Samstag, 8. März 2014

Leute mit Idealen



Heute habe ich mit einem Cousin in Ohio und einer Tante in New York telephoniert.
Politisch sind sie genauso vom „Ukraine-Konflikt“ gefangen wie wir Europäer. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich, da Amis oft eine völlig andere Wahrnehmung haben und Prioritäten nicht so wie Deutsche setzen.
Ehrlich gesagt war ich ein bißchen erstaunt, daß man in den USA so mit den Ukrainern mitfiebert. Üblicherweise kennen Amis außer Polen gar keine osteuropäischen Länder.
Schließlich wurde mir aber klar, daß sie im Antagonismus zu Russland denken.
Oh, may the Ukraine be taken over by the Russians?
Selbst nette und einigermaßen informierte Amerikaner hassen Putin wie die Pest.
Der Mann triggert alle Abwehrreflexe, so daß sie sich automatisch an die Seite der Ukrainer stellen.
Daß die Ukraine 300 Jahre zu Russland gehörte, daß es zunächst einmal die Russen IN der Ukraine waren, die sich fürchten mußten, weil mit Hilfe der EU faschistische Oligarchen statt des gewählten Präsidenten Janukowitsch installiert wurde, wissen Amis natürlich nicht.
(Viktor Fëdorovič Ânukovič, in Deutschland oft Viktor Janukowitsch)
Je weniger die Menschen über die Hintergründe des Krim-Problems wissen, desto entschiedener schlagen sie sich auf eine Seite.
Die Angst vor den bösen Russen sitzt bei vielen immer noch tief.
Aber warum hassen sie eigentlich insbesondere Putin so sehr?
Medwedew und Jelzin galten doch noch als lustige Knaben, die man gerne in der Weltwirtschaft dabei haben wollte.
Ich vermute, es hat etwas damit zu tun, daß Putin zweifellos politisch erfolgreich ist und mächtiger als die anderen Führer seit dem Ende der Sowjetunion ist.

Die politische Klasse Washingtons ist sich über Parteigrenzen hinweg ausnahmsweise mal ziemlich einzig, daß Putin der Böse im Spiel ist.
Putin solle sich gefälligst raushalten und die Ukraine in Ruhe lassen.

Natürlich ist es völlig richtig wenn Amis sich in Kiew einmischen.



Der groteske John McCain trat sogar persönlich auf dem inzwischen berühmten Maidan auf und heizte die zum Teil aus faschistischen Hetzern bestehende Menge auf: „Amerika steht an Eurer Seite!“

Entgegen anderslautender Behauptungen dominieren ultrarechte Gruppen den Kiewer Maidan. Ihr Anhang wächst
In der Kiewer Chreschtschatik-Straße, kurz bevor man zum zentralen Maidan kommt, bewachen Vermummte mit Schildern und Knüppeln den Eingang zu einem Gebäude. An der Tür klebt das Symbol des »Rechten Sektors«, der Trisub (dt. etwa Dreizack) auf schwarz-rotem Untergrund. Davor warten, eigentlich zu fast jeder Tageszeit, einige Dutzend Menschen, vor allem junge Männer, auf Einlaß. Sie wollen beitreten, mitkämpfen. […]  
In Gruppen von zehn, vielleicht fünfzehn Mann patrouillieren die Vermummten durch die Innenstadt. Wer mit dem Auto ankommt, muß an ihren Straßensperren halten und sein Fahrzeug durchsuchen lassen. Will man in die öffentlichen Einrichtungen, das Parlament oder den Präsidentensitz, sind sie es, bei denen man sich auszuweisen hat. Jene Linken, die zu Beginn der Proteste versucht hatten, auf dem Maidan ihre politischen Inhalte einzubringen, haben sie mit Gewalt vertrieben. Kiew ist zu einer No-Go-Area für Kommunisten, Antifaschisten und Anhänger der »Partei der Regionen« des abgesetzten Präsidenten Wiktor Janukowitsch geworden.  In den meisten westlichen Medien wurde das lange Zeit konsequent verschwiegen oder verharmlost. […] Skurril muteten die Statements von Prominenten wie Marina Weisband, der ehemaligen politischen Geschäftsführerin der Piratenpartei, an: »Die Neonazis, von denen man so viel hört, sind ein verschwindend kleiner Teil. Ich habe sie auf dem Maidan so gut wie nicht gesehen«, behauptete sie im Interview mit dem Spiegel noch Ende Februar. Wo immer die Experten der Böll-Stiftung und Marina Weisband waren, der Kiewer Maidan kann es nicht gewesen sein. Denn dort ist es schlichtweg unmöglich, die Faschisten »so gut wie nicht zu sehen«. Wolfsangel, abgewandeltes Keltenkreuz und die Kürzel der verschiedenen militanten Organisationen zieren jede Wand in der Kiewer Innenstadt. Direkt neben der Bühne steht ein meterhohes Porträt des Faschistenführers Stepan Bandera, dessen Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) während des Zweiten Weltkriegs für die Ermordung Zehntausender Juden und Polen verantwortlich zeichnet. »Die Juden werden wir abschlachten, die Polen erdrosseln, aber die Ukraine müssen wir erkämpfen«, hieß es in einem der Lieder der OUN-Milizen, deren schwarz-rote Fahne heute auf dem Maidan weht.  Er werde »gegen Kommunisten, Juden und Russen kämpfen, solange Blut in meinen Adern fließt«, erklärte 2007 der nationalistische Terrorist Alexander Musitschko, der in den vergangenen Wochen als Kommandant des Rechten Sektors in der Ukraine Bekanntheit erlangte, weil er besonders skrupellos gegen politische Gegner vorgeht.
[…] International noch akzeptierter als die Straßenkämpfer des Rechten Sektors und der anderen neofaschistischen Kleingruppen ist die Partei Swoboda (»Freiheit«) des Antisemiten Oleg Tjagnibok. Sie verfügte im Westen des Landes bereits vor dem Euromaidan über eine größere Schar an Anhängern und gilt westlichen Politikern heute als normaler Teil der ukrainischen Opposition.


