Freitag, 14. Oktober 2022

Goldie Oldies

Kinder finde ich nicht so toll. Ich fand schon alte Menschen interessanter, als ich selbst noch ein Kind war und mochte am allerliebsten mit meiner Oma zusammen sein. In meiner Familie bekommt man, wenn überhaupt, erst spät Kinder. Daher war meine Oma schon deutlich über 70 Jahre alt, als ich geboren wurde und hatte einen entsprechend weit zurück reichenden Erfahrungsschatz. Als ich alt genug war, erzählte sie mir viel. Sie war die Generation, die als Erwachsene beide Weltkriege miterlebt hatte. Zweimal der totale Zusammenbruch. Ich war fasziniert. Verglichen damit, waren die anderen Kinder in meiner Grundschule sehr dämlich und wußten gar nichts über Geschichte.

Einen ähnlichen Altersabstand wie zu meiner Oma, hielt ich gern bei meinen Freunden ein. Blöderweise sind die aber inzwischen alle tot und ich bin jetzt oft „der Alte“. Das ist schlimmer als zu meiner Kinderzeit, als andere Kinder doof waren, denn die waren so alt wie ich. Jetzt sind Kinder (unter dem Begriff subsummiere ich alle Menschen unter 35 Jahren) nicht nur Kinder, was an sich schon schlecht ist, sondern auch noch viel jünger als ich.

Wenn ich Menschen begegne, die durch ihre berufliche Stellung eine gewisse Autorität ausstrahlen, weil sie als Arzt, Minister oder meine Notarin arbeiten, gleichwohl aber deutlich jünger als ich sind, kann mein Gehirn dieses Paradox nicht richtig verarbeiten. Ein Krankenhaus-Assistenzarzt, der frisch von der Uni kommt, wirkt auch mich, wie ein 12-Jähriger. Der kann mir doch keine Diagnosen stellen.

Es gibt zwar einige Ausnahmefälle, in denen ich meine Abneigung gegen das Jungvolk ausklammern kann – meine Notarin ist 20 Jahre jünger als ich, aber a) ein Superhirn und b) extrem sympathisch – und sie als fachliche Autorität anerkenne, aber meistens sind junge Leute nicht nur unangenehm jung, sondern auch unangenehm. Ich bin nur froh, daß ich nicht, wie so viele andere Männer meiner Alterskohorte von dem Minderwertigkeitswahn befallen bin, jüngere Menschen erotisch anziehend zu finden. Nein, nein, nein, die sollen mal schön untereinander kopulieren und uns Post-Klimakteriale damit in Ruhe lassen!

Als Bundeskanzler hat Olaf Scholz für mich das ideale Alter. Er ist Baujahr 1958, also noch ein Stückchen älter als ich, so daß ich ihn prinzipüiell ernst nehmen kann, aber noch nicht so klapprig, daß man ihm den auch physisch sehr anstrengenden Job nicht zutrauen würde.

Richtig wohlfühlen würde ich mich theoretisch erst bei einem >90 oder besser noch >100 Kanzler. Intellektuell bewegliche Menschen um die 100 liebe ich. Helmut Schmidt, Egon Bahr, Georg Stefan Troller, Margarete Mitscherlich, Klaus von Dohnanyi, Hildegard Hamm-Brücher, Henry Kissinger, Marion Gräfin Doenhoff oder mein Lieblingsmaler Pierre Soulages, der im Dezember 103 wird und immer noch aktiv ist.

Blöderweise wird man a) nicht automatisch durch das Altern weise (wie die Doofis Ernst Jünger und Joop Heesters bewiesen), driften b) viele über 90-Jährige in Demenz oder Alzheimer ab und c) sind die klugen Alten bedauerlicherweise oft physisch so eingeschränkt, daß sie nicht mehr voll aktiv sein können.

Soulages und Troller können mit ihren über 100 Jahren also noch schreiben und malen, wären aber als Kanzler oder Präsident mutmaßlich körperlich überfordert, weil diese Jobs permanenten Stress und endlose Arbeitstage bedeuten.

Ja, Konrad Adenauer war noch mit 87 Jahren Bundeskanzler, aber damals konnte man noch viel mehr vom Schreibtisch aus regieren und musste nicht fünfmal am Tag mit der Flugbereitschaft irgendwo anders hin.

Wie man erst viele Jahre nach seinem Amtsabschied erfuhr, wurde Helmut Schmidt ein Dutzend mal nachts im Kanzlerbüro von seiner Sekretärin ohnmächtig gefunden, weil über die absolute Erschöpfung hinaus gearbeitet hatte.

Angela Merkels Physis gilt als nahezu unverwüstlich, sie wurde nie krank und konnte viel länger als andere Menschen ohne Schlaf auskommen. Aber selbst bei ihr ließ sich die chronische Erschöpfung in den letzten beiden Jahren nicht mehr verheimlichen. Sie mußte Begrüßungszeremonien sitzend abhalten.

Bei amerikanischen Toppolitikern ist physische Fitness noch relevanter als in Deutschland, weil der Präsident die ganze Weltmacht symbolisiert.

Sie müssen sich in der Nation, die zu über 50% aus krankhaft Adipösen besteht, stets im Laufschritt präsentieren. Sie betreten keine Bühnen, sondern joggen zum Publikum, sie rennen Treppen hinauf, lassen sich Fahrrad fahrend filmend, damit jeder sieht, wie frisch sie noch sind. Wenn sie dabei auf die Nase fallen, ist es ein Politikum, das von der gegnerischen Partei ausgeschlachtet wird.

Das Arbeitspensum ist unterschiedlich – je nach präsidentieller Qualität. GWB ging immer ganz früh schlafen, urlaubte sehr viel auf seiner Ranch, während Bill Clinton fast gar nicht schlief und rund um die Uhr geradezu manisch Informationen aufsaugte und verarbeitete. Auch dem sehr jungen Präsidenten Obama sah man bei seinem Amtsabschied mit gerade mal 55 Jahren die permanente Erschöpfung deutlich an. Sein in jeder Hinsicht diametrales Gegenteil Donald Trump überstand seine vier Jahre natürlich viel besser, weil er so verantwortungslos war, sich um nichts zu kümmern. Der Mann ist chronisch faul. Es gab kaum Einträge in seinem Terminkalender. Meistens guckte er TV, telefonierte mit Freunden, fraß Fastfood und war ohnehin kaum im Weißen Haus.

Joe Biden, der am 20. November dieses Jahres 80 wird und die Nummer Drei des Staates, Nancy Pelosi, die im März 83 wird, sind problematische Fälle für mich.

Einerseits kann man mit Ende 70 durchaus noch frisch genug sein, um ein Amt anzutreten, aber gerade für die vorwiegend jüngere Wählerschaft der Demokraten, wirkt es demotivierend, wenn sie für einen Großvater stimmen sollen.

Hinzu kommt, daß Biden und Pelosi beide noch älter wirken, als sie sind.

Pelosi ist selbstverständlich perfekt gestylt, kommt mit gefärbten Haaren daher, aber ihre Sprache ist deutlich vom Alter gezeichnet. Es wirkt immer, als ob sie Probleme mit einer Prothese hätte oder mal einen Schlaganfall hatte. Ich bin sicher, in der GOP-Szene kursieren genügend Gerüchte zu ihrem Zustand, die ich hier aber nicht erwähnen will.

