Dienstag, 18. September 2012

Go East




Der arme Kirchismus in Deutschland und Europa.
Das einst so erfolgreiche Produkt wurde kaum verändert. Wie Coca Cola mit der berühmten Ur-Rezeptur oder Nivea in der ewig blauen Dose.
Menschen mit rauen Händen und Zuckerjunkies sterben nicht aus. 
Die Rezipienten der Christlichen Botschaften werden hingegen zunehmend anspruchsvoller und kritischer.
Sie widersprechen und gucken sich nach Konkurrenzprodukten um. 
Haben nicht Buddhisten eine wesentlich bessere Geschiedenen-Verträglichkeit?
 Und diese neuen Esoteriker sollen auch viel schwulenfreundlicher sein.

Katholiban diskutieren tatsächlich im September 2012 erbittert über die Möglichkeit auch Geschiedenen eine von diesen weißen geschmacksneutralen Oblaten zuzustecken.

Wer „Kommunion für Ehebrecher“ im Vokabular des Kirchismus diskutiert, wirkt in Deutschland automatisch wie eine Satire.
Gerade heute berichtete Hakenkreuznet empört von einer Kirche des Pfarrverbandes Altenburg/Fischbach/Moorenbrunn (Bistum Eichstädt), in der eine geschiedene Frau den Priester um eine Hostie bat.
Die verfaulende Konzilskirche vertreibt verantwortungsbewußte Geistliche und belügt Ehebrecher mit ihrem satanischen Segen. […]
Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt erschien eine in der Pfarrei mitarbeitende Altliberale bei
[Kaplan Cunardt].
Sie bezeichnete sich als reuelose Ehebrecherin. Die Heilige Kommunion wolle sie sich aber trotzdem unter den Nagel reißen.
[…]
Eine feige Provokation! Der Geistliche bat die Todsünderin, die Handkommunion bis zu diesem Treffen nicht bei ihm, sondern wenigstens beim Diakon abzuholen.
Das tat die Provokateurin natürlich nicht.
Im Gegenteil: Am nächsten Sonntag stellte sie sich ostentativ beim Kaplan an.
Der hinterhältige Erpressungsversuch scheiterte. Der Kaplan verweigerte der Todsünderin – wie es seine Pflicht war – die heilige Hostie.
(KN 18.09.12)
Tatsächlich diskutieren höchste katholische Kreise genau diese Frage - zuletzt am Wochenende.
'Die', das sind die katholischen Bischöfe in Deutschland, geladen haben sie 300 ausgewählte Vertreter des Kirchenvolkes nach Hannover ins ausgesprochen nette Tagungszentrum Wienecke. […]  16 Bischöfe sind gekommen und noch einmal 17Weihbischöfe, also gut die Hälfte des deutschen Episkopats, was ungefähr das Verhältnis der Kirchenspitze zum Dialog widerspiegelt: Die Hälfte findet den Prozess so wichtig, dass sie sich einen Termin freischlägt, die andere Hälfte eben nicht. […] Bischof Bode aus Osnabrück sagt, dass die Kirche die Nähe zu den Menschen suchen solle, auch zu denen, die nicht unbedingt den kirchlichen Normen entsprechen: 'Der generelle und dauerhafte Ausschluss der wiederverheirateten Geschiedenen vom Sakramentenempfang erscheint vielen bis in die Mitte der Kirche hinein als eine untragbare Konsequenz', sagt er.
(Süddeutsche Zeitung,15. September 2012)
Kirchliche Botschaften verkaufen sich immer schlechter seit den Kirchisten die weltliche Macht fehlt ihre Produkte zwangsweise an den Mann zu bringen. 
Konkurrenz verdirbt das Geschäft.

Hierzulande ist der Arm des Papstes zwar noch lang, aber er wird kürzer.
PID, Homoehe, Embryonale Stammzellenforschung, Verhütung, Patientenverfügung - all das kann er nicht mehr so einfach nach seinen Wünschen ausrichten lassen.

Die Regierenden und die Bundestagsparteien geben sich zwar alle Mühe, um den Katholiban entgegen zu kommen, indem sie mit Milliarden überschüttet werden und vor politischen Entscheidungen devot um Rat gefragt werden (Stichwort „Ethikkommission“), aber die Kirchen halten ihre Hände auf und wollen mehr. 
Zum Beispiel ein zünftiges Blasphemiegesetz, welches es erlaubte Schmierfinken wie Leo Fischer mitsamt der ganzen Titanic-Redaktion ins Zuchthaus zu bringen, statt sich peinliche Possen vor Hamburger Amtsgerichten liefern zu müssen.