 Der prominente Republikaner und ehemalige US-Präsidentschaftskandidat John McCain trat mit ihrem Führer gemeinsam auf, BRD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier schüttelte ihm die Hand, für Witali Klitschko zählte er ohnehin zu den wichtigsten Bündnispartnern im Kampf gegen Wiktor Janukowitsch.
Gleichwohl ist Swoboda nicht einfach eine »rechtspopulistische« Partei, wie die Sprachregelung in deutschen Medien lautet. Es ist eine neofaschistische Organisation, die einen bewaffneten Verband unterhält, die – wenn es etwa um antisemitische Ausfälle geht – den Prawi Sektor eher noch rechts überholt. Zur NPD pflegt die Truppe enge Kontakte, der letzte Besuch bei den »Kameraden« im sächsischen Landtag im Mai 2013 verlief in größter Harmonie. […]

Gemäß der alten Weisheit, im Krieg sei die Wahrheit das erste Opfer, befindet sich offenbar die USA lange im Krieg.
Es sind nicht nur die durchgeknallten Republikaner, wie John McCain (der seinen Beinamen „the insane“ mit der Entscheidung verdiente Sarah Palin als US-Vizepräsidentin zu nominieren), die lügen was das Zeug hält.


Auch der eigentlich recht vernünftige Demokrat John Kerry schießt mehrere faustdicke Lügen ab, wie es beispielsweise Jens Berger auf den Nachdenkseiten am 06.03.2014 eindrucksvoll aufzeigte.

Um Putin zu diffamieren, wird offensichtlich also vom Westen mit gewalttätigen Faschisten paktiert und das Blaue vom Himmel gelogen.



Es liegt mir fern Putin an dieser Stelle eine Liebeserklärung zu machen, aber man sollte erstens akzeptieren, daß er nun einmal russischer Präsident ist und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch wiedergewählt würde, wenn jetzt demokratische Wahlen stattfänden. Es gibt weit Schlimmere.
Zweitens sollte man aufhören Geopolitik durch die ideologische Brille zu betrachten und sich im Namen von angeblich hehren Zielen Dinge anzumaßen, die andere aber nicht dürfen.

Der alte Egon Bahr trifft immer noch den Nagel auf den Kopf.






Freitag, 7. März 2014

Harte Schale, weicher Keks.


Nach all den Jahren Internetdiskussionen über Kirche und Religion, bin ich es gewöhnt mit Tiefgläubigen und schweren Religioten umzugehen.

Nach so langer Zeit kristallisieren sich durchaus Unterschiede der Religiotie in verschiedenen Ländern heraus.
So kenne ich aus Amerika einen Typ Christ, der zwar felsenfest von seinem „We do things right“ überzeugt ist und sich entsprechend intensiv in seiner Kirchengemeinde engagiert, sogar regelmäßig mehr an die Kirche spendet, als er es sich eigentlich erlauben kann und dennoch völlig tolerant gegenüber anderen Konfessionen, Glaubensbekenntnissen oder eben Atheisten auftritt.
Dieser Typ Religiot nimmt zwar die Regeln seiner Kirche ungeheuer ernst und leidet regelrecht, wenn er sich in Detailfragen nicht genau an die Anweisungen des priests halten kann, aber er bleibt stets freundlich, hilfsbereit und sogar selbstironisch.
Amerikaner können ja sehr witzig sein und man muß es bewundern wie sie soziale Hilfe privat praktizieren – ohne, daß ihnen automatisch Kirchensteuer abgezogen wird.

Diese Kaste der selbstüberzeugten sozialen Christen, die gegenüber Nichtgläubigen nie unangenehm auffallen, scheint in Deutschland fast nicht zu existieren.
Entweder es handelt sich um bösartige religiotische Fanatiker (die es in den USA natürlich auch massenhaft gibt), oder aber sie sind deswegen tolerant gegenüber Ungläubigen/Schwulen/Moslems/… weil sie selbst nur Karteileichen ihrer Kirche sind. Sie gehen zwar Weihnachten zum Gottesdienst, bezahlen brav die „Kirchensteuern“ und geben ihre Brut gern in kirchliche Kindergärten, aber in Wahrheit nehmen sie die Pfaffen gar nicht mehr richtig ernst.

