Donnerstag, 14. Juni 2018

Hamburg kommunal

Taxifahrer mal wieder. „Der verdammte Scholz!“ entfuhr es ihm, als wir auf die mögliche Fahrbahnverengung der Eppendorfer Landstraße zu Gunsten der Radfahrer zu sprechen kamen.

Was soll man noch dazu sagen?

Erstens ist es ein klassischer Fall von „nicht die Frösche fragen“. Da man schwerlich die Häuser auseinander schieben kann, die Straßen also nicht zu verbreitern sind, aber andererseits durch Hamburgs Einwohnerzuwachs immer mehr Verkehr verursacht wird, drängeln sich nun Radfahrer, ÖPNV und Privat-PKW um die wenigen Fahrbahnmeter in der Breite.
Die Mopo erstellte dazu eine Straßenumfrage mit dem total verblüffenden Ergebnis, daß Autofahrer dagegen sind Platz an die Radfahrer abzugeben und Radfahrer dafür.

In diesem Fall bin ich natürlich parteiisch, da ich mit meinem kaputten Körper gar nicht Radfahren könnte, auf das Auto angewiesen bin und es satt habe von der Radfahrerfraktion plump aufgefordert zu werden auf das Rad umzusteigen. Ja, natürlich wäre das ökologischer und gesünder. Es gibt aber auch viele kranke, behinderte und alte Menschen, denen es an physischer Kraft fehlt Rad zu fahren. Überraschung; es sind nicht alle so fit und jung wie ihr!

Anyway, wie ein Taxifahrer über Verkehrsmaßnahmen denkt, die sich zu Ungunsten der Autofahrer auswirken, ist wenig überraschend.
Diese Information ist redundant.
Davon mal abgesehen ist Olaf Scholz nicht mehr Hamburger Bürgermeister, sondern Vizekanzler und Bundesfinanzminister.
Und selbst als er noch Bürgermeister war, hat er sich nicht mit einzelnen Straßenbaumaßnahmen befasst, weil das Bezirksangelegenheit ist.
Die Regierungsfraktionen des Bezirks „Hamburg-Nord“, sowie Bezirksbürgermeister Harald Rösler sind in diesem Fall also zuständig.

Aber so geht Meinungsbildung im Urnenpöbel. Das Boulevardblatt „Hamburger Morgenpost“ berichtet über Überlegungen eines Stadtteil eine kleine bestimmte Straße etwas Fahrrad-freundlicher zu machen und  - rattatatatt – hasst ein Taxifahrer den Bundesfinanzminister.

Das sind die täglichen Entscheidungen in der kleinteiligen Kommunalpolitik.

Darf ich ein paar Bäume abhacken, damit 85.000 Düsseldorfer Ed Sheeran sehen können?
Seine Fans, die schon Karten gekauft haben, bejahen das. Umweltaffine Sheeran-Hasser sind dagegen.

Darf man auf der großen Hamburger Stadtparkwiese eine Rolling-Stones-Konzertbühne aufstellen?
82.000 Jagger-Fans waren völlig begeistert, andere beklagen sich bis heute bitterlich über den ramponierten Rasen, der immer noch nicht wieder zu betreten ist, weil die neue Saat ob des trockenheißen Wetters länger braucht.

In diesen Fällen kann ich keinen Sinn in ausführlicher Bürgerbeteiligung sehen.
Da sind Interessenkonflikte vorprogrammiert und je länger man die Diskussion darüber auswalzt, desto mehr echauffiert sich die unterlegene Seite, die am Ende irgendeinen völlig unbeteiligten Bundesminister hasst.

Ich wünsche mir hier weniger Plebiszite und mehr exekutive Gewalt.

Mittwoch, 13. Juni 2018

#MNKGA


 Vor 48 Stunden hatte ich nur über den Kim-Trump-Gipfel spekuliert.
Seit dem habe ich viele, richtige viele Kommentare dazu gelesen.
Der gemeinsame Nenner ist weltweit überwiegend, daß Trump, ob seiner bahnbrechenden allgemeinen Unkenntnis  recht einfach vom Kim über den Tisch gezogen werden konnte.
Wenn MAKE NORTH KOREA GREAT AGAIN der Plan war, ist dieser perfekt aufgegangen. Nur zu verständlich, daß Kim gar nicht mehr aufhören konnte zu grinsen.
Er bekam alles was er sich in seinen kühnsten Träumen bis vor kurzem noch nicht mal zu wünschen wagte und mußte im Gegenzug keinerlei überprüfbare, konkrete Konzessionen machen. Im Gegenteil, er sagte die vagen Denuklearisierungssprüche auf, die schon seit 30 Jahren aus Nordkorea kommen, ohne je umgesetzt zu werden.


