Freitag, 30. Dezember 2022

Mehr Elend macht vorheriges Elend nicht weniger elend.  

Eine der moralisch verwerflichsten politischen stunts ist es, Minderheiten gegeneinander auszuspielen. Hartz-Empfängern zu suggerieren, Migranten nähmen ihnen etwas weg. Oder POS einzureden, Queere bekämen zu viel  Diskriminierungsschutz, während man Juden auf Quoten für Afroamerikaner hinweist. 

Ein Rentner in Altersarmut oder ein chronisch Kranker auf Grundsicherung, der sich vergeblich um eine barrierefreie Sozialwohnung bemüht, sind schnell gegen Ukrainer aufgehetzt, wenn sie „vom Amt“ hören, alle freien Wohnungen gingen an Flüchtlinge.

Damit ist der Groll in die gewünschte Ecke gedrängt und die eigentlich Schuldigen sind vergessen: ZB raffgierige börsennotierte Wohnungskonzerne oder der sträflich untätige CSU-Bundesbauminister Seehofer.

„Die Politik“ muss sich um alle Bedürftigen kümmern und soll keine Sozial-Triage anstellen: Afghanische Flüchtlinge werden abgeschoben, weil die Ukrainer jetzt dringender sind.

Deutschland ist nicht nur ein reiches Land, welches moralisch verpflichtet ist, Menschen zu helfen, die vor Hungertod, Krieg oder Folter fliehen, sondern vielfach ist Deutschland auch unmittelbarer Mitverursacher des Elends in anderen Teilen der Welt. Wir exportieren Waffen in die Krisengebiete, waren 20 Jahre in Afghanistan stationiert, statten Terrorregime mit Überwachungstechnik aus, treiben durch Austeritätspolitik andere in Armut, fischen die Meere vor Afrikas Küste leer, heizen mit unseren Emissionen den Klimawandel an, manipulieren die Lebensmittelweltmarktpreise oder werfen hochsubventioniertes Hühnerklein und Dosentomaten auf den afrikanischen Markt, um dort die Bauern zu ruinieren.

Europäer haben die willkürlichen und konfliktträchtigen Grenzen in Nahost und Afrika gezogen und die dortigen Gesellschaften durch Jahrhunderte des Menschenraubs (Sklavenhandel) und Kolonialismus ausgebeutet.

Wir sind mindestens mitschuldig, verschärfen laufend die Fluchtursachen. Wir müssen Migranten davor bewahren, elendig auf der Flucht zu verrecken.

Erst dann kommt ON TOP, daß wir händeringend auf Zuwanderung angewiesen sind und den Menschen, die überhaupt nach Deutschland kommen wollen, den Roten Teppich ausrollen sollten.

Es ist sehr billig, die grünen Ampelminister höhnisch der Lüge zu bezichtigen, weil sie nun Atomkraftwerklaufzeitverlängerungen abnicken, für den Export schwerer Waffen kämpfen, Kohlkraftwerke anschalten und in zutiefst antidemokratischen misogynen, homophoben Golfmonarchien katzbuckeln, um CO2-erzeugende fossile Energieträger einzukaufen. Denn, auch wenn es einigen nicht gefällt; es gab wirklich eine „Zeitenwende“ und die Grünen sind glücklicherweise intelligent genug, ob der völlig veränderten Rahmenbedingungen, nicht tumb an den alten Rezepten festzuhalten.

So viel Doofheit ist FDP, die im Gegensatz zu den Grünen rein ideologisch-borniert agiert (kein Tempolimit! Straßenausbau! Tankrabatt!) und eben nicht bei veränderten Bedingungen dazulernt.

Die realpolitischen flexiblen Grünen sind sogar bis in die Basis-Ebene anpassungsfähig und nicken ohne Gegenwehr die Abwicklung der Grünen Essentials ab. Etwas mehr Widerwille auf Parteitagen dürfte es schon sein.

AKW-Streckbetrieb, Katarisches Gas und Haubitzen in den Krieg, darf aber nie zu einem moralischen Anything Goes führen. Ja, die arme Annalena Baerbock muss fürchterlich viele Kröten schlucken. Aber daß ausgerechnet die Frau, die sich so sehr ihres Völkerrecht-Studiums rühmt, die abscheulichen Foltermethoden der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache, FRONTEX (frontières extérieures) widerspruchslos hinnimmt, ist erbärmlich. Die Berichte über brutale völkerrechtswidrige Pushbacks sind so alt, daß sich Baerbock, vor ihrem Amtsantritt vehement darüber beschwerte. Ja, die Bundesaußenmi,nisterin hat mit der Ukraine derzeit viel zu tun, aber ich erwarte von ihr, persönlich in der Warschauer Frontex-Zentrale aufzuschlagen, um sich gegen die Folter an Flüchtlingen zu verwahren.

[….] Die Baracke ist offenbar Teil eines Systems. Nach Erzählungen von Flüchtlingen werden sie hier teilweise tagelang eingesperrt. Ohne Essen, ohne Toilette, kaum etwas zu trinken. Dann würden sie zurück in die Türkei gebracht. Wir zeigen die Bilder dem Rechtswissenschaftler Constantin Hruschka. Für ihn ist klar, hier wird mehrfach gegen geltendes Recht verstoßen.

Constantin Hruschka, Rechtswissenschaftler, Max-Planck-Institut München:

 "Das eine ist die unmenschliche und erniedrigende Behandlung. Und das zweite ist die rechtswidrige Freiheitsentziehung. Denn ich darf die Personen ohne Verfahren nicht einfach festhalten und ihnen die Freiheit entziehen. Insbesondere dann, wenn ich die Freiheitsentziehung dazu nutze, sie rechtswidrig über die Grenze zurückzubringen."