Ich vermute diese Unterschiede zwischen Deutschland und den USA bestehen deswegen, weil das Christentum mit gerade mal zwei Konfessionen in Europa über Jahrhunderte Monopolist war.
In Amerika gibt es viel mehr verschiedene Kirchen, die auch weniger zentral organisiert sind.
Konfessionshopping ist völlig normal. Wenn einem die presbyterianische Kirche zwei Straßen weiter besser gefällt, als die Methodistenkirche, bei der man bisher immer betete, geht man eben zu dem Pfaff und schließt sich seiner Gemeinde an. In Deutschland ist es schwierig zu konvertieren und ohnehin unüblich.

In der Praxis bedeutet dieses starrere Konfessionsmodell in Europa, daß die Kirchen kaum untereinander in Konkurrenz treten.
Wenn ein Pfaff wie eine Klinikpackung Valium predigt, Messdienerchen anfasst oder sonst irgendwie negativ in Erscheinung tritt, entfremdet sich der Gläubige von ihm und geht in die innere Emigration.
Er zahlt zwar in der Regel weiterhin, kümmert sich aber einfach nicht um das Gemeindeleben.
Die Pfaffen sind nicht nur ohnehin so selten, daß sich beide deutschen Großkirchen gar nicht leisten könnten bei ihrer Anstellung wählerisch zu sein, sondern sie leben auch noch mit tumben lebenslang-Gemeindemitgliedern.
Sie schmoren in ihrem eigenen Saft und interessieren sich gar nicht dafür wie die Kollegen der anderen Kirchen ihre Predigten gestalten.

Die wirklich überzeugten Evangelischen in Deutschland haben es auch so leicht.

Sie sind ohnehin in allen Gremien vertreten, bekommen jede Menge kostenlose Sendezeit im überregionalen Fernsehen, sind in der Politik extrem überrepräsentiert und werden zudem auch noch vom Steuerzahler jedes Jahr mit vielen Milliarden Euro überhäuft.
In dieser extrem privilegierten Situation muß man auch nicht selbst besser werden, muß sich nicht um das Wohl seiner Kunden kümmern. Selbstbeweihräucherung ist völlig ausreichend.
 Konkurrenzlosigkeit schläfert das Geschäft ein.
Während sich die Topp-Protestanten rund um die Uhr gegenseitig großartig finden, wundern sie sich, daß in ihrem Laden in Wahrheit nichts mehr los ist und die Ratten das sinkenden Schiff EKD schneller verlassen als den Pädo-Kahn der RKK.

Die frommen Frauen  der Evangelischen Kirche rätseln.
Dieser besondere Typus Mensch mit den „lila Genen“. Also die leicht aus der Zeit gefallenden, Porzellanmalerei betreibenden, Fingerherz-formenden, intellektuell mittelschwer behinderten,  Bernsteinschmuck-tragenden Profi-Synodalen.

Petra Bahr, Kathrin Göring-Kirchentag und Margot Käßmann haben große Fangemeinden und werden von ihresgleichen stets umjubelt.
Ihre Bücher verkaufen sich gut und bei den TV-Plapperrunden-Redakteuren sind sie auf Kurzwahl gespeichert.
Daß auch ihnen die Schäfchen weglaufen, können sie nicht verstehen.
Bei ihnen gehen die Uhren anders.
Sie treffen einfach nicht mehr den Nerv der Zeit.
Sie mischen sich zwar intensiv und im höchsten Maße rechthaberisch in aktuelle Diskussionen (Sterbehilfe, Pflegekatastrophe,..) ein, aber dabei bewegen sie sich vorzugsweise unter ihresgleichen.
Kirchentage und Synoden, ihre Kirchengemeinden und frömmelnden Freunde halten sie für repräsentativ.
Eine Mehrheit der Menschen schreckt ihre debil-naive Sprache allerdings ab.
Und wer nach ernsthaften Inhalten, nach Antworten sucht, ist ohnehin ganz falsch bei den Synodalen des 21.Jahrhunderts.

Gerade kommen neue Zahlen rein.

Von Generation zu Generation verliert die evangelische Kirche an Bedeutung – selbst bei den eigenen Mitgliedern. Wie aus einer am Donnerstag in Berlin vorgestellten Untersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hervorgeht, sinkt nicht nur die Zahl der Kirchenmitglieder kontinuierlich. Es wächst auch die Gruppe derjenigen Menschen, die zwar der Kirche angehören, sich ihr aber kaum oder gar nicht verbunden fühlen.
Nach den Ergebnissen der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung fühlen sich 32 Prozent der Protestanten in Deutschland der Kirche allenfalls sehr schwach verbunden. 15 Prozent gaben an, der evangelischen Kirche sehr verbunden zu sein. Bei der Mitgliedschaftsuntersuchung von 1992 hatten sich lediglich 27 Prozent als kaum oder gar nicht verbunden eingeschätzt. [….]
Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider äußerte sich bei der Vorstellung der Ergebnisse besorgt: "Wir müssen ganz nüchtern konstatieren, dass es eine zunehmende Indifferenz bei Kirchenmitgliedern gibt." Das müsse Anlass sein, sich ernsthaft mit der Situation auseinanderzusetzen.
[….] Als Grund für das Wachsen der Gruppe der kirchenfernen Mitglieder nennt die Studie, dass eine religiöse Erziehung auch in protestantischen Familien nicht mehr die Regel ist. Von den Evangelischen ab 60 Jahren wurden nach eigenen Angaben etwa 83 Prozent religiös erzogen.
Von den Kirchenmitgliedern unter 30 Jahren sagen das nur noch 55 Prozent. "Religiöse Sozialisation erfolgt in der Familie. Doch die Weitergabe des Glaubens von Generation zu Generation ist keine Selbstverständlichkeit mehr", sagte Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD.
[….] Ende 2012 gehörten 23,4 Millionen Menschen den evangelischen Landeskirchen an. 24,3 Millionen Einwohner waren Katholiken. Fünf Jahre zuvor waren noch 24,8 Millionen Mitglied der evangelischen, 25,5 Millionen der römisch-katholischen Kirche.