Biden war schon als junger Mann berühmt für seine Schusseligkeit und Versprecher. Mit 75 sah er schon aus, wie andere mit 95. Das hilft nicht dabei, Vertrauen und Stärke auszustrahlen.

Er versucht es mit einer jungen Vizepräsidentin zu kompensieren und holte den jugendlich-hüpferisch wirkenden Pete Buttigieg, 40, als Verkehrsminister ins Kabinett. Eine gute Absicht und Buttigieg ist sicher einer der stärksten Biden-Minister. Aber neben einem derart fitten und schlagfertigen Mann, wirkt Biden gleich noch zehn Jahre älter als er ist. Es ist ungerecht und altersdiskriminierend, aber ich wünsche mir jüngere, fitter wirkende Spitzendemokraten, weil ich um die Wahlchancen fürchte und unbedingt republikanische Mehrheiten verhindern will.

Es mag kurios wirken, ist aber nach seinen VP-Erfahrungen an der Seite des 2009 sehr vorsichtig agierenden Obamas, durchaus nachvollziehbar: Biden bekommt mehr Dinge geregelt, als man dachte, weil er offensichtlich weniger abwartet und brachialer agiert. Seine „Accomplishment-Liste“ ist ganz im Gegensatz zu seinem Image, sehr beachtlich!

Signed the Inflation Reduction Act

Improved health care for veterans

Signed the CHIPS and Science Act. President Biden signed landmark legislation into law that will accelerate semiconductor manufacturing in the United States.

Took historic action to address the gun violence epidemic

President Biden has moved decisively to combat gun violence – issuing dozens of executive orders and signing the most significant gun violence reduction legislation to pass Congress in 30 years.  

Thanks to President Biden’s leadership, international confidence in the United States has sharply increased. America is back, and our alliances are stronger than ever.

Ended America’s longest war. After more than 20 years of conflict spanning three previous administrations, President Biden acted decisively to bring our troops home from Afghanistan.

Took action to address gender-based violence

As President, Joe Biden broke through two years of Republican obstruction and signed legislation in March 2022 to reauthorize and strengthen the Violence Against Women Act.

President Biden signed the American Rescue Plan (ARP) Act into law, an unprecedented $1.9 trillion package that helped combat COVID-19 and supercharge a historic economic recovery.

Biggest year of job growth in American history. President Biden is leading America through a historic economic recovery. In 2021, the U.S. economy added over 6.5 million jobs – the greatest year of job growth under any President in history.

Took action to combat COVID-19

Thanks to the Biden-Harris Administration, over three-quarters of American adults are fully vaccinated, up from less than 1% before President Biden took office.

Passed the Bipartisan Infrastructure Law

Thanks to President Biden, we’re done talking about infrastructure week. Now, we’re building about an infrastructure decade.

In 2022 alone, repairs will begin on 65,000 miles of roads and 1,500 bridges.

Took action to combat the climate crisis and reduce emissions

President Biden also secured the largest investment in climate resilience in American history.

Expanded health care to millions of Americans

Nominated and confirmed historic judicial nominees

Vieles davon steckte seit Dekaden im Parteien-Gridlock eingezwängt. Opa Biden hat es geschafft.

Wackelköpfin Pelosi erstaunte die Welt beim gestrigen Jan6th-Hearing. 

Von ihrer Tochter am 06.01.2021 gefilmtes und seither nie gezeigtes Material gibt uns einen intimen Einblick in ihre Unerschütterlichkeit und Energie.

Der damals 41-Jährige Insurrection-Senator Josh Hawley, der morgens noch mit erhobener Faust Trumps rechten Mob angefeuert hatte, machte er sich nachmittags als erster in die Hosen und wurde gefilmt, wie er heulend weglief.

Pelosi hingegen behielt den Überblick, verweilte im Kapitol, während Trumps Gefolgsleute grölend und mordend in ihr Büro stürmten und demonstrativ überall hinschissen. Die Trump-Regierung versagte komplett, war nicht willens Hilfe zu schicken. Also übernahm Pelosi, rief Minister. Gouverneure und Polizeichefs an, um zu handeln.

Als Pelosis Stabschefin McCullough ihr mitteilte, Trump wolle persönlich ins Kapitol kommen, um den Mob anzuheizen, werde aber vom Secret Service gehindert, erklärte Madame Speaker, Trump solle nur kommen, sie werde ihn niederboxen („punch out“) und dafür dann gern ins Gefängnis gehen.


Die Frau weiß sich also offenbar durchzusetzen, während Politiker, die ein oder zwei Jahre jünger sind, ängstlich paralysiert dastanden.

Donnerstag, 13. Oktober 2022

Putinophobes Wunschdenken.

Nach gut sieben Monaten Ukraine-Krieg, den grausamen Bildern und Zahlen, die uns täglich erreichen, sind Hashtags wie #FCKPUTIN und die Flut von antirussischen Memes völlig verständlich.

Natürlich fühlen sich alle Menschen, die nicht moralisch vollkommen verdorben sind, angewidert, wünschen ein sofortiges Kriegsende.

Für Europa insgesamt gab es seit 1945 keinen Krieg mehr, der so massive Auswirkungen auf unbeteiligte Länder hat, weil sich zwei der weltweitgrößten Weizenproduzenten streiten und der Aggressor Europas wichtigster Energielieferant ist. Die Weltwirtschaft stürzt in Rezession und Inflation. Die Gemengelage ist so kompliziert, daß gegenwärtig nicht einmal verhandelt wird – niemand kann sich eine friedliche Lösung vorstellen. Der deutsche Michel erträgt aber keine komplexen Schwierigkeiten, bei denen er zugeben muss, intellektuell überfordert sein. In dem Fall sucht er sich einen Sündenbock, wird anfällig für Hetzer aller Art. Die einen rennen Wagenknecht und der AfD nach, weil sie glauben, man müsse nur Putin freundlich bitten, die verbliebene Nordstream2-Röhre wieder aufdrehen und schon lösten sich alle unsere Probleme in Nichts auf. Das ist natürlich Unsinn.

Fünf Cent mehr Intellekt erfordert es, zu erkennen, daß der Merkel-Weg* eine Sackgasse war. Damit hat man aber auch noch keine Lösung und projiziert seinen Drang nach geistiger Schlichtheit auf die Verdammung Putins und die Sympathie für alles Ukrainische. Gelb-blaue Flaggen auf das Facebook-Profil stellen und sich gegenseitig „Putin muss weg!“ versichern.

*(Auf eigene Innovationen verzichten, das Geld für die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen sparen und alle Augen vor Menschenrechtsverletzungen zudrücken, während man billig in Saudi Arabien, Russland und China einkauft. Hauptsache, man hat seine Ruhe, muss sich nicht ändern und wird immer wiedergewählt.)

Putin zu verdammen ist menschlich verständlich und mehrheitsfähig.

Es könnte aber eine zu vage Hoffnung sein, auf die man da setzt. Trotz der offenkundigen und letztlich überraschenden militärischen Schwäche Russlands, bleiben die Atomwaffen, die Russland, anders als sonstige unsympathische Kriegsherren wie Hitler oder Saddam, nun einmal besitzt. Daher hinken alle Appeasement-Vergleiche mit 1938.