 [….] Entscheidend ist, dass die außenpolitische Woche des US-Präsidenten eine politische Methode und eine Weltsicht offenbart haben, die das Gruseln lehren. Aufschluss über Trumps Welt und den Zustand der amerikanischen Regierung gibt nicht nur das dürre Kommuniqué von Singapur. Aufschluss gibt die Pressekonferenz, die fast länger gedauert hat als das direkte Gespräch der beiden.
 Selbstdarstellung und Selbstwahrnehmung des US-Präsidenten zeugen von einer gefährlichen Infantilität. Aus Trumps Mund ergießt sich ein Strom von wirren Deutungen und Dummheiten: Xi Jinping ist jetzt wieder sein Freund, Justin Trudeau nicht mehr; Kim hat er nach einer Stunde verstanden; Nordkorea bietet tolle Strände für den Bau von Hotels - "betrachten Sie es aus einer Immobilien-Perspektive". Von den internen G-7-Gesprächen wird glaubwürdig berichtet, dass der Präsident zusammenhanglos und bar jeder Faktenkenntnis spreche, derweil seine Hintersassen die Kim-Truppe an Servilität locker überbieten.
 [….] Kim wird keine Gulags schließen, und überhaupt wurde er nicht bedrängt in Sachen Menschenrechte. Den US-Präsidenten nannte man einst den Anführer der freien Welt. Jetzt ist er der Intendant eines Illusionstheaters. [….] Überall auf der Welt wächst die Zahl der Menschen, die Trumps Methode für hohe Politik und für erfolgreich halten. Hier liegt der eigentliche Schaden, den so ein "Gipfel" anrichtet. So wie Trump über die Handelsverhältnisse mit seinen europäischen Verbündeten die Unwahrheit sagt, so sagt er auch nach dem Treffen mit Kim die Unwahrheit. Spektakuläre Bilder und die stupide wiederholte Formel vom "großartigen Erfolg" bilden das Szenengerüst für das Illusionstheater. Aber Vorsicht: Die Vorspiegelung von Politik ersetzt nicht die eigentliche Tat, die so unendlich viel mühsamer ist.   [….]

Wir lernen einmal mehr: Integre Demokraten wie Barack Obama oder Justin Trudeau sind für Trump Betrüger und Lügner – „very dishonest“ - denen er nicht traut, mit denen er keine Vereinbarung trifft und Bestehende aufkündigt.




 
Kim Jong Un und Wladimir Putin hingegen sind für ihn echte Ehrenmänner, die er gar nicht genug loben kann.

[…..] Mittlerweile ist Kim Jong Un in den Augen des US-Präsidenten offenbar ein feiner Kerl. Oder wie er sagt: "Ein sehr ehrenwerter, sehr smarter Verhandler." Kim habe eine "große Persönlichkeit", sei "sehr schlau" und "sehr talentiert" - um nur einige Superlative zu nennen, mit denen Trump den nordkoreanischen Diktator bei ihrem gemeinsamen Gipfeltreffen in Singapur belegt hat. [….]
(STERN, 12.06.2018)


So spricht der US-Präsident über einen Mann, der Millionen Menschen hungern lässt, über 200.000 Nordkoreaner in Gulags schmoren lässt. Es gilt Sippenhaft. Gerät auch nur ein Mensch in den Verdacht Kim Jong Un nicht genug zu verehren, verschwindet seine gesamte Familie bis zum Kleinkind im Arbeitslager, aus dem man nie mehr rauskommt.
Mitglieder seiner eigenen Familie ließ Kim öffentlich mit Flakgeschützen hinrichten, seinen Bruder vergiften; also „sehr ehrenwert“ in Trumps Augen.


Staaten wie der Iran, Südafrika oder Pakistan sollten lernen, daß internationale Kooperation, Abrüstung und Ehrlichkeit bestraft wird, daß sich hingegen derjenige, der am dreistesten Menschenrechte mit Füßen tritt und sich Massenvernichtungswaffen besorgt, gelobt und gepriesen wird, sogar ins Weiße Haus eingeladen wird.