Rechtsfreie Räume in der EU. Gemeinsam mit europäischen Medienpartnern und der Recherche-Plattform Lighthouse Reports haben wir über Monate Zeugenaussagen dazu gesammelt, Koordinaten analysiert, Videos ausgewertet. Videos wie dieses: Bulgarische Grenzpolizisten – erkennbar an der Uniform – prügeln auf Menschen ein, offenbar Flüchtlinge. Ein anderes Video soll eine Praxis zeigen, von der uns viele berichten. Flüchtlinge werden teilweise entkleidet bis auf die Unterhose, bevor sie auf die türkische Seite zurückgeschickt werden. Massive Missachtung von Menschenrechten – mitten in der EU? Bulgarien ist EU-Mitglied. Geht es nach der EU-Kommission, soll das Land bald in den Schengen-Raum aufgenommen werden. Zur Begründung heißt es von der Kommission: Bulgarien habe bewiesen, dass es die "Achtung der Grundrechte", den "Zugang zu Internationalem Schutz" und den "Grundsatz der Nichtzurückweisung" gewährleiste." Weiß die EU nichts davon, dass Menschen in Bulgarien misshandelt und eingesperrt werden wie Tiere? Kaum vorzustellen, denn auf dem Gelände der Polizeistation – in Sichtweite des Verschlags – entdecken wir Autos von Frontex, der Grenzschutzagentur der Europäischen Union. Und nicht nur das, bei unseren Recherchen können wir Dokumente einsehen, aus denen hervorgeht, dass Beamte von Frontex in dem Ort in Bulgarien fest stationiert sind  [….]

(MONITOR, 08.12.2022)

Weiß die Völkerrechtlerin nicht, daß Menschen aus Afrika, aus Nahost oder aus Afghanistan, dieselbe(n) Würde und Rechte genießen, wie die christlichen und viel weißeren Ukrainer?

Oder würde Baerbock es auch aussitzen, wenn Ukrainerinnen auf der Flucht vor Putins Bomben in polnischen oder ungarischen Folterlagern malträtiert und schließlich über Ukrainischem Gebiet wieder abgeworfen würden?

Donnerstag, 29. Dezember 2022

Tiefsitzende europäische Xenophobie – Teil III  

Nach über einem halben Jahrhundert in Deutschland und dreieinhalb Jahre nach meinem Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft, stehe ich mit nichts da.

(….) Meine Mutter war in Hamburg geborene Deutsche und meine Familie ist seit Jahrhunderten in Norddeutschland ansässig.

Allerdings heiratete meine Mutter einen US-Amerikaner und als ich zur Welt kam, war die Rechtslage so, daß Kinder automatisch die Staatsbürgerschaft des Vaters bekamen. Frauen galten da in Deutschlands Staatsbürgerschaftsrecht noch als gänzlich wertlos. Sowohl Mutter als auch Geburtsort waren irrelevant. Es herrscht immer noch das Ius Sanguinis („Recht des Blutes“, Abstammungsprinzip) und nicht das Ius Soli („Geburtsortsprinzip“) wie in den USA.

Bekanntlich ist seitdem ein halbes Jahrhundert vergangen, aber ich bin und bleibe nach wie vor US-Amerikaner, obwohl ich inzwischen versucht habe Deutscher zu werden.

Das ist das zweite Problem, das in der veröffentlichten Meinung nicht vorkommt:

Meinen Antrag auf Einbürgerung stellte ich Anfang 2019. Alle geforderten Unterlagen konnte ich problemlos liefern. Ich wurde nie straffällig, habe nie Sozialleistungen bezogen, lebe ich gesicherten finanziellen Verhältnissen.

Allein, die Einbürgerungsbehörde arbeitet kaum an meinem Fall.
Die letzte Mitteilung vom Amt für Migration Hamburg erhielt ich am 04.10.2021. Um über meinen Einbürgerungsantrag „abschließend zu entscheiden“ müsse geklärt werden, wo meine Mutter am 01.01.1950 (sic!) wohnhaft gewesen wäre. (…)

(Tiefsitzende europäische Xenophobie – Teil II, 30.11.2022)

Der deutsche Staat versagt nach wie vor dabei, deutsche Menschen wie mich willkommen zu heißen.

Das liegt an antiquierten Gesetzen aus der Nazizeit, an denen Schwarz, Gelb und Braun eisern festklammern. Die wiederum frönen ihren eigenen dumpfen völkischen Maßstäben, oder wollen, mindestens genauso schlimm, in den braunen Sümpfen nach Wählern fischen.

Allerdings könnte die Behörde auch bei der gegenwärtigen Rechtslage solche Anträge in größerer Geschwindigkeit, als einen Brief alle zwei Jahre, bearbeiten.

Das funktioniert aber auch nicht, weil die Schwarzen in 16 Jahren Dauerregierung mit sprudelnden Einnahmen komplett dabei versagten, ihre Hausaufgaben zu machen und Deutschland auf die Zukunft vorzubereiten. 16 Jahre Merkel, CDU und CSU: Deutschland befindet sich im Niedergang, kann die staatlichen Grundfunktionen nicht mehr leisten.  Eine verheerende Bilanz, für die aber auch das tiefsitzende Phlegma des Urnenpöbels verantwortlich ist. In allen Umfragen liegt die CDU weit an der Spitze. Die Neuerungen durch die Ampel gefallen nicht, man sehnt sich schon wieder nach bräsigem Nichtstun, nach Scheuer, Spahn, Altmaier und AKK zurück.

Mein Antrag auf Einbürgerung versandet offensichtlich auch wegen der katastrophalen personellen Unterversorgung und die nicht vorhandene Digitalisierung. Nach 12 Jahren unterbrochen zuständigen CSU-Bundesministern, die sich das Volk nun so dringend zurückwünscht.

[….] Mehrere Monate Wartezeit, 15.000 unbearbeitete E-Mails: Die Ausländerbehörde in Frankfurt am Main kommt nicht mehr hinterher. Hier erklärt die Sachgebietsleiterin Annika Allendorff, woran das liegt.

