Früher beneidete ich die Unternehmergeneration, die in den
1930ern geboren wurde. Den zweiten Weltkrieg erlebten sie als Kinder, als sie
noch zu jung waren, um die Schrecken richtig zu begreifen, bei Kriegsende war
mein Vater acht Jahre alt, meine Mutter sieben und ihr Bruder 13 Jahre.
Sie wurden durch das Erlebte durchaus mit dem nötigen Ernst
geboren, wuchsen ohne Luxus auf, so daß sie die kleinen Freuden des Lebens genießen
konnten, wie ich mir das nicht mehr vorstellen kann.
Immer wieder erzählte meine Mutter mir beispielsweise davon,
wie meine Oma nach dem Krieg die erste Orange nach Hause brachte. Meine Mutter
sah des erste Mal so eine Frucht, die aber erst angeschnitten werden sollte,
wenn alle Geschwister da waren. Durch ein unglückliches Missverständnis wurde
die erste Orange aber ohne sie gegessen; die Enttäuschung vergaß sie ihr Leben
lang nicht. Aber umso mehr blieb ihr in Erinnerung, als meine Oma einige Wochen
später erneut eine Orange ergatterte, die meine Mutter dann zum Trost ganz
allein essen durfte. Dieser Geschmack, die Frische, der Duft.
Ich denke immer wieder an diese Beschreibungen, wenn ich
arglos im Gemüseladen stehe, mir achselzuckend die riesigen Berge voller
Clementinen, Mandarinen, Pampelmusen, Pomelos und Orangen ansehe, die mich aber
nicht so richtig locken können, weil Orangen ja so umständlich zu pulen sind.
Davon kriegt man klebrige Finger.
Die jungen Männer, die Ende der 1940er Jahre, zum Start der
Bundesrepublik Deutschland um die 18 Jahre alt waren, hatten improvisieren
gelernt, vielfach waren die autoritären Familienstrukturen durch Abwesenheit
der Väter aufgebrochen, so daß sie früher und freier als jede vorherige Generation
unternehmerisch tätig werden konnten.
Es folgte ein paradiesisches halbes Jahrhundert in
Deutschland. Es herrschte dauerhaft Frieden in Europa, man konnte überall
hinreisen, der Umweltschutzgedanke war noch nicht entstanden, man rauchte und
trank. Ökonomisch gab es nur eine Richtung: Aufwärts. Es wurde immer besser,
ohne daß man hyperflexibel ständig neue Ideen entwickeln musste und nicht von
globalen Veränderungen bedroht war.
Meine selige Elterngeneration! Ganz anders meine
Großelterngeneration. Mein Opa, geb. 1890, hatte sich wirklich abgerackert und
musste als Erwachsener gleich zwei Weltkriege über sich ergehen lassen, die
seine berufliche Existenz komplett zerstörten.
Wie viel einfacher hatte es sein Sohn.
Erst in den 1990er Jahren schlug mit der Digitalisierung,
Globalisierung und Überbevölkerung auf das deutsche ökonomische Paradies ein.
Viele Jobs, die über Jahrzehnte bestanden, fielen von eben
auf jetzt weg, weil irgendein Land 10.000 km entfernt alles besser und
schneller und billiger konnte, während gleichzeitig die Frachtkosten durch die
Containerschifffahrt minimiert wurden.
Ganze Branchen brachen weg. Wer braucht heute noch die
kleine Druckerei von nebenan? Fotogeschäfte, die Filme entwickeln? Videotheken?
Plattenläden? Konzertkasse?
Die Multis und billiger.de-Portale ließen die Wertschätzung
für Service schrumpfen.
Die Geschäfte meiner Teen- und Twen-Jahre, Buchläden, in
denen die Inhaberin selbst alles gelesen hatte und mit der ich über die Inhalte
diskutieren konnte, oder der Elektronikladen, dessen Fachverkäufer mir nicht
nur alles über Stabmixer, Waschmaschinen und Cassettenrekorder erklärte,
sondern der auch noch umstandslos zu mir nach Hause kam, wenn neue Sender
einprogrammiert werden mussten, oder der Herd rumzickte.
Alles weg. Die ewige Aufsteigergenration, geboren in den 1930ern,
sollte möglichst inzwischen den Löffel abgegeben haben. Zu frustrierend ist es
mit anzusehen, wie der kleine Familienbetrieb, der Zeitungskiosk, der
Schusterladen, das Tante-Emma-Geschäft jedes Jahre weniger abwirft, weil die
Margen kleiner werden und die Billig-Konkurrenz durch
Milliardenschwere-Konzerne nebenan hockt.