Noch ein paar Stimmen:

[…..] Gestern noch isoliert, heute auf Weltmacht-Niveau […..] Die Gretchenfrage lautet: Wie konkret und kontrollierbar fällt eine Vereinbarung aus? Wenn Ihr Chef zum Beispiel zusagt, Ihr Gehalt "bald" und "erheblich" zu erhöhen, werden Sie mit Recht fragen: Heißt "bald" in den nächsten Wochen - oder erst in fünf Jahren? Und heißt "erheblich" um 15 Prozent - oder doch eher nur um zwei?
Trump hat mit Kim unter anderem vereinbart, dass Nordkorea an der "kompletten Denuklearisierung" auf der koreanischen Halbinsel arbeitet. Aber was genau passiert? Bis wann? Und wie werden die Kontrollen aussehen? Eine Vereinbarung, die nichts Konkretes festhält, ist eine Luftnummer. […..]

 […..] Dabei fiel dieser Substanzmangel den meisten US-Experten sofort unangenehm auf. Selbst Republikaner warfen Trump vor, ohne Not Konzessionen gemacht zu haben, um bei seiner Basis zu punkten - während Kim erst mal nichts aufgeben müsse, sondern sich nun als international geachteter Staatsmann rühmen könne.
"Kann man vergessen", urteilte Christopher Hill, ein früherer Nordkorea-Unterhändler der US-Regierung, über den Gipfel. "Die gemeinsame Erklärung ist schwächer als jede vorherige seit 1992." Jennifer Rubin, konservative Kolumnistin der "Washington Post", nannte das Treffen eine "totale Farce": "Wir bekamen nichts, Kim bekam einen PR-Coup."
Auf Trumps Hauskanälen war von solcher Kritik freilich nichts zu hören. Im Gegenteil: Trumps Freund Sean Hannity, der als Chefkommentator von Fox News angeblich fast jeden Abend mit dem Präsidenten telefoniert, bekam das erste "Interview" nach dem Gipfel zugeschustert. Da konnte Trump zum Beispiel unwidersprochen behaupten, Kim werde "praktisch sofort" mit der Denuklearisierung beginnen. […..] Das war natürlich frei erfunden, doch Trump wiederholte es auch anderswo, wobei er jedesmal weiter aufdrehte. "Er denuklearisiert das ganze Land", fabulierte er bei ABC. "Es wird ziemlich schnell losgehen, er fängt glaube ich jetzt schon an." Auf dem Rückflug erklärte er schließlich, Kim habe einen "totalen Plan zur Denuklearisierung". Oder meinte er einen "Plan zur totalen Denuklearisierung"? […..]

[…..] Es ist ein historisches Treffen mit zweitklassigem Ergebnis gewesen, urteilte beispielsweise die Organisation Arms Control Association. Trump sei es wie immer vor allem um die Optik gegangen, weniger um die Substanz. Der Präsident habe deutlich weniger vorzuweisen als frühere Verhandlungsführer, schrieb auch der demokratische Abgeordnete Ted Lieu. Die Vereinbarung bleibe hinter dem Iran-Abkommen zurück, das er gerade erst aufgekündigt habe. "Es sieht so aus, als sei Trump in Singapur hereingelegt worden", fasste es der Nordkorea-Experte Nicholas Kristof in der New York Times zusammen.
Trump habe dem nordkoreanischen Machthaber konkrete und weitreichende Zugeständnisse gemacht, während Kim sich weder inhaltlich noch zeitlich habe festlegen müssen, meinen viele Experten.  "Das Dokument beinhaltet überhaupt nichts", sagte der lange für die Nordkorea-Politik zuständige US-Diplomat Joseph Yun. Ein Zeitplan habe es in dem einseitigen Dokument – das Trump selbst als "umfassend" bezeichnete – genauso gefehlt wie Verpflichtungen, Inspektoren ins Land zu lassen, Interkontinentalraketen zu zerstören oder Programme für die Anreicherung von Uranium und Plutonium einzufrieren. Kim habe lediglich denselben "Willen zur Denuklearisierung" gezeigt wie schon sein Großvater Kim Il Sung 1992 zeigte, ohne konkrete Schritte zu unternehmen, so Kristof. "Es ist gruselig, dass Trump das nicht zu merken scheint." […..]


