes zu leisten. […..]

(Bundeszentrale für politische Bildung, 11.12.2020)

Die blöde Bildung, Schule und Forschung haben auch Lindners konservative Freunde in der Britischen Regierung als nutzlose Ausgaben erkannt und sparen dort kräftig. Hier wie dort, sind die Schulgebäude in marodem Zustand. London halbierte seit 2010 die Investitionen in Schulgebäude. Wer braucht schon Schulen?

Rund 100 britische Schulen bleiben zu Beginn dieses Schuljahres geschlossen. Sie sind einsturzgefährdet.

[….] Das britische Bildungsministerium hat mehr als 100 englische Bildungseinrichtungen vorübergehend geschlossen. Weil der verbaute Beton als unsicher gilt, müssen etliche Klassen zum neuen Schuljahr umziehen.

Wenige Tage vor Beginn des neuen Schuljahres in Großbritannien müssen Räume und Gebäude in Dutzenden Schulen, Hochschulen und Kindergärten in England wegen Einsturzgefahr geschlossen werden. Betroffen seien Bildungseinrichtungen mit Gebäuden, die eine bestimmte Sorte von Porenbeton enthalten, teilte das britische Bildungsministerium mit.   [….]

(Tagesschau, 01.09.2023)

Dieser spezielle Porenbeton wurde von 1950 bis 1990 in Großbritannien verwendet. Dann wurde  er verboten, weil man erkannte, daß er nach einigen Jahrzehnten brüchig wird. Porenbetongebäude müssen alle saniert werden. Die Tory-Regierung hält aber genau wie Christian Lindner Bildung, Kinder, Klima und Gesundheit für „Sozialklimbim“, den man nicht finanzieren sollte.

[….] Am Donnerstag kontaktierte das britische Bildungsministerium über hundert englische Schulleitungen und informierte sie, dass ihre Gebäude nicht sicher seien und nicht benutzt werden dürfen. [….]

Im Sommer hatte die Regierung Inspektionen vorgenommen und festgestellt, dass viele Gebäude jeden Moment kollabieren könnten. Einen konkreten Fall gab es bereits: Ein Betonbalken war im Sommer plötzlich eingebrochen, sagte Staatsminister Nick Gibb, der für Schulen zuständig ist. [….] Allerdings kommt die Warnung der Regierung nicht überraschend: Es ist seit längerer Zeit bekannt, dass tausende Gebäude in Großbritannien, die Porenbeton enthalten, dringend saniert werden müssen. 2018 kollabierte das Dach einer Schule in Kent, auch hier war brüchiger RAAC verantwortlich. Schulen im ganzen Land wurden daraufhin angewiesen, sich auf mögliche Evakuierungen aus solchen Gebäuden vorzubereiten. Aber sonst geschah wenig. Geld für größere Reparaturen ist kaum bereitgestellt worden – seit 2010 hat die Regierung ihre Investitionen in Schulgebäude halbiert. [….] Die Krise der Gebäudesicherheit betrifft nicht nur Schulen: Krankenhäuser, Kindertagesstätten, Freizeitanlagen und Bürogebäude enthalten Porenbeton und stellen somit ein Risiko dar. [….]

(Hamburger Abendblatt, 04.09.2023)

Eine tolle Leistung der brexitschen Bildungsministerin Gillian Keegan. Eine grundsympathische Dame.

[….] Eine peinliche Panne, die Politikern immer mal wieder vor Kamera und Mikrofonen passiert. Dieses Mal hat die britische Bildungsministerin Gillian Keegan bei einem Fernsehinterview nicht aufgepasst. Die konservative Politikerin hatte am Montag Fragen zu gefährlichen Baumängeln an Schulen des Senders ITV beantwortet – das Thema beschäftigt britische Medien zum Start des neuen Schuljahres schon seit Tagen. Kaum war das Interview beendet, die Kamera lief noch, begann sie sich zu beschweren: »Sagt eigentlich irgendjemand irgendwann mal: Du hast einen f****** guten Job gemacht, weil alle anderen auf ihrem Arsch gesessen und nichts gemacht haben?« Womit Keegan wohl nicht gerechnet hatte: Der Sender veröffentlichte die Äußerung in vollem Wortlaut – mit einem gnädigen Piepston beim F-Wort.  [….]

(SPON, 04.09.2023)