Ich bin begeistert.
Die Topkleriker kommen also gar nicht auf die Idee die Fragwürdigkeit ihrer sadistischen Lehren, ihre Bigotterie, die Raffgier und die Weltfremdheit, bzw die intellektuelle Unterentwicklung ihrer Führungsfiguren als Ursache des Mitgliederschwunds in Betracht zu ziehen.
Zusammengefasst: Glaubwürdigkeit fehlt!

Stattdessen wird beklagt, daß nicht mehr genügend Kinder braingewashed werden.

Für Atheisten sind das großartige Nachrichten.
Es besteht keinerlei Gefahr, daß evangelischen Kirchen demnächst attraktiver werden könnten und nicht mehr Hunderttausende jedes Jahr aus ihren Reihen treiben.
Aber auch der fromme Franzi-Fan und überzeugte Katholik Matthias Drobinski, der für die SZ alles Kirchliche beackert, kann sich leise Häme zwischen den Zeilen nicht verkneifen. Da brüskiert seine RKK die Welt mit Müller, TVE und Kinderfickern auf der ganzen Welt und dennoch rennen den lahmen Protestanten die Mitglieder noch schneller weg. Ätsch.

Alle zehn Jahre befragt die evangelische Kirche ihre Mitglieder, und die haben zum Dank diese Kirche um einige Selbsttäuschungen ärmer gemacht. Die Leute, so hatten die Kirchenvertreter immer gesagt, mögen der Institution fernstehen – aber sie bleiben ihr in dieser Distanz treu verbunden. Stimmt nicht, sagt nun die Studie: Es wächst die Zahl der Gleichgültigen, denen es egal ist, ob sie Kirchenmitglied bleiben oder nicht. Die nächste Legende: Wer aus der Kirche austritt, bleibt dennoch ein Sinnsucher, der Ja sagt zu Jesus und Nein zur Kirchensteuer. Doch wer gegangen ist, sucht meist nichts mehr jenseits der weltlichen Verheißungen von Glück, Gesundheit, Wohlstand.
Die mittlerweile fünfte Mitgliederstudie der evangelischen Kirche offenbart, welch dramatischer Traditionsabbruch in Deutschland gerade geschieht, wie grundlegend sich die religiöse Landschaft der Republik wandelt – die katholischen Milieus mögen stabiler sein, aber auch dort gehen die Prozesse nicht grundsätzlich anders. Von Generation zu Generation beten immer weniger Eltern mit ihren Kindern, feiern jenseits von Weihnachten Kirchenfeste, lesen mit ihnen in der Bibel. Es bleibt ein stabiler Kern überzeugter und bewusst engagierter Christen, eine positive Sozialauswahl von überdurchschnittlich lebenszufriedenen und hilfsbereiten Menschen. Es sind und bleiben einige Millionen, auch das gehört zu den Ergebnissen der Befragung. Insgesamt aber ist das Christentum in Deutschland auf dem Weg in die Minderheit. […]

GOTT sei Dank.

Donnerstag, 6. März 2014

Fuß in der Tür, oder "Die Christin des Tages LXXVIII"


Marcel-Reich-Ranicki saß zu Lebzeiten in vielen Preiskomitees und beklagte sich bitterlich, daß stets nur die Schriftsteller bedacht würden, die bereits andere Preise erhalten hätten. Es gibt eine Menge bedeutender Literaturpreise, aber diejenigen, die die Preisträger bestimmen haben grundsätzlich nur unter dem Mikroskop erkennbare Hoden. Sie gehen auf Nummer sicher und preisen bereits Preiserprobte. MRR hatte einst Wolf Biermann für den Büchnerpreis vorgeschlagen, als Biermann noch bloß als „dieser DDR-Sänger“ galt.
Man erklärte MRR für verrückt. Ein Liedermacher?

(Dabei hatte der verstorbene Literaturpapst selbstverständlich Recht! Biermann ist bekanntlich in den letzten Jahren verrückt geworden und gibt als neuer Merkel-Fan und CDU-Wähler bizarrste politische Ansichten von sich. Aber sowohl seine Liedtexte als auch seine Prosa sind allerdings preiswürdig.
Einige der besten Essays, die ich je gelesen habe, stammen von Biermann.)

Die Schwierigkeit für einen deutschen Schriftsteller ist es also überhaupt einen Fuß in die Literatur-Szene zu bekommen. Die ersten ein, zwei Preise sind nicht einfach zu bekommen. Ist man aber erst mal einer von ihnen, läuft es von selbst und man wird kontinuierlich mit neuen Geldpreisen überhäuft.