[…..] Gut gelaufen für Kim. Durch den Singapur-Gipfel wird Kim Jong Un international aufgewertet. Zugeständnisse muss er kaum machen, in der Atompolitik kann er auf Zeit spielen. […..] Trump hat die Atomkrise von seinen Vorgängern Bill Clinton, George Bush Jr. und Barack Obama geerbt und beschlossen, den nordkoreanischen Diktator zwecks Lösung der Krise persönlich kennenzulernen. Das entspricht seinem Selbstverständnis als Dealmaker.
Dagegen ist nichts zu sagen, über Massenvernichtungswaffen muss geredet und verhandelt werden, sie sollten am besten ganz aus der Welt verschwinden. Der Preis dafür aber ist, dass Nordkoreas Diktator Kim Jong Un damit international wie zu Hause enorm aufgewertet wird. Etwas Besseres als ein intensives Händeschütteln mit Trump in Singapur vor den groß aufgezogenen Nationalflaggen Nordkoreas und der USA konnte Kim – einem Menschenrechte missachtenden Gewaltherrscher – nicht passieren. Plötzlich steht er als international beachteter Staatsmann da.
Überhaupt ist der Gipfel für die Nordkoreaner günstig ausgegangen, denn auch wenn Trump stets Konsequenz und Härte zeigen will, ist er beim nordkoreanischen Staatschef ziemlich weit in Vorleistung gegangen. Er stellte Kim in Singapur nicht nur in Aussicht, nach Pjöngjang zu reisen, er will ihn zu gegebener Zeit auch ins Weiße Haus einladen – eine Einladung, die Kim Jong Un angenommen hat. […..]

Alles richtig, aber am ein interessanter Aspekt wird für meinen Geschamck zu wenig betont, nämlich das totale Versagen der US-Medien, die zwar auch Experten befragen, aber sich wieder einmal willig und devot vor Trumps Wahlkampfkarren spannen lassen; ihm kostenlos 24/7 eine Propaganda-Show ganz in seinem Sinne liefern.
Offenbar haben sie nichts daraus gelernt, wie sie 2015/2016 wesentlich dazu beitrugen mit Trump den Mann ins Weiße Haus zu befördern, der nun nach Kräften die freie Presse ausmerzt.

[…..] Doch nicht nur Fox News beteiligt sich an der Jubelfeier. Die Live-Bilder aus Singapur - die hier unter anderem die reale US-Realityshow "The Bachelor" unterbrachen - waren ganz im Sinne des Weißen Hauses. Selbst CNN und MSNBC, sonst eher Trump-kritisch, verklärten jeden Schritt und jede Szene als "historisch" - oder, wie Trump es selbstzufrieden nannte, "sehr historisch".[…..]

  
[…..] Groß auf Sendung. In den amerikanischen Medien kritisieren Experten das Ergebnis des Gipfels. Doch in der Wahrnehmung dominiert Donald Trump und seine Inszenierung des Treffens als opulente Fernsehshow, die sich nur um ihn drehte.
[…..] Die Zweifel von Professoren, pensionierten Diplomaten und anderen Experten, die im Fernsehen rational Fakten diskutieren, dürften freilich nur begrenzt Gewicht haben. […..] Für die meisten Amerikaner war der Gipfel vor allem ein opulentes TV-Ereignis, live ausgestrahlt zur besten Sendezeit. Sie sahen dort ihren Präsidenten, der an einem Ereignis teilnahm, das nicht nur das Weiße Haus, sondern auch alle Moderatoren großzügig mit dem Adjektiv "historisch" bedachten. Dass frühere US-Präsidenten mit Kims Vorgängern ähnliche Dokumente unterzeichnet hatten, die zu nichts führten, oder dass sie Nordkoreas Bitten um ein Gipfel früher aus guten Gründen ausgeschlagen hatten - all das ging in der Flut beeindruckender Bilder unter. In dieser Hinsicht bekam Trump, was er sich von dem Treffen erwartet hatte: eine mehrstündige Fernsehshow, die sich nur um ihn drehte. Alles sei großartig gelaufen, Kim werde jetzt rasch alle Atombomben verschrotten, dieses Resümee zog Trump dann im Interview mit seinem Freund und Hofberichterstatter Sean Hannity von Fox News. Widerspruch war da nicht zu erwarten. [….]


