Montag, 28. Mai 2012

Rent a Ratzinger





Irgendwann einmal war Sozialpolitik in Mode und wirkte richtig sympathisch.
Damit konnte man Wahlen gewinnen.
 Es reichte auch, wenn man sich nur einen sozialen Anstrich verpasste und in Wahrheit von unten nach oben umverteilte.
Ende der 1990 aber gewann in der VERöffentlichten Meinung der Neoliberalismus klar die Oberhand.
Plötzlich galt der Thatcherismus als Vorbild. Die eiserne Lady wurde dafür bewundert, daß sie den Gewerkschaften das Rückgrat gebrochen hatte und der angelsächsische Kapitalismus sich frei entfalten konnte. 
Der „deutsche Weg“ aus Mitbestimmung und Konsens war jetzt völlig unsexy. 
Friedrich Merz, der ein Buch mit dem programmatischen Titel „Mehr Kapitalismus wagen“ geschrieben hatte und unverhohlen die deutschen Gewerkschaften bekämpfte („Wenn man einen Sumpf austrocknen will, darf man nicht die Frösche fragen!“) stieg zu einem der beliebtesten Politiker auf und wurde CDU-Fraktionschef.

Angela Merkel redete sich in die Herzen der Politkommentatoren und steinreichen Verlagschefinnen, als sie auf dem berühmt-berüchtigten „Leipziger Parteitag“ von 2003 nichts weniger als den Abschied vom Solidarprinzip verkündete. 
Kopfpauschale und Ministeuern ließen die Großindustriellen frohlocken.

Den Wählern gefiel es. Umfragen zeigten, daß Hetze gegen die Ärmsten, gegen „Sozialschmarotzer“ bis zu 75% Zustimmung bekam.
 Hartzler waren auf einmal die Arbeitsscheuen, von denen jeder wußte, daß sie sich nur drücken wollten. Jeder hatte schon die TV-Berichte von den Faulpelzen gesehen, die man zum Spargelstechen geschickt hatte und dennoch nicht arbeiten wollten.
Es war die Zeit als Thilo Sarrazin als der eiskalte Finanzsenator mit seinen fortgesetzten Attacken gegen „Transferempfänger“ zum Liebling der Massen wurde.

Der Multimillionär rechnete ihnen vor, wie man mit ein paar Cent eine Mahlzeit zubereiten könnte und empfahl einen Pullover mehr anzuziehen, statt die Heizung aufzudrehen.
 Das gefiel dem Volk.
 Je mehr er auf die sozial Schwächsten eindrosch, desto populärer wurde er.

Und die neoliberale, stahlharte Reformerin von Leipzig 2003 wurde Bundeskanzlerin.
So ließen sich Mehrheiten erlangen.

Obwohl die SPD die Agenda 2010 durchboxte, wollte die Majorität der Wähler noch eine härtere, Markt- und Unternehmer-freundlichere Politik, was dann schließlich bei der Bundestagswahl 2009 in 15% für Guido Westerwelle mündete.

Ein Zeichen unserer Zeit ist aber die Gleichzeitigkeit von Entwicklungen.
Die Abgehängten der Gesellschaft - sie heißen jetzt „Prekariat“ oder schlicht wieder „Unterschicht“ - neigen zwar zur politischen Apathie, aber in regional begrenztem Ausmaß kann durchaus ein Kümmerer und Zuhörer der „kleinen Leute“ populär werden.

Im einstigen Kohle-Revier NRW, welches mit Peer Steinbrück einen der überzeugtesten Agenda 2010er als Ministerpräsident hatte, überholte der einstige Zukunftsminister Kohls die SPD von links und propagierte die Vergangenheit. 

Keinen Sozialabbau mehr und für die harten neoliberalen Schnitte müsse Merkel erst einmal am selbsternannten Arbeiterführer Rüttgers vorbei.

Das gefiel den NRW’lern auch und nach gefühlten 5 Jahrhunderten roter Herrschaft an der Ruhr, erzielte der soziale Jürgen 2005 ein Rekordergebnis für die CDU.

Intensiv arbeitete er weiterhin daran das Etikett „Arbeiterführer Rüttgers“ zu behalten, welches ihm auch tatsächlich mit einer Mischung aus Spott und Bewunderung zugestanden wurde.

Nicht, daß er tatsächlich jemals Angela Merkel gestoppt hätte, aber er tat so, als ob er das soziale Gewissen der CDU wäre.

Im Wahlkampf 2010 brachen allerdings zwei Großkatastrophen über Rüttgers hinein. Und beide wurden durch Indiskretionen publik.

Zum einen drangen Interna aus der Staatskanzlei (vor allem an den Blog „Wir in NRW“), die belegten, daß Rüttgers gar nicht der nette Sozialonkel war, sondern ein cholerischer Arsch, der vor keiner Schmutzkampagne zurück schreckte.

Und noch schlimmer: Der angebliche Freund der kleinen Leute war käuflich. 
Für ein paar Myriaden Euro in die CDU-Wahlkampfkasse durften sich Unternehmer eine Stunde Zeit am Ohr der Ministerpräsidenten buchen.

Damit war die Glaubwürdigkeit atomisiert, die CDU brach ein und die Kraft-Ära begann.

Etwas sehr, sehr ähnliches spielt sich dieses Jahr auch im Vatikan ab.


„Vatileaks“ enthüllte nicht nur einen angeblichen Mordplan auf den Pontifex und wies erneut auf die mafiösen Finanzgebaren des Heiligen Stuhls hin, nein, Kammerdiener Gabriele fütterte mutmaßlich auch Gianluigi Nuzzi mit Quellen für seine beiden Vatikan-Bücher.

Gerade ist im Mailänder Verlag Chiarelettere das Buch "Sua Santità" (Seine Heiligkeit) mit dem Untertitel "Die Geheimpapiere von Benedikt XVI." erschienen. Ein Maulwurf hat dem Journalisten Gianluigi Nuzzi ein ganzes Dossier von Dokumenten zugespielt, die nicht nur Einblicke ins Innenleben des Regierungsalltags eines Papstes ermöglichen, sondern auch interne Konflikte oder diplomatische Hintergründe ausleuchten.
 […] Gianluigi Nuzzi, ehemaliger Mitarbeiter von Zeitungen wie dem konservativen Corriere della Sera und dem populistischen Libero, hatte bereits vor einigen Jahren in dem Buch "Vatikan AG" (auf Deutsch bei Econ) das wirtschaftliche Innenleben des Kirchenstaates analysiert.

Man erfährt, daß der holocaustleugnerophile Pontifex stinksauer über die Klarstellung der Bundeskanzlerin war, die ihn 2009 daran erinnert hatte den Holocaust nicht in Frage zu stellen. 
Rache-Ratzi ärgerte sich aber noch mehr darüber, daß sein deutscher Nuntius Jean-Claude Périsset gegenüber "dieser Meinungsäußerung von Frau Merkel" nicht viel aggressiver zurück geschlagen hatte.

