Klickt man sich durch die Civey-Umfragenflut – „
Lassen Sie
Ihre Meinung zählen“ – wird man hinsichtlich der Demokratie
noch pessimistischer.
Man darf sich nichts vormachen: Die meisten Menschen sind
Idioten. Es ist richtig, die Volksvertreter des Bundestags und der Landtage
wählen zu lassen, weil noch niemanden eine bessere Staatsform eingefallen ist.
Aber so elend auch viele Abgeordnete sind; immerhin beschäftigen sie sich mit
der Materie, über die sie zu befinden haben. Sie haben als Berufsparlamentarier
mit eigenen Büros und Mitarbeitern immerhin mehr Expertise als der
Allgemein-Michl. Weitere plebiszitäre Elemente sind unterm Strich eine Diktatur
der Inkompetenz.
Es sollte anders gewählt werden, so daß
die Kompetenz des Wählers gewichtet wird.
Sofern man sich nicht auf so ein Konzept einigen kann,
sollten wenigstens die Wahltermine gestrafft werden. Alle Wahlperioden könnten auf
fünf Jahre vereinheitlicht werden und die einzelnen Wahlen finden geballt an
einem Sonntag alle zweieinhalb Jahre statt, so daß die Bundestagsabgeordneten
sich nicht im Dauerwahlkampf befinden und ohne paralysiert auf Landtagswahlumfragen
zu starren, gute zwei Jahre am Stück arbeiten können.
Aber das sind Wunschträume.
In der Realität schielen Abgeordnete wegen des
Dauerwahlkampfes kontinuierlich auf Umfragen. In einigen Fragen gehen die
Meinungen des Volkes weit auseinander. Etwa genauso viele Deutsche sind
unbedingt dafür, der Ukraine mehr schwere Waffen zu liefern, wie strikt dagegen
sind. Verständlicherweise mögen viele Politiker also in dieser Angelegenheit nicht
allzu klar Position beziehen, weil sie immer viele Wähler gegen sich aufbringen.
Es gibt aber auch erstaunlich einheitliche Ansichten des
Homo Demens Teutonicus. Fragt man nach Kriterien, um Stromanbieter, Internetprovider
oder Lebensmittelbezugsquellen auszuwählen, stehen Qualität und Nachhaltigkeit
bei der überwiegenden Mehrheit ganz hinten. Der Deutsche will es vor allem billig.
Nichts darf mehr kosten und so wird auch der 200-Milliarden-Doppelwumms
grundsätzlich als zu wenig betrachtet. Der Staat soll alle Zusatzkosten
abfedern.
Da fällt es schwer, politisch die Lenkungswirkung höherer
Energiekosten zu vertreten.
Extrem populär sind alle Maßnahmen, die Migranten
abwehren. Flüchtlingsobergrenzen, Asylrecht schleifen, Grenzen schließen – das mag
zwar verfassungswidrig sein, aber Homo Demens Teutonicus steht drauf und genau
deswegen plappern Unionspolitiker das auch wider besseres Wissens nach.
Selbst Merz und Söder sind vermutlich nicht ganz so
verblödet, um nicht zu verstehen, daß Deutschland schon rein ökonomisch
dringend sehr viel mehr Zuwanderung braucht. Aber sie sagen es nicht laut, weil
gerade ihre Wählerschaft – Provinzler und Christen – am stärksten antihumanitär
eingestellt ist.
Es sind nicht viele Themenblöcke, bei denen es so viel
Einigkeit gibt. Ein Dritter kam erst kürzlich hinzu:
Die Deutschen
lieben Atomkraft. Alle Umfragen melden überwältigende Zustimmung für längere
AKW-Laufzeiten.
Und so poltert Söder im aktuellen SPIEGEL:
„ [….] Die Grünen waren von Anfang an unehrlich: Erst hieß es, die
Kernkraftwerke seien nicht sicher. Dann hieß es, wir hätten gar kein Stromproblem.
Und schließlich, Atomstrom hätte gar keine Wirkung auf den Strompreis – alles
widerlegt. Die ganze grüne Argumentation ist eine endlose Kette an Täuschungen
und Unwahrheiten. [….] Das ganze Land hängt am Tropf vor allem der
Altgrünen. Das ist keine neue moderne politische Kraft, sondern die alte linke
Kampftruppe um Trittin und Co.“
Das bayerische Geschrei ist demoskopisch also zu
verstehen, aber maximal unehrlich. Denn nicht nur, hat von allen Bundesländern
Bayern die größte Stromlücke, weil Söder völlig verantwortungslos JEDE Energieform
in Bayern blockierte – Trassen, Windräder – sondern der CSU-Chef lügt auch über
den Atomausstieg wie gedruckt. Das schwarzgelbe Ausstiegsgesetz von 2011, nach
dem Ende dieses Jahres die letzten drei Meiler vom Netz gehen, haben nicht etwa
die Grünen ersonnen, sondern CDU, CSU und FDP. Markus Söder trommelte am lautesten dafür,
schnell und konsequent aus der Kernenergiegewinnung auszusteigen. Söder drohte im bayerischen Kabinett mit Rücktritt,
sollte, der Atomausstieg erst nach 2022 erfolgen. Zusammen mit seinen
konservativen Freunden war er der größte Anti-AKW-Fanboy.
