Freitag, 8. Juli 2022

Bis die Bibel aus der Hand springt.

Schon klar, als rechtskonservativer Politiker, Propagandist, Papst, Premierminister, Publizist, Priester, Patriarch, Parteigänger muss man manchmal Thesen öffentlich vertreten, die man selbst nicht glaubt.

Gerade in den USA sollte man sich längst von der Wahrheit emanzipiert haben. Immerhin wird dort der 30.000-fache Lügner, Hochverräter und Verbrecher Donald Trump als Messias verehrt.

Einer der festen Glaubenssätze der Trump-Religion lautet, daß Pistolen, beziehungsweise die freie Verfügbarkeit von automatischen Waffen, rein gar nichts damit zu tun haben, daß täglich mehrere Dutzend Menschen in den USA abgeknallt werden.

Da aber in keiner anderen Industrienation auch nur annähernd so viele Menschen erschossen werden, wie in den mit Waffen überfluteten USA, müssen die GOP kreativ sein, um andere Ursachen dafür zu erfinden, weswegen täglich ein neuer frustrierter weißer, rechtsradikaler, junger, männlicher Trump-Fan unschuldige Menschen erschießt.

Die Klassiker sind: Videospiele, Cannabis und natürlich feministische Mütter, die den armen kleinen Killer verwirrt haben. 

Im Gegensatz zu unschuldigen Schwarzen, werden die jungen weißen Massenmörder meist unverletzt von Polizisten gefangen genommen, mit Samthandschuhen behandelt und anschließend sogar gelegentlich wie Kyle Rittenhaus zu Helden stilisiert, die bei Trump-Audienzen geehrt und auf GOP-Meetings bejubelt werden.

Eine eher neue Erfindung, die erst durch Abschaum-Senator Ted Cruz nach dem Uvalde-Amoklauf populär wurde, ist die Tür-Theorie. Schulen hätten einfach zu viele Türen. Die müssten alle zugemauert werden und schon wären die Kinder für immer sicher. Das ist unheimlich überzeugend, denn wie wir ja wissen, haben australische, europäische, japanische und kanadische Schulen gar keinen Türen und deswegen auch keine Amokläufe.

Außerdem herrscht bei der Feuerwehr große Begeisterung für die Idee, bei so riesigen Gebäuden mit tausenden Insassen alle Fluchtwege zu sperren.

Da muss man sich bei Bränden nicht erst umständlich bemühen, Kinder aus den Flammen zu retten, sondern kann gemächlich wie die texanischen COPs in Uvalde abwarten, bis alle tot sind und später die Leichen einsammeln.

Wie gesagt, als Republikaner muss man abgehärtet sein. Aber mit viel Übung bekommen sie es tatsächlich hin, so einen hanebüchenen Schwachsinn, ohne zu lachen in die Kameras zu erzählen.

Mit diesen besonderen Fähigkeiten scheint auch die Republikanerin Lavern Spicer ausgestattet zu sein, der ohne vom Blitz getroffen zu werden nach dem Attentat auf den rechtsradikalen Japanischen Ex-Premier Shinzo Abe erklärte, das sei der Beweis dafür, daß strenge Waffengesetze keinen Schutz böten.

How did Shinzo Abe get assassinated when guns are banned in Japan? Liberals, care to explain?

(L. Spicer, GOP, 08.07.2022)

 

In Japan sind Waffen strikt kontrolliert und nachdem nun ein Menschen mit einer Pistole erschossen wurde, blitzberkt sich Spicer durch social media.

[….] Fatal gun violence is virtually unheard of in Japan, and most Japanese go through life without ever handling, or even seeing, a real gun. Stabbings are more common in killings.  Major universities have rifle clubs, and Japanese police are armed, but gun ownership rights have been a distant issue for decades. Even police rarely resort to firing their pistols.  With a population of 125 million, the country had just 10 gun-related criminal cases last year, resulting in a single death and four injuries, according to police. Eight of those cases were gang-related.  The densely populated capital of Tokyo had zero gun incidents, injuries or deaths during that same year, although 61 guns were seized there.  “Japanese people are in a state of shock,” said Shiro Kawamoto, professor at the College of Risk Management at Nihon University in Tokyo.  [….]

(WaPo, 08.07.2022)

Japan, strenge Waffengesetze, ein einziger Toter im Jahr 2021 durch Schusswaffen.

USA, so gut wie keine Waffengesetze, 45.222 Tote im Jahr 2021 durch Schusswaffen.

Ich weiß auch nicht, wieso es mir immer wieder passiert. Wie kann ich noch überrascht sein, von der unfassbaren Dummheit amerikanischer GOPer?

Japan, fast keine Schusswaffen im Privatbesetz, EIN Toter im Jahr.

USA, 400 Millionen Schusswaffen im Privatbesetz, mehr als 45.000 Tote im Jahr.

Und daraus folgert Spicer, Schusswaffenverbote wirken NICHT!

[….] Secondly, by asking "liberals" to explain, Spicer is suggesting that gun laws don't prevent gun violence, since those who identify with "liberal" political beliefs tend to support stricter gun control measures. However, the simple fact that this act of violence is so rare in Japan supports the idea that gun control in Japan is working. Yes, culture is one reason for the low rate, but gun regulation is a major one, too. The result is a situation where citizens and police seldom use guns. The fact that the shooter of Shinzo Abe most likely used a "homemade gun"2 to get past laws restricting the sales of firearms and ammunition, proves that guns are harder to obtain in Japan.   According to a recently published article on Vox, gun regulations in other countries reflect a significant difference in recorded instances of gun violence. 

“No other high-income country has suffered such a high death toll from gun violence. Every day, more than 110 Americans die at the end of a gun, including suicides and homicides, an average of 40,620 per year. Since 2009, there has been an annual average of 19 mass shootings, when defined as shootings in which at least four people are killed. The US gun homicide rate is as much as 26 times that of other high-income countries; its gun suicide rate is nearly 12 times higher“.