Genau wie Jürgen Rüttgers, ist Ratzinger in Wahrheit eben nicht der nette mitfühlende Opi, sondern ein rachsüchtiger Herrscher, der keine Opposition duldet.

Die zweite Parallelität Razi-Rüttgi ist noch frappierender.

Auch der Papst läßt sich mieten. 
Sogar die Preise für eine Privataudienz - einige Zehntausend Euro - sind wie bei Rüttgers. 

Aber es ist viel eindrucksvoller, Benedikt XVI. oder seinem Sekretär einen Scheck zu schicken, wie es ein bekannter Mailänder Banker (100.000 Euro) machte - oder ein ebenso bekannter römischer Fernsehjournalist (10.000 Euro für "Almosen"), der denn auch gleich "Bruder Georg" fragte, ob er nun endlich eine Privataudienz bekäme. Auf dem im Buch veröffentlichten Faksimile des Schreibens kann man den Stempel mit dem Sichtvermerk sehen: "Visto dal Santo Padre, 24 Dic 2011". Sogar an Heiligabend muss der Heilige Vater sich mit solchen profanen Dingen beschäftigen.

Sonntag, 27. Mai 2012

Deutsche Nachkriegsjuristen.




Zu den allgemein verbreiteten Missverständnissen gehört die Annahme der gesetzlich Rentenversicherten, sie bekämen nun aus dem großen Rententopf das, was sie selbst einmal eingezahlt hätten.

Nein, in Wirklichkeit handelt es sich um einen Generationenvertrag. Als die heutigen Rentner in die Rentenkasse einzahlten, wurden mit ihrem Geld die damaligen Rentner bezahlt. Dieses Geld ist also längst ausgegeben. 
Die heutigen Rentner werden von den heutigen Beitragszahlern finanziert und wenn das gar zu knapp wird, gibt der Finanzminister was aus dem Steuertopf hinzu.

Die grundlegende Schwierigkeit dürfte inzwischen jedem bekannt sein. Das System funktioniert besser, wenn wenige Rentner, die nach Renteneintritt auch nur noch kurz leben, von vielen Beitragszahlern finanziert werden.
Hat man viele, langlebige Rentner, die von wenigen Beitragszahlern ihre Renten bekommen, müssen einige Stellschrauben gedreht werden. 
Entweder gehen die Beiträge zur Rentenversicherung hoch, oder die Renten sinken, oder es müssen aus dem allgemeinen Steuertopf mehr Mittel fließen.

Erschwerend kommt hinzu, daß durch die deutsch-deutsche Vereinigung 1990 Millionen neue Rentner in das System einwanderten, die aber nicht entsprechend viele Beitragszahler mitbrachten, weil die Löhne in der Ex-DDR niedriger sind und die Arbeitslosigkeit höher ist.

Selbstverständlich werden die DDR-Rentner heute auch von der normalen Rentenversicherung bezahlt. Die Kosten übernehmen vollständig die Sozial- und Rentenversicherten. 
Beamte und Selbstständige haben Glück, sie müssen nichts dazu geben. So war es von der damaligen schwarzgelben Regierung gewollt. Kosten der Einheit trugen die Arbeitnehmer, die Gewinne bekamen die Unternehmer.

Ganz so gerecht, wie sich das mancher heute denkt, ging es bei den DDR-Rentnern übrigens nicht zu. Besonders Staatstreue erhielten erhebliche Aufschläge, die sie quasi bis in die Jetzt-Zeit retten konnten.
„Rente vom Klassenfeind“ nennt das Prof. Klaus Schroeder von der FU Berlin.

Die sicheren Renten [in der DDR - T.]  lagen in den 80er Jahren für die meisten auf einem vergleichsweise kläglichen Niveau zwischen 300 und 400 Mark. Durch ein ausgeklügeltes, intransparentes System garantierte die SED jedoch speziellen Bevölkerungsgruppen Sonder- und Zusatzrenten, die mitunter ein Vielfaches über dem Durchschnitt lagen. Besonders bevorzugt waren systemloyale Kreise wie die Mitarbeiter von Volkspolizei und MfS, Partei- und Staatsbedienstete sowie Angehörige der Intelligenz.
Diese Rentenansprüche
[begründeten] sich zumeist nicht aus entsprechenden Beiträgen […], sondern [stellten …] eine politisch und ideologisch motivierte Treueprämie dar.
[…]  Durch eine großzügige Rechtsprechung der Sozialgerichte stieg darüber hinaus die Zahl der Anspruchsberechtigten geradezu sprunghaft an. Während zu DDR-Zeiten zum Beispiel gerade einmal drei bis fünf Prozent aller Ingenieure in volkseigenen Betrieben einen beurkundeten Anspruch auf eine Zusatzrente hatten, stieg der Anteil der Anspruchsberechtigten aus dieser Gruppe bis 1998 auf etwa zwei Drittel. Insgesamt dürften inzwischen knapp eine Million ostdeutscher Rentner mehr oder weniger hohe Ansprüche auf Zusatz- und Sonderrenten haben.
Schuf der Einigungsvertrag bereits die Grundlagen für die generelle Gleichstellung der Rentenberechnung in den neuen und alten Ländern trotz deutlich unterschiedlicher Einkommenshöhe und Beitragszahlungen in der DDR und der Bundesrepublik, rettete die deutsche Justiz wie schon nach 1945 den Verantwortungsträgern der Diktatur ihre privilegierte Rente. Doch die derzeit gegenüber den Westrenten monatlich etwa 100 Euro höheren durchschnittlichen Renten stiften keine höhere Zufriedenheit.
Die jährlich etwa vier Milliarden Euro für die zusätzlichen Renten teilen sich nominell Bund und neue Länder. Faktisch wird jedoch fast ausschließlich der westdeutsche Rentenbeitrags- und Steuerzahler zur Kasse gebeten, da die ostdeutschen Länder chronisch unterfinanziert, hoch verschuldet und von Westtransfers abhängig sind. Die Westdeutschen dürfen nun also auch denjenigen, von denen sie einst als Klassenfeind bekämpft wurden, eine Rente zahlen, die im Schnitt noch über der eigenen liegt. Gleichzeitig fehlen diese Transfergelder bei den Investitionen, die die Wirtschaft im Osten ankurbeln sollen.

(Deutschlandradio 02.09.2006)

Ende 2007, nachdem die SED-Begünstigten also schon 17 Jahre eine vergleichsweise hohe Rente bekamen, trat dann tatsächlich auch das SED-Opferrentengesetz in Kraft.

Abgesehen von diesen relativen Verwerfungen (SED-Privilegierte bekommen hohe Renten, SED-Opfer niedrigere) ist es absurd den Ost-Rentnern vorzuwerfen sie hätten „nichts eingezahlt“.
Wie hätten sie das auch anstellen sollen? 
Außerdem langen die DDR-Löhne deutlich unter den West-Nettolöhnen nach Abzug des Rentenversicherungsbeitrages.