Dienstag, 12. Juni 2018

Andrea Nahles – die parteitaktische Blitzbirne.


Wie lustig, nach 12 Jahren krachender Wahlniederlagen, kommt das legendär unfähige WBH („Willy-Brandt-Haus“, vulgo Schlangengrube) auf die Idee zu analysieren, ob es eigentlich irgendwelche Gründe dafür gibt, daß von den 20 Millionen Menschen, die 1998 die Schröder-SPD gewählt haben mittlerweile zehn Millionen schreiend weggelaufen sind.
Sind das zufällige Schwankungen? Unterliegt die SPD höherer Gewalt? Sind 50% der Wähler ausgewandert und haben ihre Staatsbürgerschaft abgegeben?
Man weiß es nicht.
Nun also der bahnbrechende neue Gedanke: Könnten die miserablen Wahlkämpfe und die brutalen Klatschen durch den Wähler womöglich etwas mit der eigenen Performance zu tun haben?
Spielt etwa die SPD bei den SPD-Wahlergebnissen auch eine Rolle?
Das sind diese Fragen, über die sich in den goldenen Jahren der Sozialdemokratie echte Weitdenker auf dem Stuhl des Generalsekretärs Gedanken machten. Vor 1999 brauchten die Herren noch nicht einmal diese martialischen Titel, sondern firmierten unter „Bundesgeschäftsführer“: Hans-Jürgen Wischnewski, Egon Bahr, Holger Börner, Günter Verheugen und Peter Glotz waren hochintelligente Analytiker, welche die Partei stets so modern ausrichteten, daß sie an der Spitze des Fortschritts stand.
Das Denken im WBH wurde spätestens am 15.11.2005 mit dem Einzug Hubertus Heils eingestellt. Nach vier Jahren führte er die SPD in die bis dahin schlimmste Wahlniederlage. Heils Partei verlor gewaltige 11,2 Prozentpunkte und sackte auf 23,0% weg. Die letzte Wahl mit einem Spitzenkandidaten Schröder endete 2005 noch auf Augenhöhe mit der CDU, nämlich bei 34,2%.
Also flog die SPD zu Recht aus der Regierung und verkündete sich in der Opposition erneuern zu wollen.
Organisieren sollte diesen inhaltlichen Wandel eine neue Generalsekretärin, die von 13.11.2009 bis 26.01.2014 amtierte und deren Name mir gerade nicht einfallen will. Sie kam, glaube ich, aus der südwestlichen Provinz, war streng-gläubige Katholikin und intellektuell sehr schlicht veranlagt.


Sie debakulierte noch schlimmer als Heil durch diese vier Jahre, versagte dabei Sarrazin aus der Partei zu werfen, warf dafür aber die Säkularen aus der SPD, verhinderte einen kirchenkritischen Arbeitskreis in der Partei, klaute als Walkampfslogan den Werbespruch einer ausbeuterischen Zeitarbeitsfirma und war schließlich vom Wahltermin 2013 derart überrascht, daß sie weder den Kandidaten kannte, noch ein Konzept entwickelt hatte. Stattdessen empfahl sie rote Mützchen zu stricken und verkündete „Stricken für den Wechsel“ könne das Ruder herumreißen.


Nach dieser Performance kam die CDU/CSU bis auf einen Sitz an die absolute Mehrheit heran; aber durch das Ausscheiden der Rösler-Lobbygruppe, wurde ein Koalitionspartner gebraucht, so daß die SPD paradoxerweise wieder in die Regierung einzog.