Noch weiter hergeholt ist die Hoffnung auf Putins schlechten Gesundheitszustand. Natürlich könnte er morgen zufällig tot umfallen, aber erstens ist das unwahrscheinlich und zweitens bricht dadurch nicht augenblicklich Friede auf Erden, sowieso Demokratie in Russland aus.

Ich weiß nicht, wer als Nachfolger aufrücken würde, bezweifele aber sehr stark, daß brutale Scharfmacher wie Sergej Schoigu, Dmitri Medwedew oder gar Sergej Surowikin („General Armageddon“) lammfromm die weiße Fahne schwenkend aus der Ukraine abzögen.

Es gibt keine einfache Lösung und so beschränken wir uns darauf, stellvertretdend diejenigen zu beschimpfen, die wir in Deutschland als „Putins Agenten“ ausgemacht haben. Schröder, Schwesig, Weidel, Chrupalla, Wagenknecht, Kretschmer, Merz und nun auch noch Bohlen.

[…] Auf einer Podiumsveranstaltung der Business-Plattform „Entrepreneur University“ sagte der 68-Jährige mit Blick auf die Politik zum Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine: „Wenn die diese Sanktionen zum Beispiel nicht gemacht hätten und man hätte sich vernünftig an einen Tisch gesetzt, ja, dann bräuchten die Leute jetzt nicht diesen ganzen Firlefanz machen.“ Weiter ist in dem kurzen Clip von der Veranstaltung zu sehen und zu hören, wie Bohlen sagt: „Jetzt müssen wir frieren, jetzt müssen wir dies und das, das ist doch alles scheiße aus meiner Sicht.“ [….]

(MoPo, 13.10.2022)

Nicht falsch verstehen; natürlich ist Bohlen ein Blödmann, natürlich verdienen Merz und Sahra Sarrazin hart kritisiert zu werden. Aber auf solche Typen einzudreschen, bringt uns dem Frieden nicht näher.


Eine andere Vereinfachungsstrategie sind die höhnischen Meldungen über das Versagen der russischen Armee. Plötzlich sind wir alle Militärexperten und finden es unheimlich lustig, geradezu befriedigend, zu sehen, wie viele Panzer, wie viele Soldaten, Putin schon verlor.

Zudem registrieren wirzufreiden, wie isoliert Russland in der Welt dastehe. Nur noch Nicaragua, Nordkorea und Belarus habe er an seiner Seite jubiliert social media.

Aber Putin ist noch nicht am Ende.

(….) Herrlich doof, diese Europäer, wird sich Wladimir Putin denken, während er die Gazprom-Rekordgewinne einstreicht.

[…] Wegen der massiv gestiegenen Preise für Gas und Öl hat der staatliche kontrollierte russische Energiekonzern Gazprom seine Geschäftsergebnisse nach eigenen Angaben in den ersten sechs Monaten dieses Jahres deutlich steigern können. Demnach erzielte Gazprom einen Rekordgewinn von 2,5 Billionen Rubel (umgerechnet 41,63 Milliarden Euro), wie das Unternehmen gestern Abend mitteilte.  Das ist bereits mehr als der gesamte Gewinn des vergangenen Jahres. 2021 hatte der Konzern wegen der hohen Preise für Öl und Gas bereits einen Rekordgewinn von 2,09 Billionen Rubel (rund 27,5 Milliarden Euro) erreicht. […]

(Tagesschau, 31.08.2022)

Schwere EU-Sanktionen gegen Russland. Russland exportiert viel weniger Gas und Öl. Russland verdient mehr denn je. Das hat ja ganz toll geklappt, Frau von der Leyen.

Die CDU-Präsidentin der EU ist seit geraumer Zeit untergetaucht und sieht planlos zu, wie ihr immer mehr rechts regierte Nationen (denen sie ihre Wahl verdankt) von der Fahne gehen.

Viktor Orbán blockierte die Sanktionen gegen Kriegstreiber Kyrill I., Putins wichtigsten Alliierten.

Sachsens Landesvater, von der Leyens Parteifreund Kretschmer, schert ebenfalls aus und zeigt der Ukraine den Stinkefinger.

Ungarn erhöht die Importe aus Russland deutlich.

[….]  Der Außenminister reist nach Moskau, um über neue Gaslieferungen zu sprechen. Die relative Nähe seiner Regierung zum Kreml könnte dabei helfen. Budapest ist sehr abhängig von dem fossilen Brennstoff.  Die Abhängigkeit von Gas zwingt zum Handeln. Im Falle Ungarns bedeutet das eine höhere Einfuhr aus Russland. Das kleine mitteleuropäische Land will 700 Millionen zusätzliche Kubikmeter Gas von Russland kaufen. Dies kündigte am Donnerstag die rechtskonservative Fidesz-Partei des Ministerpräsidenten Viktor Orbán an. Außenminister Peter Szijjarto wird noch im Laufe des heutigen Tages nach Moskau reisen, um über neue Gaslieferungen zu sprechen. [….]

(FAZ, 21.07.2022)

Als nächstes verließ Bulgarien die ohnehin nicht mehr einheitliche EU-Linie.

[….]  Bulgarien steht vor einer Zerreißprobe. Das EU-Land ist in der Gas-Versorgungskrise tief gespalten über den richtigen Umgang mit Russland und seinem staatlichen Energiekonzern Gazprom.  Während der proeuropäischen Kräfte eine Wiederaufnahme des Liefervertrages mit dem Petersburger Energieriesen ablehnen, befürwortet die Übergangsregierung unter Ministerpräsidenten Galab Donew die umstrittenen Gespräche. "Als geschäftsführende Regierung wollen wir das zu Ende führen, was wir als Vereinbarung bereits haben", sagt der 55-jährige Ökonom in einem TV-Interview. Der langfristige Vertrag mit Gazprom läuft erst Ende 2022 aus. [….]

(Wiener Zeitung, 01.09.2022)

Mit Italien wird mit hoher Wahrscheinlichkeit bald auch das erste echte EU-Schwergewicht auf Russland zugehen.  (…)

(Putins Plan geht weiterhin auf, 04.09.2022)

Diese Graphiken zeigen Putin aber isolierter, als er ist. Die beiden mit weitem Abstand bevölkerungsreichsten Staaten der Erde – China und Indien – stellen sich nicht gegen die Ukraine-Invasion.

Putin hat mit Viktor Orbán schon jetzt mindestens ein U-Boot in der EU, die einstimmig entscheiden muss. Bald kommt Frau Meloni dazu, so daß die EU keine Grausamkeiten mehr gegen Russland beschließen wird.

Ähnlich sieht es auf UN-Ebene aus. Das mächtigste Gremium, der UN-Sicherheitsrat, kann wegen der fünf Vetomächte nicht gegen Moskau entscheiden. China stimmt nicht gegen Russland, aber vor allem ist Putin selbst Vetomacht.

Russland dominiert den Weizenhandel, setzt die globale Hungerkatastrophe gezielt als Waffe ein – auch hier ist die Staatengemeinschaft angesichts von 25.000 Menschen, die jeden Tag auf der Erde verhungern, erpressbar.

Den möglicherweise wichtigsten Coup seit einem halben Jahr landete Putin aber, als assoziiertes OPEC-Mitglied, indem er es schaffte, mitten in der größten Energiekrise, die tägliche Ölfördermenge um zwei Millionen Barrel zu verringern. Das hilft dem Erdölexporteur Russland gewaltig.