Ohne Vergleiche ziehen zu wollen: Die Welt ist nicht gerecht.
Aus dem deutschen Rentenversicherungssystem wurde auch ein Vielfaches von dem was an Entschädigungen für KZ-Opfer aufgebracht wurde, an Renten für ehemalige Nazis und SS-Angehörige bezahlt.

Man kann sich immer nur staunend schämen wie viele Jahrzehnte es brauchte bis sich mal eine deutsche Regierung an die Naziopfer erinnerte.
Wehrmachtsdesateure sind bis heute nicht rehabilitiert und erst die Schröder-Regierung schuf den Zwangsarbeiter-Entschädigungsfonds.

Das offizielle Mahnmal für die gute 500.000 von den Deutschen ermordeten Sinti und Roma wird erst Ende 2012 eröffnet und bis heute ist Antiziganismus - so nennt man den rassistischen Reflex, das Volk der Sinti und Roma zu diffamieren - gesellschaftsfähig.

Erst 1982 sprach der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt den Sinti und Roma den Opferstatus zu, fast vierzig Jahre nach Kriegsende.  [….] Das Allensbacher Institut [ermittelte]: 68 Prozent aller Deutschen lehnen es ab, neben einer Zigeunerfamilie zu wohnen. Weil sie fürchten, bestohlen zu werden; weil sie glauben, dass von Zigeunern eine irgendwie ungute Schwingung ausgeht. Vielleicht auch, weil den Deutschen trotz Zigeunerbraten, Zigeunersoße und Zigeunerbaronen kein Volk so fremd vorkommt wie das der Sinti und Roma. 'Wir sind die Minderheit, die die größte Xenophobie auf sich zieht', sagt [der Vorsitzende des Landesverbands der Sinti und Roma in Baden-Württemberg]  Daniel Strauß, 'der gesellschaftliche Antiziganismus ist nach wie vor salonfähig.'
(SZ 24.05.12)

Und, nein, wer jetzt denkt, wenigstens die Juden hätten ihre kärglichen Entschädigungen durchgesetzt, irrt.

Vorgestern erschien in der SZ ein Artikel von Ronen Steinke über die bisher verweigerte Wiedergutmachung, der leicht abgewandelt auch schon vor zwei Jahren in der Jüdischen Allgemeinen erschien. 
Passiert ist seitdem offensichtlich nichts.

Es geht exemplarisch um Sylvia Gembitzky, eine 82-Jährige arme Rentnerin aus Tel Aviv, die einst im Jüdischen Ghetto Berschad in der heutigen Ukraine für die Nazis arbeiten mußte. 
Daß ihr überhaupt eine, wenn auch klägliche, Rente aus der Zeit zusteht, ist ebenfalls der Schröder-Regierung (2002) zu verdanken. 
Ausgezahlt wurde bisher allerdings nichts - in zehn Jahren juristischen Hickhacks haben sich alle Rentenversicherungsträger erfolgreich gedrückt.

So geht es derzeit fast 24000 Holocaust-Überlebenden: Eigentlich hatte der Bundestag sich ihnen im Jahr 2002 zugewandt, mit der bislang letzten Initiative für eine Entschädigung von NS-Opfern. Wie gründlich die jedoch seither versandet ist, beschreibt eine aktuelle Untersuchung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.   Mit der Initiative von 2002 wollte der Bundestag eigentlich eine Lücke schließen, die jahrzehntelang in der deutschen Entschädigungspolitik klaffte und in die Menschen wie Sylvia Gembitzky gefallen waren. Menschen, die in Ghettos der Nationalsozialisten zu harter Arbeit eingeteilt worden waren, konnten keine Wiedergutmachung erhalten. Sie galten den Behörden der Bundesrepublik weder als verschleppte Zwangsarbeiter noch als regulär Rentenberechtigte. Um als Zwangsarbeiter anerkannt zu werden, so hieß es, hätten sie zu wenig Zwang erlitten, um als Mitglied der Renten-Solidargemeinschaft anerkannt zu werden, zu viel. Erst als in den neunziger Jahren im polnischen Lodz, am Ort eines einstigen Ghettos, alte Arbeitslisten auftauchten, die sogar zeigten, wie aus dem Ghetto säuberlich Rentenbeiträge ins Deutsche Reich abgeführt worden waren, stellte das Bundessozialgericht klar: Den Ghettoarbeitern steht eine Rente zu. Es dauerte bis 2002, bis der Bundestag dafür ein Gesetz schuf. Und dann folgte ein Jahrzehnt, in dem dieses 'Gesetz zur Zahlbarmachung von Renten aus Beschäftigung in einem Ghetto' (ZRBG) zwischen der Deutschen Rentenversicherung und den Sozialgerichten größtenteils zerrieben wurde. Die Rentenkassen lehnten zunächst neun von zehn aller Anträge ab - diesmal mit der Begründung, die Antragsteller hätten im Ghetto zu viel Zwang erlitten. Das Ghettorenten-Gesetz von 2002 verlangt eine 'freiwillige' Beschäftigung. Und was konnte bei der Internierung im Ghetto schon freiwillig gewesen sein?  Manche Sozialgerichte bestärkten die Kassen in dieser Strenge, viele Antragsteller gaben auf.
(SZ 25.05.12)

Shame on you Deutschland.

Immerhin eine der Bundestagsparteien findet diesen Zustand so unerträglich wie ich - die Linkspartei. Sie forderte die Koalition auf zu handeln. Aber - wie wenig überraschend - SchwarzGelb rührt sich nicht und wartet lieber bis die letzten paar Tausend Empfangsberechtigten, 67 Jahre nach Ende des Krieges, aussterben. 
Die biologische Lösung.
 Eine perfide Strategie, die aufzugehen scheint. In der Version des Artikels von 2010 steht zu den Rentenberechtigten „insgesamt sind dies über 40.000 Menschen.“ Die SZ von vorgestern spricht noch von 24.000 Holocaust-Überlebenden, die auf ihre Rente warten.

Die Linksfraktion will auf Initiative der Abgeordneten Ulla Jelpke die Bundesregierung auffordern, ein neues Ghettorenten-Gesetz vorzulegen. Aus der Koalition hat sie darauf aber noch keine Antwort bekommen - auch deshalb nicht, weil die Koalition das Thema im Sozialausschuss am Mittwoch kurzfristig von der Tagesordnung nehmen ließ.
(SZ 25.05.12)

Samstag, 26. Mai 2012

Ratzi ist traurig.




Für diejenigen, die a) religiös sind und b) so von der Ungleichwertigkeit der Menschen überzeugt sind, daß sie strenge Hierarchien bevorzugen, ist der Papst-Job das non plus ultra.

Ruhm, Reichtum, Macht und Medienaufmerksamkeit - so viel man will. Das ist das Pro des Pontifex-maximus-Berufes.
Man hat praktisch Zugang zu jedem. Obama, die Queen und selbst Florian Silbereisen - wen man zu sprechen wünscht, der steht Gewehr bei Fuße.
Man kann auch angenehm reisen, in luxuriösen Privatjets. Und auch wenn man sich selbst einlädt, wie bei der Bundestagsrede, als Ratzi dem Parlamentariern zu ihrer großen Begeisterung seine Sicht der Naturrechte (Frauen haben eine dienende Funktion, Schwule sind bähbäh,.) darlegte, muß er noch nicht mal selbst zahlen, sondern der Gastgeber kümmert sich freundlicherweise um alles.