»Man muss das klar sagen: Wir sind in einer desolaten Situation. Mit dem Bearbeiten der Aufenthaltserlaubnisse kommen wir nicht mehr nach. Ich kann verstehen, dass sich die Menschen darüber beschweren. Für sie geht es um die Existenz. [….] Es dauert im Moment eben drei oder vier Monate, bevor wir überhaupt antworten können. [….] Für uns Mitarbeiter ist diese Situation alles andere als schön. Manche Kolleginnen und Kollegen werden im Internet beschimpft. Es gibt Antragsteller, die reichen Untätigkeitsklagen oder Dienstaufsichtsbeschwerden ein. Das kostet uns noch mehr Zeit, weil wir solche Fälle außer der Reihe bearbeiten müssen. Darunter leiden alle, die sich keinen Anwalt leisten können. [….] Gleichzeitig fehlt Personal. 32 der 136 Kolleginnen und Kollegen sind in Elternzeit oder langzeiterkrankt, zum Teil wohl auch durch die hohe Belastung. Im Moment betreut jeder Sachbearbeiter bei uns ungefähr 2500 Menschen. Das ist nicht zu schaffen. [….]

 (DER SPIEGEL Nr.51, 17.12.2022, s.11)

Selbst in einer für Zuzügler so attraktiven Stadt wie Hamburg, in der überdurchschnittliche Löhne gezahlt werden, sind wir an das Personalmangel-bedingte Nichtfunktionieren gewöhnt.

Geschäfte sind geschlossen, weil es keine Verkäufer gibt, das Amtsgericht meines Bezirks hat eine einzige Stunde pro Woche Telefonsprechzeiten, Feuerwehr und Sanitäter, sogar der Polizeinotruf sind notorisch überlastet. Krankenhausnotaufnahmen weisen Patienten ab, ein Postbote kommt nur noch alle paar Tage und Pakete sollte man gar nicht erst bestellen. Händeringend wird nach Altenpflegern, Ärzten, Physio- und Psychotherapeuten, sowie Kindergärtnern gesucht.

Natürlich kann Klara Geywitz keine 400.000 Wohnungen im Jahr bauen lassen. Selbst, wenn in dieser Krise die Baumaterialien aufzutreiben wären: Es gibt dafür schlicht und ergreifend keine Handwerker.

Auch nach 10 Monaten Krieg und Energiekrise, nach Wirtschaftseinbruch und Inflation, müssen die Hamburger Handwerksbetriebe neue Aufträge abschmettern.

Wärmepumpen? Gibt es nicht.  Im Jahr 2018 berichtete das Abendblatt von der drastischen „Wachstumsbremse durch Fachkräftemangel“ im Handwerk. 13 Wochen Wartezeit im Schnitt müssten Hamburger einkalkulieren, wenn sie einen Klempner oder Elektriker brauchten.

Die Lösungen liegen auf der Hand. Weg mit dem Meisterzwang, Arbeitserlaubnis für alle Flüchtlinge, Willkommensprogramme für Einwanderer. Passiert ist stattdessen: NICHTS! Vier Jahre später sitzen wir in derselben Misere und harren der Verrentung der Boomer entgegen. Dann wird spätestens alles zusammenbrechen.

[….] Der Präsident der Handwerkskammer Hamburg, Hjalmar Stemmann, macht wenig Hoffnung auf schnellere Termine bei Handwerksbetrieben. „Im Moment sind wir nach wie vor in einer angespannten Situation“, sagte der 59-Jährige in einem Interview des „Hamburger Abendblatts“ (Donnerstag). Wartezeiten von neun Wochen seien bei vielen Gewerken verbreitet. „Mit am größten ist die Wartezeit bei der Installation von Wärmepumpen. Aber nicht wegen der Handwerker, sondern wegen der Lieferzeiten der Geräte, das kann schon mal bis zu neun Monate dauern.“  [….]

(Hamburger Abendblatt, 29.12.2022)

Scholz hat das natürlich erkannt und möchte trotz der irren Dauerkrisenpolitik auch langfristig Lösungen finden. Erleichterte Einwanderung ist aber offenbar nicht möglich, da CDUCSU, sowie AFDP jede vernunftorientierte Politik aus völkischer Verbohrtheit blockieren.

Dem Urnenpöbel gefällt die braune Blockade. AfD und CDUCSU legen in Umfragen zu. Die Parteien, die Abhilfe bei den deutschen Megakrisen schaffen wollen, werden abgestraft. Man will lieber untergehen und auf den Stand eines Entwicklungslandes zurückschrumpfen, statt sich eine moderne Migrationspolitik zu geben.

Lieber homogen deutsch und weiß im Slum, als prosperierend und modern als Multikultigesellschaft.

[…] Deutschland braucht Zuwanderer dringender als umgekehrt [….] Ohne einen Anstieg der Zuwanderung steht Deutschland vor einer wirtschaftlich existenzbedrohenden Krise. Viele Unternehmen könnten ohne ausreichend Fachkräfte nicht überleben und Deutschland würde langfristig große Teile seines Wohlstands einbüßen. Und ohne eine Gesellschaft, die offen für Zuwanderung aus allen Regionen der Welt ist, werden Deutschland und Europa die gegenwärtigen Krisen nicht lösen und bei der wichtigen ökologischen und digitalen Transformation scheitern.

Es gibt erheblichen politischen Widerstand gegen eine deutlich stärkere Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen und mit anderen Religionen. Die gegenwärtige Diskussion erinnert sehr an die Forderung eines konservativen Politikers vor 20 Jahren: »Kinder statt Inder«. [….] Wir sollten uns die harten Zahlen und Fakten über die Entwicklungen der Demografie und Fachkräfte in Deutschland bewusst machen, und was dies für unseren Wohlstand in Zukunft bedeuten wird. Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands der vergangenen 70 Jahre wäre ohne eine massive Zuwanderung nicht möglich gewesen. Deutschland litt bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren unter einem Fachkräftemangel, welcher sich seit den 2010ern deutlich verschärft hat.

Ohne die massive Zuwanderung von jungen, hochmotivierten und qualifizierten Europäer*innen – in manchen Jahren mehr als 300.000 Menschen netto – hätte Deutschland sich seit 2005 nicht von seinem Zustand als »kranker Mann Europas« erholen können.