Putin holte den Verbrecher und  Kriegstreiber Kronprinz Mohammed bin Salman auf seine Seite, der als Regierungschef der mächtigsten und reichsten Erdölexportnation damit auch seinen Freund und Beschützer Donald Trump zurück ins Amt holen will. Gut möglich, daß das gelingt. Biden schäumt, aber was soll er tun, angesichts von 75 schwer verblödeten US-Wählern?

[….] Für Biden und die Demokraten kommt die Förderkürzung zur Unzeit: In vier Wochen stehen die Midterm-Wahlen an. Sie gelten als politisches Stimmungsbild, als Zwischenzeugnis für Biden, das angesichts der Inflation schlecht ausfallen könnte. Besonders ärgerlich ist für Biden, dass er die von Anfang an umstrittene Reise nach Saudi-Arabien im vergangenen Juli spätestens jetzt als außenpolitischen Misserfolg verbuchen muss.  Die amerikanische Öffentlichkeit wirft Biden vor, dass er über Menschenrechtsverletzungen des Königreichs hinwegsehe, nur um die Erdöl- und Benzinpreise zu drücken. [….]  Beobachter glauben, dass Saudi-Arabien mit dem jüngsten Opec-plus-Beschluss darauf abziele, die amerikanische Innenpolitik kurz vor den Kongresswahlen zugunsten der Republikaner zu beeinflussen. Für diese sind die steigenden Preise perfekte Wahlkampfmunition. Umfragen zeigen, dass die meisten Amerikaner die Wirtschaftspolitik der Demokraten für die Inflation und hohen Benzinpreise verantwortlich machen.

Was für diese Theorie spricht, ist das offene Geheimnis, dass Riad darauf hofft, den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump 2024 wieder im Weißen Haus zu sehen. Trump wählte Saudi-Arabien nach seiner Wahl 2017 als erste Auslandsstation, er schloss Waffendeals in Milliardenhöhe ab, ohne Riad mit dem Thema Menschenrechte zu nerven, nicht mal die Ermordung Khashoggis, der in den USA im Exil lebte, konnte das bilaterale Verhältnis trüben. Im Gegenteil: Der Washington Post-Journalist Bob Woodward zitierte Trump in seinem Buch "Rage" mit den Worten, er habe Mohammed bin Salman, kurz MbS genannt, in der Khashoggi-Affäre "den Arsch gerettet". "Ich konnte den Kongress dazu bringen, ihn in Ruhe zu lassen. Ich konnte sie dazu bringen, damit aufzuhören", steht darin. [….]

Im Kremlchef sieht bin Salman wohl einen verlässlicheren Partner, auf den er zählen kann, komme was wolle. [….] Und mit dieser Haltung steht Mohammed bin Salman auf der Arabischen Halbinsel offenbar nicht alleine da. Der einflussreiche Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed, stattete Putin am Dienstag einen Besuch in St. Petersburg ab. Darin brachte sich bin Zayed als möglicher Vermittler im russischen Krieg gegen die Ukraine ein. Der Ton war, mit Blick auf das Protokoll, freundschaftlich-vertraut. Mohammed bin Zayed gratulierte Putin zum Geburtstag, der Kremlchef antwortete mit Schukran, dem arabischen Wort für Danke. Es scheint gerade einiges zu geben, wofür Russlands Machthaber den Herrschern am Golf dankbar zu sein scheint.  [….]

(SZ, 13.10.2022)

Trump würde in seiner zweiten Amtszeit alle Vorsicht vergessen und sich als Autokrat anderen Schlächtern verschreiben.

Wären MBS, MBZ, Trump und Putin wiedervereint, stünde Moskau wieder recht gut dar.

Mittwoch, 12. Oktober 2022

Weniger Menschen bitte

Acht Milliarden Menschen sind viel zu viel für diesen Planeten. Diese Massen produzieren so viel Schmutz und Wärme, daß im Rekordtempo Fauna und Flora ausgerottet werden. Im Anthropozän sterben aber nicht nur die anderen Spezies, sondern der dominante Parasit Homo Demens selbst, wird im Kampf um die knappen Ressourcen zum Opfer. Im Gegensatz zu anderen Tieren, die so viel fressen und so viel töten, wie sie müssen, agiert Homo Demens vollkommen ungehemmt. Er killt zum Vergnügen, rafft viel mehr an sich, als er braucht, verteilt die Ressourcen grotesk ungerecht und vernichtet auf dem Altar des Kapitalismus gewaltige Lebensmittelmengen. Diese Spezies insgesamt ist für mich die unsympathischte Tierart überhaupt.

Dieses Pauschalurteil gilt aber nicht für das Individuum, welches (zumindest aus humaner Perspektive) sehr interessant und erstaunlich sein kann.

Daher gehe ich gar nicht so weit, alle Menschen ausrotten zu wollen. Nein, ich bin für die Menschen und würde mir ihr langfristiges Überleben auf der Erde wünschen.

Damit die unangenehmen Erscheinung der Menschenmasse nicht auftreten, sollte ihre Gesamtzahl aber auf ein Prozent der heutigen Zahl begrenzt sein. Statt acht Milliarden Einzelexemplaren, also 80 Millionen. Oder sagen wir, aufgerundet: 100 Millionen Menschen auf diesem Planeten.

Es gab Zeiten der Erdgeschichte, als Homo Sapiens auf wenige Tausend Exemplare geschrumpft war. Das nenne ich dünn besiedelt. Aber bei 100 Millionen, die noch dazu durch das Internet alle miteinander vernetzt wären, sollte es genügend Auswahl geben, um Gleichgesinnte zu treffen und überall zu siedeln. Wir würden aber nicht mehr die Meere leerfischen und die Atmosphäre mit Stickoxiden und CO2 verpesten. Wir könnten sogar Autos mit Verbrennungsmotor fahren, Flugzeuge mit Kerosin betreiben, im Wohnzimmer einen hübschen gekachelten Steinkohleofen verwenden. Bei 99% weniger Individuen wäre der ökologische Fußabdruck keine Größe mehr, mit der die Umwelt nicht fertig würde. Keine überfüllten Strände, verstopften Straßen, saubere Flüsse, überall gedeihende Fauna und gesunde Luft.

Paradiesisch. Aber wie reduziert man von acht Milliarden, also 8.000 Millionen Menschen auf 100 Millionen Menschen, ohne Seuchen, Kriege oder Naturkatastrophen?

Anders als Lebensschützer und Christen, bin ich Antinatalist. Ich plädiere für Verhütungsmittel und Sterbehilfe, wende mich aber strikt gegen Gewalt, Mord und Folter. Ich bin auch Pazifist. Christen hingegen (Putin, GW Bush, Merz, Berlusconi, Sarah Palin, MTG, Lauren Boebert, Orbán, Morawiecki, Meloni, Franco, Mussolini, Hitler) lieben Waffen, das Militär, Folter, Todesstrafe.

Ich würde jede Anstrengung empfehlen, um lebende Menschen, die leben wollen, zu unterstützen. Es ist aber falsch, einen Sterbenden, der auf der Intensivstation an einem Dutzend Schläuchen hängt, gegen seinen Willen am Leben zu erhalten.