Ratzi, der es unter 1,2 Milliarden Katholiban zum Oberchef gebracht hat, hätte also allen Grund den lieben langen Tag zu frohlocken, Luftsprünge zu machen, Räder zu schlagen, sich auf die Brust zu trommeln.

Aber nein, heute erfährt man sogar er sei "betrübt und schockiert".

Wie kann das angehen? 
Ist der Vizegott etwa undankbar? 
Reicht ihm die Weltherrschaft denn nicht? 
Was kann man noch mehr wollen?

Mir fällt da kaum was ein. 
Fußball-Bundestrainer? 
Einen größeren Penis? 
Obamas Air Force One? 
Ein Kleid von Dior?

ODER ist er "betrübt und schockiert", weil er sich um die Entwicklung seiner Megakirche sorgt?
Grund gäbe es ja theoretisch schon.
 Z.B. daß Millionen Anhänger jedes Jahr austreten, weil so enttäuscht sind. 
Oder weil das öffentliche Ansehen katholischer Priester in Westeuropa inzwischen hinter Gebrauchtwagenhändler und Politiker abgerutscht ist.
 Oder weil er keinen Priesternachwuchs mehr findet. 
Oder betrübt es ihn womöglich, daß tausende seiner Patres kleine Jungs molestiert haben?

Nein, das ist es nicht, denn die Entwicklungen gibt es ja schon länger, ohne das Vatikan-Sprachrohr Lombardi mitteilen ließ der Heilige Vater sei "betrübt und schockiert".

Der Grund ist vielmehr, daß vermutlich das Vatileaks-Loch entdeckt wurde und es sich dabei um Ratzis Kammerdiener Paolo Gabriele (46) handelt.

Nun steht ausgerechnet der Kammerdiener des Oberhaupts der katholischen Kirche unter Verdacht. Bei einer Wohnungsdurchsuchung sei eine riesige Menge von Dokumenten gefunden worden, die sich nicht in Besitz des Mannes hätten befinden dürfen, berichteten italienische Medien. Der Papst reagierte "betrübt und betroffen". Es handele sich um eine schmerzliche Entwicklung, zitierte die Nachrichtenagentur Ansa Benedikt XVI. unter Berufung auf ihm nahestehende Quellen.
Der Verdächtige war schon zu Zeiten von Papst Johannes Paul II. im Vatikan angestellt. 2006 wurde er dann Nachfolger von Angelo Gugel, dem bisherigen Kammerdiener des Pontifex. Diskretion ist höchstes Gebot für das Amt des "Maggiordomo", wie es im Italienischen heißt. Er zählt neben den Privatsekretären Georg Gänswein und Alfred Xuereb zur Päpstlichen Familie.
Der mutmaßliche Maulwurf half Benedikt XVI. beim Anziehen, bediente ihn beim Essen und bereitete sein Schlafzimmer vor. Er reiste mit dem Papst, Bilder zeigen ihn neben seinem Dienstherren im Papamobil. Und er hatte alle Schlüssel - zu Türen, Treppen, Aufzügen, Gemächern.

In der kleinen Vatikanwelt, in der selbst Kurienkardinäle den Chef nur sehr selten zu sehen bekommen, ist das Kleine Küchenkabinett, wie die „Päpstliche Familie“ auch genannt wird, der eigentliche Machtfaktor. 

Wer wie die Schnacksel-Fürstin Gloria privaten Kontakt mit Georg Gänswein pflegt, hat auch direkten Zugang zum Papst.
 Seine Privatdiener sind diejenigen, die bestimmen, welche Informationen und welche Anliegen dem greisen Bayern in den roten Schühchen vorgelegt werden und was von ihm fern gehalten wird.
Daß Kreuznet diese wichtige Stellung so deutlich herunterspielt, kann man als Beleg dafür werten, daß es tatsächlich so ist.

Zusammen mit den beiden päpstlichen Privatsekretären, Prälat Georg Gänswein und Prälat Alfred Xuereb, sowie den vier geweihten Jungfrauen der Gemeinschaft der ‘Memores Domini’ gehört er zur Päpstlichen Familie.
Gabriele trägt die Verantwortung für den Päpstlichen Haushalt und kümmert sich bei den Reisen um die Rosenkränze und Medaillen für Gäste oder bei Schlechtwetter um die Regenschirme.
(Hakenkreuznet 26.05.12)

Daß Ratzis Kammerdiener Interna ausplaudert ist natürlich nicht schön für JR.

 Nun sitzt er mit Guido Westerwave in einem Boot, der noch einen Tag bevor die undichte Stelle beim Wikileaks-Skandal gefunden wurde kategorisch ausschloß, daß ein Mitglied der FDP der US-Informant gewesen sein könne. Und dann war es sein eigener Büroleiter.

Erstaunlich womit sich heutzutage die Kammerdiener des Papstes beschäftigen.


 Chinedu Thomas Ehiem, der vatikanische Chorsänger, organisiert für die Herren in den Soutanen neben den gesanglichen auch andere orale Freuden.
Pfaffen lieben es oral.
Ehiem vermittelt Callboys.


"Im Vergleich zu dem bin ich bloß normal ausgestattet, er hat einen unglaublichen Körper. Ab zehn Uhr hat er Zeit, er ist ein Freund von mir und tut, was ich ihm sage." Solche Mitschnitte aus Telefonaten, aus sehr delikaten Telefonaten, haben dem Vatikan einen deftigen Skandal um Sex und Prostitution beschert.

Angehende Priester wurden ebenfalls von dem Vatikanischen Chorsänger als Lustknaben an den höheren Klerus vermittelt:


Und Ehiem ist äußerst rührig: "Ich habe da einen aus Neapel, einen Kubaner, einen Deutschen, gerade aus Deutschland eingetroffen, zwei Schwarze, einen Fußballer, einen Tänzer der RAI", heißt es laut der Tageszeitung "Libero" in einem Mitschnitt. Einmal wird der Kuppler konkret und bietet einen Prostituierten an, "zwei Meter groß, 97 Kilogramm schwer, 33 Jahre alt." Auch Priester-Seminaristen sollen zu den jungen Männern gehört haben, die Ehiem an Balducci weiterreichte; in einem Gespräch jedenfalls kommt die Frage auf, wann denn der Jüngling "wieder im Seminar" sein müsse.

Als Zuhälter für schwule sexuelle Dienstleistungen im Vatikan fungierte hauptsächlich Angelo Balducci; "Gentiluomini di Sua Santità" ("Ehrenmänner Seiner Heiligkeit") des Papstes und Präsident des Obersten Rates für Öffentliche Arbeiten.