Nun hätte man sich auf die Kernkompetenz der SPD besinnen können; „das Soziale“.
Denn nun wurde wieder ein SPD-Mitglied Sozialminister und damit Hüter des mit Abstand größten Etats im Kabinett.
Endlich also wieder Gelegenheit in der Regierung zu zeigen was man kann und wie man sich „für die kleinen Leute“ und Gerechtigkeit einsetzt.
Unglücklicherweise besetzte den Posten eine streng gottesfürchtige Pfälzerin mit dem rhetorischen Talent einer Ohrenmuschel, die sich als großer Merkelfan entpuppte, strikt das umsetzte, was sie vorher vehement bekämpfte – also beispielsweise die alleinige Finanzierung der Renten durch die Arbeitseinkommen. Selbstständige, Beamte, Vermögende und Bundestagsabgeordnete entließ sie großzügig aus der Solidarität; die tragen alle bis heute keinen Cent zur Finanzierung der Renten bei.
Und so kann eine vom Staat bezahlte Ex-Bischöfin wie Käßmann im stolzen Alter von 60 Jahren ihre B9-Pension genießen, ohne selbst irgendwie dazu beizutragen, daß Geringverdiener entlastet werden, die mindestens bis 67 arbeiten und sich oft bis zu ihrem Lebensende durch Hiwi-Jobs wie Zeitungsaustragen etwas dazu verdienen müssen, um ihre Mieten bezahlen zu können.
Wie hieß diese unselige Sozialministerin noch? Ganz bekannter Name. Leicht pyknische Gestalt, Faible für Vulgärsprache, große Narbe auf der Stirn, fanatische Faschings-Feierin, Papst-Bewunderin.
Ich komme nicht drauf.

Naja, nun ist jedenfalls eine Andrea Nahles Partei- und Fraktionschefin.
Endlich ein neuer Name. Sie verfiel nun also auf diesen Einteinschen Gedanken, Experten zu befragen, ob es womöglich eine Mitschuld der SPD am Bundestagswahlergebnis 2017 von 20,5% und dem folgenden weiteren demoskopischen Abstieg gab.
Also ich konnte es mir, ehrlich gesagt nicht vorstellen, schließlich hatte der Parteivorsitzende extra für die Wahlkampfkoordination vom 02.06.2017 bis zum 08.12.2017 Hubertus Heil erneut zum Generalsekretär der Partei erhoben.
Dieser hatte sich ja schon in der Zeit 2005-2009 so großartig bewiesen, indem er das schlechteste Bundestagswahlergebnis aller Zeiten für die SPD holte. Und, das muss man ihm neidlos anerkennen; er lieferte! Holte 2017 erneut das schlechteste Wahlergebnis aller Zeiten, unterschritt sogar noch seine Kellerwert von 2009 um 2,5 Prozentpunkte.
Wenn man jetzt wirklich zynisch und destruktiv wäre, würde man diesen sich vielfach als Superversager bewiesenen Heil mit einem großen prestigeträchtigen SPD-Kern-Ministerium betrauen, um der Partei endgültig den Todesstoß zu geben.
Heil würde wieder abtauchen und strikt darauf achten, daß kein Wähler merkt, daß ein Sozi auf dem größten Geldhaufen der Bundesregierung sitzt und damit direkten Einfluss auf die Portemonnaies der SPD-Stammwähler hat. Das wäre vielleicht verrückt…
Aber ich schweife ab.
Nun liegt also das Analyse-Ergebnis vor und tatsächlich, oh Wunder, man kann es kaum glauben: Die SPD hat Fehler im Wahlkampf gemacht.
Ich fasse es nicht, es sind sogar mehrere Probleme identifiziert worden:

[…..] "In der öffentlichen Wahrnehmung ist die SPD zum Sanierungsfall geworden", heißt es in der Analyse, die Parteichefin Andrea Nahles am Montag vor Journalisten kommentierte, bevor der Parteivorstand darüber diskutierte. Nahles macht sich ausdrücklich nicht alle Befunde der Studie zu eigen, teilt aber zentrale Thesen. "Es fehlte ein klarer Kurs", sagte sie über die Kampagne 2017. […..] Auch organisatorische Defizite will Nahles angehen. "Das Willy-Brandt- Haus leidet an konträren Kraftzentren", sagte sie. Bis zum Sommer soll die Parteizentrale deshalb so neu organisiert werden, dass sie nicht nur in Wahlkampfzeiten, sondern ständig kampagnenfähig ist. Danach wird eine Beratungsagentur die Abläufe untersuchen. Unzufrieden ist Nahles zudem mit der Fähigkeit der Partei zur "strategischen Kommunikation". Die sei "nicht auf der Höhe der Zeit".
Auch aus den späten Ausrufungen der Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück 2012 und Martin Schulz 2017, die der Bericht im Kapitel über die Wahlkampagne des vergangenen Jahres unter dem Titel "Schiffbruch mit Ansage" als Kardinalfehler einstuft, will die Parteichefin ihre Lehren ziehen. "Wir wollen die Spitzenkandidatur früher und geordneter klären, als das bisher der Fall gewesen ist." Wann die Entscheidung fallen soll, wollte Nahles aber nicht verraten. [….]