Selbst eine so starke Zuwanderung wird in den kommenden 20 Jahren bei Weitem nicht ausreichen, um die riesige Fachkräftelücke zu füllen. Bereits heute gibt es trotz Wirtschaftsflaute knapp zwei Millionen offene Jobs in Deutschland. In den kommenden zehn Jahren werden weitere fünf Millionen Menschen mehr in Rente gehen, als junge Menschen in den Arbeitsmarkt nachkommen. Die Lücke von sieben Millionen bei insgesamt 45 Millionen Erwerbstätigen beträgt knapp 16 Prozent. [….]

und mehr Offenheit für Zuwanderung aus allen Teilen der Welt werden essenziell für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands und die Frage sein, ob wir als Gesellschaft in der Lage sind, die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Die Hoffnung ist, dass Gesellschaft und Wirtschaft sich dieser Realität bewusst werden, bevor es zu spät ist.  [….]

(Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. 29.12.2022)

Mittwoch, 28. Dezember 2022

Abschied von einer Hamburger Institution  

Jeder, der als Kind in Hamburg lebte, verbindet viele Erinnerungen mit Hagenbecks Tierpark. Über 1.850 Tiere leben in den Gehegen und der Parkanlage. Dazu kommt das 8.000 Quadratmeter große Tropen-Aquarium mit weiteren 14.300 Tieren. Hagenbeck ist der einzige in Familienhand befindliche Tierpark Deutschlands.

Erst liebte ich die Tiere, wollte da immer hingehen. Als Teenager begriff ich aber, wie grausam das Delphinarium ist, was Hospitalismus ist, daß man Schimpansen und Gorillas nicht in winzige Glaskästen stecken darf, was artgerechnete Haltung und „Enrichment“ sind, daß es kein Vergnügen für Elefanten und Kamele ist, von lärmenden Besuchern „geritten“ zu werden.

Ein Vierteljahrhundert boykottierte ich den berühmtesten Zoo Deutschlands.

Immerhin lernten die Hagenbecker aber auch dazu. Die Schandflecken, wie das Affenhaus und Delphinarium, wurden ganz aufgeben. Leoparden wurden aus ihren kleinen Käfigen geholt. Es gab weniger Tierarten, dafür mehr Individuen, die in viel größeren Gehegen lebten. Elefantenreiten wurde abgeschafft und zum Unmut der Besucher wurde das Füttern bis auf wenige Ausnahmen verboten. Den Tieren ist nicht geholfen, wenn sie Zentnerweise Süßigkeiten fressen.

In dem neuen Tropenhaus und dem Eismeer, leben die Tiere sicherlich nicht, wie in freier Wildbahn, aber sie haben viel mehr Platz, die Gegebenheiten sind viel besser ihrem natürlichen Lebensraum angepasst. Sie werden nicht mehr bloß verwahrt und gefüttert, sondern auch einigermaßen artgerecht unterhalten.

Grundsätzlich sind Zoos moralisch sehr problematisch. Ob Publikumsmagneten wie Eisbären, Löwen und Elefanten überhaupt artgerecht gehalten werden können, bezweifele ich. Besser geeignet sind sicherlich die gerade bei Kindern beliebten kleineren Tiere – Meerschweinchen, Karnickel, Capybaras (Wasserschweine), Maras (Pampashasen), Ziegen, Pfauen, Schwäne – die auf dem riesigen Gelände weitgehend frei herumlaufen können und machen, wozu sie Lust haben. Dabei ist besonders wichtig, daß sich die Viecher zwar unter die Besucher mischen können, es aber auch geschützte, abgetrennte menschenfreie Bereiche gibt, in die sie sich zurückziehen können.

Das Gegenargument, daß dennoch für Tiger- oder Nashornhaltung spricht, sind die Arterhaltungsprogramme. Es gibt in freier Wildbahn ausgestorbene Tiere, die (fast) nur noch in Zoos vorkommen. Die Zoos sind international vernetzt, erfassen die Genome der einzelnen Individuen. Jeder Großzoo ist auf ein paar Tierarten spezialisiert, die sich bei ihm mit möglichst wenig Inzucht fortpflanzen sollen, indem ihnen andere Tierparks genetisch möglichst nicht verwandte Exemplare schicken.

Aber auch das ist ein etwas schales Argument. Nutzen die aufwändigen Transporte und die Kosten überhaupt etwas, wenn dann ein paar Dutzend Tiere einer Art überleben, die ohnehin keinen Lebensraum mehr haben und nie wieder frei und wild leben können werden?

Sollten wir nicht lieber alle Ressourcen dafür verwenden, Lebensraum zu erhalten, indem zum Beispiel Schutzgebiete aufgekauft werden?

Aber auch das funktioniert nicht bei jeder Art. Vielen Tieren macht der Klimawandel zu schaffen. Eisbären verhungern, wenn es zu warm ist, so daß das Meer nicht zufriert. Das wird man schlecht mit Geld beeinflussen.

Meine Verbindung zu Hagenbeck wuchs wieder mit der NDR-Zoo-Serie Leopard, Seebär und Co, von der zwischen 2007 und 2018 volle 200 Episoden produziert wurden.

Die Serie spielte eine große Rolle bei der Bespaßung von Alten und Dementen, die sich tagsüber langweilen, sich aber nicht mehr auf ein Buch oder TV-Geschichten mit Handlungssträngen konzentrieren können. Für sie sind Zoo-Serien ideal. Mit der Zeit bildet man sich ein, die Pfleger zu kennen, begreift die Abläufe hinter den Kulissen.

Umso trauriger also, daß die bis aufs Blut zerstrittenen zwei Hauptzweige der Eigner-Familie Hagenbeck, als letzte Gemeinsamkeit den „Diktator“ Dirk Albrecht, 73, also Zoo-Chef einsetzten.