Die "Gentiluomini di Sua Santità" hatte Papst Paul VI. im Jahr 1968 statt des früheren Hofstaates eingesetzt. Um einer der 147 "Ehrenmänner Seiner Heiligkeit" zu werden, muß man ganz besondere Verdienste gegenüber dem Heiligen Stuhl erworben haben - eine Voraussetzung, die Baldulucci offensichtlich erfüllte.

Sexuelle Dienstleistungen durch junge hübsche Männer sind im Staat der Zölibatären heiß begehrt.
Sich die Stricher selbst in einer der vielen Schwulenbars rund um den Vatikan aufzugreifen, ist erstens umständlich, zweitens zeitaufreibend, drittens indiskret und viertens mitunter auch gefährlich, wie das Schicksal des adeligen Herrn Luzi beweist.

Auch Luzi, a Roman nobleman, war einer der "Ehrenmänner Seiner Heiligkeit"; ein Kollege Angelo Balduccis.


The Vatican yearbook notes that Mr. Sini Luzi began service as a Gentleman of His Holiness in April 1989, and today national newspapers published photographs of him, a smiling, bespectacled man, with Pope John Paul II, or standing in the Vatican clad in the black cutaway and decorations of his office.

Der Kammerherr des Papstes, Enrico Sini Luzi, ist 1998 in einer Vatikanwohnung bei schwulen SM-Spielchen umgekommen.

Der in den römischen Schwulenbars stadtbekannte Papst-Freund hatte sich einen Stricher aufgegabelt und wurde dann in Reizwäsche mit einem Kerzenleuchter erschlagen gefunden – der Videorekorder mit den Homopornos lief noch.

Freitag, 25. Mai 2012

Highlights


Im letzten Presseclub  zum Thema „Die eiskalte Kanzlerin - rettet Röttgens Rauswurf Schwarz-Gelb?“ waren sich alle fünf anwesenden Journalisten einig: 

Merkel mache alles in allem ihre Sache ziemlich gut und ein es sei auch niemand in Aussicht, der es besser könne.
Eine offene Frage blieb jedoch in welcher Konstellation Merkel auch nach 2013 Kanzlerin bleiben könne. 
Berappelt sich die FDP doch noch wieder so sehr, daß weiterhin die „schlechteste Regierung in der Geschichte der Bundesrepublik" amtieren kann? 

Kommt stattdessen Schwarzgrün? 

Oder führt das phlegmatische SPD-Trio seine Partei wieder als Juniorpartner in die große K.O.alition?

Irgendwie werde es Merkel aber schon schaffen im Amt zu bleiben.
Ausgerechnet Michael Backhaus (Bild am Sonntag) schien sich aber Sorgen zu machen um seine Lieblingspolitikerin.

Bei den letzten Wahlen und auch in allen Umfragen hätten die Parteien links von der CDU gute 60% erhalten und Merkel können sich bei sechs Bundestagsparteien nicht ewig darauf verlassen, daß die Führungsfiguren nicht doch jenseits von ihr eine Mehrheit zu Stande brächten.

Das ist mal eine interessante Frage.

Die einzigen, die überhaupt einigermaßen miteinander können, sind Grüne und SPD.

Streng hält sich die Gabriel-Parteiführung an die alte Hildebrandt-Maxime 

„Die SPD scheißt in jede Hose, die man ihr hinhält“. 

Um bloß nicht als unseriös oder als Vaterlandsverräter zu gelten, ist die SPD-Zustimmung zur Merkelpolitik verlässlicher als die FDP- oder CSU-Stimmen.
Zwar nörgeln Gabriel, Steinbrück, Steinmeiner und Grinsekatze Nahles immer wieder am Regierungskurs herum, aber im Bundestag stimmen sie letztendlich doch immer zu.
Von der SPD gibt es zu Fiskalpakt, Rettungsschirmen, Afghanistan letztlich immer ein „ja“.

Gabriels Truppe versprüht den Esprit eines greisen Faultiers und scheint schon zufrieden zu sein, wenn die CDU nicht viel mehr als zehn Prozent vor ihnen liegt.

So wird es RotGrün aber schwer haben eine absolute Parlamentsmehrheit zu erringen.
Offensichtlich ist man im Willy-Brandt-Haus so genügsam, daß die vage Aussicht auf einen Dreier nach 2013 als ausreichende Politikgestaltung angesehen wird.

Nur, wer sollte dieser ominöse Dritte sein, nachdem sich Linke, Piraten und FDP solche Mühe geben sich selbst zu zerlegen?

Für Rotrotgrün spräche der Rückzug Lafontaines. Denn seine Person war bisher das Haupthindernis eines solchen Zusammengehens.
Könnte sich der pragmatische Bartsch und seine professionellere Ost-Linke an der Parteispitze etablieren, wäre das ein weiteres Signal für Rotrotgrün. Inhaltlich gäbe es hier die wenigsten Streitpunkte. 
Einen besonderen Charme hätte diese Option für die SPD, wenn die Linke an der 5%-Hürde scheiterte und dann nicht mehr mit vollen Fraktionsrechten im Bundestag vertreten wäre. 
Daß sie auch mit 4,x-Prozent in das Parlament einzögen erscheint mir über die Drei-Direktmandate-Regelung hochwahrscheinlich zu sein. Eine so kastrierte Linken-Gruppe wäre leichter als Stimmvieh zu missbrauchen, als eine selbstbewußte 10%+X-Linkenfraktion.

Für eine herkömmliche Ampel, Rot-Gelb-Grün spräche die absehbar starke Position Christian Lindners in der FDP.
Fragt sich nur, wer dann für die FDP im Bundestag sitzt. Es ist wenig wahrscheinlich, daß Lindner selbst schon 2013 zurück nach Berlin wechselt. Aber bei dem derzeitigen „liberalen“ Personal mit den atomlobbyistischen hardcore-Neoliberalen inkl. Westerwave und Fipsi Rösler sehe ich noch kein Zusammengehen mit Trittin und Gabriel. 
Dazu müßten noch sehr viele rechte Liberale aus der Fraktion geröttgent werden. Ob Linder das in 12 Monaten schafft? Und will er das überhaupt?

Für einen SPD-Grüne- Piraten-Dreier spräche die inhaltliche Flexibilität der Piraten. Sie könnten vermutlich alles und jeden mittragen. Außerdem könnten sich Rote und Grüne berechtigte Hoffnungen machen die Piraten-Frischlinge bei Koalitionsverhandlungen gewaltig über den Tisch zu ziehen, weil sie über keinerlei parlamentarische Erfahrung verfügen.
Bliebe aber der Unsicherheitsfaktor. Wie soll man mit einer Partei durch womöglich schwere Krisen steuern, wenn sie per Liquid-Feedback pausenlos ihre Meinung ändert?

Wie heterogen die Parteien links der CDU sind und wie wenig man sie deshalb als „Anti-Merkel-Block“ zusammenzählen kann, zeigte heute eine hübsche Episode im Bundestag. Es ging um die kontinuierliche Ausweitung der Waffenverkäufe in Krisenregionen,  welche die Koalition der christlichen Werte voran treibt.