Es hilft alles nichts!
 Christen sollten langsam mal  ans Auswandern denken - so wie im 17. Jahrhundert die Wiedertäufer nach Amerika und im 18. Jahrhundert die Hugenotten nach Preußen gingen.

Heute muß der Weg freilich gen Osten zeigen. 
Russland unter den beiden Wladimiren (Wladimir Michailowitsch Gundjajew - besser bekannt als Patriarch Kyrill I. und Wladimir Wladimirowitsch Putin - besser bekannt als ewiger Präsident Russlands) entwickelt sich mehr und mehr zum Selbstbedienungsladen für orthodoxe Kleriker.

Großzügig werden sie vom Staat mit Immobilien versorgt und konnten allesamt einen enorm luxuriösen Lebenswandel entfalten.
 Kein russischer Pfaff würde eine billigere Uhr als eine 30.000-Dollar-Rolex tragen. Wenn Kyrill I. durch Moskau cruised werden für ihn genau wie bei Putin Straßenzüge abgesperrt.
Normale Gesetze müssen russische Geistliche nicht fürchten.
Hier kann nach Herzenlust vergewaltigt, veruntreut und gesoffen werden. Niemand würde es wagen einem Bischof den Führerschein zu entziehen. 
Im Gegenteil - selbst einfache Mönche dürfen im Verkehr umnieten wen sie wollen.
 Russlands Geistliche genießen bei Verkehrsdelikten Privilegien.
Die russische Polizei brauchte einige Tage, bis sie den Fahrer des Mercedes-Geländewagens ausfindig machen konnte, der am Abend des 15. August auf dem Moskauer Kutusow-Prospekt einen tödlichen Unfall verursacht und sich dann aus dem Staub gemacht hatte. Denn der Halter des Wagens trug neben seinem weltlichen Namen Pavel auch noch den Namen Ilja als Mönch der orthodoxen Kirche.
 Es war der zweite schwere Unfall in Moskau innerhalb weniger Wochen, den ein Geistlicher der orthodoxen Kirche am Steuer eines teuren Wagens verursacht hat.  […] Teure Autos sind ein Fetisch vieler orthodoxer Priester. Der Patriarch fährt unter anderem einen Maybach, und wenn die hohe Geistlichkeit es eilig hat, macht die Polizei für sie im verstopften Moskau eine eigene Spur frei - ein Privileg, das sie sich mit hohen Politikern und Wirtschaftsbossen teilt. Zur Sonderbehandlung gehört offenbar auch, dass bei Verkehrsvergehen von Angehörigen dieser unantastbaren Kaste beide Augen zugedrückt werden. […] Solchen Schutz einer höheren Macht erhoffte offenbar auch Igumen Timofei, ein Priester mit weltlichem Namen Alexej Podobjedow. In einer lauen Nacht Ende Juli, die berüchtigten Staus auf Moskaus Straßen hatten sich endlich aufgelöst, kam der 38-Jährige mit einem nachtblauen BMW Z4 auf dem vielbefahrenen Gartenring von der Spur ab, rammte einen VW Touareg, wurde auf die Gegenfahrbahn geschleudert und prallte dort gegen einen Toyota Corolla. […] Die Fahrerin des Touareg erinnerte sich, Podobjedow habe nach Alkohol gerochen und sich nur mit Mühe auf den Beinen halten können.
Aber damit nicht genug.
Russland will außerdem den Blasphemieparagraphen so verschärfen, daß so bald auch niemand mehr die Kirchler kritisieren wird.
 Die Verurteilung der drei Pussy-Riotlerinnen zu lediglich zwei Jahren Zuchthaus erschien doch als zu mild.
Die Verletzung religiöser Gefühle soll in Russland künftig härter bestraft werden. Das russische Parlament bereite einen entsprechenden Gesetzentwurf vor, berichteten russische Medien am Montag unter Berufung auf den rechtspopulistischen Abgeordneten Jaroslaw Nilow. [….] Unter Verweis auf «fortwährende Fälle von Vandalismus und der Beleidigung von Gläubigen» sprach sich Nilow dafür aus, diese künftig als Straftaten mit Haftstrafen zu ahnden. Die Gefühle von Gläubigen aller Religionen müssten geschützt werden. Zuvor hatten bereits Politiker der Regierungspartei Geeintes Russland sowie die russisch-orthodoxe Kirche härtere Strafen gefordert.