Der Mann ist ein derartiger Tyrann, daß er einen Gerichtsprozess nach dem nächsten gegen die Angestellten führt, sie mit Schikanen überhäuft, willkürlich entlässt. Selbst die Hamburger Landesregierung mischte sich ein, nennt Albrecht „starrsinnig.“

[….] Hamburg. Die Schlammschlacht im Tierpark Hagenbeck wird erneut zum Fall für die Justiz: Wie die Hamburger Staatsanwaltschaft am Mittwoch bestätigte, hat der Betriebsrat eine weitere Strafanzeige gegen den Tierpark-Geschäftsführer Dirk Albrecht erstattet.

Der Vorwurf lautet auf Behinderung der Arbeitnehmervertreter, was nach Paragraf 119 des sogenannten Betriebsverfassungsgesetzes mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr bestraft werden kann.   [….]

(Abendblatt, 18.05.2022)

Ein Drittel der Tierpfleger hat bereits aus Verzweiflung gekündigt. Das ist äußert ungewöhnlich. Tierpfleger verdienen zwar eher schlecht, bleiben aber üblicherweise lebenslang bei Hagenbeck, weil sie sich den Tieren verpflichtet fühlen.

Es ist wie in einem Pflegeheim. Man muss sich immer um sie kümmern, egal ob Silvester oder Sonntag ist. Tierpfleger streiken deswegen nicht. Der Sadist Albrecht ließ ihnen aber keine Wahl, da eine Zusammenarbeit mit ihm unmöglich ist und so kam es im August 2022 erstmal zu Warnstreiks.

[….] "Die Geschäftsführung führt einen regelrechten Kampf gegen die eigenen Beschäftigten und wendet dabei Strategien des "Union Busting" an, um den Betriebsrat einzuschüchtern", sagte der gewerkschaftspolitische Sprecher der Linksfraktion, David Stoop, am Mittwoch. Unter "Union Busting" verstehen Gewerkschaften die systematische Bekämpfung ihrer Arbeit. Der Tierpark Hagenbeck wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Der Streit bei Hagenbeck beschäftigt auch die Justiz. Auf eine Anfrage der Linken teilte der Senat mit, dass in den vergangenen zwei Jahren 33 Verfahren gegen die Geschäftsführung eingeleitet wurden. In drei Fällen ermittele die Staatsanwaltschaft wegen der Vorwürfe der Behinderung des Betriebsrats und wegen Betrugs im Zusammenhang mit Kurzarbeitergeld. "Die Vielzahl an Gerichtsverfahren zeigt, dass etwas gehörig schiefzulaufen scheint bei Hagenbeck", sagte Stoop. Im August dieses Jahres hatten Beschäftigte für bessere Arbeitsbedingungen bei Hagenbeck gestreikt. Bislang weigere sich der Geschäftsführer Dirk Albrecht jedoch, sich mit der Gewerkschaft an einen Tisch zu setzen, kritisierte IG-Bau-Regionalleiter André Grundmann.  […]

(dpa, 09.11.2022)

Nur die Hagenbeck-Familie könnte Dirk Albrecht rauswerfen.

Aber sie lassen lieber den ganzen Tierpark zu Grunde gehen und verzichten auf die halbe Belegschaft.

Damit wären wir beim zweiten großen Hagenbeck-Problem: Die Hagenbecks sind Arschlöcher. Sie behandeln ihre Mitarbeiter wie Dreck und wollen sich auch 2022 noch nicht von ihrem Gründer-Großvater Carl-Hagenbeck distanzieren, der mit seinen europaweiten Menschenzoos berühmt und sagenhaft reich wurde.

Die Zeiten des alten Carl Hagenbeck, der kontinuierlich neue Wildtiere und Menschen in Afrika einfangen ließ, um sie in seinem Hamburger Zoo vorzuführen, sind vorbei.

Es ist keine Hundert Jahre her, daß man hier bei mir vor der Tür in Hamburg entrechtete Menschen in Käfige sperrte und anglotze.

Gerne wurden „Schau-Neger“ auf Jahrmärkten gezeigt. Carl Hagenbeck ließ für seinen Zoo in Hamburg allerlei „wilde Afrikaner“ einfangen und zeigte sie den höchst interessierten Hanseaten in seiner „Völkerschau“.
Den christlichen Besuchern kam es gar nicht in den Sinn, daß es irgendwie unmoralisch sein könnte, neben Löwen und Antilopen auch Hottentotten und Zulus in Käfigen zu zeigen.
Die Körperlichkeit der vielen afrikanischen Völkerschauen in Deutschland faszinierte insbesondere die Frauen in Deutschland - hatten sie doch in der Regel noch nie nackte Männer gesehen.


Blütezeit der Völkerschauen in Europa war zwischen 1870 und 1940. Allein in Deutschland wurden in dieser Zeit über 300 außereuropäische Menschengruppen vorgeführt. Teilweise lebten in diesen „anthropologisch-zoologischen Ausstellungen“ gleichzeitig über 100 Menschen.

(Wiki)


Tatsächlich konnten die in Hamburg gefangenen Afrikaner noch von Glück reden. Es war nämlich durchaus auch üblich „Neger“ aus praktischen Erwägungen auszustopfen oder des einfacheren Transports halber nur ihre Köpfe auszustellen.
Noch heute lagern in den Kellern der Berliner Charité kistenweise getrocknete Köpfe von Menschen aus allen Gegenden Afrikas.

(Tammox 15.02.2011)

Auch heute weigert sich Claus Hagenbeck das Unrecht anzuerkennen.