Zum Amnesty International Jahresreport 2012 erklärt Katja Keul, Parlamentarische Geschäftsführerin:
Der Kontrolle des Waffenhandels muss jetzt Priorität eingeräumt werden. International wie national. Wir brauchen einen starken UN-Waffenhandelsvertrag und müssen menschenrechtliche Kriterien bei Rüstungsexporten auch in Deutschland wieder konsequent anwenden. Die Exportpolitik des Kabinetts Merkel ist verheerend. Die Bundesregierung hat jegliche Hemmungen bei der Lieferung von Kriegswaffen aufgegeben. Die Regierung muss hier endlich wirksam kontrolliert werden. Deshalb fordern wir die politischen Grundsätze für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern gesetzlich zu verankern. Die Kontrollrechte des Parlaments müssen gestärkt werden. Der Bundestag muss vor sensiblen Exportentscheidungen informiert werden. Nur so ist den Abgeordneten die Wahrnehmung ihrer Kontrollfunktion gegenüber der Regierung möglich. Der Bundestag muss künftig vierteljährlich über Exportgenehmigungen für Kriegswaffen und Rüstungsgüter unterrichtet werden.
Außerdem muss die Federführung für Exportentscheidungen vom Wirtschaftsministerium in das Auswärtige Amt verlagert werden, denn das Auswärtige Amt hat die notwendige Sachkenntnis zur Menschenrechtslage in den Empfängerstaaten. Es steht der Ruf Deutschlands auf dem Spiel, eine besonnene Menschenrechts- und Abrüstungspolitik zu betreiben.

Martin Linder, der pyknische und doofere Namensvetter des NRW-FDP-Lindners erfuhr, was Linken-Politiker Jan van Aken (und ich) von ihm halten.

Das Protokoll der Marathonsitzung listet auf Seite 95 von 216 genau auf, wie sich Aken zunächst zu einem flammenden Plädoyer für mehr Ernsthaftigkeit bei der Diskussion um deutsche Waffendeals aufschwingt ("Das sind keine Nähmaschinen") und dann zur Frontalattacke gegen FDP-Mann Martin Lindner ausholt.
"Zu Herrn Lindner muss ich sagen, dass ich das unerträglich finde: Jedes Mal, wenn hier eine Frau redet, dann macht dieser Macho arrogante Zwischenrufe und krault sich seine Eier. Das ist wenig zu ertragen. Das geht überhaupt nicht."
Nun ist der Plenarsaal wach, bei der Linken, der SPD und den Grünen setzt begeisterter Beifall ein. Selbst einige Vertreter der CDU/CSU und der FDP können sich ein Lachen nicht verkneifen, unter ihnen auch Lindner.
Die Pfeilspitze ist verschossen, jetzt lenkt Aken ein:
"Entschuldigen Sie, Frau Präsidentin. Ich entschuldige mich dafür."
Das geht in Richtung von Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, die nun etwas verwirrt nachfragt:
"Für den 'Macho' oder für was jetzt?"
Replik Aken:
"Für die 'Eier'."
(Spon 25..05.12)

Donnerstag, 24. Mai 2012

Unsäglich dumme Sprüche.




Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Herr Zollitsch ist die Angela Merkel des Klerikerstandes.

Beide haben einen ganz ähnlichen Politik-Stil; nur daß der Freiburger Erzbischof nicht so maskuline Kleidung wie die CDU-Chefin trägt.
Er kann aber genauso wie die Kanzlerin endlose wolkige Worthülsen bar jeden Inhalts von sich geben, so daß am Ende eines Statements sämtliche Hirne der Zuhörenden in den Stand-bye-Modus runter geschaltet wurden.
Man kann ihm stundenlang zuhören und erinnert schon eine Minute später keine einzige Aussage des teutonischen Oberbischofs.
Er ergeht sich üblicherweise in dem typisch einschläfernden Predigt-Singsang und hangelt sich von Füll-Floskel zu Füll-Floskel.

 In großer Gemeinsamkeit wird man einmütig aufeinander zugehen und das Miteinander betonend zusammen einander zuhören, während man sich in einen echten Dialog begibt und zu konsensuellen Gesprächen eine Übereinkunft erzielen kann.

Ob des Katholikentages am letzten Wochenende in Mannheim, wurde mir unglücklicherweise eine krasse Überdosis Zollitisch verabreicht, so daß mir mindestens 300.000 Hirnzellen abstarben.

Zu der sehr konkreten Frage, ob Katholen und Evangelen zusammen Abendmahl feiern dürfen oder nicht, plappert er folgendes:

„Wichtig ist jetzt die Frage: Wie können sich katholische und evangelische Christen in Deutschland noch stärker die gemeinsamen Glaubenswurzeln neu aneignen; wie die gemeinsame Verantwortung für die Geschichte des Christentums und die gemeinsame Zukunftshoffnung zu Eigen machen und dafür Zeugnis geben? Ob dazu eine kritische Relecture auch des Umgangs der Kirchen miteinander und ein wechselseitiges Eingeständnis schuldhafter Anteile und verpasster Chancen gehört, ist eine Fragestellung, die mich persönlich in diesen Tagen besonders beschäftigt."
(Erzbischof Zollitsch 03.10.2011)

Beeindruckend wie hier jedes klare „ja“ oder „nein“ vermieden wird. 
Die staatliche bezahlte Rhetorik-Ausbildung (vulgo „Theologiestudium“) trägt Früchte.

Sein aktuelles Lieblingssprachbild hat er sich von Angela Merkel und Hannelore Kraft abgeguckt und variiert nun wild wabernd, der Mensch [sofern er nicht schwul, atheistisch oder geschieden ist - T.] stehe im Mittelpunkt, die Kirche wolle den Menschen dienen, ihnen zuhören.

Unser christlicher Glaube wurzelt in der Botschaft des Evangeliums, die den Mensch in seiner Beziehung zu Gott in den Mittelpunkt stellt. Gott ist es, der jedem Menschen seine unverwechselbare Würde schenkt, die es auch im Beruf- und Arbeitsleben zu schützen und zu achten gilt. Deshalb sind wir gefordert, uns immer wieder bewusst zu machen, dass auch im Mittelpunkt allen wirtschaftlichen Agierens der Mensch zu stehen hat.

Was dieses Menscheln konkret zu bedeuten hat, ist bei Zollitsch genauso unklar wie bei der Kanzlerin.
 Lohndumping, Leiharbeit, prekäre Arbeitsverhältnisse, Ein-Euro-Jobs sind in kirchlichen Einrichtungen ausdrücklich vorgesehen. 
Sogar die grundlegendsten Arbeitnehmerrechte verweigert der Arbeitgeber Kirche seinen Angestellten und beruft sich bei diesen Gesetzesverstößen darauf ein „Tendenzbetrieb“ zu sein. 

Auch das Menschenbild der Kanzlerin orientiert sich eher an den Gewinnen der Investmentbanker als an den 2 Millionen Billigarbeitern, die am Ende des Monats zu Arge gehen, um ihren noch UNTER dem Hartz-Satz liegenden regulären Lohn aufstocken zu lassen.