The following excerpt published in The Guardian by reporters Cait Kelly and Justin McCurry compares gun violence in U.S. and Japan and other high-income countries.

“A 2022 report from the University of Washington revealed that, while the US had more than four firearm homicides per 100,000 people in 2019, Japan had almost zero. Comparing high-income countries in the World Bank with the rate of firearm homicide per 100,000 people, the US had 4.2, Australia had 0.18 and Japan 0.02, the report found. In 2013, the country hit a record high for gun crime, with 40 criminal cases of guns being fired, but it has followed a downward trend since. There are also strict laws about how many gun shops are allowed to open – in most of the countries’ 47 prefectures, a total of three gun shops can operate in each prefecture”. [….]

(Fact Check 08.07.2022)

Donnerstag, 7. Juli 2022

Kleine Amtsvorteile

Ach wie schön so eine Promi-Hochzeit à la Christian Lindner doch ist.

[….] Ein Kuss unter weißen Blüten: Finanzminister Christian Lindner und seine Lebensgefährtin Franca Lehfeldt haben auf Sylt standesamtlich geheiratet. Gegen 17.30 Uhr trat das Paar vor das Sylt-Museum, wo bereits Gäste warteten, um Blütenblätter zu werfen. [….] Dabei winkten sie zahlreichen Neugierigen und Journalisten zu, die auf das Paar gewartet hatten. [….]  Polizisten stellten sich vor die überwiegend aus Urlaubern bestehende Schar von Neugierigen. [….] Die standesamtliche Hochzeit von Lindner und Lehfeldt war der Auftakt mehrtägiger Hochzeitsfeierlichkeiten auf Sylt. Am Freitag soll nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ein Polterabend stattfinden. Am Samstag will sich das Paar in einer Kirche trauen lassen. Medienberichten zufolge soll dann abends in der »Sansibar« gefeiert werden. Auf der Gästeliste sollen demnach zahlreiche Prominente stehen – darunter Bundeskanzler Olaf Scholz. [….]

(SPON, 07.07.2022)

Wie bei Queen Elisabeth II. 70-Jährigen Thronjubiläum, sollen die Feierlichkeiten drei Tage andauern. Die Wunschliste des Porsche- und Rolex-Fans Lindner ist typisch neureich – so möchte der Finanzminister unter anderem eine Suppenterrine der Königlich Kopenhagener Porzellan Manufaktur für über 1.000 Euro haben.

Übermorgen folgt die kirchliche Trauung des mit 18 Jahren aus der Kirche ausgetretenen Lindners.

Es ist die klassische Heuchelei des Millionärs Lindner: Kirchensteuer zahlen will er natürlich nicht, aber den kirchlichen Pomp zur Selbstinszenierung maximal ausnutzen. Üblicherweise macht die Kirche das nicht mit und behält christliche Trauungen ihren zahlenden Mitgliedern vor. Zumindest eine Hälfte des Paares muss Mitglied sein. Aber so wie Christian aus der katholischen Kirche austrat, verließ auch seine Franca die evangelische Kirche.

Aber wir sprechen eben von der Kirche, der Erfinderin der Heuchelei, die eine geschiedenen Chirurgen aus einem Krankenhaus in katholischer Trägerschaft, genauso unbarmherzig feuert, wie eine Kindergärtnerin, die sich in eine Frau verliebt.

Bei Chris und Franca ist es aber etwas anderes, denn beide sind reich und berühmt. Man verschreckt nicht den Bundesfinanzminister und scheißt daher auf alle Regeln, wenn man sich dadurch weiterhin Protektion vom Staat versprechen kann.

Macht und Geld sind für die Kirche grundsätzlich erheblich wichtiger als Moral.

Die WELT-Reporterin Lehfeldt mit über 100.000 Instagram-Followern, spielt offenbar alle Hochzeitsinformation direkt ihrem Springer-Konzern zu, Lindner heuerte eigens für die Kirchengemeinde eine PR-Sprecherin an. Ute Spangenberg leitet eine "Gesellschaft für Veranstaltungsorganisation"; bei so viel Klatsch-Content kann auch Lehfeldt über ihre Followerschaft prächtig abkassieren.

[…] Spangenberg ist mit ihrer Firma auf "Veranstaltungen im politischen Bereich spezialisiert". Vertraulichkeit dürfte für sie kein Neuland sein, davon profitieren jetzt auch Lindner und Lehfeldt. Dementsprechend überrascht es, wie viele Details über die Hochzeit aktuell in der "Bild"-Zeitung zu lesen sind. "Die Party ++ Die Trauzeugen ++ Das Menü ++ Welche Gäste geladen sind", steht unter einem Artikel mit der Überschrift "So wird die Polit-Hochzeit des Jahres". Zu lesen ist dort außerdem, es herrsche eine "hohe Sicherheitsstufe". Was dabei unerwähnt bleibt: Der Personenschutz durch das Bundeskriminalamt wird durch Steuergelder finanziert – und darum kreist inzwischen eine lebhafte Debatte.   […]

(T-online.de, 06.07.2022)

Das sind Synergie-Effekte. FDP und Springer verhindern gemeinsam, daß die unangenehmen Aspekte in der Presse erscheinen und die Kirche lässt sich mit der Aufmerksamkeit schmieren.


So eine Politiker-Mega-Hochzeit, die Reiche und Presse, Mächtige und Kirchen, gegen den Plebs zusammenschweißt, soll es auch in London geben.

Deswegen kann Boris Johnson, den es nach einer aberwitzigen Kaskade von Lügen und Skandalen, nun doch aus dem Parteivorsitz kegelte, auch noch nicht als britischer Premier zurücktreten.