Also das klingt logisch.
Schuld ist ein anderer, der jetzt nicht mehr dabei ist. Nämlich der zum Zeitpunkt der Bundestagswahl beliebteste Politiker Deutschlands, Bundesaußenminister Gabriel.
Das ist ja klar; die Wähler hassen die beliebtesten Politiker; auf Platz eins der Zustimmungsliste zu stehen, kann der Partei nur schwer schaden.

Die anderen drei Punkte sind schon schwerer zuzuordnen.

Organisatorische Defizite? Wer sitzt denn schon ewig im WBH und hatte von 2009-2014 Zeit die Kommunikationswege zu erneuern?

Strategischen Kommunikation? Wer war dieser unfähige Generalsekretär, der 2013 Steinbrück ohne Konzept, mit fröhlichen Strickvideos untergehen ließ?

Es fehlte ein klarer Kurs? Eigenartig. Wer war den bloß die letzten vier Jahre vor der Wahl im Kernministerium der SPD Ressortchef und hätte mit klarer sozialer Politik beweisen können für welchen Kurs die SPD steht?

Ich komme wieder nicht drauf, aber gut, daß jetzt die Nahles Chefin ist.
Die hat ja bekanntlich nie Fehler gemacht.
Den Schwarzen Peter hat Sigmar Gabriel.
Frau Nahles bestimmt jetzt die Richtung, setzt auf Nationalismus und Xenophobie. Das begeistert die alten SPD-Stammwähler.

[…..] Geradezu erschreckend leicht fällt der SPD in ihrer Fehleranalyse die Suche nach Sündenböcken. Da darf niemand auf Nestwärme hoffen. Das bekommen Nahles' Vorgänger Sigmar Gabriel und Martin Schulz zu spüren. Alarmierend ist nicht die Kritik im Bericht, natürlich kann niemand die beiden von Verantwortung freisprechen. Alarmierend ist der Ton, vor dem Nahles die Betroffenen auch nicht in Schutz nimmt. Über Gabriel fällt das Urteil vernichtend aus, gerade so, als habe er sich die Partei im Jahr 2009 zur Beute gemacht. Überzeugend ist das nicht. Andrea Nahles gehört seit Jahren zum Parteiestablishment, sie war Generalsekretärin an Gabriels Seite. Souveräner wäre es gewesen, früher einzugreifen, statt jetzt zuzulassen, wie mit dem Finger auf Gabriel gezeigt wird.
An Schulz lässt sich vieles kritisieren, allerdings nicht, dass es ihm an Respekt vor der Aufgabe als Kanzlerkandidat gefehlt habe, wie es im Bericht steht. Das Gegenteil ist der Fall. Der Respekt vor der Aufgabe hat ihn klein gemacht. [….]

[…..] Man kann den gewesenen Vorsitzenden einiges nachsagen, aber dass beispielsweise Gabriel allein für alle Versäumnisse oder Ärgernisse oder Fehler verantwortlich wäre, das dann doch nicht. Verantwortlich sind alle, die seit Jahren im Parteivorstand sitzen, darunter Andrea Nahles, darunter Olaf Scholz. Sie alle hätten ausreichend Möglichkeiten gehabt, alles anzusprechen, alles zu ändern.
Dass die neue Führung die alte, Gabriel und Schulz, nicht zur Fehleranalyse eingeladen hat, zeigt, welcher Geist vorherrscht. Taktik regiert. Man kann das eine Verrohung der Sitten nennen. Zumal sich einiges gegen die Analyse einwenden ließe. Wenn Gabriel oder Schulz offen sprächen … Was sie nicht tun. Das gehört sich auch nicht für Genossen, die es bleiben wollen. Außerem wäre es nicht zielführend. Nur so viel als Anspielung: Ein Autor hat den NRW-Wahlkampf gemanagt, der mit der Abwahl endete; und der hatte sich mit Gabriel überworfen. Ein weiterer steht auch nicht eben Gabriel nahe, sondern gilt als Nahles-Mann. Daneben war er von Niedersachsens Ministerpräsident im Zuge einer Affäre um die Vergabe öffentlicher Aufträge als Staatssekretär entlassen worden.
Unabhängig von alledem: 17 Prozent in Umfragen heute sind nicht mehr Gabriel (oder Schulz) anzulasten. […..]