Im Mittelpunkt unserer Politik steht nicht irgendein abstraktes Konzept. Im Mittelpunkt unserer Politik steht der Mensch. Denn wir wissen: Jeder Mensch ist einmalig. Das christliche Menschenbild sorgt zugleich dafür, dass wir unsere Grenzen erkennen. Denn wir wissen auch: Alle Menschen irren und machen Fehler. Am Ende müssen wir uns vor Gott verantworten.

Zollitsch schwadroniert aber auch bei regulären Predigten, also den Texten, für die er besonders viel Mühe aufwendet sinnentleert dahin.

Der Blick auf Gott und das Wissen, dass er unsere Mitte ist, hat über Jahrhunderte unsere Landschaft und Gesellschaft geprägt. Schon ein flüchtiger Blick auf unsere Dörfer und Städte lässt uns dies erkennen. Unsere Kirchen sind es, die in der Regel das Stadtbild prägen. Sie bilden oft die Mitte unserer Gemeinden; wir finden sie an repräsentativen Plätzen unserer Städte. Die Menschen früherer Jahrhunderte haben erkannt, dass sie für die Gestaltung ihres Alltags Orientierung brauchen, die sie sich nicht selbst geben können. Es ist uns offensichtlich nicht möglich, eine Mitte für unsere Gesellschaft einfach herzustellen. Sie kommt von einem Anderen her und wir dürfen erkennen: Gott ist es, der unsere Mitte bildet und für uns da ist. Er gibt unserem Leben Sinn und schenkt uns die Kraft, uns auf ihn auszurichten, unseren Alltag zu gestalten und unsere Aufgaben anzugehen. Dafür stehen unsere Kirchen und in besonderer Weise auch unsere Kirchtürme. Sie sind kraftvolle Zeugen dafür, dass es etwas gibt, das über unseren Alltag hinaus ragt, das den Alltag zu Gott hin aufreißt. Was unsere Kirchen nach außen hin darstellen, braucht seine Entsprechung im alltäglichen Leben. Wo Gott die Mitte des Lebens bildet, werden wir aufmerksam für das, was die Menschen unserer Tage brauchen. Denn Gott beansprucht diesen Platz nicht für sich. Er verlangt nicht nur, dass wir uns nach ihm ausrichten. Er zeigt uns zugleich, dass wir ihm auch im Nächsten begegnen und ihm gerade dann dienen, wenn wir uns die Sorge um unsere Mitmenschen zu eigen machen. […] Dort, wo wir uns an Gott orientieren, uns von ihm führen lassen, da erkennen wir, dass wir den Auftrag haben, dem Leben zu dienen. Dies gilt im Hinblick auf die soziale Verantwortung in unserem Land und in Europa; das gilt aber auch für den Schutz des Lebens von seinem Beginn bis zum Ende. In der Verantwortung vor Gott und im Wissen darum, dass er unsere Mitte bildet, ändert sich unsere Sicht auf unser Leben, weil wir es als Geschenk verstehen, das wir von ihm empfangen und das uns dazu auffordert, verantwortlich damit umzugehen.

Wie Kirchen das Konzept „Mensch im Mittelpunkt“ verstehen, ist ziemlich klar: Als Thema für Sonntagsreden.
Konkret werden soll das aber bitte nicht.
 Der Militärbischof Overbeck hat also nichts dagegen, wenn Tausende deutsche Soldaten stationiert sind.
Wie Kirchen ganz praktisch den Menschen in den Mittelunkt rücken, wird diejenigen, die untertariflich bezahlt für die Kirche arbeiten, die gefeuert wurden, weil sie geschieden sind, denen die missio canonica entzogen wurde, weil sie zufällig schwul sind, die nicht streiken dürfen und gewerkschaftlich nicht vertreten sind, wenig beeindrucken.

Kathrin Schlenkermann, 44, alleinerziehende Mutter dreier Kinder in Buxtehude, erhielt Anfang der Woche eine Lektion der „Mensch im Mittelpunkt“-Politik der evangelischen Kirche.
Nachdem ihre drei Kinder Michel (9), Ida und Eric schon mehrfach begeistert mit ihrem Kindergarten an die Schlei gefahren waren, freute sie Frau Schlenkermann über ein Angebot für eine Kinderreise der St.-Petri-Gemeinde nach St. Peter-Ording. 
Sonne, Strand, Matsch. Ida, Eric und Michel waren enthusiastisch.

Blöd nur, daß die Kirchengemeinde absagte, als sie ein kleines Geheimnis über Michel erfuhren:

Seit seiner Geburt hat der Zweitklässler einen Gehfehler. Sein linkes Bein ist verkürzt, er muss einen orthopädischen Schuh tragen, benötigt einen Gehwagen.
(Mopo 23.05.12)

Ne, so weit geht die Nächstenliebe der Profi-Christen nun nicht, daß sie einen Krüppel mitnehmen würden.

Knallhart sagten sie die Kinder-Sommerfahrt für Michel ab.

„Wir bedauern es sehr, dass Michel nicht mit darf“, sagt Karin Altenfelder, stellvertretende Vorsitzende des Gemeindevorstands. Aber man könne die Betreuer zu nichts zwingen.

Selbst NACHDEM die Mopo mit dieser für die Kirche ( = die Moral-Magnaten, die Ethik-Experten und Nestoren der Nächstenliebe) äußerst peinlichen Geschichte titelte, änderten die Maximal-Mitmenschlichen ihre Meinung nicht.

Die St.-Petri-Gemeinde noch einmal beraten und endgültig entschieden: Michel darf nicht mit auf die Kinderreise nach St. Peter-Ording. Zu groß sei die Verantwortung, für den Jungen mit dem Gehfehler zu sorgen.

Kathrin Schlenkermann hat da etwas falsch verstanden: Sie kann gerne mit ihrem Humpel-Michel sonntags zum Gottesdienst kommen und sich fromme Sprüche über die Achtung jedes Menschen anHÖREN!

Das heißt aber noch lange nicht, daß man dieses Kanzel-Tralala auch ernst nehmen darf und praktisch einfordern kann.

 Wenn Michel zum Hochadel gehörte oder steinreich wäre, OK, dann hätte die Kirchengemeinde ihn schon mitgenommen an den Strand. 

Aber arm UND behindert - das geht zu weit. 

So viel Nächstenliebe hat nicht mal eine ganze Kirchengemeinde übrig.

Mittwoch, 23. Mai 2012

Abschiebung.




Merkel hat keine guten Leute, die CDU ist personell völlig ausgeblutet.
So lautet der journalistische Konsens.

Betrachtet man die Posten im Bundeskabinett als Top-Jobs, stimmt die These offensichtlich, denn sonst müßte die Kanzlerin ihr Kabinett nicht mit so vielen erwiesenermaßen unfähigen Gomulken besetzen.

Was für eine schöne Vorstellung; wenn man die jeden Minister entlassen und durch einen Fachmann ersetzen könnte.