Carrie Symonds, verheiratete Carrie Johnson, 34, also ein Vierteljahrhundert jünger als ihr Ehemann, konservative Politikberaterin und Mutter eines der knapp 10 Johnson-Kinder (die genaue Anzahl kann ich mir bei diesen superfertilen Typen, wie zB auch Musk, nie merken), hatte aber bisher nur eine kleinere Zeremonie in der Westminster Cathedral. Da muss noch ordentlich einer draufgesetzt werden und das geht eben am besten auf Staatskosten. Also muss ihr Boris noch im Amt bleiben.

[….] Boris Johnson will wegen seiner Hochzeitspläne Regierungschef bleiben  [….] Johnson und seine Frau Carrie hatten im Mai 2021 im kleinen Kreis geheiratet – wegen der Coronabeschränkungen konnten sie nur 30 Gäste zu einer Gartenparty in die Downing Street einladen. Für den 30. Juli ist nun eine große Party in Chequers, dem offiziellen Landsitz des britischen Premierministers, geplant. Am Donnerstag kündigte Johnson an, noch so lange Regierungschef zu   bleiben, bis ein neuer Parteichef gewählt ist – möglicherweise also bis zum Parteitag im Oktober. Der »Daily Mirror«, der »Guardian«  und andere britische Medien berichten nun, der Zeitplan hänge vor allem mit Johnsons Hochzeitsplänen zusammen – die Einladungen nach Chequers seien bereits verschickt. Auch ein Versprecher deutet darauf hin, dass Johnson in seiner Rücktrittsrede das Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert im Sinn hatte: Als er vor seinem Amtssitz in der Londoner Downing Street seinen Rücktritt bekanntgab, bedankte er sich bei seinen »wunderbaren Mitarbeitern hier in Chequers«. Londons Bürgermeister Sadiq Khan von der oppositionellen Labour-Partei kommentierte die Vorwürfe ironisch: »Auch wenn wir alle gerne ein rauschendes Hochzeitsfest auf Kosten des Steuerzahlers in Chequers haben würden, wird er das nicht tun können, weil die britische Öffentlichkeit es abscheulich finden wird«, sagte Khan im Sender LBC Radio. [….]

Die Hochzeitspläne sind natürlich wichtiger. Unter den Umständen kann BoJo ja gar nicht zurücktreten und muss weiter britischer Regierungschef bleiben.

Mittwoch, 6. Juli 2022

Wie man das Private politisch macht.

Natürlich gönne ich Politikern ihr Privatleben und bewundere es, wenn einer ganz nach oben kommt und es stets vermieden hat, seine Familie einzuspannen, sich mit Homestorys beliebt machen zu wollen, in der BUNTEn aufgetaucht zu sein.

Es gibt solche Fälle. Über das Familienleben von Jürgen Trittin weiß man rein gar nichts und auch Olaf Scholz tritt nie in Yellow-Press-Formaten auf. Das sind Politikertypen, die ihre Arbeit vom Privatleben trennen und auf den vermeidlichen Bonus verzichten, sich beim Volk durch Nahbarkeit anzubiedern.

Das diametrale Gegenteil war beispielsweise Guido Westerwelle, der manisch auf jedem noch so abwegigen „Event“ auftauchte. In jeder GALA- und BUNTE-Ausgabe mit Grinsebildern vertreten war. Keine Restauranteröffnung, kein Ball, keine Kinopremiere, kein Promi-Geburtstag war vor ihm sicher. Politik spielte für ihn kaum ein Rolle. Das machte sich insbesondere bemerkbar, als er Außenminister- und Vizekanzler wurde, sich aber ganz offensichtlich nicht mal fünf Minuten darauf vorbereitet hatte. Völlig plan- und kenntnislos in die Ämter stolperte und dementsprechend auch spektakulär scheiterte.

Was war da für ein Gegensatz zu Joschka Fischer, der von 1994 bis 1998 jede Hauptstadt bereist und Kontakte geknüpft hatte, der jede Nacht akribisch studierte, sich systematisch mit sämtlichen nur denkbaren außenpolitischen Themen beschäftige und nach vier Jahren bei seiner tatsächlichen Ernennung in das Ressort on point vorbereitet war.

Westerwelle-Wiedergänger waren dann zum Beispiel Guttenberg oder Jens Spahn, der sogar gleich den BUNTE-Chef heiratete, jeden Abend durch die Promi-Welt tingelte. Aber insbesondere auch Christian Lindner, der von theoretischer und programmatischer Politik gar nichts hält, die FDP inhaltlich weiter entkernte und sie in einen Linder-Fanclub umfunktionierte. Es passte so gut zu seinem Habitus als selbstverliebter Posterboy, der sich lieber in stylische Schwarzweißbildern im T-Shirt auf Plakate drucken ließ, statt zu verraten, was die FDP eigentlich als Regierungspartei tun würde – außer ihre reichen Spender zu pampern. Auch Lindner heiratete entsprechend 2011 die heutige WamS-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld. Eine wichtige Figur im ultrarechten SPRINGER-Konzern. Schon zwei Jahre bevor die Ehe 2020 geschieden wurde, musste ein Ersatz mit ähnlichen Synergieeffekten gefunden werden. Das gelang ideal mit der RTL-Klatschreporterin Franca Lehfeldt. Die Beziehung zu ihr machte er, wie sollte es anders sein, über die BUNTE und Instagram publik. Privates ersetzt das Politische bei der Jagd um Aufmerksamkeit. Dem Klischee entsprechend, ist Franka 15 Jahre jünger als Dagmar und wird mutmaßlich ihrerseits in zehn bis 20 Jahren ebenfalls durch ein jüngeres Model ersetzt. Mit ihrem neuen mächtigen Verlobten, konnte sich Lehfeldt vom ihrem Klatschjob bei RTL lösen und wurde Politik-Reporterin für den Nachrichtensender »Welt«, der zu Schwurbel-Döpfners stramm rechten Springer-Konzern gehört. Auch in dieser Hinsicht belässt Lindner es also beim Alten.