Tja, Herr Bischof Schick!
Das ist doch fast wie im gelobten Land. Go East!

Montag, 17. September 2012

Kindheitserinnerungen



„Wenn es eins gibt, auf das ich zurückblickend stolz bin, dann die Tatsache, daß diese Schule seit vielen Jahren frei von Drogen ist!“

Zustimmend nickte ich dem neben mir sitzenden Schuldealer zu. 
Bei ihm hatten wir in den zurück liegenden Jahren jeweils in der zweiten großen Pause unser Haschisch gekauft.
Dies würde auch der einzige Satz sein, den ich aus der Ansprache unseres Schulleiters zur Abiturzeugnis-Vergabe in Erinnerung behalten würde.
Ach ja, Diederich Anfurcht. DOKTOR Anfurcht. Germanist, CDU-Mitglied seit immer und gestrenger Schulleiter eines Hamburger Gymnasiums mit exzellentem Ruf fehlte manchmal ein bißchen die klare Sicht.

Meine Schulzeit verlief unspektakulär. 
Ich hatte es auf lediglich einen Schulwechsel gebracht. Als Kind hinterfragte ich nicht, ob es sinnvoll ist an einem durchaus renommierten Gymnasium Abitur zu machen. 
Da ich mich nie schnell irgendwo eingewöhnte, war ich froh im Alter von 15 Jahren mit meiner Familie nach Hamburg-Poppenbüttel zu ziehen. Das war in direkter Nachbarschaft zu Hamburg-Sasel, wo meine Schule war. 
Acht Minuten mit dem Rad. Perfekt. 
Wie andere Schulen waren, konnte ich nicht beurteilen. Meine Schule war eben ganz normal. Daß sie einen guten Ruf hatte und über die Stadtteilgrenzen hinaus bekannt war, bemerkte ich erst nach dem Abi. Und tatsächlich, a posteriori fügte sich ein entsprechendes Bild zusammen. Ein Mitglied meiner neunköpfigen Tutantengruppe war die Tochter des Hamburger Kultursenators. 
Die Kinder des Bürgermeisters waren meine Mitschüler. Mein Physiklehrer Hartfried Ekels, ein stets mit schwerer Alkoholfahne umherlaufender Kettenraucher, war über Dekaden Mitglied des Hamburger Landesparlaments. Natürlich in der CDU-Fraktion. So wählte man in der Vorstadt, im bekannten Speckgürtel der reichen Stadt Hamburg.

Die politische Macht der Elternschaft und des Kollegiums spürte man selten direkt. 
Man ahnte was nicht gern gesehen war und ließ es erst gar nicht drauf ankommen. 
Es waren die berüchtigten 80er Jahre mit den großen Anti-Nachrüstungsdiskussionen und Demonstrationen. Einmal fand ich es angemessen die diesbezüglichen Informationen, die wir im Politikunterricht erarbeitet hatten -  SALT-II-Abkommen, START-Abkommen, welche Atomraketen gibt es eigentlich bei uns? - in der Pausenhalle auszuhängen. Da spürte man schon woher der Wind wehte. Umgehend wurde mir mitgeteilt diese aufrührerischen politischen Aktionen zu unterlassen.
Die Strippen zog aber der allmächtige Elternrat mit seinen wichtigen Mitgliedern. 
Eine der berüchtigten Berufsmütter, die sofort mit einem „NJET“ einschritt, wenn es an meiner Schule drohte unmoralisch zu werden, war sogar BUNDES-Elternratsvorsitzende und eine TV-bekannte EKD- und CDU-Größe. 
Ihre jüngste Tochter war in meiner Theater-AG; daher lernten wir schnell und effektiv zu rauchen und zu saufen, ohne daß die kleine Spitzelin es sofort ihrer Mama erzählte.

Das war normal an meiner Schule. Fiese Eltern, verwöhnte Vorstadtgören, die sich redlich Mühe gaben sich nicht anmerken zu lassen, daß sie aus einem bestenfalls mittelständischen, bürgerlichen Zuhause kamen.
 Schon damals fand man die richtig reichen Kids nicht mehr auf den öffentlichen Schulen in Hamburg-Sasel. Dafür gab es und gibt es teure Privatschulen, außerhalb.