Auch die steifen Verleihungszeremonien laufen dann wie im Schlaf.
Die aufgebrezelten Honoratioren der Literaturszene setzen sich dekorativ in Szene, schalten ihr Hirn ab und applaudieren tumb alle zwei Minuten.
Sowohl der Laudator, wie der Preisträger selbst können dann in ihrer Reden den größten Unsinn verzapfen. Auf Inhalte kommt es nicht mehr an.
Es darf auch gerne mal revanchistisch oder antisemitisch werden bei dieser Art Zombiveranstaltungen.

Mit Grausen erinnere ich mich an die von dem damaligen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger zum 50. Jahresgedenken der Novemberpogrome 1938 gehaltene Rede am 10. November 1988 im Deutschen Bundestag.
Der Depp erschien über weite Strecken recht Hitler-freundlich, so daß die jüdische Schauspielerin und Hamburger Ehrenbürgerin Ida Ehre, die zuvor die Todesfuge von Paul Celan rezitiert hatte, entsetzt ihr Gesicht in ihre Hände stützte.



Das tumbe Bundestagsauditorium begriff natürlich nichts ließ sich nichts anmerken.

Jenningers Auszeichnungen (Auswahl):

Großkreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik (1986)
Großkreuz des Bundesverdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1986) 1991 ging er als deutscher Botschafter nach Wien, anschließend war er von 1995 bis zu seiner Pensionierung 1997 deutscher Botschafter beim Heiligen Stuhl in Rom.

Zehn Jahre später geschah etwas ganz ähnliches bei der Dankesrede Martin Walsers zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche am 11.Oktober 1998.
Walser fühlte sich von Juden verfolgt und beklagte sich über die „Auschwitzkeule“, welche als „Moralkeule“ die Deutschen immer wieder treffe und von (den Juden) eingesetzt werde, um Deutschen weh zu tun und politische Forderungen durchzusetzen. Die „Instrumentalisierung des Holocaust“ geschehe, um sich moralisch überlegen zu führen.
Die Pauluskirche – bis auf den letzten Platz gefüllt mit deutschen Intellektuellen – reagierte eindeutig: MIT STANDING OVATIONS.
Nur Ignaz Bubis blieb verstört sitzen.

Martin Walsers Preise; Auswahl:

Corine-Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten für sein Lebenswerk 2008
Finalist für den Deutschen Buchpreis für "Angstblüte" 2006
Alemannischer Literaturpreis 2002
Ehrendoktorwürde der Kath. Universität Brüssel 1998
Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1998
Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg 1996
Ehrendoktorwürde der Universität Hildesheim 1995
Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Dresden 1994
Franz-Nabl-Preis 1993
Aufnahme in den Orden Pour le mérite für Wissenschaft und Künste 1992
Friedrich-Schiedel-Literaturpreis 1992
Carl-Zuckmayer-Medaille 1990
Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 1990
Ricarda-Huch-Preis 1990
Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland 1987
Ehrenbürgerschaft seiner Heimatgemeinde Wasserburg am Bodensee 1984
Ehrendoktorwürde der Universität Konstanz 1983
Georg-Büchner-Preis 1981
Schiller-Gedächtnispreis 1980
Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg 1980

Eine dieser Multipreisträgerinnen ist auch die Schwäbische Schriftstellerin Sybille Lewiratschoff.
Sie bekommt eine Ehrung nach der Nächsten.

Auswahl:

    1998: Ingeborg-Bachmann-Preis
    2006: Kranichsteiner Literaturpreis
    2007: Preis der Literaturhäuser
    2007: Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung
    2008: Marie-Luise-Kaschnitz-Preis
    2009: Preis der Leipziger Buchmesse für ihren Roman Apostoloff
    2009: Spycher: Literaturpreis Leuk
    2009: Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik (4. Quartal) für das von ihr selbst gelesene Hörbuch Apostoloff
    2010: Berliner Literaturpreis
    2010: Mitglied der Akademie der Künste (Berlin)
    2011: Frankfurter Poetik-Vorlesungen
    2011: Zweifel am Guten, Wahren, Schönen, Zürcher Poetikvorlesungen
    2011: Kleist-Preis
    2011: Ricarda-Huch-Preis
    2011: Marieluise-Fleißer-Preis
    2011: Wilhelm-Raabe-Literaturpreis für den Roman Blumenberg
    2011: Nominierung für den Deutschen Buchpreis (Shortlist) mit dem Roman Blumenberg
    2011/2012: Stipendiatin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg
    2013: Stipendiatin der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo[22]
    2013: Brüder-Grimm-Professur[23]
    2013: Georg-Büchner-Preis

Die fromme Christin („bekennende Christin im evangelisch-lutherischen Sinne“) weiß sich moralisch stets auf der richtigen Seite.

Meine Haltung entspringt tatsächlich auch einem religiösen Fundament, und das sagt mir, dass man nicht alles tun darf, was technisch möglich ist.
(Lewitscharoff 05.03.14)

Sex darf es für sie nur innerhalb der Ehe und zum Zwecke der Kidnerzeugung geben.
Alles andere ist bähbäh. Auch Masturbation.
Dies machte sie vor wenigen Tagen bei ihrer Dankesrede zur Verleihung des wichtigsten deutschen Literaturpreises, dem Georg-Büchner-Preis im Dresdener Schauspielhaus klar. Und wie es beinahe üblich ist, kamen auch noch NS-Vergleiche, Homophobie und Nazi-Verharmlosungen aus ihrem Kopf.