Wer keine Lust mehr hat, soll jederzeit das Recht haben, schmerzfrei seine eigene Existenz zu beenden. Außerdem sollte es ein Tabu sein, angesichts der horrenden Überbevölkerung noch mehr Menschen zu produzieren. Nichts ist eine solche ökologische Nachhaltigkeitskatastrophe, wie ein zusätzlicher Mensch. Insbesondere, wenn er derartig viel Energie und Wasser verschwendet, wie ein fleischfressender Europäer oder Nordamerikaner.

Ich sympathisiere natürlich mit FFF und der extinction rebellion, war aber geschockt und enttäuscht über den RABIAT-Bericht von Radio Bremen, in dem FFF-Aktivisten eines Protestcamps nach antinatalistischen Menschen gefragt wurden und regelrecht in „Hass auf Zeugungsunwillige“ verfielen. Sie kämpften doch für die Kinder und wollten Kinder haben, sonst müssten sie sich ja nicht engagieren.

Elende Egoisten. Erdrettung nur, wenn man selbst davon profitiert und weitere Erdzerstörer produzieren kann. Shame on you, FFF!

Ich bin für eine strikte 0,01-Kindpolitik. Vielleicht müsste der Faktor anfangs etwas höher sein, damit nicht innerhalb einer Generation eine rapide Überalterung stattfindet. Es wäre ein Aufgabe an die Statistiker die Kinderquote von 1/Frau auf 0,01/Frau abzusenken; je nachdem, was die Altersstruktur der Gesellschaft zulässt.

Obläge mir die Weltherrschaft, würde ich das Absinken der Weltbevölkerung entsprechend moderat durchführen. Keinesfalls dürfte mit Gewalt nachgeholfen werden. Das wäre auch unnötig, da jeden Tag in Deutschen Tausende Menschen auf natürlich Weise sterben.

[….] Der Tod ist ein ständiger Begleiter des Lebens. Jeden Tag sterben zahlreiche Menschen in Deutschland, aber natürlich auch in jedem anderen Land der Welt. Für Deutschland ermittelt das Statistische Bundesamt (Destatis) regelmäßig die Zahlen der Sterbefälle. Demnach sind 2020 genau 985.572 Menschen in Deutschland gestorben. 2021 starben ersten vorläufigen Berechnungen zufolge insgesamt 1.016.899 Personen. Das sind pro Tag rund 2.790 Sterbefälle. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl der Sterbefälle um rund 3,2 Prozent erhöht. Warum steigt die Anzahl der jährlichen Todesfälle?  Dass sich 2021 die Anzahl der Sterbefälle im Vergleich zu 2020 erhöht hat, ist keine Überraschung. Das Statistische Bundesamt verzeichnet seit etwa 20 Jahren eine jährliche Steigerung der Sterbefälle. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass die Gesellschaft in Deutschland tendenziell immer älter wird. Also wird immer mehr gestorben, um es einmal salopp zu formulieren. Die höhere Lebenserwartung kann diesen Effekt nicht gänzlich ausgleichen. Das heißt, nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist ein jährlicher Anstieg der Sterbezahlen um ein bis zwei Prozent im Rahmen. Ein weiterer Grund für die hohen Zahlen an Sterbefällen in den Jahren 2020 und 2021 sieht Destatis in der Corona-Pandemie.  […]

(Jenny Gebel)

In Deutschland leben 84 Millionen Menschen. Davon sterben jedes Jahr rund eine Million. Man würde also in absehbarer Zeit auf die geforderte 1-2%-Quote von 1.000.000 Individuen runtersinken. In Hamburg statt 1,9 Millionen Einwohner dann nur noch 20.000. Berlin 40.000, München 15.000.

Den Tod lebensfähiger und lebenswilliger, bereits existierender Menschen achselzuckend in Kauf zu nehmen, wie es Boris Palmer, Wolfgang Kubicki, Xavier Naidoo und alle Aluhüte propagieren, ist abartig.

[….] Noch immer sterben in unserem Land mehr als hundert Menschen an Covid-19, jeden Tag. Nun zählte das RKI den 150.000. Toten seit Beginn der Pandemie. Ein Blick zurück. [….]

(SPIEGEL, 01.10.2022)

Eine der grausigsten Todesarten ist das Verhungern. Das ist mit extremen langen Leiden verbunden und entsteht nur durch die Beschissenheit der anderen Menschen.

Dieses Jahr sind schon mehr als sieben Millionen Menschen weltweit verhungert. Das sind etwa 300.000 jeden Monat. 73.000 Individuen diese Woche, 24.000 Menschen allein bis heute, 23 Uhr.

Am Tag verhungern laut UN 25.000 Menschen. Jeden Tag. Während Europa in gewaltigem Maßstab Lebensmittel für die Müllhalde produziert und die in den Hungerländern angebauten Getreideernten mit ultrasubventionierten EU-Geldern wegkauft, um damit unseren aberwitzigen Fleischkonsum zu unterhalten. Dabei fressen wir nicht nur viel zu Fleisch und lassen die Kühe und Schweine die Ozonschicht wegfurzen, sondern behandeln das „Schlachtvieh“ auch noch so erbärmlich, daß dauernd Seuchen entstehen und Millionen Gänse, Hühner oder Schweine „gekeult“ und verbrannt werden.

Ich behaupte, man kann nur nicht Misanthrop und nicht Antinatalist sein, wenn man fest die Augen vor der Realität verschließt.

Verglichen mit dem langsamen Hungertod, ist es vermutlich eher ein Segen, von einem russischen Sturmgewehr erschossen, oder einer Granate zerfetzt zu werden.

[….] Mit mehr als 60.000 hat Russland rund sieben Monate nach Kriegsbeginn die Zahl getöteter ukrainischer Soldaten beziffert. Hinzu kämen fast 50.000 Verletzte, sagte Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu am Mittwoch. […]

(RND, 21.09.2022)

Ich kann nur wiedergeben, was Schoigu behauptet, habe keine Möglichkeit das zu überprüfen. Und Zivilisten?

[….] Rund tausend tote Zivilisten in der Ukraine pro Kriegsmonat: Auf diese Zahl kommt das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (United Nations High Commissioner for Human Rights, UNHCHR in Genf). Vom  24. Februar bis zum 22. August 2022 zählte die Behörde der Chilenin Michelle Bachelet mindestens 5.587 Todesopfer in der ukrainischen Zivilbevölkerung, darunter mindestens 362 Kinder. Zudem wurden während des Ukraine-Krieg bisher mindestens 7.890 verletzte Zivilist:innen erfasst, darunter 610 Kinder.  [….]

(Euronews, 24.08.2022)

Mit Hilfe deutscher Panzerhaubitzen sind bereits 90.000 russische Soldaten gekillt worden. Auch das ist schwerlich zu verifizieren.

[….] Nicht häufig gibt es aus Russland offizielle Angaben zu Verlusten im Ukrainekrieg. Ende September berichtete Moskau über Verluste von 5937 Armeeangehörigen. Bereits diese Zahl galt als wenig glaubhaft, nun berichtet die russische Investigativplattform iStories : Die russischen Verluste sollen sich auf mehr als 90.000 »unwiederbringliche« Soldaten belaufen.  Die Informationen stammen demnach unter anderem aus dem Innern des russischen Geheimdienstes FSB. »Unwiederbringliche Verluste« beschreibe eine Kategorie, die getötete und vermisste Militärangehörige umfasse, wie auch Soldaten, die an ihren Wunden gestorben seien oder derentwegen nicht mehr in den Militärdienst zurückkehren könnten. [….]