Verglichen mit der Schülerschaft war das Lehrerkollegium durchaus angenehm.
 Durchschnittliche „Akademiker“, wie ich sie mir in dem Beruf vorstelle. 
Während meiner Zeit dort begingen vier Lehrer Selbstmord. Mein Sportlehrer sprang sogar spektakulär vom Dach des Amtsgerichts. 
Am nächsten Morgen konnten wir in der BILD seinen Todes-Ort samt rot eingezeichneter Flugbahn bestaunen.
Mein Kunstlehrer hingegen ersäufte sich in der Elbe - das ist ja auch viel hanseatischer.
 Zwei Lehrer wurden manisch depressiv, zwei heirateten Schülerinnen und mein Klassenlehrer offenbarte uns seinen Wahnsinn genauso so wie seinen Penis vorzugsweise in der Gemeinschaftsumkleide vorm Schwimmunterricht.
Damals kannte ich das Wort Pädophilie allerdings noch nicht und störte mich erstaunlich wenig an diesen Vorkommnissen.
Man konnte ganz gut unter dem Radar durchfliegen. 
Der Schulalltag verlief immer gleich: Man zerbrach sich den Kopf darüber mit welcher Ausrede man sich vor dem gehassten Sportunterricht (drei Semester Jazzgymnastik!) drücken konnte, sammelte das Geld ein, um in der ersten großen Pause bei BOLLE die obligatorische Flasche FABER-Sekt zu kaufen (DM 3,99) und versuchte noch genug Geld übrig zu haben, um in der zweiten großen Pause eine Packung Zigaretten sowie ein kleines „Piece“ beim Hasch-Dealer der Schule zu ergattern.

Nur über Poppenbüttel hatte ich mir eine Meinung gebildet: Bloß schnell weg da.
 Es gelang sogar. Mit 18 hatte ich das Abi in der Tasche und mußte nur noch aus diesem elenden Stadtteil weg.
Es pressierte sogar ein bißchen, denn zum Ende des Jahres lief der Mietvertrag unserer poppenbütteligen extra spießigen Doppelhaushälfte aus.
 Ich war ohnehin schon der letzte Mohikaner. Geschwister und Mutter hatten sich schon vor mir abgesetzt aus der „Gegend, in der wir nie gewohnt haben“.

Vermissen werde ich nicht sehr viel. 
Das war mir spätestens klar, als ich mich bei Frau Brückmüller, der Gemüsefrau von nebenan verabschiedete. Sie hatte vorzügliches Obst und war neben dem verrückten Buchhändler von gegenüber eine der wenigen oft frequentierten Anlaufstellen. 
Frau Bruckmüller bewarf mich auch nie mit Äpfeln oder Birnen. Auf der anderen Straßenseite konnte einem das durchaus passieren, wenn man ein Buch bestellte, welches nicht in das Weltbild des von K-Gruppen geprägten Ladeninhabers passte. 
Er war durchaus ein großherziger, gebildeter Mann. 
Man durfte nur nicht die falschen Fragen stellen. Völlig unangemessen war beispielswiese „Haben Sie Hoimar von Ditfurths „So lasst uns doch ein….“; weiter kam ich nicht, weil ich rennen mußte. Dem Wortschwall „für diesen Verbrecher werden in Brasilien Regenwälder abgeholzt!“ würden unweigerlich einige Wurfgeschosse folgen. Man passt sich eben an in seiner Jugend und lernt die Menschen so zu nehmen, wie sie sind.
 
„Nein, Sie haben wirklich nicht in diese Gegend gepasst!“ - mit diesen Abschiedsworten hatte die Herrin über Früchte und Gemüse sicher nicht Unrecht.
In so einen Stadtteil passt man entweder gar nicht, oder aber wie die Faust auf’s Auge, so daß es einen als Erwachsenen magisch wieder anzieht.

Die richtigen Leute ziehen freiwillig dort hin, die Falschen ziehen freiwillig weg.

Da müssen Nachbarn gar nicht erst aktiv werden. 

Es sei denn die nicht Vorstadt-Kompatiblen sind mehr als einer. 
Das geht nicht. Fremde erträgt der Saseler nur in ganz kleinen Dosen.

Nach über einem Vierteljahrhundert wurde ich an diese netten Vorstadteigenschaften durch Berichte über eine „Jugend-WG“ erinnert. 
Kinder „aus schwierigen Verhältnissen“ sollten doch tatsächlich im Vorzeigestadtteil untergebracht werden. 
Im Heideknick 4, zwischen Berner Weg und Volksdorfer Weg, sollte das Ungeheuerliche geschehen. 