Wieso ich darüber schreibe? Sind das keine Privatangelegenheiten?

Wenn zwei Menschen heiraten, ist das etwas Wunderbares. Natürlich wird gefeiert. Am besten freut man sich für die Eheleute. Es kann einem natürlich auch egal sein. Aber wer daran Anstoß nimmt, sucht sich am besten einen Therapeuten!  #Lindnerhochzeit

(Marco Buschmann, 06.07.2022)

Ja, ABER, Herr Justizminister.

Zunächst einmal gibt es keine Klischeehafteren Ort für eine Promi-Hochzeit als Sylt, die Insel der Superreichen. Als i-Tüpfelchen wird auch noch Punker-Magnet Bürgermeister Nikolas Häckel die Trauung abhalten und berichtet davon schon vorab brühwarm der BILD.

[….] Am Donnerstag wollen Christian Lindner (FDP) und die Journalistin Franca Lehfeldt auf Sylt den Bund der Ehe schließen. Nun überrascht der Finanzminister mit einer großen Geste: Alle Punks, die es zu der exklusiven Feier in Keitum schaffen, seien herzlich willkommen, so Lindner. "Ich habe gehört, dass sich zur Zeit auf Sylt dank 9-Euro-Ticket bereits eine größere Gruppe Punks befindet", so der Finanzminister. "Auf unserer Feier sind bisher nur eher langweilige Anzugträger und Entscheider aus Wirtschaft und Politik eingeladen. Da könnten ein paar Punks mit ihrer hervorragenden Partykultur durchaus zur Stimmung beitragen. Einfach vorbeikommen! Es gibt jede Menge Champagner und edlen Wein.  [….]

(dpo, 05.07.2022)

Ja, ABER, Herr Justizminister, Lindner ist eben kein Politiker, der das Private aus der Öffentlichkeit hält, sondern explizit damit wirbt.

Ja, ABER, Herr Justizminister, wenn man schon ausgerechnet als Finanzminister so einen Aufwand betreibt, um die Angelegenheit möglichst öffentlich zu promoten und die Springersche Hetz-Presse dafür einspannt, darf man sich nicht wundern, wenn in Zeiten der Inflation und größten ökonomischen Sorgen, nicht jeder Twitter-User begeistert applaudiert.

Leider gibt es Therapeuten nur noch für Privatpatienten.   Aktuell aber nicht mehr für die, weil zu viele Corona haben.  Und jetzt freue ich mich natürlich mit dem Arschloch und seinen Arschlofreunden, die das alles zu verantworten haben.  Glückwunsch zur #Lindnerhochzeit.

(DennisKBerlin, 06.07.2022)

Antwort an @MarcoBuschmann

Auf der nach unten durchaus offenen Skala an Niedertracht, die man in Ihren Tweets häufiger finden kann, wurde hiermit ein neues Level freigeschaltet. Welch Unverschämtheit gegenüber allen, die eine Therapie machen oder sehnlichst auf einen der raren Plätze warten.

(@Judith__Sauer, 06.07.2022)

Ja, ABER, Herr Justizminister, es ist eine Unverschämtheit, Kritik aus der eher linken Ecke über die aberwitzigen Kosten der dreitägigen Partysause des Finanzministers für psychisch krank zu halten und mit der Empfehlung, einen Therapeuten aufzusuchen“, Millionen psychisch Kranke zu diffamieren, die genau das schwer können, weil es gerade die von der FDP erzwungene Verhinderung der Bürgerversicherung ist, die für Kassenpatienten kaum adäquate Therapie möglich macht.

Antwort an @MarcoBuschmann

Ach guck an …der unverschämte Herr Buschmann wieder…in einem Atemzug politische Kritiker und Menschen mit psychischen Erkrankungen beleidigen…und der Preis für das mit Abstand unsympathischste Mitglied der Bundesregierung geht an…oder war’s doch Spacken-Kubicki?

(Timpete, 06.07.2022)

Ja, ABER, Herr Justizminister, wenn man als Finanzminister derartige Kosten durch seine luxuriöse Privatfeier auslöst, darf man nicht gleichzeitig, den weniger Reichen so drastisch den ausgestreckten Mittelfinger zeigen.

[…]  Finanzminister Christian Lindner (FDP) will in den kommenden Jahren stark bei der Förderung von Langzeitarbeitslosen sparen. Das geht aus dem Haushaltsentwurf für 2023 hervor. Konkret sollen für das kommende Jahr »Leistungen zur Eingliederung in Arbeit« in der Grundsicherung für Arbeitsuchende von aktuell gut 4,8 Milliarden Euro auf 4,2 Milliarden Euro gekürzt werden – ein Minus von insgesamt 609 Millionen Euro.   Mittelfristig sollen offenbar vor allem die Mittel für mehrjährige Förderungen weitgehend abgeschmolzen werden. Bis 2029 werden die Fälligkeiten entsprechender Verpflichtungsermächtigungen der Planung zufolge auf jährlich nur noch fünf Millionen Euro reduziert. Bleibt es bei der Kürzung, dürfte der sogenannte soziale Arbeitsmarkt, auch bekannt als Förderung nach Paragraf 16i des Zweiten Sozialgesetzbuchs, de facto vor dem Aus stehen. Das Bundesfinanzministerium ließ eine Anfrage zu den Streichungen zunächst unbeantwortet.  Die sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Jessica Tatti, zeigte sich über Lindners Pläne empört. Eine entsprechende Kostenreduktion wäre eine »krasse Bankrotterklärung«, sagte sie. »Statt zwanghaft an der Schuldenbremse festzuhalten, muss die Bundesregierung in dieser Krise endlich die massiven Übergewinne der Konzerne besteuern.« [….]

(SPON, 06.07.2022)

Herr Buschmann versteht nicht, wieso sich jemand, nicht für Lindner freut?