[….] Doch Hagenbeck schweigt sich dazu konsequent aus, dabei hatte man vor zwei Jahren nach Protesten selbst eine kritische Aufarbeitung angekündigt. Wiederholt hat Panorama bei Hagenbeck angefragt. Es gibt kein Interview zum Thema, keine Antworten auf viele Fragen. Der Tierpark verweist immer wieder auf das gleiche schriftliche Statement. Darin heißt es: Die Menschen "arbeiteten als Darsteller mit Verträgen und Gage für Hagenbeck". Carl Hagenbeck habe die Teilnehmer der Völkerschauen "als Gäste" gesehen und nie misshandelt. Dessen Urenkel und heutiges Familienoberhaupt Claus Hagenbeck lehnt ein Interview ebenfalls ab. Dabei hat er sich in der Vergangenheit durchaus zu dem Thema geäußert, sieht sie offenbar aber nicht kritisch. In einer Dokumentation aus dem Jahr 2020 sagt Hagenbeck: "Völkerschauen waren ja eine Kunstform. Es wurden ja nicht Sklaven hier nach Europa geholt, sondern es waren Gaukler, die in ihrem Heimatland gegaukelt haben."  In einem früheren TV-Statement aus dem Jahr 2003 räumte er indirekt eine Inszenierung der ausgestellten Menschen als Wilde ein. Offenbar amüsiert berichtete er: "Was die Veranstalter nicht gerne sahen, war, dass die Eingeborenen in Anführungsstrichen, die sich ja hier präsentierten als wilde Menschen, dass die sich abends Schlips und Kragen umbanden und nach St. Pauli zum Tanzen gingen. Das war nicht gerne gesehen, weil dann ja der Nimbus der Wilden, Fremden etwas aufgelöst wurde." [….]

(Panorama 24.11.2022)

Es hilft alles nichts. Ich muss Hagenbeck wieder boykottieren.

Dienstag, 27. Dezember 2022

Der schwule jüdische Migrant der GOP

Der New Yorker George Santos, 34, ist eine der ganz großen Hoffnungen der Republikaner. Überraschend gewann er am 08.11.2022 den rein urbanen liberalen New York's 3rd congressional district (ich wähle in New Yorks 1. Distrikt) und zieht in das US-Repräsentantenhaus ein.

142.673 Stimmen = 54,1 % für den Republikaner Santos in dem demokratischen Wahlkeis waren eine Ansage! Demokrat Robert Zimmerman ging mit 45,9 % (121.094 Stimmen) unter.

Santos gelang dieses Kunststück mit Hilfe seiner für GOPer sehr ungewöhnlichen Vita, die im Multikulti-New York gut ankam. Aber damit nicht genug; Santos ist auch noch sagenhaft klug, besuchte Elite-Unis, entpuppte sich als genialer Geschäftsmann und deckte damit auch noch die bei GOPern beliebteste Minderheit ab: Die der Superreichen.

[….] Santos most recently worked at Devolder Organizations, which he describes as a family-owned firm that managed $80 million in assets. On his congressional financial disclosure forms, he described the company as a capital introduction consultant company, which typically serves as a liaison between investors and investment funds. But his disclosure did not reveal any clients of the firm. Santos reported a $750,000 annual salary and over $1 million in dividends from Devolder Organizations, and lent his campaign more than $700,000 this cycle. […]

(Metroweekly, 19.12.2022)

Santos Mutter beeindruckte bereits als Einwanderin in NY.

On his campaign website, Santos wrote that his mother was "the first female executive at a major financial institution" and that she worked in the South Tower of the World Trade Center and survived the September 11 attacks.

Seine ukrainischen Großeltern entkamen als Juden nur knapp dem Holokaust, schlugen sich zunächst nach Belgien durch und flohen nach Südamerika. Da George Santos auch noch der erste offen schwule Republikaner im Kongress ist, deckte er gleich vier Minderheiten ab: Jude. Migrant. Queer. 9/11-Opfer.

[….] In New York als Sohn von Einwanderern aus Brasilien geboren, führte Santos seine Karriere - laut seiner Vita zumindest - an zwei New Yorker Universitäten, wo er sich Abschlüsse in Finanzwirtschaft erwarb. Es folgten Anstellungen bei den Wall-Street-Größen Goldman Sachs und Citigroup. Seine Familie besaß angeblich einen millionenschweren Immobilienfonds, er gründete eine Firma, die ihren Umsatz binnen Monaten in Millionenhöhe schraubte. [….] Er hatte auch behauptet, vier Angestellte bei der Schießerei in einer LGBTQ-Bar in Florida verloren zu haben.[….]

(Fabian Fellmann, SZ, 27.12.2022)

Nur ein winziger Makel trübt diesen Lebenslauf und die beeindruckende Karriere: Sie ist frei erfunden; nichts davon ist wahr.

Santos hat nie eine Universität von innen gesehen, arbeitete nicht bei den Banken, besitzt keine Immobilien. Er hat Schulden, wurde in Brasilien wegen Scheckbetrugs verurteilt, ist katholisch und war zumindest bis 2019 mit einer Frau verheiratet. Seine Großeltern waren keine ukrtainischen Juden und seine Mutter keine WTC-Überlebende.


[….] “My sins here are embellishing my resume. I’m sorry,” he said on Monday, according to the New York Post, adding, “I am not a criminal… This [controversy] will not deter me from having good legislative success. I will be effective. I will be good.”

Among the falsehoods he fessed up to is the fact that he never graduated from Baruch College. “I didn’t graduate from any institution of higher learning. I’m embarrassed and sorry for having embellished my resume,” he said. “I own up to that … We do stupid things in life.” The news you care about, reported on by the people who care about you.

He also admitted that he never worked for Citigroup and Goldman Sachs. He now claims that, while working as vice president for a company called Link Bridge, he helped make “capital introductions” between clients and investors who were at Goldman Sachs and Citigroup.  [….]

(LGBTQ Nation, 27.12.2022)

Ups. Sorry. Aber macht doch nichts. Schwamm drüber.

Das einzige, das an Santos‘ Angaben stimmt, ist offenbar seine Teilnahme als Hardcore-Trumpfan bei dem versuchten Staatsstreich am 06.01.2022, als fünf Menschen starben, unzählige Polizisten schwer verletzt wurden und die frommen ReTrumpliKKKans in sämtliche Abgeordnetenbüros schissen.