(SPIEGEL, 12.10.2022)

Als Atheist, Antinatalist, Misanthrop und Humanist lehne ich all diese sinnlosen Tode ab und freue mich niemals über den Tod anderer. Ich fühle mit den Hunderttausenden Russen, die ihre Angehörigen verloren haben mit.   

Ich verabscheue die Begeisterung für schwere Waffen und die verniedlichende Sprache, die heute beispielsweise der Litauische Präsident verwendet.

[…..]   Angesichts der russischen Aggression in der Ukraine hat sich die Nato auf einen stärkeren Schutz ihrer Ostflanke eingeschworen. Dazu gehört auch ein stärkeres Engagement der Bundeswehr in Litauen. Nun hat Litauens Präsident Gitanas Nausėda mit Äußerungen für Wirbel gesorgt, in denen er die Verpflichtungen seines Landes gegenüber den in dem Baltenstaat stationierten Soldaten mit einer Liebesbeziehung umschrieb. »Die deutsche Armee ist bekanntlich kein Mädchen, das man zu einer guten Nacht am See unter freiem Himmel einladen kann«, sagte Nausėda in einem Interview. »Dies ist eine ernsthafte Armee, der ein Ehevertrag angeboten werden muss, und dieser Ehevertrag muss die Verpflichtungen Litauens sehr klar festlegen.« [….]

(SPON, 12.10.2022)

Absolut widerlich, so über Vernichtungswaffen zu sprechen. Menschen, I Gitt.

Dieses Massensterben ist indiskutabel und grausam. Daher müssen wir viel viel weniger werden.

Dienstag, 11. Oktober 2022

Der Orange Messias

Die „New York Times“-Journalistin Maggie Haberman ist vermutlich die beste Trumpkennerin der Welt. Sie begleitet den „orange Jesus“ schon seit über 20 Jahren, studierte ihn genau, als noch niemand im Entferntesten daran dachte, der TV-Prolet könne Politiker werden. Sie reiht Scoop and Scoop; alle anderen Journalisten staunen im Stundentakt, woher die NYT-Kollegin das nun wieder wissen konnte.

Ihre Kontakte sind legendär. Unter den seriösen Reportern verfügt sie aber über ein Alleinstellungsmerkmal. Sie bekommt ihre Informationen direkt von Trump, der sie immer und immer wieder zu langen Gesprächen empfängt. Er hasst sie natürlich auch wie die Pest, weil sie wenig Schmeichelhaftest über ihn schreibt. IQ45 beschimpft Haberman, diffamiert sie als „drittklassig“, „overrated“ und „failing“. Mit ihr spreche er nie. So muss Trump reden, weil er ein pathologischer Lügner ist und niemals die simple Wahrheit zugeben könnte: Haberman, die aus einer Reporter-Dynastie stammt und die NYT, mit ihrem Ruf als „beste Zeitung der Welt“, repräsentieren die New Yorker Antipoden zur Trumpfamilie. Sie genießen echtes Ansehen, während er zwar vor seiner Präsidentenzeit durchaus reich und berühmt war; darüber hinaus aber in der echten High Society bestenfalls als „amüsant“ galt. Wirklich ernst genommen wurde er nicht. Der alte Geldadel wollte keine Geschäfte mit ihm machen, die Intellektuellen verachteten ihn für seine Grobheit, die mangelnden Umgangsformen und die fehlende Allgemeinbildung. Der Mann, der nie ein Buch gelesen hat und keinen Tweet ohne Rechtschreibpanne herausbringt, verfügt über ein Heer rechter Politiker und eine Armada konservativer Medienanstalten, die ihm zu Füßen liegen, lobpreisen und nach seinem Belieben hofieren.

Aber obwohl er es zum mächtigsten Mann der Erde brachte, blieb ihm stets die Anerkennung der besten New Yorker Kreise (für die Habermann steht) verwehrt.

Aus Hass und Verachtung für diese liberalen und intellektuellen Eliten, verließ er New York, ließ sich in Mar A Lago nieder und veranstaltet einen kontinuierlichen Beschimpfungsschwall gegen jene Kreise.

Darin zeigt sich die frappierende Infantilität seines Charakters. Mit 76 Jahren sehnt er sich immer noch so sehr danach von den alteingesessenen New Yorker Eliten, für die in seinen Augen als Apotheose die NYT steht, akzeptiert zu werden, daß er wie ein garstiges Balg, das sein Essen durch die Küche wirft, um Habermanns Aufmerksamkeit buhlt. Wie wir seit den Jan6th-Hearings wissen, wirft Trump tatsächlich wutentbrannt sein Fastfood an die Wand, bis im Oval Office der Ketchup von den Wänden tropfte. Anschließend starrt er stundenlang auf Newsmax, FOX und AON, um zu genießen, wie ihm die servilen Hetzer Honig ums Maul schmieren. Aber die letzte Befriedigung verschafft es ihm nicht, auch wenn Hannity, Tucker, Ingraham und Graham noch so intensiv seine Arschbacken küssen. Dann ruft er Habeman an. Sie ist für ihn die Schnittstelle in die seriöse Welt, die er mit all seinen Milliarden und seiner präsidentiellen Macht nie erreichen konnte.

Und so fütterte Trump die Starjournalisten auch für ihr neuestes Buch mit langen Hintergrundgesprächen.

[….] Dass die in der amerikanischen Fassung mehr als 600 Seiten starke neue Trump-Biografie (Originaltitel: Confidence Man, in der deutschen Übersetzung: Täuschung) der New York Times-Reporterin Maggie Haberman kontroverse Reaktionen hervorrufen würde, dürfte die Autorin daher kaum verwundern. Schon Wochen vor der Veröffentlichung des Buches am Dienstag waren Details durchgestochen und berichtet worden. "Das ist das Buch, das Trump am meisten fürchtet", schrieb die Nachrichtenseite Axios. Das Magazin The Atlantic druckte vorab das Schlusskapitel. Amerikanische Fernsehsender überschlagen sich gerade mit Interviews.  [….]

(Der Standard, 04.10.2022)

Dirk Hautkapp, der Funke-Medien-Mann in Washington, erklärt voller Bewunderung die Crux:

[…] Die wichtigste Erkenntnis des Buches kommt beiläufig daher. Trumps Motivation, Präsident werden zu wollen, hatte nichts mit Politik, Ideologie oder dem Drang nach Weltverbesserung zu tun. Sondern allein mit Geltungssucht. „Ich kenne viele reiche Männer, die niemand kennt“, diktierte Trump seiner Lieblingschronistin in den Block. Ein seltener Moment der Ehrlichkeit. […]

(HH Abendblatt, 10.10.2022)

Die Charaktereigenschaften Trumps lernte die ganze Welt zur Genüge ab 2015/2016 kennen. Haberman belegt nun ausführlich, wie lange dieses Wesen schon in ihm verankert ist.