Nun, Lindner privates Glück ist für mich absolut uninteressant, ich akzeptiere sogar, daß so eine dreitägige Promi-Sause teuer ist und daß alle die geladenen Top-Gäste – auch Merz, Baerbock und Habeck werden neben Scholz und Buschmann erwartet – automatisch enorme Kosten verursachen, weil sie gar nicht ohne Security reisen können und all die Personenschützer untergebracht werden müssen.

Das ist wie die Panzerlimousine der Außenministerin oder des Kanzlers eben kein persönlicher Luxus, sondern schlicht Notwendigkeit.

Antwort an @MarcoBuschmann

Kontextorientiertes Verständnis, wenn Sie es hätten, würde Ihnen sagen, dass ein gewisser Zusammenhang zwischen den Kosten der Veranstaltung und der Idee besteht, bei Hartz IV zu sparen.  Aber das ist wohl eine Überforderung.

(@streifen_tier, 06.07.2022)

Erschreckend ist aber, wie sehr sich Buschmann und Lindner nach so kurzer Zeit in der Regierung bereits vom Volk entfernt haben, daß sie nicht mal erahnen, auf welche Skepsis so eine Kostenschlacht auf dem Rücken der Steuerzahler auslöst. Während wir in eine extreme ökonomische und ökologische Krise rücken, jeden Tag zum Sparen und frieren aufgefordert werden.

Das hätte sich ein halbwegs intelligenter Minister denken können und wenigstens Verständnis für die Kritik heucheln sollen, statt noch Öl ins Feuer zu gießen.

[…] Hochzeitspaar und Gäste werden im »Severin's Resort & Spa« unterkommen. Die Hotelanlage hat nach eigenen Angaben 62 Zimmer und Suiten sowie 27 Appartements in fünf Appartementhäusern. Dazu kommt ein 2000 Quadratmeter großer Wellnessbereich. Die Kosten für eine Übernachtung liegen laut Hoteldirektor Christian Siegling bei 390 bis 3500 Euro pro Nacht.  »Wir freuen uns, dass sie bei uns sein werden«, sagte Hoteldirektor Siegling dem »Abendblatt«. Der Bräutigam kenne das Haus schon sehr gut. »Herr Lindner war schon öfter hier.«  […]

(SPON, 06.07.2022)

Nun gucken natürlich erst recht alle ganz genau auf die Kosten.

Dienstag, 5. Juli 2022

Keine Konsequenzen

Mein Greisenalter macht sich auch dadurch bemerkbar, daß ich gelegentlich an Rudolf Seiters, *1937, CDU, denken muss.

Das war einer dieser stramm konservativen Langweiler, der keine Ausländer und keine Schwulen mochte, gegen das Asylrecht polemisierte, aber über gar kein Charisma verfügte. Der Mann war treuer Parteisoldat, unterstützte den Betrüger und Schwarzgeldverschieber Helmut Kohl bedingungslos und wurde 1989 Kanzleramtsminister, weil er über das das richtige Proporz-Portfolio verfügte: Jurist, stramm katholisch, Landesverband Niedersachsen, Provinz.

Kohl nannte ihn herablassend öffentlich „Rudi“ und als Lohn wurde er, wie andere Kanzleramtsminister vor ihm,  im November 1991 zum Innenminister befördert. „Rudi“ kämpfte erbittert für eine Grundgesetzänderung zur Einschränkung des Asylrechts und focht leidenschaftlich gegen jede Form der Sterbehilfe.

Und dann kam Bad Kleinen. Am 27. Juni 1993 wollte die GSG9 auf dem mecklenburgischen Bahnhof den untergetauchten RAF-Terroristen Wolfgang Grams festnehmen. Aber die legendäre Eliteeinheit stümperte, der GSG-9-Beamte Michael Newrzella wurde erschossen und Wolfgang Grams brachte sich selbst um, bevor man ihn ergreifen konnte. Das war sicher nicht die persönliche Schuld von Seiters, aber als oberster Dienstherr übernahm er die politische Verantwortung und trat am 4. Juli 1993 von seinem Amt zurück.

Es sollte das letzte mal sein, daß ein konservativer Politiker freiwillig politischen Anstand zeigte und Verantwortung übernahm. Fortan griffen CDU/CSU-Minister auf die Rechtfertigung „davon habe ich nichts gewußt“ zurück und taten so, als spiele es gar keine Rolle, damit eingeräumt zu haben, ihr Amt nicht im Griff zu haben. Horst Seehofer trieb es auf die Spitze, indem er selbst kaum noch physisch anwesend war, Kabinettssitzungen schwänze und weitgehend im heimischen Ingolstadt rumgammelte, statt in sein Superministerium zu fahren.

Besonders drastische Fälle waren aber auch Wolfgang Schäuble, Thomas de Maizière und Ursula von der Leyen, die immer wieder bei dreisten Lügen ertappt wurden. Von der Leyen ging über Leichen, indem sie gern mal einen Abteilungsleiter oder Staatssekretär als Bauernopfer für ihre Fehler feuerte. Minister de Maizière bewies mit seinen Äußerungen wider die Flüchtlingsrettung im Mittelmeer, da nur möglichst viele tote Kinder den nötigen „Abschreckungseffekt“ erzielten, daß er als streng gläubiger Christ ohnehin bar jeder Moral lebte.

Irgendwann gab Kanzlerin Merkel die Idee, daß ein Minister irgendeine Form der Verantwortung für sein Ministerium tragen sollte, ganz auf. Altmaier, Scheuer und Spahn leisteten sich im Wochentakt solche Skandale und richteten so enormen Schaden für das Land an, daß sie zu running gags der Satiriker wurden. „Wieso ist Andi Scheuer noch im Amt?“ und das Publikum lachte.

Deutschland ist aber immer noch zu spießig, um derartige Eskapaden, wie wir sie aus der Türkei, England oder der USA kennen, auszusitzen.