Politiker-Absetzungen haben aber immer einen Nachteil. 
Wichtige Ex-Politiker fallen weich. Dabei nehme diejenigen, die wie Fischer oder Schröder oder Naumann in der „freien Wirtschaft“ ihr Auskommen finden ausdrücklich aus. 
Sie liegen dem Steuerzahler nicht auf der Tasche und verfügen offenbar tatsächlich über Fähigkeiten, für die jemand anderes zu bezahlen bereit ist.

Problematisch wird es bei offensichtlichen Pfeifen, die auf dem postpolitischen Arbeitsmarkt unvermittelbar sind.
Die halbe NRW-CDU ist mittlerweile bei irgendwelchen Energieversorgern untergekommen. 
Sogar Merkels engste Vertraute Hildegard Müller rutsche schon zur Toplobbyisten als Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft hinauf.
Viel gebracht hat die massive Lobbykraft, die sich die Atomwirtschaft da zusammengekauft hat, letztendlich nicht.
Allerdings haben sie auch nach Tschernobyl (1986) noch über Dekaden jährlich Milliardengewinne mit ihrem Atomoligopol eingefahren.

Wer völlig auf den Kopf gefallen ist, kann noch in Unternehmen, die dem Staat gehören oder in Parteistiftungen endgelagert werden.

Die HHLA (Hamburger Hafen und Logistik AG) beispielsweise gehört mehrheitlich der Stadt Hamburg und der vom Senat bestellte Vorstandschef Klaus-Dieter Peters verdient mit über einer Million Euro im Jahr achtmal so viel wie ein Senator.

Noch besser erging es dem Bayerischen Alkoholiker und Fahrerflüchtler Otto Wiesheu, der nachdem er als CSU-Generalsekretär einen Menschen getötet hatte erst zum Bayerischen Verkehrsminister befördert wurde und schließlich sogar bei der Bundeseigenen Bahn als Vorstand mit einem Jahresgehalt von 1,65 Mio Euro im Jahr = € 138.000 monatlich unterkam.

Bahn ist insofern blöd, weil so viele Menschen täglich auf Züge angewiesen sind und unter den chaotisierenden Chefs zu leiden haben.

Besser zur Entsorgung von Altpolitikern eignen sich Posten wie der des Lottochefs. 
Falls sich noch jemand an den „Hessischen Lottoskandal“ erinnern kann:
Damals war ein gewisser Spezi von Hans Eichel namens Hans-Joachim Dumschat Lotto-Chef geworden, versorgte sich und seine Familie üppig aus den nun zugänglichen Sachgewinnen, wie zum Beispiel BMWs aus niedersächsischen Autohäusern, die eigentlich verlost werden sollten und merkwürdigerweise dann von Dumschats Tochter, seiner Frau, seinen Eltern privat gefahren wurden.

Nachdem publik geworden war, daß Lotto-Manager in Hessen Luxusgehälter beziehen und üppige Abfindungen kassieren, fand Ministerpräsident Hans Eichel ein passendes Wort: Die Lottozentrale sei ein "schlimmer Sumpf".

Nachdem alles aufflog und Ministerpräsident Eichel pro forma etwas ausmisten mußte, ging Dumschat mit 52 Jahren und einer Pension über der eines Ministerpräsidenten in Frührente.

Das ist zwar nicht gerade billig für den Steuerzahler, aber wenigstens ungefährlich. 
Was kann beim Lotto schon schiefgehen?

Wesentlich schlimmer ist es, wenn störende Politiker von Parteifreunden hochgelobt werden, um sie aus dem Weg zu schaffen.

Die prominentesten Beispiele aus der jüngsten Zeit sind Christian Wulff und Günter Oettinger, die von Merkel dazu verdonnert wurden die Füße stillzuhalten und nicht weiter aufzufallen; stattdessen aber Peinlichkeit an Peinlichkeit reihten, bis ganz Deutschland blamiert war.

Wulff ist wenigstens in erster Linie den eigenen Landsleuten auf die Nerven gegangen. Westerwelle oder Oettinger ruinieren stattdessen fortgesetzt den internationalen Ruf.

In Amerika ist es sogar so, daß verdiente Parteispender mit renommierten Botschafterposten „belohnt“ werden.

So ein Fall ist beispielsweise Herr Murphy in Berlin.

Der 52-jährige ehemalige Investmentbanker gilt als enger Vertrauter von Präsident Barack Obama. Als Schatzmeister der US-Demokraten war er im vergangenen Jahr wesentlich an Obamas Wahl beteiligt und trug auch selbst mit Spenden zu dessen Erfolg bei.

Philip D. Murphy (* 1957 Massachusetts) war vorher 23 Jahre Investmentbanker bei Goldman Sachs und Bundesvorsitzender für die Finanzangelegenheiten des Nationalen Ausschusses der Demokraten.

Nach all dem Geld, das Murphy in Obamas Wahlkampfkasse spülte, mußte sich der neu gewählte Präsident natürlich erkenntlich zeigen.

Ganz unwichtig ist der Posten in Berlin allerdings nicht und so stand Murphy für die deutsche Sektion des „Wikileaks-Skandals“. 
Er war derjenige, der die vernichtenden Einschätzungen über Westerwelle und Co direkt von Guidos Büroleiter aus den Koalitionsverhandlungen erfuhr und ohne besondere Sicherheitsmaßnahmen nach Washington kabelte was von dieser neuen schwarzgelben Gurkentruppe zu halten sei.

Inhaltlich lag Murphy da zwar vollkommen richtig, aber als oberster Diplomat im Lande sollte er eigentlich dafür sorgen, daß die US-Regierung nicht weltweit blamiert wird.

Armer Obama.
Dieser Murphy hält gemäß „Murphy’s Law“ auch nicht still und schießt seinem Herrn immer mal wieder in den Rücken.

Im startenden US-Wahlkampf erklärte er nun, wie sehr er Romney schätze und welch großartiger Präsident der GOP-Dummschwätzer werden könne.

Überraschende Einschätzung von US-Präsident Barack Obamas höchstem Diplomaten in Deutschland: Nach Ansicht von US-Botschafter Philip Murphy ist auch der republikanische Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney "ein erstklassiger Bewerber". Murphy erwartet bei einem Wahlsieg des Republikaners einen Kurs, der "sehr vernünftig anknüpfen wird an die Politik von George Bush senior"
(dpa 23.05.12)

Tja, hätte Obama ihn mal lieber zum Lottochef von Illinois gemacht.
Etwas mehr Loyalität wäre ja nett.

Sogar der Chef der Piratenpartei steht fest zu seinem Dienstherrn Thomas de Maizière und unterstützt die CDU-Waffenexport- und Militärpolitik am Hindukusch.

Schlömer, 41, Katholik, ist Regierungsdirektor im Verteidigungsministerium. Der in Berlin lebende gebürtige Meppener hat Frau und zwei Kinder und ist kerniger Ex-Panzergrenadier.
Auslandseinsätze der Bundeswehr unterstützt er leidenschaftlich und tritt auch für deutsche Waffenexporte ein. (Wahlausschlußkriterium!)

Auch die Piraten selbst sind nicht durch die Bank amused.