Jesus war mein Beschützer. Ich war ein braves Kind und betete gern, was meine
Eltern eher komisch fanden, weil sie sich von religiösen Angelegenheiten fernhielten. Aber die Großmutter war der anerkannt gute Geist in unserem Haus, und die Eltern ließen sie gewähren.
…[….] Bis die aus höchsten Höhen niederfahrende göttliche Stimme
klarstellt, dass Hiob solche ihm unterstellten Sünden nicht begangen hat.
In einer rauschenden Parade macht Gott klar, dass Er der Erzeuger der Weltalls und der Erde ist, samt aller auf der Erde wimmelnden Wesen. Ihm allein ist es verstattet, wenn Er denn will, den Leviathan und den Behemot, die beiden großen Ungeheuer, zu zügeln und sie in die
Schranken zu weisen. Die Beschlüsse, die Er verhängt, sind von den Menschen nicht zu erfassen, da hilft alles Klügeln nichts. Hiob hat aber sehr wohl das Recht, sein Leid zu beklagen, ja, es geradezu drohend gen Himmel zu schleudern. In dieser Hinsicht wird Hiob von Gott gegen seine Freunde glanzvoll bestätigt. Weil er mit der Erbsünde behaftet ist, muss der Mensch sterben. Davon spricht die Bibel allerdings auch. Selbst winzige Kinder, die noch gar nicht fähig sind, Schuld auf sich zu laden, sind von der Erbsünde betroffen. Der jüngste Fall eines solchen Winzlings, von dem mir unlängst erzählt wurde, kann einem an die Nieren gehen, selbst wenn man nur davon hört und dem Anblick des Kindes nicht ausgesetzt ist.
[…]  Absolut grauenerregend ist auch die Praxis, ein Kind durch eine Leihmutter austragen zu lassen. Sie kommt zwar selten vor, treibt die Widerwärtigkeit aber auf die Spitze. Nicht nur, dass dafür meistens Frauen aus armen Ländern als Gebärmaschinen herhalten müssen. Diese wahrhaft vom Teufel ersonnene Art, an ein Kind zu gelangen, verkennt völlig, welche Bedeutung das Erleben eines Embryos im Mutterleib hat. Man weiß inzwischen viel mehr, wie sensibel diese kleinen, noch im Bauch geborgenen Geschöpfe auf alles reagieren, was der Mutter widerfährt. Man weiß, wie der innere Resonanzraum beschaffen ist, in welchem der Embryo heranwächst und was davon in sein sich entwickelndes Gehör dringt, was ihn erschreckt, was ihn beruhigt, was ihn erfreut. Peter Sloterdijk, der sich als einziger Philosoph solchen Phänomen ausgiebig widmet, hat darüber klug und anschaulich geschrieben.
[….]Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen ss-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor. Ich übertreibe, das ist klar, übertreibe, weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifehafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.
Die Hypothek, die auf Mutter und Kind bei solchen Manövern lastet, ist enorm. Besonders in den Fällen, in denen der Samenspender nicht der Mann ist, mit dem die Mutter zusammen das Kind aufzieht.

Allerliebst.

Was für eine schreckliche, menschenverachtende Tirade! Es müssen der Schriftstellerin und Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff alle Sicherungen durchgebrannt sein, als sie am Sonntag in ihrer Dresdner Rede im dortigen Schauspielhaus über „Geburt und Tod“ vom Leder zog. Und mit großer Dankbarkeit nimmt man zur Kenntnis, dass sich das Dresdner Staatsschauspiel als Mitveranstalter schnell und entschieden in einem Offenen Brief von dieser Rede distanziert hat.
Was Sibylle Lewitscharoff in der ihr eigenen deutlich artikulierenden und manche Sätze geradezu ausschmeckenden Art da vorträgt, ist hanebüchen. An ihrem Tonfall kann man erkennen: Es ist ihr nicht einfach unterlaufen, es ist auch kein schwiemeliger Tabubruch. Es ist eine klare Ansage: Genau das wollte Sibylle Lewitscharoff einmal grundsätzlich loswerden.
Ein „Onanieverbot“ erscheint ihr „weise“. Wenn Sperma zur künstlichen Befruchtung eingesetzt wird, ist ihr das „nicht nur suspekt“, ihr erscheint es „absolut widerwärtig“. Aus dem Vorgang, „auf künstlichen Wegen eine Schwangerschaft zustande zu bringen“, resultiert für sie „der eigentliche Horror“: „Es geht dabei sehr rein und fein und vernünftig zu. Der Vorgang selbst ist darum nichts weniger als abscheulich.“ [….]  Wie man aus der Literaturgeschichte weiß, können auch politisch fragwürdige und menschenverachtende Schriftsteller interessante Bücher schreiben. Aber dass man jetzt große Lust hat, dieses Buch zu lesen, kann man nicht sagen.