Wie Trump 30.000 mal im Amt zu lügen, mit einer fremden Macht versuchen, die Wahlen zu manipulieren und schließlich eine bewaffneten Mob ins Parlament zu jagen, um Politiker und Polizisten zu töten, würde vermutlich für einen Bundeskanzler doch reichen, um zumindest arbeitslos zu werden.

Trump hingegen überstand seine beiden Impeachmentverfahren, weil seine Republikaner zu 99,5% zu einer niederträchtigen Mafia-Organisation retardiert wurden. Da können die Demokraten den ganzen Tag toben, wie sie wollen.

Recep Tayyip Erdoğan kann man nicht einmal kritisieren, weil man anschließend sofort im Knast landen würde.  Ich bin mir nicht sicher, ob der türkische Präsident eigentlich eine Wahl verlieren könnte, oder ob er sich tricksend doch an der Macht hielte – egal, wie das Ergebnis lautet. Auch Russland ist nur theoretisch eine Demokratie. Ob Putin nach einer verlorenen Präsidentschaft zurücktreten würde, werden wir wohl kaum erfahren, da er so erfolgreich Propaganda betrieben hat, daß ihm breite Mehrheiten im Volk sicher sind. Anderenfalls könnte er auch noch die Wahlen fälschen lassen.

Groß Britannien ist noch nicht ganz so weit auf dem Weg in die Autokratie, obwohl die Tories alles unternehmen, um die freie Presse einzuschüchtern, die BBC zu schleifen. Boris Johnson wird aber im Gegensatz zu Erdoğan oder Putin oder Xi durchaus im eigenen Land scharf angegriffen, kann nicht die Gerichte nach seinem Gutdünken entscheiden lassen und wie die jüngsten Nachwahlen beweisen, sogar krachende Niederlagen an der Urne erleiden.

Aus und vorbei ist es aber für jeden moralischen Maßstab. Johnson lügt nicht nur wie gedruckt, sondern tut regelmäßig Dinge, die noch vor wenigen Jahren als absolut sakrosankt galten, indem er beispielsweise die Queen benutzte, um sein Parlament in die Pause zu schicken, weil er keine Lust hatte, sich unangenehmen Debatten zu stellen.

(….)  Der Mann ist moralisch so verkommen und lügt so selbstverständlich, daß es ihm gar nicht mehr schadet beim Lügen ertappt zu werden.  Es bleibt wenigen Intellektuellen überlassen, immer noch Worte für den britischen Regierungschef zu finden.

Der großartige schottische Schriftstellerin Alison Louise Kennedy, 56, beschreibt ihren Regierungschef ebenfalls kühl und euphemistisch.

[….] Ich weiß, es ist ein Rätsel: Boris Johnson, unser Killerclown, der Hundehaufen auf dem Kaminsims unserer Nation - ist immer noch Premierminister. Warum? Je klarer die Antworten auf diese Frage werden, desto klarer wird auch, dass wir uns in unaufhaltsamer Fahrt auf einer Rodelbahn aus gefrorenem Erbrochenen befinden, hinunter in den Abgrund des Faschismus, der die Form einer Farce angenommen hat - Farceismus? Während Boris sich mit käuflichen Freaks umgeben hat, die er erpressen, einschüchtern und bestechen kann, zerstören Korruption und ideologischer Vandalismus unsere Infrastruktur und unseren Sozialstaat. Unserer Regierung geht rapide das Geld aus, und die wirtschaftlich verheerenden Folgen des Brexit zeigen sich ja erst schemenhaft. Unser nächster Premierminister wird eine Landschaft der Schmerzen regieren. Nur ein unrettbar verdorbener, unendlich dummer Sadist würde diesen Job wollen. [….] Wahrheit ist hier in Großbritannien Fiktion, weil Pressebarone und Redaktionen, die dem Clickbait verfallen sind, unseren öffentlichen Diskurs verzerren. [….] Und natürlich ist ein Hundehaufen kein Hundehaufen. Also bleibt er auf dem Kaminsims und stinkt weiter vor sich hin. [….]

(A.L. Kennedy, 11.02.2022)

Auch nachgewiesenermaßen Gesetze zu brechen, stört den amoralischen Proleten nicht.

[…..] Nach der "Partygate"-Affäre hat Großbritanniens Premier Johnson eine Strafe bezahlt, sich entschuldigt - und will weitermachen. Doch die Opposition fordert seinen Rücktritt. Und auch die Bevölkerung ist empört. Boris Johnson ist der erste Premierminister des Vereinigten Königreichs, der offiziell gegen das Gesetz verstoßen hat. Am Abend entschuldigte er sich in einer Erklärung, die er auf seinem Landsitz Checkers abgab, wo er die Osterferien verbringt: "Die Polizei hat mir einen Bußgeldbescheid im Zusammenhang mit einem Ereignis zugestellt, das am 19. Juni 2020 in Downing Street 10 stattfand. Ich habe die Strafe sofort bezahlt und entschuldige mich noch einmal umfassend." Johnson sagte, er werde die Probleme angehen, die Großbritannien gerade treffen würden und für sein Land abliefern. [….]

(Gabi Biesinger, ARD, 13.04.22) (…)

(Britische Abstumpfung, 17.04.2022)

Wahllos anderen Männern in den Schritt greifen, während der Parlamentsdebatten Pornos gucken, einen 15-Jährigen Jungen sexuell belästigen, Saufgelage im Lockdown, wöchentlich in No.10 bacchanalisieren: Gratulation, die britischen KONSERVATIVEN haben sich moralisch der GOP hervorragend angepasst!