[….] Schon der skrupellose Geschäftsmann habe Jahrzehnte vor der Präsidentschaft zwei Seiten gehabt: Dem "guten Trump", der großzügig, unterhaltsam, charismatisch und sogar charmant sein und damit auf Menschen einnehmend wirken konnte, stand früh der "böse Trump" gegenüber, der seiner obsessiven Gier nach Geld, Macht und Dominanz eiskalt alles andere unterordnet, cholerisch gegen Kritiker wütet und Regeln nur als Einschränkung seines Egos sieht. Trumps Allmachtsfantasien, sein extremer Narzissmus und seine Verachtung für das Gesetz wurzeln für Haberman in seiner Zeit als Immobilienmogul mit halb kriminellen Kontakten. [….]

(Der Standard, 04.10.2022)

Zwei weitere ausgezeichnete Trump-Kenner sind Susan Glasser, 53, (»New Yorker«) und Peter Baker, 55, (»New York Times«), die zusammen gerade das 700-Seiten-Werk „The Divider“ vorlegen.

Glasser, Baker und Haberman sind alle von einer dritten Präsidentschaftskandidatur Trumps überzeugt. Die Partei würde sich niemals gegen ihn stellen, auch wenn sein Wahlkampf 2020 gegen einen uralten Demokraten mit einer dreifachen Niederlage endete: Mehrheit im House erneut verpasst, Mehrheit im Senat futsch, Weißes Haus verloren. Aber Trump ist kein Politiker, sondern ein religiöser Führer, dessen 75 Millionen Sektenmitglieder für ihn sterben würden und für keinerlei Fakten zugänglich sind.

[….] Glasser: Trump ist eine historisch einzigartige Figur der amerikanischen Politik. Die republikanische Partei wurde von Trump umgeformt und radikalisiert. Er ist wie eine Droge, von der der Kern der Partei und Millionen Amerikaner nicht lassen kann.

Baker: Wenn man den Republikanern im Kongress eine Wahrheitsdroge verabreichte, dann würden meiner Einschätzung nach zwei Drittel sagen, Trump sollte verschwinden. Sie tun aber nichts dafür, und zwar aus zwei Gründen: Erstens haben sie gesehen, was mit den Leuten passiert, die sich gegen Trump wenden. Von den zehn Abgeordneten, die dafür gestimmt haben, Trump des Amtes zu entheben, wird kaum einer dem nächsten Kongress angehören. Entweder sie haben ihre Vorwahlen verloren, wurden zum Rückzug gedrängt oder haben von sich aus aufgegeben. Ich habe einen republikanischen Senator interviewt, der Trump nicht mag. Er sagte: »In meinem Bundesstaat stehen 88 Prozent der Republikaner hinter Trump. Was soll ich da tun?«

SPIEGEL: Hat Trump die Republikaner zu einer Partei gemacht, die die US-Verfassung nicht mehr respektiert?

Glasser: Es ist schwer, zu einem anderen Schluss zu kommen. Die Partei hat es abgelehnt, sich von Trump zu distanzieren, als dieser die Legitimität der Präsidentschaftswahl 2020 in Zweifel gezogen und versucht hat, Joe Biden den Wahlsieg zu stehlen. Kein anderer Präsident hat dies jemals getan. Das ist ein fundamentaler Bruch unserer Verfassung. [….]

SPIEGEL: Wie würde sich eine zweite Amtszeit Trumps von der ersten unterscheiden?

Baker: In der ersten Amtszeit hat sich Trump mit Leuten umgeben, die beeindruckende Titel und Lebensläufe vorzuweisen hatten oder mit Militärs, die viele Sterne auf der Schulterklappe trugen. Es waren Leute, die sich häufig widersetzten, wenn Trump etwas Verantwortungsloses, Unethisches oder manchmal sogar Rechtswidriges tun wollte. In einer zweiten Amtszeit würde Trump solche Leute nicht mehr zu sich holen. Die Einzigen, die bereit wären, für ihn zu arbeiten, wären überzeugte Anhänger. Insofern wäre eine zweite Amtszeit ganz anders: sozusagen Trump auf Steroiden. [….]

(DER SPIEGEL, 07.10.2022)

Meine Landleute bringen es fertig, den Wahnsinnigen noch einmal zu wählen.

Dann aber endgültig, GUTE NACHT, MENSCHHEIT!

Montag, 10. Oktober 2022

Lindners völliger Realitätsverlust

Es war ganz amüsant, heute die gedruckten Zeitungen zu lesen. Die Analyseartikel zur Niedersachsenwahl gingen gestern kurz nach den 18Uhr-Prognosen in die Schlußredaktion. ARD und ZDF sahen die FDP bei 5,00 Prozent. Also Zitterpartie. Aber mutmaßlich würden es die „Liberalen“ noch schaffen. Zwar flogen sie mit 4,8 am 27.03.2022 aus dem Saarbrücker Landtag, aber am 09.05.22 in Kiel reichte es zu 6,4% und am 15.05.22 in NRW wurden es 5,9%.

Tatsächlich landete Lindner schließlich gestern bei 4,7%. Das war nicht mal haarscharf gescheitert, sondern deutlich unter der Existenzgrenze. Das schmerzte den Porschefan, der in seinem Wahn, der intrakoalitionäre aufrechte Kämpfer gegen zwei stramm linke Parteien zu sein, auf einen Stimmenbonus gehofft hatte.

Wer in gestrigen Phrasen von “linker” Politik schwadroniert, während in Berlin Leute wie Scholz, Habeck, Lindner, Buschmann und Baerbock regieren - der sollte mal gegen seinen Kompass treten, um nicht völlig die Orientierung zu verlieren.

(Konstantin v. Notz, 09.10.22)

Der arme Lindner ist so verwirrt, seine Liste Lindner für eine Art „Edelpartei“ zu halten, die nicht etwa regiere, um etwas für das Land zu tun, sondern der man vielmehr den ganzen Tag dankbar sein müsse, daß sie sich überhaupt in die Niederungen der Bundesregierung hinabgelassen hätte. Besondere Ehre gebühre ihm für den Todesmut, sich mit Linken einzulassen.

[….]  "FDP-Parteichef Christian Lindner sprach entsprechend von einem »traurigen Abend«. Die Liberalen hätten »einen politischen Rückschlag« erlitten, sagte Lindner in der Berliner Parteizentrale. Ziel in Niedersachsen sei gewesen, einen Linksrutsch zu verhindern, dies sei nicht gelungen. Es sei nicht möglich gewesen, von Berlin aus einen politischen Rückenwind zu organisieren."  [….]

(SPON, 09.10.2022)

Von „LINKSRUTSCH“ bei Superrealos wie Weil oder Scholz zu sprechen, zeigt klar, wie weit sich der FDP-Chef von der Realität entkoppelt hat.

Um gegen die „Linksideologen“ zu punkten, setzten Merz und Lindner auf das Knallerthema Atomkraft. Flugs deuteten sie die letzte Landtagswahl 2022 zur Volksabstimmung über Kernenergie um. Das ging gründlich daneben.