"Der Atomausstieg wird
bis 2022 vollzogen und ist unumkehrbar."
(CSU MP Seehofer, 30.5.2011
über den Fahrplan der schwarz-gelben Koalition zur Energiewende)
"Das Ergebnis ist
konsistent und konsequent."
(Bundesumweltminister Norbert
Röttgen (CDU), 30.5.2011 zu den Ausstiegsplänen der Koalition)
"Das größte
Modernisierungs-, Innovations-, und Investitionsprojekt für Deutschland seit
langem".
(Bundesumweltminister Norbert
Röttgen (CDU), 30.6.2011 im Sender hr-Info zum Atomausstieg und dem
Erneuerbare-Energien-Gesetz)
"da gibt es keinerlei
sogenannte Hintertüren, sondern das ist ein ganz transparenter klarer Fahrplan.
Ich halte den auch für richtig, insbesondere auch, dass die sieben alten Meiler
vom Netz gehen. Hier hat es ja auch schon zu einem frühen Zeitpunkt Stimmen aus
der FDP gegeben, die das nahegelegt haben."
(Christian Lindner, 30.5.2011
über den von Schwarz-Gelb beschlossenen Atomausstieg)
"Wenn wir den Aufbau
der erneuerbaren Energien maximal beschleunigen und Widerstände gegen
Pumpspeicherkraftwerke und Ähnliches überwinden können, dann ist ein Umstieg
auch in einem Jahrzehnt denkbar."
(CSU-Generalsekretär Alexander
Dobrindt, 6.4.2011)
"Vernunft und der
Verantwortung".
(CSU-Generalsekretär Alexander
Dobrindt, 6.6.2011: Er bezeichnet das beschlossene Ausstiegsdatum 2022 als eine
Zahl der..)
"Ich freue mich
deswegen, weil es gerade auch mein Vorschlag, der Vorschlag von Horst Seehofer
und der Vorschlag der CSU war."
(Bayerns Umweltminister Markus
Söder (CSU), 30.5.2011 über den von Schwarz-Gelb beschlossenen Atomausstieg)
So ist Söder, der Mann lügt völlig ungeniert, behauptet
alles – und das Gegenteil dessen.
[…] Der bayerische
Umweltminister Markus Söder (CSU) verknüpft offenbar den Zeitplan für den
Atomausstieg in Bayern mit seinem Amt. In der Ministerratssitzung am Dienstag
habe Söder mit Rücktritt gedroht, sollte sich der Freistaat auf einen späteren
Zeitpunkt für den Atomausstieg als 2022 festlegen, berichtet die
"Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf Kabinettsmitglieder. Söder
hatte demnach gesagt, wenn das Datum überschritten werde, habe "dies
tiefgreifende Konsequenzen" für das Kabinett wie auch für ihn "ganz
persönlich“. Trotz zähen Ringens hatte sich die CSU/FDP-Regierung am Dienstag
nicht auf ein Datum einigen können, wann der letzte bayerische Meiler vom Netz
gehen soll. Nach dem Willen der CSU soll das Kernkraftwerk Isar 2 spätestens
2022 abgeschaltet werden, die Liberalen plädieren hingegen für 2025. [….]
(Die Welt, 26.05.2011)
Jetzt sind aber alle Deutschen für den Ausstieg aus dem
Ausstieg und da es in der veröffentlichten Meinung kaum andere Stimmen gibt,
springt auch Söder in das Boot, pöbelt die Grünen für den Beschluss an, mit dem
er sich selbst so brüstete.
Konservative eben. Die Partei, die nach allen Umfragen in
der Gunst des deutschen Urnenpöbels extrem weit vorn liegt.
Dabei ist und bleibt die Kernenergiegewinnung
unverantwortlich und gehört abgeschaltet.
[….] Atomkraft ist nicht
nur riskant, sondern auch keine Lösung für die Energiekrise: Den deutschen AKW
gehen die Brennstäbe aus, neue zu beschaffen würde anderthalb Jahre dauern. Das
Uran dafür kommt eigentlich aus Russland. Und: die deutschen AKW sind nicht
mehr sicher, da nicht mehr nachgerüstet. Das sind Fakten. Deswegen fordert
Greenpeace, die AKW am 31.Dezember abzuschalten. Und keinen Tag später. [….]