[….] Santos was one of those who traveled to Washington, D.C. to attend former President Donald Trump’s rally on January 6, 2021, telling Lara Trump during an appearance on The Right View that he was at the Ellipse at the time of the rally, during which Trump contested the results of the presidential election and called on members of Congress not to certify the results due to speculations about voter fraud in states won by President Joe Biden. [….]

(Metroweekly, 19.12.2022)

In normalen Parteien wäre dieses drastische Anhäufung von Lügen und Kriminalität ein bißchen problematisch. Aber zu seinen Glück, ist Santos bei den Republikanern. Sie verteidigen ihn, lachen die Demokraten dafür aus, gegen Santos in NY verloren zu haben.

Für die GOP gibt es nur zwei Regeln:
Erstens hat man immerzu Trumps Arsch zu küssen und zweitens darf man niemals ehrlich sein.

Beide Anforderungen erfüllt Santos.

Also wird er sich zwischen Gaetz, Gohmert, Jordan, Boebert und MTG wunderbar einfügen.


 

Montag, 26. Dezember 2022

Die religiotische Zeitenwende  

Die großartige Carolin Emcke, “Friedenspreis des Deutschen Buchhandels”-Trägerin, verwies in ihrer jüngsten SZ-Kolumne auf einen unangemessenen Euphemismus, der bei Betrachtung der gegenwärtigen Megakrisen gern benutzt wird.

[….] Verlorene, ignorante, vergeudete Zeit bei der Reduktion der Treibhausgasemissionen lässt sich nicht mehr einholen. Es ist wie auch bei der Pandemie ein Leben in Wenn-dann-Funktionen, bei dem jede Unterlassung in der Gegenwart in absehbarer Zeit unweigerlich bestraft wird. Die im Abkommen von Paris beschlossene Begrenzung der globalen Temperaturerhöhung um 1,5 bis 2 Grad heißt adrett-harmlos "Klima-Ziel", als ob das nur ein beschwipster Vorsatz fürs neue Jahr wäre, an den zu halten sich ohnehin niemand verpflichtet fühlt, wenn die Promille wieder abgebaut sind, als ob es einfach eine Aufgabe wäre, an der zu scheitern ein wenig peinlich, aber nicht absolut vernichtend wäre. Aber jenseits dieser Schwelle droht nicht einfach nur ein bisschen schlechtes Gewissen des globalen Nordens, jenseits davon liegt nicht einfach der nächste gute Vorsatz, jenseits davon droht Zerstörung.

Vielleicht muss man die Sprache der Katastrophe übersetzen. Vielleicht muss das nüchtern Technizistische des Experten-Vokabulars, das den Schrecken kostümiert, einmal entkleidet werden. Es gibt ökologische Grenzen der Ignoranz, sie werden euphemistisch "Kipp-Punkte" genannt, als ob sich danach fröhlich weiter schaukeln ließe, aber es sind in Wahrheit Abgründe ohne Wiederkehr. Wenn sich die Erderwärmung unvermindert fortsetzt, wenn das 1,5-bis-2-Grad-Ziel gerissen wird, dann werden das Abschmelzen des Grönlandeisschildes, das Auftauen des Permafrosts, die Erosion des Amazonas als irreversible Prozesse immer wahrscheinlicher. Irreversibel heißt übrigens irreversibel. Unumkehrbar. Jede späte Einsicht ist dann nicht spät, sondern zu spät. [….]

(C. Emcke, 18.12.2022)

Auch der Religionssoziologe Detlef Pollack benutzt die Vokabel "Kipp-Punkt", obwohl er sie offensichtlich selbst für zu schwach erachtet. Spiegel-Interviewer Hilmar Schmundt, verwendet unterdessen den gesamten kirchenfreundlichen Konnotationsbrei bei der Formulierung seiner Fragen. Die Abkehr von einem menschenfeindlichen Kinderfic**rverein mit beispielloser Kriminalgeschichte voller Genozide, hält auch er ganz selbstverständlich für bedauerlich.

[….] SPIEGEL: Die Kirchenbänke lichten sich: Laut einer Erhebung der Universität der Bundeswehr planten 2019 noch 24 Prozent der Befragten, zu Weihnachten in die Kirche zu gehen, nun nur noch 15 Prozent. Ist das eine Ausnahme wegen Pandemie und Ukrainekrieg?

Pollack: Nein, dieser Trend hält an. Erstmals stellen die konfessionell Gebundenen der beiden großen Kirchen in Deutschland nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung, der Anteil von Katholiken und Protestanten ist unter 50 Prozent gesunken. [….]

SPIEGEL: Wird die Entkirchlichung sich fortsetzen?

Pollack: Ja, wir befinden uns an einer Art Kipppunkt. Denn Mehrheitsverhältnisse haben die Tendenz, sich zu verstärken. [….]  Die Unterschiede sind beträchtlich. Der Westen erreicht den Kipppunkt gerade, noch immer sind etwa 60 Prozent Mitglied einer der beiden großen Kirchen, im Osten dagegen weniger als 25 Prozent – dort stellen die Konfessionslosen mit rund 70 Prozent klar die Mehrheit. [….]  [….]  Viele Frauen haben vielleicht schlicht nicht mehr die Kraft und Zeit, um neben ihrer Erwerbstätigkeit auch noch große Energie in die religiöse Erziehung zu investieren. [….]

SPIEGEL: In einem Buch von 2012 wirkte Ihre Vorhersage zur Zukunft des Glaubens noch diffuser, inzwischen sehr deutlich: Die Säkularisierung ist unaufhaltsam, es geht bergab mit Religiosität und Kirchenzugehörigkeit. Das erinnert fast an die Klimaforschung der Achtzigerjahre, an die langen Debatten, ob der Klimawandel real ist. [….]

Pollack: Ja, in den Achtzigerjahren habe ich mich auch gefragt, was am Klimawandel dran ist – heute sind sich 90 Prozent der Wissenschaftler einig. Ähnlich verhält es sich mit der Säkularisierungstheorie. [….] [….] Ist der Glaube einmal weg, kommt er so schnell nicht wieder. Der Aufbau von Religion ist weitaus mühsamer als der Abbau. [….]