Das Auditorium fühlte sich, wie immer in diesen Fällen, nicht gestört.
Ungeheuerlich ist auch, was danach passierte: fast nichts. Es gab keinen Aufschrei, keine bestürzten Reaktionen im Literaturbetrieb, der Sibylle Lewitscharoff seit Jahren mit Preis um Preis auszeichnet, keine aufgeregten Debatten in den Feuilletons, die sie im vergangenen Jahr feierten, als sie auch noch die bedeutendste literarische Auszeichnung des Landes erhielt, den Georg-Büchner-Preis.  Die »Sächsische Zeitung« attestierte Lewitscharoff in ihrem Bericht über die Rede »Mut«, dass sie mit dem Thema ihrer Rede »vermintes Gelände« betreten habe. Die Berichterstatterin scheint zwar verblüfft über einige Positionen und Worte von Lewitscharoff und darüber, dass kein Protest aus dem Publikum zu hören gewesen sei. Aber sie kommt zu dem versöhnlich-verdrucksten Schluss, die Schriftstellerin habe immerhin »Stoff zum Nachdenken und Diskutieren« geboten, »auch zur empörenden Reaktion auf die Empörung«.

Mittwoch, 5. März 2014

Misskonstruktion.


Seit mindestens sechs Jahren hört man von linken Politikern den richtigen Satz: Wir dürfen nicht Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren.
Eins schien endlich Konsens zu werden: Die Hauptursache der Weltfinanzkrise und der drastisch zunehmenden Einkommensungerechtigkeit ist eine von Verantwortung entkoppelte Managerkaste, die ohne persönliches Risiko pro und contra alles wetten dürfen. Sharholder Value, also das unbedingte Primat des kurzfristig maximalen Gewinns vor jedem ethischen, sozialen oder nachhaltigen Gedanken ist die Wurzel allen Übels.
Jeden Monat kann man in einem der großen Wirtschaftsteile Lobpreisungen der Familienunternehmen lesen. Sie kommen besser durch Krisen und gehen seltener pleite.
Die Gründe liegen auf der Hand: Wer einen Betrieb womöglich schon seit Generationen führt, wird nicht am Ende des Geschäftsjahres jeden Cent des Gewinns abziehen, sondern so investieren, daß die Firma eine Zukunft hat.
Man wird Produkte nicht maximal verteuern, um seine Kunden so kräftig wie möglich auszupressen, sondern man wird einen fairen Preis kalkulieren und kurzfristig damit weniger verdienen – dafür aber einen zufriedenen Kunden gewinnen, der auch in den nächsten Jahren Kunde bleibt.
Ein ähnliches Prinzip wurde im heutigen „Hamburger Abendblatt“ über das Ladensterben in Hamburgs nagelneuer todschicker Hafencity beschrieben.
Die von CDU-Beust gebaute seelenlose Luxusstadt für die Schönen und Reichen hat ungefähr so viel Flair wie eine Containerhalde.
Die Gebäude gehören milliardenschweren Immobiliengesellschaften, die Ladenflächen für mindestens 45 Euro pro Quadratmeter an Eisdielen und Blumenhöker vermieten.
Wie so viele Hamburger, gehöre ich zu denjenigen, die sich das im Grunde nur einmal angesehen haben, über die abstoßenden sterilen Betonflächen staunten und die armen däumchendrehenden Ladenbesitzer bedauerten, die einsam in den Türen standen und in die menschenleere Umgebung starrten.

Zu wenige Kunden, zu teure Mieten: Immer mehr Geschäfte müssen aufgeben.
Manchmal sehe es in den Straßen aus "wie in einer Geisterstadt", sagt ein Blumenhändler. In der HafenCity, die eigentlich Hamburgs pulsierender Stadtteil am Wasser werden sollte, müssen immer mehr Läden schließen.
Zu wenige Kunden, zu teure Mieten: Allein in der Ladenzeile am Großen Grasbrook stehen fünf der insgesamt 13 Ladenflächen leer. "Insgesamt hat mich das Abenteuer HafenCity 100.000 Euro gekostet", sagt der Optiker Kevin Schütt, in dessen Geschäft Sehkunst seit einigen Tagen der Räumungsverkauf läuft. Ende März ist die Schließung geplant, Schütt wird für die GmbH Insolvenz anmelden.
Kein Einzelfall. Auch der Unternehmer Nic Mühlenkamp musste vor wenigen Monaten seine Boost Juice Bar aufgeben.
(HH Abla 05.03.14)

Das ist genau das was dabei rauskommt, wenn man wie die CDU nur Immobilienheuschrecken planen läßt, die für ihre Investoren die maximalen Gewinne erwirtschaften wollen: Sie pressen ihre Kunden (in dem Fall: Mieter) so aus, daß sie binnen kurzer Zeit ruiniert sind und nie wieder etwas mieten.
Eine Immobilie in Familienbesitz wäre womöglich weitsichtiger geführt worden. Man hätte den Mietern eher geholfen, wäre ihnen entgegen gekommen, so daß sie prosperieren und weitere Läden anlocken würden.

Die Ladenzeile am Großen Grasbrook gehört aber der „Union Investment“ (Union Asset Management Holding AG), der Investmentgesellschaft der DZ Bank-Gruppe und verwaltet ein Vermögen von 206 Milliarden Euro.
Da sollen die Aktionäre glücklich gemacht werden und so ließ man Schütts Laden "Sehkunst", eine Eisdiele, ein Schuhladen, ein Asia-Restaurant, Mühlenkamps
Saftladen "Boost Juice Bar" und Ünsals Geschäft "Blume Fresh" ohne mit der Wimper zu zucken pleite gehen. Vermutlich ist der zuständige Mitarbeiter der Union Invest ein 23-Jähriger Controler, der eben irgendeine Business-school abgeschlossen hat seine Chefs mit Profitmaximierung beeindrucken will.