(Greenpeace)
Das Emsland-Atomkraftwerk weiter laufen zu lassen, ist
besonders sinnlos, da es im Norden ohnehin schon einen Energieproduktionsüberschuss
gibt. Da man AKWs nicht einfach an- und abschalten kann, muss man dann
Windkraftanlagen stilllegen. Oder aber, soweit das technisch möglich ist, den
Strom nach Frankreich verkaufen.
Gebraucht würde er in Bayern, aber die verantwortungslose
CSU (aktuelle Umfrage CSU 40%, SPD 9%) verhinderte zur Freude des Urnenpöbels
den Bau von Stromtrassen. Das AKW Lingen, für das Merz, Lindner, Söder und der
Urnenpöbel nun so begeistert plädieren, ist unnütz.
[….] „Kanzler Scholz hat,
entgegen der durch den Stresstest belegten Faktenlage, entschieden, auch das
AKW Emsland am Netz zu lassen“, sagte die BUND-Landesvorsitzende Susanne
Gerstner am Dienstag in einer Mitteilung. „Was auf den ersten Blick als
beherzte Aktion zur Rettung in der Energiekrise wirkt, ist bei genauerem
Hinsehen ein unverantwortliches Risikospiel mit offenem Ausgang und
verschwindend geringem Einfluss auf den Strommarkt.“ Der BUND kritisiert, dass
die längere Laufzeit des AKW in Lingen kaum zu einer besseren Stromversorgung
führe. Zuvor hatte bereits das Umweltministerium in Hannover darauf
hingewiesen, dass die Brennelemente in dem AKW so weit abgebrannt sind, dass
der Meiler ab November in den sogenannten Streckbetrieb gehen muss und dann nur
noch eine reduzierte Leistung erbringt. „Im besten Fall kann das AKW 0,03
Prozent des Jahresenergieverbrauchs erzeugen“, sagte Gerstner. Der BUND sieht
zudem Sicherheitsrisiken und bemängelt, dass die Sicherheitsüberprüfung, bei
der die AKW in der Regel alle zehn Jahre über viele Monate intensiv untersucht
werden, überfällig ist. Die eigentlich für 2019 anstehende Prüfung wurde mit
Blick auf den zunächst vorgesehenen Abschalttermin am 31. Dezember 2022
ausgesetzt. [….]
(Kreiszeitung, 21.10.2022)
Die Hälfte der 56 französischen Atomkraftwerke ist
abgeschaltet. Nicht mehr funktionstüchtig. Daher exportiert Deutschland derzeit
sehr viel Windenergiestrom nach Westen.
[….] Betroffen ist die
neueste, leistungsstärkste Kraftwerksflotte
Trotz stetigem Rückgang in
den vergangenen Jahren lag der Anteil der Atomkraft am produzierten Strom in
Frankreich 2021 noch bei 69 Prozent. In diesem Jahr dürfte er auf ein
historisch niedriges Level fallen. Frankreich kauft so viel Strom aus dem
Ausland wie lange nicht. Laut statistischem Bundesamt importierte es aus
Deutschland zwischen Januar und August dieses Jahres 5000 Gigawattstunden
(GWh). Zum Vergleich: Zwischen 2016 und 2020 lag der Wert bei durchschnittlich
2400 GWh - über ein gesamtes Jahr. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck
(Grüne) beklagte, das Fehlen der französischen Strommengen müsse Deutschland
nun teilweise mit teuren Gaskraftwerken ausgleichen. Die Probleme im
Nachbarland sind ein Hauptgrund, warum die Bundesregierung den eigenen
Atomausstieg um drei Monate verschiebt.
[…]
(SZ, 22.10.22)
Wer wie Frankreich auf Atomkraft setzt, ist verloren.
Aber der Urnenpöbel ist leider intellektuell nicht in der Lage, diese
Informationen zu verarbeiten und rennt lieber Lindners und Söders Atomjubel
nach.
[….] „Es ist und bleibt
energiepolitischer Unsinn, den gesetzlich festgelegten Atomausstieg zum 31.
Dezember 2022 auszuhebeln. Die heute veröffentlichten Eckpunkte zum
Reservebetrieb zeigen einmal mehr, was für einen winzigen Beitrag zur
Netzsicherheit die beiden Atomkraftwerke beim Weiterbetrieb noch leisten
können. Die Strommangellage in Frankreich durch Abschaltung zahlreicher AKWs
zeigt, wie unzuverlässig Atomenergie ist. Daneben besteht das Risiko
katastrophaler Atomunfälle. Für die wenigen Stunden, in denen die
Netzstabilität im kommenden Winter möglicherweise unsicher werden könnte, wäre
stundenweises gezieltes und vereinbartes Abschalten von großen industriellen
Verbrauchern und intelligentes Lastmanagement viel zielführender.“ [….]
(Heinz Smital, Greenpeace-Experte für Atomenergie)