[…] Der Tory-Abgeordnete Chris Pincher legte sein Amt als stellvertretender »Einpeitscher«, Whip, für die Fraktion nieder, weil er offenbar im betrunkenen Zustand zwei Männer begrapscht hat.  »Ich habe bei Weitem zu viel getrunken«, schrieb Pincher laut BBC und Sky News in seinem Rücktrittsschreiben an Johnson.  […]

(SPON, 01.07.2022)

Johnson log auch zu dieser Affäre. Wie immer. Er habe von diesen Saufpartys nichts gewußt, sprachs, auch noch, als schon Fotos von ihm, inmitten der Gelage aufgetaucht waren. Schriftstellerin Kennedy weiß nicht mehr weiter angesichts dieses Sumpfes mit all den Teflon-Tories.

[…] Wir haben kein "Team Normal". Während in den USA immer mehr Details über einen erfolglosen, von Russland unterstützten Putsch ans Licht kommen - und über eine Gruppe politischer Berater, die verzweifelt versuchten, einen korrupten, verrückten Staatschef bei Verstand zu halten -, versinkt das Vereinigte Königreich immer tiefer in den Folgen unseres eigenen "sanften" Putsches. Und unser wahres, altes Gesicht kommt zum Vorschein.  Eine Opiumhalluzination aus Flaggen, der Vorherrschaft der weißen Rasse, männlicher Gewalt und der allerseits beliebten, hyperkapitalistischen Kriminalität. Das jüngste Beispiel für die Grausamkeit, die unser Killer-Clown-Imperator Boris Johnson als Richtschnur seiner Politik dient: ein Zwangstransport traumatisierter Flüchtlinge nach Ruanda. Team Chaos soll ihn beraten. Um die "schrecklichen Menschenschmuggler" zu besiegen, werden wir zu noch schrecklicheren Menschenschmugglern. Hurra.  […]

(AL Kennedy, 21.06.2022)

Johnsons Skandale kommen nun in so kurzer Frequenz, daß man kaum noch up to date sein kann.

[…] Dem Partygate noch nicht final entronnen, steckt der Premier schon im nächsten Schlamassel: Ein unlängst von ihm beförderter Tory tritt zurück, weil ihm sexualisierte Übergriffe vorgeworfen werden. Was wusste Johnson? […]

(SZ, 04.07.2022)

Zu Kennedys Überraschung tauchte heute aber doch noch ein kleines „Team Normal“ auf: Gleich zwei Johnson-treue Minister schmissen den Bettel hin, weil ihr freidrehender Premier für sie nicht mehr länger zu ertragen ist.

Fast unnötig zu erwähnen, aber selbstverständlich log Johnson auch beim jüngsten Skandal, als er behauptete, nichts von den sexuellen Übergriffen seiner volltrunkenen sexual predator-Tories gewußt zu haben. Der britische Premier spielt beim Lügen durchaus schon in der Trump-Liga und scheint grundsätzlich unfähig zu sein, einen wahren Satz von sich zu geben.

[…] Der britische Gesundheitsminister Sajid Javid und Finanzminister Rishi Sunak treten am Dienstagabend zurück. Für Boris Johnson ist das ein heftiger Rückschlag - seine Zukunft ist nun fraglicher denn je.

Der Wortlaut der Briefe ist vernichtend. "Ich muss Ihnen mit großem Bedauern mitteilen, dass ich nicht mehr guten Gewissens in dieser Regierung dienen kann", schrieb Sajid Javid, der britische Gesundheitsminister, an seinen Chef Boris Johnson. Rishi Sunak, der Finanzminister, formulierte: "Die Öffentlichkeit erwartet zu Recht eine Regierung, die ordentlich, kompetent und seriös arbeitet." Er glaube fest daran, dass "diese Standards es wert sind, dafür zu kämpfen, und deshalb trete ich zurück". Schlechte Nachrichten prallen an Boris Johnson immer schon ab wie Steine an einer Stahlwand, aber - zwei Rücktritte von zwei der wichtigsten Minister in seinem Kabinett innerhalb nur weniger Minuten? […]  Es ging um die Affäre um Chris Pincher,  […] - Pincher jedoch verfolgen seit Jahren Anschuldigungen, er habe andere Männer sexuell bedrängt. […] Neben Javid und Sunak traten am Dienstagabend noch fünf weitere Abgeordnete zurück, darunter drei Parlamentssekretäre und der Vize-Chef der Partei, Bim Afolami. Mehrere Minister aus Johnsons Kabinett, etwa Außenministerin Liz Truss oder Kulturministerin Nadine Dorries, sprachen Johnson dagegen das Vertrauen aus, "zu hundert Prozent", wie beide mitteilten. […]

(Michael Neudecker, 05.07.2022)

Da die britischen Wähler Johnson einen gewaltige Mehrheit im Parlament gaben – nachdem sie von seinen ungeheuerlichen Machenschaften und Lügen wußten – kann Johnson den Verlust einiger Parlamentarier lockert aussitzen. Er ernannte einfach wahllos neue Minister, Thema durch.

[….]  Zur Regierungskrise in London sagte ARD-Korrespondentin Annette Dittert, es wiederhole sich ein für Boris Johnson typisches Muster: "Er hat wieder gelogen und ist damit wieder aufgeflogen." Handelte es sich bei Johnson um einen "normalen Premierminister", würde jetzt unmittelbar ein Rücktritt erfolgen, so Ditterts Einschätzung.  "Johnson ist bisher immer aus allen Situationen wieder herausgekommen - bei ihm weiß man nie. Allerdings dürfte es für ihn jetzt wirklich schwierig werden, sich noch im Amt zu halten." […]

(Tagesschau, 05.07.2022)

Ditterts Einschätzung, Johnson werde enorme Schwierigkeiten haben, die Posten neu zu besetzen, ist eine Stunde später schon überholt.

Montag, 4. Juli 2022

Kindergartenmentalität

Heute war ich als Begleitung auf einer Eigentümerversammlung.