So ein kleines Geschäft, das über Jahrzehnte die ganze
Familie ernähren konnte und für bescheidenen Wohlstand sorgte – man hatte zwei
Autos und ein Ferienhaus – trägt sich kaum noch, obwohl man immer mehr
strampelt.
1950 musste man nur morgens die Ladentür aufschließen; die Kunden
strömten von allein hinein und stürzten sich auf alles, das es gab.
In der heutigen
Überschussgesellschaft, in der jeder in Sekundenschnelle bei Amazon Preise
vergleicht, geht das schon lange nicht mehr.
Man muss sich sehr spezialisieren, enormen Aufwand in
Marketing und Werbung stecken, die Kunden umgarnen, Events veranstalten, Sonderkonditionen
bieten.
Wenig überraschend haben die Millennials und die Generation
Z (die um 2000 Geborenen) ohnehin keine Lust mehr auf Kaufmannsladen oder
Serviceberufe. Handwerksbetriebe und Krankenhäuser können überhaupt nur
noch existieren, weil sie ihr Personal aus Migranten rekrutieren.
Die Zeiten der durchgängigen Erwerbslaufbahnen bei einem
Arbeitgeber in demselben Job, den auch schon der Vater und Großvater ausgeübt
hatten, sind vorbei.
Die Generation Praktikum und die Generation Z, die so
handyaffin ist, daß sie keine Rechtschreibung mehr beherrscht, nie ein Buch gelesen hat oder gar ein Gedicht
auswendig kann, dafür aber nach zehn Minuten in Schnappatmung gerät, wenn das
Internet down ist, läßt sich trefflich von meiner Generation auslachen.
Wie kann man nur so unselbstständig und weinerlich sein!
Aber der Dauerstress durch die sozialen Medien und ungewisse
Zukunft mit immer größeren Bildungsanforderungen, sofern man sich nicht damit
begnügt ein Leben als Geringverdiener zu führen, der niemals eine
Stadtwohnungsmiete bezahlen kann und als Rentner von sozialen
Transferleistungen abhängig zu sein, ist real.
Psychische Krankheiten nehmen exponentiell zu, jeder Teenager
kennt die Begriffe „soziale Phobie“, „Burnout“ und „Depression“.
Heute wurde verkündet, das am 05.04. in Hamburg beginnende
Sommersemester, fände erneut nur digital statt.
Das ganz große Mitleid bringe ich schwer auf, weil es
Erstsemester des Jahres 2021 in vieler Hinsicht so viel leichter als ich haben.
Wie viele Myriaden endlose Stunden habe ich damals in
Bibliotheken recherchiert, auf die Rückkehr ausgeliehener Bücher gewartet,
irgendwelche riesigen Wälzer zu Copy-Shops geschleppt, nächtelang mit der Hand Protokolle
und Arbeiten verfasst, in denen kein einziger Schreibfehler sein durfte, so daß
man immer wieder eine ganze Seite neu schreiben musste, weil man natürlich in
der letzten Zeile ein Wort vergessen hatte.
Und die Twens mit Laptop und MS WORD wollen mir erzählen,
wie schwer sie es haben?
Aber sie haben es schwer, weil sie eine nicht digitalisierte
Welt nicht kennengelernt haben, keine Vergleiche ziehen können.
So wie ich nie wirklich mitfühlen könnte, wie meine Mutter
1948 den Geschmack der ersten Orange ihres Lebens genoss.
Die emotionale und soziale Seite des Lebens scheint durch
die unendlich große Auswahl des Onlinedatings auch nicht besser zu werden, weil
durch die Möglichkeiten auch die Vergleichbarkeit exponentiell wächst.
Jeder junge Mann, der ein Mädchen kennenlernen will, kann
sich anstrengen so viel er will – sie wird immer auf ihrem Klugtelefon jemand
sehen, der noch bessere Bauchmuskeln, vollere Haare, schönere Zähne und ein
fetteres Gehalt aufweist. Umgekehrt natürlich genauso.
Ich bin froh ein „digital immigrant“ zu sein. Anders als die
digital natives, kenne ich beide Welten, kann mich also mehr an einem neuen Song
erfreuen, weil ich weiß welche wochenlange Mühe ich als Jugendlicher auf mich
nehmen musste, um Plattenläden nach einer bestimmten Platte abzuklappern, statt
immer alles per streaming zur Verfügung zu haben.
Anders als die 1930 Geborenen, war ich aber zu Beginn des
Internetzeitalters gerade noch jung genug, um mir die Vorteile anzueignen.