Hier wollte der der Diakonieverein Großstadt-Mission Altona bis zu acht Jugendliche in einem Haus betreuen und wohnen lassen.
Die Anwohner wurden stinksauer. 
Kinder in IHREM Statdteil? So geht es ja nun nicht. 

Monika Pfaue, Thomas Jeutner und Barbara Kretzer gingen auf die Barrikaden. "Der Heideknick ist ein besonders geschütztes Wohngebiet, eine soziale Einrichtung daher nicht zugelassen", dröhnt Nachbar Peter Jacobsen, der das Projekt mit juristischer Hilfe stoppen will und eine Anti-Wohngruppen-Initiative gründete.

Beruhigen wird sich der Stadtteil trotzdem nicht. Die Initiative möchte die Wohngruppe weiterhin verhindern und hat angekündigt zu klagen. Ein Konto dafür ist schon eingerichtet. Peter Jacobsen und Karin Syring sind zwei ihrer Sprecher. [….]  Die Großstadt-Mission, so ihr Vorwurf, finanziere sich mit der Betreuung der Kinder hochpreisige Häuser. "Fast 4000 Euro im Monat erhält ein freier Träger der Jugendhilfe durchschnittlich für jedes Kind", rechnet Jacobsen vor. "Eine Pflegefamilie bekommt nur knapp 1000 Euro." Sie finden, dass Jugendliche in eine Familie gehören. "Wir möchten nur das Beste für die Kinder", sagt Syring. "Kinder aus schwierigen Familien haben in jedem Fall ein Trauma und bräuchten eine Therapie." Dann allerdings wäre es keine Wohngruppe mehr, sondern eine soziale Einrichtung. Und die ist in einem besonders geschützten Wohngebiet nun mal verboten. "Es gibt genug Problemstadtteile in Hamburg", sagt Jacobsen. "Da muss man nicht noch zusätzlich welche schaffen."

"Problemjugendliche" haben einige Nachbarn in Sasel sie genannt und eine Bürgerinitiative gegen das Wohnprojekt gegründet. Sie sprechen von Drogen und Kriminalität, die das ruhige Wohngebiet erschüttern könnten. Sie fürchten um ihre Kinder, um die Grundstückspreise. Sie fürchten Lärm. Immer wieder verweisen sie auf einen Bebauungsplan aus den 1930er-Jahren, der die Gegend als besonders geschütztes Wohngebiet ausweist. Weil die Großstadt-Mission Altona als freier Träger mit der Wohngruppe Geld verdiene, sei das Projekt ein Gewerbe und hier nicht zugelassen. Man müsse nicht noch mehr Problemstadtteile schaffen. Zwei Eingaben hat die Bürgerinitiative eingebracht, die abgelehnt wurden. Im Juli hat sie Klage eingereicht.

Wir haben allerdings inzwischen einen SPD-Senat, der sich nicht erpressen ließ. 
Am 23. Juli 2012 sind die ersten Problembälger eingezogen und  - man glaubt es kaum - Sasel existiert immer noch und wurde nicht in ein Slum verwandelt.
 Dabei hausen sogar schon sieben der gefährlichen Rabauken in der beschaulichen Heimat von Monika Pfaue, Thomas Jeutner und Barbara Kretzer.

Sie sind jetzt zu siebt. Fünf Jungs, zwei Mädchen. Manche lernen gerade Bügeln, manche erst einmal Deutsch. […]
Lisa und ihre Mitbewohner stammen aus "schwierigen familiären Verhältnissen", wie es offiziell heißt - Kinder und Jugendliche, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in ihren Familien bleiben können. […]
Der Protest ist leiser geworden, aber der Kontakt ist bisher reduziert. Die Wohngruppe steht noch ganz am Anfang. "Wir wollen mehr auf die Nachbarn zugehen", sagt Projektleiter Manuel Kappernagel, "aber momentan haben wir einfach zu viel um die Ohren." Die Gruppe muss sich noch finden, die Kinder müssen sich erst eingewöhnen.
Die drei neuesten Mitbewohner kamen vor zwei Wochen an, Flüchtlinge aus dem Iran. Sie haben einen langen Weg hinter sich: schmale, höfliche Jungs, die gutes Englisch sprechen, deutsche Sätze büffeln und sich freuen, endlich wieder zur Schule gehen zu können.
Der 14-jährige Mohammad brennt vor allem für Biologie, er möchte einmal Zahnarzt werden. Ali, ebenfalls 14, interessiert sich eher für die Motorik: Er will einmal etwas mit Mechanik machen, um mit Autos arbeiten zu können. Beide haben es auf Anhieb aufs Gymnasium geschafft. "Da hatten wir alle ein bisschen Pipi in den Augen", sagt Kappernagel.  