Zunächst einmal werden allerdings gar keine Mieteinnahmen mehr fließen. Aber was macht das schon? Schlimmstenfalls gerät die „Union Investment“ in „finanzielle Schieflage“ und jammert dann Herrn Schäuble an, der sofort die Systemrelevanz der DG-Bank ins Spiel bringen wird und daraus messerscharf schließt, daß Bankenabgaben keinesfalls eingeführt werden dürfen.
Unser 23-Jähriger Controler hat unterdessen einen fetten Jahresbonus eingestrichen, zahlt seinen ersten 911er Porsche an und schimpft auf die faulen HartzIV-Schmarotzer.

Dabei reichen eigentlich drei Hirnzellen aus, um sich auszumalen, daß das Vermieter-Geschäft nur funktionieren kann, wenn man die Mieter nicht ruiniert, sondern konstruktiv mit ihnen zusammen arbeitet.

A propos drei Hirnzellen:
Viel mehr Intelligenz hätte man auch nicht gebraucht, um zu erkennen, daß es herkömmlicher Kohle- und Atomstrom in Zukunft schwer haben wird.
Als einer der vier Energieoligopolisten sollte man also den zukünftigen Konkurrenzdruck der vielen Windräder und Solaranlagen fürchten. Man wüßte; die Zukunft liegt in alternativen Energien und hätte deswegen so viel wie möglich in derartige Techniken investiert.
Der zweitgrößte deutsche Energiekonzern RWE hatte aber jahrelang Tomaten auf den Augen und setzte tumb weiter auf dicke umweltverpestende Kohlkraftwerke.

Der zweitgrößte deutsche Energieversorger RWE ist erstmals seit der Gründung der Bundesrepublik tief in die roten Zahlen gerutscht.  Nach der am Dienstag in Essen präsentierten Bilanz stürzte das Nettoergebnis auf minus 2,8 Milliarden Euro ab. Im Vorjahr hatte RWE noch 1,3 Milliarden Euro verdient.   Grund für den hohen Verlust waren Abschreibungen in Milliardenhöhe vor allem auf konventionelle Kraftwerke. RWE fährt unter Konzernchef Peter Terium einen harten Sparkurs.
Zudem wurden im vergangenen Jahr knapp 3900 Vollzeitstellen gestrichen. RWE hat außerdem bereits mehrere Kohlekraftwerke von Netz genommen, weil sie keinen Gewinn mehr abwarfen.

Häme von Greenpeace – niemand hatte so massiv für Atomstrom und gegen die Energiewende gearbeitet wie Ex-RWE-Chef (2007-2012) Jürgen Großmann. Der 1,4 Milliarden schwere 2-Metermann (Großmann stand damit auf Platz 83 auf der Liste der reichsten Deutschen) ist Mitglied von zwei schlagenden Verbindungen und initiierte im August 2010 den Energiepolitischen Appell, eine Lobbyinitiative der vier großen Stromkonzerne um die Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke voranzubringen. Niemand propagierte so sehr den Atomstrom bei Merkel und Rösler wie Jürgen Großmann.
Er wollte einfach nicht wahrhaben und muß jetzt zusehen, wie die von ihm jahrelang verspotteten Greenpeacler Recht hatten.

Gern erwecken die deutschen Stromriesen den Eindruck, als sei die Energiewende vor drei Jahren, nach der Katastrophe von Fukushima, ganz plötzlich über sie gekommen. Tatsächlich wurde das Gesetz, das vielen Energiemanagern heute als Quell allen Übels gilt, schon im Jahr 2000 geschaffen: das Erneuerbare-Energie-Gesetz, kurz EEG.
Auch der Stromkonzern RWE hatte also sehr viel Zeit, sich darauf vorzubereiten, dass in Deutschland Sonne, Wind oder Biomasse die klassischen Energiequellen ersetzen sollen. Doch was tat RWE? Das Unternehmen aus Essen startete noch 2005 ein milliardenschweres Programm, um Kohle- und Gaskraftwerke in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien zu bauen; einen Teil der investierten Milliarden muss das Unternehmen nun abschreiben. […] Man sei spät, vielleicht sogar zu spät in die erneuerbaren Energien eingestiegen, räumte Unternehmenschef Peter Terium ein, als er am Dienstag bekannt gab, dass RWE erstmals seit 1945 einen Verlust gemacht hat. [….]
 (Ulrich Schäfer, SZ vom 05.03.2014)

Man muß sich wohl keine Sorgen um Jürgen Großmann mit seinem privaten Milliardenvermögen machen.
Aber wie sieht es für den armen Peter Terium aus, der seit zwei Jahren RWE leitet und nun aufgrund der Doofheit der RWE-Führung fast 4000 Menschen entlassen hat???

Für Konzern-Boss Peter Terium, der im Juli 2012 vom Vorstandsmitglied zum Vorstandschef aufstieg, erhöhte sich das Einkommen 2013 von 3,7 auf 4,5 Millionen Euro.

Es ist Deutschland hier.