Problem 1: Der 50.000-Liter Öltank erfüllt nicht mehr alle Auflagen und müsste von innen neu beschichtet werden. Problem 2: Da im Moment alle Immobilienbesitzer in Panik auf die Energiepreise glotzen und möglichst schnell die Heizungen modernisieren wollen, sind keine Handwerker für Wartungsarbeiten zu bekommen, zumal die Heizungsfirmen auch alle unter drastischer Personalknappheit leiden. Problem 3: Es befinden sich noch 20.000 Liter Öl im Tank, die man erst mal loswerden muss, aber im Juli heizt natürlich niemand. Im letzten Winter verbrauchte die Wohnungsgemeinschaft aus 102 Einheiten gute 18.000 Liter Öl.

Vorschlag des Eigentümerbeirats: Da man die Neubeschichtung derzeit nicht sinnvoll durchführen kann, sollten wir das um zwei Jahre verschieben und jetzt lieber ein bis zwei Laster voll Öl (rund 7.000 Liter) dazu kaufen, um den nächsten Winter locker zu überstehen. Da Heizöl erstens wegen der geopolitischen Lage garantiert grundsätzlich teurer wird und ganz bestimmt zu Beginn der Heizperiode der Preis noch mal steigt, sollte man nicht warten.

Dieser Antrag wurde mit überwältigender Mehrheit abgeschmettert. Bloß nicht so viel Geld ausgeben. Es werde gerade sowieso alles teurer, nun wolle man sich ganz bestimmt nicht noch zusätzliche Kosten für Heizöl aufhalsen.

Da die Verwaltung nicht ohne Auftrag der Wohnungseigentümergemeinschaft einkaufen darf, wurde das Problem also auf die nächste Eigentümerversammlung im Sommer 2023 verschoben. Möglicherweise wäre dann inzwischen die Weltlage ganz anders und das Öl wieder viel billiger. Daher wurde auch gleich noch der Antrag abgeschmettert, das Wohngeld moderat anzuheben, um etwas mehr Geld der Instandhaltungsrücklage zuzuführen.

Während ich noch über diese Vogelstrauß-Strategie staunte und diese ultrakurzsichtigen ETV-Entscheidungen als Metapher für die gesamte deutsche Wählerschaft betrachtete, brach ein allgemeiner Entrüstungssturm los: Schuld an den hohen Energiepreisen wäre die Bundesregierung und da gäbe es nun mal niemanden, der bereit sei uns Eigentümern zu helfen.

Ach was? Ich war ganz erstaunt und wußte bisher gar nicht, daß es Olaf Scholz war, der in die Ukraine einmarschiert war und damit den Gaspreis hochtrieb. Ich Dummerle hielt eigentlich Wladimir Putin für den Schuldigen. Mir war auch nicht klar, wie sozialistisch und Reichen-feindlich der Finanzminister ist.

Selbstverständlich muss die Bundesregierung Hilfspakete schnüren, wenn die Inflation rast und die Lebenserhaltungskosten für Millionen Bürger nicht mehr zu stemmen sind.

Aber ausgerechnet die Immobilienbesitzer sollten nicht die ersten sein, in deren Taschen die Hilfsgelder fließen. Die Ampel muss erstens an diejenigen mit den geringsten Einkommen und zweitens an die Mieter denken.

Die Deutschen sind in ihrer Fähigkeit voraus zu sehen und rational zu entscheiden weitgehend retardiert.

Meine Lieblingsbischöfin, Margot - ich kann nie tiefer fallen als in Gottes Arme – Käßmann, beklagte am Wochenende in ihrem angemessenen intellektuellen Periodikum BILD, die Deutschen dürften von der bösen Bundesregierung beim Energiesparen nicht überfordert werden.

Offenbar ist eine Person mit Käßmann-IQ schon damit überfordert, für ihre Kurzhaarfrisur eine Spülung anzuwenden, wenn sie dabei auch noch an den Energieverbrauch denken müsse.

[…]  Mit Blick auf die Aufrufe zum kürzeren Duschen schrieb Käßmann: "Wenn ich Tempo mache, schaffe ich es in drei Minuten mit Haarspülung. Aber ein Vergnügen ist es so nicht. Und was wird im Winter mit Warmduschen und Heizen?" [….]

(Sonntagsblatt, 04.07.2022)

Arme Kässi. Da sie es nicht verstanden hat, helfe ich mit meiner naturwissenschaftlichen Expertise nach:

LANGE Wasser laufen lassen = teuer.

KURZ Wasser laufen lassen = billig.

Wasser sehr heiß aufdrehen  = viel Energieverbrauch.

Wasser kühler einstellen = weniger Energieverbrauch.

Ich weiß, diese komplizierten Zusammenhänge mögen eine Theologin überfordern, aber zur Not kann sie ja bevor sie sich kochendes Wasser über die Runzelrübe gießt, einen Atheisten fragen, ob bei kaltem oder warmen Wasser mehr Energie verbraucht wird.

Käßmann fühlt sich allerdings geistig abgehängt, mahnt dringend an, auf die Grenzdebilen Rücksicht zu nehmen.

[…]  Die evangelische Theologin Margot Käßmann hat davor gewarnt, die Bürger mit Appellen zum Energiesparen zu überfordern. Zwar sei es "gut, wenn wir unser Konsumverhalten bei Wasser, Gas, Lebensmitteln bewusst gestalten", schrieb Käßmann in ihrer Kolumne in der "Bild am Sonntag". Doch könne es "auch mal Grenzen geben, ein Genug". Zuallererst sei "der Staat in der Pflicht. Wir zahlen Steuern, damit er dafür sorgt, dass das Land funktioniert". [….]

(Sonntagsblatt, 04.07.2022)

Na klar, der liebe Gott fängt sie auf, wenn sie stolpert, der Strom kommt aus der Steckdose und den Rest soll Olaf Scholz regeln, weil die Deutschen nun einmal einen Nannystaat brauchen, der ihnen jede Entscheidung abnimmt.