SPIEGEL: Was folgt politisch daraus, dass in Deutschland der Anteil kirchlich gebundener Menschen unter die Hälfte gerutscht ist?

Pollack: Viele Tabus werden fallen. Noch vor 20 Jahren hatten auch antiklerikal eingestellte Menschen einen gewissen Respekt gegenüber der Kirche, gestanden etwa den Bischöfe Anstand und Würde zu. Das ist vorbei. Jetzt wird vieles zur Disposition gestellt: die Kirchensteuer, der Religionsunterricht, die Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Neben differenzierter, kenntnisreicher Kirchenkritik hört man immer öfter eine ressentimentgeladene und vulgäre Ablehnung des Religiösen. Das ist ein kultureller Erdrutsch, der auch institutionelle Folgen haben wird. [….] SPIEGEL: Können die Kirchen sich dagegenstemmen?

Pollack: Nein, sie können das nicht mehr aufhalten und versuchen schon gar nicht mehr, ihre Besitzstände und Privilegien zu verteidigen, sonst würden sie noch mehr Menschen verlieren. Jedes Argument für die Bewahrung des Status quo wendet sich gegen sie, weil es als autoritär, undemokratisch und Verteidigung von Partikularinteressen angesehen wird. Die Kirchen müssen sich kleinmachen, um die Angriffsflächen so gering wie möglich zu halten.

[….] Vielleicht ist die Situation nicht in jeder Hinsicht aussichtslos. Es gibt immer wieder kleine Gelegenheitsfenster: In den Augen vieler leisten die Kirchen gute Arbeit, wenn es etwa um die Arbeit mit Behinderten geht oder um Hilfe für Arme und Schwache, um Beerdigungen oder die kirchliche Hilfe bei der Trauerbewältigung. Aber es schwindet die Möglichkeit, diese große Tradition, den riesigen Bestand an sozialen Konventionen, den Schatz an Lebensweisheit und geistlicher Kommunikation zu bewahren. [….]

(SPON, 25.12.2022)

Schmundt und Pollack sind Gefangene ihrer Subjektivität.

Nein, die deutschen Kirchen befinden sich nicht an einem über sie hineingebrochenen Kipppunkt, sondern sie erhalten endlich ihre (immer noch viel zu milde) Strafe, indem sie stetig ihrem Macht- und Achtungsverlust entgegentaumeln.

Das ist für die Gesellschaft, für die Menschen, für die Vernunft, für die Wissenschaft eine sehr gute Nachricht. Die Kirchen verlieren umso stärker, je gebildeter, wohlhabender und liberaler die Gesellschaft ist.

Je größer der religiöse Einfluss, desto ungerechter, intoleranter und diskriminierender geht es zu.

Donald Trump ist Liebling der Christen, während die katholische Kirche aggressiv vor der Wahl Joe Bidens warnte.

Der fromme Christ Greg Abbott, Gouverneur von Texas, ließ zu Weihnachten Busladungen voller frierender verängstigter Migranten im T-Shirt bei -8°C vor Kamala Harris‘ Residenz in Washington wie Vieh auskippen. Das sind Christen. So einer wird von Christen gewählt. Christen begeistern sich für Todesstrafe und Folter. Christen lieben Waffen und diskriminieren Queere. Christen rechtfertigen mit ihrer „Wir sind besser als die“-Ideologie Verstöße gegen Menschenrechte. Die UN-Menschenrechtscharta wird vom Vatikan nicht unterschrieben.

 [….] Several busloads of migrants were dropped off in front of Vice President Kamala Harris’ residence in Washington, DC, on Christmas Eve in 18 degree weather late Saturday.

An initial two busloads were taken to local shelters, according to an administration official. More buses arrived outside the vice president’s residence later Saturday evening. A CNN team saw migrants being dropped off, with some migrants wearing only T-shirts in the freezing weather. They were given blankets and put on another bus that went to a local church.

Amy Fischer, a volunteer with the Migrant Solidarity Mutual Aid Network, which has been receiving migrants sent to DC since the spring, said the organization had been prepared for Saturday night’s arrivals, having been informed about it earlier by an NGO working at the border in Texas.

The arrivals included asylum seekers from Ecuador, Cuba, Nicaragua, Venezuela, Peru and Colombia, according to Fischer, who told CNN the buses were supposed to go to New York but were diverted to DC due to the weather. Busloads of migrants have been arriving in Washington weekly since April. [….] “What they’re seeing is much worse than what we see here. The three buses are just a small portion of what they experience on a day to day,” Laborde said in an interview with Sara Sidner on “CNN This Morning” on Monday. [….]

The White House, however, put the blame on the Texas governor, calling it a “cruel, dangerous, and shameful stunt.”

“Governor Abbott abandoned children on the side of the road in below freezing temperatures on Christmas Eve without coordinating with any Federal or local authorities,” White House spokesperson Abdullah Hasan said in a statement.  “As we have repeatedly said, we are willing to work with anyone – Republican or Democrat alike – on real solutions, like the comprehensive immigration reform and border security measures President Biden sent to Congress on his first day in office, but these political games accomplish nothing and only put lives in danger,” Hasan said.   [….]

(CNN, 26.12.2022)     

Die christliche Kirche in Russland und ihr Oberhaupt Patriarch Kyrill sind die größten Fans von Wladimir Putin, heizen den Krieg mit der Ukraine begeistert an.

Also, Pollack und SPIEGEL, die gerechte Strafe für die Kirchen, wäre nicht bloß Machtverlust und Abkehr der Gläubigen, sondern vollständige Konfiszierung aller Vermögenswerte und Verhaftung der Geistlichen.

Die Kirche in Deutschland ist an keinem „Kipppunkt“, sondern siecht ihrem mehr als verdienten Ende entgegen.

Diesen Trend zu stoppen, ist keine „Hoffnung“, sondern eine BEFÜRCHTUNG.