Hamburg-Sasel ist überall.

“Das hässliche Gesicht des Bürgertums” nennt es PANORAMA.


Das Bürgertum degeneriert mehr und mehr zum asozialen Abwehrpack.

Wie die Fachzeitschrift Altenpflege berichtet, protestiert eine neu gegründete Bürgerinitiative im niedersächsischen Vögelsen bei Lüneburg gegen den Plan, Häuser für Senioren-Wohngemeinschaften zu errichten.
Die rund 70 in der Initiative zusammengeschlossenen Menschen, meist Anwohner der als Baugrund vorgesehenen Wiese, befürchten eine Wertminderung ihrer Immobilien und Konflikte zwischen Alten und Jugendlichen im Viertel. In einem Brief der
Initiative an den Bürgermeister des Ortes ist von einem “sozial unverträglichen Projekt” die Rede.

Auch die mächtige Senioren-Union mit 57.000 Mitgliedern in der CDU macht generell Stimmung gegen „soziale Heterogenität“. 
Kinder ja, aber bitte nicht in der Nähe von uns - sagt Leonhard Kuckart, der Vize-Bundesvorsitzende der Senioren-Union. In der CDU gilt St. Florian.

„Ich habe das Gefühl, dass hier eine Ausnahmeregelung getroffen wird, die wirklich zu unnötigen Konflikten führt“, erläutert Kuckart. „Man kann nicht von älteren Menschen erwarten, dass sie bis zur Selbstaufgabe alles ertragen“ und verweist auf den wohlverdienten Ruhestand. [….] Der Deutsche Kinderschutzbund reagierte am Donnerstag empört auf die Forderung der Seniorenunion der CDU, Kitas und Kinderlärm möglichst aus Wohngegenden fernzuhalten. Äußerungen dieser Art seien „Ausdruck einer zunehmend kindentwöhnten Gesellschaft“, sagte Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers. Kinder würden immer mehr in Schon- und Schutzräume abgeschoben und kämen im Alltagsleben vieler Bürger kaum noch vor.

In der Geibelstraße in Hamburg Winterhude verhinderte dieses Jahr eine trickreiche Eigentümergemeinschaft die Eröffnung einer KITA. 
Das Projekt ist inzwischen offiziell begraben. 
Federführend in der Kinder-phoben Eigentümergemeinschaft ist die CDU-Frau Marie-Luise Tolle, die ebenfalls um den Wert ihrer Immobilie fürchtet.

Zu den Wohnungs-Eigentümern gehört auch Marie-Luise Tolle (60). Sie ist heute Amtsleiterin in der Kulturbehörde und war jahrelang für Gleichstellung zuständig. In einem Artikel in der „Welt“ äußerte sie, „nur mit Kindern kann es geistiges, wirtschaftliches und emotionales Wachstum geben.“ Solange Schwangerschaft ein Stigma sei, müsse man sich über den Kinderrückgang nicht wundern.“

Das gilt aber für die Senatsdirektorin scheinbar nur, wenn es nicht ausgerechnet um IHRE Nachbarschaft geht.

Eine Kita passe dort nicht hin, meinen die Anwohner. Eine der Gegnerinnen des Projekts ist die frühere Leiterin des Hamburger Amtes für Gleichstellung, Senatsdirektorin Marie-Luise Tolle. Sie hatte damals mehrfach für eine kinderfreundliche Stadt Hamburg geworben.
Um die Errichtung der Kita zu verhindern, argumentieren die Nachbarn mit rechtlichen Vorschriften. Ohne bauliche Veränderungen kann die Kita nicht genehmigt werden. Es geht um knapp 20 Zentimeter. Für ihre neueKita müsste die Unternehmerin Lorelly Bustos Córdoba die Eingangstür von derzeit rund 80 Zentimeter auf etwa 100 Zentimeter verbreitern - das ist Vorschrift bei einem Gewerbebetrieb mit mehr als fünf Mitarbeitern.
Die Nachbarn, eine Eigentümergemeinschaft, verweigern jedoch die notwendige Zustimmung dafür. Weil die Türverbreiterung ein Eingriff in die Fassade wäre, haben die Eigentümer ein Mitbestimmungsrecht.