[….]  Der Wahlkampf in Niedersachsen war von bundespolitischen Themen dominiert, insbesondere der Energiesicherheit. Die Niederlage der Christdemokraten ist deshalb auch ein persönliches Problem von CDU-Chef Friedrich Merz. Er hatte den Urnengang zur „Volksabstimmung“ über den Weiterbetrieb des Atomkraftwerks Emsland erklärt. Dieses soll nach den Plänen von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) Ende des Jahres auf jeden Fall vom Netz gehen. Das Kalkül, mit dem Thema Atomkraft zu punkten, ging für die CDU ebenso wenig auf wie für die FDP. […]

(Stuttgarter Nachrichten, 10.10.2022)

 


Lindner empfindet keine Demut vorm Wahlvolk oder der Geschichte, die ihm und seiner Partei vier Ministerposten in der schwersten politischen Krise seit 1949 zutraut, sondern glaubt ernsthaft, alle anderen müssten sich ihm gegenüber demütig verhalten, weil er überhaupt bereit sei, zu regieren. 

Auch der Gedanke, daß die FDP-Minister Fehler machen könnten, scheint ihm vollkommen fremd zu sein. Im Gegenteil, wenn weniger Menschen FDP wählen, gibt es für Kubicki und Lindner nur eine Erklärung: Die Abtrünnigen hätten nicht genug von der großartigen gelben Performance bekommen, also müssten sie zukünftig noch viel mehr die Ampelarbeit talibanisieren.

[….]  Aber wer die FDP-Verantwortlichen nach ihrem schlechten Ergebnis am Sonntag wettern hörte, der muss nun das Schlimmste befürchten. Die Liberalen glauben nämlich – kein Scherz – sie seien nicht für schlechte Politik abgestraft worden. Sondern weil sie nicht ausreichend wahrnehmbar gewesen seien! Und das wolle man nun ändern. [….]

(Maik Koltermann, 10.10.2022)

Ich warte immer darauf, daß sich ein derart tönenden Lindner öffentlich die Maske runterreißt und darunter kommt ein Titanic-Redakteur zum Vorscheinen.“ April April, wir wollten nur mal sehen, wie weit man gehen kann!“

Es scheint aber viele Undercover-Satiriker in der FDP zu geben.

[….]  So twitterte der FDP-Finanzpolitiker und Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler: »Die Ampel-Koalition hängt wie ein Mühlstein um unseren Hals. Wir verlieren zunehmend unseren marktwirtschaftliche Glaubwürdigkeit. Die FDP muss mutiger werden und den Rücken gerade machen.« Der frühere parlamentarische Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, Thomas Sattelberger, schrieb ebenfalls auf Twitter: »Die Ampelkoalition ist politische Vergewaltigung der FDP.« Doch Rot-Grün zu zähmen, sei unumgänglich gewesen, um die Republik vor Schaden zu bewahren. Er würde »jetzt aber die Koalition auf Spitz und Knopf stellen!« [….]

(SPON, 10.10.2022)

Wer in dieser ultra-angespannten höchstgefährlichen außenpolitischen Lage meint, es wäre an der Zeit schmollend parteipolitische Spielchen zu spielen, um die eigene Regierung zu beschädigen, demonstriert damit natürlich klar seine Regierungsunfähigkeit.

Unglücklicherweise ist die FDP rechnerisch unverzichtbar, solange es keine Neuwahlen gibt. Aber niemand kann inmitten dieser Monsterkrise ernsthaft wünschen, die deutsche Regierung mindestens ein halbes Jahr durch einen Bundestagswahlkampf lahmzulegen.

So bleiben uns nur Appelle an die wenigen zurechnungsfähigen FDPler wie Christian Dürr. Statt auf Distanz zur Ampel zu gehen und mehr FDP-Tänzchen um sich selbst zu veranstalten, sollte die Partei das diametrale Gegenteil machen.

[…..]  Das Verhalten der FDP in der Ampelkoalition ist nach Einschätzung des Politologen Andreas Busch eine Hauptursache für die Wahlschlappe der Partei in Niedersachsen. Die FDP spiele in der Ampel »eine Art Innerregierungs-Opposition«, sagte Busch der Deutschen Presse-Agentur. Dieses Verhalten sei offenkundig nicht besonders populär. »Wir können sagen, dass die Unterstützung für die FDP vor allem als Bundespartei stark zurückgegangen ist.«  Der Professor für Vergleichende Politikwissenschaften und Politische Ökonomie an der Universität Göttingen hält es für wichtig, dass Parteien gerade in der gegenwärtigen Krise über ihren Schatten springen. Das habe die FDP allerdings kaum getan. »Bei den Grünen ist das bestimmt nicht einfach gewesen, Kohlekraftwerke aus der Reserve zu holen, jetzt auch der Streit um Weiterführung der Atomkraftwerke«, sagte Busch. Bei der FDP sei es hingegen schwer zu sagen, wo sie der Krise entsprechend bestimmte Positionen geräumt habe.FDP-Chef Christian Lindner hatte das enttäuschende Wahlergebnis seiner Partei in Niedersachsen auf die Koalition mit SPD und Grünen im Bund zurückgeführt. »Viele unserer Unterstützerinnen und Unterstützer fremdeln mit dieser Koalition«, sagte Lindner.  Busch hält diese Analyse für unzulänglich: »Weiter so zu tun, als ob man nur zu Gast ist in dieser Regierung, das, glaube ich, wird niemandem helfen.«  […..]

 (SPON, 10.10.2022)

Um das zu verstehen, müssten Lindner, Kubicki und Co aber erst einmal aus ihrem hepatitisgelben Wolkenkuckucksheim herabsteigen und die Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen.

[…..]  Der FDP-Chef schlingert zwischen Staatsräson und Krawall. Doch es gibt nur einen guten Weg – für das Land und die Partei.  […..]  Zwei Lager kristallisieren sich heraus.  Das eine wird angeführt von Wolfgang Kubicki. Der stellvertretende Parteivorsitzende sagte dem SPIEGEL am Wahlabend: »Ich würde intern den Wahlkampfstil versuchen zu ändern: Nett wird nicht gewählt«. Er jedenfalls werde, wenn die Menschen im Winter frieren sollten, »alle Zurückhaltung fahren lassen und sagen, wer daran schuld ist – die Grünen«.  Kubicki steht für eine Rhetorik, die auch vor persönlichen Angriffen nicht haltmacht. Den Ärztepräsidenten verglich er mit Saddam Hussein, den türkischen Staatspräsidenten nannte er eine Kanalratte und über SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach lästerte er: »Isst kein Salz, isst keinen Zucker, trinkt keinen Alkohol, hat keine Freundin.«  […..]  Die einen nehmen einen Bruch der Ampel in Zeiten des Krieges in Kauf, die anderen warnen davor, Parteitaktik vor Staatsräson zu stellen und damit Wladimir Putin und der AfD ein Geschenk zu machen.  Das Problem der FDP ist, dass Parteichef Christian Lindner seit Monaten den Eindruck vermittelt, er könne sich zwischen Koalition und Opposition nicht entscheiden. Im Niedersachsen-Wahlkampf ging er auf maximale Distanz zu SPD und Grünen. Er stellte die Regierungsbeteiligung im Bund so dar, als habe man durch eine unfähige CDU/CSU keine Wahl gehabt als das Bündnis mit den linken Grünen und der linken SPD.  Der ehemalige Staatssekretär Thomas Sattelberger formulierte es drastischer: Die Ampel sei eine »politische Vergewaltigung der FDP.« Aber im Kern ist es dieselbe Botschaft.  Wenn ein Parteichef so redet – wie soll dann ein einfaches Parteimitglied am Wahlkampfstand die Regierungsbeteiligung der FDP verteidigen? [….]

(Christoph Schult, 10.10.2022)