Auch die Endlos-Pandemie erlebt man am bestens als
50-60-Jähriger.
Da ist man alt genug, um sich die Hörner abgestoßen zu
haben. Man muss nicht ausgehen, erlebt keinen „sexuellen Notstand“
mehr, muss niemand kennenlernen. Man hat sich zu Hause eingerichtet und im letzten halben
Jahrhundert ohnehin mehr Krams angesammelt als man braucht. Beschäftigung gibt
es im Überfluss. Es stehen in der Regel keine Prüfungen oder Abgabetermine
an.
Die Zappeligkeit der Teens und Twens fehlt mir völlig. Twens,
die so sehr ein Ende der Corona-Maßnahmen herbeisehnen, daß sie, wie ich heute
wieder bei einer Fahrt entlang der Außenalster bei gutem Wetter um 19.00
beobachten konnte, zu 99% alle Abstands- und Maskenregeln ignorieren, sich
ungeniert und ungeschützt zusammenballen, lachen, laufen, labern und lagern.
In meinem Alter bin ich kaum tangiert von den Maßnahmen,
würde bei Aufhebung derselben auch nichts ändern.
Ich habe es aber nicht nur viel besser als Teens und Twens,
sondern natürlich auch besser als die 80+Generation, da ich (noch) gesund genug
bin (schnell auf Holz klopfen), um autark zu leben, keine Hilfe im Alltag
benötige.
Die bisherigen SarsCoV-2 sind für meine Generation auch
nicht so tödlich wie für Hochbetagte. (Die verschiedenen Mutanten könnten das ändern.)
Nicht nur habe ich das perfekte Alter für eine Pandemie,
sondern als Atheist, Misanthrop und Antinatalist auch den riesengroßen Vorteil
keine Kinder zu haben.
Kinder ohne Kita und Schulen sind ein gewaltiger
Zeitaufwand, der Millionen Eltern zur Verzweiflung bringt.
Fast noch schlimmer sind die noch rüstigen Großeltern
getroffen, die in ihren 70ern eigentlich ihr Leben genießen möchten, nun aber
täglich die Brut ihrer Kinder hüten müssen und sich nicht nur daran erinnern wie
laut und anstrengend kleine Kinder sind, sondern auch feststellen, daß man
diese Sonderbelastung mit 70 oder 80 weniger gut wegsteckt als mit 20, 30 oder
40.
Zumal viele der Dinge, die Opa und Oma üblicherweise mit den
kleinen Rackern unternehmen, um sie zu bespaßen – Zirkus, Zoo, Spielplatz – auch
den Corona-Regeln zum Opfer fallen, so daß man die Bälger die ganze Zeit in
seiner Wohnung sitzen hat.
Zum Glück bin ich völlig sicher vor solchen Stressfaktoren.
Es gibt keine Enkelkinder, die von einer Helikoptermutter morgens um 8.00 aus
ihrem SUV-Hybrid an meinen Küchentisch getreten werden könnten.
Enkel machen in Coronazeiten nicht nur verdammt viel Arbeit,
sondern sind zu allem Überfluss auch noch tödliche Virenschleudern.
[….] Kinder werden zur Gefahr für ihre Eltern [….] Die dritte Welle bricht, wie
Virologinnen und Modellierer spätestens seit Januar prophezeien, mit Macht über
Deutschland herein, die deutlich ansteckendere und gefährlichere Mutante
B.1.1.7 überzieht das Land. Und anstatt die Kontakte drastisch zu beschränken,
wird gelockert – vor allem bei den Schulen. Was das bedeutet, lässt sich bereits an den Inzidenzkurven ablesen:
»Der stärkste Anstieg ist bei Kindern zwischen 0 und 14 Jahren zu beobachten,
wo sich die Sieben-Tage-Inzidenzen in den letzten vier Wochen mehr als
verdoppelt haben«, heißt es im jüngsten Wochenbericht des Robert Koch-Instituts
(RKI). Tatsächlich explodierte das Infektionsgeschehen bei den bis zu 14 Jahre
alten Kindern geradezu: Die Fallzahlen sind auf durchschnittlich 110
hochgeschnellt; damit haben sie sich in den vergangenen fünf Wochen nahezu
verdreifacht. [….] Eine weitere Folge
des laxen Umgangs mit dem Virus zeigt sich in jenen Ländern, in denen die
Mutante schon länger wütet: Die Kinder stecken ihre Eltern an, und die werden
krank, manche sogar sehr krank. [….]
(Rafaela von Bredow, 25.03.2021)
Keine Kinder, in den 1960ern geboren. Alles richtig gemacht!